KI-gestützte Übersetzung

Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.

Journal of Family Therapy · Familientherapie

„Darf ich es sagen?“ Partizipation und Positionierung von Kindern in einer Atmosphäre der Geheimhaltung in der Familientherapie

Was tun Kinder, wenn die Erwachsenen in der Sitzung über einen Suizid oder eine Krankheit schweigen? Ausgehend von einer Familientherapie in einer kinderpsychiatrischen Klinik im finnischen Kuopio analysiert das Team um Mira Helimäki Äußerung für Äußerung, wie Mark und Clara sich gegenüber den Geheimnissen ihrer Familie positionieren. Weit davon entfernt, am Rand zu bleiben, enthüllen und schützen die Kinder zugleich, was unausgesprochen bleibt, und das Symptom kann als „Deckgeschichte“ dienen.

Verfassende Mira Helimäki und Aarno Laitila (Department of Psychology, University of Jyväskylä, Finnland); Kirsti Kumpulainen (Child Psychiatry, University of Eastern Finland)Erstveröffentlichung Journal of Family Therapy, 4. Mai 2020Übersetzung Complexe Systémique, inoffizielle KI-gestützte Übersetzung

Inoffizielle deutsche Übersetzung von ‘Can I tell?’ Children’s participation and positioning in a secretive atmosphere in family therapy von Mira Helimäki, Aarno Laitila und Kirsti Kumpulainen, erschienen in Journal of Family Therapy (Wiley) (2021), doi: 10.1111/1467-6427.12296, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und für die Online-Lektüre neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Die Transkriptionstabelle (Tabelle 1) und die drei Auszüge werden als Listen dargestellt, Äußerung für Äußerung; die chinesische und die spanische Zusammenfassung des Originals werden nicht wiedergegeben. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.

In der Familientherapie kann das symptomatische Verhalten eines Kindes als sichtbare „Deckgeschichte“ für unsichtbare Konstruktionen von Geheimnissen fungieren.

Mira Helimäki, Aarno Laitila und Kirsti Kumpulainen

Zusammenfassung

Als vielschichtiges Phänomen beeinflussen Familiengeheimnisse die Interaktion im therapeutischen System. Diese qualitative Studie, in der die für mehrere Beteiligte konzipierten Dialogical Methods for Investigations of Happening of Change (dialogische Methoden zur Untersuchung des Geschehens von Veränderung) angewandt wurden, untersuchte, wie Kinder in einem Klima von Familiengeheimnissen an der Familientherapie teilnahmen und sich darin positionierten. Die Ergebnisse zeigten, dass die Kinder aktiv an der komplexen Dynamik einer Atmosphäre der Geheimhaltung mitwirkten und sich an den paradoxen Prozessen der Rekonstruktion und Dekonstruktion des geheimnisvollen und unsicheren Klimas beteiligten. In der Familientherapie kann das symptomatische Verhalten eines Kindes als sichtbare „Deckgeschichte“ für unsichtbare Konstruktionen von Geheimnissen fungieren und verhindern, dass heikle Themen in den Mittelpunkt der Therapie rücken. Familiengeheimnisse stellen daher weiterhin eine Herausforderung für Praxis und Forschung der Familientherapie dar.

Hinweise für die Praxis

  • Nach Familiengeheimnissen sollte im Vorgespräch vor der Therapie und in diagnostischen Gesprächen gefragt werden, bei denen alle Familienmitglieder anwesend sind
  • Das Genogramm ermöglicht es, mehrgenerationale Familienmuster und -funktionen zu erkunden, die von Familiengeheimnissen beeinflusst sein könnten
  • Indem Therapierende das Phänomen der Familiengeheimnisse normalisieren, könnten sie Raum für gemeinsame Gespräche darüber schaffen und die Familienmitglieder ermutigen, über ihre guten Gründe für das Bewahren von Geheimnissen zu sprechen

Einleitung

Alle Familien haben ihre Geheimnisse (Knauth, 2003; Tracy, 2015). Als normatives Phänomen verweisen Geheimnisse nicht automatisch auf etwas Pathologisches. Ein Geheimnis zu bewahren kann auf eine kollektive Verleugnung hindeuten, die sich in der Familie als funktional erweist. In der Tradition der Familientherapie bezeichnen Familiengeheimnisse Themen, die mit intensiver Angst, Scham und Schuld aufgeladen sind. Wird das Geheimnis zum Tabu, das den Dialog hemmt und die Anpassungsfähigkeit und Entwicklung des Familiensystems verzerrt, wird es problematisch (Simon et al., 1985); es beeinflusst die Dynamik der Familieneinheit als emotionales und Beziehungssystem (Bowen, 1978; Vangelisti and Caughlin, 1997) und stellt die familientherapeutische Arbeit vor Herausforderungen (Deslypere and Rober, 2018). Bei Familiengeheimnissen gilt die zurückgehaltene Information als entscheidend für diejenigen, denen sie vorenthalten wird, weil sie Auswirkungen auf ihr Leben hat (Berger and Paul, 2008; Vangelisti and Caughlin, 1997). Es bedarf qualitativer Forschung, um die Komplexität des Phänomens Familiengeheimnis und seine systemischen und multidirektionalen Auswirkungen auf die Familienmitglieder besser zu verstehen. In dieser Studie interessierte uns, wie Kinder sich gegenüber geheim gehaltenen Themen positionieren und wie sie diese anspruchsvollen Situationen bewältigen.

Geheimnisse ziehen Grenzen, die uns sagen, wer dazugehört und wer nicht (Imber-Black, 1993). Aus systemischer Sicht betreffen Geheimnisse alle am Therapieprozess Beteiligten. Geheimnisse führen zu Kollusion, psychischer Distanzierung, vermindertem Vertrauen, beeinträchtigter Kommunikation und Unzufriedenheit sowie zu unausgewogenen familiären Loyalitäten (Dreman, 1977; Imber-Black, 1998; Vangelisti and Caughlin, 1997). Die Familie als emotionale und Beziehungseinheit funktioniert auf eine Weise, die die Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen jedes Familienmitglieds widerspiegelt. Da alle Teile des Systems miteinander verbunden sind, funktioniert kein Individuum im luftleeren Raum; vielmehr reagiert jede Person auf die anderen und trägt zur Integrität des Systems bei (Bowen, 1978; Kerr and Bowen, 1988). Geheimnisse in Familien können zu mehrgenerationalen Phänomenen werden, die als Kommunikationsregeln, Delegationen oder Vermächtnisse weitergegeben werden und komplizierte Strukturen von Loyalitätsbindungen tragen und vermitteln können. Manche Geschichten können sich etwa als verbotene Themen durch Familien ziehen, oder ein Familienmitglied kann dazu bestimmt sein, eine vorgegebene Pflicht oder Aufgabe zu erfüllen (Stierlin, 1977a, b).

Auf individueller Ebene erleben Personen, die Geheimnisse hüten, Anspannung, Einsamkeit und stressbedingte körperliche Gesundheitsprobleme (Kelly, 2002). Geheimhaltung bindet psychische Energie, verursacht bei den Geheimnistragenden Verwirrung und Angst und beeinträchtigt die Kommunikation innerhalb der Familie, was schließlich zu familiärer Dysfunktion führt (Imber-Black, 1998; Karpel, 1980; Vangelisti and Caughlin, 1997). Familiengeheimnisse können das natürliche Wachstum des kindlichen Individuationsprozesses behindern. Selbst Geheimnisse, die in bester Absicht (zum Schutz) bewahrt werden, können die Interaktionsmuster einer Familie negativ beeinflussen (Bowen, 1978; Imber-Black, 1998; Stierlin, 1977b). Wer über ein Geheimnis im Unklaren gelassen wird, versucht, mit verzerrten Kommunikationspraktiken umzugehen, und kann Selbstzweifel, Misstrauen, Angst und Furcht, Essstörungen und eine negative psychische Funktionsweise im späteren Leben entwickeln (Imber-Black, 1998). Der typische Mechanismus zur Aufrechterhaltung von Geheimnissen ist Themenvermeidung. Berger und Paul (2008) zeigten, dass zwischen Themenvermeidung und familiärem Funktionieren ein umgekehrter Zusammenhang besteht. Sie fanden heraus, dass insbesondere bei Müttern die allgemeine Themenvermeidung der stärkste Prädiktor für das familiäre Funktionieren war, während gemeinsame Offenlegung durch die Eltern das höchste Funktionsniveau vorhersagte. Drei unterschiedliche Motivationskategorien im Zusammenhang mit Themenvermeidung wurden identifiziert: beziehungsbasiert, individuumsbasiert und informationsbasiert (Afifi and Guerrero, 2000; Berger and Paul, 2008; Golish and Caughlin, 2002). Die erste bezieht sich auf das Bedürfnis, eine enge Beziehung aufrechtzuerhalten und sie etwa vor Konflikt und Wut zu schützen; die zweite konzentriert sich auf Selbstschutz; und die dritte ist von dem Wunsch motiviert, Informationen klar und relevant zu vermitteln.

