KI-gestützte Übersetzung

Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.

Journal of Marital and Family Therapy · Familientherapie

Affordanzen und Gelegenheiten für relationales Wohlbefinden

Familien, die in Therapie kommen, bringen immer Möglichkeiten relationaler Heilung mit – sofern diese wahrgenommen werden. Karl Tomm und Lance Taylor vom Calgary Family Therapy Centre entlehnen dem Psychologen James Gibson den Begriff der Affordanz, um dieses „Schon-da-Sein“ zu beschreiben, und schlagen eine Arbeitsabfolge vor: die Affordanz wahrnehmen, sie in eine Gelegenheit verwandeln, die Initiative ergreifen. Vier Vignetten zeigen, wie ein Wort, eine Ausnahme oder eine reflexive Frage ein Beziehungsmuster kippen lassen kann.

Autoren Karl Tomm (Department of Psychiatry, University of Calgary, und Calgary Family Therapy Centre, Kanada); Lance Taylor (Calgary Family Therapy Centre, Kanada)Erstveröffentlichung Journal of Marital and Family Therapy, 4. Februar 2025Übersetzung Complexe Systémique, inoffizielle KI-gestützte Übersetzung

Inoffizielle deutsche Übersetzung von Affordances and Opportunities for Relational Wellness von Karl Tomm und Lance Taylor, erschienen in Journal of Marital and Family Therapy (Wiley) (2025), doi: 10.1111/jmft.70004, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und für die Online-Lektüre neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.

Wer glaubt, dass eine bestimmte Affordanz bereits existiert, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit nach ihr suchen – und wer sucht, wird sie mit weit größerer Wahrscheinlichkeit finden.

Karl Tomm und Lance Taylor

Zusammenfassung

Dieser Beitrag untersucht das Konzept der „Affordanzen“ für relationale Heilung, die Klientinnen und Klienten implizit in die Therapie mitbringen. Er hebt hervor, dass die Wahrnehmung solcher Affordanzen durch Therapierende ein erster Schritt ist, um Gelegenheiten für bestimmte Initiativen zu entwerfen, die relationales Wohlbefinden ermöglichen. Je bewusster sich Therapierende der vielfältigen Interventionsmöglichkeiten werden, die die Klientel ihnen bietet, desto eher nutzen sie solche Gelegenheiten in der therapeutischen Arbeit. Indem sie ihre Beobachtungsfähigkeiten schärfen, um diese Affordanzen wahrzunehmen, können Therapierende die damit verbundenen therapeutischen Gelegenheiten leichter erkennen und passende Interventionen einleiten. Wir beginnen mit einigen theoretischen Grundlagen und stellen dann einige Vignetten aus der klinischen Arbeit vor, um die Anwendung dieser Konzepte im Verlauf einer Familientherapie zu veranschaulichen.

Schlüsselwörter: Affordanzen, Gelegenheiten, Beziehungsmuster, lösungsfokussiert, therapeutische Initiativen

1 Einleitung

Dieser Beitrag soll das Bewusstsein von Therapierenden für die Optionen erweitern, mit denen sie es der Klientel ermöglichen können, relationales Wohlbefinden zu verwirklichen. Übergeordnetes Ziel ist es, die Bewegung der Klientel hin zu gesünderen Beziehungen zu ermöglichen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das individuelle Wohlbefinden an sich, sondern das Wohlergehen von Beziehungen. Wir gehen jedoch davon aus, dass die Beteiligten einer Beziehung mehr persönliches Wohlbefinden erleben, wenn ihre Beziehungen gesünder sind. Da wir unsere Überlegungen auf einen Aspekt der Therapie ausrichten, nämlich die Ko-Konstruktion größeren Wohlbefindens in zwischenmenschlichen Beziehungen, sind unsere Ansprüche an diesen Beitrag begrenzt. Wir werden nicht versuchen, ein umfassendes Spektrum therapeutischer Möglichkeiten für Ratsuchende abzudecken, die wegen ihrer Schwierigkeiten Hilfe suchen. Wir gehen davon aus, dass die meisten Therapierenden, und praktisch alle, die systemische Familientherapie praktizieren, bereits über beträchtliche Fähigkeiten verfügen, relationales Wohlbefinden zu ermöglichen. Sie reagieren bereits auf vielfältige Weise auf die Klientel, um gesündere Beziehungen zu unterstützen. Unsere Absicht ist es, auf solches vorhandene Wissen zurückzugreifen und es hoffentlich um einige Ideen zu erweitern, die alle Therapierenden in ihrer Arbeit mit Gewinn berücksichtigen könnten.

Wir beginnen mit einem kurzen Überblick über Gibsons Theorie der Affordanzen (1977, 1979) und untersuchen ihre Bedeutung dafür, den Boden zu bereiten, um Gelegenheiten für therapeutische Interventionsinitiativen zu unterscheiden. Wir beschreiben Tomms Muster interpersoneller Interaktion (2014) als möglichen Rahmen, um bevorzugte Affordanzen zur Ko-Konstruktion relationalen Wohlbefindens zu nutzen. Anschließend beschreiben wir eine Erweiterung des Fokus von Simon und Taylor auf Gelegenheiten (2014, 2024), um die Schritte zu verdeutlichen, die von Affordanzen zu therapeutischen Antworten führen. Schließlich stellen wir einige klinische Vignetten vor, die therapeutische Initiativen zeigen, mit denen Raum für mehr Wohlbefinden in bestehenden Beziehungen geöffnet wird – einschließlich der Beziehung der Ratsuchenden zu sich selbst.

2 Affordanzen

2.1 Gibsons Theorie der Affordanzen

Gibson (1977, 1979) war ein Psychologe, der eine ökologische Haltung einnahm, um zu beschreiben, wie ein lebendes System in seiner Umwelt und seiner Nische interagiert. Die Nische bietet einem lebenden System bestimmte Interaktionsmöglichkeiten, die aufgegriffen werden können oder nicht. Gibson prägte den Begriff „Affordanz“, um solche Möglichkeiten zu beschreiben, und definierte eine Nische als eine einzigartige Menge von Affordanzen. Eine Affordanz ist eine spezifische Interaktionsmöglichkeit in einem bestimmten Kontext. So kann eine bestimmte Geländeform Schutz bieten oder dem Tier ein Versteck bieten. Ob das Tier die Affordanz tatsächlich nutzt (als Schutz oder als Versteck), ist eine andere Frage, auf die wir später eingehen. Wichtig ist hier, dass die Affordanz bereits vor der Anwesenheit des Tieres besteht. Die Affordanz ist schon da. Ohne eine Umwelt, die bestimmte grundlegende Lebensgrundlagen bietet, würde das Tier nicht überleben. Die Affordanzen müssen jedoch wahrgenommen werden, bevor sie für das Tier existieren und genutzt werden können. Daraus ergibt sich die grundlegende Rolle der Wahrnehmung dafür, dass lebende Systeme überleben und gedeihen.

In den letzten 50 Jahren wurde der Begriff der Affordanz in einer Vielzahl von Bereichen angewandt: Ökologie, Architektur, Design, Landschaftsplanung, Mensch-Computer-Schnittstellen, Robotik, künstliche Intelligenz usw., oft mit unterschiedlichen Deutungen von Gibsons ursprünglichem Konzept. Es besteht Einigkeit darüber, dass eine Affordanz kein Merkmal des Tieres ist, etwa eine „Stärke“ oder eine bestimmte Fähigkeit. Umstritten ist, ob eine Affordanz ein Merkmal der Umwelt ist, eine Beziehung zwischen diesem Merkmal und dem Tier oder beides (Rietveld und Kiverstein 2014). Wir schließen uns der letztgenannten Sichtweise an, also beidem: Affordanzen sind bereits da und können hervorgebracht werden, indem man mit dem interagiert, was da ist. Dies entspricht dem, was in der Philosophie des Geistes mitunter als enaktivistische Haltung bezeichnet wird (Thompson 2010; Maturana und Varela 1987).

Manche Affordanzen können, sobald sie wahrgenommen werden, als „positiv“ bewertet werden, insofern sie, wenn sie aufgegriffen und genutzt werden, das Überleben und Wohlergehen des Tieres ermöglichen. Andere sind „negativ“, insofern sie Gefahren oder Risiken für das Überleben mit sich bringen. So bietet etwa eine Klippe das Risiko eines Absturzes. Manche Merkmale der Umwelt bieten sowohl positive als auch negative Affordanzen. Dieselbe Klippe könnte die Möglichkeit eines angenehmen Spaziergangs entlang der Kante mit schöner Aussicht bieten, aber auch die Gefahr eines Sturzes. Im Laufe der Evolution haben lebende Systeme das „instinktive Wissen“ bewahrt, das nötig ist, um positive Affordanzen wahrzunehmen und zu nutzen und negative zu meiden. Mit anderen Worten: Aufgrund ihrer phylogenetischen Drift innerhalb einer bestimmten Nische „wissen“ lebende Systeme schließlich, wie sie überleben und gedeihen können, indem sie relevante Affordanzen wahrnehmen.

