KI-gestützte Übersetzung

Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.

Journal of Family Issues · Familie

Die emotionale Natur der Beziehungen zur Herkunftsfamilie bei jungen Menschen mit Pflege- und Adoptionserfahrung: eine Längsschnittperspektive

Welche Gefühle weckt die Herkunftsfamilie bei jungen Menschen, die schon im Säuglings- oder Kleinkindalter fremduntergebracht wurden? In Nordirland haben Montserrat Fargas-Malet und Dominic McSherry dieselben jungen Menschen von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter begleitet. Neugier, Gleichgültigkeit, Ambivalenz oder Zufriedenheit: Diese Gefühle verändern sich im Lauf der Zeit, und die Art der Unterbringung sagt sie nicht voraus.

Verfassende Montserrat Fargas-Malet (School of Social Sciences, Education and Social Work, Queen’s University Belfast, Vereinigtes Königreich); Dominic McSherry (School of Psychology, Ulster University, Coleraine, Vereinigtes Königreich)Erstveröffentlichung Journal of Family Issues, 16. Dezember 2020Übersetzung Complexe Systémique, inoffizielle KI-gestützte Übersetzung

Inoffizielle deutsche Übersetzung von The Emotional Nature of Birth Family Relationships for Care-experienced and Adopted Young People: A Longitudinal Perspective von Montserrat Fargas-Malet und Dominic McSherry, erschienen in Journal of Family Issues (SAGE) (2021), doi: 10.1177/0192513x20978439, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und für die Online-Lektüre neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Die Erklärungen am Ende des Artikels sind in den Anmerkungen zusammengefasst. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.

Die Gefühle von Kindern und jungen Menschen gegenüber ihrer Herkunftsfamilie waren nicht statisch, sondern veränderten sich im Lauf der Zeit.

Montserrat Fargas-Malet und Dominic McSherry

Abstract

Die Forschung zu Beziehungen und Kontakten mit der Herkunftsfamilie bei Kindern und jungen Menschen, die im Säuglingsalter von ihr getrennt wurden, hat die emotionale und dynamische Natur dieser Interaktionen nur selten berücksichtigt. In der Adoptionsforschung stand die Neugier im Vordergrund. In unserer Längsschnittstudie mit jungen Menschen, die früh fremduntergebracht wurden, zeigten sich in ihren Erzählungen jedoch zahlreiche weitere Gefühle und Gefühlskombinationen, darunter Zufriedenheit und gemischte Gefühle wie Wut, Zuneigung, Verlust, Schuld oder Sorge. Die Art der Unterbringung, also ob die jungen Menschen adoptiert worden waren, in einer Verwandtenpflegefamilie oder in einer nicht verwandten Pflegefamilie gelebt hatten, bestimmte ihre emotionalen Reaktionen auf die Herkunftsfamilie nicht. Die Sichtweisen und Gefühle der jungen Menschen veränderten sich häufig im Lauf der Zeit. In diesem Artikel beschreiben wir ihre emotionalen Reaktionen auf die Herkunftsfamilie und zeigen Implikationen für Theorie, Forschung und Praxis auf.

Schlüsselwörter: Emotionen, Herkunftsfamilie, Familienbeziehungen, junge Menschen mit Pflegeerfahrung, Längsschnittforschung

Einleitung

Der Begriff der Familie ist umstritten und hat sich im Lauf der Jahre gewandelt, denn Familien gibt es in allen Formen und Größen. Wir verbinden mit Familie und Familienbeziehungen emotionale Bedeutungen. Emotionen können familiäre Interaktionen und das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Familie ebenso untergraben wie stärken. Für junge Menschen, die früh von ihrer Herkunftsfamilie getrennt wurden, können die emotionalen Bedeutungen, die sie Familienbeziehungen und Zugehörigkeit beimessen, besonders vielschichtig, widersprüchlich und sprunghaft sein. Ein Großteil der Forschung zu diesen jungen Menschen hat sich auf die Frage des Kontakts mit der Herkunftsfamilie konzentriert, die emotionale und dynamische Natur der Beziehungen zur Herkunftsfamilie jedoch weitgehend vernachlässigt. Dieser Artikel berichtet über Ergebnisse einer laufenden Längsschnittstudie mit jungen Menschen in Nordirland, die im Säuglings- oder Kleinkindalter fremduntergebracht wurden. Er untersucht, wie sich ihr Verständnis der Herkunftsfamilie und ihre Beziehungen zu ihr über die Jahre entwickelt haben, und welche emotionalen Reaktionen und Bedeutungen sie damit verbanden.

Der Forschungskontext: das Kinderschutzsystem und der Kontakt zur Herkunftsfamilie

Wenn im Vereinigten Königreich festgestellt wird, dass Kinder infolge von Misshandlung oder Vernachlässigung einen erheblichen Schaden erleiden oder zu erleiden drohen, nehmen die sozialen Dienste sie aus der Obhut der leiblichen Eltern und suchen eine andere Unterbringung für sie, zunächst kurzfristig, bis die gerichtlichen Verfahren abgeschlossen werden können (McSherry & Fargas-Malet, 2018). Die meisten herausgenommenen Kinder kehren schließlich zu ihren leiblichen Eltern zurück (Sinclair et al., 2007). Bei manchen Kindern gilt eine Rückkehr in die Obhut der leiblichen Eltern jedoch als nicht möglich, und in diesen Fällen müssen andere langfristige Unterbringungsmöglichkeiten gefunden werden. Dazu gehören die langfristige Unterbringung in einer Pflegefamilie und in Verwandtenpflege, die stationäre Unterbringung (vor allem für Jugendliche), die Betreuung aufgrund privatrechtlicher Anordnungen (also einer Special Guardianship Order oder einer Residence Order) sowie die Adoption. Im Vereinigten Königreich kann eine Adoption ohne Zustimmung der leiblichen Eltern erfolgen, wenn die Verweigerung der Zustimmung als unbegründet gilt; dies ist bei etwa 70% der Adoptionen der Fall (Kelly & McSherry, 2002). In Nordirland können verwandte und nicht verwandte Pflegepersonen beantragen, dass die Care Order durch eine Residence Order ersetzt wird (Children Order 1995, Artikel 8); damit scheidet das Kind aus dem Hilfesystem aus, und die Pflegepersonen erhalten die elterliche Verantwortung gemeinsam mit den leiblichen Eltern.

Unabhängig von der Art der Fremdunterbringung gilt der Kontakt mit der Herkunftsfamilie im Vereinigten Königreich und in anderen Industrieländern als entscheidend für das Wohlbefinden und das Identitätsgefühl von Kindern. Diese Vorstellung wurde international durch das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes von 1989 gefördert und bekräftigt, das das Recht von Kindern festschreibt, bei ihren Eltern zu leben oder, wenn dies nicht möglich ist, Kontakt zu ihnen zu halten. Es gibt eine Fülle von Forschungsarbeiten zu Nutzen und Fallstricken von Kontakten für fremduntergebrachte Kinder und von Kontakten nach einer Adoption (für eine aktuelle systematische Übersicht siehe Boyle, 2017). Es fehlt jedoch an Längsschnittforschung, die sich mit dem Verständnis junger Menschen von ihrer Herkunftsfamilie und mit der emotionalen Natur dieser Beziehungen befasst.

Bedeutungen von „Familie“ in der Forschung mit jungen Menschen mit Pflegeerfahrung

Die zeitgenössische Familienforschung hat erhebliche Veränderungen in der Familienzusammensetzung aufgezeigt: Haushalte sind äußerst vielfältig geworden, Familiengrenzen flexibler. Diese Veränderungen haben die Art und Weise beeinflusst, wie junge Menschen Familie mit Bedeutung versehen (z. B. Parker & Mayock, 2019). Sie haben zudem zu einer Abkehr von normativen Definitionen „der Familie“ hin zu Vorstellungen von Verwandtschaft und zur Anerkennung der dynamischen Natur von Familienbeziehungen geführt (Boddy, 2019). In diesem Sinne soll Morgans (2011) Konzept der „family practices“ (familiale Praktiken) bestimmte Modelle des Familienlebens „überschreiten“, indem es die Idee betont, Familie zu „tun“ (doing family), statt eine Familie zu „sein“. Im Mittelpunkt steht also ein besseres Verständnis dessen, wie Menschen Familie „tun“ und welche Bedeutungen sie ihren familialen Praktiken beimessen. Finch (2007) hat diesen Ansatz erweitert, indem sie neben dem „Tun“ auch die Bedeutung des „Darstellens“ (displaying) von Familie anerkannte. Sie definierte das Darstellen als die Praxis, anderen und sich selbst zu vermitteln, dass die eigenen Handlungen tatsächlich „familiale Praktiken“ sind und dass diese Beziehungen tatsächlich „familiäre“ Beziehungen sind, die sich von anderen Beziehungsformen unterscheiden.

