Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Spanischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Red Sistémica · Psychopathologie
Die Mythen eines Beziehungssystems sind die Konsensräume der individuellen Narrative seiner Mitglieder; und die Kultur ist nichts anderes als die Mythologie des umfassendsten Beziehungssystems überhaupt, der Gesellschaft. Ausgehend von der Mythologie des Gründerpaares Adam und Eva verschränkt Juan Luis Linares die beiden großen Beziehungsdimensionen der Herkunftsfamilie – Konjugalität und Parentalität –, um die Atmosphären zu beschreiben, in denen sich die Persönlichkeit der Kinder formt: Triangulierungen, Deprivationen, Chaotisierungen. Sechs Kombinationen, sechs mögliche Lesarten des Todes Abels, jede mit einer klinischen Fallvignette veranschaulicht.
„Am Schnittpunkt von Parentalität und Konjugalität, dort, wo die Beziehungsatmosphäre der Herkunftsfamilie entsteht, liegen die Elemente, die die künftige Persönlichkeit der Kinder bestimmen werden.“
Juan Luis Linares
Die Mythen eines Beziehungssystems sind die Konsensräume der individuellen Narrative seiner Mitglieder. In ihnen lassen sich kognitive, emotionale und pragmatische Elemente unterscheiden, die sich jeweils auf die konsensuellen Prozesse auf ideeller, affektiver und verhaltensbezogener Ebene beziehen. Die ideellen Konsense werden vor allem durch Werte und Überzeugungen repräsentiert, während die pragmatischen Konsense in den damit verbundenen Ritualen bestehen. Die hervorgerufenen – und ebenfalls konsensuell geteilten – affektiven Resonanzen wiederum bilden das emotionale Klima.
Die systemische Therapie ist es gewohnt, mit Familienmythologien zu arbeiten: Sie stützt sich auf sie, wenn sie ihr nützlich sind, und bemüht sich, sie zu verändern, wenn sie sich als dysfunktional erweisen. Darin besteht ein Großteil der therapeutischen Arbeit mit Familien, die symptomatische Mitglieder haben. Je schwerer die Symptome sind und je dysfunktionaler sich die Familie zeigt, desto problematischer werden die Konsensprozesse sein und desto dissoziierter oder erstarrter werden sich die Mythologien darstellen. Zudem hat der Lebenszyklus große Bedeutung für die Gültigkeit der Mythen. Der Mythos „Wir sind eine große, geeinte Familie“ kann in der Phase der Erziehung kleiner Kinder nützlich sein und zum Hindernis werden, wenn die Kinder ins Jugendalter kommen.
Die Kultur ihrerseits lässt sich als die Mythologie des umfassendsten bestehenden Beziehungssystems definieren: der Gesellschaft. Aus dieser Sicht sind die kulturellen Mythen der höchste Ausdruck der Konsensfähigkeit einer Gesellschaft. Alle Kulturen sind reich an Mythen, doch wie in den Familien besitzen die reiferen und besser integrierten Gesellschaften flexiblere und breiter getragene Mythologien. Religionen sind als kulturelle Hervorbringungen außerordentlich komplexe Mythologien, die in manchen historischen Momenten funktional und in anderen dysfunktional sein können. So können etwa die Dogmen einer Religion des „offenbarten“ Buches für eine kolonisierte oder von außen bedrohte Gesellschaft integrierend wirken, sich dagegen für eine multiethnische Gesellschaft, die ihre Minderheiten harmonisch einzubinden sucht, als desintegrierend erweisen.
Deshalb kann es interessant sein, bei der westlichen Version des menschlichen Paares Halt zu machen, anhand einiger mythologischer Zugänge, die es betreffen, wie etwa jener zum Gründerpaar Adam und Eva.
Zwar hat die moderne Wissenschaft festgestellt, dass die vormenschlichen Primaten die Erfinder der Paarbeziehung waren. Dank des aufrechten Gangs wurde der Weg frei, damit sich die Menschen der ehelichen Liebe annähern konnten, ausgehend von sexuellen Beziehungen, die morphologisch geeignet waren, die revolutionäre ventro-ventrale Stellung einzunehmen. Eine Haltung, nebenbei bemerkt, die als Missionarsstellung zu Unrecht in Verruf geraten ist, die jedoch eine weit reichere Kommunikation ermöglicht und vor allem das unverwechselbare, individualisierte Erkennen des Gegenübers.
Doch sind es unsere Ureltern, Adam und Eva, die die Rolle des mythologischen Paares am besten verkörpern. Die Geschichte ist bekannt: Jahwe ahnte, nachdem er Adam erschaffen hatte, dass es nicht gut sei, dass der Mensch allein sei, sodass inmisit Dominus soporem in Adam et tulit una de costis eius… Das heißt, der Herr ließ Adam in Schlaf fallen und nahm ihm eine Rippe, aus der er anschließend Eva erschuf.
Da sind sie nun im irdischen Paradies; doch bekanntlich sind sie auch dort nicht allein, sondern eher in schlechter Gesellschaft. Evas privilegierte Beziehung zur Schlange wird beiden Mitgliedern des jungen Paares ernste Probleme bereiten, bis hin zur Zerstörung der nicht minder privilegierten Beziehung Adams zu Jahwe. Die unheilvollen Folgen werden voll und ganz geteilt: kurzerhand verfügte Vertreibung, Zwang zur Arbeit und Einführung der Sterblichkeit.
Wir können uns das erste Gespräch von Adam und Eva außerhalb des Paradieses vorstellen. Gewiss gab es viele praktische Probleme zu bewältigen und zahlreiche Fragen des Überlebens zu lösen; doch wenn man die menschliche Natur kennt, muss sich dieses erste Gespräch um die Art ihrer Paarbeziehung gedreht haben, also um die Konjugalität.
