Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Frontiers in Psychology · Paare
Was geschieht, wenn Paare, die seit Jahrzehnten zusammen sind, eine Beratungsstelle aufsuchen? Ute Kieslich und Gisela Steins von der Universität Duisburg-Essen haben die zehn Partnerinnen und Partner von fünf deutschen Paaren im Alter von 55 bis 72 Jahren getrennt befragt. Ihr zirkuläres Modell beschreibt, wie sich Belastungen anhäufen, wie in den Sitzungen eine Wiederannäherung gelingt und wie brüchig die Fortschritte bleiben, wenn der Stress zurückkehrt.
Inoffizielle deutsche Übersetzung von Long-term couple relationships - stress, problems and coping processes in couple counseling: Insights based on five case studies with five long-term couples von Ute Kieslich und Gisela Steins, erschienen in Frontiers in Psychology (Frontiers Media) (2022), doi: 10.3389/fpsyg.2022.866580, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und für die Online-Lektüre neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Die Tabellen sind als Listen wiedergegeben; die Erklärung zur Datenverfügbarkeit ist nicht abgedruckt. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Die Ergebnisse legen nahe, dass ein paartherapeutischer Ansatz für ältere Menschen in langjährigen Paarbeziehungen der emotionalen Sicherheit und der Bindung in der Paarbeziehung Vorrang einräumen sollte, um einen konstruktiven Umgang mit Konflikten zu erleichtern.
Ute Kieslich und Gisela Steins
Abstract
Im Zuge des demografischen Wandels steigt der Anteil älterer Menschen in vielen Ländern kontinuierlich, und immer mehr Menschen erleben eine lange gemeinsame Zeit als Paar. Im höheren Alter hängen das subjektive Wohlbefinden und gesundheitliche Aspekte mit der Zufriedenheit der Partnerinnen und Partner mit ihrer Paarbeziehung zusammen. Der Bedarf an Paarberatung im Alter wächst parallel zur demografischen Entwicklung. Empirische Studien zur Paartherapie mit älteren Menschen in langjährigen Paarbeziehungen liegen bislang jedoch nur in begrenztem Umfang vor. Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dieser Wissenslücke. In einem explanativen zweiphasigen Design wurde mit langjährigen Paaren in der Paarberatung geforscht; hier möchten wir die zentrale qualitative Studie vorstellen. Ziel ist es, Einzelheiten dieser Faktoren beschreiben zu können. Ältere Paare, die in langjährigen Paarbeziehungen leben, wurden mithilfe standardisierter Fragebögen zu individuellen und paarbezogenen Belastungsfaktoren und Problemen zu Beginn (N = 62) und am Ende (N = 36) ihres Paarberatungsprozesses befragt und anschließend interviewt. Fünf Paare aus dieser Studie waren die Befragten der folgenden Studie. Die Paare wurden getrennt interviewt. In dieser Interviewstudie, dem zentralen Teil dieses Beitrags, wurden die Belastungsfaktoren, Problembereiche und Bewältigungsprozesse der älteren Paare untersucht. Die Ergebnisse dienen als Anregung für weitere Forschung und können aufgrund der kleinen Stichprobe von fünf Fallstudien nur mit Vorsicht interpretiert werden: Die zentralen Ergebnisse der Studie werden in einem zirkulären Prozessmodell zusammengefasst und im Licht einschlägiger theoretischer Ansätze diskutiert. Die Kulmination massiver chronischer und akuter Belastungen und Verluste, verbunden mit Gefühlen der Überforderung und Verzweiflung, führte zu einer emotionalen Entfremdung der Eheleute. Im Verlauf der Paartherapie öffneten sich beide einander gegenseitig mit ihren Gedanken und Gefühlen und veränderten ihr bisheriges dysfunktionales Interaktionsmuster. So wurde eine emotionale und körperliche Wiederannäherung gefördert, mit der Folge, dass die subjektive Belastung beider und die Unzufriedenheit mit der Paarbeziehung abnahmen und das subjektive emotionale Wohlbefinden zunahm. Um negative Emotionen und destruktive Konflikte mit der Partnerperson zu vermeiden, setzten einige der Befragten in der Paarinteraktion aktiv Vermeidungsstrategien ein. Nach Abschluss der Paartherapie erwiesen sich die Veränderungen in den Paarbeziehungen als instabil, sobald erneut überfordernde Belastungsfaktoren auftraten. Die Ergebnisse legen nahe, dass ein paartherapeutischer Ansatz für ältere Menschen in langjährigen Paarbeziehungen der emotionalen Sicherheit und der Bindung in der Paarbeziehung Vorrang einräumen sollte, um einen konstruktiven Umgang mit Konflikten zu erleichtern. Der paartherapeutische Prozess sollte Strategien der Emotionsregulation betonen, die auf altersbedingten Stärken aufbauen, und altersbedingte Verletzlichkeiten berücksichtigen. Darüber hinaus können langjährige Paare von katamnestischen Beratungsterminen profitieren, um die erarbeiteten Veränderungen zu festigen.
Schlüsselwörter: Paarberatung, langjährige Paarbeziehungen, Bewältigungsprozesse, Problembereiche, Belastungsfaktoren
In Deutschland wie in anderen Ländern führt die steigende Lebenserwartung dazu, dass immer mehr Menschen eine lange Zeit gemeinsam als Paar verbringen. Das Deutsche Zentrum für Altersfragen (DZA) zeigt in seinem Bericht Entwicklungstrends zu den Lebensformen und Paarbeziehungen älterer Menschen auf (Nowossadeck and Engstler, 2013). Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung lässt sich bei den 70- bis 85-Jährigen ein längeres Zusammenleben von Paaren beobachten. Die nachelterliche Phase, also die Zeit, die ein Paar gemeinsam verbringt, nachdem die Kinder erwachsen sind, ist inzwischen zur längsten Phase im Lebenslauf geworden. Der Bedarf an Paarberatung im Alter wächst gleichzeitig mit der demografischen Entwicklung (Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum Münster, 2022). In institutionellen Beratungsstellen in katholischer Trägerschaft beträgt der Anteil der Ratsuchenden, die älter als 60 Jahre sind, bis zu 15%. Empirische Studien zur Paartherapie mit älteren Menschen in langjährigen Paarbeziehungen liegen jedoch nur in begrenztem Umfang vor. Die hier vorgestellte Studie befasst sich mit den Phänomenen des höheren Alters, individuellen Belastungsfaktoren, Problembereichen in langjährigen Paarbeziehungen und entsprechenden Bewältigungsprozessen im Kontext der Paarberatung. Mit dieser Studie möchten wir durch einen detaillierten Einblick in die wahrgenommenen Probleme von zehn Personen aus fünf Paaren ein tieferes Verständnis der Dynamik von Bewältigungsprozessen gewinnen. Im Folgenden erläutern wir die Voraussetzungen und den theoretischen Hintergrund unserer Forschung.
Interventionen, die sich in der Paarberatung mit jüngeren Paaren bewährt haben, erweisen sich in der Beratung langjähriger Paare mitunter als weniger wirksam. Im höheren Alter ist der Übergang in den Ruhestand eine kritische Übergangsphase, die eine Neuordnung von Distanz und Nähe als Paar erfordert. Riehl-Emde (2016a) nennt weitere wesentliche Entwicklungsaufgaben: die zunehmende emotionale Abhängigkeit voneinander, die Auseinandersetzung mit altersbedingten Einschränkungen und Verlusterfahrungen, die gegenseitige Fürsorge und gemeinsame anregende Erlebnisse. Diese Phänomene erfordern, dass Beratungsansätze und paartherapeutische Interventionen auf diese Zielgruppe zugeschnitten und entsprechend weiterentwickelt werden (Riehl-Emde, 2016b).
Prädiktoren des psychischen Wohlbefindens und der Lebenszufriedenheit im Alter sind der subjektive Gesundheitszustand, nämlich das Vorhandensein einer Partnerperson, mit der eine Bindungsbeziehung besteht, sowie die Zufriedenheit mit den eigenen sozialen Beziehungen (Martin et al., 2000). Angesichts nachlassender Kräfte, gesundheitlicher Einschränkungen, psychischer Belastungen und des Rückzugs aus beruflichen Rollen ist die Paarbeziehung im Alter als stabilisierender Faktor bedeutsam. Einerseits ist eine lange gemeinsame Geschichte als Paar als Ressource zu sehen, da die Beziehung zur Partnerperson im Erwachsenenalter die wichtigste Bindungsbeziehung ist. Andererseits bringt der Übergang in die Lebensphase des Alters neue Herausforderungen für die einzelne Person und das Paarsystem mit sich, die mit ganz spezifischen Entwicklungsaufgaben verbunden sind. Im höheren Alter treten kritische Lebensereignisse oder menschliche Grenzsituationen mit größerer Wahrscheinlichkeit auf (Staudinger and Dittmann-Kohli, 1994). Unter anderem stehen Paare ab 55 Jahren vor der Aufgabe, verschiedene körperliche und psychische Belastungsfaktoren und Einschränkungen sowie Rollenwechsel im privaten und beruflichen Bereich zu bewältigen. Im Sinne von Selbstorganisationsprozessen in sozialen Systemen (Haken and Schiepek, 2006; Schiersmann and Thiel, 2012) sind langjährige Paare im Alter gefordert, in ihrem Paarsystem qualitativ neue Organisationsstrukturen zu bilden (vgl. Theorie selbstreferenzieller Systeme, Luhmann, 2021).
Der Ansatz der Entwicklungspsychologie der Lebensspanne (Brandtstädter and Lindenberger, 2007) bietet einen geeigneten theoretischen Rahmen, um die Selbstregulationsprozesse und -fähigkeiten von Individuen sowie dyadische Prozesse bei der Gestaltung langjähriger Paarbeziehungen im höheren Alter zu betrachten. Relevant sind hier vor allem die theoretischen Ansätze und Forschungsbefunde zu Handlungsmotivation und Emotionsregulation älterer Menschen in langjährigen Paarbeziehungen (Carstensen and Lang, 2007; Charles and Hong, 2016; Carstensen, 2021).
Emotionale Ziele gewinnen im höheren Alter im Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung des subjektiven Wohlbefindens an Bedeutung. Vertraute und bedeutsame Beziehungen wie die Paarbeziehung werden bevorzugt, weniger bedeutsame soziale Kontakte werden reduziert (Carstensen and Charles, 1998). Neuere Modelle der sozioemotionalen Selektivitätstheorie befassen sich mit Altersunterschieden in bestimmten Bereichen des emotionalen und kognitiven Funktionierens, indem sie die Entwicklungsbereiche von Bedeutung und Emotion miteinander verbinden. Dabei werden sozioemotionale Stärken älterer Menschen thematisiert, zum Beispiel Kompetenzen der Emotionsregulation und emotionale Ambiguitätstoleranz, die sich besonders in Paar- und engen Familienbeziehungen zeigen. Zugleich berücksichtigen diese Modelle die Verletzlichkeiten älterer Menschen, die zutage treten, wenn Stress und emotionale Erregung anhalten. In solchen Situationen können ältere Menschen ihre Erregung aufgrund altersbedingter Veränderungen physiologischer Prozesse nur zeitverzögert herunterregulieren (Charles, 2010; Charles and Luong, 2013). Um negative Affekte und eine Eskalation auf der Paarebene zu vermeiden und das subjektive Wohlbefinden zu erhalten, setzen ältere Menschen in engen Beziehungen andere Interaktions- und Problemlösestrategien ein als jüngere (Holley et al., 2013).
Integrative theoretische Modelle, die an der Schnittstelle von Paarbeziehungen, Emotionen und Gesundheit ansetzen, bieten einen konstruktiven Rahmen für Studien mit langjährigen Paaren (Christensen et al., 2006, 2015). Entsprechende Forschungsbefunde zeigen, dass die Interaktions- und Beziehungsprozesse von Paaren mit den biologischen Mechanismen beider Beteiligten verknüpft sind, die in ständiger Abstimmung stehen. Beide Komponenten wiederum wirken sich auf die individuelle Gesundheit der Eheleute aus (Ryff et al., 2001; Uchino, 2013). Diese wechselseitigen oder synchronen Muster in Paarbeziehungen haben einen deutlichen Einfluss auf den Gesundheitszustand beider (Butler, 2011). In belastenden Lebenssituationen lassen sich sowohl gegenseitiges unterstützendes Verhalten als auch Spannungen in der langjährigen Paarbeziehung als Ergebnisse solcher komplexen interpersonalen Muster der Emotionsregulation verstehen.
Der Ansatz der Entwicklungspsychologie der Lebensspanne bietet zudem einen geeigneten theoretischen Rahmen, um über die Prozesse der Paarberatung mit älteren Menschen in langjährigen Paarbeziehungen nachzudenken. Ältere Menschen werden als aktive Gestaltende ihrer Lebensspanne und ihrer bedeutsamen Beziehungen beschrieben, insbesondere im Umgang mit altersbedingten Einschränkungen und Verlusterfahrungen.