Die Konzepte der „familialen Praktiken“ und der „familialen Darstellungen“ umfassen die Vorstellungen von Fluidität, Vielfalt und Vielschichtigkeit, die das Familienleben kennzeichnen (Finch, 2007). Beide Konzepte wurden in der Forschung zu fremduntergebrachten Kindern und jungen Menschen bzw. zu jungen Menschen mit Pflegeerfahrung (Boddy, 2019; Holland & Crowley, 2013; Skoglund et al., 2019) sowie zu adoptierten Kindern und jungen Menschen (Jones & Hackett, 2011; MacDonald, 2017) vielfach verwendet. So fand Boddy (2019) in einer qualitativen Längsschnittstudie mit Care Leavern gewöhnliche Schilderungen alltäglicher familialer Praktiken und hob die Bedeutung der Familienbeziehungen junger Menschen für das Verständnis ihres Selbstbildes hervor, während in der Studie von Jones und Hackett (2011) die vielschichtigen Bedeutungen alltäglicher familialer Praktiken, etwa des Austauschs von Geburtstags- und Weihnachtskarten, für adoptierte junge Menschen sowie ihre Adoptiv- und Herkunftsfamilien herausgearbeitet wurden.

Die emotionale Dimension in Familienbeziehungen

Emotionen spielen in allen sozialen Phänomenen eine grundlegende Rolle, auch in der Familie. Sie dienen dazu, soziale Bindungen aufzubauen, sozialen Strukturen verbunden zu bleiben oder sie einzureißen (Turner, 2007), und umgekehrt prägt unsere eigene soziale Existenz unsere Emotionen (Jacobsen, 2019). Es besteht jedoch kein Konsens darüber, was eine Emotion ausmacht, und seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist eine Fülle psychologischer (Cannon, 1927; James & Lange, 1922; Lazarus & Folkman, 1984; Schachter & Singer, 1962) und soziologischer (z. B. Bericat, 2016; Turner, 2007) Theorien entwickelt worden, um diesen oft schwer greifbaren Begriff zu verstehen. Emotionen wurden auf vielfältige Weise definiert, da sie hochkomplex und mitunter sogar paradox sind. Bericat (2016, S. 493) stellt fest, dass „Emotionen die körperliche Manifestation der Bedeutung darstellen, die ein Ereignis in der natürlichen oder sozialen Welt für ein Subjekt hat“. Auch wenn diese Definition auf das Individuum ausgerichtet scheint, wird anerkannt, dass Emotionen in Wirklichkeit relational sind, da sie im Kontext unserer sozialen Beziehungen entstehen, empfunden werden und Bedeutung erlangen. Zudem ist zu bedenken, dass unser emotionales Leben dynamisch ist und Emotionen nie isoliert auftreten oder im Lauf der Zeit unverändert bleiben.

Die emotionale Dimension und Bedeutung familialer Praktiken und Familienbeziehungen ist in der Forschung zu benachteiligten Familien häufig übersehen worden, insbesondere in der Forschung dazu, wie junge Menschen mit Pflegeerfahrung ihre Herkunftsfamilie verstehen. Einige Forschende, etwa Wilson et al. (2012), betonen jedoch, wie wichtig es ist, familiale Praktiken unter schwierigen Bedingungen, die ihnen zugrunde liegenden Ressourcen und ihre emotionale Bedeutung zu untersuchen. Ihre Studie befasste sich mit den Familienerfahrungen junger Menschen, die vom Substanzkonsum ihrer Eltern betroffen waren. Einige der Teilnehmenden hatten Zeit in Fremdunterbringung verbracht. Die emotionalen Bedeutungen von Familie erwiesen sich als mit familialen Praktiken verknüpft. Die jungen Menschen in der Studie schienen zu versuchen, die Grenzen der Familie zu bewältigen, wiederherzustellen und neu zu ziehen. Holland und Crowley (2013) hoben, gestützt auf die Ergebnisse einer qualitativen Studie mit jungen Menschen mit Pflegeerfahrung in Wales, die emotionale Kopräsenz der Herkunftsfamilie (also ihr emotionales bzw. gedankliches Dasein, auch wenn man sie nicht immer persönlich sieht) für junge Menschen in Ersatzbetreuung hervor, ebenso wie die dynamische Natur der Erfahrungen und Wahrnehmungen von Familienbeziehungen im Lebensverlauf.

In Kirgisistan untersuchten Sanghera et al. (2012) die Emotionen, die Kinder und junge Menschen zeigten, als sie von ihren leiblichen Eltern getrennt wurden, um informell von Verwandten betreut zu werden, und dann in der Adoleszenz wieder mit ihren leiblichen Eltern zusammengeführt wurden. Ihre Forschung zeigte, wie stark emotionale Bindungen an die leiblichen Eltern spätere soziale Beziehungen beeinflussen. In ihrer qualitativen Studie zu Beständigkeit und Stabilität für fremduntergebrachte junge Menschen stellten Moran et al. (2019) fest, dass die jungen Menschen ihre emotionalen Bindungen an die Herkunftsfamilie neu aushandelten und dass Emotionen für das Verständnis von Beständigkeit und Stabilität eine zentrale Rolle spielten. In ihrer Studie empfanden manche junge Menschen ein Gefühl des Verlassenseins und Wut gegenüber den leiblichen Eltern, während andere sich zwischen leiblichen Eltern und Pflegeeltern „hin- und hergerissen“ fühlten.

In diesem Artikel berichten wir über einige Ergebnisse einer Längsschnittstudie mit jungen Menschen, die als Säuglinge fremduntergebracht wurden. 2009, als die Kinder 9 bis 14 Jahre alt waren, untersuchten wir die Frage des Kontakts mit der Herkunftsfamilie (McSherry et al., 2013). In der aktuellen Phase der Studie sind dieselben Kinder inzwischen junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren. Aus einer Längsschnittperspektive lag es nahe, die Beziehungen zur Herkunftsfamilie und ihre emotionale Bedeutung weiter zu untersuchen.

Die Care Pathways and Outcomes Study

Die Care Pathways and Outcomes Study ist eine prospektive Längsschnittstudie, die eine Population von Kindern (n = 374) begleitet, die am 31. März 2000 jünger als fünf Jahre und in Nordirland fremduntergebracht waren. Sie soll verstehen, wie es den Kindern, ihren Eltern und Pflegepersonen kurz-, mittel- und langfristig ergeht, innerhalb der verschiedenen Unterbringungsformen und im Vergleich zwischen ihnen, also Adoption, Pflegefamilie, Verwandtenpflege, Residence Order und Rückkehr zu den leiblichen Eltern.

Bisher wurden drei Wellen der Studie abgeschlossen. Welle 1 (Kinder im Alter von unter 1 bis 5 Jahren) diente dazu, für die gesamte Studienpopulation eine Ausgangsbasis zu demografischen Merkmalen, Hintergrundfaktoren und Gründen für die Fremdunterbringung zu schaffen; die Daten wurden aus den Fallakten der Sozialen Arbeit entnommen. Welle 2 (Kinder im Alter von 3 bis 8 Jahren) erfasste das Unterbringungsprofil der gesamten Studienpopulation und befragte zusätzlich eine Teilgruppe leiblicher Eltern, Adoptiv- und Pflegeeltern (n = 110) mit quantitativen und qualitativen Methoden, um zu verstehen, wie es ihnen und den Kindern in einer Reihe psychosozialer Bereiche (d. h. elterliches Stressniveau sowie Verhalten und emotionales Funktionieren der Kinder) und bei allgemeineren Themen wie Schulerfahrungen und Beziehungen zu Familie und Freundeskreis erging. Welle 3 der Studie (Kinder im Alter von 9 bis 14 Jahren) erfasste das damalige Unterbringungsprofil der gesamten Studienpopulation und umfasste Interviews mit einer Teilgruppe von Kindern bzw. jungen Menschen und ihren Eltern bzw. Pflegepersonen (n = 72). Auch diese Interviews kombinierten quantitative und qualitative Methodik und konzentrierten sich auf ein breiteres Spektrum psychosozialer Bereiche (d. h. elterlicher Stress, emotionales Funktionieren und Verhalten der Kinder, Bindungen der Kinder, Selbstkonzept der Kinder und schulische Leistungsfähigkeit der Kinder) sowie auf allgemeinere Themen wie Schule, Beziehungen zu Gleichaltrigen und zur Familie. Die Ergebnisse dieser ersten drei Wellen wurden an anderer Stelle veröffentlicht (McSherry et al., 2010; 2013; 2016).