Konjugalität lässt sich auf verschiedene Weise definieren. Eine Definition verwiese auf die komplexe Liebe oder relationale Nährung, bezogen auf die Beziehung zwischen den beiden Mitgliedern des Elternpaares. Sie umfasste kognitive Komponenten (etwa Anerkennung und Wertschätzung), emotionale Komponenten (Zuneigung, Zärtlichkeit …) und pragmatische Komponenten (unter anderem Begehren, Sexualität und die Organisation des Alltags). Einfacher und operationaler ausgedrückt entspräche Konjugalität der Fähigkeit, die im Bereich des Paares entstehenden Konflikte zu lösen.
Wenn wir also die Grundannahmen des Mythos akzeptieren, mussten Adam und Eva ihre Konjugalität unter den neuen Umständen, die durch ihre Vertreibung aus dem Paradies entstanden waren, neu definieren. Und man kann zwei Hypothesen darüber aufstellen, wie sie das taten: indem sie die Lösung der Konflikte harmonisch aushandelten oder indem sie dem Groll und der Disharmonie erlagen.
Eva. – Adam, mein Liebster, ich habe Mist gebaut …
(Schweigen)
Eva. – Verzeih mir, mein Liebster, ich weiß, dass ich alles verdorben habe. Diese verfluchte Schlange hat mich eingewickelt, aber ich hätte nie … (Sie weint.)
Adam (gerührt). – Na gut, schon gut, quäl dich nicht, der Alte hat auch ganz schön übertrieben … Es war doch nur ein Apfel …
Eva. – Na, und jetzt?
Adam. – Jetzt? Das frage ich mich auch. Jetzt wird uns wohl deine Freundin, die Schlange, ernähren, oder?
Eva. – Nein, aber vielleicht erklärt uns ja dein Kumpel, der Alte, was das heißen soll, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu verdienen, er weiß ja alles …
Adam. – Weißt du was? Geh doch zu deiner Schlange!
Eva. – Und du zu deinem Alten!
(Aber natürlich gehen sie nicht.)
Da wir kaum verlässliche Informationen darüber haben, was danach geschah, sind beide Hypothesen vertretbar, denn beide können zur schrecklichen Tragödie von Kain und Abel führen. Über die wir einiges wissen, nicht viel.
Wir wissen, dass Kain, der ältere Sohn von Adam und Eva, Ackerbauer wurde und Abel, der jüngere, Viehhirte. Und dass Abels Opfer Gott wohlgefällig waren, Kains Opfer dagegen nicht. Das Eingreifen Jahwes, der die beiden Brüder triangulierte, ist also entscheidend für ihr Unglück, wie es das schon für das Unglück ihrer Eltern gewesen war. Doch dies sind Ereignisse, die den Ausbruch des Unglücks beeinflussen, nicht aber seinen Ursprung und sein Heranreifen, die gewiss viele Jahre zurückreichen und ihre Wurzeln in der Herkunftsfamilie haben, in der Zeit nach der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies.
Wie waren die Persönlichkeiten von Kain und Abel? Wir wissen, dass beide die mythischen Figuren des Bösen und des Guten verkörpern, aber welche Arten zu sein verbargen sich hinter diesen Stereotypen? Die Genesis sagt uns, dass Abels Tod ein vorsätzliches Verbrechen war, die Ermordung eines Unschuldigen durch einen Schuldigen; doch wir haben gute Gründe, an der Unparteilichkeit einer Bibel zu zweifeln, die zum höheren Ruhm Jahwes geschrieben wurde. Es ist daher legitim, über das psychologische Profil unserer ersten Brüder zu spekulieren, um eine so schreckliche Tat zu verstehen, die uns als beunruhigender Präzedenzfall unweigerlich betrifft.
Zu diesem Zweck lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie die Beziehung der Jungen zu ihren Eltern gewesen sein mag, denn der gesunde Menschenverstand sagt, dass sie bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeiten eine Rolle gespielt haben muss. Man könnte natürlich einwenden, der eigentliche Erzeuger sei Jahwe gewesen, aber diese Hypothese erscheint nicht sehr stichhaltig. Jahwe verzichtete gewiss nicht darauf, einen bestimmenden Einfluss auf seine Geschöpfe auszuüben, aber nur in entscheidenden Momenten, wenn er einen seiner spektakulären Auftritte hatte … ohne anzuklopfen, wie ein allmächtiger Großvater, der weiß, dass ihm das Haus gehört. Die übrige Zeit hielt er sich lieber auf Distanz und übte eine Autorität aus, die wenig in die alltäglichen Entscheidungen eingebunden war. Man kann sich also nicht vorstellen, dass Er die Erziehungsgrundsätze für Kain und Abel festlegte oder empfahl, in welche Krippe man sie geben sollte.
Die Parentalität bestimmt die Art und Weise, wie die elterlichen Funktionen ausgeübt werden, also die komplexe Liebe oder relationale Nährung in ihrer Eltern-Kind-Dimension. Wie die Konjugalität besitzt auch die Parentalität kognitive, emotionale und pragmatische Komponenten; und während sich die ersten und zweiten nicht sehr von denen der Konjugalität unterscheiden (Anerkennung und Wertschätzung einerseits, Zuneigung und Zärtlichkeit andererseits), sind die dritten von ihnen grundlegend verschieden. Die pragmatischen Komponenten der Parentalität bestehen nämlich vor allem in der Sozialisation mit ihrer doppelten, schützenden und normativen Seite: das Kind vor den Gefahren seiner Umgebung zu schützen und ihm beizubringen, diese zu respektieren, um seinerseits respektiert zu werden.
Als Adam und Eva das Paradies verlassen mussten, hatten sie auch Kinder, was ihnen mit Sicherheit abverlangte, ihre Parentalität zu definieren. Gaben sie dem Paar den Vorrang? Gingen sie angemessen auf die Beziehungsbedürfnisse ihrer Kinder ein? Zur Parentalität unserer „Ureltern“ lassen sich drei Hypothesen aufstellen.
