Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Australian and New Zealand Journal of Family Therapy · Familientherapie
Mehr als sechzig Jahre nach seiner Gründung durch Nathan Ackerman ist das New Yorker Ackerman Institute nach wie vor eine der Geburtsstätten der Familientherapie. Deisy Amorin-Woods besucht es erneut mit Evan Imber-Black, die dort sechsundzwanzig Jahre lang lehrte und Family Process herausgab. Dabei geht es um die Arbeit hinter dem Spiegel mit Peggy Papp, um Rituale, die die Pandemie durcheinanderbrachte, um Geheimnisse, die sich nicht immer auf einmal enthüllen lassen, und um eine Überzeugung: Familientherapie kann nicht abseits der Politik stehen.
Inoffizielle deutsche Übersetzung von The Ackerman Institute: a journey of culture and diversity over six decades. A conversation with Evan Imber-Black von Deisy Amorin-Woods und Evan Imber-Black, erschienen in Australian and New Zealand Journal of Family Therapy (Wiley) (2024), doi: 10.1002/anzf.1578, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Wir können die Frage der Vielfalt, einschließlich Race und Kultur, nicht von der Politik trennen.
Evan Imber-Black im Gespräch mit Deisy Amorin-Woods
Zusammenfassung
Das Ackerman Institute for the Family, 1960 von Dr. Nathan Ackerman gegründet, ist eines der ältesten und angesehensten familientherapeutischen Institute in den Vereinigten Staaten. Ackerman leistete Pionierarbeit bei der Einbeziehung systemischer Erkenntnisse in Gruppensettings, betonte die entscheidende Rolle der Familie in der Therapie und setzte sich für die Weiterentwicklung und Anerkennung der Familientherapie ein. „The Ackerman“ spielte eine zentrale Rolle bei der Gründung von Family Process, der ersten Fachzeitschrift für die wissenschaftliche Arbeit in der Familientherapie. Vielfalt und Inklusion sind zentrale Grundsätze der Philosophie des Ackerman, erkennbar an seinen Programmen, Ausbildungsgängen und der Zusammensetzung seines Personals. Aus diesem Engagement ist eine regelrechte Riege führender Persönlichkeiten der Familientherapie hervorgegangen, die sowohl zum Ackerman Institute als auch zum Berufsfeld wesentlich beigetragen und politische Entscheidungen und klinische Praxis beeinflusst haben. Eine der angesehensten und meistgeschätzten prägenden Persönlichkeiten und Innovationskräfte unseres Fachgebiets, die eine wichtige Rolle für das Vermächtnis mehrerer Institutionen, darunter des Ackerman, gespielt hat, ist Dr. Evan Imber-Black. Sie gehörte viele Jahre dem Lehrkörper an und leitete das Ackerman Center for Families and Health. Ihr Fachgebiet umfasst die Erforschung von Familienritualen und Familiengeheimnissen, mit einem Schwerpunkt auf der Bedeutung von Ritualen für Sinn, Identität und Verbundenheit in unterschiedlichen Kulturen und Familienlebenszyklen. Als Herausgeberin von Family Process während acht Jahren betont sie, dass es unerlässlich ist, wissenschaftliche Arbeiten im Kontext der Kulturen zu betrachten – wir stehen nicht außerhalb der Kultur, wir sind aktiv an ihr beteiligt. Dieser Beitrag beruht auf einem Gespräch mit Dr. Evan Imber-Black vom Juni 2023, das ihre persönlichen und beruflichen Erfahrungen, ihre Verbindung zum Ackerman Institute und ihre einflussreiche Arbeit über Familienrituale und -geheimnisse vertieft. Auf diese Weise beleuchtet der Beitrag ihr Engagement für Vielfalt und die nachhaltige Wirkung der Beiträge von Dr. Imber-Black zur Familientherapie.
Kernpunkte
Das Ackerman Institute for the Family (früher Family Institute, heute auch Ackerman Institute oder einfach „The Ackerman“ genannt) ist eines der ältesten familientherapeutischen Institute in den USA und weltweit und hat sich durch seine innovativen klinischen Angebote sowie seine Ausbildungs- und Forschungsinitiativen einen herausragenden Ruf erworben. Gegründet wurde es 1960 von dem Psychiater Dr. Nathan Ackerman. In Russland geboren, kam der junge Nathan im Alter von vier Jahren mit seiner Familie in die USA. Ursprünglich als klassischer Psychoanalytiker ausgebildet, interessierte er sich später dafür, systemische Erkenntnisse in Gruppensettings einzubringen, indem er Menschen in Behandlung und ihre Familien in der Gruppe sah. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er, sich für die Rolle der Familie in der Therapie einzusetzen, und warb seine gesamte berufliche Laufbahn lang für die Weiterentwicklung und Anerkennung der Familientherapie als therapeutische Methode. Er vertrat die Auffassung, dass das psychische Wohlbefinden des Einzelnen unmittelbar aus dem Zustand der Familie hervorgeht und mit ihm zusammenhängt (Ackerman, 1958, 1966, 1970).
Um ihre Vorzüge bekannt zu machen, zeigte Ackerman Filme, die diese neue Methode vorführten, und begründete damit nicht nur eine neue Therapieform, sondern auch die Tradition der audiovisuellen Dokumentation klinischer Arbeit, die zu einem der Grundpfeiler der familientherapeutischen Ausbildung wurde (Ackerman, 1982).
1962 gründete Nathan Ackerman gemeinsam mit Don Jackson und Jay Haley die Zeitschrift Family Process. Als gemeinsame Initiative des Ackerman Institute for the Family und des Mental Research Institute wurde Family Process als erste Zeitschrift ins Leben gerufen, die die wissenschaftliche Arbeit in der Familientherapie unterstützte. Sie zählt bis heute zu den angesehensten Zeitschriften des Fachgebiets. Drei der bisherigen sechs Herausgebenden von Family Process gehörten dem Lehrkörper des Ackerman an (AIFTF, 2024). Dr. Evan Imber-Black, die von 2004 bis 2012 als sechste die Herausgabe innehatte, lehrte von 1995 bis 2021 auch am Ackerman Institute. Während ihrer Amtszeit war sie sehr einflussreich und verantwortete die Veröffentlichung klinischer wie forschungsbezogener Hefte zu Themen wie Scheidung und lateinamerikanischen Familien. In dieser Zeit erschienen auch die ersten Übersetzungen ins Spanische sowie ins Chinesische übersetzte Abstracts. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Beitrags war Dr. Melanie M. Domenech Rodríguez, puerto-ricanischer Herkunft, gerade zur Herausgeberin von Family Process ernannt worden, was die Bedeutung der Vielfalt und die Wertschätzung unterschiedlicher Kulturen in der Zeitschrift bekräftigt.
Im Laufe der Geschichte des Ackerman, unter zahlreichen und vielfältigen Leitungen, entwickelte und erweiterte das Institut seine klinischen und Ausbildungsprogramme. Es entwickelte und erweiterte zudem Projekte für die Bedürfnisse bestimmter Bevölkerungsgruppen und unterstützte Familien in den Bereichen AIDS, Pflegefamilien und Adoption, Unfruchtbarkeit, Gender und Gewalt sowie Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Diese Projekte wiederum beeinflussten die Ausbildungs- und klinischen Ansätze (AIFTF, 2024).
Das Institut gründete außerdem eine Reihe von Zentren. 1990 fasste das Institut unter der Leitung von Peter Steinglass seine Projekte in fünf thematischen Zentren zusammen, die alle Ausbildungsmöglichkeiten, Programme und Angebote bereitstellten: The Center for the Developing Child and Family, The Center for Work and Family, The Center for Substance Abuse and the Family, The Center for Children and Relational Trauma und The Center for Families and Health, das Dr. Imber-Black 15 Jahre lang leitete (AIFTF, 2024).
Das Ackerman Institute for the Family bietet innovative klinische Angebote für Paare und Familien, hochmoderne Ausbildungsprogramme vor Ort und online für Fachkräfte aus dem In- und Ausland sowie Forschungsinitiativen, die sich auf die Entwicklung neuer Behandlungsmodelle und Ausbildungstechniken konzentrieren. Die Klinik betreut Familien unterschiedlichster Formen und Hintergründe, darunter traditionelle Kernfamilien, Einelternfamilien, Patchworkfamilien, schwule und trans Familien sowie Familien aus allen sozioökonomischen, religiösen, ethnischen, kulturellen und rassifizierten Gruppen (AIFTF, 2024).
Ein wesentliches Merkmal des Ackerman ist sein Engagement für Vielfalt in all ihren Formen und auf allen Ebenen; Vielfalt und Inklusion wurden im Laufe der Jahre zunehmend gewürdigt. Dies zeigt sich an den geschaffenen Programmen, an den angebotenen Ausbildungsgängen, am Personal der verschiedenen Dienste und Programme und an der Vielfalt der Familien, die die Angebote nutzen und deren besondere Bedürfnisse am Ackerman berücksichtigt werden. Kulturelle Vielfalt ist für das Ackerman besonders wichtig, da es jeder Familie bedarfsgerechte und kulturell relevante Angebote macht. Eine bezeichnende Initiative war das Social Work and Diversity Program, das das Ackerman 1992 entwickelte und aus dem viele familientherapeutische Fachkräfte aus Minderheitengruppen hervorgegangen sind. Ein großer Teil derjenigen, die am Ackerman lehren oder Positionen in kommunalen Einrichtungen innehaben, gehört Minderheitengruppen an und kann dort politische Entscheidungen und klinische Praxis beeinflussen (AIFTF, 2024).
Dr. Imber-Black ist ehemalige Präsidentin der American Family Therapy Academy. Ihre Berufserfahrung erstreckt sich über mehr als 46 Jahre, in denen sie einen äußerst wertvollen Beitrag zum Feld der Familientherapie geleistet hat. Mit dem Ackerman Institute ist sie eng verbunden, da sie ihm 26 Jahre ihres Berufslebens gewidmet hat. Sie gehörte dem Lehrkörper des Ackerman von 1995 bis 2021 an. In den letzten 15 Jahren dieser Zeit, von 2006 bis 2021, leitete sie das Ackerman Center for Families and Health, an dessen Gründung sie mitgewirkt hatte.