Familiengeheimnisse umfassen ein breites Spektrum von Themen des Familienlebens. Negative Erfahrungen aus der Vergangenheit, Adoption und Unfruchtbarkeit (Berger and Paul, 2008), Alkoholismus, außereheliche Beziehungen und Traumata wie Suizid, körperliche und psychische Erkrankung und Tod sind typischerweise in Geheimhaltung gehüllt (Imber-Black, 1993). Kinder vor heiklen und „toxischen“ Geheimnissen zu schützen (Imber-Black, 1998), etwa bei Gewalt innerhalb der Familie, ist verständlich. Bekannt ist jedoch, dass Kinder als Barometer des Familienklimas besonders verletzlich sind, wenn sie einer Aura der Geheimhaltung ausgesetzt sind, da sich ihre Fähigkeiten zur Selbstregulation noch entwickeln. Kinder unterscheiden sich auch in ihren Reaktionen. Internalisierendes Verhalten kann sich in depressiven Symptomen zeigen, externalisierendes Verhalten in Problemverhalten (Bowen, 1978). Dreman (1977) und Baird (1974) stellten fest, dass ein Kind zum Sündenbock eines geheimnisvollen familiären Kommunikationssystems werden und dessen Symptom tragen kann, in dem die geheimnisvolle Kommunikation mit einem Aggressionsproblem verflochten ist, das aus der Unfähigkeit resultiert, wirksam mit Wut umzugehen.

Das Konzept des Familiengeheimnisses konzentriert sich „einseitig“ auf seine negativen Auswirkungen und erfasst daher die komplexe Natur der Geheimhaltung nicht. Das Konzept der selektiven Offenlegung bietet einen alternativen Zugang zu dieser Komplexität, indem es auf die dialektische Spannung zwischen Gesagtem und Ungesagtem, zwischen dem Bewahren des Geheimnisses und dem Teilen von Informationen verweist (Rober et al., 2012). Unter der Annahme, dass Dialog eine Voraussetzung für positive Veränderung in jeder Form von Therapie ist (Seikkula and Trimble, 2005), hat sich die selektive Offenlegung als dialogisches Konzept ihren Platz in der familientherapeutischen Praxis verdient. Ziel eines dialogischen Ansatzes ist es nicht, eine offene Enthüllung herbeizuführen oder zu erzwingen, sondern zum Nachdenken über die Bedeutungen einzuladen, die Familienmitglieder ihrem Zögern und ihrem Schweigen beimessen (Rober, 2002). Statt sich nur auf die Förderung von „Offenheit“ zu konzentrieren, hat dieser Ansatz den Fokus darauf verlagert, die Komplexität der dialektischen Spannung zwischen Offenheit und Verschlossenheit hervorzuheben (Baxter, 2011). Im therapeutischen Gespräch wählen Klientinnen und Klienten ständig aus, was sie erzählen und worüber sie schweigen. Anstatt sich auf den Inhalt der unerzählten Geschichte zu konzentrieren, sollten Therapierende die Familienmitglieder einladen, über die guten Gründe hinter ihrer Entscheidung zu sprechen.

Manche Geschichten, die im therapeutischen Dialog relevant sein könnten, sind zu schwer zu erzählen (Rober, 2002). Die Entscheidung, eine heikle Geschichte zu erzählen, muss gegen die emotionale Wirkung abgewogen werden, die sie auf verletzliche Familienmitglieder haben kann (Rober and Rosenblatt, 2013.) Manche Geschichten bleiben unerzählt, weil der Gesprächskontext als unsicher eingeschätzt wird (Rober, 2002). Das Schweigen und Zögern der Klientel sind wichtige Informationen für Therapierende und werden zu ihren wichtigsten Arbeitsinstrumenten in der systemischen Therapie. Wichtig ist auch, im Blick zu behalten, dass Geheimnisse in Familien nicht notwendigerweise toxisch sind; manchmal dienen sie dazu, eine Geschichte zu schaffen, mit der die Familienmitglieder leben können (Rober and Rosenblatt, 2013).

Die Aufgabe der Therapierenden besteht darin, den Geschichten der Klientel zuzuhören und dabei zu helfen, einen Raum für das Noch-nicht-Gesagte zu öffnen (Anderson and Goolishian, 1988). Im Fall von Familiengeheimnissen ist diese Aufgabe anspruchsvoll, da Geheimnisse Ohnmacht, Unsicherheit und sogar Wut hervorrufen. Wer zu schnell vorgeht, bewirkt oft, dass sich die Klientel verschließt und ihre Geschichte zurücknimmt oder die Therapie abbricht (Deslypere and Rober, 2018). Ein wirklich respektvoller dialogischer Ansatz schafft einen Kontext, in dem die Klientel spürt, dass es sicher ist, ihre heiklen Geschichten zu erzählen (Rober, 2002). Dies verlangt von Therapierenden, Unsicherheit auf eine Weise auszuhalten, die dazu beiträgt, jene Sicherheit zu vermitteln, die es auch den Familienmitgliedern ermöglicht, Unsicherheit auszuhalten (Seikkula and Olson, 2003). Situationen auszuhalten, in denen es keine vorgefertigten Antworten gibt, und eine Haltung des Nichtwissens einzunehmen, stellt die Rolle der Therapierenden als wissende Instanz infrage (Anderson, 1997). In einem Zustand des Nichtwissens bleiben Therapierende in Kontakt mit der Komplexität, der Unsicherheit und der Unabschließbarkeit der Situation und setzen sich so einer Vielzahl von Stimmen in ihren inneren Gesprächen aus (Rober, 2002).

Sprache (gesprochene und nicht gesprochene Kommunikation) erhält ihre Bedeutungen durch sorgfältige Aufmerksamkeit dafür, wie sie geäußert wird. Aristoteles formulierte in Peri Hermeneias (De Interpretatione and Categories, 1975) seine Idee, dass äußere und innere Worte nicht identisch sind, und stellte fest, dass jeder Satz nur eine Interpretation des eigenen Gedankens ist. In der Praxis genügt es, um „dich“ zu verstehen, nicht, „deine“ Worte zu verstehen. Entscheidend ist auch, Bedeutung, Gedanke und Motivation zu erfassen (Vygotsky, 1971, p. 151). Der einzige Weg dahin ist, zuzuhören, was die andere Person zu sagen hat. Harlene Anderson (1988, 2001, 2012) beschrieb die Familientherapie als ein bedeutungsgenerierendes System, in dem Menschen an einem „gemeinsamen Mittendrin-Prozess“ teilnehmen. Bedeutungen entstehen in einem interrelationalen Kontext, durch den fließenden Prozess von Geben und Nehmen, der seiner Natur nach dialogisch ist. Im Dialog werden Bedeutungen und Verständnisse gemeinsam konstruiert. Die aktive Präsenz der zuhörenden Person unterscheidet den Dialog vom Monolog (Bakhtin, 1986). Im Dialog muss jede Äußerung beantwortet werden. Antworten bedeutet nicht, eine Erklärung oder Deutung zu geben, sondern in der eigenen Antwort zu zeigen, dass man das Gesagte zur Kenntnis genommen hat. Zuhören zeigt sich stets in unseren antwortenden Worten (Seikkula et al., 2012). Bachtin zufolge gibt es „für das Wort nichts Schrecklicheres als das Ausbleiben einer Antwort“ (Bakhtin, 1975, p. 127). Obwohl ein zentrales Prinzip der Familientherapie darin besteht, dass die Perspektiven von Kindern gehört werden (Strickland-Clark et al., 2000), ist offensichtlich, dass Sitzungen typischerweise von erwachsenengeleiteter Rede und Konversation geprägt sind. Die Stimmen von Kindern zu hören bedeutet, sie als vollwertige Mitglieder des therapeutischen Dialogs einzubeziehen, als Beteiligte, die Wichtiges zu sagen haben. Der Prozess, Kinder einzubeziehen, hat sich als schwierig erwiesen. Willis, Walters und Crane (2014) zeigten, dass Kinder typischerweise passiv teilnahmen und von einem Großteil des Therapiedialogs ausgeschlossen waren. Hutcby und O’Reilly (2010) sowie Parker und O’Reilly (2012) stellten fest, dass Kinder in Interaktionen mit Erwachsenen tendenziell eine ungleiche Position einnehmen, die als „Halbmitgliedsstatus“ beschrieben wird. Der Halbmitgliedsstatus bezieht sich beispielsweise auf die Position des Kindes als des Anderen, über den gesprochen wird (Parker and O’Reilly, 2012), und als jemand, der unterbrochen wird (O’Reilly, 2008). Positionierung verweist auf die Frage „Von wo aus spricht die Person?“ (Hermans, 2006; Seikkula et al., 2012).