Über die Besonderheiten der Paargestaltung und Problemlösung im Rahmen paartherapeutischer Prozesse in der Lebensphase des Alters ist wenig bekannt. Die hier vorgestellte Forschung soll dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Der Schwerpunkt unserer Forschung liegt überwiegend auf den Selbstregulationsfähigkeiten von Individuen im Hinblick auf verschiedene Belastungen sowie auf dyadischen Prozessen bei der Gestaltung langjähriger Paarbeziehungen im Alter. Die Forschung hat explorativen Charakter, konzentriert sich auf die Inhalte der Paarbeziehung und richtet sich konsequent auf die subjektive Perspektive von Menschen ab 55 Jahren, die in langjährigen Paarbeziehungen leben und eine Paarberatung in Anspruch genommen haben. Die strukturierenden Aspekte der Studie sind die Belastungsfaktoren, Problembereiche und Bewältigungsprozesse der Studienteilnehmenden.
Einem dyadischen Ansatz folgend interessiert sich die vorliegende Studie insbesondere für die Interaktionsmuster des Paares, die sich bei der Einschätzung, Bewältigung und Anpassung an verschiedene körperliche und psychische Belastungsfaktoren und Einschränkungen sowie an Rollenwechsel im privaten und beruflichen Bereich im Kontext der Paarberatung zeigen. Mit dieser Studie möchten wir durch einen detaillierten Einblick in die wahrgenommenen Probleme von zehn Personen aus fünf Paaren ein tieferes Verständnis der Dynamik von Bewältigungsprozessen gewinnen. Durch Interviews versuchen wir, über subjektive Zugänge mehr Einzelheiten über die Dynamik der Problemlösung zu erfahren. Zwar wissen wir aus der internationalen Forschung um einige Problembereiche, die mit größerer Wahrscheinlichkeit auftreten (etwa Verlusterfahrungen), und wir wissen um Veränderungen der Emotionsregulationsstrategien mit zunehmendem Alter (siehe theoretischer Teil), doch über die Dynamik der Problemlösung wissen wir nicht so viel. Möglicherweise ist es auch notwendig, den Zugang zum Thema stark zu kontextualisieren; wahrscheinlich variieren Probleme und Problemlösedynamiken mit kulturellen, wirtschaftlichen und anderen Faktoren. Daher ist das Ziel der hier vorgestellten Studie ein sehr begrenztes und bescheidenes, nämlich über die intensive und systematische Auswertung von Interviews mit einer sehr selektiven Stichprobe einen Anfang zu machen. Wir halten die Ergebnisse für alle Forschenden für interessant, die sich mit Bewältigungsstrategien langjähriger Paare befassen, und auch Therapierende, die langjährige Paare begleiten, werden von den Ergebnissen für die Gestaltung des therapeutischen Prozesses sicherlich profitieren.
Zentrale Ergebnisse einer vorangegangenen Fragebogenstudie mit langjährigen Paaren zeigen, dass im Verlauf der Paarberatung die subjektiven gesundheitlichen Beschwerden der einzelnen Personen zurückgingen und die Gesamtbelastung der Paarbeziehung abnahm. Die Unzufriedenheit mit der affektiven Kommunikation und der emotionalen Intimität in der Beziehung zur Partnerperson sowie die Unzufriedenheit in den Bereichen Aggression und Problemlösung in der Paarbeziehung hatten jedoch vom Beginn bis zum Ende der Paarberatung zugenommen.
Die hier vorgestellte anschließende qualitative Studie hat überwiegend explorativen Charakter und soll einen Einblick in Belastungsfaktoren, Problembereiche und Bewältigungsprozesse im Kontext der Beratung älterer Menschen in langjährigen Paarbeziehungen geben. Es handelt sich nicht um ein rein evaluatives Vorgehen in Bezug auf die Beratungsergebnisse. Im Mittelpunkt der Studie stehen inhaltliche Aspekte, die Paare in langjährigen Beziehungen dazu bewegen, eine Paarberatung aufzusuchen. Die Fragen und Themen der vorangegangenen Fragebogenstudie sollen vertieft werden (Mayring, 2001).
Die Studie umfasst qualitative Einzelinterviews mit einer kleinen Stichprobe von Paaren ab 55 Jahren. Sie konzentriert sich auf die subjektiven Erfahrungen und Einschätzungen der Ratsuchenden hinsichtlich ihrer individuellen Belastungen und Beanspruchungen sowie der Qualität ihrer Paarbeziehung im Zeitraum der Paarberatung: die Anlässe für die Paarberatung, die Anliegen und Erwartungen beider an den Paarberatungsprozess, ihre individuellen Belastungen, ihre Einschätzung der Qualität ihrer Paarbeziehung, die Problem- und Konfliktbereiche sowie die Entwicklungs- und Bewältigungsprozesse auf individueller und auf Paarebene.
Aus dem bewährten Methodenrepertoire der qualitativen Forschung wurden Einzelinterviews mit im Hintergrund stehenden Leitfragen geführt, die offen und erzählgenerierend sind (Mey and Mruck, 2011; Kruse, 2015). Qualitative Interviews eignen sich dazu, die Innensicht der Befragten auf einen Erfahrungsbereich zu erfassen und ihre Gedanken, Gefühle, Bewertungen und Absichten näher und differenzierter kennenzulernen (Patton, 2015, p. 423 ff.). In dieser Studie richtet sich unser Interesse auf die Ratsuchenden in langjährigen Beziehungen als Handelnde im Paarberatungsprozess. In fünf Paarberatungsprozessen waren drei verschiedene Paarberatungsfachkräfte tätig. Drei Prozesse wurden von derselben Beratungsfachkraft durchgeführt. Die Studie stützt sich auf 10 qualitative Einzelinterviews mit den 10 Partnerinnen und Partnern aus fünf langjährigen Paaren, um die subjektive Perspektive im Kontext der Paarberatung zu untersuchen. Die Studie umfasst 10 Teilnehmende aus dem Pool der vorangegangenen Fragebogenstudie, sodass uns für unsere Analyse fünf Fallstudien zur Verfügung stehen.
Hildenbrand nennt Aspekte einer „Theorie professionellen Handelns in Beratung und Therapie“ (Hildenbrand, 2008, p.38), die auf dem Forschungsstil der Grounded Theory beruhen (Strauss, 1991). Die zentralen Elemente dieser Theorie bestehen darin, die Perspektive der ratsuchenden Person einzunehmen und sie dann als Ausgangspunkt zu nutzen, um durch Fragen neue Aspekte für die Prozesse im Beratungskontext und im realen Leben der ratsuchenden Person zu gewinnen. Durch die aktive Beteiligung der Ratsuchenden entstehen Daten, die ein lebensnahes, konkretes Bild ihrer Wahrnehmungen, Deutungen und Veränderungsprozesse im Zeitraum ihrer Paarberatung ermöglichen.
Daraus ergeben sich folgende konkrete Fragen: Wie sehen die Ratsuchenden zu Beginn der Paarberatung subjektiv ihre persönliche Situation und ihre Paarbeziehung? Was war der Anlass, gerade zu diesem Zeitpunkt um Beratung zu bitten? Welche Veränderungen nehmen die Befragten rückblickend im Zeitraum der Paarberatung wahr, in Bezug auf sich selbst, auf die Partnerperson und auf die Qualität der Paarbeziehung? Wie schätzen sie die Qualität ihrer Paarbeziehung während der Paarberatung und nach Abschluss des Beratungsprozesses ein? Was war den Ratsuchenden während des Paarberatungsprozesses in Bezug auf sich selbst und die Partnerperson sonst noch wichtig? Was hat aus subjektiver Sicht der Befragten zu möglichen Veränderungen in der Beziehung zur Partnerperson und in den Interaktionsmustern als Paar geführt? Sexuelle (Un-)Zufriedenheit in den Paarbeziehungen, die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit und die Beziehungen zwischen den Generationen können relevante Themen in den Interviews sein.
Die Interviewerin war zum Zeitpunkt der Interviews 53 Jahre alt und ist selbst als Psychologin in der Paarberatung tätig. In sechs der 10 Interviewsituationen verfügte die Interviewerin über direkte Hintergrundinformationen zu den befragten Ratsuchenden, da sie mit ihnen auch einen Paarberatungsprozess durchgeführt hatte. Die Vertrauensbeziehung zu diesen Befragten bestand aufgrund des vorangegangenen gemeinsamen Beratungsprozesses bereits und musste zu Beginn des Interviews nicht erst aufgebaut werden. Andererseits könnten die Befragten ihre Beobachtungen zum Beratungsprozess und zur Beziehung zur Beratungsfachkraft im Sinne sozialer Erwünschtheit zensiert haben, wenn die Interviewerin zugleich die frühere Beraterin war (Crane et al., 2002). Die Erfahrung der Interviewerin während der Interviews zeigte, dass die Befragten sie eher als neutrale Instanz behandelten.
Die untersuchte Stichprobe bestand aus N = 10 Ratsuchenden, fünf Ehefrauen und fünf Ehemännern in fünf verschiedenen heterosexuellen Beziehungen. Alle 10 befragten Personen hatten im Rahmen der Ehe-, Familien- und Lebensberatung in verschiedenen Städten Deutschlands eine Beratung im Paarsetting erhalten. Zum Zeitpunkt des Interviews waren sie zwischen 55 und 72 Jahre alt. Alle Paare lebten in erster Ehe, und die Ehedauer lag zwischen 24 und 48 Jahren. Alle Paare haben erwachsene Kinder im Alter zwischen 20 und 45 Jahren. Vier der Paare hatten eine Beratung im Paarsetting erhalten, ein Paar hatte zunächst an einer Paargruppe teilgenommen und dann eine Paarberatung erhalten. Alle Paare meldeten sich freiwillig zur Teilnahme an der Studie, nachdem sie über die verschiedenen Beratungsstellen um Informationen gebeten hatten.
Die 10 Interviews fanden in den Räumen der jeweiligen Beratungsstelle statt, in der die Ratsuchenden zuvor Paarberatung erhalten hatten. Die Umgebung war den befragten Personen daher vertraut. Die Interviews wurden mit beiden Eheleuten einzeln geführt. Für die Interviews wurde ein teilstandardisiertes Vorgehen gewählt. Die Interviewfragen wurden entsprechend dem Ansatz der Grounded Theory weitgehend offen formuliert (Strübing, 2004). Mit Ausnahme der Eingangs- und Abschlussfragen war die Reihenfolge der Fragen nicht festgelegt und wurde flexibel an den Gesprächsverlauf angepasst, um den Redefluss der Befragten nicht zu unterbrechen (Mayring, 2002, p. 66). Die Interviews waren im Kontinuum zwischen Strukturierung und Offenheit in Richtung narrativer Interviews mit im Hintergrund stehenden Leitfragen angelegt. Das Einverständnis mit der Audioaufzeichnung des Interviews und mit Notizen der Interviewerin wurde jeweils geklärt. Die Einwilligung in die anonymisierte Verwendung der Interviewinhalte im Rahmen der wissenschaftlichen Untersuchung wurde schriftlich eingeholt (Primär- und Sekundärnutzung der Audiodaten). Die ungefähre Dauer des Interviews wurde angekündigt.
Die Länge des Interviews wurde einerseits durch den Erzählfluss der befragten Person und andererseits durch die Nachfragen der Interviewerin bestimmt, die sich aus dem Interviewleitfaden ergaben. Das kürzeste Interview dauerte 31 min, das längste 88 min. Die durchschnittliche Dauer betrug 49,5 min.
Gewählt wurde der Typus des narrativen Interviews, modifiziert durch eine Nachfrageorientierung (Helfferich, 2011, p.16). Der Interviewleitfaden ist wenig strukturiert und beginnt mit einer recht weit gefassten Erzählaufforderung. Die unten aufgeführten Nachfragen wurden eingebracht, wenn sich die Befragten nicht von selbst zu den Themenkomplexen äußerten; dabei wurden unter anderem die im Leitfaden aufgeführten immanenten Nachfragen verwendet.
