KI-gestützte Übersetzung

Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.

Journal of Solution Focused Practices · Positionspapier

Auf dem Weg zu einer kritischen lösungsfokussierten Praxis?

Kann ein Ansatz, der es sich zur Tugend gemacht hat, nicht nach dem „Warum?“ zu fragen, Machtstrukturen und gesellschaftliche Bedingungen berücksichtigen? Guy Shennan, Ausbilder im lösungsfokussierten Ansatz und ehemaliger Vorsitzender der British Association of Social Workers, vertritt die These, dass die lösungsfokussierte Praxis gemeinsam mit dem Neoliberalismus groß geworden ist und dessen individualisierte, transaktionale Prägungen trägt. Er sucht nach den Ressourcen, über die sie für kollektives Handeln bereits verfügt – die Zukunftsorientierung, die Hoffnung, die Aufmerksamkeit für die eigenen Ressourcen der Menschen –, und schließt mit einem einzigen Wort: von „Was sind Ihre größten Hoffnungen?“ zu „Was sind unsere größten Hoffnungen?“

Autor Guy Shennan, lösungsfokussierter Praktiker, Ausbilder und Berater, Guy Shennan AssociatesErstveröffentlichung in Journal of Solution Focused Practices, Bd. 4, Nr. 1, 2020Übersetzung Complexe Systémique, inoffizielle KI-gestützte Übersetzung

Inoffizielle deutsche Übersetzung von Towards a Critical Solution-Focused Practice? von Guy Shennan, erschienen im Journal of Solution Focused Practices (2020), doi: 10.59874/001c.75064, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und für die Online-Lektüre neu gesetzt; die Zwischenüberschriften des Autors wurden beibehalten, seine Fußnote in einen Kasten verschoben und interne Links zu verwandten Artikeln dieser Website ergänzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Diese Übersetzung stammt weder vom Autor noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.

Zusammenfassung

Dieser Artikel untersucht mögliche Verbindungen zwischen lösungsfokussierter Praxis, kollektivem Handeln und gesellschaftlichem Wandel. Er erörtert, wie lösungsfokussierte Praxis in solche Kontexte Eingang finden und dort genutzt werden könnte. Es wird für kollektives Handeln als eine Form der Antwort auf jene Art von Schwierigkeiten argumentiert, die Menschen dazu bringen, eine Therapie aufzusuchen. Dies wird zunächst auf lösungsfokussierte Weise behandelt, indem Merkmale des Ansatzes betrachtet werden, die seine Anpassung an soziales und kollektives Handeln erleichtern könnten. Abschließend werden Ideen vorgestellt, wie lösungsfokussierte Praxis für solche Vorhaben besser geeignet gemacht werden kann.

Vielleicht können wir die lösungsfokussierte Praxis nutzen, wenn wir in jener Eingangsfrage nur ein einziges Wort ändern: von „Was sind Ihre größten Hoffnungen?“ zu „Was sind unsere größten Hoffnungen?“.

Guy Shennan

Einleitung

Einige jüngere Entwicklungen in der lösungsfokussierten Praxis haben mich mehr begeistert als alles andere, seit ich Mitte der 1990er-Jahre mit dem Modell in Berührung kam. Auf der lösungsfokussierten Weltkonferenz 2017 in Frankfurt nahm ich an einer „Open Space“-Diskussion teil, die Wolfgang Gaiswinkler zum Thema „SF und Politik“ moderierte. Während dieses Treffens tasteten wir uns unsicher an die Frage heran, was eine Beziehung zwischen Politik und lösungsfokussiertem Ansatz beinhalten könnte. Auf derselben Konferenz wurde ich eingeladen, im November 2018 das Eröffnungsplenum der nordamerikanischen Konferenz der SFBTA zu halten. Mein Vortrag handelte von der Erweiterung des lösungsfokussierten Ansatzes von der individuellen auf die gemeinschaftliche Ebene. Bereits Anfang 2018 hatte sich ein Teil der Jahreskonferenz der UK Association of Solution Focused Practice (UKASFP) einem ähnlichen Thema gewidmet, diesmal unter dem Titel „SF und gesellschaftlicher Wandel“.