Ziele der Studie

Ziel war es, zu untersuchen, wie Kinder in Episoden zu geheimen Themen in Familientherapiesitzungen teilnehmen und sich positionieren und wie sie diese Situationen bewältigen. Außerdem untersuchten wir, wie Therapierende und Eltern auf die Initiativen der Kinder reagierten, über heikle oder verbotene Themen zu sprechen. Qualitative Forschung zu Familiengeheimnissen in der Familientherapie ist rar. Diese kleine Studie trägt dazu bei, diesem Bedarf zu begegnen.

Daten

Die Forschungsdaten bestanden aus videoaufgezeichneten Familientherapiesitzungen an der Kinderpsychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Kuopio. Das Material ist Teil eines größeren familientherapeutischen Forschungsprojekts mit vierzehn Familien von Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren, bei denen eine Störung mit oppositionellem Trotzverhalten oder eine Störung des Sozialverhaltens diagnostiziert worden war. Alle Teilnehmenden gaben ihre informierte Einwilligung zur Teilnahme an der Studie, und der Forschungsplan wurde von der Ethikkommission des Gesundheitsbezirks Nordsavo genehmigt. Einer der Therapieprozesse wurde wegen seines besonderen Merkmals, Familiengeheimnissen um mehrgenerationale traumatische Verluste, für eine eingehendere Untersuchung ausgewählt. Dieser Familientherapieprozess umfasste fünfzehn Sitzungen mit einer Dauer zwischen 55 Minuten und 1 Stunde 47 Minuten, die über den Zeitraum eines Jahres stattfanden. Für eine genauere Untersuchung wählte die Person in Erstautorschaft drei unterschiedliche Sitzungstypen aus: (1) eine zu Hause durchgeführte Genogramm-Werkstatt (4. Sitzung), Dauer 1 Std. 37 Min.; (2) ein Netzwerktreffen in der kinderpsychiatrischen Klinik (11.), Dauer 1 Std. 43 Min.; und (3) eine zu Hause durchgeführte Sitzung (13.), Dauer 60 Min.

Die Familie bestand aus (Pseudonyme) Jane (Mutter), Brian (Vater) sowie dem 9-jährigen Mark und seiner jüngeren Schwester, der 8-jährigen Clara. In den Auszügen werden sie mit den Abkürzungen J, B, M und C bezeichnet. Die Sitzungen wurden von zwei Fachpersonen für Familientherapie, T1 und T2, geleitet. Der therapeutische Ansatz war systemisch, mit Elementen strukturierter Spiele und interaktiver Aufgaben.

Methoden und Vorgehen

Diese Studie wandte die für mehrere Beteiligte konzipierten Dialogical Methods for Investigations of Happening of Change (DIHC) an (Seikkula et al., 2012). Vor der Analyse transkribierte die Person in Erstautorschaft drei videoaufgezeichnete Sitzungen, die sich mit dem Thema Geheimhaltung in der Familie befassten, vollständig. Auch nonverbale Informationen wurden berücksichtigt. Die Genauigkeit der Transkription wurde auf die Erfordernisse der DIHC ausgerichtet, mit Schwerpunkt auf dem verbalen Inhalt, ohne Prosodie. Die Analyse erfolgte auf Finnisch, der Muttersprache der Teilnehmenden, um alle Nuancen des Gesprochenen zu erfassen. Die Übersetzung ins Englische übernahm eine Person mit Englisch als Muttersprache, die seit Langem in Finnland lebt. Die Bedeutungen der Übersetzungen wurden jedoch gemeinsam mit der Person in Erstautorschaft ausgehandelt. Die Analyse führte die Person in Erstautorschaft durch; die an zweiter und dritter Stelle genannten Verfassenden übernahmen die Supervision und die Prüfung der Analyse. Nach sorgfältiger Lektüre durch die Verfassenden verlief die Forschung in folgenden Schritten. (1) Als thematisch definierte Episoden wurden untersucht. Ein Themenwechsel galt als neue Episode. Die Episoden zu Familiengeheimnissen wurden für die Mikroanalyse ausgewählt. (2) Die Antworten auf jede Äußerung wurden festgehalten, um ein Bild davon zu gewinnen, wie jede am Gespräch beteiligte Person an der Konstruktion des gemeinsamen Gesprächs mitwirkte. In dieser Studie wurden zur Analyse der Antwortkategorien die Konzepte semantische Dominanz verwendet, die sich darauf bezieht, wer zu einem bestimmten Zeitpunkt des Gesprächs neue Themen oder neue Wörter einführt, und interaktionale Dominanz, die sich auf den dominanten Einfluss einer beteiligten Person auf die kommunikative Interaktion bezieht. (3) In diesem Schritt wurde das Kodiersystem narrativer Prozesse angewandt (Angus et al., 1999; Laitila, 2016; Laitila et al., 2001). Als analytische Werkzeuge dienten Konzepte wie der externe Prozessmodus, der sich auf Beschreibungen von Geschehenem bezieht, der interne Prozessmodus, der sich auf die Beschreibungen der Teilnehmenden von ihren eigenen Erfahrungen der geschilderten Ereignisse bezieht, und der reflexive Prozessmodus, der sich auf die Bemühungen der Teilnehmenden bezieht, den Zusammenhang zwischen den fraglichen Ereignissen und ihren persönlichen Erfahrungen zu verstehen. (4) Nach der Analyse der Antwortkategorien verlagerte sich der Fokus auf die Stimmen, die Adressierten und die Positionierung der Gesprächsbeteiligten. Stimmen bezeichnen das sprechende Bewusstsein (Bakhtin, 1984), das im Austausch zwischen den Gesprächsbeteiligten im Kontext des gerade stattfindenden Erzählens sichtbar wird. Positionierung verknüpft eine Stimme mit der Sichtweise einer beteiligten Person. Adressierte sind die Personen, an die eine Äußerung gerichtet ist. Bei der Analyse von Mehrpersonendialogen sind die Adressierten nicht immer leicht zu identifizieren. Rede kann auch im inneren Dialog an jemanden gerichtet sein (Seikkula et al., 2012). Die Analyse und die Ergebnisse wurden von den Verfassenden gemeinsam diskutiert und reflektiert, und es wurde einschlägige Literatur herangezogen, einschließlich der Forschung zur Familientherapie. Die Ergebnisse werden teilweise in narrativer Form dargestellt und folgen der Chronologie der Therapiesitzungen (Braun and Clarke, 2006).

Analyse und Ergebnisse

Die in diesem Beitrag vorgestellten Ergebnisse der Analyse konzentrieren sich auf zwei thematische Episoden zu den Geheimnissen der Familie, von denen sich eine auf die Vergangenheit und die andere auf die Gegenwart bezieht. Die Ergebnisse zum Geheimnis des Suizids eines Onkels (Vergangenheit) werden zuerst dargestellt, jedoch nur in analytisch-narrativer Form. Die zweite Analyse betrifft die Gesundheit der Mutter (Gegenwart) und wird in Tabelle 1 ausführlich und vollständig dargestellt. Die Transkriptionen in den Tabellen folgen diesem Prinzip: Zuerst werden die finnischen Originaldaten wiedergegeben, danach folgt die Übersetzung kursiv und in Klammern.

Tabelle 1 — Sequenz 1: Jane, Mutter (J), Clara (C), Mark (M) sowie Therapierende 1 (T1) und 2 (T2), Sitzung 13, thematische Episode 2 (Zeilen 25–75, Minuten 2.13–4.40)