Eva. – Ach, das hat der Alte also mit seinem „Seid fruchtbar und mehret euch“ gemeint! Schau, Adam, schau, wie süß, es sieht aus wie diese verspielten Äffchen, die da unten in der Schlucht leben.
Adam. – Tatsächlich! Schau, wie es sich an deiner Brust festhält. Du, wir kriegen noch mehr, ja?
Eva. – Na ja, es tut ein bisschen weh, aber es lohnt sich.
Eva. – Verdammt, das hat gerade noch gefehlt! Als der erste Rotzlöffel kam, hab ich dir schon gesagt, dass dieser Zirkus nichts für mich ist. Und jetzt, wo mir der Sabberer noch an der Brust hängt, na ja … schon wieder.
Adam. – Psst, sei still! Wenn wir es schaffen, dass der Alte nichts merkt, können wir es gleich nach der Geburt in die Ziegenschlucht werfen …
(Aber der Alte hat es natürlich gemerkt.)
Eva. – Oh, schau, Adam, der hier lächelt wenigstens, nicht wie dieses kleine Biest, das seit seiner Geburt nur gegrunzt hat! Ich will gar nicht mehr daran denken. Wir gerade erst vertrieben, mit nichts als dem, was wir am Leib trugen, und er dachte nur ans Fressen und Schreien …
Adam. – Wie hübsch er ist! Wir könnten ihn Adam nennen.
Eva. – Ach nein, bei zwei Adams komme ich durcheinander! Höchstens einen Namen, der mit A anfängt.
Konjugalität und Parentalität sind die beiden wichtigsten Beziehungsdimensionen in jeder Herkunftsfamilie. Obwohl sie voneinander unabhängig sind, beeinflussen sie sich auch gegenseitig und erzeugen durch ihre verschiedenen Kombinationen die Beziehungsatmosphären, auf die Kinder treffen können. Das Ergebnis wird für den Aufbau ihrer Persönlichkeit von entscheidender Bedeutung sein.
Tabelle 1 zeigt die vier großen Kombinationsformen, von denen drei dysfunktionale Situationen darstellen: die Triangulierungen, die Deprivationen und die Chaotisierungen.
Unter den vielfältigen Bedeutungen, die der Begriff der Triangulierung in der systemischen Literatur hat, schlagen wir hier jene vor, die ihn als Einbeziehung der Kinder, über verschiedene Formen der Koalition, in die dysfunktionalen Beziehungsspiele der Eltern definiert. Die primär erhaltene Parentalität verschlechtert sich sekundär unter dem Einfluss einer disharmonischen Konjugalität, die die Eltern dazu treibt, Verbündete zur Lösung ihrer Konflikte zu suchen. Verschiedene Arten der Triangulierung liegen Störungsbildern wie neurotischen Störungen oder Psychosen zugrunde.
Die Deprivationen hat der Autor im Zusammenhang mit der Major Depression beschrieben, sie liegen aber auch den Borderline-Störungen zugrunde. Eltern, die auf der Paarebene einigermaßen gut harmonieren, versagen in der Ausübung der elterlichen Funktionen und verstricken sich schließlich in einen Teufelskreis aus Disqualifizierung und Ablehnung ihrer Kinder. Das depressiogene Muster besteht aus Überforderung und fehlender Wertschätzung, während das Muster, das Borderline-Entwicklungen begünstigt, im Wesentlichen aus einer Mischung von Ablehnung und Überbehütung besteht.
Die Chaotisierungen sind das Ergebnis des gleichzeitigen Scheiterns von Konjugalität und Parentalität in der Herkunftsfamilie, das Ausgangsbedingungen großer Armut an relationaler Nährung schafft, aber auch das Ökosystem dazu anregt, einzugreifen und kompensierende Ressourcen bereitzustellen. Beziehungschaos ist kennzeichnend für Multiproblemfamilien sowie für Störungsbilder wie die Störung des Sozialverhaltens oder die antisoziale Persönlichkeitsstörung.
Gute Beziehungsatmosphäre. Die Verantwortung für eine etwaige Tragödie ist außerhalb der Kernfamilie zu suchen.
Deprivationen. Je nachdem, ob Überforderung und fehlende Wertschätzung oder das Paar Ablehnung-Überbehütung vorherrschen: Major Depression oder Borderline-Störung.
Triangulierungen. Die Kinder werden in die Beziehungsspiele der Eltern hineingezogen. Nährboden für neurotische Störungen und Psychosen.
Chaotisierungen. Multiproblemfamilien, Störungen des Sozialverhaltens und antisoziale Persönlichkeitsstörungen.
Tabelle 2 zeigt einige Zusammenhänge zwischen den Hypothesen zur Konjugalität und denen zur Parentalität, mit dem Ziel, die Beziehungsatmosphäre zu verstehen, die im Haus von Adam und Eva herrschte. Wir werden jede Kombination untersuchen und darüber spekulieren, welche Auswirkungen sie auf die Persönlichkeit von Kain und Abel gehabt haben könnte. Und wir werden Vignetten aus der therapeutischen Praxis hinzufügen, um dem Ganzen klinische Substanz zu verleihen.
Gute Beziehungsatmosphäre. Die Verantwortung für die Tragödie ist außerhalb der Kernfamilie zu suchen.
Deprivierte Kinder: Kain, Borderline, tötet Abel, depressiv.
Abel ist ein guter Junge, doch Kain, depriviert und Borderline, tötet ihn in einem Anfall von Eifersucht.
Triangulierte Kinder: Kain, Verbündeter Evas, tötet Abel, den Verbündeten Adams, in einer Episode von Kontrollverlust.
Chaotisierte Kinder: Beide sind antisozial, sie prügeln sich, und Kain tötet Abel, weil er der Stärkere ist.
Abel, trianguliert, Verbündeter Evas, ist der angesehene Bruder, ein wenig neurotisch. Kain, chaotisiert und antisozial, tötet ihn.
