Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Journal of Solution-Focused Brief Therapy · Der Blick eines Soziologen
Gale Miller ist kein Therapeut: Als Soziologe beobachtet er die lösungsfokussierte Welt seit 1984, als er begann, Zeit im Brief Family Therapy Center in Milwaukee zu verbringen. Hier schlägt er vor, lösungsfokussierte Beratung als interkulturelle Aushandlung zu beschreiben. Mit Clifford Geertz wird Kultur zu jenen „Bedeutungsgeweben“, die Menschen spinnen und in die sie verstrickt sind; mit Gary Alan Fine wird jede Beratung zu einer kleinen „Idiokultur“, die Fachperson und Klientel gemeinsam aus den Kulturen aufbauen, an denen sie anderswo teilhaben. Eine Sitzung mit einem indigenen nordamerikanischen Paar dient als Testfall – und Miller interessiert sich ebenso sehr für das, was nicht gesagt wurde, wie für das Gesagte.
Inoffizielle deutsche Übersetzung von Culture in Solution-Focused Consultation: An Intercultural Approach von Gale Miller, erschienen im Journal of Solution-Focused Brief Therapy, Bd. 1, Nr. 2 (2014), S. 25–40, doi: 10.59874/001c.75101, unter der Lizenz CC BY 4.0. Das Sternchen am Originaltitel verweist auf eine Anmerkung des Autors: Teile des Beitrags waren als Plenarvortrag auf der Jahrestagung der Solution-Focused Brief Therapy Association in Santa Fe im November 2014 vorgestellt worden. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und für die Online-Lektüre neu gesetzt, und für den einleitenden Abschnitt, der im Original ohne Überschrift ist, wurde eine Zwischenüberschrift ergänzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Diese Übersetzung stammt weder vom Autor noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Abstract
In diesem Beitrag entwickle ich einen interkulturellen Ansatz für die lösungsfokussierte Beratung. Der Ansatz stellt eine anthropologisch-soziologische Interpretation dar und wurde von einem interessierten Außenstehenden der lösungsfokussierten Welt verfasst. Die Analyse hebt hervor, wie multikulturelle Belange lösungsfokussierte Beratungen durchdringen, indem Fachpersonen und Klientel auf andere Kulturen zurückgreifen, an denen sie teilhaben. Interaktionen zwischen Fachperson und Klientel werden als Aushandlungen behandelt, die von den interkulturellen Kompetenzen der Beteiligten abhängen, also von ihrer Fähigkeit, sich zwischen ihren eigenen kulturellen Orientierungen und denen anderer an der Beratung beteiligter Personen zu bewegen. Es wird erläutert, wie meine interkulturelle Perspektive kulturelle Themen der lösungsfokussierten Literatur erweitert, und ihre Nützlichkeit wird anhand der Analyse einer Fallstudie veranschaulicht. Abschließend [erörtere ich] künftige Möglichkeiten, diese Perspektive weiterzuentwickeln.
Anmerkung aus dem Original
Teile dieses Beitrags wurden als Plenarvortrag („Continuity and Change: The Dance of an Attitude“) auf der Jahrestagung der Solution-Focused Brief Therapy Association in Santa Fe, NM, USA, vorgestellt (November 2014). Außerdem danke ich Sara Smock Jordan für ihre Kommentare zu einem frühen Entwurf des Beitrags.
Complexe Systémique – zum Zustand der Quelldatei
Der von der Zeitschrift bereitgestellte Scan des PDF von 2014 weist am Ende einiger Zeilen Lücken von einem bis drei Wörtern auf. Wir kennzeichnen sie mit „[…]“. Wörter in eckigen Klammern sind unsere eigenen Ergänzungen, geprüft anhand der Koordinaten der gedruckten Seite; sie erscheinen so nicht in der Datei der Zeitschrift.
Dieser Beitrag befasst sich mit dem Kulturbegriff als Aspekt lösungsfokussierter Interaktionen zwischen Fachperson und Klientel, indem er diese Interaktionen als interkulturelle Aushandlungen darstellt. Ich verwende den Begriff interkulturell, um darauf aufmerksam zu machen, wie lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen und ihre Klientel vielfältige kulturelle Bedeutungen auf die praktischen Fragen beziehen, um die es in ihren Interaktionen geht. Der Begriff Aushandlung lenkt den Blick darauf, dass lösungsfokussierte Interaktionen Dialog, Abwägung und sogar Feilschen umfassen, mit dem Ziel, neue Verständnisweisen der jeweiligen Situation und Arbeitsvereinbarungen darüber zu fördern, wie mit ihr umzugehen ist. An Aushandlungen wirken zwei oder mehr Parteien mit, die anfangs ganz unterschiedliche Interessen haben können. Die hier entwickelten Themen sollen auf eine große Vielfalt von Kontexten anwendbar sein (z. B. Therapie, Unternehmen, Schulen, medizinische Einrichtungen usw.), in denen lösungsfokussierte Beratung stattfindet.
Dieser Beitrag verfolgt zwei Ziele. Das erste besteht darin, kulturelle Fragen zu benennen, die in den Gesprächen zwischen den Theorie- und Praxisvertretenden des lösungsfokussierten Ansatzes heruntergespielt wurden, und vorzuschlagen, wie diese Fragen Teil künftiger Gespräche werden könnten. Das zweite Ziel ist, den Horizont solcher Gespräche zu erweitern und Perspektiven einzubeziehen, die außerhalb der lösungsfokussierten Welt entwickelt wurden. Dieses Ziel hängt mit meiner Stellung als interessierter Außenstehender zusammen, dessen Beteiligung an der lösungsfokussierten Welt in erster Linie die eines qualitativen Forschers ist. Meine Beteiligung reicht bis 1984 zurück, an das Brief Family Therapy Center (BFTC) in Milwaukee.
Auch wenn das zugegebenermaßen eigennützig ist, halte ich die Einbeziehung interessierter Außenperspektiven für entscheidend für die Entwicklung lösungsfokussierten Denkens und Handelns. Beobachtungen und Deutungen von außen fordern lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen heraus, auf neue Weise über ihre Arbeit nachzudenken. Wer mit Interesse von außen beobachtet, ist besonders gut in der Lage, als intellektuelle Vermittlungsinstanz zu wirken, die die lösungsfokussierte Welt mit den „intellektuellen Strömungen der zeitgenössischen Welt“ verbindet (Miller 2014, S. 9). Zu den relevanten intellektuellen Strömungen gehören sowohl Perspektiven, die Themen des vorherrschenden lösungsfokussierten Denkens klar ergänzen, als auch solche, die vorherrschende Annahmen und Behauptungen über lösungsfokussierte Interaktionen infrage stellen.
