Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Spanischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Red Sistémica · Gewalt
Die filio-parentale Gewalt (VFP), also die Gewalt von Kindern gegen ihre Eltern, hat in den letzten Jahren exponentiell zugenommen und sich einen eigenen Platz im komplexen Feld der innerfamiliären Gewalt geschaffen. Es hat sie immer gegeben, doch stets in Verbindung mit anderen Problemen (schwere Psychopathologie usw.). Was heute in Erscheinung tritt, ist ein neues Modell der VFP, bei dem die Gewalt den Kern des Problems bildet und nicht bloß einen weiteren Umstand einer umfassenderen Problematik. Dieser Beitrag schlägt ein ökosystemisches Verständnis der VFP vor, das soziale, erzieherische, individuelle und familiäre Faktoren einbezieht. Nach einer Begriffsbestimmung werden die Variablen aufgezählt und beschrieben, die mit der Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Problematik zusammenhängen; besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den betroffenen Bereichen des familiären Funktionierens und den charakteristischen Beziehungsdynamiken in Haushalten, in denen es zu solchen Vorfällen gekommen ist.
Schlüsselwörter: Gewalt von Kindern gegen Eltern, Grenzen, Hierarchien und Familiengeheimnisse.
„Wenige Dinge erschüttern unser Familienideal so sehr wie die Umkehrung der natürlichen Abfolge, die darin liegt, dass ein Kind einen Elternteil schlägt.“
Roberto Pereira Tercero und Lorena Bertino Menna
In den letzten drei Jahren haben die Medien eine spektakuläre Zunahme dessen abgebildet, was wir als dritten Typ innerfamiliärer Gewalt bezeichnen können. Historisch richtete sich die Aufmerksamkeit zuerst auf die Gewalt von Eltern gegen ihre Kinder, dann auf die Gewalt in Paarbeziehungen; heute tritt die filio-parentale Gewalt (VFP) in Erscheinung.
Die Justizberichte dieser Jahre verzeichnen einen deutlichen Anstieg der Anzeigen von Eltern, die von ihren Kindern angegriffen wurden: In Katalonien haben sie sich im Zeitraum 2000–2004 verachtfacht1, im Baskenland zwischen 2002 und 2003 verdreifacht2 und in der Region Valencia von 2000 bis 2004 vervierzehnfacht3.
Das bedeutet nicht, dass es sie vorher nicht gab; doch sie tritt vor der Öffentlichkeit in Erscheinung, als handle es sich um ein neues Phänomen, und sowohl die Fachwelt als auch die Gesellschaft insgesamt beginnen, einem Problem Aufmerksamkeit zu schenken, das man früher als eines von vielen auffasste, die mittelschwere Krankheitsbilder begleiten.
In Wirklichkeit ist dieses Phänomen kein ungewöhnlicher Vorgang: Dasselbe geschah mit den anderen Formen innerfamiliärer Gewalt. Sowohl Kindesmisshandlung als auch Gewalt in der Paarbeziehung sind seit vielen Jahren im Schoß der Familie verankerte Situationen. Erst ihre Definition als unangemessen und schädlich sowie das Bemühen, sie ans Licht zu bringen, haben die fragmentierte Sicht verändert, die man von ihnen hatte, und so das gesellschaftliche Sichtbarwerden eines verborgenen Problems begünstigt. Ebenso blieb die VFP als einer von vielen Konflikten verdeckt, die eine Familie mit anderen Funktionsstörungen aufwies.
Doch ein weiterer Faktor war für dieses plötzliche Auftauchen der VFP entscheidend: das Aufkommen eines neuen Gewaltprofils, angesiedelt in scheinbar unauffälligen Familien, ausgeübt von Kindern, die zuvor keine Probleme zeigten, und verantwortlich für diesen spektakulären Anstieg der Anzeigen bei Gericht.
Wir werden beide Formen der Gewalt weiter unten beschreiben, zuvor aber definieren, was wir unter Gewalt und unter VFP verstehen.
Die Weltgesundheitsorganisation definiert Gewalt als „jede absichtliche Handlung oder Unterlassung, die, gegen eine Person gerichtet, dazu neigt, ihr physischen, psychischen, sexuellen oder wirtschaftlichen Schaden zuzufügen“ (WHO, 2002). Wir haben es also mit verschiedenen Formen von Gewalt zu tun (körperliche, psychische, Vernachlässigung, sexueller Missbrauch, wirtschaftliche Misshandlung, Vandalismus), die sich zudem nach dem Kontext einteilen lassen, in dem sie auftreten: innerfamiliär, politisch, schulisch, beruflich usw.
Es ist notwendig, zwischen Aggressivität und gewalttätigem Verhalten zu unterscheiden. Erstere ist relationaler Natur, gehört zur menschlichen Erfahrung und muss beim Gegenüber nicht zwangsläufig Schaden anrichten. Gewalttätiges Verhalten hingegen gehört nicht zur Wesensart: Es ist ein erlerntes Verhalten und kann als solches verändert werden. Außerdem ist es in seinem eigenen Kontext natürlich und wird erst dann störend, wenn es dekontextualisiert wird (Abeijón, 2006). So können sich beispielsweise Rugbyteams während der gesamten Spieldauer heftig tacklen, ohne dass ihr Verhalten als unerträglich gilt. Wiederholen dieselben Personen nach Spielende jedoch dasselbe Verhalten an einem anderen Ort, ist es sehr wahrscheinlich, dass am Ende die Polizei eingreift.
Wir gehen von einem systemischen Ausgangspunkt aus, bei dem wir gewalttätiges Verhalten sowohl unter dem Aspekt der Linearität als auch der Zirkularität betrachten. Gewalt muss rechtlich in einem linearen Kontext angegangen werden, in dem zwischen Opfern und Gewaltausübenden unterschieden wird. Sie muss aber auch fachlich verstanden werden, und zu diesem Zweck führen wir die Zirkularität ein, als nützliches Werkzeug, um den Prozess zu verstehen, in dem die am gewalttätigen Verhalten beteiligten Personen interagieren (Lamas, 2000).
Linearität
Die rechtliche Ebene: Gewalt ist anzugehen, indem zwischen Opfern und Personen, die angreifen, unterschieden wird.
Zirkularität
Die fachliche Ebene: den Prozess verstehen, in dem die am gewalttätigen Verhalten beteiligten Personen interagieren.
Wir verstehen diese Form der Gewalt als die Gesamtheit wiederholter Verhaltensweisen körperlicher Aggression (Schläge, Stoßen, Werfen von Gegenständen), verbaler Aggression (wiederholte Beleidigungen, Drohungen) oder nonverbaler Aggression (drohende Gesten, Zerstören geschätzter Gegenstände), die sich gegen die Eltern oder gegen die Erwachsenen richten, die deren Stelle einnehmen (Pereira, 2006).
Schläge, Stoßen, Werfen von Gegenständen.
Wiederholte Beleidigungen, Drohungen.
Drohende Gesten, Zerstören geschätzter Gegenstände.
Eingeschlossen sind also Drohungen und Beleidigungen, ob durch Gesten oder Worte geäußert, körperliche Angriffe jeder Art oder die bewusste Zerstörung von Gegenständen, an denen die angegriffene Person hängt. Zudem muss sich die Gewalt gegen die Eltern oder gegen die elterlichen Bezugspersonen richten, die an ihre Stelle treten: Vormundschaft, pädagogische Fachkräfte usw.
Nicht unter diese Definition fällt somit gelegentliche Gewalt ohne Vorgeschichte, die sich nicht wiederholt. Damit ist fast durchgängig der Elternmord ausgeschlossen, der besondere Merkmale aufweist, die ihn von dieser Form der Gewalt unterscheiden, und der oft ein einmaliges Ereignis ohne bekannte Vorgeschichte darstellt.
Ausgeschlossen sind ebenfalls sexuelle Übergriffe auf die Eltern und vorsätzliche Angriffe mit tödlichen Waffen, die einem anderen Profil zugerechnet werden, sowie Gewalt, die in einem Zustand deutlich herabgesetzten Bewusstseins auftritt (Autismus oder schwere geistige Behinderung) und sich nicht wiederholt, wenn dieser Zustand abklingt: Gewalt im Verlauf von Intoxikationen, organischen psychischen Störungen, Störungen des Gedankengangs oder des Denkinhalts usw.