Evan war zudem Leiterin des Family and Group Studies Program, das ärztlichem Personal in der psychiatrischen Facharztweiterbildung eine systemische Ausbildung vermittelte, sowie Gründerin und Leiterin des Urban Institute for Families and Family Therapy am Albert Einstein College of Medicine in der Bronx, New York. Dieses innovative Institut bot Fachkräften der psychosozialen Grundversorgung, die ohne entsprechende Ausbildung mit Menschen in den schwierigsten Familiensituationen arbeiten mussten, eine Ausbildung in Familiensystemen. Sie war Professorin am Department of Psychiatry des „Einstein“ und ist ihm nach wie vor verbunden. Derzeit ist Evan Professorin und Leiterin des Masterstudiengangs Marriage and Family Therapy an der Mercy University.
Evan war acht Jahre lang, von 2004 bis 2012, Herausgeberin der renommierten Zeitschrift Family Process. Sie setzte sich mit großem Einfluss für Vielfalt ein und verantwortete die Veröffentlichung von Themen wie lateinamerikanischen Familien, sowohl im klinischen als auch im Forschungsteil. In ihrer Amtszeit erschienen auch die ersten Übersetzungen ins Spanische sowie ins Chinesische übersetzte Abstracts. Evan ist bei Family Process weiterhin im New Writers’ Fellowship Program engagiert, in dem sie Studierende der Familientherapie, frisch Absolvierende sowie (im Schreiben neue) Praktizierende begleitet und das Handwerk des wissenschaftlichen Schreibens lehrt. Die Beiträge widmen sich sozialer Gerechtigkeit und systemischen Fragen, und die beteiligten Forschenden stammen aus unterschiedlichen kulturellen Gruppen.
Sie hat umfangreich zu zentralen Bereichen der Praxis publiziert. Zwei davon stechen besonders hervor und sind eng mit ihrem Namen verbunden: Familiengeheimnisse und Familienrituale. Sie hat über 75 Originalbeiträge und mehrere Bücher verfasst. Dazu gehören The Secret Life of Families (Imber-Black, 1999), Secrets in Families and Family Therapy (Imber-Black, 1993), Rituals for Our Times, gemeinsam mit Janine Roberts verfasst (Imber-Black & Roberts, 1998), Rituals in Families and Family Therapy, gemeinsam mit Janine Roberts und Richard Whiting herausgegeben (Imber-Black, 2003 [1998]), und Families and Larger Systems (Imber-Black, 1988).
Evan wurde eingeladen, beim Festtreffen zum 50-jährigen Bestehen von Family Process einen Vortrag mit dem Titel The Evolution of Family Process: Contexts and Transformations zu halten. Darin stellte sie die Entwicklung der Zeitschrift in ihrem historischen und ihrem gegenwärtigen Kontext dar.
Evan war mit ihrem Artikel „Rituals in the time of COVID-19: imagination, responsiveness, and the human spirit“ (Imber-Black, 2020) im Sonderheft von Family Process zu COVID-19 vertreten.
Evan erhielt 1990 den Award for Distinguished Contribution to Family Therapy Theory and Practice der American Family Therapy Academy. 1999 wurde ihr außerdem der Preis Cumulative Contribution to Marriage and Family Therapy der American Association for Marriage and Family Therapy verliehen.
Rituale sind in Zeit, Kontext und Kultur verortet und haben in der Geschichte der Menschheit und über Kulturen hinweg stets eine zentrale Rolle gespielt (Imber-Black, 2002). Rituale sind wirkungsvolle therapeutische Werkzeuge, und Evan hat ausführlich über ihren Nutzen geschrieben. Auf diese Weise konnte sie zahlreiche Familien dabei unterstützen, ihre Rituale zu gestalten und anzupassen (Imber-Black, 2002). Familienrituale geben uns Orientierung und Werte und vermitteln uns Sinn, Identität, Sicherheit und Zugehörigkeit. Sie schaffen ein Gefühl der Verbundenheit mit den einzelnen Familienmitgliedern und mit der Familie und sorgen zugleich für Kontinuität über die Generationen hinweg.
Alle Kulturen haben Rituale, die sie von der Vergangenheit her in Gegenwart und Zukunft verankern. Rituale begleiten den gesamten Familienlebenszyklus und helfen bei Übergängen; sie verschieben und verändern sich, um die individuelle Entwicklung und die Neujustierung familiärer Beziehungen widerzuspiegeln und zu ermöglichen. Sie berühren die kindliche Entwicklung, die Adoleszenz, die Familienkultur und die Beziehungen zwischen den Generationen und betreffen zugleich Emotion und Kognition innerhalb der Familie (Imber-Black, 2002). Es ist wichtig anzuerkennen, dass jede Kultur ihre eigenen, unverwechselbaren Rituale hat, die Kulturen voneinander unterscheiden und zeigen, was einer Kultur wichtig ist. Deshalb ist es entscheidend, die spezifischen kulturellen Rituale von Familien zu erkennen, um Familien besser zu verstehen und mit ihnen zu arbeiten.
In meiner eigenen Kultur, in meinem Geburtsland Peru, gibt es einige familiäre und kulturelle Rituale, deren Einhaltung von uns als Zeichen des Respekts und der Einheit innerhalb unserer Familien erwartet wird. Kultur steht im Mittelpunkt peruanischer Familien (auch wenn Fortschritt sowie technologische und wirtschaftliche Einflüsse daran etwas verändert haben). Im Großen und Ganzen zeigen peruanische Familien ein hohes Maß an Einheit, Zielstrebigkeit, Verantwortung und Zusammenhalt über die Generationen hinweg (Amorin-Woods, 2020).
Übergänge im Familienzyklus werden nicht so markiert, wie man sie durch die westliche Brille wahrnimmt. Die erweiterte Familie wird im Wesentlichen so betrachtet, wie man in Australien die Kernfamilie betrachten würde. So ist es beispielsweise üblich, dass Großeltern in Dreigenerationenhaushalten leben. In meiner eigenen Erfahrung lebte meine Großmutter bis zu ihrem Tod bei uns. Es gab also keinen markierten Übergang, bei dem Eltern in ein Pflegeheim umziehen. Ein weiteres Beispiel sind Kinder auf ihrem Weg in die Hochschulbildung. Es wird nicht erwartet, dass sie als solche „flügge werden“; vielmehr verändert sich das Maß an Verantwortung, das von den Kindern erwartet wird. So kann von ihnen erwartet werden, dass sie zur Betreuung jüngerer Geschwister oder zum Haushalt beitragen. Im Großen und Ganzen sind hispanische peruanische Familien patrizentrisch: Sie sind auf den Vater als Haushaltsvorstand ausgerichtet, der als Autorität in der Familie gilt (Church, 2010). In meinem Elternhaus jedoch wurden wir, da unser Vater früh fortging, von einer alleinerziehenden Mutter, die (als Pädagogin) für den Lebensunterhalt sorgte, und von meiner Großmutter mütterlicherseits großgezogen. Dies erzwang zusätzlich eine familiäre und kulturelle Neujustierung in Bezug auf Zusammensetzung, Dynamik und Rituale.
Einige dieser Rituale werden durch Migration erheblich beeinträchtigt. Das ist einer der Gründe, warum der Anpassungsprozess für neu Zugewanderte so schwierig ist. Je nach „Wahlheimat“ wird von zugewanderten Familien erwartet, dass sie ihre Rituale aufgeben. Von ihnen wird erwartet, im Zuge der Assimilation die Rituale und Traditionen des neuen Landes zu übernehmen, und dies ist in Australien überwiegend der Fall. Zugewanderte berichten mir oft, dass sie ihr grundlegendes Identitätsgefühl aufgeben, das ihnen Sinn und ein Gefühl der „Zugehörigkeit“ vermittelt.
Rituale dienen unter anderem dazu, zu feiern, zu heilen, willkommen zu heißen, zu trauern, Abschied zu nehmen, familiäre Übergänge anzuerkennen und in einen neuen Lebensabschnitt einzutreten (Imber-Black, 2005).
Nehmen wir zum Beispiel ein sechsjähriges Mädchen, dessen Mutter für einen Routineeingriff in eine Tagesklinik geht, jedoch nicht zurückkehrt. Als der Vater ohne die Mutter nach Hause kommt, schließt er sich tagelang in seinem Zimmer ein. Das Kind erfährt von einer Nachbarin, dass seine Mutter gestorben ist. Der Vater verbirgt seinen Schmerz, und über die Mutter und ihren Tod wird zu Hause nie gesprochen.
Welche Rituale sind allein in diesem Szenario versäumt worden und verloren gegangen, und wie wird sich das voraussichtlich auf diese Familie und auf das gegenwärtige und künftige Leben dieses Kindes auswirken, auf sein Identitätsgefühl, auf seinen Platz in der Welt? Auf die Bedeutung, die es Beziehungen gibt?
Die COVID-19-Pandemie hatte tiefgreifende Folgen für Einzelne und Familien, die Übergänge nicht vollziehen konnten, weil diese wichtigen Prozesse und Übergangsriten fehlten. Ein älterer Mensch, der beim Umzug in ein Pflegeheim seine Familie nicht sehen kann; eine junge erwachsene Person, die ihren Hochschulabschluss ohne familiäre Unterstützung macht; Eltern, die nicht in einen anderen Bundesstaat reisen können, um ihre Tochter mit schweren psychischen Problemen zu unterstützen, und die später nach ihrem Suizid nicht anreisen können. Dies sind reale Beispiele, die ich während der Pandemie erlebt habe, mit vielfältigen Auswirkungen damals und bis in die Zukunft.
Evans Arbeit über Rituale in dieser entscheidenden Zeit unseres Lebens war hilfreich und bestärkend. Sie leistete einen gewichtigen Beitrag zum Pandemie-Sonderheft von Family Process (Imber-Black, 2020), der auch im COVID-19-Sonderheft des ANZJFT zitiert wurde, das ich als Gastherausgeberin betreute (Amorin-Woods, 2021a, 2021b).