Dabei wurde die Erzählung der Befragten nur wenig gesteuert. Einleitung: „Ich möchte mit Ihnen über Ihre ganz persönlichen Erfahrungen während der Zeit der Paarberatung in der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle sprechen; Erzählaufforderung:“ Sie haben sich gemeinsam mit Ihrer Frau / Ihrem Mann zur Beratung angemeldet. Wie kam es dazu, erzählen Sie bitte!“; Immanente Nachfragen: „Worum ging es bei den Problemen?“, „Können Sie die Situation genauer schildern?“, „Gibt es eine Erklärung dafür?“
Immanente Nachfragen: „Mit welchen Anliegen und Erwartungen sind Sie in die Beratung gekommen?“, „Was hat sich in der Zeit der Beratung zwischen Ihnen und Ihrem Mann/Ihrer Frau ereignet?“, „Wie ist Ihr persönlicher Eindruck von Ihrer Entwicklung als Paar in dieser Zeit?“, „Gab es Wendepunkte, herausragende Ereignisse, Veränderungen?“, „Mir fällt auf, dass Sie nicht erwähnt haben, ob die Ereignisse und Veränderungen in Ihrer Paarbeziehung mit Ihren Erfahrungen in der Paarberatung zusammenhingen. Können Sie dazu noch etwas sagen?“, „Wofür haben Sie die Beratung genutzt und wie haben Sie sie genutzt?“, „Was war für Sie im Beratungsprozess förderlich oder hinderlich?“; Bilanzierung: „Was von dem, was Sie geschildert haben, war für Sie besonders wichtig?“
Im Verlauf des Interviews wurden die Befragten gebeten, ihre eigene Zufriedenheit mit der Paarbeziehung zu Beginn der Beratung und im zeitlichen Verlauf bis zum Ende der Beratung schrittweise einzutragen (Abbildung 1). Die X-Achse stellt die Zeitpunkte des Beratungsprozesses dar, die Y-Achse bietet eine Skala von 0 (geringste Zufriedenheit mit der Beziehung) bis 10 (höchste Zufriedenheit mit der Beziehung), auf der die subjektiv wahrgenommene Qualität der Paarbeziehung einzuschätzen ist. Während des Interviews wurde wiederholt auf die Zeitachse Bezug genommen, und die Befragten wurden um ihre rückblickende Einschätzung der subjektiven Qualität der Paarbeziehung zum jeweiligen Zeitpunkt gebeten. Die Befragten markierten die leere Koordinatenvorlage selbst mit Kreuzen. Anschließend verbanden wir diese Kreuze zu einem Verlauf mit Linien. Manche Kreuze wurden auf die Linie gesetzt, manche dazwischen. Wir haben versucht, dies in die Abbildung aufzunehmen, um die Heterogenität der subjektiven Perspektiven zu verdeutlichen (Abbildung 1).

An dieser Stelle geben wir eine zusammenfassende Beschreibung einer Fallstudie wieder, damit sehr deutlich wird, welcher individuelle Detailreichtum bereits in der Problematik eines einzigen Paares steckt. Für diese Darstellung haben wir Paar E gewählt.
Fallstudie: Paar E. „Früher hat er mit dem Hund gesprochen. Und jetzt spricht er mit mir.“
Herr E. war zum Zeitpunkt des Interviews 59 Jahre alt, Frau E. 60. Sie waren seit 37 Jahren verheiratet und hatten drei erwachsene Kinder im Alter von 36, 32 und 28 Jahren. Die jüngste Tochter zog in dem Jahr aus, in dem die Paarberatung stattfand. Der Kontakt zu den beiden älteren erwachsenen Kindern wurde von beiden als gut beschrieben. Die jüngste Tochter war zeitweise in die Konflikte ihrer Eltern einbezogen.
Herr E. hatte früher in Vollzeit in der Buchhaltung eines Unternehmens gearbeitet und war zum Zeitpunkt der Paarberatung im Ruhestand. Herr E. war lange Zeit Prokurist in einem Unternehmen gewesen. Er genoss das Vertrauen seiner Vorgesetzten und seines Kollegiums, engagierte sich in erheblichem Maße in seinem Arbeitsbereich und half beim Aufbau des Unternehmens mit. Nachdem das Unternehmen den Eigentümer gewechselt hatte, fand er im neuen System keine gleichwertige Position, was ihn sehr verletzte und zugleich Existenzängste bei ihm auslöste. Im Zusammenhang mit diesen Belastungen und mit Rechtsstreitigkeiten um seinen Arbeitsplatz entwickelte er eine depressive Erkrankung. Aufgrund massiver körperlicher Beschwerden – mehrerer Bandscheibenvorfälle – wurde ihm eine Schwerbehinderung zuerkannt, die ihm ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf ermöglichte. Herr E. war bereits mehrere Jahre vor Beginn des Paarberatungsprozesses wegen Depressionen in psychotherapeutischer Behandlung gewesen. Nahezu gleichzeitig mit dem Auszug der jüngsten Tochter trat eine weitere persönliche Verlusterfahrung ein. Der Hund, der lange in der Familie gelebt hatte, musste eingeschläfert werden. Herr E. hatte eine besondere Beziehung zu dem Hund entwickelt, da dieser ihm in der Phase seiner depressiven Symptomatik eine hilfreiche Ressource gewesen war.
Frau E. war in Teilzeit im Verwaltungsbereich einer Krankenhausstation beschäftigt. Auch sie litt unter verschiedenen gesundheitlichen Einschränkungen. Etwa 5 Jahre vor Beginn der Paarberatung war sie an einer Depression erkrankt. Sie hatte eine psychologische Psychotherapie in Anspruch genommen und gute Erfahrungen gemacht. Infolge einer gynäkologischen Operation hatte Frau E. chronische Beschwerden und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, weshalb sie intime Kontakte mit ihrem Mann vermied. Im Jahr vor dem Paarberatungsprozess erlitt sie einen beidseitigen Hörsturz, der zu einer chronischen Schwerhörigkeit führte. Aufgrund ihrer Schwerhörigkeit hatte Frau E. große Probleme an ihrem Arbeitsplatz.
Belastet war sie zudem als pflegende Angehörige ihrer Mutter, die aufgrund einer Demenz pflegebedürftig war. Versuche, ihre Mutter im häuslichen Umfeld zu pflegen, scheiterten. Daher musste Frau E. einen Platz in einem Pflegeheim für sie organisieren. Mit ihrem Einkommen konnte sie die Kosten selbst nicht decken. Frau E. belastete die Aussicht, in naher Zukunft auf die gemeinsamen Ersparnisse zurückgreifen zu müssen, die ihr Mann und sie zurückgelegt hatten, um den Pflegeplatz ihrer Mutter zu finanzieren.
Zum Zeitpunkt der Anmeldung in der Beratungsstelle wies Paar E. eine Häufung von Belastungen durch körperliche und psychische Erkrankungen auf. Ihre eigenen individuellen und paarbezogenen Bewältigungsmöglichkeiten waren erschöpft. Ihre Rollen hatten sich durch die krankheitsbedingte Frühverrentung von Herrn E. verändert, sodass die Regulierung von Distanz und Nähe neu erfolgen musste. Infolge des negativen Stresses zogen sich Frau und Herr E. zunehmend aus dem emotionalen Kontakt zueinander zurück, und es kamen Trennungsgedanken auf. Ihre sexuelle Beziehung war gestört. Mehrere Verlusterfahrungen folgten in kurzen Abständen aufeinander. Beide sahen die neu entwickelte offene Kommunikation über strittige Themen und die Gestaltung gemeinsamer Aktivitäten als entscheidende Schritte im Paarberatungsprozess. Herr E. hob seinen Perspektivwechsel gegenüber seiner Frau und ihren Lebensleistungen als seine persönlich bedeutsame Veränderung hervor. Durch eine bewusste Hinwendung zu ihr konnte Herr E. seiner Frau wieder näherkommen. Er konnte die Unterstützung erkennen und würdigen, die er in der Krise von seiner Frau und seinen Kindern erhalten hatte.
Vor allem die Anregung in den Paarberatungssitzungen, problematische Themen in der Paarbeziehung offen anzusprechen, erschien ihm zunächst bedrohlich. Er befürchtete, dass die Streitigkeiten zwischen ihm und seiner Frau zu Hause zunehmen könnten, ohne dass sich eine positive Wirkung einstellte. Im weiteren Verlauf der Paarberatung erlebte Herr E. diesbezüglich einen Wendepunkt. Er hatte den Eindruck, dass er und seine Frau einen neuen Umgang mit schwierigen Situationen in der Paarbeziehung gefunden hatten.
Für Frau E. war bedeutsam, dass ihr Mann sich nun wirklich für sie interessierte und ihre Sichtweise verstand. Er hatte sich ihr in den Paarsitzungen emotional geöffnet und über seine Gedanken und Gefühle gesprochen. Frau E. wiederum veränderte ihre Interaktionsstrategie in potenziellen Konfliktsituationen, indem sie lange bekannte Meinungsverschiedenheiten und konflikthafte Differenzen zwischen sich und ihrem Mann nicht weiterverfolgte und stattdessen gelassen reagierte. In verschiedenen Situationen sprach sie bestimmte Aspekte nicht an, wodurch sie selbst sich „lockerer“ fühlte. Was in den Paarberatungssitzungen nicht angesprochen wurde, war die gemeinsame Sexualität. Frau E. brachte dieses Thema in ihrem Einzelinterview von sich aus zur Sprache.
Die Beratung fand ausschließlich im Paarsetting statt und umfasste acht Sitzungen von je 90 min. Die Beratungssitzungen fanden im Abstand von etwa 2 Wochen statt, und der Beratungsprozess dauerte 4 Monate. Die Interviews fanden 2 Wochen nach Abschluss der Paarberatung nacheinander an 1 Tag in der Beratungsstelle statt.
Die Erschließung der Interviewtexte erfolgte auf der Grundlage der qualitativen Inhaltsanalyse. Ziel ist es, die über Transkripte fixierten Aussagen der Befragten zu analysieren und Schlussfolgerungen zur Beantwortung der Forschungsfragen zu ziehen. Auf diese Weise wird das komplexe Material im Hinblick auf die für diese Studie relevanten Aspekte gefiltert und strukturiert. Aufgrund des explorativen Charakters der Studie beziehen wir uns am ehesten auf die inhaltlich strukturierende Variante, deren Ziel es ist, Themen im vorliegenden Material zu erfassen (Kuckartz, 2012). Deduktive und induktive Schritte werden häufig kombiniert (Kuckartz, 2007; Schreier, 2014). Deduktiv aus der Forschungsliteratur und theoretischen Modellen abgeleitet ergeben sich Kategorien, die sich auf mögliche individuelle und paarbezogene Belastungsfaktoren und Problembereiche im Alter beziehen, etwa chronische Erkrankungen oder normative Krisen wie der Auszug erwachsener Kinder und der Eintritt in den Ruhestand.
Patton verweist auf den Ansatz der „Grounded Theory“ (Glaser and Strauss, 1979; Strübing, 2004) und empfiehlt, bereits in einem frühen Stadium der Inhaltsanalyse in das Datenmaterial einzutauchen, um dessen inhärenten Sinn freizulegen.
Zur Vorbereitung der Kategorisierung wurde das gesamte transkribierte Textmaterial sorgfältig gelesen, wichtige Textpassagen wurden mithilfe der QDA-Software MAXQDA markiert, und es wurden Memos mit Kommentaren und Ideen für Codes angelegt. In einem ersten Codierschritt wurden Sinneinheiten im Text als Codiereinheiten ausgewählt, denen verschiedene Codes zugeordnet wurden. Im Sinne des „offenen Codierens“ (Patton, 2015, p. 542) wurden alle Textelemente einbezogen. In den Textsegmenten kommt es dadurch zu teilweisen Überschneidungen, d. h. einer Sinneinheit werden verschiedene Codes zugeordnet. Insgesamt wurden 673 Codierungen vorgenommen. Einige Sinneinheiten in den Transkripten wurden mehreren Codes zugeordnet, da die Aussagen unterschiedliche Aspekte enthalten. Die Hauptcodierung des gesamten Textmaterials nahm die Erstautorin selbst vor. Darüber hinaus standen fünf Personen (alle mit professionellem psychologisch-pädagogischem Fachwissen) zur Prüfung des Kategoriensystems zur Verfügung. Sie prüften unabhängig voneinander die Passung an verschiedenen Textauszügen und machten zum Teil eigene Vorschläge für weitere Codes. Auf Grundlage der Rückmeldungen der Mitcodierenden und gemeinsamer Diskussionen wurde das Kategoriensystem überarbeitet und ergänzt.
In einem weiteren Auswertungsschritt wurden Codes zu übergeordneten Kategorien zusammengefasst. Den Ansätzen der deduktiven und der induktiven Kategorienbildung ist gemeinsam, dass das Textmaterial anhand bestimmter Merkmale beschrieben und geordnet wird. Diese beschreibenden Kriterien werden in der qualitativen Inhaltsanalyse als Kategorien bezeichnet (Kuckartz, 2007, p. 57). Nach Schreier (2014) bilden die relevanten Bedeutungsaspekte des Materials die Kategorien eines Kategoriensystems. Ein Teil dieser Kategorien wurde aus Bezügen zu theoretischen Modellen und empirischen Forschungsergebnissen abgeleitet, z. B. Verlusterfahrungen oder normative und nicht-normative Lebensübergänge im Alter. Ein anderer Teil der Kategorien ergab sich aus den Fragen des Interviewleitfadens. Zu den letztgenannten Kategorien gehören beispielsweise die Belastungen und Probleme. In weiteren Schritten wurden zusätzliche Kategorien entwickelt, die sich auf unerwartete Aspekte beziehen oder Entwicklungsaspekte der einzelnen Beteiligten sowie auf Paarebene während des Beratungsprozesses widerspiegeln (Flick, 2010).