Ich stütze mich auf Geertz’ (1973) Ansatz der Kulturanthropologie und auf Fines (1979) soziologische Analyse kleiner Gruppen als Idiokulturen, um lösungsfokussierte Interaktionen zwischen Fachperson und Klientel als interkulturelle Aushandlungen zu beschreiben. Beide Ansätze beruhen auf der Vorstellung, dass Menschen symbolschaffende und symbolgebrauchende Lebewesen sind (Burke 1966). Sie greifen zudem das Anliegen lösungsfokussierter Theorie und Praxis auf, wie Bedeutung in sozialen Interaktionen entsteht. Damit stehen sie im Einklang mit McKergows und Kormans (2009) interaktionalem Ansatz lösungsfokussierter Beratung und mit Millers und McKergows (2012) Darstellung lösungsfokussierter Interaktionen als komplexe Systeme, in denen bisweilen unvorhergesehene soziale Wirklichkeiten entstehen.
Mein Ansatz lösungsfokussierter Beratung behandelt Kultur als grundlegenden und allgegenwärtigen Aspekt lösungsfokussierter Beratungen. Dieser Beitrag lässt sich daher als Antwort auf den Aufruf der Komplexitätstheorie verstehen, vielfältige Beschreibungen der Bedeutungsbildung in komplexen sozialen Interaktionen zu entwickeln (Cilliers, 1998; Miller & McKergow, 2012). Lösungsfokussierte Beratungen sind Kontexte der sozialen Konstruktion multikultureller Bedeutungen, die Folgen für die künftigen Deutungen und Handlungen der Klientel haben. Die oben skizzierten Themen entfalte ich im weiteren Verlauf des Beitrags. Ich beginne mit einem kurzen Überblick über die Entwicklung des Kulturbegriffs in der lösungsfokussierten Welt und entwickle dann meine interkulturelle Perspektive auf lösungsfokussierte Beratung. Anschließend analysiere ich ein Fallbeispiel, um meinen interkulturellen Ansatz zu veranschaulichen, und erörtere einige künftige Entwicklungslinien eines interkulturellen Ansatzes lösungsfokussierter Beratung.
Welchen Stellenwert Kultur für das Team hatte, das Mitte der 1980er-Jahre am BFTC die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie erfand, hing von Kontext und Zeitpunkt ab. Gästen wurde häufig gesagt, Kultur sei kein Anliegen der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie. Die ersten führenden Köpfe erklärten, ihr Ansatz sei aus der Arbeit mit einer multikulturellen Klientel hervorgegangen. Sie hatten Techniken entwickelt, die bei vielfältigen Problemen wirksam waren, wie sie Menschen unterschiedlicher Herkunft, Ethnie, Einkommensgruppe, regionaler Prägung, unterschiedlichen Alters und Geschlechts schilderten. Auch die Betonung des Minimalismus spielte eine Rolle: Warum den Ansatz verkomplizieren, indem man sich mit unnötigen Fragen befasst? Ich beobachtete aber auch, wie dieses Team in der therapeutischen Arbeit bisweilen kulturelle Fragen berücksichtigte. So ersetzte es in Sitzungen mit Mitgliedern der Zeugen Jehovas (die nicht an Wunder glauben) die Wunderfrage durch Fragen danach, in Gottes Gnade zu stehen, und veränderte die Skalierungsfrage so, dass sie von minus 10 bis 0 reichte, um sie besser an die kulturellen Orientierungen der Klientel in einigen Ländern anzupassen.
Eine wichtige Wende brachte der Artikel von Berg und Jaya (1993) über die Arbeit mit asiatisch-amerikanischen Familien. Sie plädierten dafür, kulturelle Belange in die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie einzubeziehen, warnten aber zugleich davor, über asiatisch-amerikanische Menschen übermäßig zu verallgemeinern oder Kultur über die Kooperation mit der eigenen Klientel zu stellen. In jüngerer Zeit ist eine Reihe von Publikationen erschienen, die erörtern, wie die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie die Kultur der Klientel berücksichtigen könnte. Dazu gehören Lees (2003) Einbindung lösungsfokussierter Ideen und Praktiken in die kulturübergreifende klinische Soziale Arbeit sowie Lees und Mjelde-Mosseys (2004) Ansatz zur kulturellen Dissonanz bei ostasiatischen Eingewanderten in den Vereinigten Staaten. Auch Geislers (2010) Erfahrungen mit lösungsfokussierter Arbeit in Mexiko und Hsus und Wangs (2011) Erörterung der kindlichen Pietät als Thema in Therapiesitzungen mit taiwanesischer und chinesischer Klientel sind bedeutende Beiträge zur Literatur. Eine neuere Ergänzung ist Moir-Bussys (2014) Bericht darüber, wie sich die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie auf die kulturellen Anliegen chinesischer und australischer Klientel abstimmen lässt.
Lee (1996) schlug eine andere Entwicklungslinie ein und zeigte, wie der soziale Konstruktivismus mit kultureller Vielfalt zusammenhängt. Bemerkenswert ist zudem der von Kim (2014a) herausgegebene Band über Multikulturalismus und lösungsfokussierte Kurzzeittherapie, der das Konzept der kulturellen Kompetenz auf eine Reihe verschiedener Gruppen anwendet, darunter Menschen mit Behinderungen, LGBTQ-Personen, Menschen in Armut sowie spirituell und religiös geprägte Klientel. Kulturelle Kompetenz umfasst sowohl das Erlernen der Werte, Praktiken und Überzeugungen von Angehörigen anderer Kulturen als auch die Nutzung dieses Wissens zur Reflexion der eigenen kulturellen Orientierungen (Lee & Zaharlick 2013).
Schließlich haben lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen und andere die Idee der Kultur auf Teambildung und Führung in Organisationen angewendet (Aoki, 2009; Godat, 2013; Gray, 2011; Yoshida, 2011). Andere Arbeiten haben lösungsfokussierte Techniken in medizinischen, Gefängnis- und Schulkulturen eingesetzt (Ferraz & Wellman, 2009; Greenberg et al., 2001; Lindforss & Magnusson, 1997; Metcalf, 2008). Diese Studien erweitern den Hauptfokus der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie auf die Kulturen rassifizierter, ethnischer und nationaler Gruppen und beziehen Arbeitsplätze, Berufe und Institutionen als Kulturen ein.