Die Gewalt, die in diesen ausgeschlossenen Fällen auftritt, gehört zu jenem traditionellen Modell, auf das wir oben Bezug genommen haben: Beispiele dafür sind etwa Angriffe auf die Eltern durch eine drogenabhängige Person, die mitten im Entzugssyndrom Geld oder Drogen sucht, Angriffe einer an Schizophrenie erkrankten Person, die von Wahnvorstellungen oder Halluzinationen dazu getrieben wird, oder Übergriffe in einem Dämmerzustand.
Ebenfalls zu dieser traditionellen VFP zählen wir:
Die neue VFP teilt mit den anderen Modellen das Streben nach Kontrolle und Macht in der Familie, unterscheidet sich jedoch durch das Verfolgen von Zielen. Das neue Profil bezeichnet Angriffe durch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die scheinbar unauffällig sind, aus allen sozialen Schichten stammen und mehr oder weniger ausgedehnte Gewalttätigkeiten zeigen, die stets das familiäre Umfeld einschließen und sich sehr häufig auf diesen Kontext beschränken. Die Altersspanne der Personen, die angreifen, ist groß, auch wenn VFP im Jugendalter häufiger ist, und nicht selten handelt es sich um Jungen und Mädchen, die außer Haus nicht nur keinerlei Aggressivität zeigen, sondern in anderen Kontexten sogar überangepasstes Verhalten an den Tag legen. Substanzkonsum ist verbreitet, aber nicht stärker als in der gleichaltrigen Bevölkerung (Romero Blasco et al., 2005).
Die angegriffenen Personen sind die für ihre Erziehung verantwortlichen Erwachsenen jeden Alters und Geschlechts, wobei dies häufiger ältere Eltern, Alleinerziehende und noch öfter Mütter als Väter betrifft (Gallagher, 2004; Ibabe, 2007).
Diese Gewalt verläuft in der Regel eskalierend: Sie beginnt gewöhnlich mit Beleidigungen und Herabsetzungen, geht zu Drohungen und dem Zerstören von Gegenständen über und endet in immer schwereren körperlichen Angriffen. Es ist ein Prozess, der Jahre dauern kann, und es ist hervorzuheben, dass er kein vorbestimmtes Ende hat: Die Gewalt wächst fortschreitend und hält selbst dann nicht an, wenn absolute Unterwerfung, vollständige Herrschaft und Kontrolle durch Terror erreicht sind.
Es gibt keine verlässlichen Studien zu Prävalenz und Inzidenz, doch lässt sich, vor allem anhand der Justizberichte, ihr stetiger Anstieg in den letzten Jahren feststellen. Daten aus den USA zeigen, dass 25 % der Anrufe bei Vereinigungen gegen innerfamiliäre Misshandlung von Eltern stammen, die von ihren Kindern angegriffen werden. Cyrulnik (2005) nennt eine geschätzte Inzidenz zwischen 1 % der französischen, 4 % der japanischen und 6 % der US-amerikanischen Familien und fügt hinzu, dass „das Phänomen der geschlagenen Eltern in einer einzigen Generation weltweite Ausmaße angenommen hat“.
Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte in weiten Teilen der Welt – und ganz besonders in der westlichen Gesellschaft – haben das Entstehen neuer Dynamiken außerordentlich begünstigt, die die Machtverhältnisse innerhalb der Familie ebenso verändert haben wie im anderen großen Erziehungssystem: der Schule.
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist man von einem eindeutig autoritären System zu einem anderen übergegangen, einem demokratischen, aber falsch verstandenen, in dem Demokratie mit Abwesenheit von Autorität und mit Gleichheit bei der Entscheidungsfindung gleichgesetzt wird. In Spanien geschah dies später und in beschleunigter Form, parallel zum politischen Übergang.
Das hierarchische Familien- und Gesellschaftsmodell wird infrage gestellt, jedoch nur formal, denn die Erziehungsverantwortung wird rechtlich und gesellschaftlich weiterhin den Eltern und den pädagogischen Fachkräften zugeschrieben. Man nimmt ihnen nicht die Verantwortung, oft aber die Autorität sowie einige der Mittel, die gewöhnlich eingesetzt werden, um sie aufrechtzuerhalten.
Andere gesellschaftliche Veränderungen, die parallel dazu stattfinden, erschweren es Eltern und pädagogischen Fachkräften zusätzlich, ihre Autorität zu wahren:
– Der Rückgang der Kinderzahl, mit einer deutlichen Zunahme von Einzelkindern – eine Situation, die in China ihren Höhepunkt erreicht, wo sie gesetzlich verankert wurde. Die immer selteneren Kinder werden häufig zu einem Schatz, den man verwöhnen und mit größter Behutsamkeit umsorgen muss und dem man immer und überall Aufmerksamkeit schenken muss: die kleinen Könige des Hauses.
– Der Wandel der Familienmodelle. Die Kernfamilie verliert allmählich an Präsenz und macht heute weniger als 50 % der Familienmodelle in der westlichen Gesellschaft aus. Andere Formen wie Ein-Eltern-Familien oder Patchworkfamilien, Pflege- oder Adoptivfamilien nehmen immer mehr Raum ein. In all diesen neuen Modellen wird es aus jeweils eigenen, wenn auch einander recht ähnlichen Gründen schwieriger, die Autorität des Elternteils oder der Eltern aufrechtzuerhalten.
– Die Veränderungen im familiären Lebenszyklus, mit einem fortschreitenden Anstieg des Durchschnittsalters, in dem man Kinder bekommt, was zu älteren Eltern führt, die weniger Energie haben, um mit den Kindern zu ringen, Disziplin aufrechtzuerhalten und Grenzen zu setzen.
– Die Veränderungen in der Arbeitswelt, mit der vollen Erwerbsbeteiligung von Frauen und der Zunahme der Stunden, die man außer Haus verbringen muss – wegen endloser Arbeitszeiten oder langer Wege –, die die sogenannten Schlüsselkinder hervorbringen. Die Zahl der Stunden, die man mit den Kindern verbringt, sinkt, man kommt müde nach Hause, und in der wenigen gemeinsamen Zeit versucht man, Spannungssituationen möglichst zu vermeiden. Man verzichtet auf Handlungen, die Frustration erzeugen, auf der Suche nach einer familiären Harmonie, die die elterliche Erschöpfung nicht noch verstärkt. So etabliert sich eine permissive Erziehung, deren Folge die Schwierigkeit ist, Grenzen zu setzen und sich Respekt zu verschaffen.
Und wenn andere Mitglieder der Gesellschaft versuchen, diese Grenzen zu setzen, ist nicht selten zu beobachten, dass sich die Eltern unterschiedslos mit dem Kind verbünden und sich, manchmal gewaltsam, gegen die Lehrkräfte stellen, die ohne die Mitwirkung der Eltern zu erziehen versuchen. Diese Konfrontation zwischen Familie und Bildungssystem hat häufig zum Verlust einer unverzichtbaren Zusammenarbeit geführt sowie zur Gleichgültigkeit und zu Fehlzeiten bei einem großen Teil der Lehrkräfte, die vom Mangel an Unterstützung jeglicher Art bei der Ausübung ihrer Arbeit ausgebrannt sind.
– Die Entwicklung der Gesellschaft hin zu einem Erziehungsmodell, das mehr auf Belohnung als auf Sanktion, mehr auf Toleranz als auf Disziplin beruht, hat dazu geführt, dass die Sanktionsmöglichkeiten der pädagogischen Fachkräfte erheblich eingeschränkt wurden. Den Lehrkräften wurde schon vor langer Zeit die Möglichkeit genommen, nahezu alle Strafen anzuwenden. Nun wird diese Sanktionsmöglichkeit auch den Eltern genommen, die ihre Kinder nicht mehr körperlich bestrafen dürfen.
Parallel dazu und auf widersprüchliche Weise wird die Gesellschaft gegenüber der Gewalt von Kindern immer nachsichtiger. Gewalthaltige Botschaften in den Medien vervielfachen sich, Fernsehen und Videospiele führen Kindern und Jugendlichen die tausend und eine Art vor Augen, ihre Probleme mit Gewalt zu lösen, während das Alter der Strafmündigkeit hinausgeschoben und die rechtliche Verantwortung relativiert wird.
– Schließlich ist auf die gesellschaftliche Entwicklung hin zu einem wachsenden Hedonismus und Nihilismus hinzuweisen, mit einer erheblichen allgemeinen Orientierungslosigkeit hinsichtlich des einzuschlagenden Weges und einem Verlust an Wertorientierungen, die die Familienmitglieder bei der schwierigen Aufgabe der Erziehung leiten könnten.