Welle 4 der Studie (junge Menschen im Alter von 17 bis 25 Jahren) läuft derzeit. Bisher wurde das Unterbringungsprofil der gesamten Studienpopulation erfasst (McSherry & Fargas-Malet, 2018), und mit einer Teilgruppe junger Menschen sowie ihren Eltern und Pflegepersonen wurden Interviews mit quantitativer und qualitativer Methodik geführt. Diese konzentrierten sich auf eine Reihe psychosozialer Bereiche (d. h. Stress, Bindung, Selbstkonzept, Zugehörigkeit, soziale Unterstützung, Selbstkontrolle sowie Verhalten und emotionales Funktionieren) und auf allgemeinere Themen wie Bildung, Ausbildung und Beschäftigung, Zugehörigkeitsgefühl, wichtige Beziehungen, einschneidende Ereignisse sowie körperliche, emotionale und sexuelle Gesundheit. Dieser Beitrag konzentriert sich auf die in den Wellen 3 und 4 der Studie erhobenen Sichtweisen der jungen Menschen auf ihre Beziehungen zu Mitgliedern der Herkunftsfamilie.

Methode

Design

Es handelt sich um eine prospektive Längsschnittstudie, die mit einem Mixed-Methods-Ansatz die Sichtweisen junger Menschen und ihrer Eltern bzw. Pflegepersonen auf ihr Leben in einer Reihe psychosozialer Bereiche quantitativ wie qualitativ untersucht.

Teilnehmende

Die Stichprobe für Welle 4 der Studie ist dieselbe Population von Kindern, die in den drei vorangegangenen Wellen begleitet wurde. In der aktuellen Welle wurde für 96% (n = 354) der Studienpopulation ein Unterbringungsprofil erstellt, auf der Grundlage der Unterbringungsdaten, die die Health and Social Care (HSC) Trusts in Nordirland (entsprechend den Kommunalbehörden in England und Wales) bis zum 31. März 2016 zur Verfügung stellten. Zu diesem Zeitpunkt waren 63% (n = 259) 18 Jahre oder älter und 27% (n = 95) unter 18 (entweder 16 oder 17 Jahre alt). Die Ergebnisse der ersten Phase der Studie wurden an anderer Stelle veröffentlicht (McSherry & Fargas-Malet, 2018). Darüber hinaus werden derzeit halbstrukturierte Interviews mit den jungen Menschen sowie ihren Eltern und Pflegepersonen geführt, die eine Reihe von Themen untersuchen.

Dieser Artikel konzentriert sich auf die Daten aus den halbstrukturierten Interviews mit den 41 jungen Menschen, die bisher an Interviews teilgenommen haben. Bei 38 von ihnen wurden auch die Eltern oder Pflegepersonen befragt, doch dieser Artikel befasst sich ausschließlich mit den Interviews der jungen Menschen. Der Interviewleitfaden war um eine Reihe von Themen herum aufgebaut, die bereits im vorigen Abschnitt genannt wurden. Sechsunddreißig von ihnen hatten an der vorangegangenen Welle der Studie (Welle 3) teilgenommen, als sie zwischen 9 und 14 Jahre alt waren. In dieser Phase waren einige derselben Themen untersucht worden, darunter der Kontakt mit der Herkunftsfamilie und wichtige Bezugspersonen in ihrem Leben. Hinsichtlich der Unterbringungsform waren 14 als Säuglinge oder Kleinkinder adoptiert worden, 8 hatten in langfristiger Pflegefamilienunterbringung gelebt, 5 in langfristiger Verwandtenpflege, 12 hatten unter einer Residence Order (bei Pflegeeltern) gestanden und 2 hatten den größten Teil ihres Lebens bei ihren leiblichen Eltern gelebt. Zum Zeitpunkt des Interviews in Welle 4 waren sie zwischen 18 und 23 Jahre alt.

Datenanalyse

Alle Interviews wurden als Audiodatei aufgezeichnet, wörtlich transkribiert und anschließend mittels thematischer Analyse (Braun & Clarke, 2006) ausgewertet. Wir suchten in den Transkripten der Wellen 3 und 4 nach wiederkehrenden Themen und identifizierten und entwickelten detaillierte Codes, die in Excel-Tabellen eingetragen wurden. Jede Tabelle bezog sich auf ein bestimmtes Thema (z. B. Bildung, Gesundheit usw.). Für diesen Artikel betrachteten wir gezielt die Tabelle zu Kontakt und Beziehung mit der Herkunftsfamilie. In jeder Tabelle stand eine Zeile für eine junge Person über beide Wellen hinweg und für ihre Familie, und jede Spalte stand für einen Code, etwa die Nähe des Kindes zur Herkunftsfamilie in Welle 3 und die Gefühle der jungen Person gegenüber der Herkunftsfamilie in Welle 4. Zwei Forschende der Studie lasen die Transkripte und diskutierten die Codes. Alle im Ergebnisteil und in den Zitaten genannten Namen sind nicht die echten Namen der jungen Menschen oder anderer Personen, sondern vom Forschungsteam vergebene Pseudonyme, sodass die Vertraulichkeit gewahrt ist.

Ergebnisse

Das Verständnis der jungen Menschen von ihrer Herkunftsfamilie und ihre emotionalen Reaktionen auf sie waren vielfältig, dynamisch, oft vielschichtig und widersprüchlich und schienen von verschiedenen Faktoren abzuhängen, darunter vergangene und gegenwärtige Interaktionen mit einzelnen Familienmitgliedern, frühere Erfahrungen und Erinnerungen sowie die ihnen zur Verfügung stehenden persönlichen und sozialen Ressourcen. Wir identifizierten vier verschiedene Kategorien, die sich nicht gegenseitig ausschließen, denn die jungen Menschen in der Studie fielen je nach ihrer Beziehung zu bestimmten Familienmitgliedern oft in mehr als eine dieser Gruppen und wechselten auch zwischen ihnen, während sie älter wurden. Die in der Analyse identifizierten Kategorien sind: Neugier; Gleichgültigkeit oder Desinteresse; Zufriedenheit; und Ambivalenz oder gemischte, belastende Gefühle (also eine Kombination von Emotionen wie Wut, Schuld, Traurigkeit, Scham, Trauer und Sorge).

Neugier

Emotionen können eine treibende Kraft sozialen Handelns sein (Svašek, 2008). Dies gilt in besonderem Maße für das Gefühl der Neugier, das zur Informationssuche und zu erkundendem Verhalten motiviert. Neugier ist eng mit dem Gefühl der Ungewissheit und dem Fehlen wesentlicher Informationen verbunden. Für die jungen Menschen war Neugier zudem tief mit Verlustgefühlen verknüpft. Deshalb äußerten junge Menschen, denen Informationen über ihre Herkunftsfamilie fehlten und/oder die sie nie oder lange nicht gesehen hatten, häufig Neugier. Sie verspürten den Wunsch nach Informationen. Diese jungen Menschen unternahmen etwas, um diesen Wunsch zu stillen: Sie suchten in sozialen Medien nach leiblichen Verwandten, nahmen indirekt Kontakt zu ihnen auf, verabredeten ein Treffen oder zogen sogar zu ihnen. Den Zeitpunkt, an dem ihre Neugier erwachte (oder an dem sie ihr nachgaben), verorteten sie oft in der mittleren oder späten Jugend.

Neugier ist ein in der Adoptionsforschung vielfach untersuchtes Konzept (z. B. Jones & Hackett, 2011; Wrobel & Grotevant, 2019), und einige der jungen Menschen, die in unserer Studie von ihrer Neugier sprachen, waren tatsächlich adoptiert, vermutlich weil sie mit größerer Wahrscheinlichkeit weniger Informationen erhalten und weniger direkten Kontakt mit ihrer Herkunftsfamilie gehabt hatten. Familienähnlichkeit ist eine Möglichkeit, biologische Verbindungen sichtbar zu machen (Mason, 2008, zitiert in Welch, 2018), und sie war für Julie eine Quelle der Neugier. Mit etwa 14 oder 15 Jahren suchte sie zum ersten Mal auf Facebook nach ihrem leiblichen Vater, danach nach ihrer leiblichen Mutter. Ihre Suche stellte sie jedoch nicht besonders zufrieden:

Ich glaube, es ging eher ums Aussehen, ich glaube, ich wollte [meine leibliche Mutter] vor allem sehen, weil ich sehen wollte. . . Ich hab ihn [den leiblichen Vater] angeschaut und dachte „ich seh ihm nicht ähnlich“, also dachte ich „ich will sie finden, weil ich sehen will, ob ich dann ihr ähnlich sehe“, und ich glaube, es kam eher von der Neugier, seiner Familie ähnlich zu sehen. Weil ich es mag, wie K und L [Adoptivschwestern] sagen können „oh, das hast du von Mama“ und „das hast du von Papa“, aber das ist so eine Kleinigkeit. Aber dann dachte ich „ich frag mich, woher ich meins habe“. Ich glaube nicht, dass es um sie ging, ich glaube, es war eher eine egoistische Sache, ich wollte wissen, wem ich ähnlich sehe, warum ich so aussehe. Und dann hat es mir nichts gebracht, weil ich immer noch nicht finde, dass ich ihnen ähnlich sehe.