  • T2. Kuunnellaan nyt äitiä (Hören wir jetzt der Mutter zu). Antwortkategorie: interaktionale Dominanz. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich zunächst an C, aber auch an die anderen. Position, die der Rede der Mutter Raum gibt.
  • T1. Joo. Vaikea viikko niinku suhteessa mihin asiaan? (Ja. Schwierige Woche … in welcher Hinsicht?). Antwortkategorie: dialogischer Dialog. Antwortet auf T2 und auf das Thema der „schwierigen Woche“, das die Mutter zuvor erwähnt hatte. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an J. Positioniert sich als zuhörend und neugierig, mehr zu erfahren. Gibt ihrer Rede Raum.
  • J. Perheeseen, terveyteen, työhön (In Bezug auf die Familie, die Gesundheit, die Arbeit). Antwortkategorie: dialogisch, semantische Dominanz. Antwortet auf T1. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an T1 + T2. Doppelte Position des Enthüllens und Verbergens. Stimme der Geheimhaltung und der Andeutung.
  • M. Mä en tarvii terveyttä (Ich brauche keine Gesundheit). Antwortkategorie: Mischung aus dialogischem und monologischem Modus. Dialogisch, insofern die Äußerung auf das Thema Gesundheit antwortet, monologisch, insofern sie die anderen Gesprächsbeteiligten nicht zu einem Beitrag einlädt. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an seine Mutter und ihre mehrgenerationalen Angehörigen. Positioniert sich so, dass er die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und seine Mutter davor bewahrt, über ein heikles Thema sprechen zu müssen. Seine Selbstpositionierung fordert zugleich seine Mutter und die ihm übertragene Delegation heraus. Die Stimme des Trotzes ist andeutend und verbirgt mehr, als sie enthüllt.
  • J. Mitä? (Was?). Antwortkategorie: antwortet auf M. Dialogisch. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als „erstaunt“, etwas gereizt; Position einer Mutter, die gehorsames Verhalten ihres Sohnes gewohnt ist.
  • T1. Äitin vuoro kertoo perheen kuulumiset..perhe, työ, terveys. Antwortkategorie: interaktionale Dominanz, indem der Rede der Mutter Raum gegeben und die trotzige Selbstpositionierung von M zum Schweigen gebracht wird. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an M. Pädagogische Stimme. Positioniert sich als jemand, der anderen Grenzen setzt.
  • T1. (Jetzt ist die Mutter dran, uns zu erzählen, was los ist … Familie, Arbeit und Gesundheit). Antwortkategorie: dialogische Antwort auf das Thema der Mutter, die „schwierige Woche“. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an M. Positioniert sich als jemand, der zum Thema der Erzählung der Mutter zurückkehrt. Stimme, die ein angespanntes Klima entschärft.
  • J. Hmmm. Antwortkategorie: antwortet auf T1 + M.
  • T1. Minkälaisia asioita siitä nousee sulla mieleen? (An welche Dinge lässt dich das denken?). Antwortkategorie: dialogisch. Antwortet auf J und ermutigt sie, mehr zu dem Thema zu sagen. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an J. Positioniert sich als interessiert, weiter zuzuhören.
  • J. Lasten kuullen en viitsi enempää (Vor den Kindern will ich nicht mehr (sagen)). Antwortkategorie: antwortet auf T1 + T2 + M? Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als jemand, der auswählt, was gesagt wird. Stimmen der Geheimhaltung, des Zögerns und des Schutzes.
  • Anmerkung. Die Adressierten der inneren Stimme der Mutter sind ihre mehrgenerationalen Angehörigen / der generalisierte Andere
  • T1. Joo, okei (Verstehe, okay). Antwortkategorie: antwortet der Mutter mit Akzeptanz. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als verständnisvoll gegenüber der Sichtweise von J.
  • J. Niille tulee enemmän.. (Sonst werden sie mehr haben/abbekommen…). Antwortkategorie: antwortet auf T1 + T2. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als Mutter, die ihre Kinder vor Unangenehmem schützt. Stimme der Andeutung und der Geheimhaltung. Die Adressierten ihrer inneren Stimme sind ihre mehrgenerationalen Angehörigen / der generalisierte Andere.
  • C. Minä tiiän mikä äitillä on (Ich weiß, was mit meiner Mama los ist). Antwortkategorie: neue Initiative. Richtet sich an alle Beteiligten, insbesondere an T1. Dialogisch. Semantische Dominanz. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als aktiv und protestiert dagegen, ausgeschlossen zu werden. Stimme einer Person, die weiß, was ihre Mutter ungesagt zu lassen versucht.
  • T1. No sulla on joku aavistus no… sä voit äitiltä kysyä sit ja äiti sit varmaan sanoa nii et kysy vaan (Na ja, du hast vielleicht eine Ahnung, na ja, du kannst deine Mutter danach fragen, und sie kann es dir sicher sagen, also frag ruhig). Antwortkategorie: dialogisch, semantische und interaktionale Dominanz; antwortet auf die Initiative von C und ermutigt C, den Dialog über das Thema mit ihrer Mutter fortzusetzen. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als jemand, der Tochter und Mutter ermutigt, das Thema zu besprechen. Stimme, die ernst nimmt, was C gesagt hat, aber ihre Gewissheit relativiert, zu wissen, was das Problem ihrer Mutter ist.
  • J. Saat sä nyt sanoo jotain, mut.. (Du darfst etwas sagen, aber …). Antwortkategorie: antwortet auf C. Stimmen, Adressierte, Positionierung: Stimmen, die zwischen Offenheit und Verschlossenheit, Unsicherheit und Zögern balancieren. Positioniert sich als zögernd, ob es sicher ist zu sprechen. Die Adressierten ihrer inneren Stimme sind ihre mehrgenerationalen Angehörigen.
  • C. Saaks’ sanoo kaikki? (Darf ich alles sagen?). Antwortkategorie: antwortet auf das Thema des Fragens und Erzählens. Dialogisch. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an alle Anwesenden einschließlich ihrer selbst sowie an die mehrgenerationalen Angehörigen ihrer Mutter. Nimmt eine Position der Ambivalenz ein (Loyalität vs. Offenheit) und positioniert sich so, als wisse sie nicht wirklich, worum sie bittet, wenn sie um die Erlaubnis zu sprechen fragt. Ambivalente Stimmen von Mut, Unsicherheit und Zögern; versucht sich zu vergewissern, ob es sicher ist zu sprechen, und schätzt die emotionale Reaktion der Mutter ein.
  • J. Mmm. Antwortkategorie: antwortet auf C und T1 + T2. Stimmen, Adressierte, Positionierung: Position des Zögerns. Die Adressierten ihrer inneren Stimme sind ihre mehrgenerationalen Angehörigen.
  • C. Jee…äitiä on pyörryttänyt (Juhu … Mama war schwindlig). Antwortkategorie: semantische Dominanz. Monologisch. Externer Prozessmodus. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an alle Anwesenden einschließlich ihrer selbst sowie an die nicht anwesenden mehrgenerationalen Angehörigen der Mutter. Positioniert sich als ambivalent: einerseits erleichtert, sprechen zu können, andererseits ängstlich, was sie sagen soll. Die Ambivalenz beim Preisgeben heikler Informationen wird mit einer künstlich fröhlichen Stimme vermittelt.
  • T2. Maha on ollu kippee? (Der Bauch hat wehgetan …?). Antwortkategorie: dialogisch, auch wenn es sich um die eigene Deutung der Situation durch T2 handelt. Sie lädt J jedoch ein, genauer zu sagen, worauf C sich bezieht.
  • C. Ja se on hyppiny sohvalla kun sitä on pyörrytti (Und sie ist auf dem Sofa herumgesprungen, als ihr schwindlig war). Antwortkategorie: semantische Dominanz. Monologisch. Externer Prozessmodus. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an T1 + T2 + M. Positioniert sich als aktive Informantin. Bringt ihre Erlaubnis zu sprechen zum Ausdruck.
  • J. Nii että toisin sanoen on kouristanut pahasti (Na ja, mit anderen Worten, es gab üble Krämpfe). Antwortkategorie: antwortet auf T1 + T2. Interner Prozessmodus. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als ambivalent, enthüllend und verbergend. Stimme der Andeutung und der Geheimhaltung.
  • T1 und T2. Joo (Ja) Joo (Ja). Antwortkategorie: antworten auf J + C. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positionieren sich so, dass sie zeigen, dass sie zuhören, aber mehr Informationen brauchen. Stimmen des Zögerns.
  • C. Äiti joutu sairaalaan ja sit siltä lähti ajokortti niin se ei nyt äiti voi ajaa autolla (Mama musste ins Krankenhaus, und dann hat sie ihren Führerschein verloren, und jetzt kann sie nicht Auto fahren). Antwortkategorie: semantische Dominanz. Monologisch. Externer Prozessmodus. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als aktive Informantin. Was C erzählt und wie sie es erzählt, passt nicht zusammen: Der interne Modus fehlt.
  • T1 und T2. Hmm Hmmm. Antwortkategorie: antworten auf alle Beteiligten. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positionieren sich als verwirrt und bewertend.
  • M. Miksi sä sitten meijät ajoit risteykseen? (Warum hast du uns dann trotzdem zur Kreuzung gefahren?). Antwortkategorie: neue Initiative. Dialogisch. Antwortet auf die Äußerung von C über den Führerschein von J. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an J. Positioniert sich so, dass er das Handeln seiner Mutter infrage stellt. Stimme der Herausforderung.
  • J. Jotkut asiat on pakko tehä muuten ei (Manche Dinge müssen eben gemacht werden, sonst …). Antwortkategorie: antwortet auf M. Externer Prozessmodus. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich defensiv. Stimme einer Person, die die Verantwortung für die alltäglichen Aufgaben in der Familie trägt. Richtet sich an alle Beteiligten.
  • C. Isi ei oo kotona (Papa ist nicht zu Hause). Antwortkategorie: semantische Dominanz. Neues Thema: die Abwesenheit des Vaters. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als Beschützerin ihrer Mutter. Stimme, die feinfühlig auf die Rede der Mutter reagiert.
  • J. Meni työt ynnä muut tässä kaikki nii (Ich habe meine Arbeit verloren und alles andere auch). Antwortkategorie: dialogisch. Antwortet auf das Thema, warum es eine schwierige Woche war. Externer Prozessmodus. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als jemand, der die Handlungsfähigkeit verloren hat. Stimmen der Geheimhaltung und der Andeutung. Balanciert zwischen Offenheit und Verschlossenheit.
  • T1. Joo (Ja). Antwortkategorie: antwortet auf J. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als verständnisvoll.
  • T2. Niin ootko sä nyt kotona? (Also bist du jetzt zu Hause?). Antwortkategorie: antwortet auf J. Dialogisch. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als bemüht, die Dinge konkreter und sichtbarer zu machen. Stimme der Normalisierung.
  • J. Mmm (hebt die Hände). Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an T1 + T2. Positioniert sich als unsicher und verlegen.
  • C. Se on työtön (Sie ist arbeitslos). Antwortkategorie: antwortet auf T1. Monologisch. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als wissend.
  • J. En tiedä (Ich weiß nicht). Antwortkategorie: antwortet auf T1.
  • T1. Joo (Ja). Antwortkategorie: antwortet auf J. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als jemand, der die bizarre Situation versteht.
  • T2. Ainakin nyt tänä päivänä (Zumindest heute). Antwortkategorie: antwortet auf die Unsicherheit von J und lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was in diesem Moment gewusst werden kann. Dialogisch. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich neutralisierend/stabilisierend und achtet auf die vorliegenden Fakten.
  • J. Mmm. Stimmen, Adressierte, Positionierung: Stimme, die die Antwort annimmt.
  • C. Ja jos äitille niinku huutaa ja kiljuu niin äitiltä saattaa katketa verisuoni..olikse sillee..oliko? (Und wenn man Mama anschreit und ankreischt, dann kann bei ihr ein Blutgefäß platzen, stimmt’s? Stimmt’s?). Antwortkategorie: neue Initiative. Semantische Dominanz. Externer Prozessmodus. Dialogisch. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als aktive Informantin, die über das heikle Thema der Gesundheit ihrer Mutter sprechen will. Stimme der Unsicherheit. Richtet sich an.
  • T1. Jos äiti suuttuu sille.. (Wenn deine Mutter sich ärgert, dann …). Antwortkategorie: antwortet auf C. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an C. Positioniert sich als neugierig.
  • C. Oliks se sillee? (Stimmt’s?). Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an ihre Mutter. Position einer Person, die die Antwort braucht, um sich zu beruhigen.
  • J. Äiti ei sais oikein hermostua mistään (Mama (meint sich selbst) darf sich nicht aufregen). Antwortkategorie: antwortet auf C. Semantische Dominanz durch das neue Thema des Sich-Aufregens. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als jemand, der davor geschützt werden muss, sich aufzuregen. Stimmen der Warnung im Sinne von „Bitte seid lieb zu Mama“ sowie der Andeutung und Geheimhaltung. Die Adressierten ihrer inneren Stimme sind ihre mehrgenerationalen Angehörigen.
  • T1. Okei, joo…pystyiskö sitä tota mmm vähän silleen niinku avaan sen verran että mitä niinku silleen ja mehän voitais… mitä sää aattelit sovittaisko me joku semmonen aika sulle tonne vaikka niinku…erillinen aika et voitais (Okay, also … gäbe es irgendeine Möglichkeit … das Thema vielleicht ein bisschen zu öffnen … so ein Stück weit … was meinst du dazu …, wir könnten zum Beispiel einen eigenen Termin für dich vereinbaren, damit wir …). Antwortkategorie: beginnt im dialogischen Modus und ermutigt J, das Thema zu öffnen, wechselt aber nach einem Zögern in einen Modus, der nahelegt, die Kinder vom gemeinsamen Gespräch auszuschließen. T1 reagiert auf die von Geheimhaltung geprägte und emotional schwierige Atmosphäre mit einer lösungsorientierten Alternative. Interaktionale Dominanz. Stimmen, Adressierte, Positionierung: verlagert sich hin zu einer neuen thematischen Episode, der Vereinbarung eines neuen Termins. Positioniert sich so, dass die Bedeutung, über das zu sprechen, was wirklich vor sich geht, gegen den Wunsch der Mutter abgewogen wird, in Anwesenheit der Kinder nicht über das Thema zu sprechen, den es ernst zu nehmen gilt. Stimmen der Verwirrung, Unsicherheit und Aushandlung.
  • J. Mä en voi tulla sinne. mulla ei ole kyytiä (Ich kann nicht kommen … ich habe keine Fahrgelegenheit). Antwortkategorie: antwortet auf T1. Monologisch. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich als gereizt und frustriert. Stimme von „Hörst du nicht, was ich dir gerade gesagt habe?“.
  • Anmerkung. Die Therapierenden fragten J, ob B sie zum Termin in der Klinik bringen könne. J lehnte den Vorschlag ab und verwies auf die Schwierigkeit, die praktische Organisation mit Brians Schichtarbeit zu vereinbaren.
  • T2. No entäs se seuraava kotikäynti vaihetaanko se sillee et lapset olisivat koulussa? (Und was ist mit dem nächsten Termin zu Hause, sollen wir ihn auf eine Zeit legen, in der die Kinder in der Schule sind?). Antwortkategorie: dialogisch; antwortet auf den Vorschlag von T1, einen neuen Termin zu vereinbaren, und berücksichtigt die Antwort der Mutter. Schlägt eine neue praktische Alternative vor, die zugleich die Kinder ausschließen würde. Stimmen, Adressierte, Positionierung: richtet sich an die Mutter und an T1. Positioniert sich mit dem Wunsch, Raum für die private Geschichte der Mutter zu schaffen.
  • C. EI! (NEIN!). Antwortkategorie: antwortet auf T1 + T2 + J. Stimmen, Adressierte, Positionierung: positioniert sich protestierend gegen den Ausschluss aus dem Gespräch. Richtet sich an alle.