Ein Fall, dem ich während der Pandemie in meiner Arbeit begegnete, war der einer Mutter, die erst kürzlich nach Australien eingewandert war und kaum Englisch sprach. Man sagte ihr, dass ihr Mann wegen der Vorschriften bei der Geburt nicht im Raum sein dürfe. Nach der Entbindung wurde ihr mitgeteilt: Mit dem Baby stimmt etwas Gravierendes nicht, und so wurde das Baby sofort weggebracht, weil das medizinische Personal unverzüglich operieren musste, um sein Leben zu retten. Die Mutter durfte ihr Baby also nicht sehen und hatte auch nicht die Unterstützung ihres Mannes. Wie wirkt sich diese vielschichtige Erfahrung „ohne Rituale“ auf diese Mutter, ihren Mann, ihr Baby und diese Familie aus?
Auch wenn die Art der Informationen und die Funktion von Geheimnissen sehr unterschiedlich sind, leben sie in jeder Familie und sind Teil von ihr, ob es sich nun um leichte, alltägliche Geheimnisse handelt oder um schädliche, zerstörerische. Scham, Angst oder die Furcht vor Verurteilung sind starke Beweggründe, zerstörerische Geheimnisse unter Verschluss zu halten, besonders wenn es um schädliche, toxische und zerstörerische Geheimnisse wie sexuellen Missbrauch geht, die sich leicht verbergen lassen, über die nie gesprochen wird und die selten angezeigt werden.
Solche Geheimnisse haben die Macht, das Opfer oder die Person, um die sie kreisen, zu lähmen oder zu vernichten. Sie verleugnen die Geschichte und die gelebte Erfahrung dieser Person. Ein Haus über darunter begrabenen Körpern zu errichten, ohne jemals anzuerkennen oder auszusprechen, was dort liegt, wird die Person wahrscheinlich daran hindern, mit sich selbst und mit anderen in Verbindung zu treten, voranzukommen und den Horizont zu sehen, so großartig die Aussicht vom Gipfel auch erscheinen mag. Wird das Geheimnis jedoch behutsam, zum richtigen Zeitpunkt und an einem sicheren Ort geöffnet, kann sich für die Person ein bestätigenderes und realistischeres Szenario eröffnen, in dem Hilflosigkeit in Hoffnung und Isolation in Verbundenheit übergehen können – stets unter Würdigung der Erfahrung von Schmerz, Verletzung und Verlust, die unter dem Geheimnis liegt.
Im Rahmen ihrer Arbeit mit dem schwierigen Thema Geheimnisse hat Evan Imber-Black ihre Unzufriedenheit mit Modellen hervorgehoben, die die komplexen Ökologien außer Acht lassen, die auf Familien einwirken. Sie denkt an die Familien zurück, mit denen sie arbeitete und von denen sie wusste, dass sie mit Geheimnissen lebten, die reiche und oft schmerzliche Geschichten aus ihren eigenen Herkunftsfamilien mit sich trugen. Geschichten von Migration, Krieg, Sexismus und Rassismus; verworrene Beziehungsgeflechte mit Institutionen – Arbeitsstätten, Schulen, Krankenhäusern, Kirchen und Synagogen – und die Einbettung in eine umfassendere Kultur, die ihre Überzeugungen über Geheimhaltung und Offenheit prägte (Imber-Black, 1993, S. 8).
Wie viele von uns Therapierenden hat auch Evan im Rahmen von Ausbildung und Mentoring oft widersprüchliche Ratschläge zum Umgang mit Geheimnissen im therapeutischen Raum erhalten. Ihr war beigebracht worden, einzelnen Familienmitgliedern niemals zu erlauben, sie zwischen den Familiensitzungen zu kontaktieren, da sie ihr ein Geheimnis anvertrauen könnten. Man hatte sie sogar angewiesen, die Familien beim ersten Kontakt aufzufordern, ihr keine Geheimnisse zu erzählen, da sie sonst darauf bestehen müsse, dass diese mit der ganzen Familie geteilt würden (Imber-Black, 1999, S. 11). Mit der Zeit und durch bewusste Reflexion erkannte Evan bald, dass dies ein unhaltbarer Ansatz war, da gerade der Therapieraum der Ort ist, an dem „stumme Stimmen“ gehört werden sollten. Folglich widmete sie einen Großteil ihrer umfangreichen Arbeit und Forschung der Entwicklung hilfreicher Antworten auf das, was sie als „von Geheimnissen gedrehtes Beziehungskaleidoskop“ beschrieb (Imber-Black, 1999, S. 9).
Ich wollte dieses Gespräch schon lange führen. Evans Beitrag zu unserem Beruf ist umfangreich und bedeutsam. Sie hat die Entwicklung, Ausbildung und Bereicherung vieler Praktizierender unseres Fachgebiets maßgeblich beeinflusst. Evans Arbeit hat mich besonders gefesselt, und ihre Hingabe, ihre Leidenschaft und ihre Offenheit für Vielfalt und Kultur waren mir eine Inspiration. Evan hat sich zudem in weiten Teilen ihrer Arbeit Themen gewidmet, die trotz ihrer Bedeutung und vielschichtigen Wirkung nur wenige aufgegriffen haben, wie etwa Rituale. Ein weiteres, in systemischen Kreisen möglicherweise tabuisiertes Thema sind Geheimnisse; hier kann man Evans Bemühungen als außerordentlich mutig ansehen, da sie sich auf einen oft wichtigen, aber vernachlässigten Teil therapeutischer Interventionen konzentriert.
Ein weiterer Grund für dieses Gespräch mit Evan war ihr langjähriges und vielfältiges Wirken am Ackerman Institute, das wie das Mental Research Institute eine „Geburtsstätte“ der Familientherapie war und im Kern unserer Berufsgeschichte steht (Amorin-Woods et al., 2022). Evans vielfältige Funktionen am Ackerman sowie ihr Engagement für Family Process unterstreichen ihr tiefes Interesse an unserem Beruf, ihre Verbundenheit mit ihm und die Tiefe und Breite ihres Wissens. Darüber hinaus, und das ist wichtig, zog mich Evans aufrichtiger Wunsch und ihre Leidenschaft an, sich mit marginalisierten Menschen zu solidarisieren, sowie ihre Fähigkeit, aus dem „Offensichtlichen“ herauszutreten und den Status quo infrage zu stellen, indem sie die kulturellen Elemente unserer Praxis erkundet. Wie Evan es prägnant ausdrückt: Ich denke wirklich, dass es unerlässlich ist, unsere wissenschaftliche Arbeit im Kontext unserer Kulturen zu betrachten – wir stehen nicht außerhalb der Kultur, wir sind aktiv an ihr beteiligt.
Dieser Beitrag beruht also auf einem Gespräch, das ich am 22. Juni 2023 per Zoom mit Evan Imber-Black geführt habe. Evan sitzt in New York, ich auf dem Land der Whadjuk Noongar in Perth, Western Australia. In diesem Gespräch vertiefen Evan und ich einige ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen. Sie spricht über ihr langjähriges Wirken am Ackerman Institute for Families und bei Family Process. Wir sprechen auch über ihre zentralen Interessengebiete, nämlich Familienrituale und Familiengeheimnisse. Evan teilt persönliche und berufliche Einsichten über die Menschen, die sie geprägt haben: angefangen bei bedeutenden Persönlichkeiten der Pionierzeit unseres Fachgebiets, geschätzten und lieben Kolleginnen wie Peggy Papp, ihren engagierten Studierenden aus unterschiedlichsten Lebenswelten und allen Ecken der Welt, und schließlich, und vielleicht vor allem, ihrem geliebten verstorbenen Mann Lascelles.
Deisy Amorin-Woods: Evan, es ist mir eine große Freude, mit Ihnen in Verbindung zu treten. Es ist ein Privileg für mich, dass Sie meine Einladung zu diesem Gespräch angenommen haben.
Evan Imber-Black: Danke. Und es ist mir eine Ehre, bei Ihnen zu sein.
Deisy Amorin-Woods: Beginnen möchte ich gern mit Ihrer Verbindung zum Ackerman Institute. Wenn ich an das Ackerman Institute denke, denke ich an die wertvolle Arbeit, die es seit den Anfängen unseres Fachgebiets über die Jahre geleistet hat. Mir kommt auch Ihr Wirken am Ackerman in den Sinn, das, wie ich weiß, umfangreich und äußerst wertvoll war. Ihr enormer Beitrag als Mitglied des Lehrkörpers, neben anderen einflussreichen und unvergesslichen Mitgliedern. Peggy Papp zum Beispiel, die, glaube ich, nicht nur eine berufliche Weggefährtin, sondern auch eine liebe Freundin von Ihnen war und vor erst ein paar Jahren verstorben ist.
Evan Imber-Black: Ja, nun, es ist noch nicht einmal so lange her.
Deisy Amorin-Woods: Sie haben in Erinnerung an Peggy einen schönen und herzlichen Gedanken geteilt: „Lange bevor irgendjemand vom ‚Einsatz des therapeutischen Selbst‘ sprach, gelang es Peggy, ihre recht berühmten Beitragenden dazu zu bringen, ihre Schwierigkeiten und ihre Erfolge offenzulegen, und begründete so die Ethik der Transparenz unseres Fachgebiets“ (Imber-Black, 2021).
Evan Imber-Black: Ja, das stimmte. Sie war etwas ganz Besonderes. Ich vermisse sie sehr, sehr. Ich vermisse unsere gemeinsame Arbeit, unsere Gespräche, unsere Ausflüge an den Broadway und vieles mehr.
Deisy Amorin-Woods: Ein so großer Verlust in Ihrem persönlichen und beruflichen Leben. Weitere wichtige Namen, die mir einfallen, sind Lynn Hoffman, Peggy Penn und Olga Silverstein, um nur einige zu nennen. Was können Sie uns über das Ackerman Institute erzählen, über Ihr Wirken und Ihre Verbindungen dort, und wie lange hatten Sie die verschiedenen Funktionen inne?