Da die Ergebnisse sehr detailliert und komplex sind, führen wir zunächst die wichtigsten zentralen Befunde stichwortartig auf und erläutern sie anschließend ausführlich:
Die beiden letzten Teilergebnisse legen nahe, dass die Kommunikation über Belastungsfaktoren den wahrgenommenen Stress erhöhen kann, vor allem bei Personen, die zu vermeidenden Konfliktlösungsstrategien neigen; dies könnte erklären, warum mehr Kommunikation die Unzufriedenheit in einer Partnerschaft durchaus erhöhen kann.
Die Aussagen der Befragten lassen sich unter drei großen thematischen Überschriften oder Clustern zusammenfassen: Belastungsfaktoren, Problembereiche und Bewältigungsprozesse. Diese drei thematischen Cluster folgen in der genannten Reihenfolge dem zeitlichen Ablauf der Paarberatungsprozesse, wie er in den Interviews beschrieben wurde, und stehen in einer zirkulären Beziehung zueinander. Sie sind in Abbildung 2 dargestellt.

Belastungsfaktoren – Hier geht es um die bio-psycho-sozialen Einschränkungen und paarbezogenen Schwierigkeiten, die die Befragten im Hinblick auf ihre langjährigen Paarbeziehungen erlebten. Belastende Faktoren fanden sich sowohl in den Anlässen für die Anmeldung zur Paarberatung als auch im Zusammenhang mit den Themen zu Beginn des Paarberatungsprozesses.
Problembereiche – Diese Kategorie betrifft die individuellen und paarbezogenen Aspekte, mit denen sich die Paare im Rahmen der Paarberatung auseinandersetzen und die sie lösen mussten. Im Verlauf des Beratungsprozesses veränderten und erweiterten sich die Perspektiven der Ratsuchenden auf die Problembereiche und die dysfunktionalen Interaktionsmuster in ihrer Paarbeziehung. Die Befragten berichteten, dass sie eine differenzierte Sicht auf individuelle und paarbezogene Aspekte entwickelten.
Bewältigungsprozesse – Diese Kategorie bezieht sich auf die entsprechenden Veränderungsschritte der einzelnen Person und des Paarsystems. Verschiedene Formen der Bewältigung der belastenden Faktoren und Probleme führten im Verlauf des Paarberatungsprozesses zu Veränderungen bei den Einzelnen und im Paarsystem.
Die qualitative Auswertung der Interviews ergab fünf Hauptkategorien. Die fünf Hauptkategorien lauten: Schlüsselsituationen – Anlässe für die Paarberatung; Themen der Ratsuchenden zu Beginn der Paarberatung; Themen, die die Ratsuchenden im Verlauf der Paarberatung entwickelten; Veränderungen im Paarsystem während des Beratungszeitraums; Entwicklung im Paarsystem nach Abschluss der Beratung.
Auf der Grundlage der Einzelfallanalysen der 10 Interviews zeigte sich, dass es sinnvoll ist, die Interviewaussagen entlang des zeitlichen Verlaufs des Paarberatungsprozesses zu kategorisieren, da die Befragten einen Prozess mit aufeinanderfolgenden Schritten in Bezug auf die Paarberatung und die Entwicklung der Qualität ihrer Paarbeziehung beschrieben.
Ähnlich wie die drei übergeordneten Abschnitte der Studie skizziert das Phasenmodell der systemischen Paarberatung nach Jellouschek und Kohaus-Jellouschek (1993) idealtypische zeitliche Entwicklungsschritte, die Paare in einer gemeinsamen Therapie durchlaufen (können). Diese Schritte sind die Phasen der Verstrickung, der Differenzierung und der Neuorientierung.
Zu Beginn befindet sich das Paar in der sogenannten Verstrickungsphase, die als Sackgasse erlebt wird.
In der Studie entspricht dies der Benennung der Belastungsfaktoren als Anlässe für die Paarberatung und der Themen zu Beginn der Beratung. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Themen, die die Männer und Frauen zu Beginn der Beratung nannten. Da es sich um eine kleine Stichprobe handelt, dienen die Prozentangaben lediglich als Überblick für diese kleine Gruppe und lassen sich nicht verallgemeinern.
Tabelle 1 — Überblick über die Themen, die die Männer und Frauen zu Beginn der Beratung nannten
Prozentualer Anteil der Nennungen dieses Problems bei N = 10.
Die Befragten sahen keine Möglichkeiten, diese Belastungen zu bewältigen, und suchten eine Paarberatung auf. Dass die Paare im Beratungssetting mit ihren dysfunktionalen Interaktionsmustern auf der Paarebene konfrontiert wurden und sich auf ihre jeweiligen Anteile am Interaktionsmuster des Paares konzentrierten, eröffnet ihnen die Möglichkeit, in die sogenannte Differenzierungsphase überzugehen, in der sie sich ihrer Verstrickungen auf der Paarebene bewusst wurden, sich mit der Partnerperson austauschten und einander in der Folge emotional näherkamen.
Merkmale der Differenzierungsphase finden sich in der qualitativen Auswertung in der übergeordneten Kategorie „Problembereiche“, die als „von den Ratsuchenden während der Paarberatung entwickelte Themen“ eingeordnet ist. Nach Jellouschek und Kohaus-Jellouschek (1993) gelingt es Paaren, destruktive Interaktionszirkel aufzulösen, indem einerseits beide individuell mehr Selbstverantwortung (zurück)gewinnen und sich andererseits einander öffnen und ihre Gefühle zeigen. Dies bringt Bewegung in die verfestigte Paardynamik, und die problematischen Themen können in der folgenden „Phase der Umstrukturierung“ (oder Neuorientierung) im Rahmen der Paarberatung bearbeitet und überwunden werden. In der Hauptkategorie „Veränderungen im Paarsystem während des Beratungszeitraums“ finden sich entsprechende kognitive, emotionale und behaviorale Aspekte, die die Befragten rückblickend als relevante Veränderungen benannten (Tabelle 2). Diese Phase kann damit enden, dass das Paar entweder eine neue Grundlage für die Paarbeziehung findet oder sich zur Trennung entschließt.
Tabelle 2 — Kategorien, für die während des Beratungsprozesses Veränderungen berichtet wurden
Häufigkeit (f) und Prozentanteil.
In allen 10 Interviews berichteten die Befragten zudem spontan über die Entwicklung der Zufriedenheit in ihrer Paarbeziehung nach Abschluss der Paarberatung. Die Zufriedenheit mit der Paarbeziehung stieg somit während des Beratungszeitraums mehr oder weniger deutlich an und sank nach Abschluss der Paarberatung wieder.
Auch Aussagen über die Beziehung zur Beratungsfachkraft machten alle Befragten. Die weitere, siebte Kategorie beruht auf den Aussagen der Befragten zu ihrem Kontakt mit Einrichtungen des Gesundheitswesens. Diese beiden Kategorien lassen sich der Kategorie „Bewältigungsprozesse“ zuordnen.
In diesem Abschnitt werden die zentralen Ergebnisse der Studie in der Systematik der entwickelten Hauptkategorien dargestellt und diskutiert, eingeordnet in einen zirkulären Zusammenhang (Abbildung 2)?
Sowohl die Ergebnisse der vorangegangenen Fragebogenstudie als auch die der vorliegenden Studie liefern Hinweise auf die Verflechtung der Prozesse im Paarsystem mit den Emotionen und dem Gesundheitszustand beider Beteiligten. Integrative theoretische Modelle, die an der Schnittstelle der Bereiche Paarbeziehung, Emotionen und Gesundheit ansetzen, bieten daher einen konstruktiven Rahmen für Studien mit langjährigen Paaren Uchino (2013). Sie zeigen, wie spezifische Komponenten in Paarbeziehungen, zum Beispiel grundlegende soziale Beziehungsprozesse und aufeinander abgestimmte biologische Mechanismen, bei beiden Beteiligten zusammenwirken und den individuellen Gesundheitszustand beeinflussen. Im Prozess der Emotionsregulation wirken Gefühle, Kognitionen, Bewertungen, Verhaltensweisen und (neuro)physiologische Komponenten zusammen (Ochsner and Gross, 2007).
Nach subjektiver Einschätzung der Befragten hatte es im Vorfeld der Beratung schon seit geraumer Zeit problematische Entwicklungen gegeben. Im höheren Alter treten kritische Lebensereignisse oder menschliche Grenzsituationen mit größerer Wahrscheinlichkeit auf (Staudinger and Dittmann-Kohli, 1994). Dazu gehören gesundheitliche Einschränkungen, Erkrankungen und Verlusterfahrungen verschiedenster Art, die ältere Menschen herausfordern, Bewältigungsformen zu entwickeln und ihren eigenen Lebensentwurf und ihr persönliches Sinnsystem umfassend neu zu gestalten. Zum Zeitpunkt der Anmeldung zur Paarberatung hatten die Belastungen im Paarsystem entweder eine „kritische Masse“ erreicht und/oder es war eine aktuelle Veränderung im Paar- und Familiensystem eingetreten, die den Anstoß gab, sich Unterstützung durch eine Paarberatung zu suchen („Schlüsselsituation“). In diesem Zusammenhang sind belastende Ereignisse als normative und nicht-normative kritische Lebensereignisse zu verstehen (Filipp, 1990), z. B. chronische somatische und psychische Erkrankungen (eigene wie die der Partnerperson), der Verlust des Arbeitsplatzes oder das unter ungünstigen Umständen erfolgte Ausscheiden aus dem Erwerbsleben sowie subjektive Verlusterfahrungen durch den Auszug erwachsener Kinder. Die Belastungsfaktoren waren sehr schwer und mächtig und hielten teilweise über Jahre an. Die Befragten hatten zuvor vergeblich versucht, diesen negativen Stress ohne externe Unterstützung zu bewältigen, was die Belastung letztlich noch verstärkte. Die Versuche der einzelnen Person, des Paares und die Hilfe aus dem sozialen Umfeld hatten keine Entlastung und keine Lösungen gebracht; deshalb wurde dann über eine Paarberatung professionelle Hilfe gesucht. Dieses Phänomen ist als Kaskadenmodell bekannt (Bodenmann, 2000; Widmer Rodríguez Betancourt, 2001).
Studien haben Hinweise auf die Beziehungsqualität als Moderator der physiologischen Koregulation von Paaren erbracht (Pietromonaco et al., 2013). Eine geringe Paarzufriedenheit erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Verknüpfung oder Übertragung negativer Stimmungen und individueller Erregung zwischen den beiden entwickelt. Paare, die eine hohe Übereinstimmung in der physiologischen Erregung zeigten, neigten eher dazu, einander emotional „anzustecken“ und auf Stress und negative Zustände der anderen Person mit einem eigenen Erregungsanstieg zu reagieren (Saxbe and Repetti, 2010). Vermittelt wird dies über die HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse; McEwen, 2000). Dieses wichtige Stressreaktionssystem des Körpers wird aktiviert, wenn Stress subjektiv empfunden wird. Sein Endprodukt ist Cortisol, und es gilt als verlässlicher Prädiktor für Stress. Ergebnisse zweier Studien von Wrzus et al. (2013) stützen die Hypothesen zur Überforderung und zum Zusammenhang mit der Emotionsregulation im höheren Alter. Werden ältere Menschen mit komplexen unangenehmen Ereignissen konfrontiert, die mehrere Lebensbereiche betreffen, zeigen sie ausgeprägtere psychische und kardiovaskuläre Reaktionen als jüngere.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Schlüsselsituationen, in denen sich die Paare für externe Unterstützung durch eine Paarberatung entschieden, Lebenssituationen waren, in denen sich die Belastungen und Herausforderungen der Paarbeziehung häuften und die bisherigen eigenen Bewältigungskapazitäten beider nicht mehr ausreichten. Es handelte sich um die aktuelle Zuspitzung eines chronischen Konflikts und/oder um einen subjektiv erlebten Krisenhöhepunkt aufgrund der Häufung mehrerer langanhaltender Belastungen, bei dem die eigenen Bewältigungsfähigkeiten des Paares erschöpft waren. In einigen Fällen traten im Lebenskontext zusätzliche akute belastende Ereignisse auf.
