Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Journal of Solution Focused Practices · Konzeptioneller Artikel
Louis Cauffman, Mitbegründer der Brügger Gruppe, und Mathieu Weggeman, Professor für Organisationswissenschaft in Eindhoven, begegnen dem Vorwurf, der lösungsfokussierte Ansatz sei eine „Trickkiste“, indem sie aus den Ingenieurwissenschaften die Design Science Research übernehmen: ein Feldproblem bestimmen (die fehlende Validierung), daraus Prinzipien ableiten (sechs Aufmerksamkeitspunkte, vierzehn gewonnene Erkenntnisse, fünf gute und fünf schlechte Praktiken) sowie einundzwanzig CIMO-Propositionen, die aus fünfundzwanzig Fällen gewonnen wurden, und schließlich ein nichtlineares Protokoll in drei Bewegungen zusammenfügen, das in einem Alphatest mit Fachpersonen und in einem Betatest an veröffentlichten Fällen erprobt wurde. Das Ergebnis ist ein Flussdiagramm, verbunden mit dem Plädoyer, der Ansatz möge in die Klinik zurückkehren und seine „überflüssigen Rituale“ ablegen.
Inoffizielle deutsche Übersetzung von Solution-focused Applied Psychology a Design Science Research Based Protocol (SoFAP-P) von Louis Cauffman und Mathieu Weggeman, erschienen in Journal of Solution Focused Practices (2023), doi: 10.59874/001c.90661, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Das Flussdiagramm des Protokolls (Abbildung 1) und der QR-Code werden nicht wiedergegeben; die Fußnoten sind am Ende zusammengefasst. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Abstract. Der lösungsfokussierte Ansatz steht seit einiger Zeit im Ruf, unwissenschaftlich zu sein – ein Urteil, das in den meisten Fällen auf Voreingenommenheit beruht und die zahlreichen Wirksamkeitsstudien außer Acht lässt. Dieser Artikel versucht, der lösungsorientierten Methode eine zusätzliche und innovative wissenschaftliche Begründung zu geben, und zwar mithilfe der Methodologie der Design Science Research, einer breit anwendbaren qualitativen Methodologie, die darauf abzielt, präskriptives Wissen für die Praxis zu erzeugen. Daraus entstand eine geordnete Abfolge von Interventionen, SoFAP-P genannt (a Solution-Focused Applied Psychology Protocol, ein Protokoll lösungsfokussierter angewandter Psychologie), die lösungsfokussiert arbeitenden Fachpersonen als Leitfaden dienen kann, wenn sie die Interaktion mit ihren Klientinnen und Klienten strukturieren oder verbessern wollen. Zugleich erlaubt es die Konstruktion des SoFAP-P, dieses einem Validierungsprozess in mehreren Bewertungsrunden durch Peers sowie durch Fallstudien zu unterziehen. Der Artikel erläutert im Einzelnen, wie diese Validierung angelegt wurde, und erörtert, inwiefern ihre positiven Ergebnisse die Praxis der lösungsfokussierten Psychologie rechtfertigen. Abschließend gibt er eine Reihe von Empfehlungen, um eine lösungsfokussierte Denk- und Arbeitsweise noch tiefer im wissenschaftlichen Diskurs zu verankern.
Schlüsselwörter: lösungsfokussierte Psychologie, Design Science Research, Methodologie, Protokoll, Begleitung von Veränderung, Coaching, Psychotherapie, angewandte Psychologie
Dieser Artikel verfolgt einen doppelten Zweck. Erstens soll er die Entwicklung und Gestaltung eines praktischen Werkzeugs beschreiben, das hilft, die Interventionen zu bündeln, die Fachpersonen einsetzen können, um Veränderung in und zwischen (menschlichen) Systemen in allen denkbaren Interventionsfeldern zu begleiten, und das damit über das Feld der Psychotherapie hinausgeht. Also: lösungsfokussierte angewandte Psychologie. Zweitens wollen wir der lösungsfokussierten Praxis mithilfe der Methodologie der Design Science Research eine wissenschaftliche Grundlage und Validierung verschaffen.
Unseres Wissens ist dies die erste Anwendung der aus den Ingenieurwissenschaften stammenden DSR-Methodologie im Bereich der angewandten Psychologie. Wir haben gezeigt, dass sich mit dieser Methodologie eine professionelle Praxis (SoFAP) systematisch validieren lässt. Dazu haben wir aus Interviews mit Fachpersonen und aus vergleichenden Fallanalysen Aufmerksamkeitspunkte, gewonnene Erkenntnisse sowie gute und schlechte Praktiken herausgearbeitet, die anschließend die Bausteine eines robusten Protokollentwurfs bildeten, der dann in der Praxis erprobt und entsprechend verbessert wurde.
Das Ergebnis ist ein Werkzeug in Form eines differenzierten Flussdiagramms, mit dem Praktizierende aus allen Feldern der angewandten Psychologie ihre lösungsfokussierten Fertigkeiten verfeinern und schärfen können. Die DSR-Methodologie sorgt dafür, dass sie sowohl in fachlichen als auch in wissenschaftlichen Diskussionen bestehen können.
Der US-amerikanische Psychiater und Psychotherapeut Milton Erickson (1901–1980) soll gesagt haben: Jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum. Daher sollte Psychotherapie so gestaltet werden, dass sie der Einzigartigkeit der Bedürfnisse des Individuums gerecht wird, statt die Person passend zu machen für das Prokrustesbett einer hypothetischen Theorie menschlichen Verhaltens (Zeig & Geary, 2000).
Sein Zugang zur angewandten Psychologie fand Anklang bei vielen Fachleuten, die damals den Eindruck hatten, ihr Feld sei übertheoretisiert. Tatsächlich suchte man seit dem Aufkommen der Psychologie als Wissenschaft im späten 19. Jahrhundert nach einer umfassenden Theorie über die Funktionsweise des menschlichen Geistes und die Möglichkeiten, ihn zu beeinflussen. Eine solche Theorie wurde jedoch bislang nicht gefunden, und alle Theorien, die mit diesem Anspruch auftraten, weisen Schwächen und Mängel auf.
Im Sinne von Ericksons Diktum wussten die Praktizierenden, dass diese Schwächen jeder derartigen Theorie grundlegend innewohnen und für sie kennzeichnend sind und sich daher nicht durch Revision und theoretische Anpassungen beheben lassen. Sie hatten den Eindruck, dass psychologische Theorien oder Modelle die Komplexität ihres Gegenstands reduzieren oder ihre Anwendbarkeit auf ein immer engeres Spektrum psychischer Phänomene beschränken. In der Praxis konnte dies dazu führen, dass eine Person beständig falsch diagnostiziert wird, damit sie zur Theorie passt.
Auf der Suche nach einer Alternative zur traditionellen, problemorientierten Therapie blieb diese Gruppe von Praktizierenden gewissermaßen ohne Richtung. Erickson hatte ihnen Inspiration gegeben, doch seine Praxis war zu intuitiv, um als Vorbild zu dienen.
Das änderte sich 1978, als Steve de Shazer (1940–2005) und Insoo Kim Berg (1934–2007) in Milwaukee (USA) das Brief Family Therapy Center gründeten. Dort versuchten sie, Ericksons intuitiven Therapieansatz in eine besser vermittelbare Methode zu überführen.
Von Anfang an war es das Ziel, die Zeit, in der Menschen in Behandlung unter ihren Problemen leiden, so kurz wie möglich zu halten und so schnell wie möglich zu besseren Zeiten überzugehen. Als Arbeitshypothese gingen sie davon aus, dass diese Menschen immer Momente erleben, in denen ihre Probleme anders, geringer oder sogar vorübergehend abwesend sind. Dieses Konzept der „Ausnahmen vom Problem“ bildete die Grundlage ihrer philosophischen Haltung, dass Probleme einer anderen logischen Klasse angehören als Lösungen. Aus dieser Einsicht entstand das Konzept der lösungsfokussierten Psychologie.
Obwohl sich das Feld der lösungsfokussierten Psychologie seit den 1970er-Jahren erheblich weiterentwickelt hat, sind seine grundlegenden Merkmale weitgehend unverändert geblieben. Wir charakterisieren den lösungsfokussierten Ansatz anhand der Axiome, die seine Praxis tragen:
Aus diesen Annahmen wurde der lösungsfokussierte Ansatz entwickelt.
Durch die Veröffentlichung von Büchern wie Patterns of Brief Family Therapy: An Ecosystemic Approach (1982), Keys to Solution in Brief Therapy (1985), Clues: Investigating Solutions in Brief Therapy (Steve De Shazer, 1988) und Putting Difference to Work (Frank & Frank, 1991) machte de Shazer den lösungsfokussierten Ansatz bekannt, der sich in den 1980er- und 1990er-Jahren rasch verbreitete. Die bahnbrechenden Beiträge von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg als Vordenkende und klinisch Tätige leiteten in Psychotherapie und Coaching einen Paradigmenwechsel ein, der bis heute der wichtigste Bezugspunkt ist, auf den sich die umfangreiche lösungsfokussierte Literatur und Fachgemeinschaft stützt. Um ihre außerordentliche Bedeutung zu würdigen, konzentriert sich dieser Artikel auf ihr Pionierwerk und entwickelt es im Hinblick auf wissenschaftliche Fundierung und Protokoll weiter.
Dennoch gibt es ein ganzes Meer interessanter Beiträge und Beitragender. Einen wichtigen Überblick über dieses Meer bietet die Website der European Brief Therapy Association (Ebta.eu) mit einer praktischen, leicht zugänglichen Liste der meisten begutachteten Artikel (https://www.ebta.eu/sf-research-list/). Und natürlich erweitern Fachleute aus verschiedenen Feldern, ausgehend von de Shazers Paradigmenwechsel, ihre Praxis weiter. Man denke unter anderem an den Best-Hopes-Ansatz von BRIEF London, die Methode der Beschreibungskonstruktion, die Mikroanalyse usw.
Im Meer der veröffentlichten lösungsfokussierten Literatur wollen wir einige Versuche hervorheben, Protokolle zu etablieren, die den Einsatz des lösungsfokussierten Ansatzes erleichtern. Dazu gehören Steve de Shazers ursprüngliches Flussdiagramm (complainant, visitor, client: klagende Person, besuchende Person, Kundschaft) und das schrittweise verbesserte Flussdiagramm der Brügger Gruppe (Korzybski Institute, zu dessen Gründungsmitgliedern Cauffman gehörte).
Das hier vorgestellte Werkzeug ist eine weitere Verbesserung, weil es – ausdrücklich – ein nichtlinearer, diskursiver und iterativer Leitfaden ist, der den Kontext, die Dynamik und die Erfordernisse jeder einzelnen Situation berücksichtigt.
In The Sciences of the Artificial (Simon, 1969) untersucht der Nobelpreisträger Herbert Simon die grundlegenden Unterschiede zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften. Er schlägt eine „Wissenschaft des Entwerfens“ vor, die sich nicht auf den physischen oder technischen Bereich beschränkt, sondern auch das soziale Feld umfasst. Sein Denken hat die Entwicklung der Design Science Research angeregt.