Fallgeschichte

Marks Familie war wegen Marks aggressiven Verhaltens an die kinderpsychiatrische Klinik überwiesen worden, und bei ihm war eine Störung des Sozialverhaltens diagnostiziert worden. Er hatte davon gesprochen, Suizidgedanken zu haben, und dies kam auch im Therapieprozess vor. Marks jüngere Schwester Clara litt unter internalisierenden Symptomen, war in problematischer Weise von ihrer Mutter abhängig und hatte Ängste und Schlafprobleme. In den letzten Jahren hatte die Familie mehrgenerationale traumatische Verluste erlebt (die Suizide des Onkels und der Großmutter der Kinder), die wegen ihrer heiklen Natur unausgesprochen geblieben waren.

Das Geheimnis des Suizids des Onkels

In der vierten Sitzung schlugen die Therapierenden der Familie vor, an einer Genogramm-Werkstatt teilzunehmen, um die Familiengeschichten beider Elternteile über drei Generationen hinweg zu untersuchen. Dies erwies sich als wirksam, um die Kinder dazu zu bringen, ihre komplexen Familienmuster, Beziehungsressourcen, bedeutsamen Ereignisse und Verluste zu betrachten. Das Genogramm bot ihnen die Möglichkeit, sich verborgenen, unausgesprochenen Themen zu nähern. Beide Kinder positionierten sich beim Thema des Todes ihres Onkels als aktiv. Clara ergriff die Initiative und teilte den Therapierenden mit, dass der Bruder ihrer Mutter gestorben war. Mark, der mehrere Fragen stellte, wollte wissen, wie es geschehen war. Die Rolle der Therapierenden bestand darin, die Bedürfnisse der Kinder und die ihrer Mutter auszubalancieren. Mit nonverbaler Körpersprache (Gesten) zeigte die Mutter, wie schwer es ihr fiel, über das Thema zu sprechen und Marks Fragen zu beantworten. T2 übernahm die Rolle der Vermittlerin. Sie versuchte, die Mutter zu ermutigen, etwas preiszugeben, und sei es noch so wenig. Die Antwort der Mutter war mehrdeutig und öffnete und schloss das Thema zugleich. Sie war offen, insofern sie sagte, das Thema sei schwierig, aber schließend, insofern sie sagte, eine Antwort „hätte ernste Folgen“. Der gute Grund der Mutter für ihre Geheimhaltung lässt sich verständlicherweise als schützend betrachten; aus dialogischer Sicht jedoch band er den Therapierenden die Hände, stufte das Thema als gefährlich, als Tabu ein und rekonstruierte so die Atmosphäre der Geheimhaltung um es herum.

Die Atmosphäre der Geheimhaltung um das Wohlbefinden der Mutter

Die dreizehnte Sitzung begann in der Küche der Familie in einer Aura der Geheimhaltung. Mark und Clara lagen am Kamin. Da die Therapierenden die Familienmitglieder routinemäßig baten, zu Beginn der Sitzung Feedbackbögen auszufüllen, um die Intervention zu verfolgen und zu fokussieren, hatte T1 bemerkt, dass die selbst eingeschätzten Wohlbefindenswerte der Mutter außergewöhnlich niedrig waren. Wie in therapeutischen Gesprächskontexten mit mehreren Beteiligten üblich, konkurrierten mehrere Themen um Auswahl und Aufmerksamkeit. Dazu gehörten Claras Frage an T1 und T2, wann die Familie die kinderpsychiatrische Klinik wieder besuchen könne, Marks Trotz, an diesem Tag zur Schule zu gehen, und die alarmierende Beobachtung zur Verschlechterung des Wohlbefindens der Mutter. Die Therapierenden beschlossen, sich auf Letzteres zu konzentrieren. Das „Hören wir der Mutter zu“ von T1 war der Ausgangspunkt für die Mikroanalyse der thematischen Episode.