Auf der UKASFP-Konferenz wurde der Entwurf eines „lösungsfokussierten Manifests für gesellschaftlichen Wandel“ verteilt, etwas geheimnisvoll unterzeichnet vom „Solution-Focused Collective“. Im Spätsommer jenes Jahres fand sich unter diesem Namen eine Gruppe lösungsfokussiert Praktizierender zusammen, die alle daran interessiert waren, lösungsfokussierte Ideen und Praktiken für gesellschaftlichen Wandel zu nutzen. Nachdem wir die breitere lösungsfokussierte Gemeinschaft zu seinem Inhalt befragt hatten, entwickelten wir das Manifest weiter und veröffentlichten es anschließend (Solution-Focused Collective, 2019).

In diesem Artikel möchte ich Verbindungen zwischen lösungsfokussierter Praxis und Politik untersuchen und der Frage nachgehen, was es bedeuten könnte, auf diese Weise zu denken. Ich gehe dieses Vorhaben nicht neutral an, denn ich bin von der Bedeutung kollektiven Handelns und der Notwendigkeit gesellschaftlichen Wandels überzeugt. Einer der Gründe, warum mich die Diskussion über SF und Politik in Frankfurt interessierte, war, dass politische Kampagnenarbeit Teil meines Berufslebens geworden war, während ich von 2014 bis 2018 Vorsitzender der British Association of Social Workers war. Insbesondere nahm ich im April 2017 an einer Aktion namens „Boot Out Austerity“ teil, einem 100-Meilen-Marsch aus Protest gegen die „Austeritätspolitik“ der britischen Regierung, die drastische Kürzungen bei Diensten und Sozialleistungen für Menschen mit Behinderung und Erwerbslose umfasste. Es handelte sich um eine kollektive Aktion einer Gruppe von Fachkräften der Sozialen Arbeit, die Politik und Öffentlichkeit auf die Auswirkungen dieser Sparpolitik aufmerksam machen und ihr Ende fordern wollten (die Wendung „Boot Out Austerity“ ist im Englischen ein Wortspiel: „to boot out“ ist umgangssprachlich und bedeutet „loswerden“, während Stiefel [boots] natürlich das sind, was Wandernde tragen). Die Diskussionen in Frankfurt und auf den Konferenzen 2018 im Vereinigten Königreich und in den USA machten mich auf die Möglichkeit aufmerksam, lösungsfokussierte Praxis in solche Kontexte einzubringen, und darauf, wie sie dort genutzt werden könnte. Die Untersuchung dieser Möglichkeiten dürfte mehr Fragen als Antworten hervorbringen, was nicht überrascht, da wir uns in einem frühen Stadium dieses Prozesses befinden. Wenn diese Fragen schwer zu beantworten sind, dann lohnt es sich, wie Jonathan Franzen (2013) nahelegt, umso mehr, sie zu stellen.

Anmerkung aus dem Original

Eine frühere Fassung dieses Artikels erschien auf Polnisch in der ersten Ausgabe des Polski Biuletyn BSFT Anfang 2018.

Zunächst werde ich für kollektives Handeln als Antwort auf Schwierigkeiten argumentieren, die Menschen dazu bringen, Therapie aufzusuchen. Darauf folgt ein kritischer Blick auf Aspekte der lösungsfokussierten Praxis, die ihren Schritt in den politischen Bereich behindern könnten. Das Vorhandensein solcher Probleme würde darauf hindeuten, dass am lösungsfokussierten Ansatz gearbeitet werden muss, damit dieser Schritt gelingen kann. Ich werde mich dem auf zweierlei Weise widmen: erstens, ganz im lösungsfokussierten Stil, indem ich Merkmale des Ansatzes betrachte, die zu politischerem und kollektiverem Handeln passen oder bei seiner Anpassung daran helfen werden. Zweitens werde ich einige Ideen vorstellen, wie lösungsfokussierte Praxis für diese Vorhaben besser geeignet gemacht werden kann.

Erlauben Sie mir eine kurze Anmerkung zur Terminologie, da Wörter in verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Bedeutungen annehmen können. Ich beziehe mich insbesondere auf das Wort „kritisch“ im Titel dieses Artikels. Es ist natürlich ein Wort des alltäglichen Sprachgebrauchs, in dem es oft mit Negativem und sogar Destruktivem verbunden wird. Vor „Praxis“ gestellt, kann es jedoch „aufgeschlossene, reflexive Ansätze“ bezeichnen, „die unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Annahmen berücksichtigen“ (Glaister, 2008, p8). Wir gehen etwas weiter und verwenden den Ausdruck „kritische lösungsfokussierte Praxis“, um etwa an die „kritische Psychologie“ und die „kritische Psychiatrie“ zu erinnern, Perspektiven in ihren jeweiligen Feldern, die sich auf die kritische Theorie stützen (Fox et al., 2009; Thomas, 2017). Diese hat ihren Ursprung in der Soziologie der Frankfurter Schule, wenngleich der Begriff heute allgemeiner Gesellschaftskritiken bezeichnet, die Machtstrukturen sichtbar machen und infrage stellen (Bohman, 2019). Die kritische Theorie sieht soziale Probleme eher durch gesellschaftliche Strukturen als durch individuelle Faktoren bestimmt, und die mit ihr verbundenen Praxisperspektiven betrachten gesellschaftlichen Wandel und kollektives Handeln daher als mindestens ebenso wichtig wie individuelle Veränderung.