Ausgehend von Simons Idee stellen sich Van Aken (2004) und später Denyer et al. (2008) der Aufgabe, die bestimmenden Merkmale dieser „Entwurfswissenschaft“ zu formulieren, und setzen sie dabei ausdrücklich den „erklärenden Wissenschaften“ entgegen. Fasst man ihre Ergebnisse zusammen, lässt sich Erstere wie folgt charakterisieren:
In diesem Zusammenhang wird das Forschungsprodukt, das präskriptives Wissen zur Lösung von Feldproblemen enthält, als Design (Entwurf) bezeichnet. Dies entspricht Simons häufig zitierter Aussage: Entwirft, wer Handlungsabläufe ersinnt, die darauf abzielen, bestehende Situationen in bevorzugte zu verwandeln (Simon, 1969). Wie die obige Charakterisierung deutlich macht, bietet DSR ein disziplinunabhängiges Paradigma wissenschaftlicher Forschung.
Da unsere Forschung im Feld der angewandten Psychologie angesiedelt ist, bildet dieser Artikel einen abstrakten Entwurf, der individuell angepasst werden kann. Nutznießende unseres Entwurfs sind Fachpersonen, die im Bereich der lösungsfokussierten Psychologie arbeiten. In dieser Einleitung bleibt nur zu erklären, worin genau ihr Nutzen besteht.
Wegen seiner Abneigung gegen theoretisierte Problemanalyse hat sich der lösungsfokussierte Ansatz in bestimmten Kreisen den Ruf erworben, unwissenschaftlich zu sein – ein Urteil, das meist auf Vorurteilen beruht und seine umfangreiche Literatur außer Acht lässt.
Nachdem Berg und De Shazer die beiden Grundpfeiler des lösungsfokussierten Ansatzes – Differenzierung in der Problemwahrnehmung und Zukunftsorientierung – bestimmt hatten, entwickelten sie gezielte Interventionen, um ihre Klientel auf diese beiden Konzepte einzustimmen. Verschiedene „Skalierungsfragen“ und der Einsatz der „Wunderfrage“ wurden zu den beiden großen Ikonen des lösungsfokussierten Ansatzes. Weil die Tiefe des erkenntnistheoretischen „Denkens hinter dem Denken“, auf dem der lösungsfokussierte Ansatz beruht, übersehen wurde, betrachten manche in Psychologie und Wissenschaft – zu Unrecht – die lösungsfokussierte Methode als oberflächliche Trickkiste.
Trotz der Wirksamkeitsforschung, die den lösungsfokussierten Ansatz zu einem evidenzbasierten Modell macht, und wegen seiner starken Betonung technischer Interventionen fällt es lösungsfokussiert arbeitenden Fachpersonen in der Debatte mit problemorientiert arbeitenden Fachleuten oft schwer, die Relevanz und die Ergebnisse ihrer Arbeitsweise zu vermitteln. Deshalb wurde in diesem Artikel entschieden, als Feldproblem die relative Validierungslücke der Ansätze lösungsfokussierter Psychologie zu bestimmen. Angesichts der Breite einer solchen Untersuchung wird das Feldproblem wie folgt präzisiert:
Lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen erleben selbst oder bekommen als Kritik zu hören, dass ihre Arbeitsweise nicht hinreichend validiert sei.
Um dieses Feldproblem zu beseitigen, genügt es, ein validiertes Protokoll zu entwerfen, das sich in das lösungsfokussierte Paradigma einfügt und das lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen zur Steuerung der Interaktion mit ihrer Klientel nutzen können. Als zusätzliche Bedingung wird betont, dass das Protokoll in hohem Maße auf das Umfeld der Person (ihren materiellen und immateriellen Kontext) eingeht, um die in Abschnitt 1.1 erörterte Prokrustesfalle zu vermeiden und einen breiten und realistischen Blick auf die Herausforderungen zu bewahren, vor denen die Klientel im wirklichen Leben steht. Dies führte zu folgender Formulierung eines Entwurfsziels:
Ein validiertes und erprobtes Protokoll lösungsfokussierter angewandter Psychologie bereitzustellen, das Menschen hilft, ihre Herausforderungen auf produktive Weise anzugehen. Das Protokoll soll den aktuellen Kontext der Person von Anfang an berücksichtigen.
Im Folgenden bezeichnen wir das Protokoll lösungsfokussierter angewandter Psychologie als SoFAP-P. Im nächsten Teil beschreiben wir die allgemeinen Werkzeuge, die die DSR-Methodologie für den Entwurf eines solchen Protokolls bietet, und erörtern einige zusätzliche Bedingungen. Anschließend zeigen wir, wie dies auf unser Feldproblem in der lösungsfokussierten Psychologie anzuwenden ist. Danach stellen wir den eigentlichen Entwurf des SoFAP-P vor, dessen Validität im letzten Teil des Artikels anhand der in der DSR entwickelten Evaluationstechniken erörtert wird.
Die in diesem Artikel erörterten praktischen und methodologischen Aspekte sind in zwei Zwillingsbänden ausführlich beschrieben. „Creating Sustainable Results with Solution-Focused Applied Psychology, A Practical Guide for Coaches and Change Facilitators“ DOI: 10.4324/9781003320104 (Cauffman L., Routledge 2023) bietet einen Leitfaden für die Praxis. „Solution-Focused Applied Psychology, A Design Science Research-Based Protocol“ DOI: 10.4324/9781003404477 (Cauffman L., Weggeman M., Routledge 2023) beschreibt den methodologischen Entwurfsprozess und ist die erste Anwendung der DSR in der angewandten Psychologie. In diesem Buch lässt sich über einen QR-Code (der sich auch weiter unten in diesem Artikel findet) eine dynamische Version des Flussdiagramm-Werkzeugs herunterladen.
Die DSR-Methodologie wird in einer Vielzahl – überwiegend technischer – Anwendungsbereiche eingesetzt, von Informationssystemen über die Arzneimittelentwicklung bis zu Architektur, Maschinenbau usw. In jüngerer Zeit wurde viel Forschung (auch Promotionsforschung) mit der DSR-Methodologie betrieben, die sich dadurch stetig weiterentwickelt hat. Wir halten die DSR für ausgereift genug, um diese Methodologie verantwortungsvoll anzuwenden. Diese Studie ist der erste Artikel, der den Einsatz der DSR in der Psychologie, genauer in der lösungsfokussierten angewandten Psychologie, beschreibt. Sie trägt damit zur Herausbildung einer zunehmend ausgereiften DSR-Methodologie bei.
Wie in der Einleitung erwähnt, muss das Ergebnis unserer Forschung – das angestrebte SoFAP-P – aus der Perspektive Beteiligter, also einer lösungsfokussiert arbeitenden Fachperson, relevant sein. Um den geplanten Entwurf vor mangelnder Bedeutsamkeit zu schützen, tun wir gut daran, bei seiner Konstruktion diese vier Bedingungen im Blick zu behalten (Van Aken & Andriessen, 2011):
Einige dieser Bedingungen zeigen bereits, dass der Entwurf (implizit) aus der Literatur, aus empirischen Daten und aus den ausgewerteten Erfahrungen der Beteiligten abgeleitet werden muss.
Im nächsten Abschnitt wird gezeigt, wie die durch diese Forschung gewonnenen Informationen klassifiziert und nutzbar gemacht wurden.
Wie bereits gesagt, zielt DSR darauf ab, theoretisches Wissen und Feldverständnis zu einem Ansatz zu verbinden, den Fachpersonen nutzen können. Wissen zum Erklären wird eingesetzt, um Wissen zum Verbessern zu entwickeln, indem praktische, reale Herausforderungen und Prozesse im Feld wissenschaftlich analysiert werden. Ein Großteil dieses Wissens nimmt die Gestalt sogenannter Entwurfsprinzipien und Entwurfspropositionen an.
Der Übersichtlichkeit halber unterscheidet man üblicherweise verschiedene Arten von Entwurfsprinzipien, je nachdem, aus welchen der oben beschriebenen Forschungstätigkeiten sie abgeleitet wurden.
Eine Durchsicht der einschlägigen Literatur etwa führt im Allgemeinen zur Bestimmung einer Reihe von Aufmerksamkeitspunkten, Grenzen und gewonnenen Erkenntnissen. Ab Seite 8 erörtern wir diese in verallgemeinerter Form und nehmen uns dabei die Freiheit, alle Grenzen in ressourcen- und zukunftsorientierte Aufmerksamkeitspunkte umzuwandeln. Die Erfahrung aus der Netzwerkarbeit wiederum erlaubt es, einige gute Praktiken (Best Practices) und schlechte Praktiken (Bad Practices) zu formulieren.
In der Einleitung wurde bereits festgestellt, dass der Entwurf, sobald er vorliegt, ein Abstraktionsniveau haben muss, das allen im betreffenden Feld Tätigen seine Nutzung erlaubt. Das ist nur unter der Annahme möglich, dass soziale Systeme vergleichbare Muster zeigen, die sich untersuchen lassen, wie es die DSR tatsächlich voraussetzt. Diese Muster besitzen keine Kausalität wie in Uhrwerksystemen (Boulding, 1956), weisen aber genügend kausales Potenzial auf, um sie zu berücksichtigen (Pawson & Tilly, 1997).
Diese Sichtweise liegt der sogenannten CIMO-Logik zugrunde, die im Rahmen der DSR entwickelt wurde. CIMO steht für Context Intervention Mechanism Outcome (Kontext, Intervention, Mechanismus, Ergebnis) und besteht aus einer kurzen Beschreibung einer bestimmten Situation, die die Antworten auf diese vier Fragen enthält (Denyer et al., 2008):
Die Formulierung solcher CIMOs ergibt Entwurfspropositionen.
In der DSR werden CIMOs gewöhnlich aus Fallstudien gewonnen. Natürlich ergibt die Ableitung einer CIMO aus einem einzigen Fall eine CIMO mit sehr spezifischem Kontext. Das lässt sich vermeiden, indem man ähnliche Interventionen in unähnlichen Fällen auswertet und die Gemeinsamkeiten der zugrunde liegenden Mechanismen bestimmt, um eine allgemeinere CIMO zu konstruieren.
Im Rahmen der konstruktiven Evaluation sind zwei in der DSR entwickelte Methoden von besonderem Interesse: α- und β-Tests.
Zweck eines α-Tests ist es, erfahrenen Fachpersonen eine vorläufige Fassung des Entwurfs vorzulegen und Rückmeldungen zu innerer Konsistenz, Reliabilität, Validität und Nutzbarkeit zu erhalten, um einzuschätzen, inwieweit der Entwurf die Anforderungen erfüllt. Der Entwurf wird theoretisch erprobt, und zwar mittels Interviews, Podiumsdiskussionen, simulationsbasierter Gespräche, Befragungen und dergleichen.
Nach McKenney & Revees (2012) umfasst ein α-Test eine „frühe Bewertung von Entwurfsideen“ durch erfahrene Beteiligte. Mittels Interviews, Podiumsdiskussionen, simulationsbasierter Gespräche, Befragungen usw. prüft ein α-Test den entstehenden Entwurf auf Stichhaltigkeit und Machbarkeit:
Auf der Grundlage der Rückmeldungen aus dem α-Test wird der Entwurf angepasst.