Bei anderen jungen Menschen führte die Neugier dazu, dass sie Kontakt mit ihren leiblichen Eltern aufnehmen wollten. Nicht alle, denen es so ging, waren adoptiert. Janette, die seit ihrem zweiten Lebensjahr bei einer Pflegefamilie lebte, hatte zu Beginn der Unterbringung Kontakt mit ihren leiblichen Eltern, doch der Kontakt mit ihrer Mutter dauerte sechs Monate, und auch der Kontakt mit ihrem Vater brach kurz darauf ab. Sie verspürte den Wunsch, von ihrer leiblichen Mutter einige Antworten zu bekommen. Wie Greenhow et al. (2016) in ihrer Studie über traditionelle und technologische Formen des Kontakts nach einer Adoption feststellten, kann ein virtueller Kontakt „aus heiterem Himmel“ ohne vorherigen begleiteten Kontakt, wie Janette ihn erlebte, jedoch schwierig sein, und sie erhielt keinerlei Unterstützung, um damit umzugehen:

Na klar sucht man nach ihnen. Ich bin sicher, das machen alle. Ja, ich hab’s gemacht. Ich hab nach meiner Mama und meinem Papa gesucht. Ich hab meine Mama tatsächlich auf Facebook gefunden, und das war der schlimmste Fehler meines Lebens. Weil ich mit ihr geredet hab, und natürlich musste ich sie fragen, was ich wissen musste. Und am Ende kam raus. . . Also, sie war richtig unverschämt und [. . .] Also hab ich sie blockiert und. . . Ich hab nicht mehr nach ihr gesucht, weil ich mich frage, warum musste ich das überhaupt machen? [. . .] Ich glaube, ich musste es einfach wissen. Ich musste sie fragen: „Denkt sie jemals an einen von uns?“, so nach dem Motto „bereut sie jemals, was sie getan hat?“, na ja, es war eigentlich sowieso nicht ihre Entscheidung, also . . . Ich glaube, ich hab mich eher darüber geärgert, wie sie sich verhalten hat, aber seitdem hab ich nicht mehr nach ihr gesucht.

Auch einige adoptierte junge Menschen nahmen Kontakt mit ihren leiblichen Eltern auf, wussten aber, dass sie dafür bis zum Alter von 18 Jahren warten mussten. Brendan hatte während seiner Kindheit nie Kontakt mit seiner Herkunftsfamilie. Mit 16 oder 17 begann er, nach Informationen über seine Herkunftsfamilie zu suchen. Schließlich fand er seine Mutter, die in einem Nachbarland lebte, und nahm Kontakt mit ihr auf. Seinen Adoptiveltern erzählte er davon, nachdem er sie gefunden hatte, und anschließend buchte seine leibliche Mutter ihm Flugtickets, damit er sie besuchen konnte. Er bereute seine Entscheidung, nach seiner leiblichen Mutter zu suchen, nicht. Er betrachtete es als etwas, das er tun musste. Auf die Frage, warum er gesucht habe, antwortete er:

…Neugier, und wahrscheinlich auch, dass ich die Nase in Sachen stecke. Wissen Sie, am Ende sind das Dinge, die jeder wissen sollte und auch wissen wollen sollte. [. . .] Ich war auf jeden Fall froh, dass ich es gemacht hab. Es war eine ziemlich harte Zeit, aber ich war auf jeden Fall froh, dass ich es gemacht hab. Ich glaube, wenn ich es nicht gemacht hätte, dann würde ich, wissen Sie, wahrscheinlich immer noch hier sitzen und es bereuen, dass ich es nicht gemacht hab.

Für zwei andere junge Menschen in unserer Studie zerschlug sich der Wunsch und die Sehnsucht, ihre leiblichen Eltern eines Tages zu treffen, und es blieben Gefühle von Verlust und Trauer, nachdem sie erfahren hatten, dass ihre leibliche Mutter gestorben war, bevor sie 18 wurden. Olivia erinnerte sich schwach daran, dass sie ihre leibliche Mutter in ihren ersten Lebensjahren, als sie in einer Pflegefamilie lebte, einmal pro Woche sah. Der Kontakt brach ab, und sie wurde dann adoptiert. Mit ihrem leiblichen Vater hatte sie während ihrer gesamten Kindheit weiterhin Briefkontakt (d. h. er schickte ihr zu Geburtstagen und zu Weihnachten Briefe oder Karten). Als sie mit 10 Jahren interviewt wurde, äußerte sie Neugier auf ihre leiblichen Eltern und zählte beide zu ihrer Familie. Sie empfand sie als sehr nah, obwohl sie keinen der beiden sah. Sie erzählte uns auch, dass sie ihre leiblichen Eltern besuchen würde, wenn sie älter wäre. Sie äußerte Traurigkeit über ihre Vergangenheit, weil sie nicht bei ihrer leiblichen Mutter hatte bleiben können. Sie sagte, es belaste sie, dass sie die beiden nicht kenne. Olivias leibliche Mutter starb, als sie 14 war. In einem neueren Interview beschrieb sie dies als eines der schwierigsten Ereignisse ihres Lebens. Ihre Schilderungen im früheren Interview trugen wesentlich dazu bei, ihre Gefühle in der aktuellen Phase zu verstehen. Sie sah sich jedoch nicht in der Lage, ihre Verlustgefühle gegenüber jemandem auszudrücken, von dem sie das Gefühl hatte, er könne sie wirklich verstehen, da sie keine anderen adoptierten jungen Menschen kannte. Sie erzählte auch, wie sie ihren leiblichen Vater traf, als sie 18 wurde, und beschrieb dies als positive Erfahrung:

Weil es niemand wirklich versteht, ist es echt schwer, mit jemandem direkt darüber zu reden, weil die sich nicht hineinversetzen können. [. . .] Es war echt hart, weil ich ihr natürlich nie die Schuld an irgendwas gegeben hab. Und natürlich wollte ein Teil von mir, weil ich sie nicht sehen durfte, bis ich 18 war, ein Teil von mir wollte das immer. Und zu begreifen, dass es nicht mehr geht, war hart. Aber . . . ich hab meinen Papa vor einer Weile getroffen, kurz vor Weihnachten. Es war komisch, aber gut.… Wir haben E-Mails ausgetauscht, aber . . . natürlich wollte ich wegen meines Studiums nicht . . . Ich hab nur gesagt, ich melde mich im Sommer, wenn er bereit wäre, sich noch mal zu treffen. Das war’s.

Andere, wie Niamh, die bei ihrem Großvater väterlicherseits und mit ihren leiblichen Brüdern aufwuchs, wollten ebenfalls mehr über leibliche Verwandte erfahren und vielleicht sogar Kontakt zu ihnen aufnehmen. Obwohl diese nicht verstorben waren, hinderten andere Umstände sie jedoch daran. In ihrem Interview von 2009 sagte Niamh, sie betrachte ihren Vater als Teil ihrer Familie, obwohl sie ihn seit vielen Jahren nicht gesehen habe. Auch ihre leibliche Mutter zählte sie zu ihrer „Familie in der Ferne“, obwohl sie auch sie nicht sah. Für sie schien die emotionale Bedeutung ihrer leiblichen Eltern bis ins frühe Erwachsenenalter fortzubestehen. Niamh hatte ihren Vater auf Facebook gefunden und entdeckt, dass er eine neue Familie gegründet hatte. Ihr Vater hatte ihr während ihrer gesamten Kindheit Briefe geschickt, doch einige Jahre zuvor hatte er sie gebeten, sich allein mit ihm zu treffen, ohne ihre Brüder (also seine beiden Söhne). Sie fand, dass dies falsch und ihren leiblichen Brüdern gegenüber unfair gewesen wäre, und so kam es nie dazu. Auch ihre Mutter fand sie nie, sprach aber über ihren Wunsch, sie zu finden:

Nicht auffindbar. Sie will keinen Kontakt. Und ich würde sie gern kennen. Ich würde sie wirklich sehr gern kennenlernen, weil, wissen Sie, wenn man nicht wirklich eine Mutterfigur im Leben hatte, ist das irgendwie . . . und ich bin immer total neugierig, so . . . weil ich natürlich die Hälfte deiner Gene habe, die Hälfte meiner Gene sind deine, also . . . bin ich neugierig.

Andere junge Menschen aus verschiedenen Unterbringungsformen (Adoption, Pflegefamilie, Residence Order) gingen noch weiter und zogen zu ihren leiblichen Eltern. Wie in anderen Studien (Wilson et al., 2012) spiegelten ihre Schilderungen oft die Macht realer und idealisierter Bindungen an die Herkunftsfamilie wider, denn sie versuchten eifrig, die Beziehungen zu ihren Eltern wieder aufzubauen, trotz gegenwärtiger oder vergangener Schwierigkeiten. Für William, der adoptiert worden war, erwies sich diese Erfahrung als ziemlich schwierig, und seine Vorstellung von seiner Herkunftsfamilie wie auch seine Interaktionen mit ihr veränderten sich dadurch.