Dieser kurze Literaturüberblick zeigt das wachsende Interesse einiger Angehöriger der lösungsfokussierten Welt und interessierter Außenperspektiven am Kulturbegriff. Doch wie Kim (2014b) feststellt, drückt ein Großteil der Literatur in diesem Feld Unsicherheit darüber aus, in welchem Maß lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen kulturell orientiert sein sollten. Kim erklärt, viele lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen befürchteten, eine auf kulturelle Fragen ausgerichtete Ausbildung werde
Annahmen rund um Stereotypisierung und den Trugschluss verstärken, alles über eine bestimmte ethnische Gruppe, Kultur oder Minderheit zu wissen. Aufgrund dieser Bedenken plädieren lösungsfokussierte klinische Fachpersonen eher für eine Haltung des Nichtwissens, die für die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie zentral ist …
Kim (2014b, S. 10; Hervorhebung im Original)
Ich halte solche Bedenken für berechtigt, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Ein weiteres Bedenken betrifft die Versuchung, Kultur allzu abstrakt zu definieren und sie so von den gelebten Wirklichkeiten im Leben der Menschen abzukoppeln. Problematisch ist auch die häufige Neigung, die Werte und Praktiken anderer als kulturellen Ausdruck zu bestimmen und die eigenen dabei zu vernachlässigen. Trotz dieser realistischen Sorgen macht Jahoda (2012, S. 300) einen wichtigen Punkt mit der Feststellung, dass „der Begriff ‚Kultur‘ wahrscheinlich unverzichtbar ist“ für das Leben in multikulturellen Gesellschaften. Das ist die Lehre, die ich aus der Literatur zur Kultur ziehe, die in den letzten zwanzig Jahren in der lösungsfokussierten Welt entstanden ist. Die Studien verweisen auf die multikulturellen Kontexte lösungsfokussierter Beratung und sprechen somit dafür, ein stärkeres kulturelles Bewusstsein in die lösungsfokussierte Welt einzubringen.
Die entscheidende Frage ist natürlich, wie sich ein stärkeres kulturelles Bewusstsein in lösungsfokussiertes Denken und Handeln einbringen lässt. Lösungsfokussierte Interaktionen zwischen Fachperson und Klientel als interkulturelle Aushandlungen zu behandeln, ist ein Ausgangspunkt für die Beantwortung dieser Frage. Die entscheidenden Fähigkeiten in lösungsfokussierten Aushandlungen sind die interkulturellen Kompetenzen von Fachpersonen und Klientel. Zu diesen Kompetenzen gehört die Fähigkeit, einander die eigenen praktischen Anliegen und kulturellen Orientierungen mitzuteilen und andere Beteiligte dabei zu unterstützen, ihre eigenen Anliegen und Orientierungen auszudrücken. Ein grundlegender Schritt, um das interkulturelle Bewusstsein in der lösungsfokussierten Welt zu erweitern, besteht darin, eine interkulturelle Perspektive auf lösungsfokussierte Beratungen zu entwickeln. Dieser Frage wenden wir uns nun zu.
Mein Ansatz zu Kultur und lösungsfokussierter Beratung geht von Geertz’ (1973, S. 5) Definition der Kultur als „Bedeutungsgewebe“ aus, also als Bedeutungen, die Menschen spinnen und in die sie verstrickt sind. Geertz’ Darstellung der Kultur als Gewebe zeigt, wie vielfältige Bedeutungen innerhalb bestimmter Kulturen miteinander verknüpft sind. Anders gesagt: Kultur besteht aus symbolischen Clustern (Burke 1973). „Jedes Element des Clusters dient den anderen Elementen als Hintergrund und verleiht ihnen so Werte, die man sonst vielleicht nicht mit ihnen verbinden würde“ (Miller, 2014, S. 13). Das ist ein Grund, warum Gruppen, die offenbar einige der gleichen Werte teilen, sich als deutlich verschieden voneinander – ja sogar als einander entgegengesetzt – verstehen können.
Das Spinnen von Bedeutungsgeweben ist ein Prozess sozialer Konstruktion. Bedeutungen entstehen, während Menschen interagieren und Aspekte ihrer eigenen Lebenserfahrungen und derer anderer deuten. Beide Tätigkeiten sind Quellen von Wandel und Kontinuität. Darin liegt die Bedeutung von Geertz’ (1973) Darstellung der Kultur als etwas, in dem Menschen schweben. Bedeutungen halten Menschen eine Zeit lang an einem Ort fest, aber sie sind dort nicht notwendigerweise für immer gefangen. In dem Maß, in dem sozial konstruierte Bedeutungen Menschen an einem Ort festhalten, dienen kulturelle Bedeutungen als Orientierungsrahmen, durch die sie sich mit den Welten um sie herum auseinandersetzen. Die Bedeutungen lenken die Wahrnehmung, indem sie manche Anliegen als relevanter als andere und manche Reaktionen auf Situationen als angemessener erscheinen lassen.
Geertz’ (1973) Ansatz beschränkt den Kulturbegriff nicht auf einige wenige Gruppenkategorien oder -identitäten. Alle Gruppen kommen für eine kulturelle Analyse infrage, sofern die Analysierenden zeigen können, dass sich die Gruppenmitglieder an geteilten Bedeutungen orientieren. Wir können daher von einer lösungsfokussierten Kultur sprechen. Darüber hinaus stellt Geertz’ Ansatz kulturelle Analysen infrage, die Angehörige kultureller Gruppen so darstellen, als orientierten sie sich an stabilen und dauerhaften Bedeutungen. Diese Infragestellung lenkt die Aufmerksamkeit auf die Vielfalt kultureller Kontexte (Bedeutungsgewebe), in denen Menschen schweben, während sie ihren Alltag bestreiten. Denken Sie an einen Tag in Ihrem Leben. Er kann die Teilhabe an Familie, Beruf, Populärkultur, öffentlichem Dienst, Politik und Religion umfassen. Jeder dieser Kontexte bringt das Spinnen von Bedeutungsgeweben mit sich, die sich in gewissem Maß voneinander unterscheiden. Tatsächlich besteht ein wichtiger Teil der Lebensführung darin, erfolgreich von einem kulturellen Kontext in einen anderen zu wechseln.
