KI-gestützte Übersetzung

Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.

Journal of Child and Family Studies · Familie

Sprachmittlung durch Kinder im Gesundheitswesen: die Schnittstelle von Macht und Alter in Vermittlungspraktiken erkunden

In der Arztpraxis bittet eine Nachbarin die junge Sorraya, zu übersetzen, dass sie ihrem Sohn Klapse gibt. Was soll sie sagen? Zwei Londoner Forscherinnen haben dieses Dilemma 29 Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren vorgelegt, die jede Woche für ihre Familien dolmetschen: Die meisten würden die Information zurückhalten oder abmildern, Zeit gewinnen, die Erwachsene schützen – und sie ermessen das Gewicht einer Macht, die ihnen zu früh übertragen wird.

Verfassende Humera Iqbal (Thomas Coram Research Unit, Social Research Institute, University College London, London) und Sarah Crafter (School of Psychology and Counselling, The Open University, Milton Keynes), Vereinigtes KönigreichErstveröffentlichung Journal of Child and Family Studies, 10. August 2022Übersetzung Complexe Systémique, inoffizielle KI-gestützte Übersetzung

Inoffizielle deutsche Übersetzung von Child Language Brokering in Healthcare: Exploring the Intersection of Power and Age in Mediation Practices von Humera Iqbal und Sarah Crafter, erschienen in Journal of Child and Family Studies (Springer) (2023), doi: 10.1007/s10826-022-02376-0, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und für die Online-Lektüre neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Die Highlights sind im Kasten der Zusammenfassung zusammengefasst. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.

Die Ergebnisse zeigen, dass diese Kinder und Jugendlichen eine entscheidende Rolle beim Schutz der Menschen spielen, für die sie dolmetschen.

Humera Iqbal und Sarah Crafter

Zusammenfassung

Dieser Beitrag untersucht die Sichtweisen Jugendlicher auf ein reales Szenario der Sprachmittlung durch Kinder im Gesundheitswesen (in der Arztpraxis), wenn das Gesprächsthema heikel und potenziell konfliktträchtig ist. Sprachmittelnde Kinder sind junge Menschen mit Migrationsgeschichte, die für Familienangehörige, Gleichaltrige und die lokale Gemeinschaft übersetzen und dolmetschen. Häufig werden die Räume, in denen Kinder sprachmitteln (z. B. Gesundheitswesen, Banken), hier als „Kontaktzone“ bezeichnet, von Erwachsenen in Autoritätspositionen und von ungleichen Machtgefällen beherrscht. Die sprachmittelnde Person und diejenigen, für die sie dolmetscht, befinden sich aufgrund ihres Migrationsstatus und/oder ihres Alters unter Umständen in einer schwächeren Position. Die bisherige Forschung hat sich vor allem auf die Sicht der Erwachsenen konzentriert, die Perspektiven Jugendlicher auf diese Praxis sind wenig erforscht. Wir stützen uns auf die vorhandene Literatur, um zu untersuchen, wie Sprachmittelnde den weiteren gesellschaftlichen Kontext verstehen und welche Strategien sie zur Konfliktbewältigung einsetzen. Vorgestellt werden die Ergebnisse von 29 qualitativen, vignettenbasierten Einzelinterviews mit sprachmittelnden Jugendlichen (13–16 Jahre) im Vereinigten Königreich, die qualitativ ausgewertet wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Kinder und Jugendlichen eine entscheidende Rolle beim Schutz der Menschen spielen, für die sie dolmetschen, und dabei oft anspruchsvolle soziale Interaktionen und Taktiken (wie Verzögerung und selektive Abänderung) bewältigen. Zugleich tragen sie eine schwere Verantwortung, wenn sie versuchen, komplizierte, womöglich moralisch fragwürdige Situationen zu meistern. Indem wir Sprachmittelnde bitten, über ein reales Szenario aus dem Gesundheitswesen nachzudenken, erweitern wir das Verständnis sprachmittelnder Jugendlicher mit Migrationsgeschichte und der Familien, die sie in ihrem Alltag unterstützen.

Schlüsselwörter: Sprachmittlung durch Kinder, Migration, Familie, Sprache, kulturelle Vermittlung

Kernaussagen

  • Sprachmittelnde Kinder dolmetschen im Gesundheitswesen in einem Umfeld ungleicher Machtverhältnisse.
  • Die Vignettenmethode ist ein nützlicher Weg, um komplexe, heikle und konflikthafte Berichte von Kindern über das Dolmetschen im Gesundheitswesen zu erfassen.
  • Das Dolmetschen in der Arztpraxis verlangte von den Kindern Kenntnisse über die Beteiligten der Dreierinteraktion, über institutionelle Faktoren und über weitere gesellschaftliche Normen.
  • Die Jugendlichen setzten verschiedene Strategien zur Konfliktbewältigung ein (z. B. Verzögerungstaktiken und selektive Abänderung).
  • Es braucht klarere Leitlinien zur Sprachmittlung durch Kinder in medizinischen Einrichtungen und in Räumen mit umstrittenen Machtungleichheiten.

Dieser Beitrag untersucht die Sichtweisen Jugendlicher auf die Sprachmittlung durch Kinder im Gesundheitswesen, genauer in einer allgemeinmedizinischen Praxis, wenn das Gesprächsthema heikel und potenziell konfliktträchtig ist. Im Vereinigten Königreich ist der General Practitioner der Hausarzt. In anderen Teilen der Welt werden die Bezeichnungen Familienmedizin, Primärversorgung oder allgemeine Innere Medizin verwendet. Sprachmittelnde Kinder sind Kinder und Jugendliche, die nach einer Migration als Übersetzende und Vermittelnde für ihre Eltern, Gleichaltrige und Mitglieder der lokalen Gemeinschaft fungieren (Tse, 1996; Orellana, 2009; Weisskirch, 2007). Empirische Befunde früherer Forschung legen nahe, dass es in vielen Ländern als unannehmbar gilt, Jugendliche im Gesundheitswesen als Dolmetschende einzusetzen – eine Auffassung, die in der kleinen Zahl von Studien mit Gesundheitsfachkräften bestätigt wird (siehe Abreu & O’Dell, 2017; Cohen et al., 1999; Giordano, 2007). Die Befunde zeigen jedoch auch, dass sowohl Jugendliche als auch Gesundheitsfachkräfte bestätigen, dass Sprachmittlung in Arztpraxen, Kliniken und Krankenhäusern häufig vorkommt (Katz, 2014; García-Sánchez, 2018). Die persönlichen Perspektiven Jugendlicher auf diese Praxis sind wenig erforscht, weil ihre „Illegalität“ darauf hindeutet, dass es sich um eine Tätigkeit handelt, die unsichtbar bleibt (Antonini, 2010).

Sprachmittlung wurde als triinteraktionaler Prozess des Informationsaustauschs beschrieben (Hall, 2004), weil an der Dreierkommunikation oft das sprachmittelnde Kind, das Familienmitglied (oder ein Mitglied der lokalen Gemeinschaft) und eine weitere erwachsene Person beteiligt sind, häufig eine Fachkraft in einer Machtposition. Diese Jugendlichen können als kulturell Vermittelnde zwischen der Aufnahmekultur und den Kulturen ihres Zuhauses und ihrer Gemeinschaft wirken. Sie entwickeln Fähigkeiten, um sich in kulturellen Werten und sozialen Normen zurechtzufinden und diese zu verstehen, was ihnen helfen kann, in solchen Situationen ihre eigenen Interessen und die ihrer Familien zu vertreten (Hall, 2004; Weisskirch, 2007). Wichtig ist, dass dieser triinteraktionale Prozess (Hall, 2004) im Hinblick auf Machtdynamiken häufig nicht unter gleichen Bedingungen stattfindet. Sprachmittelnde können eine doppelte Verletzlichkeit erleben: Als junge Menschen sind sie der Macht und Kontrolle Erwachsener unterworfen; als Migrantinnen und Migranten können sie Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren (Massaroni, 2020; Reynolds & Orellana, 2009). Zudem wird die Praxis der Sprachmittlung durch Kinder als bedenklich eingestuft, weil sie der jungen Person „zu viel“ Macht in der Familie verleiht (siehe Crafter & Iqbal 2021). Dies gilt insbesondere, wenn es um Gesundheitsfragen geht.