Hauptsächlich hat mich die Neugier angetrieben. Einfach, um zu sehen . . . wie es so ist.… Es ist einfach passiert. Ich kann nicht mal beschreiben, wie es passiert ist, weil es so schnell ging. [. . .] [Meine leibliche Mutter] hatte immer wieder Alkoholprobleme. Sie sagte, sie sei schon so viele Jahre clean, aber sie ist immer wieder rückfällig geworden. Ich wusste das nicht, aber sie hatte einen jüngeren Sohn, der damals 14, 15 war.… Am Anfang sind wir gut miteinander ausgekommen. Aber so wie ich das sehe, hat er sich verstellt, und dann hat er sein wahres Gesicht gezeigt, und dann wurde es nur noch schlimmer, schlimmer, schlimmer. [. . .] Ich musste die Polizei rufen, damit sie mich da rausholen. So schlimm war es. [. . .] da waren dann Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter für den jüngeren Bruder zuständig. Die sind also gekommen, und sie war nirgends zu finden. . . Ich hab angerufen, sie hat gesagt: „Gut, lass es. Sag ihr einfach, sie soll gehen.“ Sie konnte nicht gehen. Ich hab noch mal angerufen, und sie macht nur „piep, piep, piep“, und ich sag „okay, komm sofort her“, und sie ist zurückgekommen, und dann war im Grunde die Hölle los.

Ähnlich zog Rose, als sie 18 wurde, für kurze Zeit zu ihrem leiblichen Vater. Sie war bei Pflegeeltern aufgewachsen, die eine Residence Order für sie erwirkt hatten. Sie hatte Kontakt mit ihren leiblichen Eltern, doch als sie viereinhalb war, kam es zu einem Vorfall mit ihrer leiblichen Mutter, die getrunken und das Haus in Brand gesetzt hatte, und der leibliche Vater wurde gewalttätig. Als wir Rose mit 12 Jahren interviewten, erzählte sie uns, dass ihre Eltern ihr Angst machten, und erinnerte sich an diesen Vorfall. Als wir sie dagegen vor Kurzem als junge Erwachsene interviewten, zählte sie ihre leibliche Mutter zu ihrer Familie, obwohl diese sechs Jahre zuvor gestorben war. Über ihre jüngste Erfahrung, zu ihrem leiblichen Vater zu ziehen, berichtete Rose, wie unbefriedigend sie ausgefallen war:

Und dann haben wir angefangen, so eine Bindung aufzubauen, aber seitdem ist sie weg. Weil ich dachte, nach all den Jahren eine Bindung aufzubauen, würde klappen, aber nein, es war ihm eigentlich egal, weil er reinkam und direkt an mir vorbeigelaufen ist.

Auf die Frage, warum sie eine Bindung zu ihrem Vater aufbauen wollte, offenbarte ihre Antwort eine idealisierte Vorstellung von Bindungen zur Herkunftsfamilie, die nach dieser Erfahrung zusammenbrach:

Weil er am Ende des Tages mein Papa ist. So seh ich das. Aber irgendwie, wegen allem, was in der Vergangenheit passiert ist, und wie er mit mir umgeht, will ich eigentlich keine Bindung mehr aufbauen. Ich lasse es lieber so, wie es ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Während das Entdecken neuer Informationen in der Regel lohnend ist und eine positive Erfahrung darstellt, die hilft, den Zustand der Ungewissheit zu verringern, erlebten einige dieser jungen Menschen die Suche nach ihrer Herkunftsfamilie und die Kontaktaufnahme mit ihr als schwierig und oft belastend. Mitunter veränderten sich infolge dieser Erfahrungen die Bedeutung und der emotionale Gehalt, den diese jungen Menschen ihren Familienbeziehungen beigemessen hatten, grundlegend. Trotz aller Schwierigkeiten betrachteten einige diese Erfahrungen jedoch auch als positiv und waren froh, sie durchgestanden zu haben. Diese Erzählungen zeigten auch die starke „emotionale Kopräsenz“ von Mitgliedern der Herkunftsfamilie, die im Leben der jungen Menschen emotional bzw. psychisch da waren, auch wenn sie nicht immer physisch anwesend waren (Holland & Crowley, 2013; Skoglund et al., 2019).

Gleichgültigkeit oder Desinteresse

Am anderen Ende des Spektrums der Neugier äußerten einige junge Menschen Desinteresse oder Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Herkunftsfamilie. Diese Gruppe war heterogen. Nicht alle waren also auf demselben Weg zu dieser Haltung gelangt. Während manche junge Menschen ihre Herkunftsfamilie immer als bedeutungslos für ihr Leben empfunden und kein Interesse an ihr gehabt hatten, hatten andere zuvor andere Gefühle gezeigt, waren aber infolge vergangener Erfahrungen gleichgültig geworden.

Zur Gruppe derer, die nie Interesse an ihrer Herkunftsfamilie oder an bestimmten Mitgliedern der Herkunftsfamilie empfunden hatten, gehörten adoptierte junge Menschen, junge Menschen, für die Verwandte oder nicht verwandte Personen eine Residence Order erwirkt hatten, sowie junge Menschen in Verwandtenpflege. Diese jungen Menschen hatten diese leiblichen Verwandten nie als Teil ihrer Familie betrachtet und kaum Kontakt zu ihnen. Sie alle fühlten sich in der Familie, in der sie von klein auf aufgewachsen waren, fest verankert. Fionn, der als Baby adoptiert worden war, hatte keinen persönlichen Kontakt zu Mitgliedern seiner Herkunftsfamilie. Seine Adoptiveltern gaben ihm die meisten Informationen, die sie über die Herkunftsfamilie hatten, und teilten Briefe und Fotos mit ihm. Als er mit neun Jahren interviewt wurde, sagte er, er habe seine leiblichen Eltern nie gesehen, habe aber Bilder von ihnen und sei lieber in der Familie, in der er jetzt lebe. In der aktuellen Phase stellte er klar, dass er sie nie getroffen habe und dies auch nicht vorhabe:

Ich hab sie nie gesehen.… Ich hab nie wirklich darüber nachgedacht. [. . .] über die eigene Vergangenheit und die leiblichen Eltern Bescheid zu wissen, ist nicht für jeden wichtig.…

Mark und Jeremy interessierten sich nicht für ihre leiblichen Väter, und als diese starben, ging keiner von beiden zur Beerdigung. Mark, der bei seiner Pflegemutter lebte (die eine Residence Order erwirkt hatte), stand dem Lebensstil seines leiblichen Vaters besonders kritisch gegenüber, und dessen Tod berührte ihn kaum:

Wahrscheinlich, weil er nie da war, wissen Sie.… Ich kannte ihn nicht gut genug.… Sie haben [meine Pflegemutter] angerufen und gefragt, ob ich hingehen will, aber . . . ich hab „Nein“ gesagt, weil es keinen Sinn hat hinzugehen.

Ebenso hatte sich Jeremy nie für seinen Vater interessiert. Jeremy lebte seit frühester Kindheit bei seiner Großmutter mütterlicherseits, nachdem seine leibliche Mutter gestorben war. Seinen Vater hatte er nie gesehen, da dieser in einem Nachbarland lebte. Laut seiner Großmutter weigerte er sich, zur Beerdigung zu gehen, und Jeremys Schilderung spiegelt dieses Fehlen von Gefühlen ihm gegenüber wider:

Nein, er ist tot. Ja, er ist gestorben, ich hab ihn nie getroffen. Er ist vielleicht vor fünf Jahren gestorben, ich weiß es nicht mal, ist mir egal. Ich hab ein Foto von ihm gesehen.