Wir haben es also mit einem Gesellschaftsmodell zu tun, das Kindheit und Jugend eine immer größere Bedeutung beimisst, wobei die Jugend als das beste Lebensalter gilt, das man unbegrenzt zu verlängern sucht. Die Nachsicht gegenüber dem Verhalten in diesem Alter nimmt zu, während man gleichzeitig den für die Erziehung Verantwortlichen die Zwangsmittel entzieht, die sie zu ihrer Ausübung brauchen. Der private Familienraum schrumpft, und die sozialen und rechtlichen Systeme – das Öffentliche – greifen immer stärker in das ein, was früher das Heiligtum der Familie war. Zweifellos hat dieses Eindringen des Öffentlichen in das Private positive Seiten, etwa im Kampf gegen Misshandlung und sexuellen Missbrauch; es bringt jedoch auch einige Nebenwirkungen mit sich: Da den pädagogischen Fachkräften und den Eltern das gesellschaftliche Mandat für die Verwaltung und den Einsatz von Zwangsmitteln entzogen wird, liegen diese allein in den Händen der Verwaltung.
Es überrascht daher nicht, dass wir immer häufiger pädagogischen Fachkräften und Eltern begegnen, die auf ihre Funktion verzichten und sie an den Staat delegieren. Es wird üblich, dass Sozialdienste oder Justizbehörden mit Eltern konfrontiert sind, die ausdrücklich auf die elterliche Sorge verzichten und ihre Kinder der Verwaltung übergeben, damit diese sich um sie kümmert. Überfordert von einer komplexen Situation, mit geringen Mitteln, ihr zu begegnen, und von einer Gesellschaft mit Schuld beladen, die ihnen das Fehlverhalten ihrer Kinder anlastet, kapitulieren diese Eltern schließlich und reichen die heiße Kartoffel an diejenige Instanz weiter, die sich die Disziplinar- und Zwangsgewalt exklusiv vorbehalten hat.
Zum Mitnehmen
Nach Auffassung der beiden Verfassenden erzeugt die heutige Gesellschaft einen doppelten Widerspruch: Sie schreibt den Eltern und den pädagogischen Fachkräften weiterhin die Verantwortung für die Erziehung zu, nimmt ihnen aber die Autorität und die Mittel, sie auszuüben, und sie zeigt sich gegenüber der Gewalt junger Menschen immer nachsichtiger. Da die Zwangsmittel allein in den Händen der Verwaltung liegen, delegieren immer mehr Eltern, die mit ihren Mitteln am Ende sind, schließlich ihre Funktion an sie.
Parallel zu diesen gesellschaftlichen Veränderungen hat die Forschung versucht, Erziehungsstile mit der VFP in Beziehung zu setzen.
Peek und Fisher (1985) befragten in einer umfangreichen Studie eine Stichprobe von Schülerinnen und Schülern der Abschlussjahrgänge US-amerikanischer High Schools zu VFP-Situationen über einen Zeitraum von drei Jahren und zu den Stilen der Ausübung von Autorität und Kontrolle (power style) in ihren Familien und fanden einen deutlichen Zusammenhang zwischen beiden Faktoren. Anschließend setzten sie die Befunde zur VFP mit vier Erziehungsstilen in Beziehung: a) strafend und nicht streng; b) streng, aber nicht strafend; c) weder strafend noch streng; d) gewalttätig. Ihre Ergebnisse zeigten einen deutlichen Zusammenhang zwischen der VFP und dem gewalttätigen Stil (eine in der Familie verbreitete, gewohnheitsmäßig ausgeübte Gewalt) sowie dem strafenden, aber nicht strengen Stil (also einem eher willkürlichen Stil ohne klare Regeln).
Gallagher (2004) schlägt ein ähnliches Modell vor, wenn er die VFP mit zwei Erziehungsstilen in Beziehung setzt: dem permissiv-liberalen und dem autoritär-gewalttätigen.
In der Linie dieser Ansätze finden wir in unserer Fallsammlung eine deutliche Korrelation zwischen diesen Erziehungsstilen und der VFP, wenngleich wir hinsichtlich der Erziehungsstile Unterschiede zwischen der neuen und der traditionellen VFP feststellen können.
Die neue VFP hinge demnach eher mit dem permissiv-liberalen (oder strafenden, nicht strengen) Stil zusammen, bei dem keine klaren Regeln aufgestellt werden und Autorität nicht konsequent ausgeübt wird. Versucht man, Regeln oder Strafen anzuwenden, erweisen sie sich als willkürlich und erzeugen noch mehr Frustration. Die Kinder werden oft überbehütet, man gibt ihnen fast ohne Gegenleistung alles, was sie verlangen, bis sie schließlich zu Tyrannen werden, mit geringem Selbstwertgefühl sowie geringer Frustrationstoleranz und Empathie.
Diese Willkür bei der Durchsetzung von Regeln und Autorität sowie die sofortige Erfüllung der Wünsche der Kinder können sowohl auf eine fusionale Interaktion mit dem Elternteil zurückgehen, in der die Beziehung Vorrang vor der Erziehung hat, als auch auf die Unfähigkeit, aufgrund von Meinungsverschiedenheiten oder Konflikten zwischen den Eltern kohärente Regeln aufzustellen.
Der autoritäre und gewalttätige Erziehungsstil bringt häufig Familien mit vielfältiger Gewalt hervor, in denen Angriffe der Konfliktlösung dienen. Jede Auflehnung wird mit noch mehr Strafen, Drohungen, Demütigungen oder Gewalt geahndet. Autorität wird nicht verhandelt und starr und unnachgiebig ausgeübt. Die VFP erscheint hier als defensiv, schützend, als Vergeltung oder verbunden mit schwerer Psychopathologie.
Ein dritter Erziehungsstil, den Ibabe et al. (2007) unter Berufung auf Laurent und Derry (1999) anführen, wäre der vernachlässigend-abwesende, bei dem die Eltern ihre Rolle aufgeben und offen erklären, dass es nicht ihre Aufgabe sei, Regeln aufzustellen, und dass die Kinder (unabhängig von ihrem Alter und ihren kognitiven Fähigkeiten) alt genug seien, um zu wissen, was zu tun ist. Diese Eltern erzeugen beim Kind eine Pseudo-Unabhängigkeit, wenn nicht gar eine Parentifizierung. Die Kinder setzen Gewalt ein, um sich durchzusetzen oder, im Gegenteil, um die Rolle abzulehnen, in die man sie drängt. Hier finden sich beide Formen der VFP, die traditionelle wie die neue.
Neue VFP
Permissive und vernachlässigende Erziehungsstile; emotionale Verschmelzung zwischen dem gewaltausübenden Kind und dem angegriffenen Elternteil; Gewalt als primitiver Versuch der Distanzierung in einer Beziehung, in der die Erziehung dem Erhalt der Bindung geopfert wird.
Traditionelle VFP
Autoritäre und vernachlässigende Erziehungsstile; vorausgehende innerfamiliäre Gewalt oder schwere Psychopathologie; Gewalt als Abwehrverhalten, erlernte Art der Konfliktlösung oder pathologischer Ausdruck.
Zusammengefasst ist die neue VFP mit permissiven und vernachlässigenden Erziehungsstilen verbunden; sie hängt vor allem mit der emotionalen Verschmelzung zwischen dem gewaltausübenden Kind und dem angegriffenen Elternteil zusammen und lässt sich als primitiver Versuch der Distanzierung in einer Beziehung begreifen, in der die Erziehung (verstanden als das Setzen von Grenzen und Regeln und damit das Erzeugen von Frustration) dem Erhalt der Beziehung geopfert wird (einer äußerst engen, fusionalen Beziehung, die von beiden geschaffen und aufrechterhalten wird).
Die traditionelle VFP wäre mit autoritären und vernachlässigenden Erziehungsstilen verbunden, mit vorausgehender innerfamiliärer Gewalt oder schwerer Psychopathologie bei einem oder mehreren Familienmitgliedern. Die Gewalt erscheint als Abwehrverhalten, als erlernte Art, Konflikte zu lösen und Spannung abzubauen, oder als psychopathologischer Ausdruck bzw. Ausdruck einer vorübergehenden Bewusstseinsminderung.
Neben den gesellschaftlichen und familiären Faktoren – auf die wir im Folgenden eingehen – gibt es eine Reihe individueller Variablen, die mit den gewaltausübenden Kindern bei der VFP in Verbindung stehen.