Es wurde vorgeschlagen, bei der Sprachmittlung im Gesundheitswesen drei Arten von Konsultationen zu unterscheiden: einfache, komplexe und heikle Konsultationen (Cohen et al., 1999; Abreu & O’Dell, 2017). Bei einfachen Konsultationen wegen alltäglicher Erkrankungen beschrieben Jugendliche das Übersetzen als unproblematisch (Free et al., 2003; Katz, 2014). Komplexe Konsultationen betreffen in der Regel die Diagnose von Erkrankungen und bringen Schwierigkeiten mit dem Vokabular und dem kulturellen Ausdruck mit sich. Heikle Konsultationen betreffen Gespräche über intime körperliche Zustände, etwa die reproduktive Gesundheit, sowie persönliche emotionale Schwierigkeiten. Dieser Beitrag erweitert den „heiklen“ Konsultationstyp, indem er ein moralisch zweideutiges und potenziell konfliktträchtiges Dilemma untersucht, mit dem eine sprachmittelnde Jugendliche während einer hausärztlichen Konsultation konfrontiert ist. Auf der Grundlage qualitativer Vignetteninterviews mit neunundzwanzig jungen Sprachmittelnden (13–16 Jahre) im Vereinigten Königreich nutzt dieser Beitrag den theoretischen Rahmen der Kontaktzone, um die Antworten der Sprachmittelnden auf eine heikle und konflikthafte Situation in der Arztpraxis zu untersuchen. An der Konfliktsituation waren drei Akteure beteiligt: ein Arzt (Fachperson), eine Erwachsene, die Nachbarin der jungen Sprachmittlerin ist, und die junge Sprachmittlerin selbst. Die Vignette beruht auf einem realen Fall von Sprachmittlung.

Sprachmittlung durch Kinder im Gesundheitswesen: die Schnittstelle von Macht und Alter

Sprachmittelnde Kinder werden definiert als Kinder oder Jugendliche, „die zwischen kulturell und sprachlich unterschiedlichen Menschen dolmetschen und übersetzen und Interaktionen in einer Vielzahl von Situationen vermitteln“ (Tse, 1996, S. 226). Es wurde festgestellt, dass bereits Dreijährige für ihre Familien sprachmitteln oder eine Form natürlicher Übersetzung praktizieren (Harris, 1977). Der Begriff der Sprachmittlung verweist auf eine Person, die sowohl kulturell als auch sprachlich zwischen Familie, Gleichaltrigen und Mitgliedern der lokalen Gemeinschaft einerseits und anderen Menschen der Aufnahme- oder lokalen Kultur andererseits vermittelt (Kam & Lazarevic, 2014; Jones & Trickett, 2005). Der Begriff erkennt an, dass die sprachmittelnde Person die Initiative ergreifen kann, die Botschaft auszuhandeln oder zu verändern, um ihre eigene Situation oder die ihrer Familie zu verbessern.

Da der Zugang zu professionellen Übersetzungsdiensten in den zunehmend vielfältigen Sprachkontexten vieler Länder unterschiedlich ist, sind sprachmittelnde Kinder oft die wichtigsten sprachlichen und kulturellen Vermittlungspersonen zugewanderter Familien zwischen Zuhause und professionellen Institutionen (Crafter & Iqbal, 2020; Reynolds & Orellana, 2009). Sie erleichtern die soziale und kulturelle Integration ihrer Familie im neuen Aufnahmeumfeld (Foner & Dreby, 2011) in einer Vielzahl von Bereichen, darunter Banken, Einzelhandel, Gesundheitswesen, Rechtswesen, Sozialdienste, Behörden und Polizei, durch die Übersetzung von Texten (z. B. E-Mails, juristischen Dokumenten, Briefen der Schule) und durch das Dolmetschen von Gesprächen (Dorner et al., 2007; Tse & McQuillan, 1995; Valdés, 2003). Die Bandbreite an Tätigkeiten und Kontexten, in denen Jugendliche sprachmitteln, bedeutet, dass ihre Erfahrungen von alltäglichen oder routinemäßigen Austauschsituationen bis zu komplexeren oder konflikthaften Situationen reichen können (Iqbal, 2019). Die Forschung zu den sozialen und psychologischen Auswirkungen der Sprachmittlung durch Kinder zeichnet ein komplexes und uneinheitliches Bild, das von Zusammenhängen mit Stress und Angst bis zu Gefühlen von Stolz und Erfolg reicht (Chao, 2006; Kam & Lazarevic, 2014). Das physische und kulturelle Umfeld, in dem die Sprachmittlung stattfindet, familiäre und beziehungsbezogene Einflüsse, die Art der übernommenen Aufgabe und die Ziele der Beteiligten sind allesamt Variablen, die in der Erfahrung der jungen Person eine vermittelnde Rolle spielen können (Kam & Lazarevic, 2014).

Verständlicherweise hat die Sprachmittlung in Kontexten wie der Hausarztpraxis oder anderen Gesundheitseinrichtungen bei Fachkräften in Diensten an vorderster Front Bedenken ausgelöst (Gustafsson et al., 2019; Cohen et al., 1999). Wenn keine ausgebildeten erwachsenen Dolmetschenden verfügbar sind, kann das Übersetzen in medizinischen Einrichtungen für viele junge Sprachmittelnde zum Alltag gehören. Dies kann technisches Wissen und Systemkenntnisse sowie die Interaktion mit einer Fachkraft erfordern (Gustafsson et al., 2019; Martinez, 2019; Katz., 2014). Die meisten Studien im Gesundheitswesen nehmen die Perspektive der Erwachsenen ein, nur wenige Untersuchungen betrachten direkt die Sichtweisen von Kindern und Jugendlichen (Martinez, 2019). So untersuchten Cohen et al. (1999) im britischen Kontext die Ansichten der Ärzteschaft über sprachmittelnde Kinder, die während der Konsultation für erwachsene Patientinnen und Patienten (meist Familienmitglieder) übersetzen. Sie argumentieren, dass die Ärzteschaft Kinder zwar mangels verfügbarer erwachsener Gemeindedolmetschender als Dolmetschende akzeptiert, diese Akzeptanz aber von der Art der Konsultation abhängt: ob sie einfach, kompliziert oder heikel ist. Das Zögern und die Ablehnung, die von ärztlicher Seite geäußert wurden, hingen vor allem mit dem traditionellen Bild von Kindern als unschuldig und ohne Handlungsfähigkeit sowie mit ihrem Bedürfnis nach einer unbeschwerten Kindheit zusammen (Cohen et al., 1999), aber auch mit der Vorstellung, dass Kindern das Wissen fehle, um medizinische Konzepte zu vermitteln. Dies spiegelte sich in Interviews mit Gesundheitsfachkräften in Los Angeles (USA) wider, die eine Überschreitung altersangemessener Grenzen befürchteten, selbst wenn sie einige Vorteile im Einsatz sprachmittelnder Kinder sahen (Katz, 2014). Sie hatten den Eindruck, dass die Versorgungsqualität beeinträchtigt werde und die Interaktionen schwieriger würden. Auch die Sprachkompetenz und die Überschreitung altersangemessener Grenzen wurden als Bedenken genannt. Darüber hinaus kann es zwischen der behandelten Person (für die das Kind übersetzt) und der medizinischen Fachkraft unterschiedliche Auffassungen über die Behandlung geben, wobei es dem sprachmittelnden Kind überlassen bleibt, diese Spannungen zu vermitteln und zu bewältigen (García-Sánchez, 2014). Allerdings haben nicht alle Studien eine solche Ablehnung festgestellt. In einer Studie in Italien vertrat eine leitende Person der Gesundheitsbehörde eine gegenteilige Auffassung und regte an, sprachmittelnde Kinder nicht völlig außer Acht zu lassen (Antonini, 2010).

Studien, die die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen auf die Sprachmittlung im Gesundheitswesen einbeziehen, kommen im Allgemeinen zu dem Schluss, dass das Sprachmitteln hier anspruchsvoller ist als in Kontexten wie der Schule – wegen der Unsicherheit gegenüber unbekannten Abläufen, der komplexen Sprache und der Bandbreite an Themen, die von Notfällen bis zu Nicht-Notfällen zu behandeln sein können (Katz, 2014). Sowohl in der Arbeit von Katz als auch in unserer eigenen (Crafter & Iqbal, 2021) stellten wir jedoch fest, dass Kinder nicht immer allein handelten und oft mit ihren Eltern Strategien dazu entwickelten, was besprochen werden sollte und wie. García-Sánchez (2014) beschreibt in ihrer Arbeit über marokkanische Kinder mit Migrationsgeschichte in spanischen Arztpraxen, wie die Jugendlichen Strategien „selektiver Abänderungen“ einsetzten (S. 232). García-Sánchez unterscheidet zwischen Fällen, in denen Kinder Schwierigkeiten hatten, Informationen zu verstehen, und sie daher unabsichtlich zurückhielten, und Fällen, in denen Kinder Informationen bewusst veränderten. Sie schreibt (S. 232): „Marokkanische Kinder mit Migrationsgeschichte setzen diese Abänderungen in ihren Übersetzungen strategisch ein, wenn sie mit widerstreitenden moralischen Welten, Überzeugungen und Praktiken in Bezug auf Kindererziehung und Gesundheitsfragen konfrontiert sind“. Einige der Gründe für diese Abänderungen decken sich mit Bauers (2013) Überlegungen zu moralischen Identitäten. Diese beziehen sich darauf, wie Kinder durch die sorgfältige Übermittlung der Botschaft bestimmte positive Identitäten der Menschen, für die sie sprachmitteln, gestalten und erzeugen. Andere Gründe hingen mit dem Schutz der Familieninteressen beim Umgang mit unterschiedlichen Strukturen und Systemen zusammen, sodass sie ihre Familien gegenüber dem erwachsenen „Anderen“ in einem bestimmten Licht darstellen.