Zu den Lebenssituationen, die die befragten Paare dazu brachten, sich an eine Beratungsstelle zu wenden, gehören Verluste und Einschränkungen im gesundheitlichen Bereich, also somatische und psychische Beeinträchtigungen und Erkrankungen, sowie der Verlust des Arbeitsplatzes einer der beiden Personen. Zugleich sind dies die Themen, an die sich die Befragten rückblickend als ihre Anliegen im Paarleben zu Beginn der Beratung erinnern. In den Interviews berichteten die Eheleute von Gefühlen der Verzweiflung und der Überforderung. Damit verbunden entwickelte sich im Vorfeld der Paarberatung zunehmend eine subjektiv negative Beziehungsqualität. Die in den Interviews genannten Themen zu Beginn der Beratung entsprechen weitgehend den Vorannahmen, die sich in der Literatur zu den Problembereichen von Menschen über 55 finden: Verlusterfahrungen, Erkrankungen, Kränkungen und Überforderungen sowie Übergangssituationen wie der Eintritt in den Ruhestand oder die sogenannte „Empty-Nest-Situation“ (Freund et al., 2014; Riehl-Emde, 2014, 2015). Massive gesundheitliche Beeinträchtigungen durch körperliche und psychische Erkrankungen und Symptome waren zu Beginn des Paarberatungsprozesses die am häufigsten genannte Kategorie. Dabei handelte es sich zum Beispiel um chronische somatische und psychische Erkrankungen und Einschränkungen einer oder beider Personen, die teilweise mit dauerhaften Schmerzen einhergehen, um körperliche und langfristige psychische Folgen einer schweren somatischen Erkrankung, um Depressionen, Angststörungen oder eine Suchterkrankung einer der beiden Personen. Häufig genannt wurden auch Verlusterfahrungen, insbesondere der Verlust des Arbeitsplatzes oder Mobbingerfahrungen, aber auch der Auszug der erwachsenen Kinder und damit der Abschied von der aktiven Elternrolle. Es wurde deutlich, dass es sich um kumulative Verlusterfahrungen handelte, also um nacheinander oder gleichzeitig auftretende Belastungen, die die Bewältigungsmöglichkeiten der einzelnen Beteiligten und der Paare in ihrem sozialen Umfeld überstiegen. Beschrieben wurden Situationen der Überforderung und Gefühle der Verzweiflung: „Und das ging dann 5 Jahre so, und dann hat unser Hausarzt – ich habe mich immer wieder beklagt, und dann sagte er: ‚Ja, ja, Frau A., Sie müssen froh sein, dass Ihr Mann überhaupt noch lebt!‘ Ich sage, ja, natürlich bin ich froh, dass er lebt, sage ich, aber das ist doch kein Leben mehr. Ich sage, ich sterbe eher daran als er.“
Diese Belastungen und Überforderungserfahrungen gingen mit einer „emotionalen Entfremdung“ auf der Paarebene einher: „Das waren also geballte Situationen, die uns in die Quere kamen, und wir haben uns immer mehr auseinandergelebt. Er war immer in seinem Raum und ich in meinem.“ Diese Kategorie erfasst den fehlenden oder verlorenen emotionalen Kontakt des Paares. „Er war immer so in einer Glasglocke“, so beschreibt eine Befragte ihren Eindruck von ihrem Mann. Die Erfahrung emotionaler Entfremdung von der Partnerperson wird in der Stressforschung im Zusammenhang mit den Auswirkungen belastender Situationen auf enge Beziehungen aufgegriffen (Karney et al., 2005).
Der Ansatz der Entwicklungspsychologie der Lebensspanne (Brandtstädter and Lindenberger, 2007) bietet einen geeigneten theoretischen Rahmen, um die Selbstregulationsprozesse und -fähigkeiten von Individuen sowie dyadische Prozesse bei der Gestaltung der langjährigen Paarbeziehung im höheren Alter zu betrachten. Relevant sind hier vor allem Forschungsergebnisse zu Handlungsmotivation und Emotionsregulation älterer Menschen in langjährigen Paarbeziehungen (Carstensen and Lang, 2007; Charles and Carstensen, 2007). Mit abnehmender verbleibender Lebenszeit werden emotionsbezogene Ziele vorrangig (Carstensen et al., 1999, 2011), d. h. die Qualität sozialer Beziehungen – insbesondere der Paarbeziehung – gewinnt im höheren Alter an Bedeutung. Dem Grundbedürfnis nach Nähe und Akzeptanz in der Paarbeziehung kommt damit eine besondere Bedeutung zu. Erscheint die Bindung an die Partnerperson gefährdet, kann dies erheblichen Stress auslösen. Die enge Beziehung zur Partnerperson beeinflusst daher die Gesundheit, indem sie im Prozess der Paarinteraktion die gesundheitsrelevanten körperlichen Reaktionen beider verändert, die als Korrelate ihrer Emotionen entstehen (Sbarra and Coan, 2018).
Zu Beginn der Beratung beschrieben sich die Eheleute als emotional voneinander entfernt. „Emotionale Entfremdung“ im Sinne eines Verlusts an Intimität und an Zugang zur Partnerperson, verbunden mit Gefühlen der Isolation, wurde von den Befragten durchgängig als Phänomen genannt: „Jeder hatte sein eigenes Leben gelebt … wir hatten über die Jahre überhaupt nicht als Paar gelebt.“
Diese Erfahrung emotionaler Entfremdung von der Partnerperson wird in der Stressforschung im Zusammenhang mit den Auswirkungen belastender Situationen auf enge Beziehungen aufgegriffen (Karney et al., 2005). Neff und Karney (2004) untersuchten den „Stress-Spillover“-Effekt. Demnach führt paarexterner Stress dazu, dass in der Paarbeziehung negative Wahrnehmungen auftreten und der konstruktive Umgang beider mit diesen kritischen Wahrnehmungen stark eingeschränkt ist. Bei hohem Stress sind die kognitiven Ressourcen beider überlastet, und sie können nicht zwischen externem Stress und Beziehungsunzufriedenheit unterscheiden. Eine Befragte beschrieb ihre Situation so: „… ich hatte bald einen Nervenzusammenbruch. Ich habe mitten in der Nacht geschrien, dass das ganze Haus alles gehört haben muss. Aus Verzweiflung und weil ich nicht mehr konnte.“
Nach Bodenmann (2013) erfüllt eine enge, tragfähige und verbindliche Paarbeziehung das menschliche Grundbedürfnis nach Bindung. Die drohende Gefahr, die Paarbindung zu verlieren, kann Angst auslösen. Mentalisierungsbasierte Ansätze in der Paartherapie weisen darauf hin, dass in belastenden und bedrohlichen Situationen, in denen Angst vor Bindungsverlust erlebt wird, das Bindungssystem erheblich aktiviert wird. In bedrohlichen Situationen hat die partnerbezogene Bindung den adaptiven Vorteil, dass die Nähe der Partnerperson Unterstützung sichert und hilft, Angst abzubauen (Rohmann et al., 2006). Parallel dazu kann die Mentalisierungsfähigkeit beider (vorübergehend) eingeschränkt sein. Eine der Befragten beschrieb ihren Ehemann so: „Er war eigentlich immer unter einer Glasglocke. Man kam also gar nicht an ihn heran.“ Dies führt zu Fehldeutungen und dysfunktionalen Reaktionen in der Paarinteraktion, was wiederum beim Gegenüber Ärger und Rückzugsreaktionen aktiviert (Plitt, 2017). Hier scheint das Konzept der Mentalisierung relevant zu sein. Das Konzept der Mentalisierung geht auf die Arbeitsgruppe um Fonagy zurück (Fonagy et al., 2002) und umfasst „die Fähigkeit, sich innere Zustände wie Motive, Gefühle und Überzeugungen im eigenen Selbst wie auch in anderen Menschen angemessen vorzustellen“ (Rottländer, 2017, p.24). Reife Mentalisierungsfähigkeiten fördern hingegen die gemeinsame Problemlösung als Paar. Mentalisierung wird als stressabhängiger Prozess konzipiert (Kirsch et al., 2016). Gerade bei starken Emotionen, z. B. Angst oder Wut, die bei beiden mit hoher Erregung einhergehen, ist das Risiko hoch, dass die Fähigkeit zum angemessenen Mentalisieren – vorübergehend – nicht aufrechterhalten werden kann. Nach dem dualen Stressverarbeitungsmodell (Luyten et al., 2011) steigt die Erregung unter Stress an und führt zu einem Umschalten von kortikalen (präfrontaler Kortex) auf subkortikale Systeme (posteriorer Kortex und limbisches System) (Schultz-Venrath, 2015). Für eine reflektierte Problemlösung bei niedriger bis mittlerer Erregung werden kortikale Systeme benötigt. Bei hoher Erregung ermöglichen subkortikale Leistungen eine rasche Informationsverarbeitung, gehen aber mit einem Rückgang der Mentalisierungsfähigkeit einher. Explizite, kontrollierte Mentalisierungsprozesse nehmen mit steigender Erregung ab. An ihre Stelle treten implizite, automatische Mentalisierungsprozesse. Im neurobiologischen stressabhängigen Modell hängt der individuelle Umschaltpunkt von einem expliziten zu einem impliziten Mentalisierungsmodus mit dem Ausmaß an Bindungsstress und den individuellen Bewältigungsstrategien zusammen (Kotte and Taubner, 2017). Stress und Bindungsaktivierung in der Paarbeziehung sind eng miteinander verknüpft, da der Umschaltpunkt von expliziter zu impliziter Mentalisierung unter anderem mit dem Ausmaß an Bindungsstress und den individuellen Bewältigungsstrategien zusammenhängt. Eine ausreichende Mentalisierungsfähigkeit fördert einen konstruktiven Umgang mit den eigenen Emotionen und denen der Partnerperson und ermöglicht es, die zentralen Konflikte in der Paarbeziehung zu regulieren.
Zusammenfassend waren die Themen, die den Befragten zu Beginn der Beratung bewusst waren, massive gesundheitliche Belastungen und verschiedene Verlusterfahrungen. Damit verbunden waren bei beiden Gefühle der Überforderung und in der Folge eine emotionale Entfremdung als Paar. Bei überfordernden Stresserfahrungen können reife Formen der Mentalisierungskompetenz bei beiden zusammenbrechen. Dies führt zu Fehlwahrnehmungen und dysfunktionalen Erfahrungen in der Paarbeziehung (Bark et al., 2016). Die Bindungsbeziehung der Eheleute war zum Zeitpunkt der Anmeldung zur Paarberatung gefährdet, was aufgrund der hohen Priorität emotional bedeutsamer Beziehungen bei älteren Menschen bedeutet, dass ihnen emotionale Sicherheit in der Paarbeziehung nicht mehr als Ressource zur Verfügung stand.
Diese Kategorie unterscheidet sich von der Kategorie „Themen der Ratsuchenden zu Beginn der Paarberatung“ dadurch, dass sich die Ratsuchenden im Verlauf des Beratungsprozesses bestimmte Aspekte oder Hintergrundthemen ihrer belasteten Paarbeziehung und ihren eigenen Anteil an den Problemen genauer ansahen und sich ihnen öffneten. Dadurch veränderten sich die Perspektiven der Paare. Statt der Themen zu Beginn der Paarberatung, die sie eher im Sinne externer Belastungsfaktoren beschrieben hatten, rückten innere Anliegen und Bedürfnisse der Befragten in den Mittelpunkt. Dieser Fokuswechsel lässt sich möglicherweise bereits als Ergebnis der Paarberatung betrachten. In der aktuellen Paartherapieforschung wird angenommen, dass Ansätze, deren Wirksamkeit evidenzbasiert nachgewiesen ist, gemeinsame Wirkfaktoren aufweisen (Davis et al., 2012). So werden in der Paartherapie unspezifische Veränderungsmechanismen identifiziert, die sich in drei Kategorien zusammenfassen lassen: „das Tun verändern, das Denken verändern und das Fühlen verändern“ (Davis et al., 2012, p.42).
Die Themen der Befragten stimmen weitgehend mit den Themen überein, die in der Literatur als Beratungsthemen älterer Paare in der Paartherapie aufgeführt werden (Riehl-Emde, 2014, p.15). Die Befragten beschrieben dysfunktionale Interaktionsmuster in der Paarbeziehung, die sich zum Beispiel infolge der veränderten Situation nach dem Ende der Berufstätigkeit oder aufgrund einer Erkrankung entwickelt hatten: „… und, das war uns relativ schnell klar, dass das bei uns schon ein großer Punkt ist, der einfach nicht in Ordnung ist. Weil jeder sagt, hör mal, ich kann dies und das nicht machen, weil es dem anderen nicht gut geht. Von beiden Seiten war diese Rücksichtnahme einfach zu viel des Guten.“
Die Beziehung zu den erwachsenen Kindern und die Empty-Nest-Situation sowie deren Auswirkungen auf die Qualität der Paarbeziehung wurden für die Befragten im Verlauf der Paarberatung zu relevanten Themen. Beziehungen zu Familienangehörigen, insbesondere die Bindungen an die eigenen Kinder und Enkelkinder, sind über den gesamten Lebenszyklus hinweg eine wesentliche Quelle von Lebensqualität und Wohlbefinden (Mahne and Huxhold, 2017). Erwachsene Kinder, die bis vor Kurzem im elterlichen Haushalt lebten, hatten im Paarsystem eine regulierende Funktion. So waren sie zum Beispiel Vertrauenspersonen eines Elternteils und glichen emotionale Defizite in der Paarbeziehung aus: „Das war positiv, ich konnte mit ihr (der Tochter, Anm. d. Verf.) immer reden, was ich mit meinem Mann nicht konnte.“ Diese Ausgleichsmöglichkeit war in der Lebenssituation der Befragten vor Beginn der Beratung weggefallen, sodass die Paare gefordert waren, neue Regulationsmechanismen für Distanz und Nähe in ihrem Kontakt zu finden.