Die armen Adam und Eva schaffen es, den Sturm ihrer Vertreibung aus dem Paradies zu überstehen und dabei eine gute Paarbeziehung und eine gute Ausübung der elterlichen Funktionen zu bewahren. Unter diesen beziehungsmäßig privilegierten Umständen müssten die Brüder in gutem Einvernehmen aufwachsen, ohne schwere Streitpunkte, die ihr gegenseitiges Verständnis bedrohen. Das Ökosystem kann jedoch in seiner unendlichen Komplexität über andere, außerfamiliäre Faktoren negative Einflüsse ausüben. Jahwe etwa könnte die Eltern übergehen und sich seiner eigenen Ressourcen bedienen, um die Jungen zu triangulieren, den einen zum Bösen und den anderen zum Guten zu machen und die Opferung des Letzteren durch die Hand des Ersteren zu begünstigen.
Klinische Vignette: Luisa und Eduardo
Luisa ist 21 Jahre alt und lebt mit ihren Eltern Enrique und Margarita sowie ihrem 23-jährigen Bruder Eduardo zusammen. Die Eltern suchen voller Angst Beratung, weil die Beziehung zwischen ihren beiden Kindern sehr schlecht ist; sie gestehen sogar, manchmal befürchtet zu haben, Eduardo könnte Luisa tatsächlich etwas antun.
Enrique und Margarita sind sehr beschäftigte Berufstätige, die – vor allem jetzt, da ihre Kinder erwachsen sind – wenig Zeit zu Hause verbringen und ständig reisen. Aber sie haben das Glück, dass Eloísa, Margaritas ledige Schwester, in der Wohnung darüber wohnt, viel Freizeit hat und immer große Hilfsbereitschaft gezeigt hat.
„Meine Schwester ist ein außergewöhnlicher Mensch“, sagt Margarita, „sehr großzügig. Ich weiß nicht, was ohne sie aus uns geworden wäre … und dabei … na ja … die Arme …“ Margarita zögert und errötet. „Es ist so: Sie war auch in Enrique verliebt, als wir junge Mädchen waren, und seitdem hat man von ihr keine ernsthafte Beziehung mehr gekannt. Deshalb ist es doppelt anerkennenswert, dass sie uns nichts nachträgt und uns so sehr hilft.“
Als die ganze Familie einbestellt wird, Tante Eloísa eingeschlossen, erfährt man mehr. Sie hat eine besondere Vorliebe für ihre Nichte.
„Ich habe beide gleich lieb, aber Luisa ist eben so anhänglich …“
„Zu dir vielleicht“, unterbricht sie Eduardo, „denn zu mir ist sie eine Furie, und das war sie schon immer … Und dass du uns beide gleich lieb hast, glaubt dir keiner.“
Eloísa achtet stets auf Luisas kleinste Wünsche. (Welch ein Zufall, diese Ähnlichkeit der Namen! Nicht wahr?) Die Aufteilung des Hauses bringt es mit sich, dass man über den Innenhof alles hört, was in der anderen Wohnung gesprochen wird.
„Vor allem, wenn man laut wird. Und die da (sagt Eduardo und zeigt auf seine Schwester) kreischt wie eine Furie.“
Merkt die Tante, dass der Nichte das Abendessen nicht schmeckt, kommt sie sofort mit einem Teller Spaghetti herunter, ihrem Lieblingsessen. Schimpft Margarita mit ihr, weil ihr Zimmer unordentlich ist, räumt Eloísa es auf, ohne Aufsehen zu erregen.
„Aber sie bringt Eduardo auch Spaghetti!“, ruft Luisa. Und Eduardo, den Blick ins Leere gerichtet und mit unendlich traurigem Gesichtsausdruck, fügt hinzu:
„Ja, mir auch …“
Enrique und Margarita haben getan, was sie konnten, um sich um ihre Kinder zu kümmern, und sind dabei einigermaßen gut miteinander ausgekommen. Ihre erzwungene Abwesenheit hat jedoch einen Großteil der Beziehungsressourcen der Familie in Eloísas Hände gelegt. Nicht dass sie die böse Hexe aus dem Märchen wäre; doch ihre lebensgeschichtliche Frustration als Frau und als die Mutter, die sie nicht werden konnte, hat sie dazu gebracht, sich Luisa anzueignen, und zwischen den Geschwistern eine Dynamik mit unvorhersehbaren Folgen geschaffen.
Obwohl sie als Paar der Krise standhalten, bricht ihre Parentalität zusammen, zumindest in den Jahren, in denen ihre ersten beiden Kinder zur Welt kommen. Die Bindung zu ihnen wird unwiderruflich beeinträchtigt, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Kain, den sie als unruhig und lästig wahrnehmen, wächst unter einem Muster aus Ablehnung und Überbehütung auf. Das Kind erschöpft sie und bereitet ihnen großen Verdruss, und sie geben ihm alles, was in ihrer Macht steht, vor allem damit es sie nicht belästigt. In diesem Beziehungskontext entwickelt Kain eine sozial instabile, impulsive Persönlichkeit mit depressiven Episoden und Phasen unkontrollierter Aggressivität. Abel dagegen wird von seinen Eltern als verantwortungsbewusst und ruhig wahrgenommen; deshalb übertragen sie ihm schon sehr früh Hilfsaufgaben im Haushalt. Die Botschaft lautet, dass dies sein Schicksal sei und er daher weder Wertschätzung noch Dankbarkeit erwarten dürfe. Solchen Spannungen ausgesetzt, färbt sich Abels Persönlichkeit depressiv, was ihn zum natürlichen Empfänger der Gewaltausbrüche des Borderline-Bruders Kain macht.