Es besteht eine komplexe Wechselwirkung zwischen der Praxis der Sprachmittlung durch Kinder, dem Geflecht asymmetrischer Machtbeziehungen im Kontext der Sprachmittlung und verständlichen Bedenken hinsichtlich des Alters des sprachmittelnden Kindes. Es wurde argumentiert, dass widersprüchliche Anforderungen der Erwachsenen im triinteraktionalen Prozess die junge Person „zwischen die Stühle“ geraten lassen können (Hall, 2004). Das bedeutet, dass Kinder sich zwar in einer Machtposition befinden, weil sie die Botschaft beeinflussen oder verändern können, das Terrain aber schwer zu bewältigen sein kann, sodass sie mit dieser Macht mitunter zu kämpfen haben. Die Machtbeziehungen sind in diesem Kontext fließend, weil die junge Person – anders als bei professionellen Dolmetschenden – eng mit einer der erwachsenen Personen verbunden ist, was die Befürchtung weckt, dass Erwachsene als „dequalifiziert“ erscheinen (Hall, 2004, S. 12): Sie wissen nicht, ob ihr Kind den Inhalt der Botschaft beim Übersetzen verändert (Hall & Sham, 2007; Wagner, 1993) oder ob sich die jungen Menschen zu nachdrücklich für sie einsetzen (Katz, 2014). Kinder sind anders positioniert als erwachsene Dolmetschende, weil sie mit den Menschen zusammenleben, für die sie diese Aufgaben übernehmen, und von ihnen versorgt werden. Das führt dazu, dass manche Fachkräfte, selbst wenn sie die Rolle junger Menschen positiv sehen, die Eltern als passiv von ihren Kindern beschützt darstellen (Katz, 2014).

In der bisherigen Forschung wurden Begriffe wie „Parentifizierung“ und „Adultifizierung“ verwendet, um eine Verschiebung der Eltern-Kind-Dynamik infolge der zusätzlichen Verantwortung zu beschreiben, die Sprachmittelnde in der Familie übernehmen (Vasquez et al., 1994; Weisskirch, 2007). In einem anderen Beitrag (Crafter & Iqbal, 2021) argumentieren wir, dass solche Begriffe eine sehr statische Machtbeziehung zwischen Eltern und Kindern nahelegen. Andere Arbeiten vertreten die Auffassung, dass Sprachmittlung als „Familiendolmetschen“ verstanden werden kann, wobei Familien als Performance-Team hervorgehoben werden (Valdés, 2003) oder als Gemeinschaften, die Fürsorgehandlungen vollziehen, durch die Familien in einem mitunter schwierigen Migrationsumfeld funktionieren können (García-Sánchez, 2018). Dies hat politische Implikationen, insofern diese Kinder ihren Familien den Zugang zu Gesundheitsversorgung, Technologie, Finanzdienstleistungen und Ressourcen erleichtern (von denen neu zugewanderte Familien häufig ausgeschlossen sein können). Es kann auch bedeuten, dass sprachmittelnde Kinder mit Migrationsgeschichte unmittelbar alltäglichem Rassismus und Mikroaggressionen (Nash, 2017) im öffentlichen Raum der Aufnahmegesellschaft ausgesetzt sind, etwa im Gesundheitswesen (Reynolds & Orellana, 2009).

Theoretischer Rahmen: die Kontaktzone

Im Mittelpunkt unseres Beitrags stehen die Sichtweisen junger Sprachmittelnder auf eine moralisch zweideutige und konflikthafte Situation, die sich in einem von Ungleichheiten in Bezug auf Macht und Alter durchzogenen Gesundheitskontext ereignet. Konzeptionell stützt sich dieser Beitrag auf Mary Pratts (1991) Arbeit zur Kontaktzone, einem „Begriff für soziale Räume, in denen Kulturen aufeinandertreffen, zusammenprallen und miteinander ringen, oft in Kontexten höchst asymmetrischer Machtverhältnisse wie Kolonialismus, Sklaverei oder deren Nachwirkungen, wie sie heute in vielen Teilen der Welt gelebt werden“ (S. 33). Die Idee wurde ursprünglich im Zusammenhang mit Literalitätstheorien verwendet, später jedoch in verschiedenen Disziplinen aufgegriffen, darunter Psychologie und Erziehungswissenschaft (Crafter & Iqbal, 2019; Hermans, 2001; Malsbary, 2014). Sie lässt sich besonders gut mit der Sprachmittlung durch Kinder verbinden, einer Praxis, die Ausdruck von Globalisierung und Migration ist und Familien und Gemeinschaften aufgrund fehlender sprachlicher und kultureller Kenntnisse der Aufnahmegesellschaft in eine marginalisierte Position bringen kann.

Sprache steht im Zentrum der Kontaktzone und kann als sozialer Code gesehen werden, der ein gemeinsames Gefühl von Gemeinschaft und Erbe innerhalb einer homogenen und einheitlichen sozialen Welt erzeugt. Diese Annahme wirkt jedoch ausschließend, wenn Sprechende aus unterschiedlichen sozialen Schichten und kulturellen Hintergründen in verschiedene Kontaktzonen geraten, etwa in Klassenzimmer, Gesundheitseinrichtungen und Behörden. Dierkheimer und Helbrect (2015) argumentieren, dass es bei konflikthaften Begegnungen zwischen Fremden zwischen den sozialen Akteuren zu einem Kampf um Prestige und situative Dominanz kommen kann. Ist jedoch einer der Beteiligten eines sozialen Austauschs eine junge Person, können Status und Dominanz, die sie in eine Begegnung einbringen kann, sich von denen einer erwachsenen Fachperson (etwa eines Arztes) unterscheiden. Tatsächlich fehlen sprachmittelnden Jugendlichen mit Migrationsgeschichte und ihren Familien unter Umständen die sozialen Codes und die Normen- und Regelsysteme, die für eine gemeinsame Kommunikation nötig sind (Pratt, 1991). Dies kann dazu führen, dass eine Partei (in diesem Fall die Fachperson im Gesundheitswesen) Autorität über die andere ausübt.

Die Kontaktzone kann ein dynamischer Raum der Konfrontation und des Konflikts sein – (ein unsicherer Raum, der aus ungleichen Machtverhältnissen besteht) –, aber auch ein tröstlicher und anpassungsorientierter Raum (was Pratt einen safe house, einen Schutzraum, nennt, der aus gleichberechtigteren Machtverhältnissen besteht) (Atari, 2013). Wichtig ist, dass die Beziehung zwischen sicheren und unsicheren Räumen nicht festgelegt, sondern fließend und wandelbar, mitunter zweideutig ist. Dies verdeutlicht, dass das Machtspiel in der Kontaktzone von verschiedenen sozialen Kategorien wie Sprache, Klasse, Ethnizität und Religion beeinflusst wird. Pratt argumentiert, dass soziale Akteure in unterschiedlichen Räumen unterschiedlich Macht ausüben: In einem Raum mögen sie eine dominante Stellung einnehmen, in einem anderen andere beherrschen. Dies gilt es zu bedenken, wenn man über Begegnungen in der Kontaktzone nachdenkt. Auf diese theoretischen Überlegungen stützen wir uns bei der Frage, wie junge Sprachmittelnde mit Konflikten in einer Arztpraxis umgehen.

Forschungsdesign und Methoden

Ziel des übergreifenden Forschungsprojekts, auf dem dieser Beitrag beruht, war es zu untersuchen, wie Jugendliche, die regelmäßig als Sprachmittelnde tätig sind, kulturelles Wissen und Identität über verschiedene Räume und Kontexte hinweg vermitteln. Die Daten wurden mit einer Kombination aus klassischen qualitativen und quantitativen sozialwissenschaftlichen Methoden (Vignetteninterviews, Beobachtungen, Fragebogen) und kunstbasierten Ansätzen (Theater-, Podcast- und Kunstworkshops) erhoben. Alle Daten wurden nach der ethischen Genehmigung der Studie durch die Forschungsethikkommission der Einrichtung der Erstautorin erhoben, und zwar ausschließlich von den beiden Verfasserinnen des Beitrags. Beide Forscherinnen waren Frauen aus der Mittelschicht, die eine Britin südasiatischer Herkunft, die andere weiße Britin. In diesem Beitrag konzentrieren wir uns auf die 29 Vignetteninterviews (23 Mädchen, 6 Jungen) mit Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren aus drei Schulen im Großraum London im Vereinigten Königreich. Die Einwilligung wurde getrennt von den Jugendlichen und von ihren Sorgeberechtigten eingeholt. Einwilligungsformular und Informationsblatt waren in einfacher Sprache ohne Fachjargon verfasst, und wir sind diese Unterlagen gemeinsam mit den Jugendlichen durchgegangen. Sie nahmen sie mit nach Hause, um sie ihren Sorgeberechtigten zu erklären und unterschreiben zu lassen. Auch die Schule unterstützte diesen Prozess, und die Eltern hatten die Möglichkeit, dem Forschungsteam und den Lehrkräften vor der Unterschrift Fragen zu stellen. Wir haben klar über das Projekt informiert und sichergestellt, dass die Eltern verstanden, dass die Teilnahme ihrer Kinder freiwillig war und dass sie das Recht hatten, sie zurückzuziehen. Eine ausführliche Beschreibung der Methode und weitere Angaben zur Stichprobe finden sich hier: https://languagebrokeringidentities.files.wordpress.com/2019/03/ahrc-final-report-clb-as-mediators.pdf.