Plädoyer für kollektives Handeln

In der Frühzeit der helfenden Berufe war kollektives Handeln ein verbreitetes Merkmal. So war die Soziale Arbeit im Vereinigten Königreich anfangs ebenso sehr ein kollektiver Ansatz, der Kampagnen und Reformen umfasste, wie ein Ansatz für die Arbeit mit Einzelnen und Familien (Dickens, 2018). Die Bedeutung des Ersteren gegenüber dem Letzteren vertrat unter anderen Fachleuten der Sozialen Arbeit Clement Attlee (1920) (später der britische Premierminister, der für den Aufbau des Wohlfahrtsstaats der Nachkriegszeit verantwortlich war), was wiederum die Arbeit von Jane Addams in den USA beeinflusste (Knight, 2010). Addams, bekannt als die „Mutter“ der Sozialen Arbeit, sorgte dafür, dass diese anfangs einen starken Schwerpunkt auf Reformen legte. Infrage gestellt wurde dies durch das allmähliche Wachstum der stärker individualisierten Psychotherapie und Psychologie, das sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rasch beschleunigte (Rose, 1990).

Der Soziologe C. Wright Mills (1959, p.9) traf eine wichtige Unterscheidung zwischen persönlichen Schwierigkeiten und öffentlichen Problemen. Er veranschaulichte sie am Beispiel der Arbeitslosigkeit:

Wenn in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern nur ein einziger Mann arbeitslos ist, so ist das seine persönliche Schwierigkeit, und um ihr abzuhelfen, betrachten wir zu Recht den Charakter dieses Mannes, seine Fähigkeiten und seine unmittelbaren Möglichkeiten. Wenn aber in einer Nation mit 50 Millionen Beschäftigten 15 Millionen Männer arbeitslos sind, so ist das ein öffentliches Problem, und wir können nicht hoffen, seine Lösung im Bereich der Möglichkeiten zu finden, die irgendeinem Einzelnen offenstehen. Die Struktur der Möglichkeiten selbst ist zusammengebrochen. Sowohl die richtige Formulierung des Problems als auch die Bandbreite möglicher Lösungen verlangen von uns, die wirtschaftlichen und politischen Institutionen der Gesellschaft zu betrachten und nicht bloß die persönliche Lage und den Charakter einer Handvoll verstreuter Individuen.

Die Relevanz dieser Unterscheidung ist in den letzten Jahren durch die Folgen der Sparprogramme verstärkt worden, die viele Regierungen nach dem Finanzcrash von 2008 umgesetzt haben. Die psychischen Auswirkungen der Austerität sind umfassend dokumentiert (McGrath et al., 2015), was jedoch nicht bedeutet, dass diese Auswirkungen individualisierte Antworten erfordern. Die Notwendigkeit einer kollektiven Antwort haben Gruppen von Nutzenden sozialer und psychiatrischer Dienste hervorgehoben, etwa die radikale britische Psychiatrie-Erfahrenen-Gruppe Recovery in the Bin (2015). Wie eine Person, die Dienste der psychischen Gesundheitsversorgung nutzt, sagte: „Das beste Antidepressivum ist kollektives Handeln“ (Curtis, 2018).