Die Selbstpositionierung von Mark und Clara

Mark und Clara reagierten unterschiedlich auf die Atmosphäre der Geheimhaltung. Mark positionierte sich entsprechend seiner Diagnose, wie der folgende Auszug zeigt. Die Mutter hatte gerade gesagt, „es war eine schwierige Woche und eine unruhige Zeit“, und die Therapierenden wollten mehr darüber erfahren.

Zeilen 27–28, Minuten 2.13–2.15. Die Mutter (J), Mark (M)

  • J. Perheeseen, terveyteen, työhön (In Bezug auf Familie, Gesundheit, Arbeit). Antwortkategorie: dialogisch, semantische Dominanz. Antwort auf T1. Adressierte, Positionierung, Stimmen: richtet sich an T1 + T2. Doppelte Position einer Person, die enthüllt und verbirgt. Geheimnisvoller und andeutender Gebrauch der Stimme.
  • M. En minä tarvii terveyttä (Ich brauche keine Gesundheit). Antwortkategorie: Mischung aus dialogischem und monologischem Modus. Dialogisch, insofern sie auf das Thema Gesundheit antwortet, monologisch, insofern die Äußerung die anderen Gesprächsbeteiligten nicht zu einem Beitrag einlädt. Adressierte, Positionierung, Stimmen: richtet sich an seine Mutter und ihre mehrgenerationalen Angehörigen. Positioniert sich so, dass er die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und seine Mutter davor bewahrt, über ein heikles Thema sprechen zu müssen. Seine Selbstpositionierung fordert zugleich seine Mutter und die ihm übertragene Delegation heraus. Die Stimme des Trotzes ist andeutend und verbirgt mehr, als sie enthüllt.

Marks „Ich brauche keine Gesundheit“ ist bedeutsam im Gesprächskontext, in dem das „Schwierige Woche, in welcher Hinsicht?“ von T1 Marks Mutter gerade eingeladen hatte, ihre Antwort zu erläutern. Marks Intervention lässt sich als Rettungsaktion deuten. Mark lenkt die Aufmerksamkeit, wenn auch auf negative Weise, auf sich selbst und weg vom heiklen Thema der Gesundheit seiner Mutter. Um seiner Mutter zu ersparen, über ein heikles Thema sprechen zu müssen, übernimmt er die Rolle des trotzigen Kindes, eine Rolle, an die er und seine Familie gewöhnt sind. Indem er so handelt, rekonstruiert Mark sowohl die Atmosphäre der Geheimhaltung als auch seine Rolle als trotziges Kind. Seine Äußerung lässt sich aus der Perspektive seiner inneren Stimme auch als Herausforderung der mehrgenerationalen Delegation verstehen. Waren die eigentlichen Adressierten die nicht mehr anwesenden mehrgenerationalen Angehörigen seiner Mutter? Was Mark eigentlich sagte, wurde nicht aufgegriffen.

Die Mutter hatte erst wenige Tage zuvor zu Hause einen plötzlichen Anfall erlitten. Clara übernahm als zentrale Informantin über den Anfall ihrer Mutter eine aktive und initiierende Rolle. Clara hatte diese beängstigende Situation miterlebt und auf Bitten ihrer Mutter bei ihrem Vater Hilfe geholt. Claras Positionierung im Gespräch war ambivalent. Sie bat ihre Mutter um Erlaubnis, zu erzählen, was sie wusste. Beim Erzählen ihrer Geschichte beobachtete Clara die Reaktionen ihrer Mutter und suchte ein Gleichgewicht zwischen ihrem Bedürfnis zu erzählen und ihrer Loyalität gegenüber dem Widerstreben der Mutter, sich auf das Thema einzulassen. Die Stimmen in Claras Erzählung lassen sich als widersprüchlich deuten, sowohl in dem, was sie sagte (Inhalt), als auch darin, wie sie es sagte (Form), wie im folgenden Auszug:

Zeilen 41–43. Clara (C), die Mutter (J)

  • C. Saaks sanoo kaikki? (Darf ich alles sagen?). Antwortkategorie: antwortet auf das Thema des Fragens und Erzählens. Dialogisch. Adressierte, Positionierung, Stimmen: richtet sich an alle Anwesenden einschließlich ihrer selbst sowie an die mehrgenerationalen Angehörigen ihrer Mutter. Nimmt eine Position der Ambivalenz ein (Loyalität vs. Offenheit) und positioniert sich so, als wisse sie nicht wirklich, worum sie bittet, wenn sie um die Erlaubnis zu sprechen fragt. Ambivalente Stimmen von Mut, Unsicherheit und Zögern; versucht sich zu vergewissern, ob es sicher ist zu sprechen, und schätzt die emotionale Reaktion der Mutter ein.
  • J. Mmm. Antwortkategorie: antwortet auf C und T1 + T2. Adressierte, Positionierung, Stimmen: Stimme des Zögerns. Die Adressierten ihrer inneren Stimme sind ihre mehrgenerationalen Angehörigen.
  • C. Jeee.. äitiä on pyörryttänyt (Juhuuu … (fröhlich) … Mama war schwindlig). Antwortkategorie: semantische Dominanz. Monologisch. Externer Prozessmodus. Adressierte, Positionierung, Stimmen: richtet sich an alle Anwesenden einschließlich ihrer selbst sowie an die nicht anwesenden mehrgenerationalen Angehörigen ihrer Mutter. Positioniert sich als ambivalent: einerseits erleichtert, sprechen zu können, andererseits ängstlich, was sie sagen soll. Die Ambivalenz beim Preisgeben heikler Informationen wird mit einer künstlich fröhlichen Stimme vermittelt.

Claras Initiative lässt sich als mehrdimensional deuten. Sie zeigt Mut, indem sie ein heikles Thema anspricht, zugleich aber Angst, das mehrgenerationale Vermächtnis der Loyalitätsstrukturen zu durchbrechen. Auch wenn unklar bleibt, inwieweit es in der Geschichte dieser Familie allgemein erlaubt war, dass ihre Mitglieder über schwierige Themen und negative Gefühle sprachen, ist offensichtlich, dass es für Clara schwierig gewesen ist.

Die Mutter

Der Anfall der Mutter hatte sich wenige Tage vor der Sitzung ereignet. Bei der Erörterung des Themas positionierte sich die Mutter als unsicher, was sie in Anwesenheit der Kinder sagen sollte. Als die Therapierenden sie so positionierten, dass sie erläutern sollte, was sie mit einer „schwierigen Woche“ meinte, schien ihre Antwort „Familie, Arbeit, Gesundheit“ große Themen für das Gespräch anzubieten. Die Worte öffneten jedoch jede mögliche Diskussion und verschlossen sie zugleich. Die distanzierenden, an die Therapierenden gerichteten Worte zeigten ihr Widerstreben, weiter darüber zu sprechen. Gleichzeitig lassen sich in ihren inneren Stimmen Echos der Loyalität gegenüber ihren mehrgenerationalen Angehörigen hören (über schwierige Themen in Gegenwart der Kinder zu sprechen ist verboten). Die Therapierenden versuchten dennoch, den andeutenden und geheimnisvollen Themen der Mutter mehr Raum zu geben, und ermutigten sie zu sprechen, wie im Folgenden gezeigt:

Zeilen 34–35. Therapeutische Fachperson 1 (T1) und Mutter (J)

  • T1. Minkälaisia asioita siitä nousee sulla mieleen? (An welche Dinge lässt dich das denken?). Antwortkategorie: dialogisch. Antwortet der Mutter und ermutigt sie, mehr zu dem Thema zu sagen. Adressierte, Positionierung, Stimmen: Position des Nichtwissens; die Stimme drückt Interesse aus, mehr zu hören.
  • J. Lasten kuullen en viitsi enempää (Vor den Kindern will ich nichts mehr (sagen)). Antwortkategorie: antwortet auf T1 + T2. Adressierte, Positionierung, Stimmen: positioniert sich als jemand, der auswählt, was gesagt wird. Stimmen der Geheimhaltung, des Zögerns und des Schutzes. Die Adressierten der inneren Stimme der Mutter sind ihre mehrgenerationalen Angehörigen / der generalisierte Andere.