Forschungsumfeld und Teilnehmende

Im Großraum London ist fast 40% der Bevölkerung außerhalb des Vereinigten Königreichs geboren, und in der Stadt werden über 300 Sprachen gesprochen (Rogers, 2013). Wir wurden eingeladen, unsere Daten in drei weiterführenden Schulen mit Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren zu erheben, nämlich Murry Green (N = 9, alle weiblich), Rutland (N = 9, 6 weiblich, 3 männlich) und Drake (N = 11, 9 weiblich, 2 männlich) (die Namen aller Schulen wurden geändert). Jede Schule wurde anhand mehrerer Kriterien sorgfältig ausgewählt, darunter: ihre Lage (alle befanden sich in Gegenden mit vielen kürzlich zugewanderten Menschen); ein hoher Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Englisch als zusätzlicher Sprache (English as an Additional Language, EAL), ein wichtiger Indikator für die Praxis der Sprachmittlung durch Kinder; Verbindungen der Schule zu einer lokalen Organisation junger Dolmetschender (Young Interpreters); und eine frühere Forschungszusammenarbeit mit einer der Schulen. Die Jugendlichen an den Schulen füllten einen Online-Fragebogen aus, mit dessen Hilfe wir feststellen konnten, welche von ihnen aktiv sprachmittelten. Wer mehr als einmal pro Woche für Familienangehörige dolmetschte, wurde zur Teilnahme an den Interviews und Workshops eingeladen.

Unsere Teilnehmenden haben unterschiedliche Migrationsgeschichten. Einige Jugendliche und ihre Familien kamen auf direktem Weg aus ihren Herkunftsländern nach England, darunter Polen, Bulgarien, Kolumbien und Ecuador. Andere legten transnationale Migrationswege zurück: Sie oder ihre Eltern wurden in Ländern wie Bangladesch, Sri Lanka oder Nigeria geboren und kamen über ein anderes Land wie Italien oder Spanien, bevor sie sich in England niederließen. Neunzehn Personen unserer Stichprobe kamen im Alter von 11–16 Jahren ins Vereinigte Königreich, 5 gaben an, im Alter von 6–9 Jahren angekommen zu sein, 1 Person berichtete, mit 2–3 Jahren gekommen zu sein, und 4 machten dazu keine Angaben. In unserer Analyse haben wir nicht herausgearbeitet, wie das Ankunftsalter der Befragten ihre Deutung der moralischen Zweideutigkeit des Vignettenszenarios (im nächsten Abschnitt dargestellt) prägte. Wir haben unsere Stichprobe jedoch sorgfältig ausgewählt. Bevor wir die Interviews führten und den Fragebogen einsetzten, nahmen wir uns Zeit, die Jugendlichen kennenzulernen, und führten eine Reihe von Workshops zu den Räumen, Orten und Situationen durch, in denen sie sprachmittelten. Alle ausgewählten Jugendlichen dolmetschten aktiv für ihre Familien und verfügten über Erfahrung und Wissen in der Sprachmittlung in einer Reihe unterschiedlicher Systeme und Einrichtungen im Vereinigten Königreich (einschließlich der Arztpraxis). Alle befragten Jugendlichen konnten auf Englisch interviewt werden. Unsere Auszüge geben grammatische Fehler und lokale Londoner Ausdrucksweisen unverändert wieder.

Vignetteninterviews

Wir haben die Daten mithilfe qualitativer Vignetteninterviews erhoben. Eine Vignette bietet einen erzählerischen Impuls, der es der befragten Person ermöglicht, über die Dilemmata der Figuren nachzudenken. Die Vignettenmethode, die bereits als ethisch sensibler Ansatz beschrieben wurde (Barter & Renold, 2000), erlaubt es Forschenden, Themen aus einer nicht persönlichen und daher weniger bedrohlichen Perspektive zu besprechen (Crafter et al., 2015). Da Englisch nicht die Erstsprache unserer Teilnehmenden war, gingen wir außerdem davon aus, dass die Vignette ihnen helfen würde, im Interview ihre eigenen Sichtweisen und Erfahrungen mitzuteilen.

Alle unsere Vignetten wurden auf der Grundlage von Beispielen aus der Literatur zur Sprachmittlung entwickelt. Wir haben jede Vignette so gestaltet, dass die befragte Person eine schwierige oder konflikthafte Situation sowie mögliche Machtkämpfe zu bewältigen hatte. Mit anderen Worten: Wir haben eine Kontaktzone geschaffen (Pratt, 1991). Wir berichten die Ergebnisse zu einer von vier Vignetten, die den Jugendlichen im Interview vorgelegt wurden (Einzelheiten zu den anderen drei siehe Crafter & Iqbal, 2020). Die in diesem Beitrag besprochene Vignettengeschichte handelt von einem Arztbesuch und wurde nach einer realen Sprachmittlungssituation im Gesundheitswesen gestaltet, die García-Sánchez (2014) in ihrem Buch über marokkanische Zugewanderte in Spanien beschreibt. Im Szenario dolmetscht eine junge Sprachmittlerin – Sorraya (die Figur) – für ihre Nachbarin in der Arztpraxis. Das Forschungsteam las den Befragten die folgende Vignette vor:

Sorraya übersetzt für ihre Nachbarin beim Arzt. Der kleine Sohn der Frau isst nicht, und es ist der zweite Besuch innerhalb von vier Monaten. Nach einem kurzen Gespräch sagt der Arzt, die Mutter müsse aufhören, ihm so viele Süßigkeiten zu geben. Die Mutter bittet Sorraya fröhlich, dem Arzt zu sagen, dass sie ihm einen Klaps gibt, wenn er anfängt zu schreien. Sorraya weiß, dass der Arzt es nicht gutheißen wird, dass sie ihr Kind schlägt.

Jeder befragten Person wurden anschließend die folgenden Fragen gestellt:

  1. Was passiert deiner Meinung nach in dieser Situation?
  2. Wie würdest du das kulturelle Missverständnis beschreiben, das hier entstanden ist?
  3. Wie würde das Mädchen in der Geschichte deiner Meinung nach damit umgehen?
  4. Rollenspiel: Stell dir vor, du bist in dieser Situation. Ich bin der Arzt und du bist Sorraya. Du hast deiner Nachbarin gerade erklärt, dass sie aufhören sollte, ihrem Sohn Süßigkeiten zu geben, und die Nachbarin hat mit der Bemerkung über den Klaps geantwortet. Die Interviewerin sagt in professionellem Ton – „Kannst du mir erklären, was deine Nachbarin gesagt hat?“ Was würdest du tun oder sagen?

Der Konflikt in der Geschichte entsteht, als die junge Person (Sorraya) hört, dass die Nachbarin (für die sie übersetzt) ihr eine unerwartete Information gibt: dass sie ihr Kind schlägt. Die Vignettenfigur und unsere Befragten werden so mit einem moralischen Konflikt konfrontiert, der sich zwischen kulturellen Normen und Werten bewegt. Die ersten drei Fragen bitten die Befragten, sich dazu zu äußern, was die Figur ihrer Meinung nach in ihrer Lage tun würde, während Frage 4 die Jugendlichen auffordert, sich selbst in die Figur hineinzuversetzen. Diese Frage sollte es den Befragten erleichtern, eigene Berichte über ähnliche Erfahrungen im medizinischen Umfeld einzubringen. Von den 29 Tiefeninterviews mit den Jugendlichen gingen 26 ausführlich auf diese Vignette ein. Es war die letzte Vignette im Interview, und aus Zeitgründen endeten drei Interviews abrupt. Dies ist eine der Einschränkungen der Arbeit an Schulen.