Lösungsfokussierte Praxis – eine Kritik ihres Individualismus

Die Überzeugung, dass es kollektiver Antworten bedarf, ist eines der Kennzeichen radikaler und kritischer Ansätze in den helfenden Berufen; ein weiteres ist die Betonung kooperativen Arbeitens und des Empowerments der Nutzenden von Diensten. Auch wenn die zentrale Ausrichtung der lösungsfokussierten Praxis auf das, was die Klientel will, sie als radikalen Ansatz erscheinen lassen könnte, ist sie ein weitgehend individualisiertes Unterfangen geblieben. In einem einflussreichen Artikel wollen Miller und de Shazer (1998) die lösungsfokussierte Therapie erkennbar von der Politik im üblichen Sinne fernhalten und die Probleme der Klientel nicht als soziale Probleme behandeln. Sie behaupten, dass lösungsfokussierte Therapierende in einem anderen Sprachspiel durchaus an einem politischen Prozess beteiligt sind, indem sie die problemfokussierten Geschichten ihrer Klientel durch lösungsfokussierte ersetzen. Es ist ein Sprachspiel, das Therapie als Arbeit begreift, als gemeinsames Konstruieren von Veränderung mit der Klientel, und „genau dafür bezahlt die Klientel ihre Therapierenden“ (Miller and de Shazer, 1998, p.367).

Wie lösungsfokussierte Praxis hier konzeptualisiert wird, ist mit dem Kontext verflochten, in dem sie ursprünglich entstand: einem Kontext, in dem eine Person ein Honorar zahlt, um Therapie zu erhalten. Seither hat sie in viele andere Kontexte Eingang gefunden und dabei doch die individualisierten, transaktionalen Merkmale des privatisierten Marktumfelds mitgenommen. Die Entwicklung der lösungsfokussierten Therapie fällt nahezu deckungsgleich mit der gegenwärtigen Ära des Neoliberalismus zusammen, und ein Teil unseres Arguments lautet, dass vorherrschende Praxismodelle sich dem Einfluss der breiteren sozialen und politischen Landschaft nicht entziehen können. Im neoliberalen Zeitalter sollten „alle Formen sozialer Solidarität zugunsten von Individualismus, Privateigentum, Eigenverantwortung und Familienwerten aufgelöst werden“ (Harvey, 2005, p.23). Auch wenn es also verlockend ist, das Fragen nach dem, was die Klientel will, als radikalen Akt zu sehen, kann es, solange es auf der individuellen Ebene bleibt, ebenso als Beitrag zu den „Weisen“ gesehen werden, „in denen Individuen ermutigt oder sogar gezwungen werden, sich als vollständig verantwortlich für jeden Aspekt ihres Lebens zu sehen“ (Ferguson, 2017, p.76).

Das Wort „gezwungen“ mag stark erscheinen, doch wir müssen darauf achten, wie lösungsfokussierte Therapie in staatlichen Programmen neben anderen psychologischen Interventionen als Mittel des „Psychozwangs“ eingesetzt werden könnte, etwa um Menschen wieder in Beschäftigung zu bringen (Friedli & Stearn, 2015). Der Versuch, Menschen vollständig und individuell für ihr Leben verantwortlich zu machen, hat seinen Preis. Wie Recovery In The Bin (2015) es formuliert: „Autonomie und Selbstbestimmung lassen sich nur durch kollektiven Kampf erreichen und nicht durch individualistisches Streben und Ehrgeiz.“

Zu diesen Überlegungen über den Kontext und die Grenzen der Frage an Einzelne, was sie wollen, käme eine weitere, politisch motivierte Kritik am lösungsfokussierten Ansatz hinzu, die sich auf seine mangelnde Aufmerksamkeit für die Frage „Warum?“ richten würde. Diese gilt als zentrale Frage in der selbstbestimmten Gruppenarbeit (self-directed groupwork), einem Ansatz kollektiven Handelns, der innerhalb der Sozialen Arbeit entstand (Fleming & Ward, 2017) und Verbindungen zur kritischen Pädagogik Freires (1970) aufweist. Fleming und Ward, die das Modell der selbstbestimmten Gruppenarbeit entwickelt haben, kritisieren Ansätze, die direkt von der Frage „Was?“ zur Frage „Wie?“ springen, ohne dazwischen das „Warum?“ zu behandeln. Sie behaupten, dass dies die Reichweite der Lösungen auf „die private Welt um die Menschen herum und innerhalb ihres vorhandenen Wissens und ihrer Erfahrung“ begrenzt (Fleming and Ward, 2017). Nahegelegt wird damit, dass die Frage nach dem „Warum?“, vor allem im Gruppenkontext, ein kritisches Bewusstsein entwickelt und zu einem breiteren Spektrum an Handlungs- und Veränderungsoptionen führt.