Man kann zwar argumentieren, dass kulturelle Identitäten wie Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung und Nationalität unterschiedliche Kontexte stärker durchziehen als andere; das heißt jedoch nicht, dass diese Identitäten in allen Kontexten dieselbe Bedeutung haben. Dies ist ein wichtiger Grund, warum kulturanalytisch Arbeitende auf die sozialen Praktiken achten müssen, die mit bestimmten sozialen Settings verbunden sind, sowie auf die Aushandlungen, durch die kulturelle Wirklichkeiten sozial konstruiert werden. Man denke etwa an Jacksons (2001) Ethnografie rassifizierter und klassenbezogener Identitäten unter den Menschen in Harlem, in der er feststellt:
Viele afroamerikanische Menschen haben ausgesprochen performative Vorstellungen von sozialer Identität. Die Klassenposition wird über Deutungen alltäglicher Verhaltensweisen erkennbar. Rassische Identität beruht auf Wahrnehmungen [bestimm]ter sozialer Handlungen und wird durch den Rückgriff auf spezifische Arten von Tätigkeiten gestützt. Die rassische „Verortung“ hängt nicht allein von One-Drop-Regeln oder vom Grad der Hautpigmentierung ab. Sozial bedeutsame Identifikationen leiten sich zum Teil aus beobachtbaren Verhaltensweisen, Praktiken und sozialen Darbietungen ab.
Jackson (2001, S. 4)
Jacksons Aussage unterstreicht die Mehrdimensionalität scheinbar stabiler kultureller Identitäten. Seine Studie ist ein nützlicher Ausgangspunkt, um zu sehen, wie das Leben in zeitgenössischen Gesellschaften fortwährende interkulturelle Begegnungen und Aushandlungen mit sich bringt. Rassifizierte, geschlechtliche, sexuelle und andere kulturelle Identitäten aufrechtzuerhalten, erfordert ständige Anpassungen an die Bedeutungsgewebe, die mit den vielfältigen sozialen Gruppen und Settings verbunden sind, an denen Menschen teilhaben.
Fines (1979) Analyse kleiner Gruppen als Idiokulturen ergänzt Jacksons (2001) Einsichten, indem sie zeigt, wie Mitglieder kleiner Gruppen auf vielfältige Kulturen zurückgreifen, um eigene Bedeutungsgewebe zu konstruieren, die ihren gemeinsamen sozialen Umständen entsprechen. Fine nutzt seine Studien über Jugend-Baseballmannschaften, um zu zeigen, wie die Mitglieder jeder Mannschaft ausgewählte Aspekte der Baseballkultur, der sozialen Welten Erwachsener und ihrer gemeinsamen Erfahrungen als Kinder nutzten, um ihre eigenen kulturellen Praktiken, Werte und Sichtweisen zu erfinden. Die Mannschaftsmitglieder bewiesen ihre interkulturelle Kompetenz, indem sie aushandelten, welche allgemeinen kulturellen Themen sie aus der umgebenden Gesellschaft übernehmen, wie sie diese in ihre eigenen Bedeutungsgewebe umordnen und wie sie sie in unterschiedlichen Situationen anwenden.
Fine (1979) benennt mehrere Gesichtspunkte, die die Aushandlungen der Gruppenmitglieder über die Aufnahme bestimmter Werte und Praktiken in ihre Idiokulturen leiten. Drei sind für die lösungsfokussierte Beratung besonders relevant: Die aufgenommenen Werte und Praktiken müssen den Gruppenmitgliedern bekannt sein, mit den sozialen Interessen der Gruppe übereinstimmen und den sozialen Beziehungen innerhalb der Gruppe angemessen sein. Fines Baseballmannschaften unterschieden sich in ihrem Wissen über Baseballtraditionen, in ihren Hauptinteressen und in den bevorzugten Beziehungen unter Teammitgliedern. So stellten nicht alle Mannschaften das Gewinnen über andere soziale Werte, und sie legten auch nicht dieselben Kriterien an, wenn sie Mitgliedern unterschiedliche Positionen innerhalb der Gruppe zuwiesen.
Fines (1979) Analyse ist unmittelbar relevant für das Verständnis dessen, wie kulturelle Wirklichkeiten in lösungsfokussierten Beratungen konstruiert werden. Die an Beratungen Beteiligten bilden kleine Gruppen, die sich auf ein begrenztes Spektrum von Fragen konzentrieren. Ähnlich wie Jugend-Baseballmannschaften handeln lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen und ihre Klientel aus, welche Aspekte umfassenderer Kulturen für ihre Interaktionen relevant sind und wie die ausgewählten kulturellen Elemente zusammengefügt werden sollen, um Bedeutungsgewebe zu bilden, die mit ihren entstehenden Beziehungen vereinbar sind. Wer an einer Idiokultur teilhat, muss die Kulturen der anderen nicht in allen Einzelheiten kennen, aber genug wissen, um erfolgreich miteinander zu verhandeln. Das führt uns zurück zu Jacksons (2001) Betonung, genau darauf zu achten, was andere mit ihren Worten und ihren unausgesprochenen Handlungen sagen.
Wenn sie Kultur als Bedeutungsgewebe und lösungsfokussierte Beratungen als entstehende Idiokulturen betrachten, könnten lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen besser erkennen, wie ihre Orientierungen im Umgang mit der Klientel in der lösungsfokussierten Kultur verwurzelt sind. Fachpersonen entlehnen selektiv aus der lösungsfokussierten Kultur, wenn sie bestimmte Fragen stellen, auf die Antworten der Klientel in bestimmter Weise reagieren und Abschlussbotschaften formulieren. Lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen und ihre Klientel konstruieren gemeinsame Idiokulturen, indem sie aushandeln, ob und wie die Handlungen der Fachperson zu den von der Klientel eingebrachten kulturellen Themen passen. So spinnen Fachpersonen und Klientel in der lösungsfokussierten Arbeit Bedeutungsgewebe, die Aspekte vielfältiger Kulturen ausdrücken, und schweben in ihnen. Im nächsten Abschnitt veranschauliche ich, wie Idiokulturen ausgehandelt werden. Ich fasse dort ein Fallbeispiel von Blakeslee und Smock Jordan (2014) zusammen, an dem eine weiße therapierende Person und zwei indigene nordamerikanische Klientinnen und Klienten beteiligt sind. Ich fasse das Fallbeispiel zusammen, um Platz zu sparen und mich auf das Geben und Nehmen der Aushandlung zu konzentrieren.
Anmerkung aus dem Original
1. Das hier erörterte Fallbeispiel stammt von Blakeslee und Smock Jordan (2014) und wird mit Erlaubnis der Verfassenden verwendet.