Der Auswertungsprozess

Die Auswertung der Vignetteninterviews erfolgte durch eine Kombination aus manueller Codierung und Software zur qualitativen Datenanalyse (NVivo). Wir lasen die Interviewtranskripte und entwickelten erste thematische Kategorien auf der Grundlage bestehender Theorie, unserer Forschungsfragen und der Literatur zur Sprachmittlung durch Kinder. Dieses erste Codebuch entstand aus Teamdiskussionen über eine erste Auswahl von Transkripten. Die Codes wurden anschließend durch weitere Auseinandersetzung mit den Daten und deren Analyse verfeinert und hinterfragt und zu Themen gebündelt (Flick, 2014). Das Auswertungsteam bestand aus drei Personen (den beiden Verfasserinnen und einer projektexternen Fachperson aus dem Kollegium), die die Transkripte unabhängig voneinander analysierten und dann zusammenkamen, um die Themen zu vergleichen. Bei Uneinigkeit wurden Themen verworfen oder überarbeitet, bis ein Konsens erreicht war. Wenn Teammitglieder eigenständige Codes einbrachten, wurden diese mit den bestehenden Codes auf Ähnlichkeiten verglichen und entweder integriert, in die Codeliste aufgenommen oder fallen gelassen. Nach seiner Fertigstellung wurde das Kategoriensystem zur Analyse der übrigen Transkripte verwendet, wobei sich das Team bei Fragen weiter abstimmte. In diesem Auswertungsprozess konzentrierten wir uns auf die dyadische Beziehung zwischen der Vignettenfigur und den eigenen Positionen der jungen Person im Interview. Bei der Diskussion der Vignettenergebnisse ist uns bewusst, dass es sich oft um Projektionen der Entscheidungsfindung der Kinder auf die Figur handeln kann; hier nutzen wir sie jedoch als Mittel, um vielfältige Positionen und Machtdynamiken zu untersuchen (Crafter et al., 2015). In diesem Fall bezog sich die Vignette auf ein Szenario, in dem die Figur (Sorraya) beim Dolmetschen für ihre Nachbarin in der Arztpraxis mit einer heiklen Konsultation konfrontiert ist, die ein moralisches Dilemma beinhaltet. Uns interessierte nicht nur, wie Sorraya nach Aussage unserer Teilnehmenden mit der Situation umgehen würde, sondern auch die Berichte über eigene ähnliche Erfahrungen im medizinischen Umfeld, die die Teilnehmenden einbrachten. Unsere Codierstrategie berücksichtigte diese Unterscheidung. Im Beitrag machen wir deutlich, wann die Befragten auf eigene Erfahrungen zurückgreifen und wann sie über die Vignettenfigur nachdenken.

Ergebnisse

Alle Sprachmittelnden hatten reale Erfahrungen mit dem Dolmetschen im medizinischen Kontext, etwa in einer Arztpraxis, einem Krankenhaus oder einer Apotheke. Keine von ihnen hatte ein ähnliches moralisches Dilemma oder eine ähnliche Situation wie Sorraya (die Vignettenfigur) erlebt, doch unsere Befragten waren in der Lage, über die von der Vignette aufgeworfenen Komplexitäten nachzudenken. Im Szenario gibt es drei zentrale Machtbeziehungen, die mit der Sprachmittlung im medizinischen Kontext verbunden sind: (1) die erwachsene Nachbarin und ihre Beziehung zur jungen Sprachmittlerin, (2) der Arzt (der als sachkundige Autoritätsfigur auftritt) und seine Beziehung zur Sprachmittlerin und schließlich (3) das Verständnis der Sprachmittlerin für die weiterreichenden möglichen Folgen, die es für die Nachbarin hätte, wenn bekannt würde, dass sie ihr Kind schlägt. Diese Machtbeziehungen lassen sich verschiedenen Elementen der Kontaktzone zuordnen, etwa der triinteraktionalen Beziehung zwischen der Nachbarin, dem Arzt und Sorraya sowie der übergeordneten nationalen Politik und den kulturellen Normen rund um Kindeswohl und Kinderschutz.

Verständnis des Problems und institutionelle Machtdynamiken in der Kontaktzone

Allen jungen Befragten war bewusst, dass Sprachmittlung in komplexen sozialen Situationen stattfand, die Kenntnisse sowohl über die Beteiligten der Dreierinteraktion als auch über institutionelle Faktoren und weitere gesellschaftliche Normen erforderten. Die Teilnehmenden dachten über Sorrayas Dilemma (das der Vignettenfigur) nach und über die Folgen, wenn sie dem Arzt übersetzt, was ihre Nachbarin ihr gesagt hat. Tereza, 16 Jahre, spricht darüber:

Ich glaube, Sorraya … weiß, wenn sie dem Arzt sagt, dass die Nachbarin den Kleinen schlägt, landet das beim Jugendamt, und dann versuchen die einfach, ihr das Kind wegzunehmen … die vom Jugendamt kommen zu dir nach Hause und versuchen herauszufinden, was los ist. … also, ich glaube, sie macht sich ein bisschen Sorgen, so: Welche Worte nehme ich, soll ich ihm das sagen oder soll ich es einfach anders erklären?

Viele andere Teilnehmende dachten über die möglichen Probleme nach, mit denen die Nachbarin in der Vignette konfrontiert wäre, zumal sie die Arztpraxis als Bindeglied zwischen den übergeordneten Sozialdiensten und der Familie verstanden. Sie erkannten an, dass der Staat das Recht hat, ein Kind in Obhut zu nehmen, wenn dessen Wohl als gefährdet eingeschätzt wird. Auch wenn nicht alle die Fachbegriffe kannten, verstanden alle, was im schlimmsten Fall droht, so etwa Anca, 13 Jahre: „Du weißt ja, wie das da [im Vereinigten Königreich] ist, wenn du dein Kind schlägst, kommen Leute und nehmen dir dein Kind weg.“

Wenn die Jugendlichen über den weiteren soziokulturellen Kontext und eine umstrittene Erziehungspraxis nachdachten, verglichen einige unserer Befragten die gesellschaftlichen Normen der Herkunftsländer mit ihrem neuen Leben in England. Samir, 14 Jahre, aus Afghanistan, dachte über die Vignettengeschichte nach und darüber, wie er selbst von einem Elternteil bestraft worden war:

Weil man in verschiedenen Ländern unterschiedlich über Sachen denkt, und ich glaube, wenn man in meinem Land dasselbe macht, findet der Arzt das in Ordnung.

In früheren Studien wurde argumentiert, dass die Praxis der Sprachmittlung das Verständnis junger Menschen sowohl für die Herkunfts- als auch für die Aufnahmekultur vertieft (Birman & Trickett, 2001). Samirs Zitat legt nahe, dass er den Klaps in einem Kontext als akzeptable Form der Disziplinierung durch die Nachbarin versteht, aber auch, dass Sorrayas fundiertes Wissen über die kulturellen Normen der Aufnahmekultur ihr eine sachkundigere Position verschafft als der Nachbarin. Tereza, 16 Jahre, bringt einen ähnlichen Punkt vor und verortet die Nachbarin in einer schwächeren Position, weil ihr das Verständnis der sozialen Normen und der Kinderschutzregeln fehlt:

Die Mutter muss aus einem anderen Land kommen. Wenn du zum Beispiel Afrikanerin bist und deinem Kind einen Klaps gibst, dann erziehst du es einfach, das ist okay. Aber so im Britischen [sic], finde ich, übertreiben sie das, bis zu dem Punkt, wo du dein Kind nicht mal anfassen darfst, Ende … Ich glaube, die Mutter versteht nicht, dass, wenn sie das einem britischen Arzt sagt, das ganz anders ankommt und die Mutter Ärger kriegt

Jenseits ihrer Sicht auf Erziehungspraktiken im britischen Kontext erkennt Tereza, was nötig ist, um sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden. In dieser Kontaktzone des medizinischen Umfelds zeigt Tereza, dass sie auf ihre erworbenen sozialen Codes zurückgreifen kann, um einen „geordneten, kohärenten Austausch“ (Pratt, 1991, S. 38) zu ermöglichen und so eine Situation zu vermeiden, die der Mutter Schwierigkeiten bereiten würde.

Für unsere sprachmittelnden Befragten stellte das in der Vignette dargestellte moralische Dilemma auch eine emotionale Herausforderung für Sorraya, die Vignettenfigur, dar. Ellora, 14 Jahre, geht die verschiedenen komplexen Dimensionen durch, die Sorraya bedenken könnte:

Weil ich weiß, wenn ein Kind misshandelt und geschlagen und, ähm, verprügelt wird, dann gibt es so rechtliche Folgen. Ich glaube, Sorraya weiß das, also will sie nicht, dass die Polizei die Mutter vom Kind trennt, also denkt Sorraya vielleicht an das Kind. Sie will nicht, dass das Kind ohne Mutter lebt, weil eine Mutter was Wichtiges ist … Also denkt sie darüber nach und ist so: Ich muss eine Lösung finden, damit sie da rauskommen. Also ist das echt schwierig. Wenn ich an Sorrayas Stelle wäre, würde ich durchdrehen.