Gibson zufolge bietet eine gegebene Menge von Affordanzen in der natürlichen Umwelt einem Tier eine bestimmte Lebensweise. Er führt eine Reihe von Beispielen grundlegender Affordanzen an (Gibson 1979, 128–129). Feste Oberflächen bieten Haltung, Fortbewegung, Zusammenstoß und Manipulation. Lose Gegenstände bieten ihre Verwendung als Werkzeuge, Gerätschaften und Waffen. Dies sind Beispiele für belebte Wesen, die mit unbelebten Objekten interagieren. Die Situation wird weitaus komplexer, wenn die Interaktion innerhalb der Nische Interaktionen mit anderen lebenden Systemen einschließt. Tiere bieten einander eine enorme Vielfalt von Möglichkeiten (z. B. Beutefang, Konkurrenz, Paarung, Fürsorge und Kommunikation), je nach den Besonderheiten der Situation. Die Grundvoraussetzung, Affordanzen wahrzunehmen, um zu überleben und zu gedeihen, bleibt jedoch dieselbe.

Auch Menschen nehmen als Lebewesen in ihrem Alltag Affordanzen wahr; meist reagieren sie darauf nicht bewusst und nahtlos, während sie gemäß ihren grundlegenden Bedürfnissen und Interessen handeln. Die reichsten und differenziertesten Affordanzen für Menschen werden von anderen Menschen bereitgestellt. Eine Art menschlichen Verhaltens bietet typischerweise eine andere Art von Verhalten an und umgekehrt. Zwei oder mehr Personen, die miteinander sprechen, können einander sehr schnell und auf einem äußerst hohen Niveau an Raffinesse wechselseitige Affordanzen anbieten. Die Vielfalt der Affordanzen in der menschlichen Interaktion ist in der Tat überwältigend. Obwohl sich Gibson nicht eigens mit sozialen Affordanzen befasste, vertreten wir die grundlegende Position, dass eine enorme Vielfalt relationaler Affordanzen im soziokulturellen Hintergrund menschlicher Vorstellungen über Beziehungen verankert ist und dass Wahrnehmung der Schlüssel dazu ist, die Gelegenheiten zu nutzen, die sie bieten können. Darüber hinaus haben wir Menschen unsere evolutionäre Drift so weit fortgeführt, dass uns zumindest einige der Affordanzen unserer Nische bewusst werden. Wir nehmen bestimmte Affordanzen unserer Umwelt rekursiv wahr. Und sich ausgewählter Affordanzen bewusst zu werden, erhöht die Möglichkeit, sie gezielt als Gelegenheiten für eine Antwort einzusetzen – in unserem Fall für eine therapeutische Antwort. Ein Hauptanliegen dieses Beitrags ist es daher, die Wahrnehmung relationaler Affordanzen zu fördern, die im Kontext der Therapie „schon da“ sind. Sobald eine Affordanz wahrgenommen wird, kann sie als positiv oder negativ bewertet werden, und es kann eine Gelegenheit formuliert werden, mit ihr umzugehen – entweder indem man die Möglichkeit aufgreift (wenn sie positiv ist) oder indem man sie meidet (wenn sie negativ ist). Auf Gelegenheiten gehen wir später ausführlicher ein; hier sei nur gesagt: Wird die Affordanz nicht wahrgenommen (bewusst oder unbewusst), entsteht auch keine Gelegenheit.

Es gibt viele Affordanzen in der Umwelt, die nicht wahrgenommen werden und die der Organismus daher nicht nutzen kann. Dies gilt besonders für Menschen, bei denen es fast immer Möglichkeiten potenzieller Interaktion gibt, die nicht erkannt werden. Und in der therapeutischen Arbeit kann das Übersehen bestimmter Affordanzen den eigenen therapeutischen Beitrag erheblich schmälern. Aus diesem Grund richten sich Supervisionsverantwortliche in therapeutischen Ausbildungsprogrammen darauf aus, den Personen in Ausbildung zu helfen, bestimmte Affordanzen der Klientel für therapeutische Veränderung wahrnehmen zu lernen, ob sie nun so benannt wurden oder nicht. Wenn die Lernenden beginnen, mit den Augen der Supervision ebenso wie mit ihren eigenen zu sehen, können sie mehr therapeutische Möglichkeiten erkennen (wie Vignette 4 weiter unten veranschaulichen wird).

2.2 Beispiele für therapierelevante Affordanzen

In der therapeutischen Begegnung ist die Klientel Teil der Ökologie der therapierenden Person, und die therapierende Person ist Teil der Ökologie der Klientel. Sowohl Ratsuchende als auch Therapierende bringen eine enorme Menge an Vorwissen über das menschliche Leben und über Beziehungen mit. Schon bevor sie einander begegnen, verfügen sie über hoch entwickelte und komplexe Netze von Ideen, Überzeugungen, Bedeutungen und Verhaltenstendenzen. Ihr Wissen, einschließlich des Verständnisses jeder Person von sozialer Gerechtigkeit, bietet bestimmte Möglichkeiten innerhalb der therapeutischen Interaktion. Zu den Vorstellungen der Klientel gehören einige allgemeine Affordanzen, die aus kulturellen Erwartungen an das Wesen der Therapie hervorgehen. So kommen Ratsuchende in der Regel darauf vorbereitet, Therapierenden Gelegenheiten zu bieten, sehr persönliche und intime Aspekte ihres Lebens und ihrer Erfahrungen zu erkunden. Im Gegenzug bieten Therapierende der Klientel in der Regel empathisches Verstehen und emotionale Sicherheit, indem sie Vertraulichkeit und bedingungslose positive Wertschätzung anbieten (Rogers 1956). Die wechselseitige Kopplung dieser allgemeinen Affordanzen in der therapeutischen Begegnung trägt vermutlich zu den Bedingungen für die Wirksamkeit der sogenannten „gemeinsamen Wirkfaktoren“ der Therapie bei (Duncan und Miller 2000; Sprenkle, Davis und Lebow 2009).

Über diese gemeinsamen Wirkfaktoren hinaus heben verschiedene Therapieschulen in ihren jeweiligen Ansätzen spezifische Arten von Affordanzen hervor. So wird etwa in der narrativen Therapie besonders auf die Idee geachtet, dass die Klientel Therapierenden implizit Gelegenheiten bietet, nach einzigartigen Ereignissen (unique outcomes) und nach einem alternativen Erzählstrang über ihr Leben zu fragen (White 2007). Ein einzigartiges Ereignis (White und Epston 1990) bezeichnet ein Geschehen, eine Handlung oder eine Erfahrung, die der dominanten oder problemgesättigten Geschichte widerspricht, die eine ratsuchende Person über ihre Lebenssituation erzählt. Es hebt Momente hervor, in denen die Person sich nicht der Problemerzählung gefügt hat und an die Therapierende anknüpfen können, um sie einzuladen, einen stärkenden Erzählstrang über ihr Leben aufzubauen. Therapierende gehen davon aus, dass die einzigartigen Ereignisse vorhanden sind, doch sie müssen wahrgenommen werden, um genutzt werden zu können.

Ähnlich bietet in der lösungsfokussierten Therapie die Klientel Therapierenden Gelegenheiten, nach Ausnahmen vom Problem zu fragen (Berg 1994; De Shazer 1988, 1991). In einer neueren Erweiterung der lösungsfokussierten Arbeit behaupten Taylor und Simon (2014, 2024), dass fast jede Äußerung der Klientel Therapierenden Gelegenheiten für eine lösungsaufbauende Antwort bietet. In der lösungsfokussierten Therapie wird davon ausgegangen, dass Affordanzen für Lösungen bereits existieren und lediglich wahrgenommen werden müssen, um genutzt zu werden. In der antwortbasierten Praxis (response-based practice; Wade 2007a, 2007b) wird davon ausgegangen, dass Ratsuchende, die angeben, durch Ungerechtigkeit oder Gewalt verletzt worden zu sein, Therapierenden Gelegenheiten bieten, ihre Würde zu stärken, indem ihre Handlungsfähigkeit beim Widerstand gegen diesen Missbrauch herausgearbeitet und anerkannt wird. Man geht davon aus, dass die betroffene Person zwangsläufig auf irgendeine Weise Widerstand geleistet hat (zur Zeit des Missbrauchs) und dass das Hervorbringen eines Bewusstseins für diesen Widerstand ihr eine stimmige Grundlage gibt, sich für diesen Widerstand zu würdigen und wertzuschätzen (selbst wenn es ihr nicht gelungen ist, den Missbrauch zu beenden).

Und in der narrativ informierten Paartherapie (Madigan 2019) bietet die spezifische Geschichte der frühen Beziehung des Paares, als die beiden zusammenkamen, Therapierenden die Gelegenheit, gemeinsame Werte und Überzeugungen hervorzubringen, die es dem Paar überhaupt erst ermöglicht haben, seine einzigartige Beziehung zu schaffen. Eine selektive Erkundung der gemeinsamen Geschichte zu Beginn der Paartherapie schafft eine Grundlage, um gegenseitigen Respekt und gegenseitige Fürsorge wiederzubeleben, in deren Rahmen mögliche therapeutische Veränderungen sicherer erkundet werden können. In all diesen Beispielen sind bereits bestehende positive Affordanzen verfügbar und bieten Therapierenden Gelegenheiten, spezifische therapeutische Initiativen zu ergreifen. Sie müssen jedoch von Therapierenden wahrgenommen und in den Vordergrund gestellt werden, bevor sie in der Therapie genutzt werden können. Daher ist Gibsons allgemeine Annahme über das ökologische „Schon-da-Sein“ von Affordanzen relevant.