Der β-Test lässt sich als indirekte Form der Aktionsforschung betrachten, weil die entwerfende Person nicht direkt am Test teilnimmt (Stam, 2007). Bei einem β-Test setzt eine Gruppe von Fachpersonen, die möglichst nicht an den vorangegangenen empirischen Studien beteiligt waren, den Entwurf ganz oder teilweise in der Praxis ein, um operative Verbesserungen für seine Anwendung zu entdecken. Die Teilnehmenden werden anschließend gebeten einzuschätzen, inwieweit sich die Anwendung des Entwurfs als valide, nutzbar und produktiv erwiesen hat. Daraus wird dann induktiv verallgemeinerbares Wissen gewonnen, um den Entwurf anzupassen.
Das SoFAP-Protokoll lässt sich auf das allgemeinere Feld der Begleitung von Veränderung in und zwischen (menschlichen) Systemen anwenden und geht damit über das Feld der Psychotherapie hinaus, für das der lösungsfokussierte Ansatz ursprünglich entwickelt wurde.
Das in der Einleitung genannte Entwurfsziel fügt hinzu, dass „das Protokoll den aktuellen Kontext der Person von Anfang an berücksichtigen soll“.
Bevor wir die DSR-Methodologie anwenden, um nützliche Entwurfsprinzipien und -propositionen für das SoFAP-P zu gewinnen, gehen wir zunächst auf die im Entwurfsziel verwendeten Begriffe ein.
Zunächst möchten wir betonen, dass der Begriff „Protokoll“ kein standardisiertes Verfahren und keine einheitliche Methode nach dem Prinzip „eine Größe für alle“ meint. Er bezeichnet vielmehr eine Reihe von Leitregeln (Regeln, die Regeln auf einer niedrigeren operativen Ebene steuern) oder Anweisungen, die die Anordnung der Interventionen leiten, auf die eine Fachperson der Veränderungsbegleitung zurückgreifen kann, um wirksam und effizient zu arbeiten. Der Inhalt des Begleitprozesses ergibt sich aus der Situation, in der diese Leitregeln angewandt werden können, um Veränderung anzustoßen, und ist somit spezifisch für Situation X im Kontext Y in Bezug auf die beteiligte(n) Partei(en) Z.
Wenn der Begriff Klient verwendet wird, ist damit stets die Person in ihrem relevanten Kontext gemeint und nicht die inneren psychischen oder intrapsychischen Mechanismen, die in ihr selbst wirken. Zudem kann die Klientel eine Einzelperson, ein Paar, eine Familie, ein Team oder eine Organisation als Ganzes sein, also ein Klientensystem.
Mit dem Begriff Problem bezeichnen wir eine Situation, eine Emotion, einen Gedanken oder eine Kombination davon, die das eigene Funktionieren behindert und die man loswerden möchte. Uns interessiert, wie die Fachperson gemeinsam mit der Person erkundet, was diese anstelle des Problems gern hätte. Diese Erkundung führt gewöhnlich zur Formulierung eines Ziels: etwas, das die Person erreichen möchte und das ihr zu einem besseren, erfüllteren oder zumindest leichteren Leben verhilft. Ein Problem ist in der Gegenwart oder Vergangenheit entstanden. Ein Ziel liegt in der Zukunft. Lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen stellen Fragen, die der Person helfen, Ziele in Herausforderungen zu übersetzen. Herausforderungen sind daher Antriebskräfte hin zu einer Lösung. Eine Lösung gilt hier als eine (vorübergehende oder dauerhafte) Situation, ein emotionaler und/oder kognitiver Zustand oder eine Kombination davon, die als „gut genug, um damit zu leben“ angesehen wird.
In der Organisationswissenschaft gilt Produktivität als Produkt aus Effektivität und Effizienz (Stack, 2016). Effektivität bedeutet das Erreichen des angestrebten Ziels, Effizienz dagegen einen minimalen Einsatz von Ressourcen wie Zeit, Geld und anderen Mitteln. Wenn wir also sagen, das SoFAP-P müsse Menschen helfen, ihre Herausforderungen produktiv anzugehen, so schließt dies ein, dass das angestrebte Ziel erreicht wird. Das gesuchte Protokoll kann den Anspruch der Produktivität nicht aufrechterhalten, wenn das Vorhandensein einer Lösung nicht vorausgesetzt wird. Anders gesagt: Ein valides Ergebnis des Entwurfsziels erfordert methodisch einen lösungsfokussierten Ansatz.
Was den aktuellen Kontext betrifft, so lautet die Annahme, dass Hilfe – was auch immer geschieht – weniger erfolgreich sein wird, wenn das Ökosystem der Person nicht ausdrücklich und unmittelbar (= von Anfang an) in den Prozess einbezogen wird. Gesucht ist ein Protokoll, das allen Fachpersonen eine Richtung gibt, die Menschen bei ihren Herausforderungen helfen wollen und die akzeptieren oder überzeugt sind, dass dies nicht produktiv geschehen kann, ohne das Umfeld zu berücksichtigen, in dem die Person jetzt lebt, liebt und arbeitet. Der Kürze halber bezeichnen wir dieses Umfeld im Folgenden als den aktuellen Kontext der Person; er umfasst ihr gegenwärtiges Umfeld, materiell wie immateriell, einschließlich der Verhaltens- und Interaktionsmuster der beteiligten Parteien.
Angesichts des formulierten Entwurfsziels ist es folgerichtig und sinnvoll, die folgenden drei Hilfsfragen (SQs, support questions) ausdrücklich zu formulieren, die durch empirische Forschung zu beantworten sind:
SQ1: Was sind die Merkmale eines lösungsfokussierten Ansatzes im Gegensatz zu einem problemorientierten Ansatz?
SQ2: Was ist ein geeigneter Anwendungsbereich für ein Protokoll lösungsfokussierter angewandter Psychologie zur Bewältigung von Herausforderungen?
SQ3: Was sind Produktivitätsmerkmale der Interaktion zwischen Klientel und Fachperson in einem Protokoll lösungsfokussierter angewandter Psychologie zur Bewältigung von Herausforderungen?
Die Antworten auf diese Fragen unterstützen den Entwurfsprozess des Protokolls lösungsfokussierter angewandter Psychologie. Sie stützen sich auf die Entwurfsprinzipien und -propositionen, die wir bei den ab Seite 6 beschriebenen Forschungstätigkeiten ermittelt haben, und werden auf Seite 30 beantwortet.
Die Literaturstudie zur Ermittlung von Entwurfsprinzipien für das angestrebte Protokoll bestand aus einer breiten historischen Analyse verschiedener in der angewandten Psychologie verwendeter Methoden (Psychoanalyse und psychodynamische Ansätze; Behaviorismus und kognitive Verhaltenstherapie; humanistische Psychologie; systemische Familientherapie; Erickson’sche Praktiken; lösungsfokussierte Therapie; erweiterte lösungsfokussierte Therapie), die in diesem Artikel auf das Wesentliche reduziert ist.1 Diese Lektüre wurde durch eine spezifischere, gezielte Lektüre einschlägiger Literatur ergänzt. Auf diese Weise ermittelten wir 6 Aufmerksamkeitspunkte (PAs, points of attention) und 14 gewonnene Erkenntnisse (LLs, lessons learned). Allgemein gesagt beziehen sich die PAs auf Schwächen historischer problemorientierter Ansätze, während die LLs aus den Versuchen alternativer Modelle abgeleitet wurden, diese Schwächen zu überwinden. Darüber hinaus konnten wir durch Befragung unseres Netzwerks 5 gute Praktiken (BPs, best practices) und 5 schlechte Praktiken (BaPs, bad practices) der lösungsfokussierten Psychologie formulieren.
Sigmund Freud (1856–1939) entwickelte als einer der Ersten in der Geschichte die Psychoanalyse als Gesprächstherapie. Freuds grundlegende Bücher (Studien über Hysterie (1885) und Die Traumdeutung (1899)) zeigen jedoch eine kompromisslose Ausrichtung auf die detaillierte Beschreibung psychischer Probleme und ihrer (vermuteten) Ursachen, beinahe bis zu deren Gleichsetzung. Diese Denkweise erwies sich zu ihrer Zeit als fruchtbar. Während Freud seinen theoretischen Rahmen erweiterte, trainierte Iwan Pawlow (1849–1936) einen Hund darauf, beim Klang einer Glocke Speichel abzusondern. Dies diente als Veranschaulichung des Gedankens, dass Verhalten biologisch durch kognitive Prozesse aus der Vergangenheit bestimmt sei, und führte zu einer Reihe verhaltenstherapeutischer Psychotherapiemodelle, in denen Emotionen als bloße physiologische Ausdrucksformen galten, die Kognitionen begleiten. Unter diesen Modellen ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) wohl die bekannteste. Der Einfluss dieser Strömungen auf die nachfolgenden Psychotherapiemodelle führte zur Formulierung dieses ersten Aufmerksamkeitspunkts.
PA-1: In problemorientierten Ansätzen liegt der Schwerpunkt auf der detaillierten Beschreibung von Problemen und den entsprechenden vermuteten Ursachen, die diesen Problemen zugrunde liegen sollen. Diese Beschreibungen und die Sprache, in der die Fachperson gewöhnlich mit ihrem Gegenüber spricht, sind problemorientiert. Das führt leicht zu einer Situation, in der der Suche nach einer Lösung für das Problem der Person (zu) wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Diese Betonung der Ursachen geht mit einer starken Neigung einher, die Problemsituation der Behandelten (der Klientel) in einen historischen Kontext zu stellen.
PA-2: Die meisten Ansätze zeigen eine unausgewogene methodische Ausrichtung. Sie schenken den vergangenen Erfahrungen und dem historischen Kontext der Person mehr Aufmerksamkeit (= Zeit und Energie) als ihrer gegenwärtigen Situation und ihren Veränderungswünschen. Das geht zulasten der Erkundung möglicher Zukunftsoptionen, die die gewünschten Veränderungen näher rücken lassen.
Einen ersten Versuch, diesem Ungleichgewicht entgegenzuwirken, unternahm der humanistische Ansatz, der sich besser als allgemeine Haltung denn als Verbund von Interventionstechniken beschreiben lässt. Die humanistische Psychologie wendet sich gegen die deterministische Sichtweise früherer Theorien und kritisiert zudem die KVT dafür, grundlegende Aspekte des Menschen als fühlendes, denkendes und handelndes Individuum nicht zu berücksichtigen. Stattdessen, so hieß es, solle das Ziel das Wachstum jedes Individuums im Sinne von Erfüllung, Selbstwertgefühl und Autonomie sein.
LL-1: Analytische Klassifikationen psychischer Probleme aufgeben; sich stattdessen auf integrierte ganzheitliche Lösungen konzentrieren (die implizit mehrdimensional und vielschichtig sein können).
Dieser Paradigmenwechsel machte aus der Patientenschaft eine Klientel, eine Verwandlung, die durch das Buch Client-Centered Therapy: Its Current Practice, Implications and Theory (1951) des humanistischen Psychologen Carl Rogers (1902–1987) besiegelt wurde. Wie der Titel des Buches andeutet, wurde das Individuum nicht länger als passiv an der Therapie teilnehmend gesehen, was eine gewisse Gleichrangigkeit zwischen der behandelnden Person und den Menschen nahelegt, denen Behandlung zuteilwird – ein scharfer Gegensatz zu Praktiken anderer, auch neuerer Methoden.