Evan Imber-Black: Ich habe von 1995 bis 2021 am Ackerman gearbeitet. Meine Zeit am Ackerman verbrachte ich größtenteils damit, Auszubildende zu unterrichten, mit Live-Supervision und dem Einwegspiegel für ein Team fortgeschrittener Auszubildender. In den letzten 15 Jahren leitete ich das Center for Families and Health, an dessen Gründung ich mitgewirkt hatte.
Deisy Amorin-Woods: Ich verstehe, Sie haben also das Center for Families and Health geleitet, und ich glaube, dieses Zentrum war eines von insgesamt vier oder vielleicht fünf verschiedenen Programmen, stimmt das?
Evan Imber-Black: Wahrscheinlich sogar mehr, aber ich bin mir nicht sicher. Eines der wunderbaren Dinge am Ackerman ist, dass man etwas aufbauen konnte, wenn man eine gute Idee hatte und bereit war, die Arbeit hineinzustecken. Und so gab es sehr, sehr viele Projekte, viele Zentren und so weiter.
Deisy Amorin-Woods: Das ist sehr ermutigend. Wie hat es denn angefangen? Wie kam es zu Ihrem Engagement am Ackerman Institute?
Evan Imber-Black: Ich habe zehn Jahre lang, von 1986 bis 1996, am Albert Einstein College of Medicine in der psychiatrischen Abteilung gearbeitet und dort ärztliches Personal in psychiatrischer Weiterbildung sowie Promovierende der Psychologie in systemischer Familientherapie ausgebildet. Dann kam die Zeit, in der ich weiterziehen musste. Peter Steinglass leitete damals das Ackerman. Er wollte, dass ich ans Ackerman komme, und ich fand, dass das eine gute Idee war. So wechselte ich vom Albert Einstein ans Ackerman. Damit begann eine zwanzigjährige Phase meiner Laufbahn dort, während ich in den zweiten zehn Jahren zugleich Programmleiterin und Professorin an der Mercy College School of Social and Behavioural Sciences wurde, wo ich das Marriage and Family Therapy Program leitete, eine Funktion, die ich bis heute innehabe.
Deisy Amorin-Woods: Ihr Beitrag ist umfangreich, Sie waren in so vielen Bereichen tätig, am Ackerman Institute, am Albert Einstein College, am Mercy College (University). Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Wir schulden Ihnen große Anerkennung für Ihre Großzügigkeit gegenüber unserem Fachgebiet. Ihre Arbeit hat auf meinem eigenen Weg eine zentrale Rolle gespielt. Ich weiß, dass viele aus unserem Berufsfeld, die dieses Video sehen, nachvollziehen können, was ich sage, denn Ihr Beitrag reicht weit, und wenn ich an Evan Imber-Black denke, denke ich an einen Menschen, der neugierig, wissbegierig, kreativ und innovativ ist, aufrichtig interessiert und dem die Dinge wirklich am Herzen liegen. Hinzuzufügen ist natürlich Ihr wertvoller Beitrag als Herausgeberin von Family Process, und das, glaube ich, über etliche Jahre.
Evan Imber-Black: Ja, ich war acht Jahre lang, von 2004 bis 2012, Herausgeberin von Family Process. Was am Ackerman Ihr Publikum, die Zuschauenden, interessieren dürfte, ist die Arbeit, die ich mit Peggy Papp gemacht habe. Ich habe zehn Jahre lang mit ihr zusammengearbeitet. Wir haben an einigen Bereichen gearbeitet, insbesondere an Familienthemen und -überzeugungen. Daraus ist ein Artikel über Familienthemen entstanden, der in Family Process erschienen ist (Papp & Imber-Black, 1996). Und wir arbeiteten im klassischen familientherapeutischen Setting: Entweder war sie im Raum und ich hinter dem Einwegspiegel oder umgekehrt. Wir beide haben zehn Jahre lang zu zweit zusammengearbeitet, und es war einfach wunderbar.
Deisy Amorin-Woods: Das ist großartig. Standen Sie beide sich schon nahe, oder wurde sie erst im Laufe der Zeit zu einer Freundin und zugleich Kollegin und Weggefährtin?
Evan Imber-Black: Wir lernten uns gerade kennen, und dann hat uns diese Arbeit wirklich sehr, sehr nahe zusammengebracht.
Deisy Amorin-Woods: Ich stelle mir vor, dass es auch Spaß gemacht hat, mit Ihrer Freundin zu arbeiten?
Evan Imber-Black: Genau, denn sie war weit mehr als eine Kollegin.
Deisy Amorin-Woods: Möchten Sie etwas über diese Zusammenarbeit erzählen? Gibt es etwas, das an Ihrer Arbeit mit Peggy besonders hervorsticht?
Evan Imber-Black: Oh je, da gibt es so vieles! Wissen Sie, etwas, das mich immer so begeistert hat, war, ihr bei der Arbeit im Raum zuzusehen. Hinter dem Einwegspiegel zu sitzen und einfach ihre unglaubliche Kreativität zu sehen, ihre Bereitschaft, mit einer neuen Idee Risiken einzugehen – das hat mich, würde ich sagen, immer inspiriert.
Deisy Amorin-Woods: Es scheint, Sie haben einander ergänzt.
Evan Imber-Black: Wahrscheinlich. Ich glaube schon, ja … und wir hatten viel Spaß.
Deisy Amorin-Woods: Es gibt nichts Besseres, als beim Lernen und Lehren Spaß zu haben.
Evan Imber-Black: Das stimmt, und beim Mentoring.
Deisy Amorin-Woods: Wie lange haben Sie das Programm Center for Families and Health geleitet? Es waren doch auch andere beteiligt, nicht wahr?
Evan Imber-Black: Richtig. Nun, ich war insgesamt 26 Jahre am Ackerman, und von 2006 bis 2021 habe ich das Programm Center for Families and Health geleitet. Ich habe mit vielen am Ackerman zusammengearbeitet, und als ich ging, habe ich die Leitung an Andrea Blumenthal übergeben. Die Pandemie hat das Ackerman natürlich lahmgelegt, wissen Sie. Sie hat von einem Tag auf den anderen alles lahmgelegt. Es war ziemlich unglaublich. Ich sah keinen guten Weg, während der Pandemie mit dem Einwegspiegel Therapie zu machen. Damit will ich nicht sagen, dass es am Ackerman niemanden gab, der das tat, denn es gab Leute, und es war erstaunlich. Ich habe bei einem Fall beraten und konnte kaum glauben, dass wir sozusagen, in Anführungszeichen, „hinter dem Spiegel“ saßen, obwohl es gar keinen Spiegel gab. Wir schauten online zu und konnten uns untereinander beraten, während die therapierende Person mit der Familie im „Raum“ war. Die Technik hat es also möglich gemacht. Hätte es eine Pandemie ohne die heutige Technik gegeben, wäre alles einfach komplett zum Stillstand gekommen. Stattdessen konnte ich alle meine Kurse am Mercy unterrichten. Wir sind von einem Tag auf den anderen von Präsenz auf online umgestiegen. Ich hatte Zoom noch nie benutzt, also musste ich ziemlich schnell lernen, wie das geht.
Deisy Amorin-Woods: Ja, das war sicherlich ein großer Schock für unser System, es kam völlig aus heiterem Himmel. Wir waren gezwungen, die vorhandenen Ressourcen anzupassen oder neue zu schaffen und uns mit neuen und anderen Arten auseinanderzusetzen, persönlich und beruflich zu funktionieren (Amorin-Woods et al., 2021). Es hat jeden Bereich unseres Lebens stark beeinflusst, unsere Art zu sein, unsere Art, Beziehungen zu leben und Dinge zu tun; es hat Unvorhersehbarkeit gebracht und die Vorstellung von Beständigkeit genommen. Es hat viele Veränderungen mit sich gebracht, und eine der großen Herausforderungen waren natürlich die Auswirkungen auf Rituale, auf die wir gleich zu sprechen kommen. Rituale stehen natürlich im Mittelpunkt Ihrer Arbeit und gehören zu meinen liebsten Bereichen Ihres Werks. Wir mussten uns einfach unerwartet umstellen, von jetzt auf gleich.
Evan Imber-Black: Ja, absolut. Ja.
Deisy Amorin-Woods: Ich glaube, Sie haben diesen großartigen Text geschrieben (Imber-Black, 2020), einen besonderen Artikel während der Pandemie, über neue Denkweisen und innovative Wege, Ihr Thema weiterzuverfolgen, darüber, wie Sie denken und wie Sie über die Jahre gedacht haben. Und wissen Sie, Innovation hat Sie und Ihre Art, Dinge zu tun, immer stark begleitet.
Evan Imber-Black: Ja, und ich denke, wir waren ein Fachgebiet, das sich von einer bestimmten Arbeitsweise im Sinne der Psychoanalyse gelöst hat, um etwas sehr Radikales zu tun. Wissen Sie, Freud hatte gesagt: Sprich nie mit jemand anderem aus der Familie, hab nie ein Familienmitglied im Raum und so weiter und bla, bla, bla. Und dann kommt die Familientherapie daher. Ich gehöre nicht zu dieser ersten Generation. So alt bin ich nun auch wieder nicht! Wissen Sie, das war eine Zeit, in der die erste Generation der Familientherapie etwas so erstaunlich Radikales tat. Dann hat die zweite Generation, zu der ich gehöre, sozusagen den Staffelstab übernommen und weiter nach neuen Arbeitsweisen gesucht, nach neuen Wegen, die nächste Generation auszubilden und darüber zu schreiben.
Deisy Amorin-Woods: Was könnten das gewesen sein? Worüber haben Sie in Ihrem Artikel geschrieben, worauf haben Sie sich konzentriert? Denn ich weiß, dass das, worüber Sie geschrieben und was Sie in Ihrer Laufbahn getan haben, – ich suche nach dem richtigen Wort. Gerade als lateinamerikanische Frau verwende ich gern Adjektive, um die Herangehensweise von Menschen zu beschreiben: eine Störenfriedin! In der Art, wie Sie Teams geleitet haben, wie Sie gearbeitet haben (mit der Klientel und mit Studierenden), wie Sie den Status quo infrage gestellt und innovativ nach neu entstehenden Ideen gesucht haben. Ich weiß, dass kürzlich am Mercy College eine Abschlussfeier Ihrer Studierenden stattfand, die inspirierend war.