Blakeslee und Smock Jordan (2014) nennen zunächst einige Grundwerte der indigenen nordamerikanischen Kultur und stellen sie der dominanten – weißen – Kultur der Vereinigten Staaten gegenüber. Diese Werte bilden eine ganzheitliche Ausrichtung auf Spiritualität, zu der gehören: die Natur als heilig zu behandeln; die Betonung gemeinschaftlicher Beziehungen als Quelle des Wohlbefindens; die persönliche Identität als untrennbar von familiärer und Stammesidentität; eine an natürlichen Ereignissen ausgerichtete Zeit; und Kommunikationspraktiken, zu denen das Vermeiden von Blickkontakt und längere Pausen zwischen den Sätzen gehören. Blakeslee und Smock Jordan erörtern außerdem Substanzmissbrauch, Partnerschafts- und Familiengewalt, Armut und Arbeitslosigkeit sowie Depression und Suizid als wichtige klinische Probleme in indigenen nordamerikanischen Gemeinschaften. Anschließend geben sie einige Hinweise, wie die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie ihre Praxis anpassen könnte, um die indigene nordamerikanische Kultur zu respektieren, etwa indem man das Wort tun durch sein ersetzt (z. B. „Also, wenn Sie nicht so viel streiten würden, wie wären Sie stattdessen?“, S. 116), die Wunderfrage so abwandelt, dass nach einer Vision gefragt wird, und bei der Abschlussbotschaft direktiv auftritt.
An der Sitzung nimmt ein verheiratetes Paar teil (Mika, die berufstätig ist, und Matt, der arbeitslos ist), das einen 15-jährigen Sohn hat (Tokada, der bei der Sitzung nicht anwesend ist). Die therapierende Person fragt zu Beginn, was „[in] unserem heutigen Treffen geschehen muss, damit es hilfreich war, hier zu sein“ (S. 113). Mika erklärt, sie sei von ihrem Chef geschickt worden und habe Angst, ihre Stelle zu verlieren. Die therapierende Person stellt fest: „Es ist also schon hilfreich, einfach hier zu sein“ und „Ihre Stelle zu behalten ist wichtig“ (S. 113). Matt nickt, und Mika sagt: „Ja.“ Dann fragt die therapierende Person nach Mikas Arbeit. Mika antwortet, sie bekomme wenig frei, müsse sich krankmelden, um an Stammesveranstaltungen teilzunehmen, und schließt: „Ich wünschte, wir wären nie weggegangen“ (S. 113). Danach wendet sich Mika ihren Sorgen um Tokada zu, der, wie sie sagt, „sein Erbe verliert“, weil die Schule „versucht, ihn dazu zu bringen, wie Weiße zu denken“, und fügt hinzu: „nichts für ungut“ (S. 113). Die therapierende Person antwortet, sie fühle sich nicht gekränkt, und bittet Mika, mehr über ihren Sohn zu erzählen. Mika sagt, er wolle lieber Tate genannt werden, was „wirklich ein Schlag ins Gesicht für uns ist, weil sein Name in unserem Stamm eine besondere Bedeutung hat“ (S. 113).
Als Nächstes fragt die therapierende Person, wie das Paar zurechtkommt. Mika erklärt, dass sie und Matt sich streiten und dass dies ihre Arbeit beeinträchtigt. Die Fachperson erwidert, es müsse schwer sein, mit einer weißen therapierenden Person zu sprechen. Mika stimmt zu. Die therapierende Person fragt: „Wie könnte ich Ihnen hilfreich sein, da ich ja keine indigene Herkunft habe?“ (S. 114). Mika sagt, es würde helfen, wenn die therapierende Person ihrem Chef einen positiven Bericht gäbe, in dem steht, dass Mika eine gute Arbeitskraft und nicht verrückt ist. Mika erklärt, weniger Streit würde ebenfalls helfen, weil sie dann nicht zu spät zur Arbeit käme, mehr schlafen und mehr Zeit mit Tokada verbringen würde. Auf die Frage „Was noch?“ ergänzt Mika, dass die Familie bei weniger Streit Zeit damit verbringen würde, über Stammestraditionen zu sprechen, und dass „wir uns dadurch mehr zu Hause fühlen würden“ (S. 114).
Dann folgt eine Wunderfrage. Die therapierende Person bittet Mika und Matt, sich einen Wandel vorzustellen, bei dem „eine ältere Person oder ein Tier Ihnen in einer Vision erscheint und Sie wissen lässt, dass die Probleme, über die Sie heute gesprochen haben, kein Problem mehr sind“ (S. 114). Mika nennt vier Veränderungen, die sich aus ihrer Vision ergeben: Sie und Matt würden im selben Bett aufwachen, weil sie sich nicht streiten würden; Matt und Tokada würden wieder mit dem Morgengesang beginnen; Tokada würde sich den Eltern beim Morgentee anschließen; und sie würden Tokada zur Schule bringen, bevor Mika zur Arbeit geht. Sie bezeichnet dies als die bestmögliche Situation, „solange wir außerhalb unseres Stammes leben“ (S. 115).
Diese Sitzung veranschaulicht, wie lösungsfokussiert beratende Fachpersonen auf die Anliegen ihrer Klientel eingehen und die Sitzungen zugleich mit den Prinzipien lösungsfokussierter Beratung im Einklang halten. Das zeigt sich darin, dass die therapierende Person das Wort sein verwendet, unterstützend auf Mikas Sorgen über Weiße […] reagiert, Matts stummes Nicken als akzeptable Form […] behandelt und die Wunderfrage um die Vision einer älteren Person oder eines Tieres herum neu ausrichtet. Die Sitzung zeigt, wie die Reaktionen lösungsfokussiert beratender Fachpersonen auf Aussagen der Klientel diese dazu anleiten, Ressourcen für Veränderung zu erkennen. Wir betrachten nun, inwiefern das Fallbeispiel eine interkulturelle Aushandlung ist.
Aus interkultureller Perspektive betrachtet, ist die Interaktion von Mika und Matt mit ihrer lösungsfokussierten therapeutischen Fachperson ein erster Schritt zum Aufbau einer Idiokultur, die in späteren Sitzungen weiterentwickelt werden könnte. Die Fragen der therapierenden Person (in denen sich lösungsfokussierte kulturelle Anliegen ausdrücken) bilden einen Kontext, in dem Klientel und therapierende Person selektiv aus indigener nordamerikanischer und weißer Kultur schöpfen, um eine gemeinsame Ausrichtung auf die anstehenden Fragen zu konstruieren. Die Fragen der therapierenden Person legen die Parameter fest, innerhalb derer indigene und weiße kulturelle Werte, Praktiken und Identitäten in ihre entstehende Idiokultur eingehen. Bezeichnenderweise fordern diese Fragen das Paar nicht auf, die Unterschiede zwischen den Kulturen zu vermischen oder zu harmonisieren. Vielmehr dreht sich die Interaktion um ausgesprochene und unausgesprochene Gegensätze zwischen ihnen.