Der gute Grund der Mutter für ihre Wortkargheit war, ihre Kinder zu schützen, als Repräsentantin der Vergangenheit und Gegenwart der Familie. Ihre zögernde und anspielende Antwort „sonst werden sie mehr haben …“ verweist auf ihre Angst und ihre Schwierigkeit, „die Wahrheit zu sagen“, über die sie zuvor in ihrem Einzelgespräch mit T1 in der Klinik gesprochen hatte. In diesem Gespräch hatte sie deutlich gemacht, dass sie noch nicht bereit sei, den Kindern die Tatsachen über den Tod ihrer Angehörigen mitzuteilen, weil die Suizide bei ihr einen so heftigen Ausbruch von Wut und Schuld ausgelöst hätten. T1 hatte die Mutter ermutigt, mit den Kindern altersgerecht über die Todesfälle zu sprechen, und angedeutet, dass unausgesprochene Themen unsichtbare Angst verursachen können. Die Mutter räumte ein, dass dies in ihrer Familie der Fall gewesen sei. Auch die Gesundheit der Mutter war ein heikles Thema, denn die Mutter hatte T1 zudem erzählt, Clara habe von ihrer Angst gesprochen, ihre Mutter zu verlieren, und frage morgens immer wieder: „Stirbst du heute?“ Trotz der guten Absichten der Mutter schufen ihre andeutenden Worte Raum für weitere imaginäre Ängste und Deutungen und rekonstruierten so ein unsicheres Klima.

T1 und T2

Die Atmosphäre der Geheimhaltung mit ihren ambivalenten und widersprüchlichen Stimmen stand der Aufgabe der Therapierenden entgegen, einen Raum für das Noch-nicht-Gesagte zu öffnen. Die Therapierenden positionierten sich als zuhörend und nichtwissend. Sie ermutigten die Mutter, lokale Bedeutungen zu generieren (Anderson and Goolishian, 1992), um ein Verständnis ihrer Antwort „Familie, Arbeit, Gesundheit“ zu konstruieren. Sie schufen einen Raum für den Dialog zwischen der Mutter und Clara und versuchten, die unklare und emotional anspruchsvolle Situation zu stabilisieren. Die Atmosphäre der Geheimhaltung weckte jedoch auch bei den Therapierenden Stimmen der Ambivalenz, Stimmen der Verwirrung und des Zögerns in der konkurrierenden Dialektik von Sprechen und Nichtsprechen. Die andeutenden Worte der Mutter zeigten Wirkung: An dem Punkt, an dem die Mutter die Kinder später mit den Worten „Mama darf sich nicht aufregen“ implizit aufforderte, ihr die Verantwortung für ihre eigene Gesundheit zu überlassen, verlagerte T1 den Fokus des Gesprächs auf die Vereinbarung eines nächsten Treffens, bei dem die Kinder nicht anwesend sein würden.

Diskussion

Diese Studie befasste sich damit, wie Familiengeheimnisse als systemisches Phänomen die Positionierung von Kindern in der Familientherapie beeinflussen und wie Kinder diese herausfordernden Situationen bewältigen. Im vorliegenden Fall stellten wir erstens fest, dass beide Kinder aktiv an der komplexen Dynamik der Atmosphäre der Geheimhaltung in der Familie mitwirkten. Zweitens beteiligten sie sich an den paradoxen Prozessen der Rekonstruktion und Dekonstruktion dieser Atmosphäre der Geheimhaltung. Die Kinder beteiligten sich aktiv an den Themen, die die Geheimnisse der Familie betrafen. Obwohl die Selbstpositionierung von Kindern in der Familientherapie typischerweise passiv ist (Willis et al., 2014), zeigen die vorliegenden Ergebnisse, dass Kinder sich auch aktiv an Gesprächen über heikle und verborgene Themen beteiligen können. Beide Kinder übernahmen bei der Annäherung an ein heikles Thema initiierende Rollen. Sie stellten relevante Fragen und fungierten als Informationsquelle.

Paradoxerweise und gleichzeitig positionierten sie sich in ihren Weisen, die Atmosphäre der Geheimhaltung zu dekonstruieren, auch so, dass sie sie rekonstruierten. Marks symptomatisches Verhalten, das sich in seinem Reden über Suizid zeigte, bot die Gelegenheit, verbotene Themen zu besprechen. Zugleich jedoch hielt er paradoxerweise die Aufmerksamkeit auf sich selbst gerichtet und schützte so implizit die heiklen Themen davor, zu einem therapeutisch relevanten Gesprächsgegenstand zu werden. Marks Drohungen, sich das Leben zu nehmen, hielten das Suizidgeheimnis präsent, während zugleich sein provokantes Verhalten, sein kindlicher Protest, den Fokus auf ihn statt auf das Geheimnis lenkte. In diesem Zusammenhang verweist Dekonstruktion auf Derridas Gedanken, dass jede Äußerung zugleich widersprüchliche Aspekte enthält und sich einer absoluten Bestimmung entzieht; mit anderen Worten: Die „Bedeutung“ eines „Dings“ entsteht durch das und in Beziehung zu dem, was das „Ding“ nicht ist (Derrida et al., 2003).

Die Bewältigungsmechanismen von Mark und Clara im emotionalen und Beziehungssystem der Familie zeigten Unterschiede. Während Mark auf äußere Weise reagierte, übernahm Clara, die in problematischer Weise an ihre Mutter gebunden war, die Rolle einer emotionalen Regulatorin, nachdem sie riskiert hatte, ihre Mutter mit deren eigener Verletzlichkeit in Berührung zu bringen. Clara hatte die chaotische Situation rund um den Anfall ihrer Mutter miterlebt und ihr sogar geholfen, was ihr in diesem Gesprächsthema semantische Dominanz verlieh. Sie befand sich jedoch in einer ambivalenten Position: Einerseits wollte sie sprechen, erzählen, was sie wusste, andererseits versuchte sie, ihre Mutter vor diesem schwierigen Thema zu schützen. Claras Unsicherheit wurde durch ihr fröhliches Auftreten verdeckt, das nicht zu ihrer Geschichte passte, was auf das Vorhandensein mindestens zweier unterschiedlicher Stimmen hinwies. Bei der Analyse des Erzählens ist es wichtig zu beachten, ob „Übereinstimmung zwischen der erzählten und der gelebten Geschichte“ besteht (Rober et al., 2010, p. 36).

Die vorliegenden Befunde stützen frühere Berichte über die negativen Auswirkungen von Geheimnissen auf die familiäre Kommunikation, wie sie in der Einleitung erörtert wurden. Erstens stellten wir fest, dass ein geheimnisvoller Kommunikationsstil ein angespanntes und psychisch distanzierendes Klima erzeugte, das Stimmen der Ambivalenz, des Zögerns und der Verwirrung hervorbrachte. Das Konzept der selektiven Offenlegung (Rober et al., 2012) ermöglichte ein tieferes Verständnis der guten Gründe der Mutter für ihr Widerstreben zu sprechen. Ihre Gründe zielten darauf, nicht nur ihre Kinder und ihre verstorbenen mehrgenerationalen Angehörigen zu schützen (beziehungsbasiert), sondern auch sich selbst (individuumsbasiert). Nimmt man die eigenen Worte der Mutter ernst, so war ihr persönlicher Trauerprozess um die Suizide ihrer Mutter und ihres Bruders durch Gefühle der Wut blockiert worden, die sie über mehrere Jahre in Aggression gefangen gehalten hatten. Möglicherweise sah die Mutter Marks suizidale Äußerungen als potenziell gefährlich und als sich selbst erfüllende Prophezeiung, die in ihr intensive Angst auslöste. In Übereinstimmung mit den Befunden von Baird (1974) und Dreman (1977) könnten der misslungene und unabgeschlossene Trauerprozess der Mutter und ihre Wut zur Geheimhaltung geführt haben. Die andeutende Äußerung der Mutter „Wenn über das Thema gesprochen wird, werden die Folgen schädlich sein“ zeigt, dass ein gemeinsames Gespräch über das Geheimnis gefährlich wäre. Laut Imber-Black (1998) vergiften gefährliche Geheimnisse Beziehungen, errichten Barrieren und verringern das Vertrauen. Als Schutz gemeinte Äußerungen haben paradoxerweise die gegenteilige Wirkung: Sie erhöhen die emotionalen Anforderungen der Situation und die Unsicherheit des dialogischen Klimas. Ein andeutender Kommunikationsstil schafft tendenziell Raum für Imaginationen, und die Fantasien von Kindern sind oft schlimmer als die Wirklichkeit (Fine, 1973). Im vorliegenden Fall gelang es der andeutenden Kommunikation, das emotionale Klima des therapeutischen Systems zu beeinflussen, was zu einer Dysfunktion führte, die sich im Ausschluss der Kinder aus dem therapeutischen Gespräch über das heikle Thema zeigte.