Diese Betonung von Problemen sowie von Prozess statt Ergebnis unterscheidet die selbstbestimmte Gruppenarbeit deutlich von der lösungsfokussierten Praxis, und es ist derzeit nicht klar, was diese besondere Kritik lösungsfokussiert Praktizierenden bieten wird. Doch wer weiß, welche Synthese aus der Auseinandersetzung mit einem so antithetischen Ansatz hervorgehen könnte! Wichtig ist, eine kritische und reflexive Haltung gegenüber den eigenen Methoden einzunehmen, was bereits für sich genommen Teil eines politischen Ansatzes ist (Warren, 1984). Zumindest wird dies unseren Ansatz lebendig halten und uns helfen, von der Konformität zu Entwicklung und Veränderung zu gelangen.

Lösungsfokussierung als radikale Praxis

Es scheint also noch Arbeit nötig zu sein, damit lösungsfokussierte Praxis für den Einsatz in einem politischen Kontext angepasst werden kann, als Teil kollektiven Handelns für gesellschaftlichen Wandel. Wenn wir wollen, dass sich lösungsfokussierte Praxis in diese Richtung bewegt, schauen wir uns zunächst an, was bereits geschieht, und suchen nach „Momenten“, in denen eine solche Anpassung schon stattfindet.

Oben haben wir in Bezug auf den lösungsfokussierten Ausgangspunkt, die Klientel zu fragen, was sie will, einen Vorbehalt formuliert: Dies kann dazu führen, dass notwendiger gesellschaftlicher Wandel auf das Verfolgen individueller Ziele reduziert und dem Individuum eine unangemessene Verantwortung aufgebürdet wird. Wenn wir uns jedoch davor hüten, bleibt es ein potenziell radikaler und ermächtigender Akt, eine Person oder eine Gruppe von Menschen zu fragen, was sie will. Ich möchte zwei Beispiele geben. Ferguson (2017) beschreibt die Erinnerungen von John Perceval aus dem Jahr 1838 als „vielleicht den scharfsinnigsten und ergreifendsten Bericht, den je ein ehemaliger Patient über das Leben in der Anstalt geschrieben hat“, und gibt diesen Auszug wieder (p.37):

Die Leute handelten, als wären mein Körper, meine Seele und mein Geist ihrer Kontrolle rechtmäßig überlassen worden, um daran ihren Unfug und ihre Torheit auszuüben. Mein Schweigen galt, nehme ich an, als Zustimmung. Ich meine, dass mir nie gesagt wurde: Dies und das werden wir tun; wir halten es für ratsam, Ihnen dieses und jenes Medikament auf diese oder jene Weise zu verabreichen; ich wurde nie gefragt: Wünschen Sie etwas? Möchten Sie etwas, ziehen Sie etwas vor? Haben Sie etwas gegen dieses oder jenes einzuwenden?

Mein zweites Beispiel ist ein kollektives. Vor einigen Jahren war ich auf einer Konferenz der Sozialen Arbeit in Südkorea, auf der eine Gruppe, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einsetzt, während der Begrüßungsrede des Ministers einen Protest inszenierte. Das Publikum war schockiert über die Behandlung der Menschen mit Behinderung, als sie von der Bühne und aus dem Saal entfernt wurden, doch am Ende der Konferenz, drei Tage später, standen sie wieder auf derselben Bühne, diesmal auf Einladung der Konferenzorganisation, und konnten ihre Botschaft vermitteln. Dem waren Verhandlungen mit den Gastgebenden der Konferenz vorausgegangen, doch ich wurde auch Zeuge einer wirklich kooperativen Beziehung, die sich zwischen der Gruppe der Menschen mit Behinderung und einer Gruppe engagierter Fachkräfte der Sozialen Arbeit auf der Konferenz entwickelte und durch die die Gruppe Unterstützung bei der Vertretung ihres Anliegens erhielt. Alles begann damit, dass eine der Fachkräfte der Sozialen Arbeit nach dem Protest die Website der Gruppe ausfindig machte und ihr eine E-Mail schickte, die mit der einfachen Frage endete: „Was braucht ihr von uns, was wollt ihr?“ (Shennan, 2016).