Um das Verständnis der in der Therapie verfügbaren „relationalen Affordanzen“ zu unterstützen, schlagen wir das Konzept kontextualisierter Kopplungen oder Komplementaritäten vor. Gibson sagte, er habe den Begriff Affordanz geprägt, um die Interaktion zwischen Tier und Umwelt zu bezeichnen:

Die Affordanzen der Umwelt sind das, was sie dem Tier anbietet, was sie bereitstellt oder liefert, sei es zum Guten oder zum Schlechten. Das Verb to afford findet sich im Wörterbuch, das Substantiv affordance hingegen nicht. Ich habe es erfunden. Ich meine damit etwas, das sich sowohl auf die Umwelt als auch auf das Tier bezieht, und zwar in einer Weise, wie es kein bestehender Begriff tut. Es impliziert die Komplementarität von Tier und Umwelt.

(Gibson 1979, S. 127)

Für unsere Zwecke in der Familientherapie sind mindestens zwei verschiedene Komplementaritäten im Spiel. Die eine ist die Klientel in ihrer natürlichen Umwelt, zu der andere Menschen, andere belebte Wesen und unbelebte Objekte gehören. Die andere ist die therapierende Person in der Umwelt der Therapie, zu der die Klientel, die Mitglieder des klinischen Teams, die Vorgeschichte und die vorgefassten Überzeugungen aller Beteiligten sowie das räumliche Setting gehören. Mit anderen Worten: Es gibt relationale Affordanzen, auf die sowohl im „Familiensystem“ als auch im „Therapiesystem“ zu achten ist.

Was die Kopplung der Klientel mit ihrer natürlichen Umwelt betrifft, halten wir an der Annahme fest, dass diese Umwelt sowohl lebensfördernde als auch lebensbedrohliche Affordanzen bereithält und dass Gedeihen davon abhängt, lebensfördernde Möglichkeiten wahrzunehmen und anzunehmen und lebensbedrohliche abzulehnen. Auch in der Kopplung der therapierenden Person mit der therapeutischen Umwelt begegnet eine Reihe von Affordanzen, von denen manche die Ko-Konstruktion nützlicher Veränderung potenziell stärker unterstützen als andere – teils abhängig vom Praxismodell der gesprächsführenden Person. „Gedeihen“ im Therapiesystem hängt davon ab, jene Affordanzen zu nutzen, die das Wohlbefinden im Familiensystem fördern. Die Denkweise einer affordanzorientierten Gesprächsführung kann von der leitenden Frage bestimmt sein: Was bringt die Klientel in den Prozess ein, das gemeinsam hervorgehoben werden kann, um das relationale Wohlbefinden zu stärken? Eine stärker defizitorientierte Gesprächsführung kann sich von einer anderen Frage leiten lassen: Was fehlt oder ist kaputt, das ich liefern oder reparieren muss? Es scheint bedeutsame Schnittpunkte zwischen diesen beiden Kopplungen zu geben. Therapie könnte als eine Tätigkeit verstanden werden, die darauf angelegt ist, der Klientel zu helfen, die positiven Affordanzen ihrer Umwelt erfolgreicher zu nutzen und die negativen erfolgreicher abzulehnen.

2.3 Wenn Affordanzen zu Gelegenheiten werden

Affordanzen und Gelegenheiten sind eng verwandte Konzepte, doch es ist nützlich, sie zu unterscheiden, um ihnen etwas unterschiedliche Bedeutungen zu geben. Beide sind Unterscheidungen, die von einer beobachtenden Person hervorgebracht werden können (in unserem Fall von der therapierenden Person). Affordanzen beziehen sich auf die wahrgenommenen oder tatsächlichen Fähigkeiten einer Umwelt und darauf, welche Interaktionen möglich sind. Gelegenheiten stellen ein umfassenderes kognitives Phänomen dar: Sie sind stärker begrifflich und schließen die Wünsche, Absichten und/oder Hoffnungen der wahrnehmenden Person im Hinblick auf ein bevorzugtes Ergebnis ein. Gewiss hängen auch Gelegenheiten von der Wahrnehmung ab, doch sie sind proaktiv darauf ausgerichtet, Umstände oder Situationen zu entwerfen, die zu positiven Ergebnissen führen (etwa Kooperation, Zusammenarbeit, Problemlösung, Lösungsaufbau, Synergie usw.).

Ein wesentlicher Vorteil der Unterscheidung von Affordanzen und Gelegenheiten besteht darin, dass sich so die Einsicht in den Vordergrund rücken lässt, dass Affordanzen bereits existieren, auch wenn sie nicht wahrgenommen werden, während Gelegenheiten erst entstehen, wenn eine beobachtende Person einen Nutzen darin sieht, eine wahrgenommene Affordanz zu nutzen. Das Besondere am Erkennen einer Gelegenheit ist die positive Absicht der beobachtenden Person, sie zu unterscheiden und zu nutzen. Affordanzen können positiv oder negativ sein, je nachdem, wie sie bewertet werden. Gelegenheiten hingegen sind (im Kontext der Therapie) per Definition positiv, ob sie genutzt werden oder nicht.

Die Annahme des „Schon-da-Seins“ von Affordanzen ist äußerst wichtig. Wer glaubt, dass eine bestimmte Affordanz bereits existiert, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit nach ihr suchen – und wer sucht, wird sie mit weit größerer Wahrscheinlichkeit finden. Man kann sogar erwarten, dass schon die bloße Beschäftigung mit dem Begriff der Affordanz die beobachtende Person dazu bringt, die Umwelt oder Nische genauer zu betrachten, um ihre potenziellen Affordanzen wahrzunehmen. In diesem Beitrag laden wir alle Therapierenden ein, das Konzept der Affordanz aufzugreifen, und ermutigen sie, sich stärker auf gefestigte Gewohnheiten zu stützen, nach den Arten von Affordanzen zu suchen, die Ratsuchende in die Therapie mitbringen. Der Grund dafür ist, dass die Möglichkeit, daraus eine realistische Gelegenheit zu konstruieren, erheblich steigt, sobald eine Affordanz erkannt und verstanden ist. Wir haben bereits angedeutet, wie narrative Therapie, lösungsfokussierte Therapie, antwortbasierte Praxis und narrativ informierte Paartherapie dies bereits implizit tun. Ein Ziel dieses Beitrags ist es, die Bereitschaft zu stärken, therapeutische Affordanzen zu erkennen, die bereits da sind. Ein zweites Ziel besteht darin, die Abfolge therapeutischer Tätigkeit zu verdeutlichen: vom Wahrnehmen von Affordanzen über das Formulieren von Gelegenheiten bis hin zur Initiative, therapeutisch zu antworten. Ein Großteil dieser Abfolge wurde bereits in der lösungsfokussierten Therapie ausgearbeitet (Simon und Taylor 2024) und wird später dargestellt. Zunächst aber wollen wir uns auf Affordanzen für wechselseitige Interaktion in Beziehungen konzentrieren.

2.4 Affordanzen, Gelegenheiten und Initiativen im Hinblick auf relationales Wohlbefinden

In den vergangenen 35 Jahren haben Tomm und sein Team am Calgary Family Therapy Centre das IPscope entwickelt, ein systemisches Wahrnehmungs- und Denkwerkzeug, um verschiedene Arten relationaler Interaktionsmuster zu unterscheiden (Tomm 2014). Therapierende können dieses Instrument nutzen, um ein selektives Bewusstsein dafür zu schaffen, was im Beziehungsraum geschehen könnte, indem sie die enorme Komplexität zwischenmenschlicher Interaktion vereinfachen, während Familienmitglieder fortlaufende Beziehungen miteinander pflegen. So lädt beispielsweise ein kritisierendes Verhalten typischerweise zu einem verteidigenden Verhalten ein, und das Verteidigen lädt wiederum typischerweise zu weiterer Kritik ein – Ausdruck einer wechselseitigen Komplementarität in ihrer natürlichen Umwelt. Diese Verhaltensweisen werden tendenziell als wiederkehrender interaktioneller Bestandteil der Beziehung miteinander gekoppelt. In diesem verbreiteten Muster „Kritik gekoppelt mit Abwehr“ bietet eine kritische Bemerkung die Möglichkeit einer Verteidigung, und die Verteidigung bietet ihrerseits die Möglichkeit weiterer Kritik. Obwohl das Muster nicht gewollt ist und die Beteiligten die negativen Affordanzen nicht aufgreifen müssten, tun sie es oft, schlicht weil die Wechselseitigkeit der Kopplung so gewohnheitsmäßig wird. Die Beteiligten sind mit diesen wechselseitigen Affordanzen bestens vertraut und inszenieren die entsprechenden Verhaltensweisen bereitwillig neu, sodass sie das problematische Muster immer wieder reproduzieren, ohne zu merken, dass sie das Problem aktiv aufrechterhalten. Es versteht sich von selbst, dass beide Beteiligten in ungewolltem Elend leben, sobald diese Art von pathologisierendem interpersonellem Muster (PIP) eine Beziehung beherrscht.