Klinische Vignette: Gemma und María
Antonio und Rosario waren ein glückliches Paar mit einem Sohn, den sie vergötterten, als ihnen unerwartet die Welt zusammenbrach. Innerhalb weniger Wochen verloren beide ihre Arbeit, und Rosarios Mutter starb, die ihnen bei der Bewältigung der häuslichen Angelegenheiten eine große Hilfe gewesen war. Von unüberwindlichen finanziellen Schwierigkeiten bedrängt, mussten sie umziehen und verloren dabei einen wichtigen Teil ihres sozialen Netzes. Obendrein wurde Rosario schwanger … und zwar ausgerechnet mit Zwillingsmädchen.
Die Geburt der Kleinen traf sie in der denkbar schlechtesten psychischen Verfassung; im Gegensatz dazu und aus rätselhaften Gründen litt ihre Paarbeziehung nicht darunter, sondern erwies sich im Gegenteil als fester denn je. Doch in einem regelrechten Zusammenbruch der Parentalität wurde ihnen die Anwesenheit der Kleinen unerträglich, bis zu dem Punkt, dass sie ihnen die Schuld an ihrem Scheitern als Familie zuschrieben.
Nur ein schwacher Lichtschimmer ließ sie den Ausgang aus dem Tunnel finden: Da sie Zwillinge waren, würden Gemma und María sich als Subsystem selbst regulieren. Erleichtert wurde diese Lösung dadurch, dass die beiden Mädchen, obwohl im Rahmen des Normalen, sehr verschieden waren.
Gemma war kräftig und robust, aß und schlief gut und wurde fast nie krank. María dagegen, im Grunde ebenfalls gesund, war anfälliger für die typischen Probleme kleiner Kinder: Sie fing sich jede Krankheit ein, schlief schlecht, weinte oft und verweigerte launisch das Essen. Die Lösung, die die Eltern fanden, bestand darin, dafür zu sorgen, dass die starke Gemma sich um die schwächere María kümmerte.
Die Beziehungsmuster, die das Leben der Mädchen bestimmen sollten, wurden also im Einklang mit diesem Prinzip formuliert. Gemma sollte ihr Leben der Fürsorge für ihre Schwester widmen, eine mühsame Aufgabe, für die sie, da es sich um ihr Schicksal handelte, keine Dankbarkeit oder Wertschätzung erwarten durfte, die ihren Anstrengungen entsprochen hätte – Anstrengungen, die im Übrigen zum Scheitern verurteilt waren. Was María betraf, diese lästige und unangenehme Kaulquappe, so blieb nichts anderes übrig, als sie zu ertragen und ihr jede Laune zu erfüllen, die im Bereich des Möglichen lag, mit dem offensichtlichen Ziel, dass sie nicht allzu sehr störte.
Es versteht sich von selbst, dass sich die Persönlichkeit der Zwillinge im Einklang mit so gegensätzlichen Beziehungsmustern herausbildete. María lernte schon sehr früh Schulversagen, den Konsum aller möglichen Drogen und sexuelle Promiskuität kennen. Und natürlich verfolgten ihre Eltern, die sich inzwischen von der Krise rund um die Geburt der Mädchen erholt hatten, den selbstzerstörerischen Weg ihrer Tochter mit Staunen, Entsetzen und völligem Unverständnis. Ein Weg, der tragisch endete, als María mit fünfzehn Jahren vor dem Elternhaus von einem Auto überfahren wurde.
Gemma trug ihr Leben lang die Last ihrer unmöglichen Mission. Sie war ernsthaft, fleißig und arbeitsam, belastbar und verantwortungsbewusst. Und mit fünfunddreißig Jahren wurde nach einem schweren Suizidversuch eine Major Depression bei ihr diagnostiziert, die sich als resistent gegenüber Antidepressiva erwies.
Die Deprivation kann den beiden Pfaden folgen, auf denen das Leben von Gemma und María verlief. Gemma war einem Beziehungsmuster aus Überforderung und fehlender Wertschätzung ausgesetzt, das ihre Persönlichkeit prägte und sie für Depression anfällig machte (Linares und Campo, 2000). Die sozialen Normen werden dabei mit vollem Erfolg weitergegeben, was zur Entwicklung hypernormativer und letztlich hypersozialer Dynamiken führt. Der Druck, über ihre tatsächlichen Möglichkeiten hinaus ihr Äußerstes zu geben, erzeugte in Gemma ein enormes Verantwortungsgefühl, vermischt mit großen Schuldgefühlen, den Umständen nicht gewachsen zu sein. Darunter aber brodelte eine heftige Feindseligkeit, Folge des Bewusstseins, ungerecht behandelt zu werden. Der Suizid, höchster Ausdruck der Depression, hätte beide Spannungen gelöst: Selbstbestrafung gegen die Schuld und ein feindseliges, schuldzuweisendes Vermächtnis für die Hinterbliebenen.
Das Muster, dem María ausgesetzt war, verband Ablehnung und Überbehütung, ein Cocktail, der der Weitergabe sozialer Normen keineswegs förderlich ist, wohl aber ihrer Missachtung (Linares, 2006). Die Borderline-Persönlichkeitsstörung, die unter solchen Umständen entsteht, vereint transgressive hyponormative Dynamiken und hyposoziale Tendenzen, Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass zu den offensichtlich destabilisierenden Folgen der Ablehnung die einer Überbehütung hinzukommen, die ihren täuschenden Charakter kaum verbirgt: Übermäßiger Schutz ist falscher Schutz, da er sich mehr nach den Bedürfnissen der vermeintlich Schützenden richtet als nach denen der vermeintlich Geschützten.
Das Wichtigste
Die Deprivation folgt zwei Pfaden. Überforderung und fehlende Wertschätzung erzeugen eine normative Hypersozialität, die für Major Depression anfällig macht. Ablehnung und Überbehütung erzeugen dagegen eine transgressive Hyponormativität, die für die Borderline-Störung anfällig macht. In beiden Fällen bleibt die Konjugalität der Eltern harmonisch: Es ist die Parentalität, und nur sie, die gescheitert ist.