Seit vielen Jahren verwendet die Eingangsfrage des BRIEF-Teams in London das Wort „Hoffnung“ statt „wollen“: „Was sind Ihre größten Hoffnungen an unsere Zusammenarbeit?“ (Ratner et al., 2012). Ein neueres Buch des englischen marxistischen Gelehrten Terry Eagleton (2015) könnte die Beliebtheit gerade dieser Frage erklären, denn er untersucht darin die Unterschiede zwischen Hoffnung und Begehren. Eagletons Darstellung ist reichhaltig und schöpft breit aus politischen, religiösen und literarischen Quellen; ich kann ihr hier nicht gerecht werden. Ich greife einige dieser Unterschiede heraus, die uns auf die politischen Aspekte der Hoffnung aufmerksam machen. Erstens kann Hoffnung, anders als Begehren, sowohl eine Möglichkeit als auch einen Wunsch ausdrücken. „Ich hoffe, dich im September in Kopenhagen zu sehen“ legt nahe, dass ich damit rechne, dass dies geschehen könnte, „Ich wünschte, ich wäre Lionel Messi“ dagegen nicht (für Lesende ohne Sportinteresse: Gemeint ist hier der größte Fußballer der Welt).

Eine Folge dieses Aspekts der Hoffnung, nämlich dass sie das Verlangen nach etwas ist, das für möglich gehalten wird, besteht darin, dass sie dazu einlädt, auf seine Verwirklichung hin zu handeln. Für Thomas von Aquin ist dieses Handeln Teil der Hoffnung selbst, die er als „eine Bewegung … hin zu einem schwer erreichbaren Gut“ definiert (Eagleton, 2015, p.50). Dass Hoffnung eine Tätigkeit und kein Geisteszustand ist, macht sie performativ, das heißt, sie ist „nicht einfach eine Vorwegnahme der Zukunft, sondern eine aktive Kraft in deren Konstitution“ (p.84). Wie der englische romantische Dichter Shelley in Prometheus Unbound schrieb: „zu hoffen, bis die Hoffnung / aus ihrem eigenen Wrack erschafft, was sie betrachtet“. Eagleton findet hier eine Erklärung für die Verbindung zwischen romantischer Imagination und radikaler Politik, und dies könnte auch uns nahelegen, dass die Einladungen an unsere Klientel, sich bevorzugte Zukünfte vorzustellen, zu politischem Handeln führen könnten (p.85):

Allein die Tatsache, sich eine alternative Zukunft vorstellen zu können, kann die Gegenwart auf Distanz bringen und relativieren und ihren Griff um uns so weit lockern, dass die fragliche Zukunft erreichbarer wird. Dies ist ein Grund, warum die romantische Imagination mit radikaler Politik verbunden ist. Wahre Hoffnungslosigkeit wäre gegeben, wenn solche Vorstellungen undenkbar wären.

Diese Vorstellung von Hoffnung als Bewegung und ihre Implikationen für politisches Handeln bedeuten, dass hier nicht nur die Zukunftsorientierung der lösungsfokussierten Praxis relevant ist, sondern auch ihre Fokussierung auf Fortschritt. Eagleton zitiert auch Stimmen aus der Theologie wie Jürgen Moltmann, der das Christentum als „Hoffnung, vorwärtsblickend und vorwärtsbewegend, und darum auch revolutionierend und verwandelnd die Gegenwart“ beschreibt (p.54). Dies passt zur Aufmerksamkeit für progressive Narrative in der lösungsfokussierten Praxis (de Shazer, 1991) und deutet auf ein noch ungenutztes Potenzial hin, den Ansatz in radikalen Bewegungen einzusetzen, seien sie politischer oder spiritueller Art.

Erwähnen können wir auch die Ressourcenorientierung der lösungsfokussierten Praxis. Raymond Williams (1983, p.241) beschrieb soziale Bewegungen wie die Friedensbewegung und die Frauenbewegung als „Ressourcen für eine Reise der Hoffnung“, die seiner Ansicht nach nötig waren, um über die Globalisierung hinauszugelangen. In der Arbeit mit Bewegungen und Gruppen von Nutzenden sozialer Dienste wären lösungsfokussiert Praktizierende in der Regel aufmerksam für deren Ressourcen, zu denen laut Jones und Novak (2014, p.17) „beispiellose Einsichten in und ein beispielloses Verständnis ihrer Herausforderungen und Schwierigkeiten und der Wege, ihnen zu begegnen“ gehören. Im Fall von Nutzenden, die von Armut betroffen sind, wäre dies ein dringend notwendiges Korrektiv, denn die beiden Autoren behaupten weiter, dass „der Einfallsreichtum armer Menschen ein stark vernachlässigter Beitrag zum Kampf ist“.