Die gute Nachricht ist, dass dieselben Beteiligten immer auch positive Affordanzen in ihre Beziehungen einbringen. In Mustern gegenseitiger Fürsorge und liebevollen Respekts zu leben, ist eine grundlegende Voraussetzung für das Überleben des Menschen (Maturana und Varela 1987; Maturana, Verden‐Zoller und Bunnell 2009). Affordanzen, positive Interaktionsmuster zu verwirklichen, sind immer Teil unserer sozialen Nische. Die Art und Weise, wie sich diese verschiedenen Beziehungsmuster in Familien und anderen menschlichen Systemen entfalten, ist äußerst unterschiedlich. Der IPscope-Rahmen geht davon aus, dass jede Familie als Beziehungssystem im Lauf der Zeit ein Repertoire verschiedener Arten von Mustern interpersoneller Interaktion entwickelt (Tomm 2014), die Teil ihrer lokalen Kultur werden. Dieses Repertoire umfasst Affordanzen nicht nur für PIPs, sondern auch für heilsame interpersonelle Muster (Healing Interpersonal Patterns, HIPs) und Wohlbefindensmuster (Wellness Interpersonal Patterns, WIPs). Das Potenzial, jedes dieser bereits bestehenden Beziehungsmuster erneut zu verwirklichen, ist schon da. So bietet etwa ein anerkennendes Verhalten gegenüber der anderen Person bereitwillig eine Antwort der Wertschätzung für diese Anerkennung an, und die Wertschätzung bietet ihrerseits weitere Anerkennung an. Die Vertrautheit mit diesem Wohlbefindensmuster „Anerkennung gekoppelt mit Wertschätzung“ bietet die Möglichkeit, es im Therapiesystem hervorzubringen, damit es im Familiensystem gelebt wird. Ein verbreitetes heilsames Muster umfasst „Bedauern ausdrücken gekoppelt mit dem Annehmen des Bedauerns“. Ein noch wirkungsvolleres Muster relationaler Heilung ist „sich entschuldigen gekoppelt mit vergeben“, das die meisten Familien in gewissem Maß als Teil ihres Repertoires etablieren. Auch dieses steht in der Regel als Affordanz zur Verfügung. Mit anderen Worten: Positive Affordanzen, sich auf heilsame und wohltuende Muster einzulassen, bestehen neben negativen Affordanzen. Sich dieser bereits vorhandenen positiven Möglichkeiten in der Kultur des Familiensystems bewusst zu sein, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Therapierende sie wahrnehmen und dann in der Therapie nutzen. Wenn zum Beispiel ein Familienmitglied von der therapierenden Person ermutigt wird, auf eine kritische Bemerkung eines anderen Familienmitglieds zu antworten, indem es die fürsorgliche Sorge hinter dieser Bemerkung anerkennt, könnte ein völlig anderes, bereits bestehendes Beziehungsmuster hervorgebracht werden.

Während die gute Nachricht darin besteht, dass die Klientel immer Affordanzen bietet, damit Therapierende therapeutisch wirken können, lautet die schlechte Nachricht, dass Therapierende sie oft nicht sehen oder hören und daher Gelegenheiten verpassen, sie zu nutzen. Unsere Aufgabe in der systemischen Therapie ist es, so geschickt zu werden, dass wir die Möglichkeiten positiver Affordanzen wahrnehmen, sie begrifflich in Gelegenheiten für mehr relationales Wohlbefinden verwandeln und dann Initiativen ergreifen, die es den Familienmitgliedern ermöglichen, diese Gelegenheiten aufzugreifen und einander in bevorzugten Interaktionsmustern zu antworten.

3 Gelegenheiten

3.1 Gelegenheiten im Kontext der lösungsfokussierten Therapie

Die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie wurde von Insoo Kim Berg und Steve de Shazer gemeinsam mit ihrem Team am Brief Family Therapy Centre in Milwaukee, Wisconsin, entwickelt (De Shazer 1985, 1988). Eine zentrale Prämisse der lösungsfokussierten Praxis, die sich im Lauf der Zeit herauskristallisierte, lautet, dass die Probleme, die Menschen in die Therapie mitbringen, Ausnahmen aufweisen – also Zeiten, in denen das Problem auftreten könnte, es aber nicht tut – und dass diese Ausnahmen Hinweise auf Lösungen enthalten. Mit anderen Worten: Die Klientel bietet Therapierenden fast immer Gelegenheiten, Ausnahmen von ihren Problemen wahrzunehmen, und diese Ausnahmen bieten sowohl der Klientel als auch der therapierenden Person Gelegenheiten zum Lösungsaufbau.

Um das Jahr 2000 wurden mehrere Mitglieder der internationalen lösungsfokussierten Fachgemeinschaft auf ein von Janet Bavelas geleitetes Team an der University of Victoria aufmerksam (Beavin‐Bavelas 2022), das seit Jahrzehnten den Dialog von Angesicht zu Angesicht mit den Werkzeugen der Gesprächsmikroanalyse untersuchte. Unter ihnen begannen Taylor und Simon (2014) eine Studie über Schlüsselwörter im therapeutischen Gespräch. Die zentrale Schlussfolgerung dieser Arbeit (kürzlich in Simon und Taylor 2024 erweitert) lautet, dass Äußerungen der Klientel in der Therapie vielfältige Gelegenheiten für lösungsaufbauende Antworten der gesprächsführenden Person enthalten und dass es für jede wahrgenommene Gelegenheit auch vielfältige Möglichkeiten einer therapeutischen Antwort gibt. Ein wachsendes Bewusstsein für diese Gelegenheiten und Möglichkeiten bereitet den Boden für die Auswahl einer bevorzugten Paarung von Gelegenheit und Antwort als therapeutische Reaktion auf die ursprüngliche Äußerung der ratsuchenden Person. Manche Gelegenheiten werden von der gesprächsführenden Person als vielversprechender wahrgenommen als andere. Manche von der Klientel eingebrachten Affordanzen gelten der therapierenden Person als direkterer Weg zum Wohlbefinden an diesem Punkt des Gesprächs. Der Nutzen dieses Bewusstseins liegt darin, die Aufmerksamkeit der gesprächsführenden Person auf die spezifische Sprache der Klientel zu richten und im Verlauf des Gesprächs Schritt für Schritt überlegte Antworten zu wählen. Ausgangspunkt für Taylor und Simon war es, die Gelegenheiten in den Äußerungen der Klientel zu erkennen. Die Anwesenheit von Affordanzen in dieser Formulierung war implizit, wurde aber nicht als solche erkannt.

3.2 Eine Erweiterung der lösungsfokussierten Arbeit um das Konzept der Affordanz

In diesem Beitrag erweitern wir das Modell der Abfolge von Gelegenheit und Antwort um das Element, dass die Klientel der therapierenden Person im System aus Klientel und Therapie zunächst bestimmte Möglichkeiten anbietet. Wie bereits erwähnt, bringen Ratsuchende bereits bestehende Affordanzen für mögliche therapeutische Veränderung in die Therapie mit. Diese Affordanzen sind das Fundament, auf dem die Gelegenheiten aufgebaut werden. Eine allgemeine, bereits bestehende Affordanz wäre die (implizite oder explizite) Hoffnung der ratsuchenden Person, dass sich etwas an ihrer Situation verbessern oder zumindest anders werden könnte. Eine weitere ist die Hoffnung, dass die therapierende Person etwas Hilfreiches in die Situation einbringen könnte. Wie genau sich diese Hoffnungen in einer bestimmten Therapie zeigen, ist sehr unterschiedlich, doch sie sind immer vorhanden. Die vielleicht einfachste und direkteste Art, in der sich diese Affordanzen offenbaren können, sind die spezifischen Worte, die Ratsuchende verwenden, wenn sie im therapeutischen Gespräch ihre Erfahrungen mitteilen. Bestimmte Wörter, Wendungen, Sätze und damit verbundene Nuancen bieten Therapierenden einzigartige Gelegenheiten für eine therapeutische Antwort.

Gelegenheiten entstehen nicht aus dem Nichts. Sie gründen in den Affordanzen, die die Klientel in die Therapie mitbringt, und in der Vorstellungskraft von Klientel und/oder Therapierenden darüber, was anders sein könnte. Sobald eine Affordanz wahrgenommen und eine Gelegenheit entworfen wurde, kann die therapierende Person dazu übergehen, eine Antwort zu konstruieren. Ein Schema zur Konstruktion von Antworten ist als Verfahren Bewahren–Weglassen–Hinzufügen (preserve–omit–add) bekannt (Korman, Bavelas und De Jong 2013). Bei der Konstruktion einer verbalen Antwort „bewahren“ Therapierende ein Schlüsselwort oder eine Schlüsselwendung aus einer Äußerung der Klientel, „lassen“ den Rest der Äußerung „weg“ und „fügen“ dann Worte mit therapeutischer Absicht „hinzu“. Der folgende Ausschnitt aus einem therapeutischen Gespräch (Simon und Taylor 2024, 77) veranschaulicht eine solche Antwortkonstruktion:

Therapeutische Fachkraft: Sagen wir, Sie wachen morgens auf … ohne diese negative Sichtweise – woran würden Sie allmählich merken, dass es anders ist?

Ratsuchende Person: Ähm. Statt aufzuwachen und meine Morgenroutine vielleicht hastig zu erledigen, würde ich mir vielleicht einfach Zeit lassen und mich ein bisschen mehr entspannen. Da ist ein Druck – also die ganze Zeit –, also wäre ich vielleicht einfach ein bisschen ruhiger.