Bemerkenswert ist zunächst, dass Ellora das Wort „Klaps“ (smack) zu etwas Schwerwiegenderem (Verprügeln und Misshandlung) steigert. Diese Steigerung erklärt ihre Verbindung zu einem Eingreifen der Polizei, die sie wiederum dazu bringt, über die Implikationen und die Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung nachzudenken. Die sprachmittelnde Figur trägt in diesem Szenario die moralische Last, an den Verlust einer Mutter für ein kleines Kind denken zu müssen. Die Vorstellung eines moralischen Dilemmas, das sich wie ein roter Faden durch einige Antworten unserer Teilnehmenden auf die Vignette zieht, knüpft an Bauers (2013) Arbeit über die Herstellung und Gestaltung von Moral im Prozess der Sprachmittlung an. Die Verantwortung, folgenreiche und moralische Entscheidungen zu treffen, versetzte die Vignettenfigur in eine Lage, in der sie zugleich mächtig und machtlos war. Einerseits hat Sorraya (die Figur) eine führende Position bei der Gesprächssteuerung. Andererseits beschreibt Ellora, dass sie an Sorrayas Stelle „durchdrehen“ würde. Andere Befragte beschrieben Sorraya als „feststeckend“ bis hin zu „traurig“ und „unwohl“, falls sie den Arzt belügen müsste. Anca, 13 Jahre, deren Erstsprache Rumänisch ist, beschrieb Sorraya als „Märtyrerin“, benutzte aber das Wort „vinovat“, das im Rumänischen ein Gefühl erfasst, das auch mit Schuld und Schuldhaftigkeit verbunden ist. Damit konnte Anca das Gewicht der Verantwortung beschreiben, das Sorraya ihrer Wahrnehmung nach trug.

Strategien junger Menschen im Umgang mit moralischen und kulturellen Dilemmata

Viele Teilnehmende berichteten über den Einsatz von Verzögerungstaktiken in ihren eigenen realen Übersetzungssituationen, insbesondere wenn sie viele Informationen übersetzten oder wenn die Informationen komplex waren und ein moralisches Dilemma bestand. Ebenso schlugen sie vor, dass die Vignettenfigur solche Taktiken anwenden könnte. Das würde Sorraya ihrer Ansicht nach Zeit verschaffen, um darüber nachzudenken, wie sie am besten auf das reagiert, was die Nachbarin gesagt hat. Rabiatou, 16 Jahre, schlägt zum Beispiel vor: „Wenn ich Sorraya wäre, würde ich dem Arzt sagen, dass wir uns gerade über (das Problem) unterhalten haben und ich nicht verstanden habe, was sie meinte, (als) sie es mir erklärt hat.“ In diesem Fall gibt Rabiatou an, sie würde vorgeben, das von der Nachbarin geschilderte Problem nicht verstanden zu haben, um Zeit zu schinden (da der Arzt die Familiensprache nicht verstand), und sich so Zeit verschaffen. Pratt (1991) erörtert die Rolle von Sprache und Macht in der Kontaktzone, und es ist klar, dass in diesem Fall das Englische (als Sprache der Aufnahmegesellschaft) eine dominante Stellung einnimmt, da es von der Autoritätsfigur (dem Arzt) verwendet wird. Durch solche Verzögerungstaktiken in der untergeordneten Familiensprache können die Jugendlichen jedoch die Machtdynamiken in der Kontaktzone unterlaufen. So schlägt Daria, 14 Jahre, vor, Sorraya solle mit der Nachbarin in der Familiensprache sprechen, um sie über die möglichen Folgen einer direkten Übersetzung ihrer Aussage zu informieren.

Ja, aber wenn sie in einer anderen Sprache reden, Sorraya, die kann dem Arzt sagen: „Oh, Entschuldigung, ich muss mit ihr über was reden, ihr was erklären.“ Sie kann ihn anlügen, nur um ihr zu erklären, dass es keine gute Idee ist, dem Arzt zu sagen, dass man sein Kind schlägt, wenn es einen anschreit oder brüllt oder so.

Einerseits ist Sorrayas Machtposition in der Kontaktzone der Arztpraxis aufgrund ihres Status als Kind schwächer. Andererseits beschreibt Daria, wie die Figur ihre Sprachmittlung als Strategie nutzen könnte, um sich Zeit zu verschaffen und der Nachbarin das konfliktträchtige Problem zu erklären. In diesem Sinne übt sie als Sprachmittlerin ein gewisses Maß an Macht aus, um ein engeres Bündnis mit der Mutter (der Nachbarin) statt mit der Autoritätsfigur einzugehen und der Nachbarin den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Dadurch würde sie die Mutter vor der mächtigeren Figur in der Interaktion schützen – in diesem Fall dem Arzt. In Anbetracht des Ernstes der Sprachmittlungssituation sagten einige Jugendliche, etwa Rabiatou, 16 Jahre, sie würden der Nachbarin gegenüber sehr direkt sein, da viel auf dem Spiel stehe:

Ich hätte der Nachbarin gesagt, dass man im Vereinigten Königreich Kinder nicht schlagen darf. Das hätte ich gesagt. Weil die einem das Kind wegnehmen können, von jetzt auf gleich.

Wir behaupten zwar nicht, dass die Antworten der Jugendlichen tatsächlich widerspiegeln, was sie im echten Leben tun würden, dennoch sind ihre Antworten aufschlussreich. Von den 26 ausführlichen Antworten auf dieses Szenario sagten 22 Jugendliche, sie würden die Information darüber, dass die Nachbarin ihrem Kind Klapse gibt, zurückhalten oder selektiv abändern. Drei Jugendliche waren unsicher, welche Entscheidung sie im echten Leben treffen würden, und nur ein Kind gab an, es würde dem Arzt mitteilen, dass die Mutter ihr Kind schlägt. Ähnlich wie bei den von García-Sánchez (2010, 2014) berichteten Befunden zur „selektiven Abänderung“ gab es dafür unterschiedliche Gründe, darunter der Schutz der Familieninteressen, das Erkennen eines moralischen Dilemmas, der Wunsch, Konflikte zu vermeiden, und der Wunsch, die eigene Herkunftskultur in einem positiven Licht darzustellen. In unserer Studie schildert Tereza, 16 Jahre, wie sie den Inhalt der Botschaft verändern würde.

Ich glaube nicht, dass sie dem Arzt sagen würde, dass die Nachbarin dem Kind einfach Klapse gibt. Ich glaube, sie würde es mit andere [sic] Worten sagen. Sie würde so was sagen wie: „Ich mag es nicht, wenn er viel weint, und ich will ihm keinen Klaps geben.

In diesem Fall grenzt sich Tereza jedoch von der Figur in der Geschichte ab.

Ich will das nicht machen. Denn selbst wenn du es dem Arzt sagst, ich glaube, aus meiner Sicht, wenn du dem Arzt sagst „ach nein, das ist nur eine Tradition“, (sagen die) „du bist in diesem Land, du bist in Großbritannien, so was macht man nicht“. Weil, wenn das Kind dann irgendwo einen blauen Fleck hat, ist es der Arzt, der das sieht

Dass Tereza ihre eigene Position von der der Vignettenfigur abgrenzt, weist zwei wichtige Merkmale auf. Erstens versteht sie, dass das kulturelle Wissen um die „Tradition“ nicht dasselbe Gewicht hat wie die dominanten Vorstellungen von Kindheit und Kinderschutz, die sich in der Haltung des Arztes als Autoritätsfigur widerspiegeln. Zweitens hat frühere Forschung gezeigt, dass Sprachmittelnden sehr bewusst ist, dass Erwachsene ihnen misstrauen, ob sie die Wahrheit sagen, weshalb sie die Bedeutung betonen, Erwachsenen gegenüber ehrlich zu sein (Crafter et al., 2017).

Die Macht sprachlicher Begriffe wurde von den Teilnehmenden in Bezug auf den kulturellen Kontext angesprochen. So brachten mehrere Kinder das Wort „smack“ (Klaps, Ohrfeige) zur Sprache und sagten, sie würden es abändern, um die Botschaft an den Arzt abzumildern, zum Beispiel in „spank“ (ein Klaps auf den Po). Ania, 13 Jahre, verwendet das Wort „tap“ (ein leichter Klaps) oder „leicht schlagen“ und verbindet dies mit einer Erklärung über Unterschiede in der Erziehung:

Ich würde einfach sagen, dass, wenn er anfängt zu schreien … so, dass sie ihm einen leichten Klaps gibt oder, na ja, ihn leicht schlägt, weil man das in dieser Kultur so macht, und so, dass sie nicht weiß, dass man das nicht machen soll, also würde ich dem Arzt irgendwie einfach erklären, dass man das in dieser Kultur so macht

Wie unsere Teilnehmenden beschrieben, wie das Mädchen der Nachbarin die Situation erklären würde, war unterschiedlich. Ania, 13 Jahre, sagt zum Beispiel, Sorraya würde der Mutter die Möglichkeit einer Bestrafung durch äußere Instanzen erklären und dass Schlagen nicht richtig sei:

Der Mutter würde ich sagen, dass du das echt nicht machen solltest, weil man das hier einfach nicht macht und weil man hier bestraft werden kann, wenn man ein Kind schlägt, und das ist nicht wirklich angebracht

Selektive Abänderung wurde auch eingesetzt, um die Person mit der geringeren Macht im Sprachmittlungskontext zu schützen oder abzuschirmen, in diesem Fall die Nachbarin. Dimitar, 14 Jahre, erläutert, dass das Abändern von Botschaften unvermeidlich ist, um die Interessen der Partei zu schützen, für die übersetzt wird:

Dimitar: Ich meine, sie [die Figur – Sorraya als sprachmittelndes Kind] sollte wahrscheinlich … den Arzt anlügen, was sie sich gesagt haben, weil sie will, dass ihre Nachbarin ihr Kind behält, weil das ihre Nachbarin am Boden zerstören würde. Sie sollte wahrscheinlich sagen, dass sie Schwierigkeiten hatten zu sagen, was genau das Problem ist, nämlich seine Essgewohnheiten.