Evan Imber-Black: Ja, wir haben es geschafft. Es war wunderbar.
Deisy Amorin-Woods: Ich weiß, dass Sie, wie Sie sagten, vor einigen Jahren plötzlich vor dieser riesigen Aufgabe standen, einem großen Projekt zum 50-jährigen Bestehen von Family Process. Das war 2011; ich glaube, Ihnen wurde die großartige Aufgabe übertragen, 50 Jahre Entwicklung von Family Process zusammenzustellen (Imber-Black, 2011).
Evan Imber-Black: Ja, es war wunderbar. Meinen Vortrag „The evolution of family process: contexts and transformations“ habe ich beim Treffen zum 50-jährigen Bestehen von Family Process gehalten (Imber-Black, 2011). Darin verorte ich die Entwicklung der Zeitschrift sowohl in ihrem historischen als auch in ihrem gegenwärtigen Kontext. Es war eine Freude, ihn zu schreiben und zu halten. Wie ich im Text sagte, habe ich 2.000 Abstracts gesichtet, um die Ideen des Beitrags zu entwickeln. Ich denke wirklich, dass es unerlässlich ist, unsere wissenschaftliche Arbeit im Kontext unserer Kulturen zu betrachten – wir stehen nicht außerhalb der Kultur, wir sind aktiv an ihr beteiligt.
Deisy Amorin-Woods: Das ist beeindruckend. Natürlich gab es über die Jahre eine solche Entwicklung und so viele verschiedene Veränderungen in Bezug auf das Umfeld, den politischen Kontext, Kultur und Race, Familienformen, und viel reichhaltiges Material, das die Texte hervorgebracht hat, die in den fünf Jahrzehnten in Forschung und klinischer Praxis entstanden sind. Und so muss es ja auch sein. Das Material muss auf die Veränderungen antworten, die wir durchleben.
Evan Imber-Black: Eines der Dinge, die ich wirklich liebe und die ich für Family Process weiterhin mache, ist, dass ich einmal im Jahr eine Schulung für neue Schreibende anbiete. Menschen aus aller Welt reichen eine Idee ein, an der sie arbeiten wollen. Ein Komitee (dem ich nicht angehöre) wählt zehn junge Forschende aus, die mir im Sommer ein fertiges Manuskript schicken. Die werden demnächst in meinem Postfach eintreffen, und dann treffen wir uns im September für anderthalb Tage, um über die Kunst des wissenschaftlichen Schreibens zu sprechen. Und das macht mir einfach unglaublich viel Freude. Es sind Menschen aus der ganzen Welt dabei. Einige sind Promovierende, andere neue oder junge Lehrende. Im Laufe des Jahres treffen wir uns dann viermal kurz, um zu sehen, wie es mit ihren Manuskripten weitergeht und welche Veröffentlichungen sie zustande bringen. Es ist also einfach eine Freude für mich, die Bewegung der nächsten Generation zu sehen.
Deisy Amorin-Woods: Welch ein Privileg, das ist so inspirierend. Ich stelle mir vor, dass Sie das sicher mit Interesse bei der Sache hält …
Evan Imber-Black: Ja, das ist sicher! Ich habe die Herausgeberschaft von Family Process 2011 abgegeben und das mit diesen jungen Forschenden seither jedes Jahr gemacht.
Deisy Amorin-Woods: Das ist etwas ganz Besonderes, schön zu hören. Dass sie aus unterschiedlichen Lebenswelten kommen, darunter, wie ich mir vorstelle, aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Das spricht mich besonders an, als in Peru geborene Frau, die dieses Jahr vor 40 Jahren nach Australien eingewandert ist (praktisch als Kind gekommen und hier „aufgewachsen“). Was für eine Entwicklung. Solche Gelegenheiten erlauben es uns, mit anderen in unserer Welt in Verbindung zu treten, und helfen uns herauszuarbeiten, wie wir die Welt sehen und uns selbst in der Welt. Und was mir dabei in den Sinn kommt, sind Rituale und wie sie im Zusammenhang mit Migration aussehen. Die Auswirkungen der Migration sind enorm. Mit Freude höre ich Ihre herzlichen Worte, wenn Sie von diesen Studierenden sprechen, und Ihre gespannte Vorfreude, wenn deren Manuskripte per Post eintreffen und Sie trotz COVID wieder mit der Welt und mit der nächsten Generation verbinden. Was mich am Ackerman Institute übrigens freut, ist, dass dort zunehmend vielfältigere Themen aufgegriffen wurden. Das schätze ich sehr, weil es sich weiterentwickelt hat, und das ist einer der Punkte, die Sie in Ihrem Text zum 50-jährigen Jubiläum erwähnt haben (Imber-Black, 2011). Das ist echte Entwicklung. Ich bin sehr neugierig darauf, mit Ihnen darüber zu sprechen. Ich freue mich wirklich, das zu hören (auch als Migrantin), denn wie Sie wissen, müssen wir sicherstellen, dass wir nicht monokulturell arbeiten, während wir in Wirklichkeit eine vielfältige Gemeinschaft sind. Tatsächlich stammt hier in Australien etwa 50% der Bevölkerung aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen.
Evan Imber-Black: Das wusste ich nicht.
Deisy Amorin-Woods: Ja, deshalb müssen wir achtsam und aufmerksam sein in der Art, wie wir unsere Praxis führen, wie wir lehren, wie wir forschen. Das muss darauf antworten. Ich weiß, dass Ihnen das ein Anliegen ist, und das schätze ich sehr. Vielleicht ist es an der Zeit, zum Thema Rituale überzugehen; Sie haben vorhin COVID erwähnt und wie es die Dinge verändert hat (Amorin-Woods, 2021a). Ich weiß, dass Sie mitten in der COVID-Zeit einen Artikel für Family Process geschrieben haben (Imber-Black, 2020). Zwischen 2020 und 2021 habe ich einige Beiträge verfasst und ein COVID-Sonderheft für unsere Zeitschrift, das Australia and New Zealand Journal of Family Therapy, herausgegeben (Amorin-Woods, 2021a; Amorin-Woods et al., 2020), über die plötzlichen Veränderungen, wie Sie sie vorhin beschrieben haben, die sich auf der ganzen Welt vollzogen. Ich habe einen Ihrer Artikel zitiert. Ich glaube, er hieß „Rituals in the time of Covid: imagination, responsiveness and the human spirit“ (Imber-Black, 2020). Könnten Sie uns etwas über diesen Artikel erzählen, über das, was Sie herausgefunden haben?
Evan Imber-Black: Nun, Rituale liegen mir nach wie vor sehr am Herzen. Unsere Studierenden im ersten Jahr des Masterstudiengangs MFT am Mercy College halten eine große Präsentation über ein Ritual aus ihrer Herkunftsfamilie, und das ist eine der besten Möglichkeiten für Studierende, ihre eigene Familie zu erforschen und einander im ersten Semester tiefer kennenzulernen.
Deisy Amorin-Woods: Was für eine wunderbare Art, die Geschichten und Kulturen der Menschen zu würdigen und zugleich Verbindung und Zusammenhalt zu fördern.
Evan Imber-Black: Ja, und ich habe diesen Artikel über Rituale für Family Process sehr, sehr gern geschrieben, wegen der Auswirkungen von COVID auf alles, als die Pandemie wirklich auf ihrem Höhepunkt war und Menschen starben, und wegen der Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Alles, vom Kindergeburtstag über die Hochzeit bis zur Beerdigung, musste komplett verändert werden, sodass der Geburtstag eines kleinen Kindes darin bestand, Leuten aus dem Fenster zuzuwinken, ohne Freundeskreis, der mit ihm feierte. Dasselbe galt für große geplante Hochzeiten, die abgesagt werden mussten. Eine meiner Lieblingsgeschichten in diesem Artikel handelt von einem Paar, das eine schöne große Hochzeit feiern wollte, sie aber absagen musste. Dennoch beschlossen die beiden, trotzdem ihre Hochzeitskleidung anzuziehen, in eine Kirche zu gehen und an diesem Tag zu heiraten, und das taten sie auch. Als sie dann aus der Kirche kamen, zog genau dort, wo sie standen, der Black-Lives-Matter-Marsch an der Kirche vorbei. Die Demonstrierenden sahen sie. Sie sahen die Demonstrierenden, und sie winkten einander zu und applaudierten. Und das junge Paar schloss sich dem Black-Lives-Matter-Marsch an. Solche Dinge sind natürlich unerwartet und ungeplant und verlangen von uns, glaube ich, eine gewisse Flexibilität, denn wissen Sie, man kann noch so viel planen, irgendetwas wird es durcheinanderbringen. Und deshalb muss man flexibel sein können, kreativ und innovativ. Und ich glaube, das ist es, was mich über die Jahre zu Ritualen hingezogen hat, denn ja, wir wiederholen bestimmte Rituale. Wir haben bestimmte religiöse Rituale, die jedes Jahr stattfinden. Sie sind nie gleich. Sie sind von Jahr zu Jahr nie gleich, weil wir anders sind. Ein Jahr später sind wir nicht mehr derselbe Mensch wie ein Jahr zuvor. All das trägt, glaube ich, zum Reichtum bei, wenn man an irgendein Ritual im eigenen Leben denkt, und manchmal müssen wir ganz neue erfinden.