Kain kam zu einem schlechten Zeitpunkt, als das Trauma der Vertreibung seine Eltern in die Enge getrieben hatte. Während das Paar wie durch ein Wunder unbeschadet blieb, war die Elternrolle eine Nummer zu groß für sie, und die Bindung litt darunter. Das Kind wuchs mit dem Gefühl auf, abgelehnt und verzogen zu werden, ohne die geringste Empfänglichkeit für soziale Normen und damit als Anwärter auf die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeit. Abel hingegen, geboren, als die Erholung seiner nun an die Widrigkeiten angepassten Eltern im Gange war, fand weit günstigere Umstände vor und wuchs gesund und reif heran. Leider steigerten seine Versuche, die Beziehung zu seinem Bruder zu verbessern, nur dessen Wut, da dieser zunehmend in die Rolle des Bösen gedrängt wurde. Bis es nach einer der vielen beschwichtigenden Gesten (Abel könnte Kain zum Beispiel angeboten haben, dessen Opfer selbst darzubringen) zur Tragödie kam.
Klinische Vignette: Jorge und Vicente
Jorge wurde zu einem ungünstigen Zeitpunkt geboren. Seine Eltern Andrés und Asunción, aus bäuerlichen Familien stammend, hatten kaum neun Monate zuvor geheiratet und gewöhnten sich gerade an das Zusammenleben im Haus der Großeltern väterlicherseits. Nicht dass diese schlechte Menschen gewesen wären; aber bekanntlich haben ältere Leute ihre Marotten, und umso mehr, wenn man ihnen gerade eine Schwiegertochter ins Haus gebracht hat, die die Gepflogenheiten der Familie nicht kennt.
Asunción fühlte sich wie ein Huhn in einem fremden Hühnerhof, und mehr noch seit Jorges Geburt, der allein durch seine Anwesenheit das Gleichgewicht des ruhigen Lebens ihrer Schwiegereltern störte. Deshalb versuchte sie, das Kind zu unterdrücken, und verzweifelte an ihm, was sie daran hinderte, ihre Mutterschaft zu genießen. Andrés, fast immer außer Haus, hatte eine gute Beziehung zu seiner Frau, sah sich aber außerstande, die Beziehung zu dem Kleinen zu verändern, der auch ihn reizte, weil er in seinen Augen den Ursprung der familiären Disharmonie verkörperte. Jorge seinerseits bestätigte die Vorurteile aller, indem er eine stürmische Persönlichkeit und eine tiefe Unangepasstheit entwickelte, sowohl in der Familie als auch in anderen sozialen Umfeldern.
Zwei Jahre später wurde Vicente geboren, der zweite Sohn des jungen Paares. Inzwischen hatte Asunción ihre Rolle als unentbehrliche Frau in der Familie ihres Mannes gefunden und an Sicherheit und Selbstwertgefühl all das gewonnen, was ihr zuvor gefehlt hatte. Ihre Beziehung zu Vicente war gelassen und glücklich, und das Kind wuchs reif und gesund heran.
Doch das verringerte Jorges Schwierigkeiten nicht, sondern vergrößerte sie. Und es tat auch der Beziehung zwischen den beiden Brüdern nicht gut, die immer angespannt und kühl blieb.
Eine schlechte Geschwisterbeziehung endet nicht immer in einer biblischen Tragödie, entsteht aber sehr oft aus relativ banalen Situationen wie der in diesem Beispiel geschilderten. Die beeinträchtigte Bindung zu einem Kind, bedingt durch lebensgeschichtliche Umstände der Eltern, die zu ihrem Alltag gehören, leidet noch mehr unter der vergleichenden Ungerechtigkeit, die die gute Beziehung zu einem anderen Kind darstellt, das von einer günstigeren historischen Lage profitiert.
Die schlechte Paarbeziehung führte zusammen mit dem aufrichtigen Interesse Adams und Evas an ihren Kindern dazu, dass die Eltern sie als Verbündete gewinnen wollten. Angesichts der Isolation und des Fehlens einer erweiterten Familie fiel es den Jungen schwer, sich den triangulierenden Angeboten zu entziehen. Die Mutter, mit mehr Beziehungsressourcen ausgestattet und anfangs motivierter, gewann den ersten für sich, während der Vater beim zweiten zum Zug kam. Beide wuchsen unsicher und ängstlich inmitten ständiger Familienkämpfe und Loyalitätskonflikte auf, auch wenn das Bündnis mit Eva Kain mehr Stärke verlieh. Angesichts der häufigen Abwesenheit Adams suchte Abel bei Jahwe Verstärkung für seine Koalition, konnte aber selbst so die Macht derjenigen seiner Mutter und seines Bruders nicht aufwiegen. Dieser verlor in einem x-ten Streit die Beherrschung und schlug Abel mit dem Erstbesten, was ihm in die Hände fiel … etwas so Absurdem wie einem Eselskinnbacken.
Klinische Vignette: Alfredo und Roberto
Alfredo und Roberto, 21 und 18 Jahre alt, waren schon immer sehr streitlustige Brüder gewesen, doch nach Ansicht ihrer Mutter Berta war die Lage seit zwei Jahren alarmierend und verschlimmerte sich ständig. Vor allem Roberto war zu entfesselter Gewalt fähig, zückte Messer gegen seinen Bruder und drohte, ihn umzubringen. Es stimmte aber auch, dass Alfredo ihn mit seiner Kaltblütigkeit raffiniert provozierte, bis er die Fassung verlor.