Manchmal hatten junge Menschen früher vor allem schmerzliche Gefühle gegenüber leiblichen Verwandten geäußert, die sich mit dem Älterwerden in Gleichgültigkeit verwandelt hatten. Auch diese zweite Gruppe war hinsichtlich ihrer Unterbringungsgeschichte vielfältig. Madeleine, die zusammen mit ihren leiblichen Brüdern adoptiert worden war, hatte ihre leibliche Mutter nie als Teil ihrer Familie betrachtet. Als sie 2009 interviewt wurde, äußerte sie Wut und Traurigkeit über ihre Vergangenheit und fühlte sich von ihren leiblichen Eltern im Stich gelassen. Früher hatte sie im Haus der Adoptivfamilie Kontakt mit ihren leiblichen Eltern, doch dieser endete, nachdem ihr leiblicher Vater getötet worden war, als sie etwa fünf war, und ihre leibliche Mutter nach seinem Tod nicht mehr zu den Besuchen erschien. In der aktuellen Phase der Studie, als sie als junge Erwachsene erneut interviewt wurde, hatten sich Madeleines Gefühle von Traurigkeit und Wut aufgelöst; stattdessen gab sie an, sich nicht mehr für ihre Mutter zu interessieren:

Ich weiß, wer sie ist und so, und ich würde sie erkennen, wenn ich sie seh und so, und es interessiert mich nicht mal, sie interessiert sich ja auch nicht. Ich war letzten Samstag in [Geschäft in der Stadt], und sie war mit ihrem Freund da, sie ist einfach. [. . .] Nein, wahrscheinlich [erkennt sie mich nicht], ich hab mich ja ziemlich verändert, aber es interessiert mich nicht.…

Anders als Madeleine hatte Killian während seiner gesamten Kindheit regelmäßigen Kontakt mit seinen leiblichen Eltern und Geschwistern. Killian wuchs in einer Pflegefamilie auf, die eine Residence Order für ihn erwirkt hatte. Als kleines Kind betrachtete er seine Herkunftsfamilie als Teil seiner Familie, fühlte sich ihr aber nicht sehr nah. Als junger Erwachsener hatten sich seine Gefühle verändert, und er betrachtete sie nicht mehr als Teil seiner Familie. Er hatte sie seit einigen Jahren nicht mehr besucht. Er hörte auf, sie zu besuchen, nachdem seine Mutter wieder angefangen hatte zu trinken. Hinzu kam, dass die Herkunftsfamilie auf Konfrontation ging, als er seinen Namen änderte:

Es gab eine Zeit, da hat sie nicht getrunken, und ich dachte so, gut, jetzt bist du erwachsen geworden, also komm ich dich besuchen. Also bin ich hin, und alles war in Ordnung, und eine Woche später bin ich wieder hin, und es war total chaotisch mit dem Trinken, es war einfach . . . alles ist gleichzeitig passiert. Also hab ich mir gesagt, okay, ich zieh mich da raus. [. . .] das hat einen riesigen Aufstand ausgelöst, nur weil ich meinen Namen geändert hab, und ich dachte nur: „Wisst ihr was? Wenn ihr so kindisch sein wollt, statt es einfach mal gut sein zu lassen nach so langer Zeit, dann redet halt nicht mehr mit mir.“ [. . .] Und da hab ich dann aufgehört, mit ihnen zu reden. Sie haben mich gebeten vorbeizukommen und versucht, mich zu kontaktieren, aber ich wollte nicht.

Auch James hatte während eines Großteils seiner in einer Pflegefamilie verbrachten Kindheit Kontakt mit seinen leiblichen Eltern, äußerte als junger Erwachsener aber Gleichgültigkeit gegenüber seiner Herkunftsfamilie. Als wir ihn mit 13 Jahren interviewten, war er traurig über seine Vergangenheit und wünschte sich, seine Eltern würden „aufhören zu trinken“. Vor den Besuchskontakten mit ihnen machte er sich Sorgen, auch darüber, ob sie kommen würden oder nicht. Als junger Erwachsener erinnerte sich James daran, dass seine Eltern nicht zu den Besuchskontakten erschienen, und an die Auswirkungen, die dies auf sein emotionales Wohlbefinden hatte:

Ich wusste nur, dass ich nicht bei meiner Mama und meinem Papa war. Aber jetzt ist mir das nicht mal mehr wichtig. Ich geb mich gar nicht mehr mit denen da ab, ist mir doch egal. . . meistens sind sie nicht gekommen, und genau das hat meinen Kopf noch mehr durcheinandergebracht.

Doch obwohl er behauptete, es sei ihm nicht mehr wichtig, äußerte er Wut und Frustration ihnen gegenüber. Seine emotionale Reaktion schien eng damit verbunden zu sein, dass seine Eltern gegen das verstoßen hatten, was er als grundlegende Pflichten ihm gegenüber betrachtete, nämlich mit dem Trinken aufzuhören und zu kommen, um ihn zu sehen:

Und ab genau dem Moment hat es mich wahnsinnig gemacht.… Man sitzt da und denkt drüber nach. Sehen Sie, jetzt, wenn ich im Bett liege, denk ich immer noch drüber nach.… Ich hab’s meiner Mama und meinem Papa und allen gesagt, echt. Ich hab ihnen gesagt: „Ihr habt mir den Kopf kaputtgef*ckt.“ Sie finden nicht, dass sie irgendwas falsch gemacht haben.… Sie trinken immer noch, echt. Na ja, mein Papa ist jetzt im Knast. Man hat ihr die Wahl gegeben: Trinken oder Kinder? Und sie haben sich fürs Trinken entschieden, also. . .

Auch Brandon hatte sich als kleines Kind von seiner Herkunftsfamilie zurückgewiesen gefühlt, was sein emotionales Wohlbefinden so sehr beeinträchtigt hatte, dass er als junger Erwachsener angab, nichts für seine leibliche Mutter zu empfinden und keine Beziehung zu ihr zu haben. Als er in der vorangegangenen Welle der Studie mit 14 Jahren interviewt wurde, zählte er seine leiblichen Eltern nicht zu seiner Familie, wohl aber seine älteren Brüder. Als junger Erwachsener erklärte Brandon, dass seine Mutter eines seiner Geschwister zu sich genommen, ihn aber in staatlicher Obhut gelassen hatte, und wie sehr ihn dies emotional verletzt hatte:

Bis ich sieben war, war ich wohl mit einem meiner Brüder in ein paar Heimen. Und dann hat unsere Mutter ihn nach Hause geholt und mich im System gelassen. Ich glaube, das war eine große Sache. Mir ging’s richtig schlecht, nachdem das passiert ist. Also ungefähr von sieben bis zehn, als das passiert ist, und dann wurde ich in weitere Heime geschickt, ich glaube, da hab ich einfach aufgegeben. Ich musste mich also schon früh selbst schützen und so. [. . .] Mit ungefähr zehn ist was passiert. Ich hatte meine Mutter getroffen und mit ihr geredet. Und wir haben geredet, und sie hat mich im Grunde noch am selben Tag verstoßen. Ja, und sie hat einfach gesagt, ich soll nie nach Hause kommen, und dass ich ihr egal bin und so.… Ich glaube, dieser Tag hat mich zu dem gemacht, der ich bin, und danach hatte ich einfach keine Gefühle mehr oder irgendwelche. . .

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass junge Menschen, die Desinteresse an ihrer Herkunftsfamilie oder an bestimmten Familienmitgliedern äußerten, oft ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer anderen Familie hatten (ob Pflege-, Adoptiv-, Residence-Order- oder Verwandtenfamilie) und ihre Herkunftsfamilie nicht mehr (oder nie) als Teil ihrer Familie empfanden. Dies zeigte sich besonders in familialen Darstellungen (Finch, 2007), etwa als Killian seinen Nachnamen änderte. Während einige dieser jungen Menschen nie anders empfunden hatten, hatten andere früher bestimmte Gefühle gegenüber ihrer Herkunftsfamilie gehabt, etwa Traurigkeit, ein Gefühl des Verlassenseins und Wut. Bei einigen wenigen, wie James, hielten manche dieser Gefühle in gewisser Weise an.

Ambivalenz oder gemischte, belastende Gefühle

Ambivalenz gilt als „gemischte Emotion“, die einander widersprechende Gefühle gegenüber derselben Person bzw. demselben Objekt umfasst (Weigert, 1991, zitiert nach Jacobsen [2019] und Finn [2013]). Einige junge Menschen rangen mit vielschichtigen und widersprüchlichen Gefühlen gegenüber Familienmitgliedern. Für die meisten von ihnen schienen die Beziehungen problematisch. Wie bereits in Schilderungen wie der von Brandon deutlich wurde, erzählten sie oft Geschichten von Zurückweisung und Verlassenwerden, die zu Gefühlen von Wut, Groll, Kränkung und Verlust geführt hatten. Im Interview für Welle 4 der Studie sprach Nichole über diese belastenden Gefühle gegenüber ihrem leiblichen Vater. Sie lebte seit ihrer Säuglingszeit bei einer Pflegefamilie, die eine Residence Order für sie erwirkt hatte. Als Kind besuchte sie regelmäßig ihre leiblichen Eltern, doch das hörte auf, als sie noch recht klein war. Im Interview erzählte sie von ihrer frühesten Erinnerung: Sie sollte mit etwa fünf Jahren ihren leiblichen Vater besuchen, und er erschien nicht. Gegenwärtig stand sie zwar mit einigen Mitgliedern der Herkunftsfamilie noch in Kontakt, ihre Beziehung zu ihrem Vater blieb jedoch unbeständig und schwierig, oft mit Problemen in den sozialen Medien:

Mein Papa hat mich auf Facebook hinzugefügt, als ich 16 war. Und dann haben mich ein paar von seinen Schwestern hinzugefügt und seine Mama und sein Papa. Ich hatte einen riesigen Streit mit meinem Papa, das weiß ich. Ich hab eine Menge Wut an ihm ausgelassen. Eigentlich hat sich das sogar irgendwie gut angefühlt, aber. . . [. . .] Ja, eigentlich niemanden kennen und dann einen Haufen Nachrichten bekommen „Gott, wir haben dich vermisst“, und ich sitz da so „ihr wusstet, wo ich war, und ich kenn euch nicht mal“. Damit komm ich nicht gut klar. [. . .] Es ist echt schwer zu erklären, gemischte Gefühle, man weiß nicht, was man fühlt, und dann denkt man drüber nach, und dann fängt man an, wütend zu werden, wenn man drüber nachdenkt. [. . .] Mit meiner Tante rede ich manchmal. Früher hat sie mich so jeden Tag angerufen, und jetzt rede ich nur jeden zweiten Tag mit ihr. Ich rede mit ein paar von meinen Cousins und Cousinen. Mein Papa blockiert mich und entblockt mich dann wieder auf Facebook.