Es wurde eine Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen festgestellt, die bei diesen Kindern häufiger auftreten: geringes Selbstwertgefühl, Egozentrismus, Impulsivität und fehlende oder verminderte Empathiefähigkeit. Die beiden letztgenannten, häufig, aber nicht immer vorhanden, sind meist mit bestimmten Störungen verbunden, auf die wir weiter unten eingehen.
Geringes Selbstwertgefühl und Egozentrismus sind zwei der Merkmale, die man – wenn auch nicht ausschließlich – am häufigsten bei Jugendlichen wahrnimmt, die Gewalt ausüben, und sie hängen nach H. Omer (2007) mit den Veränderungen des Erziehungsmodells zusammen. Diesem Autor zufolge haben die – in den 1980er- und 1990er-Jahren durchgeführten – Evaluationen der Entwicklung der Erziehung hin zu einem permissiveren Modell, das sich mehr an positiven Anreizen als an der Überwindung von Schwierigkeiten orientiert, gezeigt, dass das Selbstwertgefühl junger Menschen gesunken war. Es scheint, dass dieses stärker mit der Wahrnehmung verbunden ist, Hindernissen begegnen und sie aus eigener Kraft überwinden zu können, als mit der positiven Konnotation von Erfolgen. Mit anderen Worten: Wer zum Beispiel automatisch in die nächste Klasse versetzt wird, ohne die Prüfungen bestanden zu haben, entwickelt dadurch kein hohes Selbstwertgefühl, sondern das Gegenteil; und je mehr man Kindern und Jugendlichen die Dinge erleichtert und je weniger Anstrengung sie aufbringen müssen, um Problemen zu begegnen, desto weniger wächst ihr Selbstwertgefühl.
Ein weiterer Faktor, der das Entstehen und die Aufrechterhaltung der VFP beeinflusst, ist der Substanzkonsum. Auch wenn er – wie bereits erwähnt – keine zentrale Variable darstellt, begünstigt er das Auftreten gewalttätigen Verhaltens in jedem Alter und in jedem Kontext.
Die VFP geht zudem mit einer gewissen Häufigkeit mit verschiedenen psychopathologischen Störungen einher:
Sie ist derzeit in Mode und steht unter starkem Druck, ihre Diagnose auf Erwachsene auszuweiten. Sie weist eine Reihe von Merkmalen auf, die häufig mit der VFP verbunden sind: Impulsivität, geringe Frustrationstoleranz, häufiger Substanzkonsum usw.
Bei der Diagnose dieser Störung im Rahmen der VFP ist sorgfältig zu unterscheiden, ob sie sich ausschließlich in den familiären Beziehungen zeigt oder in jedem beliebigen Kontext: beruflich, schulisch, im Therapieraum usw. Im ersten Fall hätten wir Hinweise darauf, dass das Verhalten nur auf spezifische Interaktionen innerhalb der Kernfamilie antwortet.
Sie werden bei diesem Phänomen häufig diagnostiziert, wobei hervorzuheben ist, dass sie nicht zwangsläufig damit verbunden sind: In manchen Fällen von Persönlichkeitsstörungen tritt VFP auf, und nur bei einigen Personen, die VFP ausüben, lässt sich eine solche Diagnose stellen.
Die VFP ist im Kontext eines pathologischen Bedürfnisses nach Aufmerksamkeit zu verstehen, für das jedes Mittel recht ist. Selten.
Grandiosität, fehlende Empathie; andere werden als unbedeutende Personen erlebt, die keinerlei Recht haben, den verfolgten Zielen Hindernisse in den Weg zu legen. Jedes Mittel ist recht, um zu bekommen, was man will, auch Gewalt.
Instabiles, unvorhersehbares Verhalten, Störung der Identität und der Beziehungen, die zum Auftreten einer VFP führen kann.
Fehlende Empathie, affektive Kälte, Einsatz jeder beliebigen Methode zur Erreichung der eigenen Ziele, Kontrolle und Manipulation in Beziehungen: Die Ausübung von VFP ist bei diesen Jugendlichen nicht selten.
Bei diesen Fällen antisozialer Persönlichkeit müssen wir besonders darauf achten, ob ein Muster allgemeiner Gewalt oder delinquenten Verhaltens besteht oder ob die Gewalt ausschließlich innerhalb der Familie auftritt. Ist Letzteres der Fall, würde – auch wenn alle Interventionen einen familienbezogenen Ansatz erfordern – deutlich, dass die Intervention eher am gewalttätigen Beziehungskreislauf als an der gewaltausübenden Einzelperson ansetzen muss.
Nach unserer Erfahrung – die sich mit der einiger Fachleute wie Mouren et al. (1985) deckt – geht die neue VFP häufiger mit Störungen aus dem Angstspektrum einher, insbesondere mit phobischen und Zwangsstörungen: Kinder und Jugendliche, die zu Hause fordernd und tyrannisch auftreten, außerhalb jedoch – besonders in der Schule – fügsam und ängstlich sind. Nicht selten treten in diesen Fällen Zwänge oder phobische Symptome wie Agoraphobie oder Schulphobie auf.
Unserer Ansicht nach zeigen sich in Familien mit dem neuen VFP-Profil eine Reihe charakteristischer Beziehungsdynamiken, die wir im Folgenden beschreiben wollen.
Um sie zu verstehen, ist darauf hinzuweisen, dass das systemische Modell familiäre Gewalt als Ergebnis einer bestimmten Interaktion zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern begreift, in deren Verlauf die Rollen von Opfer und angreifender Person wechseln können, wie es die einschlägige systemische Literatur zur familiären Gewalt beschrieben hat. Wie bereits erläutert, müssen wir, um in einem psychotherapeutischen Kontext mit größerer Aussicht auf Erfolg intervenieren zu können, versuchen, den Prozess zu verstehen, der zum gewalttätigen Verhalten führt. Dies gelingt durch die Einführung des Begriffs der Zirkularität, also der fortlaufenden Interaktion zwischen den an der Beziehung beteiligten Personen in einem kommunikativen Austausch, der weder Anfang noch Ende hat und sich wechselseitig bedingt. Wenn es uns gelingt, die familiären Interaktionen rund um das gewalttätige Verhalten kennenzulernen, können wir es entschlüsseln und ihm einen Sinn geben, was es uns ermöglicht, darüber zu sprechen und nach Alternativen zu suchen.
Es wurde eine Reihe familiärer Faktoren beschrieben, die das Auftreten von VFP begünstigen:
– Eine frühere familiäre Erfahrung mit dem Einsatz von Gewalt zur Konfliktlösung. Wenn Kinder in der Familie lernen, dass Meinungsverschiedenheiten – welcher Art auch immer – in eine Sackgasse führen, in eine ausweglose Situation, und dass Gewalt ein lösendes Mittel ist, das die entstandene Spannung abbaut, ist es wahrscheinlich, dass sie, wenn sie heranwachsen und in ähnliche Situationen geraten, die in der Kindheit erlernten Mechanismen wiederholen, um diese zu lösen. Mit anderen Worten: Familien, in denen Kinder häufig Zeugen von Misshandlungen waren, bringen leichter Kinder hervor, die selbst misshandeln – ihre Eltern oder künftig ihre Partnerinnen und Partner und ihre eigenen Kinder. In diesen Fällen kann die Gewalt auf drei verschiedene Arten auftreten: a) generalisiert, in Familien, in denen die Gewalt von allen gegen alle ausgeht; b) gegen die Person gerichtet, die zuvor angriff, wenn die Identifikation mit dem Opfer der früheren Misshandlung erfolgt; c) gegen das Opfer gerichtet, wenn die Identifikation mit der Person erfolgt, die angriff. Letzteres ist häufiger als der vorherige Fall: Die Kinder spiegeln schließlich das beobachtete Verhalten und schließen sich der Misshandlung des vom Familiensystem bestimmten Opfers an.
Jedenfalls ist es wichtig zu betonen, dass sich zwar die Ausübung von Gewalt häufig wiederholt, wenn man sie erlebt hat, sich aber nicht behaupten lässt, dass diese Erfahrung künftiges aggressives Handeln determiniert.
– Übermäßig permissive Eltern ohne Regeln, die sich ausdrücklich vorgenommen haben, ihre Kinder demokratisch zu erziehen – und dies oft auch öffentlich verkündet haben – (Cyrulnik, 2005); die von klein auf eine symmetrische Eltern-Kind-Beziehung pflegen, in der Regeln, selbst solche ersten Grades – die mit dem unmittelbaren Überleben der Kinder zusammenhängen –, nicht vorgegeben, sondern ausgehandelt werden und in der die Meinung jedes Mitglieds gleich viel gilt.