PA-3: Die Problembeschreibungen der Klientel münden typischerweise in diagnostische Klassifikationen und Typologien psychischer Probleme und Störungen. Solche Klassifikationen wie das DSM V haben den Vorteil, praktisch zu sein, können aber auch leicht zu Verwirrung und Vereinfachungen führen, die der Komplexität des menschlichen Lebens mit all seinen Zufällen, unerwarteten, unergründlichen und unvorhersehbaren Wendungen wenig oder keinen Raum lassen.
LL-2: Die Ziele und Ressourcen der Person sollten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Das Paradigma, mit dem die Fachperson ihre Interventionen steuert, ist nicht mehr als ein Werkzeug im Begleitprozess der Person. Also nicht die Methode führen lassen, sondern die Person.
Der humanistische Ansatz litt jedoch an seinem eigenen Idealismus, indem er die Klientel auf Abstraktionen ausrichtete. Alle sollten nach Selbstbewusstheit, Selbstvervollkommnung, Selbstverwirklichung streben – große Worte, denen in der Praxis schwer gerecht zu werden ist.
LL-3: Nützliche Ziele sind praktisch, realistisch, erreichbar, lassen sich in Verhaltensbegriffen formulieren („Was werden Sie anders tun/denken/fühlen, wenn …“) und reichen vorzugsweise vom Kleinen zum Großen.
LL-4: Bei der gegenwärtigen Situation der Person in Bezug auf ihre momentanen Ziele ansetzen und dann eine Zukunftsorientierung entwickeln.
Die Betonung des Selbst in der humanistischen Psychologie brachte einen weiteren Aspekt menschlicher Erfahrung ans Licht, der auch von früheren psychoanalytischen Modellen vernachlässigt worden war. In Freuds Gesprächstherapie wurde die Bedeutung des aktuellen Ökosystems der Person übersehen; es diente nur als Leinwand, auf der die Neurose der behandelten Person umrissen wurde. Auch die KVT hielt den sozialen Kontext der Person nicht für wichtig.
PA-4: Die untersuchten problemorientierten Theorien zeigen eine unausgewogene Ausrichtung auf die Beteiligten: Die Aufmerksamkeit gilt vor allem der Person als Individuum, selbst wenn das Behandlungsformat das Paar, die Familie oder eine Gruppe ist. Andere Beteiligte im Ökosystem der Person werden als eher randständig betrachtet.
Als Erste erkannte diese Vernachlässigung die Schule der systemischen Familientherapie (FST, family systems therapy), die nach dem Zweiten Weltkrieg infolge des Zustroms vieler psychiatrisch Erkrankter von den Schlachtfeldern aufkam. Es war offensichtlich, dass manche nach der Rückkehr in ihre Familien und Gemeinschaften Rückfälle erlitten, während andere sich mithilfe ihres neuen Umfelds wieder anpassten und genasen. Allmählich dämmerte die Vorstellung, dass das Ökosystem der behandelten Person ein Faktor war, was es den Praktizierenden ermöglichte, von einer intrapsychischen zu einer interaktionistischen Sichtweise überzugehen.
LL-5: Den aktuellen Kontext der Person direkt und ausdrücklich in den Ansatz einbeziehen. Das bedeutet, alle relevanten Beteiligten im aktuellen ökosystemischen Kontext der Person so einzubinden, dass sie der Person zusätzliche Ressourcen beisteuern oder von ihren Fortschritten profitieren können, oder beides.
In der Frühphase der FST galt die Familie gewöhnlich als das wichtigste Subsystem im aktuellen Kontext der Person. Ziel war es, nach Interaktionsmustern in den Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern zu suchen, ausgehend von der Vorstellung, dass einige dieser Muster ein oder mehrere Familienmitglieder so negativ beeinflussen können, dass sie Probleme entwickeln, und dass ihre Reaktionen auf diese wiederkehrenden Interaktionen den problematischen Interaktionszyklus dann aufrechterhalten. Das Ergebnis war eine etwas mechanistische Deutung des Funktionierens von Menschen und ihrer Interaktionen. Dieses Problem lässt sich auf die ursprünglichen Schulen der Freud’schen Psychoanalyse und der KVT zurückführen.
PA-5: Die kausale Linearität von Anamnese und Diagnose zu Therapie und Prognose verdeckt die Komplexität des Lebens jeder Person, vereinfacht die Situation, die das Problem verursacht, übermäßig und verringert dadurch die Chance auf robuste und nachhaltige Lösungen.
Die Praxis von Milton Erickson war ein radikales Gegenmittel gegen diese Falle. In seinem Ansatz war es stets der aktuelle, gegenwärtige Kontext der Person, der deren Wachstumsorientierung leitete, während die Vergangenheit nur so viel Aufmerksamkeit verdiente, wie nötig war, um nicht in nutzlose Gewohnheiten zu verfallen. Von dieser Ausrichtung auf die Gegenwart her lässt sich der vorige Aufmerksamkeitspunkt ergänzen:
LL-6: Auf die Linearität von Anamnese, Diagnose, Therapie und Prognose verzichten; stattdessen iterativ, rekursiv und zirkulär arbeiten.
Wie in der Einleitung dargelegt, litt Ericksons Praxis an mangelnder Übertragbarkeit, die de Shazer und Berg zu überwinden suchten, was schließlich zur Lehre der lösungsfokussierten Therapie (SFT, solution-focused therapy) führte. In de Shazers Buch Putting Difference to Work (1991) wird der Unterschied zu anderen Therapieformen und ihren philosophischen Grundlagen durch sein berühmtes Zitat verdeutlicht: Die Klasse der Probleme gehört einer anderen logischen Klasse an als die Klasse der Lösungen. Anders gesagt: Man muss weder die Natur noch die eigentliche Ursache eines Problems verstehen, um der Person zu helfen, eine Lösung zu finden. Doch trotz dieser Einsicht zögerten SFT-Praktizierende lange Zeit unnötig, die Klientel direkt nach ihren Zielen und den möglichen Lösungen zu fragen, die sie sich vorstellte. Aus der Reflexion über diese Grenze und über einige der oben bereits gewonnenen Prinzipien ergaben sich auf einen Schlag drei Erkenntnisse.
LL-7: Lösungen gehören der Zukunft an, Probleme hingegen der Vergangenheit. Der Schwerpunkt sollte auf der Konstruktion möglicher Lösungen und gewünschter Ergebnisse liegen.
Statt sich auf (das Warum der) Probleme in der Vergangenheit zu konzentrieren, sollte sich die Fachperson auf das gewünschte Ergebnis konzentrieren: „Was möchten Sie morgen und nächste Woche erreichen?“, „Was könnte der erste kleine Schritt sein, um das zu erreichen?“
LL-8: Lösungen können sein: 1) Ergebnisse, Resultate, 2) Prozesswirkungen (da Gedanken Handlungen verändern und umgekehrt), 3) Kombinationen von 1 und 2.
LL-9: Sich zuerst auf mögliche Lösungen konzentrieren und dann Zwischenschritte iterieren, um eine robuste, selbstlernende, auf die Person zugeschnittene Lösungsmethodik zu schaffen.
Abschließend ist klar, dass alle genannten Mängel den Weg der Person zu ihren Zielen behindern und daher mangelnde Effizienz im Einsatz von Zeit, Geld und anderen Ressourcen bedeuten. Das führte zur Aufnahme eines eher formalen Aufmerksamkeitspunkts:
PA-6: Im Allgemeinen leiden problemorientierte Ansätze in größerem oder geringerem Maß an mangelnder Effizienz im Einsatz von Zeit, Geld und anderen Ressourcen.
Weitere Entwurfsprinzipien wurden aus einer pragmatischen Literaturstudie herausgearbeitet.
Bei der Untersuchung der Interaktion zwischen Fachperson und Klientel stellte Bachelor (1995) fest, dass der Erfolg der Therapie stark von der Haltung abhängt, die die Fachperson in den Sitzungen einnimmt. Die größten Fortschritte wurden erzielt, wenn die Haltung der Fachperson auf die Wünsche, Ziele und den Lernstil der Person abgestimmt war.
LL-10: Einen von der Person getragenen oder gesteuerten Ansatz fördern statt eines auf sie ausgerichteten oder fokussierten.
Was den Begriff „Widerstand“ aus der Psychoanalyse betrifft, so wissen wir von de Shazer (1984), dass es so etwas nicht gibt, weil alles, was die Person sagt oder tut, als Anweisung gedeutet werden kann, die der Fachperson zeigt, wie die Person unterstützt werden möchte. In der nächsten gewonnenen Erkenntnis haben wir zwei häufige Fälle von „Widerstand“ ausdrücklich gemacht: Eine Person kann von Dritten angewiesen worden sein, therapeutische Hilfe aufzusuchen, oder sie kann der Vorstellung, ein psychisches Problem zu haben, mit Vorurteilen begegnen.
LL-11: Auf drei große Tendenzen achten, die verhindern, dass sich Menschen einem Ansatz lösungsfokussierter angewandter Psychologie öffnen: 1) fehlende intrinsische Veränderungsmotivation, 2) „Widerstand“ gegen Veränderung und 3) Übersetzung psychischer Anliegen in körperliche Probleme.
Bereits 1936 argumentierte Samuel Rosenzweig, „es ist berechtigt, sich zu fragen, ob die Faktoren, die in verschiedenen Therapien tatsächlich wirksam sind, nicht viel mehr gemeinsam haben als die Faktoren, die angeblich wirksam sind“. Sein Hinweis (oder Verdacht) wurde durch Befunde von Lambert (1992) bekräftigt, der zeigte, dass unspezifische Faktoren für die während psychologischer Begleitung bewirkten Veränderungen größtenteils verantwortlich sind: Nur 15% der Veränderungen ließen sich methodenspezifischen Interventionen zuschreiben, die übrigen 85% gingen auf die Beziehung zwischen Klientel und Fachperson, die Hoffnungen und Erwartungen der Person an eine bessere Zukunft und außertherapeutische Faktoren zurück. Zudem haben Frank & Frank (1991) präzisiert, wie diese wichtigen unspezifischen oder gemeinsamen Faktoren von der Fachperson aktiviert werden können. Daraus lassen sich auf einen Schlag zwei Erkenntnisse gewinnen:
LL-12a: Die Nutzung unspezifischer therapeutischer Faktoren, aus Sicht der Person betrachtet, in den Begleitansatz integrieren (statt sie als willkommenes Nebenprodukt anzusehen). Unspezifische therapeutische Faktoren sind: Die Person fühlt sich verstanden, erhält echte Aufmerksamkeit, fühlt sich respektiert und bekommt eine Perspektive angeboten, die ihr Hoffnung auf Veränderung in der Zukunft gibt.
LL-12b: Die Nutzung unspezifischer therapeutischer Faktoren, aus Sicht der Fachperson betrachtet, in den Begleitansatz integrieren.