In ihrer Rolle als Eltern beschäftigte die Paare die Lebensführung ihrer erwachsenen Kinder, und sie waren in dieser Hinsicht emotional engagiert: „Und so bin ich jetzt auch wieder. Ich versuche, das Negative ist da, die Sorge um die Tochter ist da, um nicht daran kaputtzugehen, denn der Arzt selbst hat ja schon gesagt, als sie uns gab, als sie mir mal so eine Szene gemacht hat, dass ich mich nicht um sie gekümmert hätte, mit Problemen in ihrer Ehe.“
Auch das Ungleichgewicht in der Paarbeziehung aufgrund einer Erkrankung oder der biografischen Belastung einer der beiden Personen wurde im Beratungsprozess thematisiert. Es ging zum Beispiel um die ungleiche Verteilung von Verantwortung: „Das geht zu weit. Dann sage ich auch, warum machst du es nicht so, und warum machst du es nicht so. Weil ich dann schon irgendwo in diesem blöden Verantwortungsgefühl bin, und dann schieße ich natürlich übers Ziel hinaus …“ Maladaptive Strategien der Partnerperson gegenüber der erkrankten Person – z. B. Überbehütung – lassen das eigene negative Stressniveau ansteigen (Coyne and Fiske, 1992).
Die Gestaltung des Körperkontakts zwischen den Eheleuten und die Störung ihrer sexuellen Beziehung hingen mit gesundheitlichen Problemen, emotionaler Entfremdung voneinander oder Machtkämpfen in der Paarbeziehung zusammen. In einer kanadischen Längsschnittstudie mit fast 400 älteren, selbstständig zu Hause lebenden Paaren stand gemeinsame Sexualität überwiegend in positivem Zusammenhang mit der Paarqualität und wurde als Quelle der Zufriedenheit gesehen (Trudel et al., 2014). Den Befragten zufolge wurde Sexualität nur in einigen Paarberatungsprozessen angesprochen. In den Interviews sprachen fast alle Befragten die – fehlenden – körperlichen Kontakte, die Zärtlichkeit miteinander und die sexuelle Beziehung als Paar an. Die Themen „Distanz und Nähe“ sowie „Bindung und Autonomie“ in der Paarbeziehung spielten eine Rolle. Ein Interaktionsverhalten der einen Person, das als besitzergreifend oder emotional distanziert erlebt wurde, wurde mitunter damit beantwortet, dass die andere Person sexuellen Kontakt vermied: „Und dann hat man richtig gemerkt, nein, dass: ‚Wenn ich jetzt küsse, dann kriegt er mich vielleicht.‘ Nein! Da war für sie Feierabend. Als ob sie dichtmacht. Sie ist jetzt angefressen. Die Grundsäuerlichkeit, würde ich sagen, hindert sie daran, loszulassen und zu sagen: ‚Ach, komm!‘“ Bei einem Paar sprachen beide Befragten ausdrücklich davon, den anderen Teil durch die Verweigerung sexueller Aktivität zu „bestrafen“. Vieles deutet darauf hin, dass die Zufriedenheit mit der sexuellen Beziehung nicht hauptsächlich davon bestimmt wird, ob Geschlechtsverkehr stattfindet, sondern davon, ob ein Paar in der Lage ist, sich über seine individuellen Wünsche und Bedürfnisse auszutauschen und sich über die Gestaltung seiner gemeinsamen Sexualität zu verständigen (Baas and Schmitt, 2010).
Neben den belastenden Aspekten benannten die Befragten ausdrücklich Ressourcen ihrer Paarbeziehung. Gegenseitige Solidarität, Kontinuität in der Bindung an die Partnerperson und gemeinsame Werte wurden als Grundlage der Paarbeziehung und als stabilisierende Faktoren bewertet. Im Vordergrund standen dabei die lange Dauer der Paarbeziehung und der Wert des „Zusammenbleibens“ aufgrund der gemeinsamen Lebensgeschichte. „Wir waren immer ein Paar. Und ich weiß nicht, ich gebe auch nicht so schnell auf. Und mein Mann wohl auch nicht. Unsere Ehe, unsere Familie hat eigentlich eine ganz andere Basis oder ein ganz anderes Ziel als die jungen Leute von heute.“ Im Konzept des Commitments, das die bewusste Entscheidung für die Bindung an die Partnerperson und die Kontinuität über die Zeit umfasst, finden sich ähnliche Merkmale (Sternberg, 1986; Acker and Davis, 1992; Bodenmann, 2013).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass den Befragten im Verlauf des Beratungsprozesses ihre dysfunktionalen Interaktionszirkel als Paar und ihr eigener Beitrag zu diesen Mustern in ihrer Paarbeziehung bewusst wurden. Insofern ist die Differenzierung der Themen für die Paarberatung unter Berücksichtigung dysfunktionaler Muster in der Paarinteraktion bereits eine bedeutsame Mentalisierungsleistung, die zur Problemlösefähigkeit des Paares beiträgt (Plitt, 2017). Thematisiert wurden ein Ungleichgewicht in der Rollenverteilung aufgrund von Krankheit, Einschränkung oder biografisch bedingter Verletzlichkeit einer der beiden Personen sowie die anstehenden Entwicklungsaufgaben in der Beziehung zu den erwachsenen Kindern im Sinne einer Ablösung von der gemeinsamen Elternrolle. Diskrepanzen in der körperlichen/sexuellen Beziehung des Paares kamen in einigen Paarberatungsprozessen zur Sprache. Die Thematisierung der Partnerschaftsprobleme zu Beginn des Paarberatungsprozesses führte dazu, dass beide ein stärkeres Bewusstsein für die Spannungen und ungelösten Themen in der Paarbeziehung entwickelten.
Veränderungen werden hier als Bewältigungsprozesse beider Beteiligten verstanden. Die in den Interviews beschriebenen Veränderungen betrafen die Paarbeziehung und die Befragten an sich. Diese Veränderungen vollzogen sich innerhalb und außerhalb der Paarberatungssitzungen. Folgende Erfahrungen im Interaktionsprozess des Paares innerhalb der Beratungssitzungen waren für die Befragten bedeutsam.
Sehr häufig genannt wurde der offene Austausch über die eigenen Gedanken, Gefühle, Erfahrungen, Probleme und Sichtweisen in Bezug auf die Partnerperson: „Man hat, man ist offener mit sich selbst umgegangen. Man hat mehr über sich persönlich gesprochen. Man hat auch mal die eigenen Wünsche offen ausgesprochen. Und das kam sehr gut an.“ Eine befragte Frau betonte, dass sie in der Beratungssituation ihrem Mann zuhören und seine Impulse aufnehmen konnte: „Und dann sage ich, du verletzt mich noch mehr, wenn ich jetzt da sitze und plötzlich etwas von dir höre, was ich vorher hätte ertragen können, aber nicht gehört habe. Und das hat mich erstaunt, mich ein bisschen wütend gemacht. Aber ich bin nie aufgestanden und rausgegangen, weil es irgendwo, irgendwo vielleicht auch interessant war.“
Studien zu allgemeinen Wirkfaktoren in der Paartherapie identifizieren folgende übergreifende therapeutische Prozesse: die Sicht des Paares auf das benannte Problem in Richtung Objektivität verändern, kontextuelle Einbindung auf Paarebene, emotionsgesteuertes dysfunktionales Verhalten verringern, den bisher vermiedenen Ausdruck von Emotionen sowie konstruktive Kommunikationsmuster fördern (Benson et al., 2012). Das Ausmaß an Offenheit und Bezogenheit auf die Partnerperson kann die Wirkung von Stress auf die HPA-Achse beeinflussen (Slatcher et al., 2010).
Den eigenen Anteil an den Paarproblemen zu erkennen, war für die Befragten ein entscheidender Schritt: „Nein, eigentlich genauso, äh, unsicher, oder dass ich weiß, dass ich letztlich die Schritte gehen muss. Ähm – ja, und ich bin einfach zu feige zu sagen, okay, das ist nicht so, wie wir uns eine Ehe vorstellen. Und, äh, ja, so innerlich kann sich keiner ändern, das geht gar nicht …“ Angeregt durch die Beratung veränderten mehr als die Hälfte der Befragten ihre Perspektive auf die Paarbeziehung: „Na ja, indem ich versuche, auf den Mann, meinen Partner, zuzugehen und es mit anderen Augen zu sehen.“ Die Paartherapieforschung zeigt, dass sich therapeutische Prozesse als wirksam erweisen, die parallel Veränderungen auf emotionaler, kognitiver und behavioraler Ebene anstoßen (Greenberg and Johnson, 1986; Christensen, 1988; Greenberg et al., 2010). Im Mentalisierungskonzept gilt es als Leistung, die eigenen Affekte wahrzunehmen, einzuordnen und mitzuteilen, ebenso wie die Emotionen der Partnerperson wahrzunehmen (Cordes and Schultz-Venrath, 2015). Dies ermöglicht es, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und die Wirkung des eigenen Verhaltens aus dessen Sicht zu sehen. Die Befragten beschrieben diesen Perspektivwechsel als entscheidenden Schritt im Prozess der Paarberatung.
Die Befragten schilderten, dass ihnen im Verlauf der Beratung klar wurde, dass die dysfunktionalen Interaktionsmuster auf der Paarebene sie in die emotionale Entfremdung geführt hatten und dass sie in dauerhaft überfordernden Situationen den emotionalen Zugang zueinander verloren hatten: „Die Mauer, die ging hoch.“ Die Bedrohung der Bindung in der Paarbeziehung ist eng mit Stress verknüpft (Hazan and Shaver, 1987). Dies steht im Einklang mit dem Modell des stressabhängigen Umschaltens der Mentalisierung (Luyten et al., 2011). Stress, erhöhte Erregung und die damit einhergehende Aktivierung des Bindungssystems führen zu einem Umschalten vom expliziten, kontrollierten zum impliziten, automatischen Mentalisieren (Plitt, 2017, p.44). Je nach individuellen Bindungserfahrungen und psychischen Strukturmerkmalen erfolgt dieses Umschalten zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Bei hoher emotionaler Belastung, wie die Befragten sie beschrieben, hatten die Eheleute möglicherweise keinen Zugang zu ihren Mentalisierungsfähigkeiten. Das Modell der Koregulation in engen Beziehungen geht davon aus, dass die beiden Personen in Paarbeziehungen ein dynamisches emotionales System bilden (Butler and Randall, 2013). Während der Paarberatungssitzungen gelang es den Befragten, ihre Erregung zu senken, und sie waren (wieder) in der Lage, einander zu mentalisieren und über ihre Paardynamik zu reflektieren.
Die Befragten beschrieben Veränderungen außerhalb der Beratungssituation, also im Alltag der Paare. Sie hatten wieder emotionale und sexuelle/körperliche Nähe zur Partnerperson gefunden, was auch ihr subjektives Wohlbefinden steigerte: „Also, wo – am Anfang, wo wir viel darüber gesprochen haben, da fand ich das für uns beide toll! Er wurde auch immer offener, und das war sehr, sehr schön. Mir ging es immer besser, und ich habe auch gemerkt, wie mein Körper anders reagiert hat. Und die Wehwehchen, die man jetzt so hat, wurden immer weniger.“
Von primären Veränderungsprozessen innerhalb der Beratungssitzungen, die es Paaren ermöglichen, kurzfristig Intimität zu erleben, werden sekundäre Veränderungsprozesse außerhalb der therapeutischen Situation unterschieden (Schär, 2010). Das Erleben von Intimität mit der Partnerperson in der paartherapeutischen Sitzung, unterstützt durch therapeutische Interventionen, fördert den Transfer in den Alltag des Paares. Die Befragten berichteten, dass sie kurz nach den Paarberatungssitzungen Veränderungen in ihrer gemeinsamen Interaktion als Paar im Alltag umsetzten. Im Modell SAVI (Strength and Vulnerability Integration) werden altersbedingte sozioemotionale Stärken postuliert, denen altersbedingte Verletzlichkeiten gegenüberstehen; diese zeigen sich in Situationen anhaltender emotionaler Erregung, die im höheren Alter nur zeitverzögert abgebaut werden kann (Charles, 2010; Charles and Luong, 2013). Es fand sich ein neues Gleichgewicht als Paar, das eine der befragten Frauen so ausdrückte: „Und, aber es ist so – 50 Jahre, bald 50 Jahre sind wir zusammen, das ist wie hier so ein Kettenglied, manchmal ist es verheddert, das Glied, und dann ist es wieder glatt, oder man zieht es glatt. Und so ist es in der Ehe auch. Manchmal gibt es Zeiten, die sind so verheddert, dass man denkt, man kriegt sie nicht wieder gerade, und dann werden sie wieder glatt.“ Der Zusammenhang zwischen körperlichem und psychischem Wohlbefinden und der Zufriedenheit in der Paarbeziehung ist vielfach belegt und wird vermutlich durch solche psychobiologischen Prozesse der Stressreduktion beeinflusst (Frisch et al., 2017).