Die Geheimhaltung wirkte sich auf die Entscheidungen der Therapierenden aus. Erstens bestimmten letztlich die Entscheidungen der Mutter, worüber in Anwesenheit der Kinder gesprochen werden konnte. Zweitens waren den Therapierenden, die zu Mitwissenden der Geheimnisse werden sollten, die Hände gebunden. Sie nutzten ihr Mandat, um die Mutter zu überzeugen, den Kindern wenigstens etwas zu sagen. Man kann fragen: Was hätten sie noch tun können, ohne das Vertrauen der Mutter zu verlieren? Ihre Aufgabe, das Bedürfnis der Kinder, über heikle Themen zu sprechen, und das Ernstnehmen der Worte der Mutter auszubalancieren, war anspruchsvoll. In diesem Fall sahen die Therapierenden Marks sichtbares Aggressionsproblem als in gewisser Weise mit den unsichtbaren Konstruktionen der Familiengeheimnisse verbunden.

Mithilfe des Genogramms förderten sie das Gespräch über vergangene Verluste. In ihren Verhandlungsversuchen bemühten sie sich vergeblich, die Mutter zu motivieren, über schmerzhafte Themen zu sprechen, die den gemeinsamen Trauerprozess gefördert hätten. Das therapeutische Ziel der Mutter war es, Hilfe für Marks Aggressionsproblem zu bekommen, statt über vergangene Verluste zu sprechen. Es gibt keinen Königsweg, um mit Gewissheit zu wissen, ob Marks Reden über Suizid und sein aggressives Verhalten mit den verborgenen Themen der Suizidtode seiner Angehörigen zusammenhingen. Es wurde jedoch beobachtet, dass ein blockierter Trauerprozess (Bowen, 1978), geheimnisvolle Kommunikation und misslungener Umgang mit Wut (Baird, 1974; Dreman, 1977; Fine, 1973) das Kind unbeabsichtigt zum Sündenbock machen können.

In dieser Familie war die Mutter der Ansicht, dass die Familiengeheimnisse um die Suizide der Angehörigen Themen waren, die zu bedrohlich waren, um gemeinsam besprochen und geteilt zu werden. Ihre Entscheidung, sich zu weigern, mit den Kindern über die Suizide der Angehörigen zu sprechen, war jedoch eine bewusste und ausgesprochene Wahl. Die Familienmitglieder hielten die Aufmerksamkeit wirksam auf ihre sichtbaren Symptome gerichtet und verhinderten so, dass unsichtbare und heikle Themen wirksam und explizit in den therapeutischen Fokus gerückt wurden. Da bekannt ist, dass Geheimhaltung psychische Energie bindet und Stress, Einsamkeit und Anspannung verursacht, überraschte es nicht, dass der Anfall der Mutter mit stressbedingten Symptomen zusammenzuhängen schien, Symptomen, die auf eine Person hinweisen, die Geheimnisse hütet (Kelly, 2002).

Marks trotziges Verhalten lässt sich als „Deckgeschichte“ für seine Verletzlichkeit deuten. Man kann nur vermuten, welche Rolle Marks Trotz im mehrgenerationalen Muster seiner Familie im Umgang mit schwierigen Gefühlen wie Wut spielt. Mark hatte den Therapierenden von seinem Bedürfnis erzählt, mehr Aufmerksamkeit von seinen Eltern zu bekommen, und hatte implizit Gereiztheit gegenüber seiner Mutter gezeigt. Marks Äußerungen „Mama kennt mich nicht“ und „Ich brauche keine Gesundheit“ lassen sich auch als Ausdruck von Isolation und Einsamkeit deuten. Provokante Äußerungen eines als trotzig positionierten Menschen machen das Zuhören jedoch typischerweise zu einer anspruchsvollen Aufgabe. Marks Äußerungen wurden von den Erwachsenen im Sinne seines symptomatischen Verhaltens gedeutet. Eine interessante Frage bleibt: Welche Rolle spielte die Abwesenheit des Vaters in den Sitzungen, in denen die Geheimnisse der Familie zum gemeinsamen Gespräch angeboten wurden?

Schlussfolgerungen

Die Befunde haben klinische Implikationen. Geht man davon aus, dass sich Familienmuster tendenziell wiederholen (Bowen, 1978; Kerr and Bowen, 1988), so schlagen wir vor, das Thema Familiengeheimnisse im familientherapeutischen Kontext ernst zu nehmen. Es wird empfohlen, im Vorgespräch vor der Therapie und in diagnostischen Gesprächen, bei denen alle Familienmitglieder anwesend sind, nach Familiengeheimnissen zu fragen. Im besten Fall kann das Genogramm als therapeutisches Werkzeug therapeutische Prozesse bereichern, indem es eine offene Erkundung mehrgenerationaler Familienmuster und -funktionen ermöglicht, die von Familiengeheimnissen beeinflusst sein könnten (McGoldrick et al., 2008). Indem Therapierende das Phänomen der Familiengeheimnisse normalisieren, könnten sie Raum für gemeinsame Gespräche darüber schaffen und die Familienmitglieder ermutigen, über ihre guten Gründe für das Nichtsprechen zu sprechen (Rober, 2002). Laut Tracy (2015) „können Familiengeheimnisse für viele, die eine Therapie suchen, explizit oder implizit eine treibende Kraft sein“.

Eine Einschränkung dieser Fallstudie betrifft die Verallgemeinerbarkeit ihrer Ergebnisse. Da die Geheimnisse der Familie vor den Kindern verborgen blieben, bleiben ihre Auswirkungen auf das Funktionieren der Familie im Dunkeln. Auch wenn wir einräumen, dass die in dieser Studie gezogenen Schlussfolgerungen vorläufig sind, wie es bei Studien dieser Art meist der Fall ist, glauben wir, dass die Studie das Verständnis der vielschichtigen und systemischen Natur von Familiengeheimnissen und der Selbstpositionierung von Kindern darin bereichert. Darüber hinaus bietet diese Studie neue Einsichten in den Einsatz der für mehrere Beteiligte konzipierten DIHC-Methode, wenn Kinder anwesend sind. Störungen des Sozialverhaltens bei Kindern im Kontext von Familiengeheimnissen verdienen weitere Forschung. In der kinderpsychiatrischen Versorgung könnten sich hinter solchen Diagnosen viele „Deckgeschichten“ verbergen. Die in diesen Geschichten eingebetteten Bedeutungen lassen sich ohne sichere Offenlegung weder erschließen noch durcharbeiten. Familientherapie kann ein Forum sein, um sie ernsthaft und mit respektvoller Neugier zu erkunden.

Complexe Systémique: das Wesentliche

Die Studie hat den Umfang eines einzigen Falls, beleuchtet aber einen Moment, den alle Klinikerinnen und Kliniker kennen: wenn ein Elternteil sagt „nicht vor den Kindern“ und die Sitzung kippt. Die Mikroanalyse zeigt, dass Kinder dem Geheimnis nicht nur zusehen. Clara bittet um Erlaubnis zu sprechen und erzählt ihre Geschichte mit einer allzu fröhlichen Stimme; Mark zieht das Gewitter auf sich und lenkt das Gespräch ab. Jedes Kind dekonstruiert und rekonstruiert das Geheimnis auf seine Weise. Aus systemischer Sicht lassen sich zwei Lehren ziehen. Erstens: Das Symptom eines Kindes kann das System ebenso schützen, wie es dieses ausdrückt; an der Aggression zu arbeiten, ohne die blockierte Trauer zu sehen, birgt die Gefahr, den Sündenbock aufrechtzuerhalten. Zweitens: Das Team selbst ist im Klima der Geheimhaltung gefangen; einen Termin ohne die Kinder vorzuschlagen, erscheint respektvoll, bestätigt aber gerade den Ausschluss, gegen den Clara protestiert. Der dialogische Weg besteht weniger darin, die Offenlegung zu erzwingen, als darin, im Beisein der ganzen Familie über die guten Gründe des Schweigens zu sprechen. Dazu lesenswert: der Artikel über das Genogramm und der Artikel über unsichtbare Loyalitäten.

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Inoffizielle deutsche Übersetzung von ‘Can I tell?’ Children’s participation and positioning in a secretive atmosphere in family therapy von Mira Helimäki, Aarno Laitila und Kirsti Kumpulainen, Journal of Family Therapy, Bd. 43, Nr. 1 (2021), doi: 10.1111/1467-6427.12296, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzung und Satz: Complexe Systémique, Oktober 2026, mit Unterstützung künstlicher Intelligenz; das Werk wurde im Sinne der Lizenz bearbeitet (Transkripte als Listen dargestellt). Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.

Dies ist eine inoffizielle deutsche Übersetzung des Originalartikels „‘Can I tell?’ Children’s participation and positioning in a secretive atmosphere in family therapy“, erschienen in Journal of Family Therapy (2021) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, wie zu Beginn dieser Seite angegeben; maßgeblich ist die Originalfassung.

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Helimäki, M., Laitila, A., et Kumpulainen, K. (2021). ‘Can I tell?’ Children’s participation and positioning in a secretive atmosphere in family therapy. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/can-i-tell-children-s-participation-and-positioning-in-a-secretive-atmosphere (Originalwerk erschienen 2020 in Journal of Family Therapy, 43(1) (2021); 2021 neu veröffentlicht von Journal of Family Therapy, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/1467-6427.12296)

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