Therapeutische Fachkraft: Ja. Okay. Und da Sie den Tag so begonnen haben – entspannter, ein bisschen langsamer, ruhiger –, wie würde der Tag anders verlaufen?

In diesem Ausschnitt greift die therapierende Person auf die bereits bestehende Affordanz der ratsuchenden Person zurück – ihre Hoffnung auf etwas anderes – und öffnet ihr einen Raum zum Nachdenken (mit einer Frage vom Typ „Stellen Sie sich vor“ oder „Angenommen“). Die ratsuchende Person offenbart ihre konkreten Hoffnungen auf mehr Entspannung und Ruhe. Die therapierende Person ergreift die Gelegenheit, eine therapeutische Antwort zu formulieren, indem sie die hoffnungsvollen Worte der ratsuchenden Person bewahrt, die übrigen Worte streicht und „Wie würde der Tag anders verlaufen?“ hinzufügt, um Einzelheiten des Unterschieds hervorzulocken und zu einer „Verdichtung“ der Möglichkeiten in die bevorzugte Richtung einzuladen.

Das Einüben dieser Abfolge – Affordanzen wahrnehmen, Gelegenheiten entwerfen und therapeutische Antworten erzeugen – könnte die Fähigkeiten aller Therapierenden erheblich stärken. Dieser Prozess ließe sich als Opportunisieren (Christiansen 2005) beschreiben und wird weiter unten an einigen klinischen Beispielen im Abschnitt über therapeutische Initiativen gezeigt. Hier sei nur gesagt, dass Opportunisieren bedeutet, eine Affordanz aufzugreifen und sie so zu begreifen, dass die Interaktionen der Klientel innerhalb ihrer Nische gezielt auf bevorzugte Ergebnisse hin gelenkt werden.

Um die Annahme des „Schon-da-Seins“ von Affordanzen noch etwas weiterzuführen, möchten wir auf die Verfügbarkeit immanenter Affordanzen hinweisen, auf die Therapierende zurückgreifen können. Wie die Hoffnungen, die die Klientel in die Therapie mitbringt, werden immanente Affordanzen von Therapierenden vorausgesetzt und als verfügbar angenommen, auch wenn sie sich noch nicht zeigen. Sie sind komplexer als die Oberflächen-Affordanzen, die aus dem entstehen, was die Klientel in der Sitzung tatsächlich sagt oder tut. Immanente Affordanzen sind in eine reiche Geschichte von Erinnerungen, verinnerlichten kulturellen Werten und Überzeugungen sowie früheren Beziehungserfahrungen eingebettet. Diese Vorstellungen können proaktiv als Affordanzen aus diesem Hintergrund an Vorwissen hervorgebracht und von der therapierenden Person im Hier und Jetzt des laufenden therapeutischen Gesprächs in den Vordergrund gerückt werden. So wird etwa die heilsame relationale Affordanz der Vergebung von Familienmitgliedern während eines akuten Konflikts möglicherweise nicht wahrgenommen, doch die therapierende Person könnte sie aus der Latenz hervorholen und in den Blick rücken, weil ihr der Beziehungsprozess des Vergebens bereits vertraut ist. Dabei ist jedoch besondere Sorgfalt geboten, um eingestimmt zu bleiben (darauf zu hören, ob die ratsuchende Person bereit ist, die Affordanz wahrzunehmen) und sicherzustellen, dass die von Klientel und Therapierenden verwendeten Bedeutungen, Vorstellungen und Äußerungen genügend Gemeinsamkeiten aufweisen, damit die immanenten Affordanzen auf stimmige Weise sichtbar werden.

4 Therapeutische Initiativen für relationales Wohlbefinden

Während die Klientel – bewusst oder unbewusst – Affordanzen anbietet und Therapierende potenzielle Gelegenheiten für mehr Wohlbefinden entwerfen, arbeiten beide Seiten in einem Prozess der Ko-Konstruktion bevorzugter Möglichkeiten zusammen. In dieser Zusammenarbeit ist eine systemische Therapeutin weder passiv noch neutral. Sie ist in der Regel sehr aktiv, stellt klärende Fragen, um relevante Affordanzen offenzulegen, die verfügbar sein könnten, verwandelt sie in Gelegenheiten und ergreift dann die Initiative, der Klientel zu helfen, von diesen Gelegenheiten zu profitieren. Und während sie gegenüber den konkreten Zielen, die eine ratsuchende Person anstrebt, neutral sein mag, ist sie ethisch stets zugunsten einer Bewegung in eine konstruktive Richtung voreingenommen, nämlich hin zu größerem Wohlbefinden. Das kann mitunter recht herausfordernd werden, besonders in der gemeinsamen Arbeit mit der ganzen Familie. Die Ziele der einzelnen Familienmitglieder unterscheiden sich oft, und eine konstruktive Richtung für ein Familienmitglied ist für ein anderes möglicherweise nicht konstruktiv. Aus diesem Grund ziehen wir es vor, soweit wie möglich dem relationalen Wohlbefinden Vorrang zu geben, da unserer Erfahrung nach mehr individuelles Wohlbefinden der Beteiligten folgen wird. Mit anderen Worten: Wann immer möglich, bevorzugen wir eine Paarung von Gelegenheit und Antwort, von der alle Beteiligten mit größerer Wahrscheinlichkeit profitieren. Und hier wird das IPscope zu einer wertvollen Ressource für die therapeutische Entscheidungsfindung. Vorrang erhält die Intervention, die am ehesten ein heilsames Muster (HIP) oder ein Wohlbefindensmuster (WIP) aktiviert oder hervorbringt. Jede Familiensituation ist einzigartig im Hinblick darauf, welche spezifischen HIPs oder WIPs die therapierende Person wahrnehmen und aufrufen kann. Therapierende, die mit dem IPscope arbeiten, können jedoch bessere Fähigkeiten entwickeln, die vielversprechenderen HIPs und WIPs, die die Klientel ihnen anbietet, wahrzunehmen und zu unterscheiden, ebenso wie die Gelegenheiten, die in einer bestimmten Familiensituation zu einem bestimmten Zeitpunkt hervorgebracht werden könnten. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, die Unzahl an Interventionsoptionen zu beschreiben, die dafür in der systemischen Therapie genutzt werden könnten. Wir beschränken uns hier darauf, die Abfolge von Affordanzen und darauf folgenden Gelegenheiten hervorzuheben und in den folgenden Vignetten therapeutischer Gespräche aus unserer klinischen Praxis einige Beispiele therapeutischer Initiativen zu geben.

5 Klinische Beispiele

5.1 Vignette Nr. 1 – Filmende Schwestern

In einem kürzlich geführten Elterngespräch mit einer Mutter und einem Vater zweier Mädchen im Alter von 9 und 12 Jahren (die beim Gespräch nicht anwesend waren) nannten die Eltern das „ständige Gezänk“ zwischen ihren Töchtern als Hauptanliegen. Sie meinten, die Ältere, Judy,1 sei die Anstifterin der „gegenseitigen Sticheleien“ und die Quelle des „ständigen Jammerns“, das häufig „der ganzen Familie die Tage zu Hause und bei Ausflügen völlig verdarb“. Ein entmutigter Ton begleitete die Schilderungen problematischer Interaktionen durch die Eltern. Fast wie ein Teil der Klagen sagte die Mutter: „Die Mädchen benehmen sich nur dann, wenn wir auf Hawaii Urlaub machen, wenn wir Besuch haben und wenn beide wegen schlechten Benehmens Ärger bekommen haben.“

Therapeutische Fachkraft: Können Sie eines dieser Male herausgreifen, als Sie Besuch hatten oder die Mädchen Ärger bekommen hatten?

Mutter: Na ja … gestern … und am Ende sind sie nach unten gegangen, um einen Film zu drehen.

Therapeutische Fachkraft: Wie lange waren sie da unten und haben den Film gedreht?

Mutter: Eine halbe Stunde … oder vielleicht 45 Minuten.

Therapeutische Fachkraft: Und wie drehen sie ihre Filme?

Mutter: Keine Ahnung … das ist eine App … oder so was.

Therapeutische Fachkraft: Wer hat das Filmprojekt vorgeschlagen?

Mutter: Judy [die ältere Tochter].

Therapeutische Fachkraft: Wenn ich eine Skala hätte, auf der 10 bedeutet, gut miteinander auszukommen, und 0 das Gegenteil, wo würden Sie die Interaktion der Mädchen gestern beim Filmdrehen einordnen?

Vater: Oh … bei neun.

Mutter: Oder sogar bei neuneinhalb.