Auch Anna empfand Wut und Groll gegenüber ihrer leiblichen Mutter, als diese sie in ihren späten Teenagerjahren nach langer Abwesenheit kontaktierte. Anna wuchs mit einem ihrer leiblichen Brüder in einer Pflegefamilie auf. Bis etwa 13 oder 14 hatte sie Kontakt mit ihren leiblichen Eltern, auch wenn diese oft nicht erschienen. Als wir sie als Kind mit 12 Jahren interviewten, äußerte sie den Wunsch, ihre Eltern würden mit dem Alkohol aufhören. Als sie in ihren späten Teenagerjahren schwanger wurde, ging ihre leibliche Mutter auf sie zu und zeigte Interesse an dem erwarteten Enkel, was ihre Wut anfachte. Sie erinnerte sich auch an einen früheren Vorfall, bei dem ihre Mutter sie nicht erkannt hatte:

Ich bin zu meinen Schwestern gegangen und so, und dann bin ich einmal mit meiner Schwester zu meiner Mama, und sie hat mir im Grunde die Hand hingestreckt und sich vorgestellt und gesagt: „Hallo, ich bin die Mama von [Schwester], schön, dich kennenzulernen.“ Und ich so: „Hallo, ich bin Anna, deine Tochter“, verstehen Sie? [Ich fühlte mich] mies, ja. Ich dachte nur, das ist eine Schande. Also ich glaube, je mehr Sachen passieren, desto wütender werde ich. Und dann, als das Kind geboren war, dachte sie, sie wird die Oma des Jahres, und sie versteht nicht, dass sie zuerst bei mir anfangen muss, bevor sie bei meinem Kind anfangen kann. [. . .] Sobald ich schwanger war. Und sie hat sich gemeldet, ganz zuckersüß, und „ich kauf ihm dies und das“. Aber ich hab nur zu ihr gesagt: „Und was ist am Ende des Tages mit mir? Nicht ein einziges Mal in diesem Gespräch hast du gefragt ‚wie geht’s dir? Verstehst du?‘ ‚Ich bin doch deine Tochter‘.“

Trotz dieser negativen Gefühle äußerte Anna jedoch auch den Wunsch, ihre leibliche Mutter und die Umstände zu verstehen, die zu ihrer eigenen Fremdunterbringung geführt hatten. Das war ihre Motivation, Einsicht in ihre Akten zu bekommen und Biografiearbeit zu machen. In ihrer Erzählung schien sie eine innere Auseinandersetzung zu führen zwischen dem, was sie empfand (also Feindseligkeit), und dem, was sie glaubte empfinden zu sollen (also Empathie, Mitgefühl):

Aber ich glaube, es wird einfach so eine Sache für mich sein, weil ich meine Mama im Moment einfach nicht als, also in meinem Kopf mag ich sie einfach nicht, aber gleichzeitig muss ich verstehen, dass Alkoholismus auch eine Krankheit ist, verstehen Sie, was ich meine? Also, es ist eine Krankheit, aber ich muss einfach die Gründe verstehen, damit ich ihr vielleicht eines Tages verzeihen kann, verstehen Sie? Denn wenn ihr was passieren würde, wäre ich wahrscheinlich trotzdem traurig, verstehen Sie? Aber ich würde wahrscheinlich nicht mal hingehen, verstehen Sie?, wenn ihr was passieren würde. Ich glaube, ich muss es einfach herausfinden, damit ich . . . für meinen eigenen Seelenfrieden.

Auch Mia fiel es schwer zu verstehen, warum ihre leibliche Mutter ihren selbstschädigenden Lebensstil nicht änderte. Mia hatte den größten Teil ihrer Kindheit unter einer Residence Order bei einer Pflegefamilie gelebt, doch diese Beziehung zerbrach in ihren späten Teenagerjahren. Sie hatte ihre leiblichen Eltern regelmäßig alle drei Wochen gesehen, doch der Kontakt brach während ihrer Zeit an der weiterführenden Schule für etwa sechs oder sieben Jahre ab. Als junge Erwachsene gab sie an, den Grund nicht genau zu kennen, da ihre Mutter ihr „nie die ganze Geschichte erzählt“. Als wir sie als Kind mit 12 Jahren interviewten, hatte sie gerade die weiterführende Schule begonnen und ihre leibliche Mutter seit einigen Monaten nicht gesehen, „weil sie sich an der neuen Schule eingewöhnen musste“. Sie erzählte uns damals, dass sie sie bald sehen werde und sie gern sehe. Als junge Erwachsene erklärte sie, wie sie den Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter wieder aufgenommen hatte und dass sie ihre Herkunftsfamilie inzwischen als ihre einzige Familie betrachtete, da sie keine andere Familie hatte, auf die sie zurückgreifen konnte. Die Beziehung zu ihrer leiblichen Mutter war jedoch wegen deren lebenslanger Sucht wenig unterstützend:

Oh, ja, ich kann mit ihr reden, wann immer ich will, aber sie ist jetzt eine richtige Alkoholikerin, echt. [. . .] Die drei Kleinen, die sie noch bekommen hat, die hat sie auch verloren.

Carls Erzählung umfasste eine Vielzahl widerstreitender Gefühle gegenüber seiner Herkunftsfamilie, darunter Liebe, Abneigung und Verzweiflung. Carl lebte viele Jahre bei seiner Pflegemutter. In seinen frühen Teenagerjahren zeigte er herausforderndes Verhalten und emotionale Schwierigkeiten, die durch mehrere Todesfälle verursacht waren. Innerhalb von drei Jahren waren sein Pflegevater, sein leiblicher Bruder und seine leibliche Großmutter gestorben. Anders als bei Mia blieb die Beziehung zu seiner Pflegemutter bestehen, obwohl er die Pflegefamilie mit etwa 15 Jahren verlassen hatte, und beide waren nach wie vor fester Bestandteil im Leben des anderen. Nach dem Auszug lebte er einige Wochen in einer Wohngruppe und zog dann für etwa 18 Monate zu seiner leiblichen Tante. Danach zog er zu seiner leiblichen Mutter, die eine lange Geschichte von Drogenmissbrauch hatte. In dieser Zeit begann er, mit seiner Herkunftsfamilie Drogen zu missbrauchen. Vor Kurzem gelang es ihm, mit dem Drogenkonsum aufzuhören und mit seiner Freundin und seinem Kind sesshaft zu werden. Auf die Frage, warum er seine Herkunftsfamilie immer noch besuche, offenbarte seine Antwort das wirkmächtige kulturelle Ideal der „normalen Familie“ (Wilson et al., 2012):

Weil ich eine richtige Familie wollte, ich wollte eine Mama und einen Papa wie [die von meiner Freundin] . . . Ich wollte eine Familie, die mich liebt und sehen will, dass es mir gut geht.… Das krieg ich überhaupt nicht. Ich glaube, ich komme immer wieder zurück, um zu sehen, ob sich was ändert.… Aber ich will auch, dass meine Mama von den Tabletten wegkommt, so wenig ich sie eigentlich mag. Ich liebe sie, aber ich mag sie nicht. Ich bin nicht gern mit ihr zusammen. Ich drück das wahrscheinlich alles falsch aus, aber Sie wissen, was ich meine. [. . .] Ich fühle mich für meine Mama verantwortlich. Ich hab das Gefühl, ich muss jedes Mal, wenn ich bei ihr bin, die Mutter für meine Mama spielen.… Ja, ich mach mir Sorgen um ihr Wohlergehen.

Carl kämpfte mit seiner ambivalenten Position: Er versuchte, sein eigenes Wohlbefinden und seinen Lebensstil zu schützen, indem er auf Abstand zu Familienmitgliedern ging, wurde aber zugleich von seiner Sehnsucht nach „einer richtigen Familie“ und von seinen Gefühlen der Liebe, Fürsorge und Sorge ihnen gegenüber angezogen. Diese Ambivalenz schien die Quelle emotionaler Schwierigkeiten zu sein, etwa „Niedergeschlagenheit“ und Angst.