– Überbehütende Eltern, die aus unterschiedlichen Gründen – lang ersehnte, späte oder gefährdete Geburt, Pflegekind, Adoption usw. – bereit sind, ihren Kindern jeden Wunsch zu erfüllen. Diese Eltern verkünden öffentlich ihre bedingungslose Liebe zu ihren Kindern, was immer diese tun. Mit anderen Worten: Sie verzichten nicht nur auf Zwangsmittel, sondern auch auf das andere wichtige Instrument zum Setzen von Grenzen: Wenn du dich nicht gut benimmst, kann ich dich nicht lieb haben.
– Eltern, die mit ihrer Rolle unzufrieden sind, die häufig äußern, dass ihr Leben leer und sinnlos sei und sie nicht wüssten, warum sie weiterleben. Eltern, die ihre Kinder ungewollt oder gegen ihren Willen bekommen haben und ihren Unmut darüber zeigen.
– Eltern, die eine sehr konfliktreiche Beziehung führen und sich vor den Kindern gegenseitig herabzusetzen pflegen. Der Konflikt kann zu einer Triangulation führen, bei der das Kind benutzt wird, um den anderen Elternteil anzugreifen, indem man das Bündnis mit ihm sucht. Dazu zögert man nicht, den anderen Elternteil herabzusetzen, besonders wenn die Grenze von dieser Seite kam: Strafen werden aufgehoben, sein Handeln wird entwertet, man macht ihn lächerlich und bringt ihn in Misskredit. Diese Situation führt zu Inkonsequenz und Uneinigkeit darüber, wie die Kinder zu erziehen sind, oder zu unangemessenen Mitteln: Dieselben Verhaltensweisen ziehen in manchen Fällen unverhältnismäßige Strafen nach sich und bleiben in anderen unbemerkt. Willkür wird zur Regel und untergräbt jeden Versuch, konsistente Grenzen zu setzen.
– Eltern, die aus unterschiedlichen Gründen eine übermäßig enge, fusionale Beziehung zu einem ihrer Kinder unterhalten. Meist handelt es sich um Ein-Eltern-Familien oder um Familien, in denen ein Elternteil abwesend, kühl oder distanziert ist. Dieses Merkmal ist zentral für das Auftreten der neuen VFP und findet sich nach unserer Erfahrung in der Mehrzahl der Fälle; zumindest – oder vor allem – zu Beginn des gewalttätigen Verhaltens.
Die familiäre Dysfunktion zeigt sich im Wesentlichen in drei der wichtigsten Bereiche des familiären Funktionierens (Harbin und Madden, 1979):
Das Fehlen von Hierarchie ist das Hauptmerkmal des Funktionierens dieser Familien.
Verleugnung, Bagatellisierung, Mythos von Frieden und familiärer Harmonie, Aufbau eines Geheimnisses.
Emotionale Verschmelzung zwischen dem gewaltausübenden Kind und dem angegriffenen Elternteil, die dem Auftreten der Gewalt vorausgeht.
Das Fehlen von Hierarchie ist das Hauptmerkmal des Funktionierens dieser Familien, und zwar durchgängig, ob es sich nun um eine Familie mit vielfältiger Gewalt, eine Ein-Eltern-Familie oder eine Familie mit beiden anwesenden Elternteilen handelt. Die Schwierigkeit, Regeln und Grenzen zu setzen, ist das Auffälligste, wenn sie Hilfe suchen, ebenso wie das Eingeständnis des Scheiterns in diesem Bereich und die Bitte, dass sich jemand von außen darum kümmert.
In diesen Familien stellen wir fest, dass ein Elternteil – manchmal beide – seine Rolle aufgegeben hat, dass ihre Rivalität sie daran hindert, Verfahren zur Festlegung von Regeln zu entwickeln, oder diese jeder Wirksamkeit beraubt. Das hindert sie nicht daran, die Aufgabe der Erziehungsrolle fast einhellig der Persönlichkeit und dem gewalttätigen Verhalten des Kindes zuzuschreiben. „Man kann nichts machen“ – so lautet das Leitmotiv, das nicht nur die Unfähigkeit der Eltern verdeckt, eine hierarchische Rolle zu übernehmen, sondern häufig auch zu mangelnder Mitarbeit führt, wenn es darum geht, das Problem anzugehen: Wenn andere es lösen, war es also nicht unmöglich, und folglich trage ich einen Teil der Verantwortung dafür.
Oft lehnen die Eltern ausdrücklich ab, die Quelle der Regeln zu sein – und damit für deren Einhaltung verantwortlich –, und erklären, dies sei nicht ihre Aufgabe oder sie falle der Schule oder der Gesellschaft zu. Diese Haltung begünstigt die Parentifizierung eines der Kinder, dem die wenige verbliebene Autorität übertragen wird; dieses Kind, von der Situation überfordert, entwickelt gewalttätiges Verhalten als Kontrollversuch, der sich zunächst gegen jüngere Geschwister richtet – falls vorhanden – und sich dann auf den Elternteil oder die Eltern ausweitet.
Das Scheitern oder der Verzicht, eine Hierarchie herzustellen, die das Aufstellen und Aufrechterhalten von Regeln erlaubt, hängt mit mehreren der zuvor genannten Faktoren zusammen: Triangulationen, in denen das Bündnis mit dem Kind gesucht wird, fusionale Beziehung zwischen dem gewaltausübenden Kind und einem Elternteil, Konflikte und Rivalität zwischen den Eltern, die es keinem von beiden erlauben, die familiäre Hierarchie innezuhaben, usw.
Bei der VFP ist das Familienbild – das der Eltern wie das der gewaltausübenden Kinder – beschädigt. Das Gefühl der Eltern, in der Erziehung versagt zu haben, die Scham, von einem Kind angegriffen zu werden, und der Schutz des Familienbildes führen dazu, dass fast alle betroffenen Familien die Schwere der Angriffe leugnen und deren Folgen herunterspielen, selbst wenn sie öffentlich und offensichtlich sind. Dies stellt ein ernstes Hindernis für eine angemessene Prävention und Behandlung dieser Fälle dar, die erst dann Hilfe suchen, wenn die Angriffe aus irgendeinem Grund öffentlich werden.
Die Verschlechterung der familiären Situation führt zu einer Reaktion, die gerade darauf abzielt, ein gegenteiliges Bild zu vermitteln: So entsteht der Mythos von Frieden und familiärer Harmonie, der in den meisten dieser Familien sichtbar ist, bis sich das Offensichtliche nicht mehr verbergen lässt. Um zu verbergen, was geschieht, wird nach und nach ein Geheimnis um das familiäre Funktionieren aufgebaut.
Obwohl die Schaffung und Aufrechterhaltung dieses Geheimnisses für jede Form innerfamiliärer Gewalt typisch ist, ist die Verleugnung bei der VFP praktisch die Regel und erreicht gravierende Ausmaße: Hohe Aggressionsniveaus werden über einen langen Zeitraum hingenommen, bevor Maßnahmen ergriffen werden (Harbin und Madden, 1979).
Fallvignette
Am Heiligabend verletzt die Tochter im Laufe eines der vielen Streitgespräche ihre Mutter mit einem Messer. Da jeden Moment ein weiteres ihrer Kinder eintreffen soll, wechselt die Mutter ihre blutbefleckte Kleidung und empfängt es, ohne etwas von dem Vorgefallenen zu erzählen. Erst als wieder Blut auf ihrem Kleid erscheint und die Situation offensichtlich wird, spricht die Mutter darüber.4
Die Aufrechterhaltung des Geheimnisses ist gekennzeichnet durch die Ablehnung der Konfrontation oder der offenen Auseinandersetzung mit dem gewalttätigen Verhalten, durch dessen Bagatellisierung und die seiner Folgen, durch die Weigerung, konsequente Maßnahmen zu ergreifen („da ja nichts passiert“, wäre es nicht folgerichtig, dies zu tun), und durch die Ablehnung von Hilfe von außen.