Sowohl die gesprächsführende Person als auch eine beobachtende Person aus dem Team bemerkten nach diesem Austausch eine deutliche Veränderung im Auftreten der Eltern. Ihre Mienen und ihr Tonfall hellten sich auf. Sie entspannten sich und begannen, kooperativ miteinander zu interagieren und nützliche Ideen zu entwickeln. Man könnte diese Bewegung als generative Verschiebung von einer Sprache der Klage und Hoffnungslosigkeit zu einer Sprache der Hoffnung und Möglichkeit beschreiben, nach den Bemerkungen zu urteilen, die wir anschließend hörten:

  • „Vielleicht haben wir uns zu sehr auf das Negative konzentriert.“
  • „Wir könnten versuchen, uns auf eine Strategie im Umgang mit dem Gezänk zu einigen und sie dann ein, zwei Monate durchzuhalten statt nur ein paar Tage.“
  • „Wir könnten sie bitten, uns den Film zu zeigen, den sie gedreht haben.“

5.2 Kommentar zu Vignette Nr. 1

Die Schilderungen der Eltern über Zeiten, in denen das Problem nicht auftritt, sind klassische Beispiele für Ausnahmen vom Problem, die ein Kernelement der lösungsfokussierten Praxis darstellen. Sie wurden spontan angeboten, ohne Nachfrage oder ausdrückliche Einladung durch die gesprächsführende Person, wie es oft der Fall ist. Indem die Eltern diese Ausnahmen offenlegten, boten sie der therapierenden Person eine Gelegenheit, einen konstruktiven Beziehungsprozess zwischen den Schwestern gezielt hervorzuheben. Im Sinne der Gelegenheitsanalyse bilden diese Ausnahmen vom Problem die Grundlage für eine Gelegenheit zum Lösungsaufbau. Die Ausnahmen boten der gesprächsführenden Person die Option, sich gezielt auf die Worte der Eltern zu konzentrieren, detaillierte Fragen zu stellen, um das Gefühl wachzurufen, dass es sich um ein reales Geschehen handelte, und eine Skalierungsfrage (Berg 1994; De Shazer 1994) als Werkzeug einzusetzen, um die Erfahrung des Gelingens zu vergrößern. Die lösungsaufbauenden Antworten der gesprächsführenden Person boten den Eltern eine Gelegenheit, von der Klage zu möglichen Lösungen umzuschwenken – ein eingebettetes Angebot, das sie offenbar aufgegriffen haben, wie ihre anschließenden, hoffnungsvolleren und generativeren Bemerkungen nahelegen.

Es ist aufschlussreich, über die Beziehungsmuster der Interaktion in diesem Ausschnitt nachzudenken. Zu Beginn des Gesprächs zeigten Mutter und Vater eine Kopplung von Klagen (über das Gezänk ihrer Töchter) und Verstärken der Klagen (indem sie dem, was der andere Elternteil erwähnt hatte, weitere Beispiele schlechten Benehmens hinzufügten). Das Muster „Klagen gekoppelt mit Verstärken“ bot der therapierenden Person eine Gelegenheit, tiefer in die elterlichen Enttäuschungen und Schwierigkeiten einzusteigen. Glücklicherweise wurde diese negative Affordanz nicht aufgegriffen. Stattdessen griff die therapierende Person die positive Affordanz auf, sich mit der wichtigen Ausnahme des Filmdrehens zu befassen. Infolgedessen entstand ein heilsameres Muster: Möglichkeiten für ein anderes Verständnis und eine andere Begleitung des Verhaltens ihrer Töchter zu imaginieren, gekoppelt mit dem Bestätigen der vom anderen Elternteil vorgeschlagenen Möglichkeiten. Das HIP „Imaginieren gekoppelt mit Bestätigen“ versetzte die Eltern potenziell in die Lage, ihren Kindern nach der Rückkehr nach Hause positiver zu begegnen.

5.3 Vignette Nr. 2 – Den Wandel vom Druckausüben zum Vergeben ermöglichen

Ein reumütiger Vater suchte eine Therapie auf, um sich mit seinem 11‐jährigen Sohn zu versöhnen, der sich nach der Trennung der Eltern weigerte, ihn zu Hause zu besuchen. In der Vergangenheit war es während Trinkphasen zu körperlicher Gewalt gekommen, wenn der Junge den Anweisungen der Eltern nicht folgte. Seit der Trennung hatte der Vater aufgehört zu trinken und sich bei seinem Sohn für sein früheres gewalttätiges Verhalten entschuldigt. Dennoch weigerte sich der Sohn weiterhin, zum Vater zu gehen, obwohl die Mutter ihn aktiv dazu ermutigte.

Vater: Ich möchte mehr Zeit mit ihm verbringen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe aufgehört zu trinken, ich habe mich entschuldigt, ich habe ihm versprochen, dass er sein Handy uneingeschränkt nutzen darf, aber er kommt trotzdem nicht.

Mutter: Sein Vater hat sich wirklich in vielem zum Besseren verändert, und ich finde, sie brauchen mehr Zeit miteinander.

Therapeut: Es klingt, als wären Sie beide sehr für eine gute Verbindung zwischen Vater und Sohn. (Zum Sohn gewandt) Spürst du einen gewissen Druck, mehr Zeit mit deinem Papa zu verbringen?

Sohn: Ja.

Therapeut: Macht es der Druck leichter oder schwerer, seine Bitte anzunehmen?

Sohn: Schwerer.

Vater: Ich glaube, er nimmt es mir immer noch übel, dass ich ihn geschlagen habe, als ich getrunken habe. Warum kann er mir nicht einfach die Fehler verzeihen, die ich vor so langer Zeit gemacht habe? Ich habe mich so oft entschuldigt!

Therapeut: Angenommen, er könnte seine Erinnerungen an die Vergangenheit nicht loslassen – meinen Sie, es wäre Ihnen möglich, ihm zu verzeihen, dass er Ihnen noch nicht verziehen hat?

Vater: (nach einer Pause, in sanfterem Ton) Oh, daran hatte ich nicht gedacht … Vielleicht könnte ich …

Sohn: (spontan das Wort an den Vater richtend) Es tut mir leid, ich will wirklich zu dir kommen, aber ich habe noch ein bisschen zu viel Angst …

5.4 Kommentar zu Vignette Nr. 2

In diesem Beispiel nahm der Therapeut wahr, dass die Intensität des Versöhnungswunsches des Vaters genau das blockierte, worauf er hoffte. Die Intensität kam als Druck auf den Jungen an, sich zu fügen. Damit stellte sie eine negative Affordanz dar. Druck bietet typischerweise Widerstand an, und Widerstand bietet typischerweise mehr Druck an. Mit anderen Worten: Das pathologisierende interpersonelle Muster (PIP) „Druck gekoppelt mit Widerstand“ schien in der Beziehung aktiv zu sein, trotz der aufrichtigen Bemühungen der Eltern, ihm zu entkommen. Der Therapeut erkannte die Gelegenheit, die Familie einzuladen, über dieses Muster nachzudenken und sich der negativen Affordanzen bewusst zu werden. Er tat dies, indem er dem Jungen einige Fragen stellte, um ihm Raum zu öffnen, sein Erleben von Druck und seine Reaktion des Widerstands mitzuteilen. Die Hoffnung ist natürlich, dass sich die Familienmitglieder mit einem gewachsenen Bewusstsein für die Folgen der Entscheidung, negative Affordanzen aufzugreifen, darum bemühen, diese zu meiden.

Der Therapeut nahm außerdem die Vertrautheit der Familie mit dem Interaktionsmuster „sich entschuldigen gekoppelt mit vergeben“ wahr, das gewöhnlich sehr positiv ist und Heilung in verletzten Beziehungen ermöglicht. In diesem Fall nutzte die negative Affordanz der Intensität unbeabsichtigt eine potenziell positive Affordanz des heilsamen Musters als Werkzeug im Prozess des Drucks (er sollte mir verzeihen). Keiner der beiden Elternteile schien zu erkennen, wie der Druck des Vaters, der Sohn möge ihm vergeben, das PIP tatsächlich aufrechterhielt. Der Therapeut erkannte die Gelegenheit, das Positive der Affordanz der Vergebung nutzbar zu machen, indem er den Vater einlud, seine Position innerhalb des heilsamen Musters (sich entschuldigen gekoppelt mit vergeben) zu wechseln, damit sich dessen gewünschte Wirkungen entfalten konnten. Dies gelang ihm, indem er dem Vater eine reflexive Frage (Tomm 1987) stellte, ob er dem Sohn vergeben könne, dass dieser ihm noch nicht vergeben könne. Als der Vater diese Möglichkeit anerkannte und begann, die Option zu erwägen, vom Entschuldigen zum Vergeben überzugehen, nahm der Junge die komplementäre Position im selben Muster relationaler Heilung ein und begann spontan, sich zu entschuldigen.

5.5 Vignette Nr. 3 – Befreiung von einem bedrückenden Zum-Schweigen-Bringen

Eine 22‐jährige Frau wurde mit ihrer Familie zur Therapie überwiesen, nachdem einer Pflegefachkraft bei einem Nachsorgetermin in einer Ambulanz erhebliche Spannungen in der Familie aufgefallen waren; zuvor war die junge Frau wegen einer „Psychose“ stationär behandelt worden. Sie lebte bei ihren Eltern und einem jüngeren Bruder. Einige Jahre zuvor hatte sie sich mit einigen Menschen aus ihrem Freundeskreis ernsthaft überworfen und ihr Studium abgebrochen. Sie unternahm nichts, um eine bezahlte Arbeit zu finden, und zog sich aus allen sozialen Kontakten zurück. Die Eltern bestanden darauf, dass die Tochter sie zum ersten Gespräch begleitete.

Therapeutische Fachkraft: Was erhoffen Sie sich von der Familientherapie?

Mutter: Wir sind verzweifelt.