Einige Befragte versuchten, die Paarbeziehung zu stabilisieren, indem sie konfrontative Begegnungen mit der Partnerperson zu lange bekannten Konfliktthemen aktiv vermieden. „Wie sage ich das? Wie habe ich das gemacht? Wenn ich das jetzt verwende, das Wort, unterwürfig habe ich mich gegeben. … Sodass sie wieder die Oberhand bekam – das heißt, jetzt haben wir wieder 4 Tage, als sie hier war, war sie wieder 3 Tage nicht ansprechbar.“ Eine bewusste Entscheidung zur Rücksichtnahme oder „Opferbereitschaft“ diente einigen Befragten dazu, die negative Spannung aus der aktuellen Paarinteraktion herauszunehmen. „Ja, und jetzt haben wir uns da so in der Mitte eingependelt. Ähm, ich versuche, sie nicht zu provozieren, und sie nimmt nicht mehr immer alles so übel. Das ist ein Vorteil.“
In langjährigen Paarbeziehungen im höheren Alter wird die Aufrechterhaltung des Funktionsniveaus der Paarbeziehung als Gewinn erlebt, da sie das subjektive Wohlbefinden fördert (Ebner et al., 2006). Nach der Prozesstheorie von Gross (John and Gross, 2004) wählen ältere Menschen häufiger die Affektregulationsstrategie der Neubewertung, bei der sie die konnotierten oder belastenden Situationen umdeuten. Auf diese Weise vermeiden sie negative Emotionen und bewältigen die Situationen mit geringerem Ressourceneinsatz. Der Einsatz passiver Emotionsregulationsstrategien gehört zu den erweiterten sozioemotionalen Kompetenzen im höheren Alter (Blanchard-Fields, 2007). Konstruktive und beziehungsförderliche Strategien der Konfliktvermeidung finden sich daher bei Paarkonflikten älterer Menschen häufiger als bei jüngeren (Holley et al., 2013). Bei älteren Menschen lassen sich Vermeidungsziele, die sich gegen einen Verlust oder eine negative Veränderung des derzeit stabilen Status richten, somit als konstruktiv bewerten (Urry and Gross, 2010). Strategien der Verdrängung oder Unterdrückung bei emotional bedeutsamen Konflikten in Paarbeziehungen erfordern erhebliche kognitive Ressourcen (Edelstein and Gillath, 2008; Peters, 2015a). Es ist daher zu fragen, unter welchen Bedingungen die beschriebenen Vermeidungsstrategien als reife Form der Affektregulation anzusehen sind und wann sie an ihre Grenzen stoßen. Dies kann eintreten, wenn die physiologische Erregung ein so hohes Niveau erreicht, dass aufgrund der altersbedingt verlängerten Erregung eine Überforderungssituation entsteht (McEwen, 2000; Labouvie-Vief and Medler, 2002; Charles, 2010).
Für die Befragten bedeutete eine erneute Entscheidung für die Partnerperson eine weitreichende Veränderung, die auch als Wendepunkt beschrieben wurde: „Ich habe noch gesagt, da bist du ja endlich wieder. Ja, und so ein kleiner Anlass, große Wirkung, kann einem bewusst machen, so wie das Grübeln und Nachdenken 2 Tage vorher, kann einem bewusst machen, wie wertvoll der Mensch eigentlich noch ist.“ Die lange gemeinsame Geschichte als Paar wurde als Ressource in den Blick genommen. Theorien der Affektoptimierung (Carstensen et al., 2003; Charles, 2010) postulieren, dass sogenanntes gutes Altern durch eine selbstwirksam gestaltete positive Gegenwart gekennzeichnet ist. Aktuelle Ansätze zur Affektreaktivität (Ong and Bergeman, 2004; Almeida, 2005) betonen, dass in belastenden Situationen nicht so sehr das Ausmaß negativer Affekte bedeutsam ist, sondern vielmehr die Möglichkeit, positive Emotionen zu erleben. Dass sie sich trotz der aktuellen Belastungen und Schwierigkeiten an gute Zeiten in der Paarbeziehung erinnerten, erleichterte es den Älteren, ihre Emotionen zu regulieren (Riehl-Emde, 2016a,b).
Von einigen Befragten gab es deutliche Hinweise darauf, dass sie keine Veränderung ihrer Paarthemen wahrgenommen hatten. Vier Befragte aus zwei der Paare berichteten, dass sie ihren Umgang mit einem unüberbrückbaren Konfliktbereich verändert hätten. Eine Zunahme von Intimität in Paaren wird durch therapeutische Interventionen unterstützt, die bei beiden folgende Faktoren fördern: Empathie, Einsicht in Motive und Gefühle, Einsicht und Verhaltensänderung sowie die Mobilisierung von Unterstützung (Woolley et al., 2000).
Zusammenfassend wurde deutlich, dass im Verlauf der Paarberatung relevante intra- und interindividuelle Veränderungen bei den Ratsuchenden und in ihrer Paarbeziehung stattfanden. Die Thematisierung der Probleme in der Partnerschaft bewirkte ein stärkeres Bewusstsein für die dysfunktionalen Interaktionszirkel und ungelösten Themen in der Paarbeziehung. Durch selbstkritische Reflexion der eigenen Anteile an diesen Interaktionsmustern und emotionale Selbstöffnung gegenüber der Partnerperson durchbrachen die Befragten ihre bisherige Art der Beziehungsgestaltung. Dies ermöglichte den Paaren, einander emotional und körperlich wieder näherzukommen. Nach Riehl-Emde (2005) trägt Sexualität im Alter dazu bei, dass sich Menschen in der Paarbeziehung sicher und der Partnerperson nahe fühlen, was wiederum die Fähigkeit zur Selbstwertregulation stützt. Zärtlichkeit gilt heute als unterschätzter Faktor für den Gesundheitszustand im dritten und vierten Lebensalter (Riehl-Emde, 2016a). Einigen der Befragten diente „aktive Konfliktvermeidung“ dazu, negative Emotionen in der Paarbeziehung zu regulieren.
Die Befragten beschrieben rückblickend, dass sie im Verlauf des Paarberatungsprozesses eine emotionale Wiederannäherung an die Partnerperson erlebten und positive Veränderungen in der Paarkommunikation sowie Veränderungen ihrer Interaktionsmuster als Paar umsetzten. Dies führte zu einem verbesserten subjektiven Wohlbefinden. Die Veränderungen waren jedoch eher von kurzer Dauer. Gegen Ende oder nach Abschluss des Paarberatungsprozesses nahmen der subjektiv wahrgenommene Stress und die Unzufriedenheit mit der Paarbeziehung bei der Mehrheit der Befragten wieder zu. Diese Entwicklung zeigt sich deutlich in den Einschätzungen der Qualität der Paarbeziehung, die die Befragten während der Interviews in einem Koordinatensystem vornahmen (Abbildung 1). Nach einem Anstieg in der ersten Phase der Paarberatung sank die Paarzufriedenheit mehr oder weniger wieder ab. Aus den Aussagen der Befragten geht sehr deutlich hervor, dass sie die in der Beratung erreichten Veränderungen oft als nicht stabil erlebten: „Erst Schwung, dann der alte Trott.“ Den Befragten gelang es nicht, die Veränderungen auf Dauer in den Alltag zu übertragen. Dies war vor allem dann der Fall, wenn negative Belastungsfaktoren erneut auftraten: „Lass uns nicht viel miteinander reden, weil wir beide nicht mehr können. Und das wollten wir eigentlich loswerden, … Und da sind wir im Moment nicht. Und deshalb ist es für uns, für mich, im Moment immer noch unheimlich schwer.“
In der Zusammenschau aller 10 Einschätzungen wird deutlich, dass die Zufriedenheit mit der Paarbeziehung nach einem anfänglichen Anstieg wieder sinkt (Abbildung 1).
Die Befragten sagten, dass sie die Paarberatung zu früh beendet hätten oder bei weiteren kritischen Situationen erneut eine Beratung aufsuchen würden: „Wir haben hinterher auch gesagt: ‚Wir hätten nicht so schnell aufgeben sollen! Wir hätten länger herkommen sollen, länger und mehr reden, vielleicht wäre es noch besser geworden. Vielleicht haben wir zu früh abgebrochen.‘ Wir haben gesagt: ‚Okay, wir schaffen das. Wir sind auf dem richtigen Weg, wir kommen da hin.‘ Aber es war noch lange nicht richtig gefestigt.“ Mit zunehmendem Bindungsstress, den die von uns Befragten als belastend erlebten, ist von einem Verlust des emotionalen Kontakts auf der Paarebene und einer abnehmenden Flexibilität beider im Reflektieren auszugehen. Situationen mit hoher emotionaler Erregung – etwa belastende Konflikte in der Paarbeziehung – gehen bei älteren Menschen mit zunehmender physiologischer Aktivität einher (Kunzmann and Grühn, 2005; Uchino et al., 2005). Ältere Menschen zeigen, anders als Erwachsene mittleren Alters, vermutlich eine geringere physiologische Reaktivität, wenn ihre Erregung niedrig ist. Überschreitet die durch sozioemotionalen Stress ausgelöste emotionale Erregung eine Schwelle, zeigen ältere Menschen eine stärkere physiologische Reaktion als jüngere und können infolgedessen ihre Fähigkeiten der kristallinen Intelligenz nicht zur Problemlösung nutzen (vgl. Peters, 2015b).
Im Rahmen eines integrativen paartherapeutischen Modells (Schär, 2010) wird zwischen primären und sekundären Veränderungsprozessen unterschieden. Kurzfristig, zu Beginn der Paartherapie, wird gefördert, dass das Paar in verschiedenen Bereichen seiner Beziehung (wieder) Intimität miteinander erlebt. Auf dieser Grundlage können in einer späteren Phase der Paartherapie Interventionen eingesetzt werden, um das Intimitätserleben des Paares auf Dauer und in der Folge die Paarzufriedenheit und Paarstabilität zu fördern.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Mehrheit der Befragten während der Paarberatung wieder emotionale und körperliche Nähe in ihrer Paarbeziehung fand, positive Aspekte an der Partnerperson und in der Beziehung wahrnahm und die Paarberatung zu diesem Zeitpunkt beendete. Diese Veränderungsaspekte erwiesen sich jedoch als nicht stabil, wenn erneut starker Stress auftrat. Die Konflikte auf der Paarebene nahmen dann wieder zu, und beide zeigten infolge ihrer erneuten Überlastung aggressives Verhalten. Wie eine befragte Person sagte: „Weil einfach beide körperlich in so einem schlechten Zustand sind und dann nur noch, nicht miteinander, sondern nur noch gegeneinander. Jeder ist erschöpft, genervt, will aber seine Arbeit fertig machen.“ Aufgrund des erhöhten Stressniveaus und der Aktivierung des Bindungssystems könnte die explizite Mentalisierungsfähigkeit beider eingeschränkt gewesen sein. Durch das Umschalten in den impliziten Mentalisierungsmodus bei hohem Stress ist die kognitive Kapazität geringer, was Gedächtnisleistung, Informationsverarbeitung und Problemlösung erschwert. Eine höhere emotionale Erregung infolge chronischen Stresses geht bei Paaren mit einer geringeren Erinnerung an erlernte Kommunikationsfertigkeiten einher (Baucom et al., 2012).
Die Befragten gaben an, dass sie die Paarberatung über einen längeren Zeitraum hätten fortsetzen oder wieder aufnehmen sollen. Probleme in der Paarbeziehung wurden in der Paarberatung benannt, doch die Paare fanden (noch) keine tragfähigen Lösungen.
Zusätzlich zu den drei zentralen Themen „Belastungsfaktoren, Problembereiche und Bewältigungsprozesse“, die sich bereits im Interviewleitfaden finden, kam in den Interviews überraschend immer wieder zur Sprache, dass die Befragten parallel zum Beratungsprozess oder davor und/oder danach Einrichtungen des Gesundheitswesens in Anspruch nahmen, wenn die Spannungen in ihrer Paarbeziehung und damit der subjektive Stress stark zunahmen. Sie suchten eine hausärztliche oder fachärztliche Praxis, niedergelassene psychotherapeutische Praxen, eine psychiatrische Fachklinik oder ein Allgemeinkrankenhaus auf.