Das Beispiel zeigt, wie Fachpersonen und Klientel in der lösungsfokussierten Arbeit Idiokulturen aufbauen, indem sie bekannte Aspekte ihrer eigenen und fremder Kulturen nutzen, um Bedeutungsgewebe zu spinnen, die mit ihren Interessen und Beziehungen vereinbar sind. Alle an der Interaktion Beteiligten zeigen interkulturelle Kompetenzen, doch Mikas Handlungen sind besonders aufschlussreich. Mika zeigt ihr Verständnis der weißen Kultur, indem sie sich sensibel für mögliche negative Gefühle der therapierenden Person angesichts ihrer Ablehnung der weißen Ausrichtung zeigt, die an Tokadas Schule vermittelt wird, indem sie um einen Bericht bittet, der den Anliegen ihres Chefs entspricht (nämlich dass sie eine gute Arbeitskraft und nicht verrückt ist), und indem sie den Wunsch äußert, die bestmögliche Situation für ein Leben innerhalb der weißen Gesellschaft zu finden. Mika zeigt auch ihr Verständnis dafür, wie therapeutische Beziehungen in der nicht tribalen Gesellschaft organisiert sind. Am eindrucksvollsten ist vielleicht, wie Mika sich außerhalb sowohl der weißen als auch der therapeutischen Kultur positioniert und zugleich an beiden teilhat. Ihre Handlungen legen nahe – ohne es zu garantieren –, dass die Interaktion ihren Anliegen und ihrem Gespür für angemessene Beziehungen zwischen Klientel und therapierender Person hinreichend gerecht wird.
Darauf zu achten, was in der Therapie gesagt wird, ist nur eine Möglichkeit, interkulturelle Kompetenz in der Interaktion zu erkennen. Wir sollten auch bedenken, worüber hätte gesprochen werden können, aber nicht gesprochen wurde. Die Entscheidungen der therapierenden Person sind hier zentral. Insbesondere zeigt sie kein Interesse an den klinischen Problemen, die Blakeslee und Smock Jordan (2014) als wiederkehrende Probleme in indigenen nordamerikanischen Gemeinschaften beschreiben. Ebenso wenig konzentriert sie sich auf Fragen, die ansonsten als grundlegend für die kulturellen Identitäten der Familienmitglieder behandelt werden könnten. So bittet sie das Paar beispielsweise nicht, über die Bedeutungen bestimmter Stammespraktiken zu sprechen (etwa den Morgengesang und die besondere Bedeutung von Tokadas Namen), darüber, welche Aspekte der weißen Kultur sie als besonders problematisch empfinden, was sie daran bedauern, den Stamm verlassen zu haben, oder was anders ist, wenn sie sich beim Leben in der weißen Gesellschaft mehr zu Hause fühlen. Es ist aufschlussreich, dass Mika im weiteren Verlauf der Interaktion nicht auf diese Fragen zurückkommt.
Drei unausgesprochene Aspekte der Therapiesitzung verdienen besondere Erwähnung. Sie betreffen den Umgang der therapierenden Person mit Zeit, Matts Arbeitslosigkeit und die Umstände, unter denen die Familie das Reservat verlassen hat. Jede dieser Fragen könnte, ausgehend von dem Wissen der therapierenden Person über die indigene nordamerikanische Kultur, als relevant für die gegenwärtige Situation der Familie angesehen werden. Könnte etwa Mikas Unpünktlichkeit bei der Arbeit mit der traditionellen indigenen Zeitorientierung zusammenhängen? Könnte Matts Arbeitslosigkeit durch übermäßigen Alkoholkonsum, Depression oder Suizidgedanken verursacht sein? Man könnte sich auch verschiedene Gründe vorstellen, warum die Familie das Reservat verlassen hat, darunter eine Entfremdung von Familienmitgliedern gegenüber anderen Stammesangehörigen. Wir könnten also fragen, ob die Probleme des Paares mit Gefühlen sozialer Trennung zusammenhängen, die sein Wohlbefinden untergraben und die enge Verbindung zwischen persönlicher und Stammesidentität infrage stellen. Wer weiß, wohin die Interaktion geführt hätte, hätte die therapierende Person ihr kulturelles Wissen genutzt, um diesen und anderen Möglichkeiten in der Sitzung nachzugehen.
Die unausgesprochenen Aspekte des Beispiels verweisen auf die Bedeutung interaktionaler Disziplin lösungsfokussiert beratender Fachpersonen bei der Wahl der Themen, die sie in der Interaktion mit der Klientel vertiefen. Diese Frage knüpft an die Warnung von Berg und Jaya (1993) an, Therapierende könnten ihr kulturelles Wissen nutzen, um die Wünsche und Bedürfnisse der Klientel übermäßig zu verallgemeinern. Interaktionale Disziplin bedeutet, eine disziplinierte Neugier aufrechtzuerhalten, die sich auf die tatsächlichen Lebensumstände der Klientel richtet. Das heißt nicht, dass es nur einen richtigen Weg gibt, mit bestimmten Menschen lösungsfokussiert zu beraten. Fine (1979) zeigt deutlich, dass alle Idiokulturen – in unterschiedlichem Maß – einzigartige soziale Konstruktionen sind. Mir geht es nur darum, dass die Konstruktion lösungsfokussierter Idiokulturen von den geäußerten Wünschen und Bedürfnissen der Klientel geleitet sein sollte. Weitere Implikationen eines interkulturellen Ansatzes der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie untersuche ich im nächsten Abschnitt.
Ich habe einen interkulturellen Ansatz lösungsfokussierter Beratung beschrieben, der auf Geertz’ (1973) Definition der Kultur als in sozialer Interaktion gesponnene Bedeutungsgewebe und auf Fines (1979) Analyse von Idiokulturen beruht. Der Ansatz erweitert McKergows und Kormans (2009) Analyse von Bedeutungen als etwas, das im Dazwischen von Fachperson und Klientel entsteht. Ich habe erörtert, wie die an lösungsfokussierten Beratungen Beteiligten in ihrer Interaktion miteinander auf Aspekte anderer Kulturen zurückgreifen. Es gibt daher keine klare oder stabile Grenze, die Interaktionen zwischen Fachperson und Klientel von den umfassenderen kulturellen Umgebungen trennt, in denen sie stattfinden. Mein interkultureller Ansatz führt das Interesse der Komplexitätstheorie daran weiter, wie Bedeutungstransformationen in manchen sozialen Interaktionen entstehen (Miller & McKergow, 2012), indem er festhält, dass lösungsfokussierte Beratungen Kontexte für die Konstruktion von Idiokulturen sind. Indem sie aushandeln, welche Aspekte anderer Kulturen in die Beratung einbezogen werden sollen, und diese auf bestimmte Weise miteinander verknüpfen, schaffen Fachpersonen und Klientel in der lösungsfokussierten Arbeit potenzielle Bedingungen für interaktionale Transformation.