Vater: Was auch immer hilft …

Therapeutische Fachkraft: (zur Tochter) Wie geht es dir damit, dass du zur Familientherapie überwiesen wurdest?

Tochter: (öffnet den Mund, als wolle sie sprechen, hält aber plötzlich inne, schließt die Augen, senkt den Kopf und verstummt dann.)

Die Mutter beginnt von sich aus, ausführlich über die früheren psychischen Schwierigkeiten der Tochter zu berichten, über psychiatrische Klinikaufenthalte, mehrere Untersuchungen und zahlreiche Therapien. Dabei kommen der Mutter die Tränen. Sie schildert weiter, dass die Tochter fast die ganze Zeit in ihrem Zimmer bleibt und nie im Haushalt hilft. Der Vater äußert seine Frustration darüber, dass er die Tochter zu nichts bewegen kann. Er beschreibt, wie er sie zwingen muss, ihr Zimmer zu verlassen, um gemeinsam zu essen. Während die Eltern sprechen, scheint die Tochter abzuschalten und bleibt völlig ohne Reaktion.

Therapeutische Fachkraft: (bemüht, den Fokus von der Tochter auf die Eltern zu verlagern) Was passiert mit Ihnen als Eltern, wenn Sie sehen, wie sie sich so verschließt?

Mutter: Wir machen uns furchtbare Sorgen, dass sie irgendeine Form von Demenz haben könnte.

Therapeutische Fachkraft: Was meinen Sie, welche Wirkung es auf sie haben könnte, dass wir über Ihre Sorgen sprechen?

Mutter: Ich weiß nicht, was in ihr vorgeht. Sie sagt kaum etwas.

Therapeutische Fachkraft: Wer würde als Erstes kleine Schritte bemerken, die sie unternehmen könnte, um sich auszudrücken?

Vater: Mir fällt auf, dass sie manchmal gereizt wird und leise vor sich hin flucht, wenn ich versuche, sie aus ihrem Zimmer zu holen.

Therapeutische Fachkraft: Wie reagieren Sie auf ihr Fluchen?

Vater: Wir sind eine christliche Familie und dulden keine vulgäre Sprache.

Therapeutische Fachkraft: Können Sie sich vorstellen, dass Sie, wenn sie ihre Frustration offen und frei äußern dürfte, statt sie in sich hineinzufressen, ein kleines Fenster zu dem bekommen könnten, was in ihr vorgeht?

Vater: Vielleicht …

Therapeutische Fachkraft: Ich frage mich, ob sie vielleicht manche christlichen Werte bis zum Extrem verinnerlicht hat – vielleicht so weit, dass sie nun von einem Fluchverbot bedrückt wird, das sie ins Schweigen treibt. Wären Sie bereit, zumindest vorübergehend mit dem entgegengesetzten Ansatz zu experimentieren und sie aktiv zu ermutigen, zu schreien und zu brüllen, wann immer sie frustriert wirkt, um zu sehen, was passiert?

Mutter: Wir sind bereit, alles zu versuchen.

Nach der Sitzung griffen die Eltern den therapeutischen Vorschlag auf und unterstützten die Tochter aktiv darin, ihre Wut auszudrücken. Allmählich öffnete sie sich, sowohl zu Hause als auch in der Therapie. In den folgenden Sitzungen stellte sie sogar die „übertriebenen Sorgen“ und die „Übergriffigkeit“ ihrer Eltern ausdrücklich infrage. Nach einigen Monaten ging es ihr gut genug, um neue Freundschaften zu schließen und sich für einen Kurs an der Universität einzuschreiben.

5.6 Kommentar zu Vignette Nr. 3

Die Familie bot der therapierenden Person in der ersten Sitzung die Gelegenheit, einen pathologisierenden Beziehungsprozess des „Starrens auf die Indexpatientin (IP)“ zu beobachten, bei dem „besorgtes Prüfen gekoppelt mit Rückzug und Distanzierung“ eine ohnehin schwierige Situation zu verschärfen schien. Möglicherweise hat die therapierende Person dieses pathologisierende Muster unbeabsichtigt verstärkt, indem sie die Tochter gleich zu Beginn nach ihren Gefühlen gegenüber der Therapie fragte, sie also einlud, sich an einem „Selbst-Prüfen“ zu beteiligen. Ausgehend von der Annahme, dass es einige positive Affordanzen für die Verbindung mit anderen geben müsse, fragte die therapierende Person nach kleinen Initiativen, die die Tochter möglicherweise ergriffen hatte, um sich mitzuteilen (und verlagerte dabei den Fokus von ihr auf die Frage, wer diese bemerken könnte). Daraus ergab sich die Gelegenheit, ein heilsames Muster zu imaginieren: „die offene Äußerung von Wut ermutigen, gekoppelt mit dem Wagnis, sich freier auszudrücken“, das als mögliches Experiment eingeführt wurde. Die Familie griff diese Gelegenheit auf und konnte schließlich in ein stabileres Muster relationalen Wohlbefindens eintreten: „Eltern geben dem freien Ausdruck von Gefühlen mehr Raum, gekoppelt mit einer Tochter, die einen offeneren und ehrlicheren Selbstausdruck wagt“.

5.7 Vignette Nr. 4 – Ein wenig Freundlichkeit und Rücksicht

Dieses Beispiel ist insofern etwas anders, als es einen Supervisionsprozess mit der Veranschaulichung eines Wahrnehmungsanstoßes umfasst. Zu Beginn der Pandemie stellte das Calgary Family Therapy Centre (an dem wir arbeiten) seine Präsenzangebote ein. Stattdessen führten wir Onlinetherapie ein, um unsere Klientel weiterhin zu begleiten. Das Zentrum praktiziert eine enge Supervision der Personen im Praktikum und bevorzugt dabei in der Regel das Live-Coaching von Sitzungen. Bei der Suche nach einer virtuellen Entsprechung für diesen Aspekt unserer Praxis begannen wir, die Chatfunktion unserer Videokonferenzplattform zu nutzen, um während der laufenden Sitzung privat mit den Therapierenden zu kommunizieren. Bei Therapierenden, die mit Multitasking zurechtkamen, stellten wir fest, dass diese technische Option der gesprächsführenden Person während der gesamten Sitzung unmittelbare und substanzielle Rückmeldungen bot.

Nebenbei bemerkt ist es interessant, einige Inhalte der Live-Nachrichten der Supervision an die Gespräche führenden Personen in Ausbildung festzuhalten:

  • Die Supervision vermerkt und bestätigt bestimmte therapeutische Handlungen mit einem „Daumen hoch“ oder einem „Häkchen“, einem Emoji, einer kurzen Wendung wie „gute Frage“ oder „gut abgewartet“.
  • Sie empfiehlt hilfreiche Sichtweisen, etwa „klingt nach einem normalen Teil des Lebens“ oder „ich höre hier erste Ansätze von Übereinstimmung“. Wir haben festgestellt, dass diese Art von Kommentar den Gespräche führenden Personen in Ausbildung hilft, mehr Affordanzen der Klientel wahrzunehmen.
  • Die Supervision kann auch Interventionen vorschlagen, etwa Fragen wie „Wie haben sie das geschafft?“ oder „Wer hat von dieser Anstrengung profitiert?“. Das hilft der gesprächsführenden Person, Gelegenheiten mit Optionen für therapeutische Antworten zu aktivieren.

Ein kurzer Bericht über eine kürzlich durchgeführte Sitzung veranschaulicht dieses Vorgehen in der Praxis. Eine Praktikantin traf sich mit den beiden Eltern einer Familie, die als „hochdiskrepant“ eingestuft war – eine Bezeichnung, die im Zentrum für anhaltende Beziehungskopplungen verwendet wird, die starke Differenzen aufweisen und oft in heftige Konflikte eskalieren. Der Vater war vor Kurzem aus dem Familienhaus ausgezogen und leitete das Scheidungsverfahren ein. Die Mutter äußerte „Schock und Verletzung“ über diese „plötzliche Entwicklung“. Die Eltern brachten gemeinsame Sorgen über die Auswirkungen auf ihre Kinder vor. Der Vater „hoffte, seine Tochter zu sehen“, die sich weigerte, ihn zu treffen, und erklärte, sie „brauche Zeit, um zu heilen“. Im Verlauf des Gesprächs reizte ein Elternteil durch Tonfall oder Wortwahl immer wieder den anderen, der in gleicher Weise antwortete, sodass die Interaktion rasch in ein PIP von „Beschuldigen gekoppelt mit Gegenbeschuldigen“ abglitt. Dieses Muster lenkte von der zentralen Hoffnung der Eltern ab und überschattete sie – ebenso wie den eigentlichen Auftrag des Zentrums, nämlich die Gesundheit der Kinder zu fördern.

Die Praktikantin, die das Gespräch führte, meisterte diese schwierigen Umstände gut: Sie ließ einen gewissen authentischen Ausdruck von Verletzung und Groll zu und intervenierte dann, um eine „Pause“ zu schaffen, damit „die Gefühle sich beruhigen“, und um „zur künftigen Gesundheit der Kinder zurückzukehren“. An einer Stelle sagte die Mutter verzweifelt:

Mutter: Alles, worum ich bitte, ist ein wenig Freundlichkeit und Rücksicht.