Interviewerin: Sie sollte sie also schützen. Das ist ziemlich viel für ein Kind, findest du nicht?

Dimitar: Ja, schon, aber manchmal muss man eben tun, was man tun muss.

Dimitars Sympathien liegen hier bei der Nachbarin, die als die Figur mit dem größten Schutzbedarf verortet wird. Diese Sichtweise ähnelt den Fürsorgeaufgaben, die Sprachmittelnde für Familienangehörige übernehmen sollen und die eine moralisch-affektive Komponente haben, die Kindern hilft, Beziehungen aufrechtzuerhalten (García-Sánchez, 2018), und die Menschen, die sich nicht in der Landessprache verständigen können, vor wahrgenommenen Ungerechtigkeiten schützt (Nash, 2017). Besonders interessant sind auch Dimitars weiterführende Bemerkungen zur Frage der Interviewerin: „manchmal muss man eben tun, was man tun muss“. An anderen Stellen seines Interviews reflektierte Dimitar, wie bewusst ihm sein Status als Kind ist und dass dieser Status es ihm ermöglicht, Erwartungen infrage zu stellen und sich Konflikten zu stellen, wo es nötig ist. Das gilt nicht zwangsläufig für alle jungen Sprachmittelnden, wohl aber für Dimitar, der verstand, dass traditionelle Vorstellungen von Kindheit dazu führten, dass andere Fachkräfte ihn womöglich nicht ernst nahmen und bestimmte Verhaltensweisen von ihm nicht erwarteten. Dies nutzte er im Sprachmittlungsprozess oft zu seinem Vorteil (Crafter et al., 2009).

Andere dachten, ganz anders als Dimitar, über ihre Position als weniger mächtiges Kind gegenüber einer erwachsenen Person nach und hatten das Gefühl, nicht über das Selbstvertrauen und die Kompetenz zu verfügen, um mit einer so komplexen Situation umzugehen. Infolgedessen entwickelten sie alternative Ansätze dafür, wie die Figur mit dieser Situation umgehen würde. Mihal, 13 Jahre, erklärt, die Figur würde ihre eigenen Eltern bitten einzugreifen und „die Sache zu klären“, weil er glaubte, die Nachbarin würde es nicht gut aufnehmen, wenn ein Kind ihr Ratschläge gibt:

Weil es gut wäre, wenn sie, sie es so jemandem aus ihrer Familie erzählt, weil, wenn jemand aus der Familie, die Familie sich mit der Nachbarin gut versteht, kann sie vielleicht mit der Nachbarin reden und die Sache klären. Vielleicht.

Indem ein weiteres Familienmitglied hinzugezogen wird, so Mihal, würde der Druck auf Sorraya gemindert und die Spannung in der Kontaktzone gewissermaßen verringert. In gewisser Hinsicht ist dies ein Beispiel dafür, wie Alter auf eine andere vorteilhafte Weise genutzt werden kann. Als Kinder können Sprachmittelnde legitimerweise auf die Ressourcen anderer Erwachsener zurückgreifen, um Hilfe bei ihrem Dilemma zu bekommen.

Auch Ellora, 14 Jahre, denkt darüber nach, wie man von Erwachsenen Ressourcen und Wissen erhalten kann. Sie kommt zu dem Schluss, dass Sorraya eine aktive Sprachmittlerin wäre (Crafter & Iqbal, 2020) und die Initiative ergreifen würde, Informationen über gute Erziehungsmethoden für die Nachbarin einzuholen: „Also vielleicht den Arzt um Rat fragen, wie man sich in dieser Situation verhalten soll“. Auf diese Weise gelingt es ihr, innerhalb einer Kontaktzone einen sicheren Raum zu schaffen und zugleich die Information selektiv abzuändern.

Fazit, Implikationen und künftige Forschung

Fazit

Ziel dieses Beitrags war es zu untersuchen, wie sprachmittelnde Kinder über ein reales Sprachmittlungsszenario im Gesundheitswesen (in der Arztpraxis) sprechen, in dem ungleiche Machtverhältnisse zwischen den Beteiligten bestehen. Alle unsere Sprachmittelnden hatten Erfahrung mit dem Dolmetschen im medizinischen Kontext, doch keine von ihnen hatte ein moralisches und konflikthaftes Dilemma erlebt, wie wir es mit unserer Vignettenfigur Sorraya vorgestellt haben. Die Antworten unserer Teilnehmenden sind aufschlussreich, weil wir einen Eindruck davon gewinnen konnten, wie junge Menschen über die Verantwortung nachdenken, in institutionellen Räumen Macht innezuhaben und einer erwachsenen Person ihre Stimme zu leihen.

Zum Verständnis des Problems durch die Jugendlichen ergaben sich zwei zentrale Befunde. Der erste bezog sich auf das moralische Dilemma und die Machtungleichheiten im Sprachmittlungsszenario. Die Jugendlichen in unserer Studie dachten über die Vielzahl institutioneller Faktoren, gesellschaftlicher Normen und Beteiligter der Dreierinteraktion im Gesundheitsszenario nach. Sie erkannten, dass die Verantwortung der Sprachmittlung (in Bezug auf die Figur) dazu führen konnte, dass sich die junge Person zugleich mächtig (durch die ihr übertragene Aufgabe der Sprachmittlung) und machtlos fühlt (wenn das Ergebnis ihrer Sprachmittlung schwerwiegende Folgen für andere haben könnte). Der zweite Befund betraf die Strategien, die Jugendliche im Umgang mit komplexen Sprachmittlungssituationen einsetzten. Zu diesen Strategien gehörten Verzögerungstaktiken, vor allem wenn es um viele Informationen ging, die komplex oder umstritten waren, außerdem das Zurückhalten von Informationen oder die selektive Abänderung der Botschaft. Mithilfe dieser Strategien konnten die Sprachmittelnden die Machtdynamiken in der Kontaktzone unterlaufen und ein gewisses Maß an Handlungsfähigkeit behaupten. Eine weitere wichtige Überlegung des Beitrags betraf die Rolle des Alters in einer komplexen Sprachmittlungssituation.

Die Teilnehmenden unserer Studie schienen zu erkennen, dass sprachmittelnde Kinder über fundiertes Wissen über andere kulturelle Werte und Traditionen verfügen. Doch solche Praktiken und Traditionen haben nicht in allen Kontexten dasselbe Gewicht. Ihr Wissen erstreckt sich daher auf das Verständnis sowohl der Praktiken der Herkunfts- als auch der Aufnahmekultur sowie der weiterreichenden Folgen, die mit ihnen verbunden sind, wenn institutionelle Kräfte ins Spiel kommen. So mag es auf den ersten Blick scheinen, dass Sorraya (unsere Vignettenfigur) sich in einer machtvollen Position befindet, weil sie das Gesagte „selektiv abändern“ kann. In einer moralisch-affektiven und konflikthaften Situation befindet sich Sorraya jedoch in einer heiklen Lage. Ihre Worte haben schwerwiegende Folgen, und unsere Befragten verorteten den Arzt als autoritatives Gegenüber, das die Praxis der Sozialdienste sowie die Normen der gesellschaftlichen und kulturellen Werte im Aufnahmekontext repräsentiert.

Die Heranziehung von Mary Pratts (1991) Arbeit zur Kontaktzone bietet ein nützliches Mittel, um über die Erfahrungen und Machtdimensionen nachzudenken, denen ein sprachmittelndes Kind im Vermittlungsprozess für ein Familien- oder Gemeinschaftsmitglied begegnet. Sie baut auf dem Begriff der Migration, der Marginalisierung und der über- bzw. untergeordneten Positionen auf, die bestimmte Sprachen, Personen und Räume innehaben. Wie Atari (2013) hervorhebt, sind Kontaktzonen miteinander verbunden, und Handlungen in einer Zone (in diesem Fall der Arztpraxis) können weiterreichende Auswirkungen in einer anderen (dem staatlichen Wohlfahrtssystem) haben. Die Rolle der Sprache in sozialen Kontexten ist besonders wichtig. Während Pratt erörtert, wie unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Repräsentationen von Macht transportieren, denkt der Soziolinguist Hymes (1971) darüber nach, dass Kinder in verschiedenen Kontexten möglicherweise keinen gleichen Zugang zu soziolinguistischen Ressourcen und zum Spracherwerb haben. Dies gilt besonders für sprachmittelnde Kinder, die unterschiedliche Migrationsgeschichten mitbringen und Rollen übernehmen, die als Erwachsenenrollen gelten. Im Kontaktzonen-Setting der Arztpraxis (das in diesem Beitrag untersucht wurde) können junge Sprachmittelnde zum Beispiel mit sprachlich komplexer medizinischer Fachterminologie konfrontiert werden, deren Dolmetschen für sie eine Herausforderung sein kann.