Deisy Amorin-Woods: Nun, das leuchtet sehr ein, Evan. Vielleicht hat uns die Pandemie gelehrt, mit unserer Flexibilität und Kreativität in Kontakt zu kommen, denn wir können in unserer Art, Dinge zu tun, nicht so statisch oder starr sein, weil wir, wie Sie deutlich machen, nicht dasselbe noch einmal abspielen können, nicht auf dieselbe Weise, denn die Dinge verändern sich, und wir verändern uns. Die Dinge bekommen jedes Mal eine ganz neue „Nuance“. Was für eine schöne Geschichte, die Sie über dieses Paar erzählt haben, das heiratete, während der Black-Lives-Matter-Marsch stattfand. Während sich dieses Paar gezwungen sah, im kleinen Rahmen und ohne Familie zu heiraten, entfaltete ihre Hochzeit genau dort etwas Größeres, eine größere Dimension an Tiefe und Bedeutung, als sie sich mit ihrer Gemeinschaft vereinten und ihre Gemeinschaft sich mit ihnen vereinte, als Zeugen einer Bewegung in Aktion, die gegen Rassismus, Diskriminierung und systemische Gewalt eintritt – zutiefst bereichernd und unvergesslich. Wie Sie sagen, waren die Auswirkungen der Pandemie auf Familien und Rituale tiefgreifend: Menschen, die ihren Abschluss ohne ihre Eltern machten, Familien, die nicht reisen und nicht bei einem geliebten Menschen in seiner letzten Lebensphase sein konnten, Kinder, Frauen, die ohne ihre Partner gebaren. Besonders einschneidend ist es, wenn eine weitere Ebene hinzukommt, etwa als neu Zugewanderte in Australien allein ein Kind zur Welt zu bringen. Wie Sie in Ihrem Artikel beschreiben und andeuten, macht uns das bewusst, wie wichtig es ist, andere Wege in Betracht zu ziehen, mit Menschen zu sein und Therapie durchzuführen, und über das Offensichtliche hinauszugehen.
Evan Imber-Black: Ja, das glaube ich auch. Es ist wie bei jeder Herausforderung, und in diesem Fall, wissen Sie, einer schweren Krankheit: Sie hilft uns in gewisser Weise, auf Teile von uns selbst zurückzugreifen, von denen wir nicht einmal wussten, dass es sie gibt.
Deisy Amorin-Woods: In der Tat … Ich möchte gern näher auf kulturelle Rituale eingehen. Fällt Ihnen etwas ein, das Sie zu diesem Bereich erzählen möchten? Sie haben ausführlich über Rituale geschrieben, aber auch speziell über kulturelle Rituale. Als Migrantin und als jemand, der mit Menschen unterschiedlicher kultureller und sprachlicher Herkunft arbeitet, darunter internationale Studierende und Angehörige indigener Völker Australiens, fühle ich mich davon sehr angezogen und achte sehr darauf. Ich frage mich, welche kulturellen Rituale es gibt? Ich weiß, dass sich Rituale und Familienformen selbst über die Jahre weiterentwickelt haben, und vielleicht sind sie heute sichtbarer; ich würde meinen, dass wir vielleicht offener mit einer Vielfalt von Familien arbeiten. Können Sie uns ein wenig darüber erzählen? Über Ihre Arbeit in diesem Bereich im Hinblick auf Vielfalt und deren Entwicklung, in Ihrer Arbeit am Ackerman Institute und bei Family Process, über die Artikel, die Sie gesehen haben, über die Entwicklung der Vielfalt von Familienformen, interkulturellen Familien, Patchworkfamilien, trans Familien und bisexuellen Familien.
Evan Imber-Black: Ich denke, dass es in Teilen der Welt derzeit glücklicherweise allmählich mehr Offenheit gibt, mehr Akzeptanz, mehr Inklusion und mehr Vielfalt. Natürlich gibt es auch viele Orte, an denen das nicht so ist, und ich denke, als in der Familientherapie und der systemischen Therapie Tätige müssen wir wirklich darauf achten und etwas dagegen tun. So spannend es ist, dass Unterschiedlichkeit und Vielfalt mehr akzeptiert werden, müssen wir zugleich im Blick behalten, dass es auch sehr, sehr viele Menschen gibt, die genau jetzt unter mangelnder Akzeptanz und Ausgrenzung leiden. Ich bin zutiefst überzeugt, dass es unsere Aufgabe als familientherapeutisch und systemisch Tätige ist, nicht nur Therapierende zu sein, sondern dass wir auch politisch sein müssen!
Deisy Amorin-Woods: Oh, absolut. Das ist eines der vielen Dinge, die ich an Ihnen sehr schätze: dass Sie keine Angst haben, den Status quo infrage zu stellen.
Evan Imber-Black: Ja. Das gehört zu dem, was mich antreibt. Tatsächlich gibt es in der Familientherapie Politik, wie in jedem Fachgebiet. Wenn wir glauben, dass es keine Politik gibt oder dass wir nicht über Politik sprechen oder Politik nicht in unsere Arbeit und in unser Fachgebiet einbringen dürfen, dann sind wir keine Realisten. Ich denke, dann tun wir das Falsche, denn wir wissen, dass wir diese Seite der Dinge nicht ausblenden können; wir können die Frage der Vielfalt, einschließlich Race und Kultur, nicht von der Politik trennen.
Deisy Amorin-Woods: Absolut, wir müssen sehen, hören, anerkennen und darauf antworten. Wir müssen unsere Stimme erheben, wenn wir das in der Praxis nicht sehen, sonst laufen wir Gefahr, in die Falle des Tokenismus zu tappen und das Verhalten zu dulden. Überall auf der Welt gibt es Tokenismus und Kästchen, die wir ankreuzen sollen, je nach den Kategorien, in die wir passen, um zu „beweisen“, dass wir das Richtige tun. Um als „inklusiv“ zu gelten, schreiben wir zum Beispiel vielleicht einen Absatz in einen Bericht, als Teil eines Leitbilds, der besagt: „Wir sind offen für Menschen jeder Herkunft und Kultur, jedes Geschlechts, jeder religiösen Überzeugung, jeder sexuellen Orientierung und mit allen Fähigkeiten“, und belassen es dabei, sodass er nur Staub ansetzt; oder wir nehmen eine Alibiperson mit anderem kulturellem Hintergrund in ein Gremium auf, hören aber ihre Stimme nicht und akzeptieren und schätzen ihre Sichtweise nicht als hörenswert, nur um den Eindruck zu erwecken, „wir sind kulturell inklusiv“. Darum geht es nicht, wir müssen authentisch sein. Es kommt darauf an, was wir tun, nicht darauf, was wir schreiben oder zu tun behaupten. Es geht darum, wirklich in diese Erfahrung einzutauchen, das, was wir zu tun behaupten, sinnvoll unter Beweis zu stellen und diese Methoden auf messbare Weise in unsere Praxis und in das Gefüge von Organisationen einzubetten, statt es nur zu tun, weil wir einer höheren Instanz Rechenschaft schulden, um Fördermittel zu erhalten.
Evan Imber-Black: Das ist so wichtig, das ist meiner Meinung nach entscheidend. Wissen Sie, was mir klar geworden ist und mich am Mercy College hält? Dass unsere Studierendenschaft äußerst vielfältig ist. Sie kommen von überall her, aus verschiedenen Ländern, mit afroamerikanischem, lateinamerikanischem und asiatischem Hintergrund und so weiter. Das bedeutet, dass ich in jedem Jahr, in jedem Kurs, den ich betrete, eine so wunderbare Vielfalt an Menschen vorfinde, die aus unterschiedlichen Hintergründen und ganz unterschiedlichen Herkunftsfamilien kommen und unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen mitbringen. Das macht das Lernen so reich, einfach so sehr reich.
Deisy Amorin-Woods: Ich kann mir vorstellen, dass das das Lernen der Studierenden wie der Lehrenden gleichermaßen bereichert. Familienrituale lassen uns also in die Sinnstiftung, in Übergänge eintauchen und führen uns zu Verständnis, zu Heilung, zu Verbundenheit. Wenn das Element der Kultur hinzukommt, gelangt man auf eine weitere Ebene. An diesem Punkt entfalten sich viele Fragen, die bedacht werden wollen, und dadurch entsteht mehr Bewegung. Ich glaube nicht, dass den Menschen die enorme Bedeutung von Ritualen in der Familientherapie wirklich bewusst ist.
Evan Imber-Black: Ja, es ist sehr reichhaltig, finde ich, es ist eine wichtige Ressource für Therapierende. Das ist es ja, was wir herausfanden, als ich diese Arbeit ursprünglich mit Dick Whiting und Janine Roberts begann, damals meine Promovierenden und heute Teil meines Kollegiums: dass die Rituale, die man in jeder Familie vorfindet, verschieden sind. Hier haben wir zum Beispiel gerade einen Feiertag, Thanksgiving. Sie haben wahrscheinlich davon gehört. Wenn ich meine Studierenden bitte zu beschreiben, wie Thanksgiving bei ihnen zu Hause und in ihrer Herkunftsfamilie aussieht, ist jede einzelne Beschreibung anders. Gleich ist der Name: Wir haben diesen Tag, an dem wir diesen verrückten Vogel essen, einen Truthahn, und so weiter. Darüber hinaus ist der Einfallsreichtum, den Menschen in eine solche Zusammenkunft einbringen, enorm. Zugleich geht es darum, mit Verlusten umgehen zu können, und ich glaube, darum ging es in der ganzen COVID-Situation. Mit einer Art von Ungewissheit umzugehen, die wir vorher nicht kannten oder die wir, falls doch, nicht bemerkten – all das fließt in das ein, was mit einem Ritual geschieht, und erklärt, warum kein Ritual zweimal gleich sein kann, sondern jedes Mal etwas Einzigartiges hat.
Deisy Amorin-Woods: Wie Sie sagten, ist jedes Ritual anders. Nächstes Jahr wird es in jeder Familie wieder anders sein; es ist in ständiger Veränderung begriffen. Ich möchte nun zum Thema Familiengeheimnisse übergehen, dem anderen Bereich Ihrer Leidenschaft, in dem Sie viel gearbeitet haben. Seit über 40 Jahren arbeiten Sie unermüdlich daran, hilfreiche Antworten auf das zu entwickeln, was Sie das „von Geheimnissen gedrehte Beziehungskaleidoskop“ nennen (Imber-Black, 1993). Wenn ich diesen wichtigen Teil Ihrer Arbeit einführe, komme ich nicht an Ihrer herzlichen Danksagung an Ihren geliebten Mann Lascelles in Ihrem Buch The secret lives of families (Imber-Black, 1999) vorbei. Ich würde sie gern vorlesen, aber nur, wenn Sie einverstanden sind.
Evan Imber-Black: Ja, gern.