Vater: Na ja … es gibt Dinge zu erledigen … mit dem Haus … und den Rechnungen …

[Als sich das Gespräch streitend in Richtung dieser praktischen Aufgaben und Verpflichtungen fortsetzte, schickte die Supervision der Praktikantin eine private Chatnachricht: „Sie hat Freundlichkeit und Rücksicht gesagt.“ Die Praktikantin nahm den Kommentar zur Kenntnis und setzte diese Wahrnehmung bald ein.]

Therapeutin: Mary, Sie haben Freundlichkeit und Rücksicht erwähnt …

Mutter: Ja … manche der E-Mails, in denen mir gesagt wird, was ich tun soll … in denen mir vorgeworfen wird, die Kinder gegen ihn aufzubringen …

Vater: [Nach einer nachdenklichen Pause] Ich weiß … E-Mails … manchmal verstehen Leute Dinge falsch … und vielleicht könnte ich vorsichtiger sein … wie ich Dinge sage … ich möchte wirklich nur meine Tochter sehen … wenn ich etwas Verletzendes sage, könntest du es mir dann sagen? …

Mutter: Ich möchte, dass die Kinder ihren Papa sehen können … solange sie sich sicher fühlen …

Vater: Was immer dafür nötig ist … sogar wenn Jane (die Therapeutin) oder jemand anderes dabei ist …

5.8 Kommentar zu Vignette Nr. 4

Eine Möglichkeit, diesen Austausch und die generative Verschiebung während der Sitzung zu verstehen, könnte darin bestehen, dass die Praktikantin dank des Live-Coachings durch die Supervision die positive Oberflächen-Affordanz in den Worten der Mutter, „Freundlichkeit und Rücksicht“, wahrnehmen konnte. Anschließend konnte sie sie mit der immanenten elterlichen Affordanz des gemeinsamen Bemühens koppeln, für die Kinder zu sorgen und mit ihnen verbunden zu bleiben. Die Mutter brachte in diesem Fall die Affordanz, Freundlichkeit vorzuziehen, mit ihrer Wendung „Freundlichkeit und Rücksicht“ in das Gespräch ein. Obwohl ihre Bemerkung als Teil einer Klage über die Negativität in der Interaktion mit ihrem Ehemann, von dem sie getrennt lebte, entstanden war, konnte sie als positiv wahrgenommen werden und wurde erfolgreich als Gelegenheit genutzt, ihre Beziehung in Richtung Wohlbefinden zu bewegen, obwohl die Umstände sehr schwierig waren.

6 Abschließende Bemerkungen

Abschließend möchten wir die Verantwortung hervorheben, die wir als Therapierende dafür tragen, auf das Wohlergehen unserer Klientel hinzuarbeiten. Ratsuchende kommen mit ihren Schwierigkeiten und Verletzlichkeiten zu uns und vertrauen darauf, dass wir in hilfreicher Weise antworten. Um ethisch zu handeln, müssen unsere beabsichtigten Antworten mit ihren Hoffnungen im Einklang stehen und auf größeres Wohlbefinden ausgerichtet sein. Darüber hinaus müssen wir uns bemühen, sie zu befähigen, auch außerhalb der Therapie weiter auf mehr Wohlbefinden hinzugehen und nicht von uns abhängig zu werden. Verbesserungen bleiben eher bestehen, wenn wir gezielt intervenieren, um wechselseitige Kopplungen des Wohlbefindens in der natürlichen Beziehungsnische der Klientel zu stärken. Folglich obliegt es uns, sehr bewusst und absichtsvoll vorzugehen in dem, was wir in der Therapie tun und was nicht.

Wir sind überzeugt: Wenn wir als Therapierende sorgfältiger darin werden, bevorzugte Abfolgen im therapeutischen Prozess zu erkennen und umzusetzen, steigen die Chancen, dass es uns besser gelingt, das Wohlbefinden unserer Klientel zu ermöglichen. Es gibt viele Wege, in unserer therapeutischen Arbeit disziplinierter zu werden. Die Art von Sorgfalt, zu der wir in diesem Beitrag ermutigen, besteht darin, sich auf wiederkehrende Abfolgen einzulassen: Affordanzen der Klientel für relationale Heilung wahrnehmen, Gelegenheiten für bevorzugte Interaktionsmuster konstruieren und Initiativen ergreifen, um die Verwirklichung dieser Gelegenheiten zu ermöglichen. Wie bereits erwähnt, gibt uns das „Schon-da-Sein“ von Affordanzen Zuversicht bei dem Versuch, sie wahrzunehmen. Unsere Absicht, größeres relationales Wohlbefinden zu unterstützen, gibt uns die Richtung, um ausgewählte Affordanzen begrifflich in konstruktive Gelegenheiten umzuwandeln. Wann immer möglich, ermutigen wir dazu, Gelegenheiten auszuwählen, die sich in wechselseitige Beziehungsmuster einfügen, welche den Beziehungen im Familiensystem mehr Dauerhaftigkeit und Stabilität verleihen. Und schließlich mobilisiert uns unsere Leidenschaft, unserer Klientel zu helfen, die Initiative zu ergreifen und ihr Raum zu öffnen, damit sie die positiven Affordanzen aufgreifen kann, die ihr zur Verfügung stehen.

Das heißt nicht, dass wir gegen intuitive Spontaneität in der therapeutischen Arbeit wären. Wir glauben, dass sich Intuition erweitern lässt, wenn gezielte Anstrengungen unternommen werden, über die eigene Praxis nachzudenken und das Bewusstsein für Möglichkeiten zu schärfen. Wenn Sie zum Beispiel beim Lesen dieses Beitrags geneigt sind, sich auf die Wahrnehmung der positiven Affordanzen auszurichten, die Ihre Klientel in Ihre Praxis mitbringt, könnten Sie diese in Ihren künftigen Sitzungen leichter bemerken. Und wenn Sie lernen, diese Affordanzen als „Geschenke“ Ihrer Klientel zur Unterstützung Ihrer Arbeit anzunehmen, werden Sie noch eher geneigt sein, sie mit Interventionen zu erwidern, die diese therapeutischen Gelegenheiten nutzen.

Complexe Systémique: Kernpunkte

Der Beitrag gibt einer Bewegung einen präzisen Namen, die viele Therapierende vollziehen, ohne sie zu formalisieren: in dem, was die Familie bereits sagt oder tut, die Ressource zu erkennen, mit der Veränderung beginnen kann. Indem sie Gibsons Begriff der Affordanz entlehnen, verlagern Tomm und Taylor die Frage vom Defizit auf das, was „schon da“ ist, und unterscheiden drei Momente: die Affordanz wahrnehmen, sie in eine Gelegenheit umwandeln, die Initiative ergreifen. Der IPscope-Rahmen gibt dieser Abfolge eine im eigentlichen Sinn systemische Richtung: Es geht nicht darum, eine Person zu stärken, sondern eine Kopplung zu kippen – von „Druck gekoppelt mit Widerstand“ zu „sich entschuldigen gekoppelt mit vergeben“. Die Vignette des Vaters, der seinen Sohn drängt, ihm zu verzeihen, ist in dieser Hinsicht beispielhaft: Eine einzige reflexive Frage verschiebt den Vater innerhalb des Musters, und der Sohn entschuldigt sich spontan. Ein kritischer Blick bleibt angebracht: Die Vignetten sind kurz, unter den Erfolgen ausgewählt, und die offen ethische Voreingenommenheit, weder passiv noch neutral, verlangt Wachsamkeit gegenüber dem, was das klinische Team „Wohlbefinden“ nennt. Für die Ausbildung bietet die Live-Supervision per Chat einen konkreten Ansatz. Zu lesen zusammen mit dem Interview mit Karl Tomm über relationale Beunruhigung sowie der Arbeit von Janet Bavelas und ihrem Team zur Ko-Konstruktion von Bedeutung im Dialog.

Anmerkungen aus dem Original

1 Der Name wurde geändert, um die Privatsphäre der Familie zu schützen.

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Inoffizielle deutsche Übersetzung von Affordances and Opportunities for Relational Wellness von Karl Tomm und Lance Taylor, Journal of Marital and Family Therapy, Jg. 51, Nr. 2 (2025), doi: 10.1111/jmft.70004, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzung und Satz: Complexe Systémique, Oktober 2026, mit Unterstützung künstlicher Intelligenz; das Werk wurde im Sinne der Lizenz bearbeitet. Weder die Verfassenden noch der Verlag sind für diese Übersetzung verantwortlich; maßgeblich ist die Originalfassung.

Der Originalartikel „Affordances and Opportunities for Relational Wellness“ ist erschienen in Journal of Marital and Family Therapy (2025) unter der Lizenz CC BY 4.0. Complexe Systémique hat ihn mit Unterstützung künstlicher Intelligenz ins Deutsche übersetzt und für die Online-Lektüre neu gesetzt, wie am Anfang dieser Seite angegeben: Es handelt sich um eine inoffizielle Übersetzung, maßgeblich ist die Originalfassung.

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So zitieren Sie diesen Artikel

Tomm, K., und Taylor, L. (2025). Affordances and Opportunities for Relational Wellness. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/affordances-and-opportunities-for-relational-wellness (Originalarbeit 2025 erschienen in Journal of Marital and Family Therapy, 51(2), e70004 (2025); 2025 erneut veröffentlicht von Journal of Marital and Family Therapy, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/jmft.70004)

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