Ein interkultureller Ansatz hat auch praktische Implikationen für lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen, die ihre interkulturelle Kompetenz erweitern möchten. Insbesondere veranschaulicht das Fallbeispiel von Blakeslee und Smock Jordan (2014), wie eine interkulturelle Ausrichtung lösungsfokussiert beratenden Fachpersonen helfen kann, ihre Fragen und Kommentare […], um die kulturellen Werte und Praktiken der Klientel zu berücksichtigen. Es zeigt auch, wie nützlich es ist, kulturelle Unterschiede gegenüber der Klientel anzuerkennen und sie vielleicht um Orientierung zu bitten, wie die Beratung in kulturell bevorzugter Weise gestaltet werden kann. Wichtig ist der Hinweis auf die verschiedenen potenziellen kulturellen Themen, nach denen die therapierende Person nicht gefragt hat. Zusammengenommen passen diese praktischen Implikationen einer interkulturellen Ausrichtung gut zu Panayotovs (2011, S. 8) einfacher Therapie, insbesondere zu seiner Praxis, die Klientel zu fragen: „Was glauben Sie, ist die nützlichste Frage, die ich Ihnen jetzt stellen sollte?“
Ich sehe den hier beschriebenen interkulturellen Ansatz als ersten Schritt, um mehr kulturelles Bewusstsein und mehr kulturelle Kompetenz in die lösungsfokussierte Welt einzubringen. Ich erkenne aber auch, dass ich einige wichtige Fragen im Zusammenhang mit dem Ansatz nicht behandelt habe. Diese Fragen sind künftige Überlegungen, denen sich lösungsfokussiert beratende Fachpersonen und interessierte Außenstehende in künftiger Forschung, Theorieentwicklung und Innovationen lösungsfokussierter Praxis widmen könnten. Ich erörtere hier drei künftige Überlegungen. Die erste betrifft die Frage, wie eine interkulturelle Perspektive Aspekte des vorherrschenden Diskurses in der lösungsfokussierten Welt infrage stellt.
Eine solche Infragestellung betrifft die Darstellung lösungsfokussiert arbeitender Fachpersonen als Menschen, die im Umgang mit der Klientel eine Haltung, Position oder Einstellung des Nichtwissens einnehmen. Nichtwissen ist demnach eine Wahl. Interkulturell betrachtet muss man fragen: „Wie könnten Fachpersonen jemals im Voraus wissen, welche kulturellen Themen die Klientel in eine bestimmte Beratung einbringen wird oder wie Fachperson und Klientel Bedeutungsgewebe aushandeln werden, um ihre gemeinsamen Anliegen anzugehen?“ Nichtwissen ist ein Umstand des Lebens, der Anerkennung und Akzeptanz verlangt, nicht mehr und nicht weniger. Disziplinierte Neugier hingegen ist eine Fähigkeit, die sich in unterschiedlichem Maß in den interkulturellen Aushandlungen lösungsfokussierter Beratungen zeigt. Als Fähigkeit kann disziplinierte Neugier durch Ausbildung, Supervision, Gespräche und Analysen interkultureller Aushandlungen gefördert werden.
Auch die individualistischen Annahmen, die den lösungsfokussierten Diskurs durchziehen, sind bedeutsam. Die Klientel wird so dargestellt, als bringe sie in lösungsfokussierten Beratungen einzigartige individuelle Wünsche zum Ausdruck, und Fachpersonen werden angehalten, ihr Gegenüber sehr genau als Individuum wahrzunehmen. Dieses Thema spiegelt eine fest etablierte, essentialistische Betonung in westlichen Kulturen wider. Es sollte daher nicht überraschen, dass in unterschiedlichen lösungsfokussierten Settings häufig individualistische Ansprüche von der Klientel formuliert werden. Lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen sollten diese Ansprüche ernst nehmen und sie als Beiträge der Klientel zum Aufbau von Idiokulturen behandeln, das heißt als kulturelle Ansprüche. Die Einzigartigkeit von Fachpersonen und Klientel wird ausgehandelt und verwirklicht, während sie Themen auswählen und ordnen, die sie den anderen Kulturen entlehnen, an denen sie teilhaben. So ist jede Beratungssitzung ein Kontext, in dem Klientel und Fachpersonen sozial als einzigartig konstruiert werden.
Die zweite künftige Überlegung betrifft Studien über die lösungsfokussierte Kultur. Bidwells (1999) theologische Analyse der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie ist ein Ausgangspunkt. Bidwell stellt fest, dass Hoffnung und Möglichkeit die grundlegenden Metaphern der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie sind, und fügt hinzu, dass diese Werte die Techniken und ethischen Orientierungen der Therapierenden durchdringen. Ein weiterer Ausgangspunkt ist die Charakterisierung der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie durch Ferraz und Wellman (2009, S. 326) als „Förderung einer Kultur des Engagements“. Das sind jedoch nur Ausgangspunkte. Künftige Diskussionen müssen über so vage Behauptungen hinausgehen wie die, lösungsfokussierte Beratung sei kooperativ, respektvoll und optimistisch.
Es gibt viele Möglichkeiten, diese Frage anzugehen, doch ich halte ethnografische Studien der lösungsfokussierten Welt für besonders vielversprechend. Ich sage das, weil die lösungsfokussierte Kultur mehr umfasst als das, was in Interaktionen zwischen Fachperson und Klientel geschieht. Die lösungsfokussierte Welt besteht aus einer großen Vielfalt von Settings, Akteurinnen und Akteuren sowie Aktivitäten. Dazu gehören Fortbildungen, das Lesen und Schreiben von Texten, Supervision, Konferenzvorträge, informelle Gespräche über die eigene Beratungspraxis und die anderer sowie das Erklären lösungsfokussierter Beratung gegenüber Außenstehenden. Eine ganzheitliche ethnografische Untersuchung der lösungsfokussierten Welt muss betrachten, wie lösungsfokussierte Annahmen, Behauptungen und Praktiken in unterschiedlichen sozialen Kontexten beschrieben, erklärt und gerechtfertigt werden. Sie sollte auch Meinungsverschiedenheiten unter den Angehörigen der lösungsfokussierten Welt in den Blick nehmen, die Kritik, die sie an ihrer eigenen Arbeit und an den Praktiken anderer üben, sowie die Momente, in denen sie Praktiken, die sie gewöhnlich kritisieren, für bestimmte Umstände als angemessen behandeln. Letzterer Fokus ist bedeutsam, weil von Menschen konstruierte Bedeutungsgewebe sowohl stimmige als auch widersprüchliche Themen sowie Gewissheiten und Dilemmata umfassen.