Fallvignette
Nach einer Reihe von Fragen erzählen die Eltern in der Sitzung von dem Moment, als der Sohn versuchte, seinen Vater mit dem Kabel der Spielkonsole zu erdrosseln, weil dieser sie ausgesteckt hatte. In diesem Augenblick bricht die Mutter in Tränen aus und erklärt: „Diese Situation ist furchtbar.“ Als sie in der Sitzung gebeten wird, diese Bemerkung genauer zu erläutern, antwortet sie: „Er musste in die Arrestzelle, und außerdem haben ihn seine Freunde gesehen, als die Polizei ihn in Handschellen abführte; das wird er uns nie verzeihen.“
Da es immer schwieriger wird, das Geschehen geheim zu halten, nimmt der Kontakt nach außen allmählich ab, was zu einer Isolation führt, die ihrerseits die Zunahme des gewalttätigen Verhaltens begünstigt. Diese Isolation kann auch auf eine Forderung des gewaltausübenden Kindes zurückgehen, das darin eine Erleichterung sieht, seine Ziele zu erreichen. Die Isolation begünstigt dann die Aufrechterhaltung des Geheimnisses, sodass ein Teufelskreis entsteht, der zugleich das Problem verschärft.
Zu den Gründen, die dieses Verhalten verständlich machen, zählen der bereits erwähnte Mythos von familiärer Harmonie und Frieden, die Wahrung des Selbstbildes jeder einzelnen Person, das Gefühl, in der elterlichen Aufgabe versagt zu haben, und vor allem die Scham, dass all dies öffentlich wird und das Scheitern des Familienprojekts offen zutage tritt: Wenige Dinge erschüttern unser Familienideal so sehr wie die Umkehrung der natürlichen Abfolge, die darin liegt, dass ein Kind einen Elternteil schlägt.
Das Bemühen, das Geheimnis und die vermeintliche familiäre Harmonie aufrechtzuerhalten, kann zu Kommunikations- und Beziehungsformen führen, die für psychotische Familien typisch sind: die kommunikative Devianz (Wynne und Singer, 1977) und die Pseudo-Gegenseitigkeit (Wynne et al., 1971).
Cyrulnik (2005) stellt in seiner Beschreibung gewaltausübender Jugendlicher fest, dass „alle misshandelnden Jugendlichen, denen wir begegnet sind, keine Gelegenheit gehabt hatten, die Wirkung der Trennung zu erfahren“. Er berichtet zudem, dass ihre Kindheit sehr häufig von Konformismus und Ängstlichkeit geprägt war, bevor sie zu Tyrannen wurden.
In fast allen bei Euskarri betreuten Familien zeigt sich die emotionale Verschmelzung zwischen dem gewaltausübenden Kind und dem angegriffenen Elternteil als Vorstufe des gewalttätigen Verhaltens. Diese intensive Beziehung mag befremdlich wirken, besonders wenn wir den Fall erst in einem schon sehr fortgeschrittenen Stadium kennenlernen, mit einer stark beschädigten Eltern-Kind-Beziehung; bei sorgfältiger Erkundung zeigt sie sich jedoch in der großen Mehrzahl der Fälle.
Diese Beziehung ist in einer Ein-Eltern-Familie oder in einer Familie, die eine Phase des Alleinerziehens durchläuft, deutlicher, tritt aber auch in Familien mit beiden anwesenden Elternteilen auf, aufgrund einer Entfremdung oder eines Konflikts zwischen ihnen.
Leichter zu beobachten ist sie in Ein-Eltern-Familien, in denen das Kind oft den Platz des Partners oder der Partnerin des Elternteils einnimmt, was mitunter eine pseudo-inzestuöse Beziehung hervorbringt: Man tauscht Vertraulichkeiten aus, selbst die intimsten, sucht gegenseitige Unterstützung, geht zusammen aus, teilt das Zimmer oder das Bett.
Fallvignette
Als Inés zu uns in die Beratung kam, trafen wir auf eine getrennt lebende, junge, attraktive und sehr verführerische Mutter, die mit ihren Eltern und ihrem einzigen, 18-jährigen Sohn zusammenlebte, mit dem sie seit Jahren das Zimmer teilte und der sich, seit er ins Jugendalter gekommen war, ihr gegenüber gewalttätig verhielt. Zum Vater hatte sie keinerlei Kontakt, und obwohl sie seit Langem einen „Freund“ hatte, dachte sie nicht daran, aus dem Elternhaus auszuziehen. Erst nach mehreren Sitzungen und zahlreichen Versuchen, den Sohn aus dem Zimmer zu bekommen – die allesamt von der Mutter blockiert wurden –, erfuhren wir, dass das Haus drei Schlafzimmer hatte, von denen jedoch zwei von den Großeltern belegt waren, die seit Jahren getrennt schliefen.
Diese so enge Beziehung, die beiden eine Zeit lang entgegenkam, gerät in die Krise, wenn das Heranwachsen, die Umstände oder der hormonelle Umbruch der Adoleszenz sie sehr gefährlich machen. In dieser so nahen, fusionalen Bindung lässt sich der Beginn der Gewalt als primitiver Versuch der Distanzierung verstehen, als Flucht aus einer Beziehung, die nun als erdrückend, einengend oder gefährlich erlebt wird. Danach treten die sekundären Gewinne des gewalttätigen Verhaltens – Kontrolle, Macht – auf, die zu seiner Aufrechterhaltung beitragen.
Diese übermäßige Nähe zwischen Elternteil und Kind bringt zudem die Unmöglichkeit mit sich, eine hierarchische Beziehung herzustellen. Wenn mein Sohn mein Freund, mein Vertrauter, meine Stütze ist, kann ich ihm gegenüber keine Autoritätsrolle einnehmen; das führt ihn dazu, vorzeitig eine unabhängige Rolle zu übernehmen. Dasselbe geschieht in Familien mit beiden anwesenden Elternteilen, in denen die Ausübung von Autorität durch den elterlichen Konflikt oder durch die Aufgabe der Elternrolle blockiert ist. Doch, wie Harbin und Madden (1979) erläutern, ist diese Autonomie keine, da die Jugendlichen wirtschaftlich und vor allem emotional weiterhin von ihren Eltern abhängig sind. Es handelt sich also um eine Pseudo-Unabhängigkeit, die die Trennung noch schwieriger macht. In dieser Situation lässt sich der Einsatz von Gewalt auch als gescheiterter Weg verstehen, diese Distanz zu suchen.
Zum Mitnehmen
Bei der neuen VFP sind drei Bereiche des familiären Funktionierens betroffen: die Hierarchie (die Eltern geben ihre Rolle auf oder neutralisieren sich gegenseitig, „man kann nichts machen“), das Familienbild (Verleugnung, Geheimnis, Isolation, Mythos der Harmonie) und die Trennung (eine emotionale Verschmelzung zwischen Elternteil und Kind, die die Gewalt auf ungeschickte Weise aufbricht). Diese Verschmelzung, die sich in fast allen bei Euskarri betreuten Fällen findet, stellen die beiden Verfassenden in den Mittelpunkt ihres Verständnisses.
Wie im vorigen Abschnitt erwähnt, können wir Prozesse der Auslösung und der Aufrechterhaltung von Gewalt unterscheiden. Diese unterscheiden sich je nach Familienmodell – Familien mit vielfältiger Gewalt, Ein-Eltern-Familien, Familien mit beiden anwesenden Elternteilen –, weisen aber auch einige gemeinsame Aspekte auf.
– In Familien mit vielfältiger Gewalt erscheint die Gewalt als fast natürliche Folge der familiären Beziehung: Man muss sie ausüben, um zu überleben, oder es ist das, was man gelernt hat, um die durch Konflikte und Meinungsverschiedenheiten entstandene Spannung abzubauen. Ist dieser Mechanismus einmal etabliert, wird man keinen anderen nutzen, solange man nicht gelernt hat, dies zu tun, und darin keine Vorteile gegenüber dem Rückgriff auf Gewalt gefunden hat.
– In Familien mit beiden anwesenden Elternteilen zeigt sich ebenfalls die emotionale Verschmelzung zwischen dem gewaltausübenden Kind und dem angegriffenen Elternteil als Vorstufe der Gewalt.
In einer früheren Phase kommt es gewöhnlich zu einem ungelösten Konflikt zwischen den Eltern, meist von großer Intensität und langer Dauer, der zur Triangulation führt, also zur Einbeziehung des Kindes in die Schwierigkeiten des Paares.