Wampold (2001) ist hinsichtlich des Nutzens spezifischer Methoden noch skeptischer als Lambert (1992) und stellt fest, dass nicht mehr als 8% der Therapieergebnisse als Resultat methodenspezifischer Mechanismen gelten können. Er empfiehlt Fachpersonen, sich den folgenden beiden Erkenntnissen zu öffnen. Die erste besteht darin, der Person zu helfen, sich aus ihrer binären Schwarz-Weiß-Haltung zu lösen. Die zweite empfiehlt, die Person durch eine sorgfältig entwickelte Arbeitsbeziehung in den Mittelpunkt des therapeutischen Prozesses zu stellen.
LL-13: Die Wirkung psychologischer und interrelationaler Begleittechniken in eine differenziertere Perspektive rücken, indem Differenzierungsfragen (einschließlich Skalierungsfragen) gestellt werden.
LL-14: Der therapeutischen Beziehung erlauben, sich zu einem therapeutischen Bündnis zu entwickeln.
Während vieler Jahre der Zusammenarbeit mit Vordenkenden und Fachleuten aus Psychotherapie, Kybernetik, Erkenntnistheorie, Hypnotherapie, Systemdenken, Linguistik, Schwarmintelligenz und natürlich lösungsfokussierter Praxis hatte Cauffman als Forscher Gelegenheit, unzählige Stunden gemeinsam mit diesen Fachleuten zu lehren, von ihnen zu lernen, sie zu studieren und mit ihnen zu diskutieren. Diese Kontakte haben seine Ansichten erweitert, ihnen widersprochen, sie erprobt, herausgefordert, bestätigt oder (ganz oder teilweise) falsifiziert und zumindest geschärft. Aus dieser Grundlagenarbeit wurden die folgenden fünf guten und schlechten Praktiken für den angestrebten SoFAP-P-Entwurf herausgearbeitet.
BP-1: Die Arbeitsbeziehung mit der Person in ein Bündnis verwandeln
Eine Beziehung drückt eine Verbindung aus, ein Bündnis dagegen ist ein Band zwischen Parteien, die ein gemeinsames Ziel teilen. Die psychologische Fachperson muss daher die Ziele der Person berücksichtigen und ihre Arbeitsbeziehung zu einem auf dieses Ziel ausgerichteten Bündnis mit ihr gestalten. Die Fachperson und ihre Expertise sind die Werkzeuge, um der Person zu helfen, sich selbst zu helfen (vgl. LL-14).
BP-2: Ziele auf aktive Weise setzen
Diese gute Praxis führt LL-3 einen Schritt weiter. Es gilt, aktiv Fragen zu stellen, um der Person zu helfen, ihre Ziele zu setzen und sie in eine Liste nützlicher Vorhaben zu übersetzen, die als Checkliste dienen kann. Nützliche Ziele sind praktisch, realistisch, erreichbar, lassen sich in Verhaltensbegriffen formulieren (Was werden Sie anders tun, wenn …) und reichen vorzugsweise vom Kleinen zum Großen.
BP-3: Ziele fortlaufend setzen
In der psychologischen Begleitung wird der Person geholfen, ihre Ziele in Herausforderungen zu übersetzen, wie LL-9 nahelegte. Ist ein Teilziel erreicht, wird diese Veränderung zum Kontext einer anschließenden Herausforderung, bis das Ziel aller Ziele erreicht ist: Der Person wird geholfen, sich selbst zu helfen, ihre eigenen Ziele mit ihren eigenen Ressourcen zu erreichen. Kurz gesagt ist Zielsetzung keine Intervention mit festem Zustand (man setzt einmal ein Ziel, und das war’s), sondern ein aktiver, iterativer und rekursiver Prozess.
BP-4: Sich auf die Ressourcen und Möglichkeiten der Person konzentrieren
Die Idee und die dazugehörige Frage nutzen: Was läuft trotz des Problems (gut genug) gut? – um sowohl die Aufmerksamkeit der Person als auch die Perspektive der Fachperson auf die Ressourcen zu richten, die genutzt werden können, um Schritte hin zu einer gewünschten Zukunft zu machen.
BP-5: Die Minimax-Entscheidungsregeln anwenden.
„Minimax“ bedeutet, als Fachperson minimalen Aufwand einzusetzen und dabei für die Person maximalen Ertrag und maximale Veränderung zu erzielen. Es ist ein nützliches Werkzeug im Hinblick auf PA-6. Unsere empirische Forschung in der Praxis hat gezeigt, dass die meisten Fachleute in ihrer Arbeit implizit oder explizit die folgenden vier Grundregeln anzuwenden scheinen:
Was die schlechten Praktiken betrifft, so scheinen die größten Fallstricke die eigenen Überzeugungen und Theorien der therapierenden Person zu sein (Kottler & Carlson, 2003). Tatsächlich kann die therapierende Person so sehr daran hängen, dass diese Überzeugungen und Theorien der Klientel im Weg stehen. Wir nennen lediglich die gefundenen schlechten Praktiken und halten fest, dass sie mit den oben ermittelten Aufmerksamkeitspunkten und gewonnenen Erkenntnissen übereinstimmen.
BaP-1: Einer Theorie, einem Modell oder einer Methode Vorrang vor den eigentümlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Person geben.
BaP-2: Sich in Spekulationen über das Warum dessen verlieren, was schiefläuft.
BaP-3: Eine obsessive Ausrichtung auf die Vergangenheit haben
BaP-4: Die gewünschten Ziele auf die bloße Abwesenheit von Problemen beschränken.
BaP-5: Die Arbeitsbeziehung als asymmetrisch behandeln, wobei die Person die Quelle aller Schwierigkeiten und die Fachperson die allwissende Instanz ist.
Für die Fallstudie wurden 25 Fälle gesammelt, aus denen sich 21 CIMOs gewinnen ließen. Dieser Gewinnungsprozess wurde von beiden Forschenden und Verfassenden getrennt und unabhängig voneinander durchgeführt. Etwaige Unterschiede in ihren Ergebnissen wurden ausführlich erörtert. Wenn kein Konsens erzielt werden konnte, wurde der Fall einer dritten Person vorgelegt, die im Feld der angewandten Psychologie arbeitet. Die meisten CIMOs, die aus diesem Prozess hervorgingen, beruhen auf mehreren Hinweisen, die in verschiedenen Fällen auftreten.
Hier (ein Teil) eines der 25 analysierten Fälle, um das „Schürfen“ von CIMOs zu veranschaulichen. Der Titel einer CIMO leitet sich aus der darin enthaltenen Intervention ab und hat daher Imperativcharakter: Er sagt der Fachperson, was zu tun ist.
Fall: Ich bin es nicht. Er ist es! Die HR-Leitung erhält einen dringenden Anruf von einem der Produktionsleiter, der sagt: „Hören Sie, können Sie mir einen Gefallen tun? Ich habe da diesen Eric in meinem Team, der mich in den Wahnsinn treibt. Ich habe das Gefühl, dass er ständig versucht, meine Autorität im Team zu untergraben. Wir hatten gerade einen heftigen Streit, und ich habe ihm gesagt, er soll zu Ihnen gehen und mit Ihnen reden, damit er wieder zur Vernunft kommt. Ich habe ihm auch gesagt, dass das seine letzte Chance ist. Wenn er mit seinem subversiven Verhalten nicht sofort aufhört, werfe ich ihn raus. Können Sie bitte jetzt gleich mit ihm reden? Er ist auf dem Weg zu Ihrem Büro.“
HR-Leitung: „Ist er gut in seinem Job? Wollen Sie ihn wirklich loswerden, oder leistet er, abgesehen davon, dass er Ihnen regelmäßig auf die Nerven geht, nützliche Arbeit in Ihrem Team?“ [cimo-7] [cimo-16]
Produktionsleiter (von dieser Frage etwas überrumpelt): „Na ja, er ist sehr gut in seinem Job. Der Beste, den es gibt. Das Problem ist, dass er das weiß und sich dadurch geschützt fühlt. Aber diesmal meine ich es ernst – entweder er reißt sich zusammen, oder er fliegt.“
HR-Leitung: „Nun, das ist eine sehr entschiedene, oder sollte ich sagen, schwarz-weiße Haltung, die Sie da einnehmen. Ich verspreche nichts, aber ich werde mit ihm reden und sehen, was sich machen lässt.“
Eric stürmt ins Büro der HR-Leitung: „Ich muss zu Ihnen kommen, weil mein Chef es mir befohlen hat. Er wirft mir vor, hinter seinem Rücken seine Autorität im Team zu untergraben. Aber das ist eine Lüge. Es stimmt einfach nicht. Er ist so wütend geworden, dass er mir befohlen hat, zu Ihnen zu gehen, sonst würde er mich rauswerfen. Ich weiß, wenn er unter Stress steht, neigt er dazu, digital zu denken, schwarz-weiß.
Er ist Ingenieur. Aber jetzt glaube ich, der Mann hat einfach den Verstand verloren. Das war’s, ich habe nichts mehr zu sagen – er ist es, der einen Seelenklempner braucht.“ [cimo-6]
HR-Leitung: „Langsam! Setzen Sie sich, und wir schauen, was sich machen lässt. Erzählen Sie mir bitte, was passiert ist.“
Eric erzählt eine lange und verschlungene Geschichte, die sich als Lawine gegenseitiger Missverständnisse zusammenfassen lässt. [cimo-1] [cimo-3]
Nach einer Weile sagt die HR-Leitung: „Okay, Eric, ich verstehe Ihren Standpunkt. Ich habe keine Lust, mich auf alle möglichen Begründungen einzulassen, wer recht hat und wer nicht. Sie reden nur mit mir, weil Sie müssen. Und es ist meine Aufgabe, mit Ihnen zu reden. Es ist offensichtlich, dass Ihr Chef verärgert über Sie ist. Aber wenn Sie die positive Seite betrachten: Er schickt Sie zu mir, um mit mir zu reden, was bedeutet, dass er noch eine Chance sieht, aus diesem Schlamassel herauszukommen. Sonst würde er sich nicht die Mühe machen, Sie zu mir zu schicken. Vielleicht ist es also hilfreich, über die Schwarz-Weiß-Haltung hinauszugehen und zu versuchen, die Situation etwas relativer zu betrachten. [cimo-17] Eric wirkt überrascht und nickt: Ja, da haben Sie wahrscheinlich recht. Die HR-Leitung fährt fort: Lassen Sie mich Ihnen jetzt eine Frage stellen. Was müssen Sie anders machen, damit Ihr Chef Sie in Ruhe lässt?“ [cimo-5] [cimo-7]
Es ist klar, dass Eric zu dem Thema, das sein Chef anspricht, also seinem angeblich subversiven Verhalten, keinerlei Hilfeanliegen hat. Die HR-Leitung beschließt, sich nicht auf eine fruchtlose Suche und Analyse der Wahrheit einzulassen: Handelt Eric subversiv, ja oder nein? Eine solche Intervention würde nirgendwohin führen außer zu noch mehr Ärger. Die HR-Leitung weist darauf hin, dass der Chef, obwohl er sich über Eric ärgert, dennoch einen positiven Grund für die Überweisung hat. [cimo-8] Das wirkt beruhigend. Die letzte Frage der HR-Leitung hilft Eric dann, über ein alternatives Problem nachzudenken – was muss Eric anders machen, damit ihm der Chef nicht mehr im Nacken sitzt? [cimo-6] Das ist nun ein Problem, für das Eric vielleicht ein Hilfeanliegen hat. Von da an entwickelt sich ein nützliches Gespräch. Die HR-Leitung kann Differenzierungsfragen stellen: „Wenn jetzt gerade die allerschlimmste Situation der letzten Monate ist, können Sie mir einige Beispiele für Momente nennen, in denen es etwas leichter war, miteinander umzugehen? Was haben Sie anders gemacht, und was hat Ihr Chef anders gemacht? Anschlussfragen helfen Eric, langsam aus der binären Haltung (ja/nein, schwarz/weiß, an/aus) herauszutreten und darüber zu sprechen, was er anders machen könnte, um den Umgang mit seinem Chef zu erleichtern. Am Ende des Gesprächs fragt die HR-Leitung Eric, ob dieses Gespräch für ihn nützlich war.