Die dritte Frage lenkt die Aufmerksamkeit auf die Beziehung zwischen dem Leben der Klientel innerhalb und außerhalb lösungsfokussierter Beratungen. Wie deutet die Klientel ihre kurze Begegnung mit der lösungsfokussierten Kultur, wenn sie in ihre Familien und Gemeinschaften zurückkehrt? Quantitative Studien zu Verhaltens- oder Einstellungsänderungen der Klientel nach lösungsfokussierten Beratungen reichen nicht aus, um diese Frage zu behandeln. Sie erfordert qualitative Studien der Bedeutungsgewebe und Interaktionskontexte, in denen die Klientel ihre lösungsfokussierten Erfahrungen in andere Idiokulturen einbindet. Wir könnten diesen Prozess als interkulturelle Übersetzung behandeln (Latour, 1983). Die Klientel übersetzt, indem sie Aspekte der lösungsfokussierten Kurzzeitkultur selektiv deutet und in ihrem Alltag anwendet. Studien darüber, wie die Klientel die lösungsfokussierte Kultur in ihrer Alltagswelt nutzt, versprechen, die Fähigkeit (Kompetenz) lösungsfokussiert beratender Fachpersonen zu stärken, die interkulturelle Übersetzung ihrer Klientel in Kontexten außerhalb der Beratung zu unterstützen.
Dieser Beitrag entwickelt einen interkulturellen Ansatz lösungsfokussierter Beratung. Die Beratungen sind Aushandlungen, in denen Fachpersonen und Klientel ihre interkulturellen Fähigkeiten nutzen, um in gewissem Maß einzigartige Bedeutungsgewebe zu entwickeln, die die Ausrichtung der Klientel auf ihr gegenwärtiges und künftiges Leben potenziell verändern. Die Aushandlungen sind auch Kontexte für die Konstruktion praktischer Ressourcen, die die Klientel nutzen könnte, um ihr Leben zu verändern. Neue Bedeutungen und Ressourcen entstehen, während Fachpersonen Aspekte vielfältiger Kulturen entlehnen und neu ordnen, um Idiokulturen zu schaffen, die als Standpunkte dienen könnten, von denen aus sich neue Möglichkeiten im Leben der Klientel erkennen lassen.
Mein interkultureller Ansatz ist zudem eine potenzielle Ressource für Therapierende, die über die Werte und Praktiken nachdenken möchten, die die lösungsfokussierte Kultur ausmachen, und über die Vielfalt der Formen, die sie in verschiedenen Beratungen zwischen Fachperson und Klientel annimmt. Er kann lösungsfokussiert beratende Fachpersonen dabei unterstützen, über ihre beruflichen Werte, Praktiken und Identitäten nachzudenken und sich nach anderen möglichen Weisen zu fragen, lösungsfokussiert zu arbeiten. Solche Reflexionen positionieren die Klientel und ihre kulturellen Präferenzen neu als Quellen der beruflichen Entwicklung von Fachpersonen. Es ist ein Weg, das interkulturelle Bewusstsein und die interkulturelle Kompetenz lösungsfokussiert beratender Fachpersonen zu erweitern, indem sie sich auf die nicht lösungsfokussierte Welt einlassen und von ihr lernen.
Auch wenn ich den Nutzen der Entwicklung eines interkulturellen Bewusstseins in der lösungsfokussierten Welt betont habe, wäre es ein Versäumnis, den Eindruck zu hinterlassen, kulturelle Analyse sei immer die nützlichste Art, lösungsfokussierte Beratung zu verstehen. Der Kulturbegriff ist nur einer von vielen Begriffen, mit denen Menschen den Fragen des Lebens Sinn verleihen. So ließen sich viele sogenannte kulturelle Fragen auch aus ökonomischer oder biologischer Perspektive behandeln – ganz zu schweigen von den zahlreichen politischen und moralischen Philosophien, die es in zeitgenössischen Gesellschaften gibt. Ohne [Zweifel] gibt es Momente, in denen andere Perspektiven den Anliegen von Klientel und Fachpersonen in der lösungsfokussierten Arbeit besser gerecht werden. Dennoch kann ich mir keine Form lösungsfokussierter Praxis vorstellen, die frei von Kultur wäre. Meine Schwierigkeit, mir diese Möglichkeit vorzustellen, hängt mit der Vielfalt der Bedeutungsgewebe und Idiokulturen zusammen, an denen Menschen in zeitgenössischen Gesellschaften teilhaben.
Es ist schwer zu behaupten, dass wir in einer Welt vielfältiger Wirklichkeiten leben, ohne den Kulturbegriff einzubeziehen.
Gale Miller
Über den Autor
Gale Miller ist emeritierter Professor für Soziologie an der Marquette University in Milwaukee. Seine Hauptinteressen gelten empirischen und theoretischen Studien über Institutionen sozialer und personenbezogener Dienste (zu denen die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie gehört) und darüber, wie Menschen Schwierigkeiten in ihrem Leben erleben. Gale verbrachte längere Zeiträume damit, verschiedene Aktivitäten, Therapiesitzungen und den Sprachgebrauch am BFTC in Milwaukee (dem „Zuhause“ der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie) zu beobachten. Sein ethnografischer Bericht über die SFBT aus der Sicht eines interessierten Außenstehenden erschien unter dem Titel Becoming miracle workers: Language and meaning in brief therapy (Aldine de Gruyter, 1997).
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Originalartikel Culture in Solution-Focused Consultation: An Intercultural Approach von Gale Miller, erschienen im Journal of Solution-Focused Brief Therapy, Bd. 1, Nr. 2 (2014), S. 25–40, doi: 10.59874/001c.75101, unter der Lizenz CC BY 4.0. Inoffizielle deutsche Übersetzung von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, mit für die Online-Lektüre angepasstem Layout und einer ergänzten Zwischenüberschrift für den einleitenden Abschnitt. Diese Übersetzung stammt weder vom Autor noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Dies ist eine inoffizielle deutsche Übersetzung des Originalartikels „Culture in Solution-Focused Consultation: An Intercultural Approach“, erschienen im Journal of Solution-Focused Brief Therapy (2014) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, Darstellung für die Online-Lektüre angepasst, wie am Anfang dieser Seite angegeben. Maßgeblich ist die Originalfassung.
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Miller, G. (2014). Culture in Solution-Focused Consultation: An Intercultural Approach. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/culture-in-solution-focused-consultation-an-intercultural-approach (Originalwerk erschienen 2014 in Journal of Solution-Focused Brief Therapy, Bd. 1, Nr. 2 (2014), S. 25-40; 2014 neu veröffentlicht von Journal of Solution-Focused Brief Therapy, https://journalsfp.org/article/75101)
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