Es scheint also eine Reihe von Möglichkeiten zu geben, wie lösungsfokussierte Praxis im Hinblick auf kollektives Handeln sowie gesellschaftlichen und politischen Wandel bereits nützlich sein könnte. Wir können auch festhalten, dass der Ansatz bereits mit Gruppen von Menschen und nicht nur mit Einzelnen eingesetzt wird, wenn auch in anderen Kontexten als den hier betrachteten. Es gibt zahlreiche Beispiele lösungsfokussierter Gruppenarbeit in Bildungs- oder Behandlungskontexten (Metcalf, 1998; Sharry, 2007), wobei sich die Behandlung in der Regel an Einzelne richtet, die nur zu diesem Zweck zusammengekommen sind, statt an ein Kollektiv als solches. Vermutlich lässt sich hier noch einiges lernen, vielleicht sogar noch mehr von lösungsfokussierter Praxis in und mit Organisationen (McKergow & Clarke, 2007). Außerhalb der lösungsfokussierten Praxis, aber durch die Ressourcenorientierung mit ihr verbunden, könnte auch ressourcenbasierte Gemeinwesenentwicklung (asset-based community development) eine Quelle sein, aus der sich schöpfen lässt (McKnight & Block, 2010).

Ein warnender Hinweis

Bevor ich betrachte, wie lösungsfokussierte Praxis für gesellschaftlichen Wandel relevanter werden kann, möchte ich auf eine mögliche Befürchtung hinsichtlich der Art des gesellschaftlichen Wandels eingehen, für den der Ansatz eingesetzt werden könnte. Im oben erwähnten Manifest (Solution-Focused Collective, 2019) ist klar, dass es um eine Bewegung hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit geht. Es mag schwerfallen, gegen ein solches Ziel zu argumentieren, doch ergeben sich zwei Fragen. Die eine ist, dass ein Begriff wie soziale Gerechtigkeit vage ist und Gerechtigkeit sozusagen im Auge der Betrachtenden liegt. Ein Ziel, das einer Gruppe der Gesellschaft gerecht erscheint, mag anderen weniger gerecht erscheinen. Zweitens ist dies ohnehin nicht die einzige Art gesellschaftlichen Wandels, die gewünscht wird. Es gibt nativistische und andere rassistische Gruppen, die ebenfalls bestimmte gesellschaftliche Strukturen als ungerecht ansehen, und es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass ein lösungsfokussierter Ansatz nicht auch zur Verfolgung gesellschaftlicher Ziele eingesetzt werden könnte, die sie befürworten würden. Als Antwort darauf können wir feststellen, dass sich dieselbe Frage für lösungsfokussiert Praktizierende in der Arbeit mit Einzelnen stellt, wo ethische Fragen auf dieselbe Weise gehandhabt werden müssen. Dies wird ausdrücklich in den Kriterien für ein lösungsfokussiertes „gemeinsames Projekt“ behandelt

Wir haben manchmal gesagt: Wenn wir in einem oder zwei Sätzen zusammenfassen können, was die Klientel will, und dies etwas ist, das ihr wichtig ist, realistisch in ihrer gegenwärtigen Lebenssituation und ethisch – das heißt etwas, an dessen Entstehung wir mitwirken wollen, und etwas, das im legitimen Rahmen unserer Arbeit liegt –, dann haben wir ein Projekt. (Korman, 2017)

Ebenso wird es in jeder Gesellschaft Mechanismen geben, um Projekte gesellschaftlichen Wandels zu legitimieren, und die Verfügbarkeit eines neuen Ansatzes für solche Projekte ist in Bezug auf deren ethische Grundlage neutral.

Weiter auf dem Weg zu einer kritischen lösungsfokussierten Praxis?

Wenden wir uns abschließend der Frage zu, was sonst noch helfen könnte, die lösungsfokussierte Praxis weiter in die politische Arena zu bewegen. Vor allem müssen wir diese Aufgabe kollektiv angehen. So wie der Neoliberalismus die Menschen isoliert hat, mit denen die helfenden Berufe arbeiten, so hat er auch die Fachkräfte und die Dienste, in denen wir arbeiten, fragmentiert. Bündnisse mit gleichgesinnten Fachkräften zu schmieden ist entscheidend, und glücklicherweise gibt es eine Reihe von Gruppen, die Schritte hin zu kollektiven Arbeitsmodellen unternommen haben und von denen wir lernen können. Dazu gehören die kritische Psychiatrie (Thomas, 2017), die kritische Psychologie, die Gemeindepsychologie und die Befreiungspsychologie (Fox et al., 2009; Afuape & Hughes, 2016) sowie die radikale Soziale Arbeit (Turbett, 2014).