Diese Triangulation ähnelt jener, die Selvini et al. in ihrem Buch Die psychotischen Spiele in der Familie (1990) beschreiben. Nach dem Konflikt und der Verstrickung des Paares, die in eine Pattsituation führen, kommt es zum Eindringen des Kindes in das Spiel, das sich mit einem der beiden Elternteile verbündet. In diesem Fall jedoch kommt es nicht zu dem Verrat am Kind, der zur Psychose führt: Die Bündnisbeziehung bleibt bestehen und bewirkt eine reale – Trennung – oder emotionale Entfernung vom anderen Elternteil. Mit der Zeit ist es das Kind, das sich zu entfernen versucht, und der Elternteil, der diesen Versuch blockiert, wodurch das gewalttätige Verhalten ausbricht.
– In Ein-Eltern-Familien können wir diesen Prozess als eine Phase des im vorigen Absatz Beschriebenen verstehen, auch wenn Triangulation und Konflikt zeitlich weit zurückliegen und bereits vergessen scheinen mögen. Hier ist die emotionale Verschmelzung deutlicher, weil sich die Bindung in Abwesenheit des anderen Elternteils leichter verengen kann.
– In den beiden letztgenannten Fällen ist es die Schwierigkeit der Trennung und Autonomie, die mit der Zeit zum Konflikt führt und die Gewalt ausbrechen lässt. Handelte es sich um Familien mit psychotischer Transaktion, würden Individuation und das Wachstum der persönlichen Identität vermutlich dem Erhalt der Beziehung und der familiären Harmonie geopfert, bis hin zur Pseudo-Gegenseitigkeit. Glücklicherweise überwiegen in den meisten Fällen der Wunsch nach Autonomie und Unabhängigkeit sowie das Bestreben, sich eine eigene Identität aufzubauen, gegenüber dem Wunsch, die Beziehung aufrechtzuerhalten und die elterlichen Bedürfnisse zu befriedigen, sodass Bewegungen in Richtung Trennung einsetzen. Diese werden jedoch, statt gefördert zu werden, blockiert, und die Gewalt erscheint als jener verzweifelte Versuch, die Trennung zu erreichen.
Im Folgenden eine typische Sequenz, in der das gewalttätige Verhalten ausbricht, im Einzelnen:
Zwischen Elternteil und Kind beginnt eine Meinungsverschiedenheit, meist über das Aufstellen einer Regel oder die Ausübung von Autorität – etwas, das das Kind von vornherein schlecht erträgt.
Es entspinnt sich ein Streit, in dem sich beide Seiten auf Augenhöhe begegnen, was leicht zu einer symmetrischen Eskalation führt.
Eine der beiden Seiten, meist das Kind – es kann aber auch der Elternteil sein –, zeigt Vermeidungsverhalten und versucht, sich zurückzuziehen, ohne den Konflikt zu lösen.
Die andere Seite, meist der Elternteil – manchmal aber auch das Kind –, verfolgt und bedrängt sie und versucht, ihren Rückzug zu verhindern.
Die Verfolgung blockiert den Ausweg aus dem Konflikt und lässt die Spannung erheblich ansteigen.
Es kommt zur gewalttätigen Reaktion der bedrängten Seite, Elternteil oder Kind, um der Spannung ein Ende zu setzen. Oft folgt auf diesen Ausbruch Entspannung, und die Beziehung kann sich wieder aufbauen.
Einige Beispiele aus verschiedenen Fällen veranschaulichen diesen Prozess:
Fallvignetten
Gorka erzählte uns, wie er in Situationen, in denen er mit seiner Mutter stritt, versuchte, in sein Zimmer zu gehen und Musik zu hören, um sich zu beruhigen; doch meistens folgte sie ihm, hielt ihm sein schlechtes Benehmen vor, schaltete ihm die Musik aus und hinderte ihn daran, die Tür zu schließen. Die Spannung stieg immer weiter, bis Gorka sich nicht mehr beherrschen konnte und anfing, sie zu beleidigen, anzuschreien und zu stoßen, bis er sie zu Boden warf, um es danach zu bereuen. Sein jüngerer Bruder bestätigte dies.
Jorge und sein Vater hatten einen neuen Streit begonnen. Diesmal ging es um eine Meinungsverschiedenheit über einen kleinen Geldbetrag, den Jorge nach dem Kauf von Schulmaterial nicht zurückgegeben hatte. Wie bei anderen Gelegenheiten wurde der Ton schärfer, bis der Vater beschloss, sich zurückzuziehen und das Zimmer zu wechseln, doch sein Sohn folgte ihm, wurde lauter und begann ihn zu beschimpfen. Der Vater, der die Konfrontation vermeiden wollte, ging wieder in ein anderes Zimmer, wohin ihm Jorge kurz darauf folgte. Zum dritten Mal ging der Vater und flüchtete sich in sein eigenes Zimmer. Jorge folgte ihm dorthin, bis sie schließlich, wie die Male zuvor, gegenseitig handgreiflich wurden.
Nach einem heftigen Streit verließ Ángel das Haus. Seine Mutter versuchte, ihn daran zu hindern, doch er stieß sie heftig – sodass sie die Treppe hinunterfiel – und rannte davon. Nachdem sie sich wieder aufgerappelt hatte, folgte sie ihm humpelnd bis zu einem Park, wo sie ihren Sohn bereits ruhiger antraf. Die Spannung war abgebaut, und seine Mutter bot ihm eine Zigarette an, während sie auf einer Parkbank saßen und plauderten.
Haim Omer (2004) hat die Reaktion von Eltern auf das gewalttätige Verhalten ihrer Kinder eingehend untersucht und schlägt vor, die Antworten in zwei Typen einzuteilen, die er hart und weich nennt:
– Harte Reaktion oder symmetrische Eskalation: Man beantwortet Feindseligkeit mit Feindseligkeit und vorausgegangene Gewalt mit größerer Gewalt. Der Elternteil versucht, die Angriffe des Kindes mit denselben Waffen zu besiegen, was beim Kind eine neue gewalttätige Antwort hervorruft; so entsteht eine symmetrische Eskalation mit einer fortschreitenden Zunahme der Feindseligkeit. Alle möglichen gewaltsamen Mittel werden eingesetzt: Drohungen, Schreien, Demütigungen, körperliche Angriffe, Strafen usw. Beide Seiten glauben, in Notwehr zu handeln: Die andere Seite ist es, die angreift. Je mehr sich jede Seite in diesem Verhalten gefangen fühlt, desto höher ist das Aggressionsniveau.
Fallvignette
Am Samstagnachmittag fing Fernando mit seinem Vater einen Streit über die Uhrzeit an, zu der er nach Hause kommen sollte. Sie konnten sich nicht einigen – keiner von beiden nahm eine Minute von seinem Vorschlag weg oder gab eine hinzu –, und der Ton wurde immer lauter. Bald begannen die Beleidigungen, dann das Schubsen und manchmal Schläge, auf beiden Seiten, bis Fernando, inzwischen stärker als sein Vater, ihn von der Tür wegdrängen und auf die Straße gehen konnte.
– Weiche Reaktion oder komplementäre Eskalation: Man versucht, durch verbale Überzeugung das Kind davon zu überzeugen, dass sein Verhalten falsch ist und sich ändern muss. Man greift zu logischen Argumenten, zu Bitten, zu Zuneigungsbekundungen und versucht, eine empathische Verbindung herzustellen, damit es seine Haltung aufgibt. Man erreicht jedoch nur, dass die Forderungen des Kindes steigen, das angesichts der unterwürfigen Haltung des Elternteils kühner wird. Die Zunahme der Gewalt erzeugt mehr Unterwerfung und führt zu dem, was Omer komplementäre Eskalation nennt, bei der die Unterwerfung die Forderungen steigert.
Fallvignette
Seit Juana angefangen hatte, sie zu beschimpfen, hatte ihre Mutter stets in sanftem Ton mit Vorwürfen reagiert und sie gebeten, darüber nachzudenken. Die Beschimpfungen nahmen immer mehr zu, und ihre Mutter zeigte große Geduld und großes Verständnis, ohne aufzuhören, sie zu anderen Zeiten mit den Mahlzeiten oder den kleinen Süßigkeiten zu belohnen, von denen sie wusste, dass sie sie mochte, und versuchte, sie durch Zuneigung für sich zu gewinnen. Das ging so bis zu dem Tag, an dem Juana ihr die erste Ohrfeige gab. Die Mutter hörte auf, sich zärtlich zu zeigen, doch seitdem bestimmte Juana zu Hause, wo es langging.
Die komplementäre Eskalation ist asymmetrisch und durch eine Dynamik der Erpressung gekennzeichnet. Die übermittelte Botschaft ist eine Botschaft der Schwäche, was den Einsatz von Gewalt zur Erreichung der eigenen Ziele verstärkt.