[cimo-16]. Eric antwortet: „Ja, Sie helfen mir, die Dinge in einer richtigeren Perspektive zu sehen, und das ist sowohl eine Erleichterung als auch ein guter Ausgangspunkt für die nächsten Schritte nach vorn.
Wir stellen hier nur CIMO-16 und CIMO-17 als Beispiele vor2.
CIMO-16: Die Nützlichkeitsfrage stellen. Immer wenn die Fachperson den Eindruck hat, dass ihre Begleitung nicht zu ausreichenden Fortschritten führt oder dass eine Rückmeldung nötig ist, sollte sie der Person folgende Frage stellen: Ist es nützlich, wenn wir so miteinander sprechen? Diese Intervention ist ebenso wirkungsvoll wie elegant und dient dazu, die Person einzuladen, die Arbeitsbeziehung aus einer Metaperspektive zu betrachten. Die Frage ruft schlicht eine nützliche Rückmeldung der Person hervor, während die Antwort keine besonderen intellektuellen Fähigkeiten erfordert. In diesem Sinne kann die Frage sogar in Gesprächen mit Kindern oder mit Menschen mit geistiger Behinderung verwendet werden. Ziel dieser Frage ist es, der Person die Möglichkeit zu geben, eine Rückmeldung zu ihrem eigenen Begleitprozess zu geben, was sie in den Mittelpunkt des Bündnisses stellt.
CIMO-17: Eine relativierende Perspektive anbieten. Wenn Menschen den Eindruck haben, in großen Schwierigkeiten zu stecken, neigen sie oft dazu, in Schwarz-Weiß-Kategorien zu denken, was ihre Sicht erstarren lässt. Dann muss die Fachperson ihnen helfen, Nuancen zu finden, die dieser düsteren Sichtweise entgegenwirken. Rationale Gegenargumente bringen selten Ergebnisse. Um die gewünschte Perspektive hervorzurufen, stellt man Fragen oder macht Bemerkungen, die eine relativere Sichtweise nahelegen. Beispiele sind Fragen oder Bemerkungen wie: Wäre es nicht gut, eine Nacht darüber zu schlafen? Übertreiben Sie da nicht ein wenig? Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Morgen ist auch noch ein Tag. Und so weiter. Natürlich muss man darauf achten, diese Bemerkungen respektvoll zu formulieren und zu vermeiden, dass sie als zynisch, banal oder herabsetzend aufgefasst werden könnten.
Beim „Schürfen“ von CIMOs aus den Fällen von Fachpersonen wurde beschlossen, sich darauf zu konzentrieren, die Erfahrungen ausdrücklich zu machen, die Fachpersonen in ihren Interaktionen mit der Klientel gemacht haben. Dies geschieht, um die Komplexität bei der Beschreibung der CIMOs zu verringern. Die Folge ist, dass in den meisten Fällen der Kontext, die Intervention und das erwartete Ergebnis (der Output) im Wortlaut der CIMO deutlicher zum Ausdruck kommen als der Mechanismus.
Mit den aus der Literatur, der Arbeit mit Fachleuten und den Fällen aus der Praxis gewonnenen Informationen lassen sich die drei zu Beginn von Abschnitt 3 genannten Hilfsfragen der Forschung (SQs) beantworten.
SQ1: Was sind die Merkmale eines lösungsfokussierten Ansatzes im Gegensatz zu einem problemorientierten Ansatz?
Lösungsfokussierte angewandte Psychologie bezeichnet den übergreifenden Ansatz, der wie ein Betriebssystem funktioniert, im Unterschied zu den konkreten Interventionen und Methoden problemorientierter Ansätze, die Anwendungen gleichen. Im Kern ist die lösungsfokussierte Arbeitsweise durch 8 Grundmerkmale gekennzeichnet. Sie interessiert sich für Probleme nur insoweit, als sie Hinweise auf mögliche Lösungen liefern; kein Problem ist statisch, und Ausnahmen in der Problemwahrnehmung weisen den Weg zur Verbesserung (1). Der Blick richtet sich fortwährend auf die verfügbaren Ressourcen, die die betreffende Einzelperson, das Paar, die Familie oder das größere System nutzen kann, um im Leben voranzukommen (2). Mithilfe ausdrücklicher Fragen wird die Aufmerksamkeit auf eine Zukunft gelenkt, in der mögliche Lösungen liegen (3), und zwar mit Blick auf die Ziele der Person (4). Im Vorgehen der Fachperson haben Fragen Vorrang vor Erklärungen (5), und die Minimax-Entscheidungsregeln (siehe BP-5) werden beachtet (6). Die Gespräche zwischen Fachperson und Klientel bedienen sich der sogenannten „Lösungssprache“ (solution talk), die stets darauf abzielt, der Person zu helfen, eine alternative Wirklichkeit zu ihrem Problemzustand zu konstruieren (7). Letztlich gehen diese Punkte auf die auf den Seiten 2 und 3 genannten 5 Axiome und das entsprechende Menschenbild zurück (8).
SQ2: Was ist ein geeigneter Anwendungsbereich für ein Protokoll lösungsfokussierter angewandter Psychologie zur Bewältigung von Herausforderungen?
Angewandte Psychologie wird unter anderem in der Studien- und Berufsberatung, bei Personalgewinnung und -auswahl, im Konsumgütermarketing, im Coaching, in der Organisations- und Familienunternehmensberatung, in schulischen und pädagogischen Anwendungen, in der Führungskräfteentwicklung und natürlich in der psychischen Gesundheitsversorgung eingesetzt. In all diesen Bereichen könnte das SoFAP-P von Fachpersonen eingesetzt werden. Die Anwendung des SoFAP-P muss auch von der Motivation der Person abhängen, sich auf diese Weise helfen zu lassen. In jedem Fall aber sind Probleme, die sich nicht als Herausforderung umformulieren lassen (man denke an (neuro)physiologische Defekte), ungeeignete Ziele für den Einsatz des SoFAP-P.
SQ3: Was sind Produktivitätsmerkmale der Interaktion zwischen Klientel und Fachperson in einem Protokoll lösungsfokussierter angewandter Psychologie zur Bewältigung von Herausforderungen?
Eine produktive Interaktion zwischen Klientel und Fachperson ist erreicht, wenn die unspezifischen Faktoren aus LL-12a (die Person fühlt sich verstanden, erhält echte Aufmerksamkeit, fühlt sich respektiert und bekommt eine Perspektive angeboten, die ihr Hoffnung auf Veränderung gibt) optimal genutzt werden. Der Schlüssel zur Entfaltung ihres Potenzials liegt vermutlich in der sprachlichen Kompetenz der Fachperson. In einem produktiven Bündnis zwischen Klientel und Fachperson ist die Haltung der Fachperson durch ihre fortlaufende qualitative wie quantitative Bewertung der verwendeten Sprache und der durchgeführten Interventionen geprägt.
Das SoFAP-P ist indiziert, also nützlich, wirksam und effizient, wenn die Person:
Aus praktischer Sicht eignet sich das SoFAP-P ideal für Situationen, in denen zeitliche und finanzielle Ressourcen begrenzt sind.
Kontraindikationen für die Anwendung des SoFAP-P:
Zusammenfassend: Das Protokoll lösungsfokussierter angewandter Psychologie behandelt die Probleme der Klientel als Herausforderungen, die sie mithilfe ihrer eigenen Ressourcen lösen kann, um positive Ergebnisse in Richtung ihrer gewünschten Ziele zu erreichen – unabhängig von problemfokussierten Indikationen und spezifischen modellgeleiteten Überzeugungen.
Mit den Entwurfsvorschlägen und -prinzipien, die wie im vorigen Abschnitt veranschaulicht gesammelt wurden, ist das SoFAP-P als geordnete Abfolge von Interventionen angelegt, die Fachpersonen bei der Begleitung von Veränderung in und zwischen (menschlichen) Systemen anwenden können. Sein Einsatz reicht daher über das ursprüngliche Feld der Psychotherapie hinaus. Dieses Protokoll folgt nicht einfach als logische Konsequenz aus den genannten Prinzipien und Propositionen, sondern ist vielmehr das Ergebnis eines informierten kreativen Sprungs, der mehreren Runden iterativer Erprobung unterzogen wurde.
Das SoFAP-P ist darauf angelegt, das Gespräch zwischen Fachperson und Klientel (über die gesamte Dauer ihrer begleitenden Zusammenarbeit) zu leiten, und hat die übergreifende Struktur eines Flussdiagramms, das aus drei großen Bewegungen3 besteht. Jede Bewegung umfasst mehrere Komponenten, und die oft aufeinanderfolgenden, iterativen und manchmal rekursiven Wege durch diese Bewegungen und Komponenten wählt die Fachperson mit dem einzigen Kriterium, eine positive Veränderung für die Person zu ermöglichen. Der Weg durch das Flussdiagramm sollte also davon bestimmt sein, was in der Arbeitsbeziehung zwischen der Fachperson und der Person (bzw. dem Klientensystem) geschieht.
Dieser Ablauf ist selten linear, sondern springt sowohl innerhalb jeder Bewegung als auch zwischen den verschiedenen Bewegungen. Innerhalb jeder Bewegung kann der Ablauf infolge der sich ständig weiterentwickelnden Situation von einer Komponente bzw. einem Typ der Arbeitsbeziehung zu einem anderen springen. Wie im SoFAP-P-Flussdiagramm dargestellt, ist es manchmal nötig, frühere Schritte zurückzuverfolgen oder zu einer früheren Bewegung zurückzukehren. Für eine weitere Erläuterung der 3 Bewegungen verweisen wir auf Anhang 2.
Oft werden aufeinanderfolgende Schritte sequenziell und iterativ, bei Bedarf auch rekursiv angewandt, was alle möglichen Variationen und Verzweigungen im Interventionsprozess erlaubt. Es kann nötig sein, zu früheren Schritten zurückzukehren und sie geringfügig zu verändern. Dann wird der Ablauf rekursiv. Da die Erschaffung einer Wirklichkeit jedoch ein sich ständig entfaltender Prozess ist, gibt es keine Möglichkeit, genau zum Ausgangszustand zurückzukehren (πάντα ῥεῖ).
Die Abfolge und Anhäufung interaktiver und rekursiver Schritte führt zu einem Veränderungsprozess kumulativer Natur.