Deisy Amorin-Woods: „Meine Liebe und meinen Dank meinem Mann, Lascelles W. Black, für all unser gemeinsames Lernen, die Geheimnisse des anderen zärtlich zu bewahren. Für unsere langen Spaziergänge, unsere Gespräche, in denen wir Geheimnisse mit Rassismus in Verbindung brachten. Für sein sorgfältiges Nachdenken über Hautfarbe, die Geheimnisse, die er angeregt hat, seine Arbeit mit Menschen mit AIDS und ihren entscheidenden Geheimnissen, sein Eintreten für Mitgefühl und Gerechtigkeit, das mich immer ermutigt. Für seine Vision, dass ich dieses Buch schreiben könnte, und für seine Großzügigkeit, die es mir möglich gemacht hat“ (Imber-Black, 1999).
Evan Imber-Black: Danke. Danke, dass Sie das vorgelesen haben. Es ist lange her, dass ich es gelesen habe, deshalb freue ich mich sehr, es zu hören. Wissen Sie, ich denke an unsere Gespräche, die wir führten, denn wie gesagt hat er viele Jahre im Bereich HIV/AIDS gearbeitet. Er hat auch viele Jahre mit wohnungslosen Menschen gearbeitet, und es war mehr als inspirierend zu sehen, was er alles bewirken konnte. Als wir nach New York zogen und ich in der psychiatrischen Abteilung des Einstein anfing, begann er in einer Notunterkunft für Wohnungslose zu arbeiten. Ich werde nie vergessen, dass er innerhalb kürzester Zeit herausfand, dass in der Unterkunft ein Mann lebte, dessen eigene Herkunftsfamilie zwei Blocks von der Unterkunft entfernt wohnte, und niemand hatte sich die Mühe gemacht, das herauszufinden, bis Lascelles es tat; und dann setzte er sich dafür ein, diesen Mann wieder mit seiner Familie zusammenzubringen. Und es war genau diese Art von Arbeit, die ich ungeheuer inspirierend fand, keine Frage. Und da er aus Jamaika in die Vereinigten Staaten kam, eigentlich zuerst nach Kanada und dann in die Vereinigten Staaten, war die ganze Frage der Hautfarbe und der Geheimnisse, die Menschen um die Hautfarbe herum bilden und bewahren, ein weiteres sehr wichtiges Thema unserer Überlegungen und Gespräche. Das hat mich immer wieder inspiriert, mehr und mehr über Geheimnisse nachzudenken und darüber, was in den Menschen vorging; worüber dürfen wir sprechen und worüber nicht … Und was bedeutet es, mit der Vorstellung zu brechen, dass man über etwas nicht sprechen darf, und zu sehen, was geschieht, wenn man es doch tut?
Deisy Amorin-Woods: Was für eine schöne Geschichte! Wirklich besonders, inspirierend und verbindend. Danke, dass Sie sie erzählt haben, Evan. Ich nehme an, dass es den Reichtum Ihrer Verbindung und Ihrer Gespräche (über Geheimnisse und anderes) noch vergrößert hat, dass Sie beide aus unterschiedlichen Kulturen kamen und gemeinsam durch ein Leben gingen, unter dem vielfältige Geschichten lagen.
Evan Imber-Black: Ganz bestimmt.
Deisy Amorin-Woods: Es tut mir wirklich leid, dass Sie ihn verloren haben.
Evan Imber-Black: Danke. Danke. Das bedeutet mir wirklich viel.
Deisy Amorin-Woods: Er war in Ihrem Leben von überragender Bedeutung … über die Ehe hinaus.
Evan Imber-Black: Ja … 40 Jahre lang.
Deisy Amorin-Woods: In der Tat … Ich frage mich, was Ihr Interesse genährt hat, Familiengeheimnisse zu erforschen und mit ihnen zu arbeiten?
Evan Imber-Black: Ich kann es nicht an einer einzigen Sache festmachen, wissen Sie; ich glaube, es waren Familien in der Therapie, die mit der Frage rangen … Sage ich es, sage ich es nicht? Das in den Therapieraum zu holen und zu versuchen, es mit den Menschen herauszufinden, hat mich auf den Weg gebracht, dieses sehr komplexe Thema verstehen zu wollen. Die Arbeit mit Geheimnissen hat mich also ebenso begeistert wie die Arbeit mit Ritualen. Ich glaube, für Menschen, die in diesem Feld tätig sind und sich spezialisieren möchten, gilt: Man muss etwas finden, das einen wirklich begeistert, etwas, das das eigene Interesse und die eigene Leidenschaft über Jahre wachhält, und dann daran arbeiten, genau daran arbeiten. Dann darüber schreiben, darüber sprechen und sich mit anderen darüber austauschen. Das ist es, glaube ich, was wir alle brauchen.
Deisy Amorin-Woods: Was für ein wunderbarer Vorschlag. Denn es ist wichtig, unser Interesse an unserem Beruf lebendig zu halten, und deshalb müssen wir dieses gewisse Extra finden, einen bestimmten Bereich, der uns nährt, der unser Interesse wachhält, uns inspiriert und unsere Kreativität sprudeln lässt, sonst geben wir wahrscheinlich auf. Was Geheimnisse im therapeutischen Raum betrifft, bekommen wir in unserem Fachgebiet wohl viele widersprüchliche Botschaften, die aus unterschiedlichen Denkschulen stammen. Man sagt uns vielleicht: „Es wird immer Geheimnisse geben; wenn du also mit Paaren oder Familien arbeitest und sich dann irgendwann ein Familienmitglied öffnet, kannst du nichts tun, du musst es bei ihm belassen.“ Andererseits kann man in eine Situation geraten, in der man das Gefühl hat, dass dieses Geheimnis offengelegt werden muss, und zwar sofort: Entweder man öffnet es selbst, oder es muss geteilt werden, weil wir in diesem Prozess transparent sein müssen, und zwar auf der Stelle. Wie sehen Sie diese Punkte?
Evan Imber-Black: Nun, ich denke, verschiedene Menschen haben ein unterschiedliches Timing; verschiedene Menschen müssen über etwas sprechen oder eben nicht. Es gab eine Familie, die Peggy und ich gemeinsam gesehen haben. Ich war die Therapeutin im Raum. Sie kamen wegen etwas Schrecklichem, wirklich Schrecklichem, das geschehen war: Ihre Tochter mit geistiger Behinderung war wiederholt von Sicherheitsleuten in ihrem Wohnhaus vergewaltigt worden. Sie fingen sie im Aufzug ab und brachten sie aufs Dach oder in den Keller, und sie hielt das geheim. Sie hielt es geheim, bis sich herausstellte, dass sie schwanger war. Das hat sie in die Therapie geführt. Aber als wir mit ihnen arbeiteten, war da bei der Mutter etwas, das wir sehen konnten und das sehr beunruhigend war, und doch wollte sie nicht darüber sprechen; wir versuchten auf verschiedene Weise, es zu entfalten, und so weiter. Schließlich hatte ich ein Einzelgespräch mit ihr. Ich glaube, das ist der Teil unserer Arbeit, in dem man flexibel sein muss. Wissen Sie, in der Familientherapie hieß es früher, und manche sagen es vielleicht noch heute: „Alle müssen da sein. Man muss alle im Raum haben.“ Nun, nicht unbedingt. Ja, wenn man jemanden allein sieht, bekommt man vielleicht ein Geheimnis anvertraut, aber dann muss man herausfinden, was man damit macht. Genau das geschah in diesem Fall: Ich hatte dieses Einzelgespräch mit ihr, und sie vertraute mir an, dass sie als junges Mädchen sexuell missbraucht worden war und es nie jemandem erzählt hatte. Und wissen Sie, das waren rund 40 Jahre, in denen sie das Geheimnis bewahrt hatte. Aber als sie es mir erzählte, wollte sie nicht ihre Familie hereinholen und es ihr dann erzählen. Es ging also darum, mit ihr herauszufinden, wer die Information brauchte und wem die Information helfen würde. Und tatsächlich, als wir begannen, es so zu betrachten, konnte sie sehen, dass es für ihre Tochter äußerst wichtig sein würde, diese Geschichte zu hören und zu wissen, dass man darüber hinauswachsen kann – so würde ich es wohl ausdrücken – und ein gutes Leben führen kann. Es geschah nicht über Nacht, es brauchte Zeit, aber nach und nach erzählte sie es ihrem Mann und ihrer Tochter. Dann erzählte sie es ihrem Sohn und dann ihrer Mutter. Und das war am schwierigsten. Wir haben viel geprobt, Rollenspiele gemacht und geübt, weil sie fest entschlossen war, nicht zuzulassen, dass ihre Mutter glaubte, es sei ihre Schuld gewesen. Und so, wissen Sie, die Schichten von Komplexität, auf die man einfach stößt – ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll –, wenn man mit einem Geheimnis arbeitet; aber es musste nach ihrem Zeitplan und zu ihren Bedingungen geschehen, nicht nach meinen. Wenn ich also Leute sagen höre: „Ach, ich bewahre keine Geheimnisse“, dann sage ich Ihnen: „Na, dann viel Glück“, denn man muss lernen, feinfühlig und behutsam mit dem Timing und mit den Bedürfnissen der Menschen umzugehen, wenn man die meist sehr, sehr vielen Schichten des Geheimnisses öffnet.
Deisy Amorin-Woods: Absolut. Sie sprechen so wichtige Punkte an, denn oft gibt es dazu unterschiedliche Denkschulen, und oft sind wir durch diese Informationen eingeschränkt. Doch wenn man sie entfaltet und darauf achtet, dies respektvoll und sicher zu tun, können wir den Blick der Familie erweitern und das Verständnis vertiefen. Andernfalls fühlt es sich an, als arbeiteten wir eingeschränkt und beinahe so, als leisteten wir keine wirklich wirksame Arbeit, weil wir es tatsächlich nicht tun. Gerade das Geheimnis ist der reiche Teil der Arbeit, die wir leisten. Wenn es also beiseitegelassen wird, wie sollen wir dann die Arbeit machen? Wie können wir diese Familie angemessen unterstützen?