Demselben Autor zufolge kommt es manchmal zu einer Mischung der Reaktionen, die pendelartig zwischen hart und weich schwanken, da sich beide Eskalationen gegenseitig nähren.
Harte Reaktion – symmetrische Eskalation
Feindseligkeit gegen Feindseligkeit, jede Seite sieht sich in Notwehr; die Aggressivität steigt auf beiden Seiten.
Weiche Reaktion – komplementäre Eskalation
Überzeugungsversuche, Bitten, Zuneigung; die Unterwerfung steigert die Forderungen des Kindes. Dynamik der Erpressung.
Die Gewalt des Kindes ruft zum Beispiel ein unterwürfiges Verhalten hervor, das eine Zunahme seiner Forderungen nach sich zieht. Diese Haltung jedoch, auf Versuche der Empathie und Überzeugung mit immer größeren Forderungen zu antworten, erzeugt beim Elternteil zunehmende Frustration und Feindseligkeit, die schließlich in einem Ausbruch von Aggressivität und Gewalt explodieren. Statt das Kind zu besänftigen, steigert diese Reaktion dessen Aggressivität; man tritt dann in eine symmetrische Eskalation ein, die ein solches Ausmaß erreichen kann, dass der Elternteil vor den möglichen Folgen erschrickt oder sich für seinen Kontrollverlust schämt und zu einem hinhaltenden, unterwürfigen Verhalten gegenüber den Forderungen des Kindes zurückkehrt. Es ist eine zirkuläre Interaktion, die unweigerlich zur Verschärfung des Problems führt.
Die Aufrechterhaltung des gewalttätigen Verhaltens beruht auf den sekundären Gewinnen, die man aus ihm zieht. Jedes aggressive Verhalten innerhalb der Familie zielt darauf ab, Macht und Herrschaft zu vergrößern. Im Fall der VFP betrifft dieses Streben nicht nur die Kontrolle, sondern auch das Erreichen von Zielen: nach Hause kommen, wann man will, mehr Taschengeld bekommen, bestimmen können, was und wann gegessen wird; kurz, vollkommene Handlungsfreiheit. Zudem versucht man, die Konkurrenz – sofern vorhanden – auf ein Minimum zu reduzieren, die Bewegungen und die Kommunikation der Eltern einzuschränken, um äußere Einmischungen zu verhindern, die die erlangte Macht gefährden könnten, und die Eltern bis zur Hilflosigkeit einzuschüchtern.
Fallvignette
Eines Tages beschloss Beatriz, sich nicht mehr mit ihren Eltern an den Tisch zu setzen, wenn ihr Vater weiterhin mit ihnen aß. Eine Zeit lang aß sie allein, bis ihre Mutter nachgab und begann, mit ihr zu essen. Zwei Jahre lang aß der Vater allein, während die Forderungen von Beatriz immer weiter zunahmen. Die Gewalt begann, als die Jugendliche von ihrer Mutter verlangte, sich vom Vater zu trennen.
Mit der Zeit richtet sich das gewaltausübende Kind zunehmend auf Macht aus; die Beziehungen zwischen Eltern und Kind werden immer seltener und schlechter, und die zu den Geschwistern – falls vorhanden – verschlechtern sich ebenso. Die Eltern lernen, das negative Verhalten des Kindes zu ignorieren, um Konfrontationen zu vermeiden, sodass dieses seine Macht mit immer extremeren Verhaltensweisen untermauern muss (Omer, 2004).
Die Ziele des gewaltausübenden Kindes werden schließlich dieselben wie die der sozialen und politischen Gewalt: Herrschaft durch die Angst, die sie erzeugt, durch die wiederholte Anwendung gewalttätiger Handlungen mit einer fortschreitenden Steigerung des Bedrohungsniveaus, was nach dem Schema sozialer und politischer Gewalt von Sluzki (2002) bei den Opfern schließlich eine Reaktion der Abstumpfung und Unterwerfung hervorruft.
Fallvignette
Antonia erzählte uns, sie habe beschlossen, an ihrer Schlafzimmertür einen Riegel anzubringen, aus Angst, die sie nachts beim Schlafen empfand, bei dem Gedanken, ihr Sohn würde aggressiv von der Straße heimkommen. „…Jedes Mal, wenn im Fernsehen etwas über Misshandlung kam, sagte er zu mir: ‚So wirst du auch enden.‘ Ich sah nachts schon Schatten und dachte, ich würde verrückt. Es war, als würde er Wache halten… Mir ging es sehr schlecht, ich hatte Panik… Oft habe ich aus Angst den Mund nicht aufgemacht.“
Die Auswirkungen dieses Verhaltens im familiären Rahmen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Nachdem wir das Phänomen der VFP definiert und zwischen den verschiedenen bestehenden Formen unterschieden haben, haben wir aus einem ökologischen Verständnis heraus die Faktoren benannt, die sowohl das Entstehen als auch die Aufrechterhaltung dieser Problematik beeinflussen: a) gesellschaftliche – unter besonderer Betonung ihres Zusammenhangs mit den Erziehungsstilen –, b) individuelle – indem Persönlichkeitsmerkmale mit einem möglichen Vorliegen von Psychopathologie in Verbindung gebracht werden – und c) familiäre, die das zentrale Interesse der vorliegenden Arbeit bilden.
In diesem letzten Bereich werden zwar die Familienmodelle benannt, in denen diese Art von Verhalten auftritt, doch konzentriert sich die Analyse auf die Familiendynamik – Gewalt in der Vorgeschichte, Erziehungsstil, Paarbeziehung der Eltern, dysfunktionale Bereiche usw. –, die sowohl das Entstehen als auch die Aufrechterhaltung des gewalttätigen Verhaltens begünstigt.
Ebenso weisen wir auf das Funktionsmuster hin, das sich bei der neuen VFP häufig wiederholt:
Aus all diesen Gründen halten wir es für unerlässlich, bei dieser Art von Problematik den beziehungsorientierten Ansatz einzubeziehen und zu seinen Hauptzielen zudem die Veränderung der Familiendynamik zu zählen; denn wenn sich die Behandlung auf das Verschwinden des gewalttätigen Verhaltens beschränkt – ein selbstverständlich vorrangiges Ziel –, sind dessen Fortbestehen und spätere Verschärfung wahrscheinlicher.
Dies erfordert eine gleichzeitige Arbeit an den drei als dysfunktional beschriebenen Bereichen – hierarchische Organisation und Festlegung von Regeln, Schutz des Familienbildes, Trennung und Verschmelzung –, ohne den Wiederaufbau der Bindung zwischen Eltern und Kindern aus den Augen zu verlieren, die in diesen Fällen durch das gewalttätige Verhalten schwer beeinträchtigt ist, das bei jedem Familienmitglied eine eingeschränkte und verzerrte Wahrnehmung zu begünstigen neigt.
Anmerkungen des Originals
1. Bericht der Staatsanwaltschaft Kataloniens, 2005.
2. Bericht der Staatsanwaltschaft der Autonomen Gemeinschaft Baskenland, 2005.
3. Bericht der Staatsanwaltschaft der Region Valencia, 2005.
4. Tageszeitung ADN, 26. Dezember 2007.
Wer diesen Text verfasst hat
Roberto Pereira Tercero: Psychiater. Leiter von Euskarri, Zentrum für Intervention bei Gewalt von Kindern gegen Eltern.
Lorena Bertino Menna: Psychologin, Psychotherapeutin. Koordinatorin von Euskarri, Zentrum für Intervention bei Gewalt von Kindern gegen Eltern. https://www.avntf-evntf.com/presentacion/
Literatur
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Cyrulnik, B. (2005). El amor que nos cura. Gedisa, Barcelona.
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Inoffizielle Übersetzung aus dem Spanischen von „Una comprensión ecológica de la violencia filio-parental“, veröffentlicht von Red Sistémica (Erstveröffentlichung: Red Sistémica). Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz und mit Zustimmung der Zeitschrift erneut veröffentlicht. Maßgeblich ist die Originalfassung.
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Pereira Tercero, R., & Bertino Menna, L. (2023). Une compréhension écologique de la violence filio-parentale (Complexe Systémique, Übers.). Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/fr_FR/articles/une-comprehension-ecologique-de-la-violence-filio-parentale (Originalwerk 2023 in Red Sistémica erschienen; 2023 erneut veröffentlicht von Red Sistémica, https://redsistemica.ar/2023/02/08/una-comprension-ecologica-de-la-violencia-filio-parental/)
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