Für eine ausführliche Beschreibung der Schritte und Entscheidungen im SoFAP-Protokoll siehe: Cauffman, L, and Weggeman, M. (Routledge 2023): Solution-focused Applied Psychology. A Design Science Research Based Protocol. Routledge.
Das Flussdiagramm in Abbildung 1 ist eine statische visuelle Darstellung. Durch Scannen des folgenden QR-Codes gelangt man zu einer animierten Version, die alle verschiedenen Phasen durchläuft. Dieses dynamische Flussdiagramm ist ein Werkzeug zum Lernen, Lehren und Intervenieren.
Die Organisationswissenschaft hat stark von der Kontingenztheorie profitiert, wie sie Jay Galbraith (1973) formuliert hat. Die Theorie beruht auf zwei Annahmen: erstens, dass es nicht die eine beste Art des Organisierens gibt, und zweitens, dass nicht alle Arten des Organisierens gleich wirksam sind. Für diese Entwurfsaufgabe lauten diese Annahmen:
Abbildung 1. SoFAP-P-Flussdiagramm. Abbildung nicht wiedergegeben.
Annahme 2 impliziert, dass jede sinnvolle Diskussion eines solchen Ansatzes vergleichender Natur sein muss, während die erste Annahme impliziert, dass jeder solche Vergleich partikular sein muss, also auf der Erfahrung von Fachpersonen beruhen muss, die sich für ein Urteil qualifiziert fühlen. In diesem Licht können Alpha- und Betatests4 tatsächlich als besonders geeignete Methoden gelten, um die pragmatische Validität des SoFAP-Protokolls festzustellen
Wie auf Seite 7 dargelegt, wurde das SoFAP-P bereits während seiner Entstehung α- und β-Tests unterzogen. Die Ergebnisse dieser Tests werden hier erörtert. Der β-Test wird deutlich machen, dass das SoFAP-P tatsächlich wirksam ist (d. h. dass das Entwurfsziel erreicht wurde), während der α-Test zeigt, dass Fachpersonen die Prinzipien und Propositionen schätzen, auf denen es beruht.
Die Befragung umfasste 81 Multiple-Choice-Fragen, davon 75 zu den Bausteinen und 6 zur vermuteten Produktivität des lösungsfokussierten Ansatzes. Bei den Bausteinen wurden die Teilnehmenden gebeten, deren Relevanz auf einer 5-stufigen Likert-Skala zu bewerten. Relevanz galt dabei als impliziter Indikator für die pragmatische Validität des Bausteins.
Die wichtigste Schlussfolgerung der Befragung war, dass die Relevanz jedes Bausteins auf der Likert-Skala im Durchschnitt höher als 3.00 bewertet wurde, wobei 70 Bausteine eine Relevanz von über 3.50 erreichten. Zudem war die Standardabweichung bei fast allen Fragen gering, was auf einen starken Konsens über die Relevanz bzw. pragmatische Validität der meisten Bausteine hinweist.
Schließlich wurden die Bausteine ungefähr in der Reihenfolge verfasst, in der sie ab Seite 10 dargestellt sind. Die Durchschnittswerte der verschiedenen Arten von Bausteinen bestätigen die Vermutung, dass mit wachsendem Wissen der Forschenden, das für den Entwurf des angestrebten Ansatzes nötig ist, auch die Wertschätzung der von ihnen formulierten Bausteine steigt. Durchschnittliche Relevanzwerte durch Fachpersonen: Aufmerksamkeitspunkte = 3.73, gewonnene Erkenntnisse = 4.05, gute und schlechte Praktiken = 4.19, CIMOs = 4.21.
Für den β-Test wurden vier Fälle aus der Literatur zur lösungsfokussierten Psychologie ausgewählt, die alle vier das Kriterium erfüllten, dass sich die Interventionen der Fachperson als produktiv erwiesen hatten. Es wurde überprüft, ob die in den Sitzungen geführten Gespräche tatsächlich den Leitlinien des SoFAP-P folgten. Für jeden Fall ließ sich die Abfolge der Interventionen mit einer roten Linie auf dem SoFAP-P-Flussdiagramm aus Abbildung 1 markieren. Mit anderen Worten: Der Verlauf des Begleitprozesses wäre unverändert geblieben, wenn die Fachperson ihre Interventionen auf das SoFAP-P gestützt hätte. Allein die Tatsache, dass dies in jedem der vier Testfälle überhaupt möglich war, ergibt ein positiv bewertetes β-Testergebnis.
Es wäre interessant, den β-Test auf einen Feldtest mit geschulten Fachpersonen auszuweiten. Wäre ein solcher Test erfolgreich, würde er die Validität des SoFAP-P noch weiter stärken.
Das SoFAP-P – wie es im Flussdiagramm gipfelt – ist als Werkzeug zur Bündelung von Interventionen angelegt, nicht als verbindliches, standardisiertes, lineares Einheitsprotokoll. Wer mit der lösungsfokussierten Arbeit noch wenig Erfahrung hat, wird versuchen, dem relevanten Weg durch das empirisch fundierte Flussdiagramm so gut wie möglich zu folgen. Mangels Erfahrung wird man sich auf kodifiziertes Wissen stützen und jeden Anschein von Magie oder Scharlatanerie vermeiden wollen. Wer Autofahren lernt, steht vor der Herausforderung, viele Dinge gleichzeitig zu tun. Es braucht Zeit und Mühe, bis man flüssig fährt. Dieselbe Zeit und Mühe braucht eine Fachperson, um sich mit dem Flussdiagramm vertraut zu machen und es selbstverständlich zu nutzen. Erfahrene Fachpersonen können mit der Person in Kontakt treten, während sie den relevanten Kontext erkunden, in dem diese lebt, und erste Vorstellungen über ihre Ziele und Ressourcen sammeln. Worum es hier geht, ist der gleichzeitige (d. h. nichtlineare) Gebrauch relevanten impliziten Wissens (Polanyi, 1966) durch erfahrene Praktizierende. Letztlich will das SoFAP-P der Interaktion zwischen Klientel und Fachperson Leichtigkeit verleihen.
Der Entwurf wird erfahrenen lösungsfokussiert arbeitenden Fachpersonen eine Reihe von Vorteilen bringen.
Erstens führt das SoFAP-P Person und Fachperson auf dem kürzesten Weg zu den Zielen der Person und lässt intuitive Seitenwege außer Acht: Der Entwurf minimiert Störgeräusche, indem er die Fachperson zwingt, sich ausschließlich und fortwährend auf die Interessen der Person zu konzentrieren. Dabei lässt der Entwurf reichlich Raum, um das Ökosystem der Person in den Veränderungsprozess einzubeziehen. Das war schon in der lösungsfokussierten Therapie der Fall, doch selbst dort blieb die Einladung einer relevanten beteiligten Person zu einer Therapiesitzung selten. Ebenso zögerten SFT-Praktizierende lange, die Person zu bitten, ihre Ziele ausdrücklich zu formulieren, und zogen es vor, die Ziele aus dem Kontext abzuleiten, den sie lieferte. Das SoFAP-Protokoll hingegen verbindet kontextklärende Fragen mit direkten Fragen zur Zielsetzung. All dies erklärt, wie das Protokoll zur Kürze und Wirksamkeit des lösungsfokussierten Ansatzes beiträgt und ihn so zu einer lohnenden Investition von Zeit und Geld macht.
Über die oben genannten Vorteile hinaus zeichnet dieser Artikel einen klaren Weg für die künftige Entwicklung des lösungsfokussierten Ansatzes insgesamt vor. Dabei hat er erkannt, wie wichtig es ist, sich von der Tendenz zu lösen, das Erbe von Erickson, de Shazer und Berg in Form neu erdachter, überflüssiger Rituale in sektenähnlichen Settings zu vereinnahmen. Zugleich kann er sich keine Vereinfachungen um der Übertragbarkeit willen mehr leisten. Wir betonen: Wenn die lösungsfokussierte angewandte Psychologie überleben will, muss sie zu professionellen Standards zurückfinden. Sie muss zur Idee der Klinik zurückkehren, in der lösungsfokussierte Psychologie zuerst von Fachleuten als Werkzeug (und nicht als Selbstzweck) eingesetzt wurde, um im Leben ihrer Klientel etwas zu bewirken. Dieses Werkzeug musste so einfach wie möglich sein, aber nicht einfacher als nötig.
Darüber hinaus machen wir deutlich, dass der lösungsfokussierte Ansatz sich hin zu einer theoretischen Fundierung weiterentwickeln muss, mit Wertschätzung für erkenntnistheoretische Komplexität und mit dem Mut, sich gegen Neuerungen zu stellen, die keine Verbesserung bringen. Dieser Beitrag, der sich stark auf die DSR-Methodologie stützt, gibt auch ein Beispiel dafür, Forschung aus miteinander vernetzten wissenschaftlichen Unternehmungen einzubeziehen, damit die lösungsfokussierte angewandte Psychologie wahrhaft zu einem bunten Gewand wird.
All dies wird zur Anerkennung der lösungsfokussierten Schule in der akademischen Welt beitragen, die natürlich im Zentrum des auf Seite 5 definierten Feldproblems steht: der (wahrgenommenen) mangelnden Validierung der Praxis lösungsfokussiert arbeitender Fachpersonen. Das SoFAP-P bietet nicht nur eine Lösung für dieses Problem, sondern dient zugleich als nützlicher Leitfaden für wenig erfahrene Fachpersonen, die sich mit der reichen Erkenntnistheorie vertraut machen wollen, auf der der lösungsfokussierte Ansatz beruht – zu Ehren der menschlichen Komplexität, der Verwicklungen und Schwierigkeiten von Veränderung und der sprachlichen Feinheiten, die nötig sind, um gewünschte Veränderungen zu begleiten.
Eingereicht am 24. August 2023, angenommen am 28. November 2023.
Der Titel jeder CIMO leitet sich aus der darin enthaltenen Intervention (I) ab. Daher haben die CIMO-Titel Imperativcharakter: Sie sagen, was zu tun ist.
CIMO 1 bis 3 enthalten die Kontextmarker, die den Rahmen setzen, in dem die übrigen Interventionen stattfinden.
CIMOs 4 bis 6 zeigen, wie mit der Zielsetzung umzugehen ist, welche Hindernisse bestehen, wenn keine intrinsische Motivation vorhanden ist, und wie man damit umgeht.
CIMOs 7 bis 10 umfassen lösungsbildende Fragen, die im Gegensatz zu problemorientierten Fragen stehen, welche auf die Suche nach Ursachen und nach dem gerichtet sind, was in der Vergangenheit geschah, und die passenden tieferen Ursachen und Diagnosen zutage fördern sollen. Der lösungsfokussierte Ansatz hingegen verwendet Fragen mit einem völlig anderen Zweck: die Person darauf einstimmen, lösungsfokussiert zu denken („Problemsprache schafft Probleme; Lösungssprache schafft Lösungen“ – de Shazer5), das Bündnis mit der Fachperson aktivieren, indem man der Person eine zentrale Stellung in ihrem eigenen Wachstumsprozess anbietet, den Zugang zu ihren Ressourcen wiederherstellen und zukunftsgerichtete Ziele hervorrufen. Die allgemeine Form einer lösungsbildenden Frage ist um die Sätze „Was funktioniert noch? Was ist anders? Und was würden Sie stattdessen tun?“ herum aufgebaut. Die folgenden CIMOs zeigen besondere Verwendungen dieser allgemeinen Form.