Evan Imber-Black: Ja, nun, wissen Sie, die Haltung, die ich manche habe vertreten hören, die zu Familien sagen: Ich bewahre keine Geheimnisse, wenn Sie es mir also erzählen, erzähle ich es allen. Dann wird man vieles, was wichtig ist, nicht zu hören bekommen.
Deisy Amorin-Woods: Ja, absolut. Ich möchte nun auf Ihre persönliche Lebenserfahrung eingehen. Was hat Sie dazu gebracht, Familientherapeutin zu werden, in die klinische Praxis und die Forschung zu gehen und schließlich auch die Rolle der Herausgeberin zu übernehmen? Wie ich zu Beginn unseres Gesprächs sagte, sind Sie ein so neugieriger und innovativer Mensch in der Art, wie Sie Dinge erkunden und in Ihre Arbeit eintauchen. Sie sind sehr daran interessiert, verschiedene Bereiche zu erfassen, um Ihr Verständnis zu vertiefen. Dadurch vertiefen Sie auch das Verständnis Ihrer Studierenden und der klinisch Tätigen, die Sie als Mentorin begleiten. Ich frage mich also, was in Ihrem persönlichen Leben Sie in dieses Fachgebiet geführt hat?
Evan Imber-Black: Das ist eine großartige Frage. Ich war von Chicago nach Kalifornien gezogen und hatte, fast zufällig, die Gelegenheit, mit sogenannten „Encounter-Gruppen“, wie man sie damals nannte, zu arbeiten, und erstaunlicherweise finanzierte die US-Regierung ein Forschungsprojekt, in dem wir Encounter-Gruppen untersuchten. Wenn ich heute daran denke, ist es das Verrückteste, was ich je gehört habe. Ich war also in Berkeley, wir leiteten diese Gruppen, und ich war davon sehr begeistert, arbeitete an einem Masterabschluss und befasste mich weiter mit Gruppeninteraktion. So faszinierend das war und so sehr es meine familientherapeutische Arbeit sicherlich geprägt hat, merkte ich doch, dass mich Gruppen von Fremden nicht sehr befriedigten und dass ich mehr mit wirklichen Familien arbeiten wollte. Und so faszinierte mich dieser Wechsel von der Arbeit mit Gruppen von Fremden zur Arbeit mit Haushalten, mit Paaren, mit Eltern und Kindern. Ich hatte großes Glück, ein Stipendium für meine Promotion an der University of Pittsburgh zu bekommen, wo ich die inzwischen verstorbene Carol Anderson kennenlernte, die glücklicherweise gegenüber dem Gebäude meines Doktoratsprogramms arbeitete und mindestens einmal im Monat alle führenden Persönlichkeiten der damaligen Familientherapie einlud. Also die gesamte erste Generation, die damals glücklicherweise noch lebte. So hatte ich die Gelegenheit, zwei Jahre lang jeden Monat Workshops bei all diesen Menschen zu besuchen. All das fügte sich auf so gute Weise zusammen. Dann bekam ich eine Stelle an der University of Massachusetts, um Familientherapie zu lehren. Ich blieb dort fünf Jahre, und der Grund, warum ich ging, war, dass ich die Einzige im Lehrkörper war, die Familientherapie unterrichtete. Ich war sicher, dass ich mich nicht weiterentwickeln würde, wenn ich bliebe, und das war der Anfang, und was soll ich sagen? Der Rest ist Geschichte. Karl Tomm bat mich, nach Calgary, Alberta, zu kommen. Ich muss sagen, das war das Beste an allem, denn dort lernte ich Lascelles kennen, und dort haben wir geheiratet.
Deisy Amorin-Woods: Oh, wirklich? Wie schön!
Evan Imber-Black: Dann beschlossen wir, in den Osten zurückzukehren, nach New York zu gehen und die Dinge zu tun, von denen ich Ihnen vorhin erzählt habe.
Deisy Amorin-Woods: Das ist wirklich etwas Besonderes. Was für eine Entwicklung. Was für eine Verwandlung. Wie Sie das zu Ihrem Weg geführt hat …
Evan Imber-Black: Wissen Sie, ich hatte das große Glück, in ganz unterschiedlichen Einrichtungen zu arbeiten. In all diesen Einrichtungen wunderbare Studierende zu haben und mich dadurch selbst weiterzuentwickeln.
Deisy Amorin-Woods: Ja … und das Schöne liegt wohl in dieser Verbindung: Sie hatten so vielfältige Studierende, die Sie bereichert und in Ihrem Beruf haben wachsen lassen. Zugleich sind Sie dafür offen, denn wenn wir nicht offen sind, wenn wir starr und verschlossen sind, können wir das oft nicht entstehen lassen.
Evan Imber-Black: Sie wissen das. Es geht darum, sich weiterzuentwickeln. Wir müssen uns mit unseren Studierenden weiterentwickeln. Es ist nie … oder vielmehr gibt es kein Ende der Geschichte. Es geht immer weiter.
Deisy Amorin-Woods: Es hört nicht auf, nicht wahr? Wir müssen bis zum Ende weiter wachsen. Da wir uns dem Ende unseres Interviews nähern, frage ich mich noch ein paar Dinge. Zum einen, ob es eine Botschaft gibt, die Sie weitergeben möchten. Eine Perle der Weisheit, wenn Sie so wollen, die „Evan-Weisheit“, die Sie denjenigen mitgeben möchten, die zusehen oder zuhören. Das wären wohl Studierende, Personen in familientherapeutischer Ausbildung, praktizierende Therapierende, Lehrende und Forschende an Hochschulen sowie Supervisierte.
Evan Imber-Black: Man muss offen bleiben; offen für neue Gedanken und neue Ideen. Binden Sie sich nicht so sehr an eine einzige Arbeitsweise, denn das wird Sie bremsen. Sie werden aufhören zu wachsen und das Interesse verlieren. Ich glaube, eines der Dinge, die unser Fachgebiet uns allen ermöglicht hat, ist die Fähigkeit, mit einer neuen Familie, einem neuen Paar oder mit neuen Ideen und Modellen, die in das Fachgebiet kommen, zu wachsen. Ich denke also, solange man nicht starr wird, läuft es gut. Bleiben Sie also ständig in Bewegung, gehen Sie weiter, statt stecken zu bleiben.
Deisy Amorin-Woods: Das klingt wunderbar. Und zum Schluss: Wie möchten Sie in Erinnerung bleiben?
Evan Imber-Black: Oh, du meine Güte! Nun, ich möchte meinem Kollegium als gute, solide, verlässliche, zuverlässige und kluge Kollegin in Erinnerung bleiben. Und meinen Studierenden als jemand, dem sie zutiefst, zutiefst am Herzen lagen, ihre Entwicklung und die Suche nach neuen Wegen für jede einzelne Person, die ihr beim Wachsen helfen.
Deisy Amorin-Woods: Evan, es war mir eine große Freude, heute dieses Gespräch mit Ihnen zu führen. Ich habe es wirklich geschätzt und sehr genossen.
Evan Imber-Black: Ich habe dieses Interview sehr genossen, vielen Dank.
Complexe Systémique: das Wichtigste
Das Interview ist ebenso durch seine Form wertvoll wie durch das, was es weitergibt. Deisy Amorin-Woods, in Peru geboren und in Australien ansässig, stellt nicht nur Fragen: Sie verwebt ihre eigene Migrationsgeschichte mit ihnen, und das Gespräch selbst wird zu einem kleinen Ritual der Anerkennung zwischen zwei Generationen. Zwei klinische Beiträge stechen hervor. Zu Ritualen erinnert Imber-Black daran, dass keines je identisch wiederholt wird, wie die Pandemie gezeigt hat: Wenn das geplante Ritual ausfällt, muss ein anderes erfunden werden, wie bei dem Paar, das sich nach einer Hochzeit ohne Familie einem Black-Lives-Matter-Marsch anschloss. Zu Geheimnissen lehnt sie die Regel „Ich bewahre keine Geheimnisse“ ab: Eine in einem Einzelgespräch erhaltene Vertraulichkeit verlangt keine Offenlegung, verpflichtet die therapierende Person aber, mit der betreffenden Person herauszuarbeiten, wer es wissen sollte, wann und wie. Der Text bleibt eine Hommage: Er sagt wenig über Spannungen innerhalb des Ackerman und erörtert die Grenzen seiner Modelle nicht. Am besten liest man ihn als Zeugnis dafür, wie eine Institution Vielfalt lebendig hält, durch die Menschen, die sie ausbildet, ebenso wie durch ihre Programme. Lesenswert zusammen mit Celia Falicovs Artikel über Migration, uneindeutigen Verlust und Rituale und dem Interview mit Karl Tomm, der Evan Imber-Black nach Calgary holte.
Literatur
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Inoffizielle deutsche Übersetzung von The Ackerman Institute: a journey of culture and diversity over six decades. A conversation with Evan Imber-Black von Deisy Amorin-Woods und Evan Imber-Black, Australian and New Zealand Journal of Family Therapy, Bd. 45, Nr. 1 (2024), doi: 10.1002/anzf.1578, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzung und Satz: Complexe Systémique, Oktober 2026, mit Unterstützung künstlicher Intelligenz — das Werk wurde im Sinne der Lizenz bearbeitet. Weder die Verfassenden noch der Verlag sind für diese Übersetzung verantwortlich; maßgeblich ist die Originalfassung.
Dies ist eine inoffizielle deutsche Übersetzung des Originalartikels „The Ackerman Institute: a journey of culture and diversity over six decades. A conversation with Evan Imber-Black“, erschienen in Australian and New Zealand Journal of Family Therapy (2024) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz und für die Online-Lektüre neu gesetzt, wie am Anfang dieser Seite dargelegt; maßgeblich ist die Originalfassung.
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Amorin-Woods, D., et Imber-Black, E. (2024). The Ackerman Institute: a journey of culture and diversity over six decades. A conversation with Evan Imber-Black. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/the-ackerman-institute-a-journey-of-culture-and-diversity-over-six-decades-a-conversation-with-evan-imber-black (Originalarbeit 2024 erschienen in Australian and New Zealand Journal of Family Therapy, 45(1), 93–108 (2024); 2024 erneut veröffentlicht von Australian and New Zealand Journal of Family Therapy, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/anzf.1578)
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