Der Beitrag zeigt außerdem, dass Kinder gezwungen sein können, weitreichende Entscheidungen zu treffen, die sich auf ihnen nahestehende Menschen auswirken. In diesem Sinne sprachen die Kinder in dieser Studie über eine Reihe von Strategien, mit denen sie Zeit gewinnen, andere abschirmen und schützen, indem sie die Sprache verändern und mehr über den weiteren Kontext verstehen. Sprachmittlung ist wohl eine Praxis, die kulturellen Erwartungen an familiäre Verantwortlichkeiten entspricht (Spyrou et al., 2018), und manche Forschende haben den Prozess als Belastung beschrieben (Tomasi & Narchal, 2019), weil er Kindern und Jugendlichen Verantwortung aufbürdet. Wir haben jedoch an anderer Stelle argumentiert, dass Kinder selbst ihre Mitwirkung an solcher Arbeit in vielen Fällen positiv sehen können. Sie kann ein Mittel sein, um zusätzliche Fähigkeiten zu erwerben und Entwicklungsschritte im Verhältnis zu ihrem chronologischen Alter zu machen (Crafter & Iqbal, 2021).

Wir sind uns bewusst, dass eine Einschränkung unserer Studie darin besteht, dass wir gezielt Vignettengeschichten mit konflikthaften und schwierigen Situationen entwickelt haben, die moralische Dilemmata aufwarfen. Gleichwohl beruhte jede dieser Geschichten auf einem realen Fall von Sprachmittlung, und diese indirekte Methode, die Erfahrungen von Kindern zu erfassen, war ethisch sensibler und weniger bedrohlich, als wenn Forschende in einem angespannten Moment des Übersetzens vor Ort anwesend gewesen wären.

Implikationen und künftige Forschung

Durch Sparmaßnahmen in den Haushalten öffentlicher Dienste (etwa für professionelles Dolmetschen) wird in vielen Teilen der Welt weniger Geld dafür ausgegeben, zugewanderten Familien und Einzelpersonen einen leichten Zugang zu Übersetzungs- und Dolmetschleistungen zu ermöglichen. Es ist wahrscheinlich, dass Kinder und Jugendliche diese Tätigkeit weiterhin übernehmen werden. Zudem führt das derzeitige politische Klima, in dem in vielen Teilen des Globalen Nordens eine ausgeprägte migrationsfeindliche Stimmung herrscht, die oft von einer feindseligen Migrationspolitik begleitet wird, dazu, dass Eltern und andere Erwachsene aus Gründen des Vertrauens lieber von Familienmitgliedern unterstützt werden, selbst wenn es sich um Kinder handelt.

Im Vereinigten Königreich gibt es kaum klare, formalisierte Leitlinien für den Einsatz sprachmittelnder Kinder in öffentlichen Kontexten (z. B. Recht, Medizin, Finanzen und Behörden). Zwar gibt es einige Empfehlungen für den Bildungsbereich: siehe https://www.nuffieldfoundation.org/project/child-language-brokering-at-school), sie gehen jedoch nicht angemessen auf die besonderen Herausforderungen anderer Bereiche wie des Gesundheitswesens ein (das in diesem Beitrag behandelt wird). Und doch wissen wir, dass diese Praxis stattfindet. Daher braucht es bessere und passgenaue praktische Leitlinien für Gesundheitsfachkräfte sowie die Anerkennung, dass es Gespräche gibt, in die Kinder nicht einbezogen werden sollten. Es sollte ein Verständnis für das Setzen von Grenzen und eine Anerkennung des Machtgefälles zwischen den erwachsenen Fachkräften und den Kindern geben, die für ihre Familien sprachmitteln. So kann es während einer Konsultation Momente geben, in denen ein Gespräch in angemessener Weise beginnt, sich dann aber zu etwas entwickelt, in das das Kind nicht einbezogen werden sollte; in diesem Fall müsste die behandelnde Fachkraft eingreifen. Zudem braucht es ein Verständnis für die weiteren Kontextfaktoren, die eine Rolle spielen können – Aufenthaltsstatus, mangelnde Kenntnis der Systeme.

Auf politischer Ebene braucht es mehr Diskussion und ein besseres Verständnis der Komplexität von Sprachmittlung, wobei junge und erwachsene Sprachmittelnde in das Gespräch einbezogen werden sollten. Darüber hinaus ist mehr Forschung im Bereich Sprachmittlung und Gesundheitsversorgung erforderlich. Wir schließen mit einem Plädoyer für Forschung, die gezielt versucht, die Bandbreite der Sprachmittlungstätigkeiten junger Menschen im medizinischen Bereich und in anderen Räumen mit umstrittenen Machtungleichheiten zu verstehen und zu kategorisieren. Ein Bereich mit dringendem Bedarf sind gesundheitliche Notfallsituationen, in denen Kinder oft die einzigen verfügbaren Dolmetschenden sind.

Complexe Systémique: Kernpunkte

Für die systemische Praxis verschiebt dieser Text die Frage der „Parentifizierung“ auf nützliche Weise: Das sprachmittelnde Kind ist nicht nur ein Kind, dem eine Erwachsenenrolle aufgebürdet wird, sondern ein handelndes Subjekt, das zwischen Welten verhandelt, die Seinen schützt, seine Worte wählt, Zeit gewinnt und sich mitunter erwachsene Verbündete sucht. Die Vignette zeigt auch den Preis dieser Macht: sich zugleich unentbehrlich und machtlos zu fühlen, Geheimnisse zu tragen, schwerwiegende institutionelle Folgen vorwegzunehmen. Für unsere Praxis bedeutet das, ein Kind nie zu bitten, in heiklen Angelegenheiten zu dolmetschen, die Familie zu fragen, wie die Sprachmittlung zu Hause erlebt wird, und diese Kompetenz anzuerkennen, ohne sie zu verharmlosen. Zwei Einschränkungen mahnen zur Vorsicht: Die Antworten beziehen sich auf ein fiktives Szenario und sagen nicht, was die Jugendlichen tatsächlich tun würden, und die über die Schule rekrutierte Stichprobe besteht überwiegend aus Mädchen. Wünschenswert wäre auch, die betroffenen Eltern zu hören. Zu lesen zusammen mit dem Artikel über dialektische Prozesse in somalischen Familien in Schweden und dem Artikel über das emotionale Erleben von Parentifizierung in der Kindheit.

Anmerkungen des Originals

Danksagung. Wir danken den Schulen und den Jugendlichen, die großzügig ihre Zeit zur Verfügung gestellt haben, um diese Forschung zu ermöglichen. Unser Dank gilt Charles Forsdick, AHRC Leadership Fellow, für die Unterstützung unseres Projekts im Rahmen des Themenschwerpunkts Translating Cultures.

Förderung. Diese Arbeit wurde vom Arts and Humanities Research Council unter dem Förderkennzeichen [AH/M003744/1] unterstützt.

Interessenkonflikt. Die Verfassenden erklären, dass keine konkurrierenden Interessen bestehen.

Ethische Genehmigung. Alle Daten wurden nach der ethischen Genehmigung der Studie durch die Forschungsethikkommission des IOE, der Faculty of Education and Society des UCL, erhoben (REC678).

Einwilligung zur Teilnahme. Von allen in die Studie einbezogenen Teilnehmenden sowie von ihren Eltern bzw. Sorgeberechtigten wurde eine informierte Einwilligung eingeholt.

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Inoffizielle deutsche Übersetzung von Child Language Brokering in Healthcare: Exploring the Intersection of Power and Age in Mediation Practices von Humera Iqbal und Sarah Crafter, Journal of Child and Family Studies, Bd. 32, Nr. 2 (2023), doi: 10.1007/s10826-022-02376-0, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzung und Satz: Complexe Systémique, Oktober 2026, mit Unterstützung künstlicher Intelligenz; das Werk wurde im Sinne der Lizenz bearbeitet (Highlights im Kasten der Zusammenfassung zusammengefasst). Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.

Dies ist eine inoffizielle deutsche Übersetzung des Originalartikels „Child Language Brokering in Healthcare: Exploring the Intersection of Power and Age in Mediation Practices“, erschienen in Journal of Child and Family Studies (2023) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, wie zu Beginn dieser Seite angegeben; maßgeblich ist die Originalfassung.

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Wie man diesen Artikel zitiert

Iqbal, H., und Crafter, S. (2023). Child Language Brokering in Healthcare: Exploring the Intersection of Power and Age in Mediation Practices. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/child-language-brokering-in-healthcare-the-intersection-of-power-and-age-in-mediation (Originalwerk 2022 erschienen in Journal of Child and Family Studies, 32(2), 586-597 (2023); 2023 erneut veröffentlicht von Journal of Child and Family Studies, https://link.springer.com/article/10.1007/s10826-022-02376-0)

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