Berta hatte sich etwas mehr als ein Jahr zuvor von Antonio, dem Vater der Jungen, getrennt, und was ihrer Meinung nach die Dinge hätte verbessern sollen, hatte sie nur verschlimmert. Alfredo war immer „ihr Junge“ gewesen, während Roberto zwischen Vater und Mutter gleichen Abstand gehalten hatte; in letzter Zeit aber hatte ihn die Wucht der Konflikte näher an Antonio herangerückt. Dieser kam seit der Trennung nicht mehr auf die Beine: Sein Alkoholismus hatte sich verschlimmert, und er war nun zum Entzug in einer Klinik; allerdings schien seine Leber stark angegriffen zu sein …
Die stürmische Paarbeziehung von Berta und Antonio, praktisch seit sie sich kennengelernt hatten, begünstigte die Triangulierung ihrer Söhne. Alfredo hatte als Erstgeborener die Gelegenheit, eine privilegierte Beziehung zu seiner Mutter aufzubauen, die er über den Kummer hinwegtröstete, den ihr konfliktreiches Eheleben ihr bereitete. Roberto nahm eine weniger klare Position ein, hin- und hergerissen zwischen dem Bündnis mit seinem Vater und der Annäherung an den positiveren Wert, den seine Mutter verkörperte. Schließlich neigte er dem Vater zu, vor allem angetrieben von der Wut über Alfredos überhebliche Haltung. Doch sein Vater war das Verliererpferd, und er fühlte sich zunehmend frustriert und wütend.
Unsere erste Familie war kein Modell relationaler Nährung. Die ständigen Streitigkeiten zwischen den Eltern, das Verlassen des Zuhauses durch beide (und dabei hatten sie nicht viele Alternativen!) und die massive Vernachlässigung, in der die Kinder versanken, schufen eine chaotische Atmosphäre. Die Kinder wohnten den sexuellen Spielen ihrer Eltern bei und nahmen manchmal daran teil; diese schlugen gewöhnlich übergangslos in gewaltsame Auseinandersetzungen um. Systematisch verlassen und unvorhersehbar missbraucht und misshandelt, wuchsen Kain und Abel ohne Respekt vor irgendeiner Norm und kaum mit Kenntnis davon auf und betrachteten die anderen, wie echte Raubtiere, als bloße gelegentliche Linderung ihrer unendlichen Bedürfnisse und Mängel. Abels Tod war fast zufällig, weil Kain schneller war. Und Abel wurde nachträglich heiliggesprochen, infolge eines Prozesses der Idealisierung des Toten.
Klinische Vignette: Rosario und Carlos
Rosario und Carlos lebten praktisch seit ihrer beider Jugend zusammen, zuerst bei seiner Mutter, dann in einer eigenen, prekären Unterkunft. Sie waren zwei hilflose Geschöpfe: Sie kam aus Heimen, in denen ihre Familie sie zurückgelassen hatte, und er war krankhaft adipös, spielsüchtig und wenig gesellig.
Sie hatten vier Kinder, die sich selbst überlassen aufwuchsen, allen möglichen Risiken ausgesetzt, die sowohl von außerhalb als auch von innerhalb der Familie kamen. Bald kam es zu Episoden häuslicher Gewalt, die Rosario anzeigte, ohne deshalb das Zusammenleben mit Carlos zu beenden. Carlos’ Mutter ihrerseits stiftete ihn an, seinerseits Anzeige gegen Rosario zu erstatten, während das familiäre Zusammenleben so stürmisch blieb wie eh und je. Die Kinder, die die Schule nur sehr unregelmäßig besuchten, erregten die Aufmerksamkeit der sozialen Dienste.
Was aber schließlich zur Inobhutnahme der Minderjährigen durch die Kinderschutzbehörde führte, war ein dramatischer Vorfall: Das älteste der Kinder, 10 Jahre alt, zerstörte seinem 9-jährigen Bruder ein Auge, als es ihn beim Spielen in einem Park mit einer zerbrochenen Glasflasche angriff.
Im Chaos, das aus der Kombination von disharmonischer Konjugalität und beeinträchtigter Parentalität entsteht, ohne dass Ausgleichsmechanismen eingreifen, die nährende Ressourcen aus dem Ökosystem beisteuern (da die sozialen Dienste und die Kinderschutzeinrichtungen sich in diesem Fall auf Kontrolle beschränken), wachsen die Kinder im freien Fall auf. Es fehlt ihnen sowohl an einer festen Erfahrung dessen, was Liebe ist, als auch, selbstverständlich, an der Verinnerlichung sozialer Normen. Das Ergebnis ist das, was der Vorstellung des Bösen am nächsten kommt: die antisoziale Persönlichkeitsstörung.
Adam und Eva verstanden sich immer schlecht, ihre Beziehung zu den Kindern dagegen veränderte sich mit der Zeit. Wenn sie, als Kain kam, unter der Überforderung und Bedrängnis durch die Vertreibung im Umgang mit dem Kind die Fassung verloren, fand Abel einige Zeit später günstigere Umstände vor. Infolgedessen gehörte Kain zu niemandem, und das Fehlen von Bindungen prägte sein Dasein mit einer antisozialen Schlagseite. Abel seinerseits war Gegenstand eines Streits zwischen Adam und Eva und neigte schließlich Letzterer zu. Das ängstliche Profil seiner Persönlichkeit färbte sich mit dysthymen Zügen, was seinen Status als angesehener Bruder nicht trübte, ihn aber gegenüber Kain verwundbarer machte. Den Rest kennen wir.
Klinische Vignette: Lucas und Ahmed
Als Verónica aus ihrer Heimat Ecuador nach Spanien kam, brachte sie Lucas mit, einen 10-jährigen Jungen aus einer zerbrochenen Beziehung, in der der Vater den Kleinen nie kennengelernt und wahrscheinlich nicht einmal von seiner Existenz gewusst hat. Verónica war so depressiv und ihre Parentalität so angeschlagen, dass sie sich mehrere Jahre lang nicht in der Lage fühlte, ihren Sohn zu berühren. Einige Zeit später besserte sich ihre Lage; doch zu diesem Zeitpunkt war Lucas bereits ein kleiner Delinquent, zu allem fähig. Zum Beispiel dazu, im Dienst einer Schmugglerbande mit gefälschten Papieren Drogen zwischen Ecuador und Spanien zu transportieren. Er wurde mehrmals festgenommen und verbrachte einige Jahre in geschlossenen Einrichtungen für Jugendliche.