Jede dieser Gruppen hat Bündnisse mit Gruppen von Nutzenden sozialer Dienste aufgebaut. Dies ist zwar ebenfalls ein wichtiger Aspekt kollektiven Handelns, stellt lösungsfokussiert Praktizierende jedoch vor eine Frage, die gründlich durchdacht werden muss. Zumindest im therapeutischen Kontext sind die Kontakte zwischen lösungsfokussiert Praktizierenden und ihrer Klientel relativ flüchtig, wobei die Fachperson bestrebt ist, keine Fußabdrücke im Leben der Klientel zu hinterlassen (Insoo Kim Berg, zitiert in George et al., 1999, p.36). Bündnisse für gesellschaftlichen Wandel, die Praktizierende tiefer in das Leben ihrer Klientel hineinführen würden, sind damit schwer vereinbar. In anderen Kontexten arbeiten lösungsfokussiert Praktizierende jedoch durchaus längerfristig mit ihrer Klientel, und darüber hinaus dürfte kollektives Handeln Kampagnenaktivitäten umfassen und nicht ausschließlich lösungsfokussierte Praxis im herkömmlichen Sinne.

Der vielleicht radikalste Wandel von allen, der ein Bündnis von Fachkräften und Nutzenden sozialer Dienste ermöglichen würde, ergäbe sich, wenn wir die Position von Raymond Williams übernähmen, über den Eagleton (2015, p.68) berichtet, er „setzt als selbstverständlich voraus, dass Hoffnung in erster Linie nicht Hoffnung für sich selbst, sondern Hoffnung für uns ist“ (Hervorhebung hinzugefügt). In Ken Loachs Film I, Daniel Blake aus dem Jahr 2016 bereitet die Titelfigur, die der Demütigung durch das britische Sozialsystem ausgesetzt ist und deren Leistungen eingestellt werden, eine Rede vor, die von Trotz erfüllt ist. Sie beginnt mit „Ich bin kein Klient, kein Kunde und kein Leistungsempfänger …“ und endet mit „Ich, Daniel Blake, bin ein Bürger, nicht mehr und nicht weniger“. Wir alle gehören zur Bürgerschaft, und wir alle sind von Globalisierung und regressiver Politik wie Austerität und dem Abbau öffentlicher Dienste betroffen. Vielleicht können also diejenigen von uns, die sich für diese gemeinsamen Anliegen zusammenschließen, lösungsfokussierte Praxis nutzen, wenn wir in jener Eingangsfrage nur ein einziges Wort ändern: von „Was sind Ihre größten Hoffnungen?“ zu „Was sind unsere größten Hoffnungen?“.

Danksagung

Eine frühere Fassung dieses Artikels erschien im Polski Biuletyn BSFT, und ich danke dieser Zeitschrift und insbesondere ihrer Herausgeberin Marta Rudnik für die Erlaubnis, ihn andernorts zu veröffentlichen. Mein Dank gilt auch Rayya Ghul, Steve Myers, Marc Gardiner und den anonymen Gutachtenden für ihre Anmerkungen zu einem Entwurf dieser überarbeiteten Fassung.

Literatur

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Originalartikel Towards a Critical Solution-Focused Practice? von Guy Shennan, erschienen im Journal of Solution Focused Practices, Bd. 4, Nr. 1 (2020), doi: 10.59874/001c.75064, unter der Lizenz CC BY 4.0. Inoffizielle deutsche Übersetzung von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, mit einem für die Online-Lektüre angepassten Layout. Maßgeblich ist die Originalfassung.

Dies ist eine inoffizielle deutsche Übersetzung des Originalartikels „Towards a Critical Solution-Focused Practice?“, erschienen im Journal of Solution Focused Practices (2020) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, die Darstellung wurde für die Online-Lektüre angepasst, wie zu Beginn dieser Seite erläutert. Maßgeblich ist die Originalfassung.

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Shennan, G. (2020). Towards a Critical Solution-Focused Practice?. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/towards-a-critical-solution-focused-practice (Originalwerk erschienen 2018 im Polski Biuletyn BSFT, Nr. 1, 2018 (frühere Fassung, auf Polnisch); 2020 erneut veröffentlicht im Journal of Solution Focused Practices, https://journalsfp.org/article/75064)

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