Massive akute und chronische gesundheitliche Beeinträchtigungen – sowohl durch körperliche als auch durch psychische Erkrankungen – gehörten zu den zentralen Belastungsfaktoren, die die Befragten als Merkmale ihrer Lebenssituation nannten. Es war daher zu erwarten, dass sie während des Paarberatungsprozesses und/oder danach auch Hilfe im Gesundheitswesen suchen würden. In einigen Fällen gaben die Befragten jedoch ausdrücklich an, dass der Aufenthalt der Partnerperson in einer stationären Einrichtung oder eine ärztliche Behandlung nach Abschluss der Paarberatung dazu diente, die Emotionen in der Paarbeziehung zu regulieren. Mit Blick auf den stationären Aufenthalt ihres Mannes in einer psychiatrischen Klinik sagte eine Frau: „Es geht nicht darum, ihn abzuschieben und wegzubringen. Sondern einfach, damit ich ein bisschen Luft bekomme. Nein, ich will nicht weg oder so. Ich will nur, wir haben jeden Abend telefoniert, aber ich will einfach das Gefühl haben, dass es ihm erst mal gut geht. Die bauen ihn wieder auf, und dann muss ich das nicht machen. Also nach dem Motto, ich kann mich ein bisschen um mich selbst kümmern und muss nicht – so ist es eigentlich, das habe ich ihm schon so oft gesagt, das habe ich damals hier auch gesagt, ich will einfach nicht die Verantwortung haben.“
In einigen Fällen hatte der Stress in der Paarbeziehung zu Symptomen auf körperlicher Ebene beigetragen, die eine ärztliche Behandlung nach sich zogen. Eine befragte Person reflektierte: „Ja, und ob sie ihm das gesagt hat, weiß ich nicht, jedenfalls gab es die Untersuchung (in der Hausarztpraxis, Anm. d. Verf.), und man konnte ihn ins Krankenhaus bringen, und das war mehr oder weniger, ich möchte fast sagen, das war die Rettung unserer Ehe.“
Nach solchen Aussagen in den Interviews stellen sich Fragen zur Vernetzung von psychologischen Beratungsstellen und Gesundheitswesen. Wirksamkeitsstudien zu familien- und paartherapeutischen Behandlungen weisen darauf hin, dass parallel weniger ärztliche Behandlungen in Anspruch genommen werden. Dies ist insbesondere bei sogenannten „High-Utilizern“ zu beobachten (Crane, 2007). Bei der Mehrheit der Befragten kam der erste Hinweis, sich zur Paarberatung an eine Beratungsstelle zu wenden, aus einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis. Die Kriterien solcher Überweisungen in die Paarberatung waren im Rahmen dieser Studie nicht bekannt. Ebenso wenig war bekannt, ob und wie die Leistungen und Interventionen in Einrichtungen des Gesundheitswesens und in der Paarberatung aufeinander abgestimmt waren. Es stellt sich die Frage, ob Paare, die Beratung suchen, das Gesundheitssystem weniger in Anspruch nehmen würden, wenn die Probleme auf der Paarebene durch Paarberatung gelindert würden. Forschung zum Zusammenhang zwischen häufiger Inanspruchnahme von Gesundheitseinrichtungen und Psychotherapie bzw. Familien- und Paartherapie zeigt einen „Offset-Effekt“. Bei Personen, die Ehe- oder Familientherapie in Anspruch nahmen, ging die Nutzung des Gesundheitssystems um über 20% zurück (Law and Crane, 2000).
Die Befragten beschrieben, dass sie Einrichtungen des Gesundheitswesens nutzten, um ihre Emotionen zu regulieren, wenn interpersonale Situationen in ihrer Paarbeziehung eskalierten. Ausgehend von diesen Aussagen lässt sich fragen, ob und wie die Vernetzung von Beratungsstellen mit dem Gesundheitswesen erfolgt. Nach welchen Kriterien werden Paare an Beratungsstellen verwiesen und von dort an Einrichtungen des Gesundheitswesens? Lassen sich die Leistungen und Interventionen im Beratungs- und im Gesundheitsbereich wirksamer aufeinander abstimmen, um den Bedürfnissen der Ratsuchenden gerecht zu werden? Um ihr subjektives Wohlbefinden zu erhalten, kann es für ältere Menschen ratsam sein, Einrichtungen des Beratungs- und des Gesundheitsbereichs parallel in Anspruch zu nehmen. Die Interventionen verschiedener Hilfe- und Therapieangebote sollten möglichst aufeinander abgestimmt werden, um Synergieeffekte zu erzielen. Dies würde fallübergreifende und fallbezogene Kontakte zwischen den Einrichtungen erfordern.
Insgesamt ist die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse der Studie aufgrund der Datenbasis stark eingeschränkt. Es war nicht möglich, die Teilnehmenden an den qualitativen Interviews nach bestimmten Kriterien auszuwählen. Es ist fraglich, ob vor allem Ratsuchende, die mit dem Paarberatungsprozess und mit der Beratungsfachkraft zufriedener waren, der Teilnahme an den Interviews zustimmten. Paare, die sich getrennt oder die Beratung abgebrochen hatten, standen beispielsweise für Interviews nicht zur Verfügung.
Die Aussagekraft der Daten ist auch durch die Merkmale der Stichprobe begrenzt. Es handelte sich um heterosexuelle Paare ab 55 Jahren, die seit vielen Jahren in erster Ehe verheiratet waren. Nach Angaben der Beratungsfachkräfte wurde die Paarberatung regulär abgeschlossen, und die Paare wurden von ihrer jeweiligen Beratungsfachkraft zur Teilnahme an der Fragebogenerhebung und an einem Interview eingeladen. Möglicherweise wurden etwaige negative kritische Aspekte der Paarberatung in den Interviews nicht angesprochen. Auch die Tatsache, dass beide wussten, dass auch die andere Person zum selben Thema befragt würde, könnte zu selektiven Aussagen der Befragten geführt haben.
Langjährige Paare suchen eine Paarberatung auf, wenn sie aufgrund der Häufung chronischer und akuter Belastungen und Einschränkungen, verbunden mit dem subjektiven Gefühl von Überforderung und Hilflosigkeit, übermäßigen Stress erleben. Bei der Anmeldung zur Paarberatung erleben sie eine sehr hohe emotionale Erregung, weil sie von Problemen überflutet werden und keine eigenen Bewältigungsmöglichkeiten finden.
Aufgrund des erhöhten Stressniveaus verlieren beide den Zugang zu ihrer im Laufe des Lebens erworbenen sozioemotionalen Expertise und zu ihren Problemlösefähigkeiten in der Paarbeziehung.
Infolge der Überlastung kommt es auf der Paarebene zu emotionaler Entfremdung, die das Bindungssystem der Paare aktiviert. Dadurch geraten beide in weitere emotionale Aufruhr.
Die Mentalisierungsfähigkeit beider bricht unter der hohen Stressbelastung vorübergehend zusammen, was zu einer Störung der affektiven Kommunikation des Paares und mitunter zu aggressivem Verhalten führt. Individuelle Verletzlichkeiten und Bindungsstile beeinflussen den Umschaltpunkt vom expliziten zum impliziten Mentalisieren im Paarsystem.
Der Beratungsprozess ermöglicht es den Eheleuten, sich auf der Paarebene emotional wieder anzunähern, was wiederum zur emotionalen Beruhigung der einzelnen Personen führt. Die Paare nehmen den Körperkontakt wieder auf, was das Bindungssystem beider beruhigt und negative emotionale Erregung verringert.
Diese Beruhigung ermöglicht es den älteren Paaren, wieder auf ihre erworbene sozioemotionale Expertise zuzugreifen. Durch die Verringerung der Erregung sind beide (wieder) in der Lage, sich einander emotional zu öffnen, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und den eigenen Anteil an den Problemen auf der Paarebene zu erfassen (d. h. reifes Mentalisieren zu nutzen). Dies ermöglicht eine reflektierte Problemlösung auf der Paarebene, und beide sehen Problembereiche wie auch Ressourcen in der Paarbeziehung differenziert.
Bei lange bekannten oder bestehenden Interaktionsproblemen in der Paarbeziehung nutzen ältere Menschen situative und konstruktive Vermeidungs- und Distanzierungsstrategien, die ihnen helfen, emotionale Belastungen in der Paarbeziehung zu vermeiden und ihr emotionales Wohlbefinden zu stabilisieren.
Tritt erneut erheblicher Stress auf, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ältere Erwachsene ein hohes Belastungsniveau nicht vermeiden oder keine kognitiv-behavioralen Strategien zur Abschwächung aversiver emotionaler Erfahrungen einsetzen können. Infolgedessen bricht ihre reife Mentalisierungsfähigkeit erneut zusammen. In diesen Situationen können sie nur in begrenztem Maße auf ihre altersbedingten emotionalen Vorteile zurückgreifen, um ihre Emotionen zu regulieren.
Einige ältere Menschen in langjährigen Paarbeziehungen nutzen in belastenden Situationen Einrichtungen des Gesundheitswesens, um Unterstützung bei der Emotionsregulation zu erhalten und ihr Paarsystem zu entlasten.
Auch wenn die der hier vorgestellten Studie vorangegangene Fragebogenstudie für diesen Beitrag nicht zentral ist, sind zwei ihrer Ergebnisse bemerkenswert: Wir fanden einen Rückgang der subjektiven Beschwerden und der Gesamtbelastung der Paarbeziehung, zugleich aber eine Zunahme der Unzufriedenheit mit der affektiven Kommunikation/emotionalen Intimität, der Problemlösung und der Aggression in der Paarbeziehung. Dieses letzte Ergebnis lässt sich durch Teilergebnisse der Studie erklären.
Diese Annahmen bilden die Grundlage für weitere Forschungsfragen in der Beratung langjähriger Paare. In diesem Zusammenhang bleibt das Wissen um die Veränderungen der Emotionsregulationsstrategien mit zunehmendem Alter von besonderer Bedeutung.
Aus unserer Sicht führen die Ergebnisse zu Annahmen über die Gestaltung des Beratungsprozesses mit langjährigen Paaren, die wir hier als zusammenfassende Überlegungen festgehalten haben:
Complexe Systémique: Kernpunkte
Der Wert dieser kleinen deutschen Studie liegt darin, genau zu verfolgen, was geschieht, wenn seit 24 bis 48 Jahren verheiratete Paare in die Beratung kommen. Das Muster ist deutlich: Nicht ein einzelner Konflikt, sondern die Häufung von Erkrankungen, Arbeitsplatzverlusten, dem Auszug der Kinder und der Pflege eines pflegebedürftigen Elternteils erschöpft die Ressourcen und setzt die Entfremdung in Gang. In den Sitzungen bringen wechselseitige emotionale Öffnung und das Erkennen des eigenen Anteils das Paar wieder in Bewegung; doch wie die Kurven zeigen, sinkt die Zufriedenheit nach Ende der Beratung wieder, sobald der Stress zurückkehrt. Zwei Lehren für die systemische Praxis: Bei älteren Paaren kann die aktive Vermeidung bestimmter Konflikte eine reife Form der Regulation sein und kein Widerstand, und die Zeit nach der Beratung muss vorbereitet werden (Nachgespräche, eine offene Tür), in Verbindung mit den Ärztinnen und Ärzten und Diensten, an die sich das Paar ohnehin wendet, wenn die Spannung überkocht. Die Grenzen liegen in der Stichprobe: fünf freiwillige heterosexuelle Paare in erster Ehe, von denen mehrere von der Interviewerin selbst beraten worden waren. Zu lesen zusammen mit der Studie über Intimität älterer Paare angesichts einer leichten kognitiven Beeinträchtigung und dem Lebenszyklus des Paares als klinischem Kompass.
Anmerkungen aus dem Original
Ethikerklärung. Gemäß der lokalen Gesetzgebung und den institutionellen Anforderungen war für die Studie mit menschlichen Teilnehmenden keine ethische Prüfung und Genehmigung erforderlich. Die Patientinnen und Patienten bzw. Teilnehmenden haben ihre schriftliche Einwilligung zur Teilnahme an dieser Studie gegeben.
Beiträge der Verfassenden. Alle genannten Verfassenden haben einen wesentlichen, direkten und intellektuellen Beitrag zu der Arbeit geleistet und sie zur Veröffentlichung freigegeben.
Interessenkonflikt. Die Verfassenden erklären, dass die Forschung ohne kommerzielle oder finanzielle Beziehungen durchgeführt wurde, die als potenzieller Interessenkonflikt ausgelegt werden könnten.
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Inoffizielle deutsche Übersetzung von Long-term couple relationships - stress, problems and coping processes in couple counseling: Insights based on five case studies with five long-term couples von Ute Kieslich und Gisela Steins, Frontiers in Psychology, Bd. 13, Art. 866580 (2022), doi: 10.3389/fpsyg.2022.866580, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzung und Satz: Complexe Systémique, Oktober 2026, mit Unterstützung künstlicher Intelligenz – das Werk wurde im Sinne der Lizenz bearbeitet (Text ins Deutsche übersetzt, Tabellen als Listen wiedergegeben). Weder die Verfassenden noch der Verlag sind für diese Übersetzung verantwortlich; maßgeblich ist die Originalfassung.
Inoffizielle deutsche Übersetzung des Originalartikels „Long-term couple relationships - stress, problems and coping processes in couple counseling: Insights based on five case studies with five long-term couples“, erschienen in Frontiers in Psychology (2022) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Text wurde ins Deutsche übersetzt und seine Darstellung für die Online-Lektüre angepasst, wie zu Beginn dieser Seite angegeben. Maßgeblich ist die Originalfassung.
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Kieslich, U., und Steins, G. (2022). Long-term couple relationships - stress, problems and coping processes in couple counseling: Insights based on five case studies with five long-term couples. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/long-term-couple-relationships-stress-problems-and-coping-processes-in-couple-counseling (Originalwerk erschienen 2022 in Frontiers in Psychology, 13, 866580 (2022); 2022 erneut veröffentlicht von Frontiers in Psychology, https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2022.866580/full)
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