CIMOs 11 bis 13 sind Interventionen, die lenken, die Annahme positiver Veränderungen erleichtern und Ressourcen aufdecken, während sie zugleich die Mühen der Person anerkennen.
CIMOs 14 bis 16 benennen Interventionen, die der Person helfen, Zugang zu Ressourcen zu finden.
CIMOs 17 bis 19 umfassen Interventionen, die Menschen helfen, von erstickenden Schwarz-Weiß-Erklärungen zu differenzierenden Sichtweisen überzugehen, die mehr Beweglichkeit im Umgang mit den Situationen erlauben, mit denen sie konfrontiert sind.
Neben Fragen, die zu differenzierendem Denken und zu Nuancen einladen, sind Skalierungsfragen nützliche Werkzeuge, weil sie die Vorstellung anbahnen, dass Veränderung möglich ist: Jede Zahl auf der Skala dient als Metapher für Veränderung und beeinflusst unmittelbar die Wahrnehmung der Person. So setzt jede Antwort auf eine Skalierungsfrage den Veränderungsprozess bereits in Gang.
Es wurden verschiedene Arten von Skalierungsfragen entworfen, die auf die jeweilige Situation zugeschnitten sind.
Die verschiedenen Arten von Skalierungsfragen werden in dieser Reihenfolge dargestellt, weil dies die logische Art ist, sie in einem Gespräch oder in einem vollständigen Begleitprozess einzusetzen. Die Situation bestimmt, welche Skala verwendet wird und in welcher Reihenfolge. Manchmal genügt eine einzige Art, manchmal braucht es mehrere, und manchmal – wenn die Person bereits differenziert funktioniert – ist eine Skalierungsfrage überhaupt nicht angebracht.
CIMOs 20 und 21 enthalten zukunftsorientierende Fragen als wichtigen Marker, der die Aufmerksamkeit der Person auf die gewünschte Zukunft statt auf die Analyse vergangener Probleme lenkt.
Der Mechanismus einer zukunftsorientierten Frage besteht darin, dass die Antwort der Person beschreibt, was in Zukunft anders sein wird, und diese Antworten in Gefühle, Gedanken und Handlungen umwandelt, die schon heute anders sind. Anders gesagt: Die Person projiziert Antworten in die Zukunft, und in ihrer detaillierten Beschreibung, wie die Dinge anders sein werden, „retrojiziert“ sie mögliche Alternativen in die heutige Wirklichkeit.
Bewegung 1. Der Prozess beginnt mit der Vorbereitung der lösungsbildenden Zusammenarbeit, indem Kontakt hergestellt wird (M1-1). Dann wird der Kontext erkundet, in dem das Klientensystem funktioniert (M1-2). Ist dies ausreichend geschehen, verlagert sich der Fokus auf die Ziele der Person (M1-3); Probleme werden von Begrenzungen unterschieden, und es wird entschieden, aus welchem Mandat heraus angemessen interveniert wird, wobei die grundlegenden Minimax-Entscheidungsregeln fortlaufend beachtet werden, um maximale Effizienz zu erzielen.
Die Unterscheidung zwischen Problemen und Begrenzungen (M1-4) verhindert, dass man sich auf eine Mission Impossible einlässt, die das Unlösbare zu lösen versucht. Diese Unterscheidung eröffnet zugleich den Raum der Möglichkeiten und nimmt dabei (die Folgen) der Begrenzungen an. Wie man mit den Folgen einer Begrenzung umgeht, ist ein Problem, für das eine Lösung möglich ist. Auf der Grundlage dieser informativen Interaktion lässt sich entscheiden, welches Mandat aktiviert und wie zwischen den drei Mandaten7 gewechselt wird.
Bewegung 2. unterscheidet 4 verschiedene Typen von Arbeitsbeziehungen, die durch die Antworten auf vier grundlegende Fragen bestimmt werden. Hat die Person ein Hilfeanliegen, sind ihre Ziele umsetzbar, hat sie Zugang zu ihren Ressourcen, und ist sie in der Lage, ihre Ressourcen zu nutzen, um voranzukommen? Mit anderen Worten: Die vier Typen der Arbeitsbeziehung werden durch die Bereitschaft der Person, um Hilfe zu bitten, die Art ihrer Ziele, den Zugang zu ihren Ressourcen und die Fähigkeit, diese zu nutzen, abgegrenzt. Die Bezeichnungen der einzelnen Typen von Arbeitsbeziehungen sind Gedächtnisstützen, die helfen, sich die verschiedenen Positionen auf dem Flussdiagramm zu merken. Diese Positionen beschreiben die Qualität der Arbeitsbeziehung mit der Person zu diesem Zeitpunkt in Bezug auf das jeweilige Problem. Die vier Positionen sind: eine unverbindliche (WR1), eine suchende (WR2), eine beratende (WR3) und eine ko-expertenschaftliche Arbeitsbeziehung (WR4). Ständige Evaluation lässt den Dialog iterativ und/oder rekursiv zwischen den 4 Typen der Bewegung 2 wechseln.
Bewegung 3. beschreibt die Komponenten, die zum Einsatz kommen, wenn die laufende Arbeitsbeziehung für diese Sitzung beendet und eine neue geplant wird oder wenn die Arbeitsbeziehung ganz zum Abschluss kommt. Im letzteren Fall bedeutet das nicht unbedingt, dass der Veränderungsprozess in der Person oder im Klientensystem zum Stillstand gekommen ist. Die Fachperson spielt in diesem Fall jedoch keine aktive Rolle mehr.
Der SoFAP-P-Entwurf bietet zahlreiche Momente, in denen die Person Komplimente dafür erhält, dass sie ihre Ressourcen nutzt, um ihren Zielen näherzukommen. Das impliziert im Wesentlichen eine Zukunftsorientierung, wie etwa die Frage zur Zielsetzung zeigt: Worüber müssen wir sprechen, damit dieses Gespräch für Sie nützlich ist? Die Wunderfrage ist die ikonische zukunftsorientierte Technik, die den lösungsfokussierten Ansatz berühmt gemacht hat: Stellen Sie sich vor, während Sie schlafen, geschieht gleichsam ein Wunder, und in diesem Wunder lösen sich die Dinge, die Sie belasten, gerade so weit, dass Ihr Leben wieder leichter wird. Woran werden Sie es merken? Was werden Sie anders machen?
Das Protokoll bietet auch zahlreiche Momente, in denen differenzierende oder nuancierende Fragen eingesetzt werden können, um der Person zu helfen, sich aus einer Schwarz-Weiß-Fixierung zu lösen. Das geschieht manchmal in Form einer Skalierungsfrage. Skalierungsfragen folgen alle der folgenden allgemeinen Formel: Stellen Sie sich vor, ich bäte Sie, eine Zahl auf einer Skala anzugeben, auf der der Ausgangspunkt, die Null, für X steht (den Ausgangspunkt, je nach der zu nuancierenden Situation auszufüllen) und die 10 für Y (den Orientierungspunkt) – wo stehen Sie jetzt?
Anmerkungen der Verfassenden
1. Diese Elemente werden ausführlicher im Buch von Cauffman, L. und Weggeman, M. (2023) dargestellt: Solution-Focused Applied Psychology: A Design Research Based Protocol. Routledge.
2. Alle 21 CIMOs, die dem SoFAP-Protokoll zugrunde liegen, sind in Anhang 1 aufgeführt.
3. Der Begriff Bewegung (engl. movement) wird hier verwendet, um nahezulegen, dass die beschriebenen Konzepte einem musikalischen Satz gleichen: eher fließend als statisch, ständig im Wandel und doch im Wesen gleich, schwer greifbar und doch klar umrissen, wie die Wirklichkeit.
4. Siehe S. 8.
5. Persönliche Mitteilung während einer Fortbildung
6. Siehe: Creating Sustainable Results with Solution-focused Applied Psychology: A Practical Guide for Coaches and Change Facilitators (Cauffman, 2023), für weitere praktische Anwendungen und Beispiele.
7. Je nach konkreter Situation steht ein Mandat im Vordergrund, während die anderen im Hintergrund bleiben. Das Führungsmandat wechselt sich mit dem Mandat des Coachings und der Begleitung ab, das sich wiederum mit dem Managementmandat abwechselt, das für die Steuerung und Strukturierung des Interventionsprozesses zuständig ist.
Complexe Systémique: das Wichtigste
Das Interesse des Textes liegt weniger im Protokoll, von dem hier nur das Gerüst zu sehen ist (das Flussdiagramm steht im Buch), als im Schachzug: aus den Ingenieurwissenschaften eine Methode zu übernehmen, die eine Praxis nach ihrer „pragmatischen Validität“ statt nach ihren Mechanismen validiert, was zu de Shazer und seiner Weigerung, zu erklären, passt. Die Bausteine sind bekannt – Ausnahmen, konkrete Ziele, Minimax-Regeln, Lamberts gemeinsame Faktoren –, doch ihre Anordnung sowie die beiden Blöcke zu schlechten Praktiken und Kontraindikationen sind für die Lehre nützlich. Bei der Validierung ist Vorsicht geboten: Ein Relevanzfragebogen, ausgefüllt von überzeugten Fachpersonen, und vier veröffentlichte, nachträglich neu gelesene Fälle validieren kein Protokoll, und die Verfassenden räumen dies ein, wenn sie einen Feldtest fordern. Der abschließende Angriff auf die „überflüssigen Rituale“ und die geforderte Rückkehr zur Klinik verdienen jedoch Gehör. Zu lesen zusammen mit Steve de Shazers Theorieentwicklung und der kritischen Übersicht über Diagramme und Modelle lösungsfokussierter Praxis.
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Originalartikel Solution-focused Applied Psychology a Design Science Research Based Protocol (SoFAP-P) von Louis Cauffman und Mathieu Weggeman, erschienen in Journal of Solution Focused Practices, Bd. 7, Nr. 1 (2023), doi: 10.59874/001c.90661, unter der Lizenz CC BY 4.0. Inoffizielle deutsche Übersetzung von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, mit angepasstem Layout: Das Werk wurde im Sinne der Lizenz bearbeitet (Flussdiagramm nicht wiedergegeben, Anmerkungen zusammengefasst). Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Dies ist eine inoffizielle deutsche Übersetzung des Originalartikels „Solution-focused Applied Psychology a Design Science Research Based Protocol (SoFAP-P)“, erschienen in Journal of Solution Focused Practices (2023) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz; die Darstellung wurde für die Online-Lektüre angepasst, wie zu Beginn dieser Seite angegeben. Maßgeblich ist die Originalfassung.
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Cauffman, L., & Weggeman, M. (2023). Solution-focused Applied Psychology a Design Science Research Based Protocol (SoFAP-P). Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/solution-focused-applied-psychology-a-design-science-research-based-protocol-sofap-p (Originalwerk erschienen 2023 in Journal of Solution Focused Practices, Bd. 7, Nr. 1 (2023); 2023 erneut veröffentlicht von Journal of Solution Focused Practices, https://journalsfp.org/article/90661)
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