Verónica lebte unterdessen mit Alí zusammen, einem jungen Marokkaner, mit dem sie einen zweiten Sohn, Ahmed, bekam. Die Beziehung zwischen der Lateinamerikanerin mit vorurteilslosen Sitten und dem strenggläubigen Muslim konnte kein Muster an Stabilität sein. Die Streitigkeiten waren ständig und erreichten Extreme verbaler, manchmal sogar körperlicher Gewalt.
Alí wollte von Lucas nichts wissen, den er für verloren hielt, kämpfte aber verbissen um Ahmed, aus dem er einen guten Muslim machen wollte. Das passte natürlich nicht in Verónicas Pläne, die sich letztlich während Alís langer Abwesenheiten um das Kind kümmerte und die auf Dauer den Kampf gewann, da er sie schließlich verließ und ihr seinen Verbündeten zurückließ.
Lucas hatte seinen Bruder immer wie ein seltsames Tier betrachtet, doch als Alí verschwand, begann er, ihn ungestraft zu quälen, und angesichts von Verónicas Ohnmacht musste der Kleine mehrmals ins Krankenhaus, bis die sozialen Dienste eingriffen.
Auch in diesem Fall spielt das Beziehungschaos eine wichtige Rolle, auch wenn es Lucas direkt betrifft. Ahmed, von seinen Eltern trianguliert, wird zum indirekten Opfer des Chaos, als er von seinem älteren Bruder brutal angegriffen wird.
Dies sind die wahrscheinlichsten Kombinationen, doch man könnte auch über andere spekulieren, wie zum Beispiel:
Es geht natürlich nicht darum, alle Kombinationsmöglichkeiten auszuschöpfen. Die besprochenen reichen völlig aus, um das grundlegende Ziel dieser Überlegungen zu veranschaulichen: Am Schnittpunkt von Parentalität und Konjugalität, dort, wo die Beziehungsatmosphäre der Herkunftsfamilie entsteht, gibt es Elemente, mit denen sich die künftige Persönlichkeit der Kinder bestimmen lässt. Und gegebenenfalls auch einige der Ereignisse verstehen lassen, die einen entscheidenden Einfluss auf ihr Leben ausüben können.
Zugleich erlauben diese Ideen, das alte systemische Konzept der Äquifinalität unter dem Blickwinkel der Komplexität neu zu betrachten. Gewiss kann man von sehr unterschiedlichen Ausgangspunkten zu ein und derselben Situation gelangen, aber weder die relationale Bedeutung des Endpunkts wird dieselbe sein noch der Prozess, der dorthin führt. Es ist nicht dasselbe, ob Abels Tod durch Kains Hand das Ergebnis einer Auseinandersetzung zwischen Psychopathen war, der impulsive Angriff eines außer Kontrolle geratenen Borderline-Menschen oder ein Akt der Notwehr … Auch wenn er von der offiziellen Geschichtsschreibung in jedem Fall als Mord an einem Unschuldigen durch einen Bösewicht dargestellt wurde. Und wir haben gesehen, dass hinter jeder dieser Möglichkeiten, und hinter vielen weiteren denkbaren, ein kohärentes und jeweils eigenes relationales Substrat steht.
Wie dem auch sei: Da Mythen eine unerschöpfliche Quelle beziehungssensiblen Materials sind, kehren wir für einen Moment zur Genesis zurück, um festzustellen, dass Adam und Eva einen dritten Sohn bekamen, den sie Set nannten. Und dass seine Aufgabe darin bestand, Abel zu ersetzen, da Kains Geschlecht gewissermaßen verflucht war. Einen toten und einen verdammten Bruder ersetzen! Welch schwere Last muss der arme Set getragen haben! Und welches Erbe fiel ihm zu, an seine Nachkommen weiterzugeben!
Aber das ist natürlich eine andere Geschichte.
Das Wichtigste
Konjugalität und Parentalität sind zwei voneinander unabhängige, sich aber gegenseitig beeinflussende Beziehungsvariablen. Aus ihren Kombinationen entstehen die Atmosphären der Herkunftsfamilie: eine gute Atmosphäre, wenn beide tragen, Triangulierungen, wenn nur die Konjugalität scheitert, Deprivationen, wenn nur die Parentalität scheitert, Chaotisierungen, wenn beide zusammenbrechen. Dort, und nicht erst in der Schlussszene, entscheidet sich die Persönlichkeit der Kinder. Zur Vertiefung: eine relationale Sicht auf Persönlichkeitsstörungen.
Wer ist Juan Luis Linares?
Dr. Linares ist Psychiater und Familientherapeut sowie ordentlicher Professor für Psychiatrie an der Universitat Autònoma de Barcelona. Er leitet die Abteilung für Psychotherapie und die Schule für Familientherapie des Hospital de la Santa Creu i Sant Pau.
Dieser Artikel ist eine inoffizielle Übersetzung aus dem Spanischen von „La pareja, en la encrucijada de la conyugalidad y la parentalidad“, veröffentlicht von Red Sistémica (Erstveröffentlichung: Red Sistémica, 2023). Übersetzt von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz und mit Zustimmung der Zeitschrift neu veröffentlicht.
Originalartikel lesenSo zitieren Sie diesen Artikel
Linares, J. L. (2023). Le couple, à la croisée de la conjugalité et de la parentalité (Complexe Systémique, Übers.). Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/fr_FR/articles/le-couple-a-la-croisee-de-la-conjugalite-et-de-la-parentalite (Originalwerk 2023 in Red Sistémica erschienen; 2023 von Red Sistémica neu veröffentlicht, https://redsistemica.ar/2023/01/30/la-pareja-en-la-encrucijada-de-la-conyugalidad-y-la-parentalidad/)
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