Aber ich hab das Gefühl . . . weil ich arbeite und keiner von denen arbeiten kann, und ich Auto fahre und keiner von denen fährt, wissen Sie, die haben immer was zu jeder Kleinigkeit zu sagen, die man macht, und dann fühlt es sich an, als wär man immer der Depp vom Dienst . . . Es ist nicht schön, es ist echt nicht schön. Jedes Mal, wenn ich mit denen zusammen bin, geh ich aufgewühlt oder niedergeschlagen weg, jedes Mal, wenn ich meine Mama seh, hab ich sofort Angst, sofort Angst, schon wenn ich drüber rede. Mein Herz rast jetzt, schon wenn ich drüber rede. Ich schwör bei Gott, ich komm mit ihr nicht klar.

Geschwisterbeziehungen waren für viele junge Menschen in der Studie sehr wichtig. Für einige wenige Teilnehmende erwiesen sich Brüder und Schwestern jedoch als Quelle sehr vielschichtiger Gefühle und schwieriger Beziehungen. Erics psychische Gesundheit litt, als er mit 18 Jahren seine leiblichen Schwestern fand. Eric war früh von der Familie adoptiert worden, die ihn als Baby in Pflege genommen hatte. Als er in der vorangegangenen Welle der Studie mit 11 Jahren interviewt wurde, äußerte er Traurigkeit über seine Vergangenheit, weil er sich nicht an seine leibliche Mutter erinnerte. Als junger Erwachsener erzählte er uns, dass eine seiner leiblichen Schwestern ihm vor Kurzem negative Geschichten über ihre leibliche Mutter erzählt hatte und er nicht bereit gewesen war, sie zu hören:

Na ja, dieses Jahr hab ich rausgefunden, dass ich zwei große Schwestern habe, dass ich zwei große Schwestern habe. [. . .] Und dann war es irgendwie so, dass ich dieses Jahr deswegen richtig depressiv geworden bin. [. . .] eine von meinen Schwestern hat mir einen Haufen Mist aufgeladen wegen, über die echte Familie, was ich eigentlich gar nicht wissen wollte. Das hat mich mitgenommen, ich hatte es im Kopf. [. . .] Das sind keine schlechten Menschen, aber sie haben nicht wirklich verstanden, was ich damals durchgemacht hab.

Auch Julie hatte vielschichtige Beziehungen zu ihren Geschwistern. Julie, die adoptiert worden war, fühlte sich von der Beziehung zu ihrer leiblichen Schwester überfordert. Als Kind sah Julie ihren Bruder und ihre Schwester dreimal im Jahr, wenn sie verschiedene Unternehmungen machten (z. B. Bowling, Kino usw.). Als sie als Kind interviewt wurde, zählte sie die beiden zu ihrer Familie, fühlte sich ihnen aber bei Weitem nicht so nah wie ihren Adoptivschwestern. Als junge Erwachsene erinnerte sich Julie, wie sie aufgehört hatte, mit ihrem leiblichen Bruder zu sprechen, weil er wieder zu ihrer leiblichen Mutter gezogen war. Zudem schien ihre leibliche Schwester sehr darauf bedacht zu sein, ihre Beziehung aufrechtzuerhalten, durch familiale Praktiken wie den Austausch von Karten und Geschenken. Julie und ihre Schwester schienen sehr unterschiedliche Erwartungen an diese Beziehung und Vorstellungen von ihr zu haben. Das stürzte Julie in ein emotionales Dilemma; sie empfand eine Mischung von Gefühlen, darunter Schuld, Befangenheit, Furcht und Mitleid:

Ich würde sie gern kennenlernen, aber so langsam. Ich fühl mich ein bisschen schuldig, glaube ich, wenn ich sie treffe. [Unser Bruder] hat sie jetzt sitzen lassen. Sie hatte nie eine Mama oder einen Papa. Sie hat sich mit ihren Pflegeeltern zerstritten, echt. Sie hat nichts. Und dann hatte ich, glaube ich, das Gefühl, ich sollte mir Mühe geben und sie besuchen. Und als ich sie dann besucht hab, dachte ich, das ist heftig. Ich hab angefangen, so Geschenke und Karten zu kriegen, so à la Schwester. Das war ziemlich beängstigend. Und dann stand auf ihrem Facebook so . . . meine Schwester. Und die Leute so: „Wer ist das denn?“

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ambivalente Gefühle oft ungelöst blieben. Den meisten dieser jungen Menschen fiel es schwer, sich mit dem Verhalten und den Lebensumständen ihrer Eltern abzufinden und ihnen einen Sinn zu geben. Sie sehnten sich nach dem, was sie als „normale Familie“ betrachteten. Diese Gefühle wurden jedoch auf unterschiedliche Weise bewältigt: durch Vermeiden oder Ignorieren schwieriger Situationen (z. B. die Herkunftsfamilie seltener oder gar nicht mehr zu besuchen) bis hin zur Zurückweisung von Familienmitgliedern; durch Konfrontation mit Mitgliedern der Herkunftsfamilie (wie Nichole mit ihrem leiblichen Vater); und durch den Versuch, die Herkunftsfamilie rational zu erklären bzw. zu verstehen oder sich in sie einzufühlen. Mitunter konnten diese Reaktionen zu einer gewissen Harmonie oder zu einem gewissen Maß an (innerem oder äußerem) Konflikt führen (Connidis & McMullin, 2002).

Zufriedenheit

Zufriedenheit gilt als eine der primären Emotionen (Bericat, 2016). Zufriedenheit ist zudem eine positive, ereignisbezogene Emotion. Die meisten jungen Menschen, die mit ihren Beziehungen zur Herkunftsfamilie zufrieden waren, hatten immer regelmäßigen Kontakt mit ihr gehabt. Einige empfanden, dass ihre Familie Mitglieder der Herkunftsfamilie und der Adoptiv-, Pflege- oder Verwandtenfamilie umfasste, wobei viele der einen oder der anderen Familie deutlich näher standen und sie nicht als gleichwertig betrachteten. So oder so schienen die jungen Menschen Loyalitäten und Zugehörigkeitsgefühl zwischen der Herkunftsfamilie und der Familie, in der sie lebten, oder mit der einen oder der anderen erfolgreich ausgehandelt zu haben. Gavin wuchs in einer Pflegefamilie auf, hielt aber häufigen und regelmäßigen Kontakt zu seiner leiblichen Mutter und seinen Geschwistern. Er fühlte sich als Teil beider Familien:

Auch jetzt hab ich eine gesunde Beziehung zu beiden Familien. [. . .] Meine Mama ist meine Mama, und sie war immer für mich da, aber [Pflegemama] war auch immer für mich da . . . also betrachte ich beide als meine Mamas.

Gavins Pflegemutter und seine leibliche Mutter hatten immer eine gute Beziehung zueinander. Als Teenager zog er nach einem Streit mit seiner Pflegemama für ein paar Wochen zu seiner leiblichen Mutter, doch er erklärte, dass er sich traurig, schuldig und reumütig fühlte, und seine leibliche Mutter sagte ihm, er solle zurückgehen und sich entschuldigen, was er auch tat. Er besuchte seine leibliche Mutter weiterhin, inzwischen in Begleitung seiner Freundin. Er empfand Liebe, aber auch Schuld und Hoffnungslosigkeit angesichts der Lage, in der seine Mutter lebte:

Ich hab meine Mama und meine Brüder in einer schlimmen Lage gesehen, und ich konnte nicht wirklich helfen, weil ich nicht die ganze Zeit da war. Ist immer noch so. Meine kleinen Brüder kommen jetzt in das Alter, 15, 16, sie kriegen Ärger. Und ich kann ihnen nicht wirklich helfen. [. . .] Es ist frustrierend, weil ich weiß, wenn ich da wäre, wäre das nicht so, weil meine Mama manchmal einfach nicht . . . es ist schwer für sie. Sie ist alleinerziehend mit zwei Jungs in dem Alter. . . es ist schwer, die im Griff zu behalten [. . .] Also, sie ist eine großartige Mama. Ihr geht’s jetzt gut. Meine Mama ist jetzt großartig, aber um sie mach ich mir keine Sorgen. Es sind die zwei Jungs, die machen ihr Ärger und bringen sie in Schwierigkeiten.

Anders als Gavin fühlte sich Chloe ihrer leiblichen Mutter bei Weitem nicht so nah wie ihrer Pflegemutter, obwohl sie mit der Beziehung zu ihr zufrieden war. Chloe kam mit ihrem älteren leiblichen Bruder zu ihrer Pflegefamilie, als sie erst 14 Monate und er etwa vier oder fünf Jahre alt war. Sie stellte ihre eigenen Gefühle denen ihres Bruders gegenüber, der sich der leiblichen Mutter näher zu fühlen schien als sie:

Er [leiblicher Bruder] hält immer noch eine Beziehung zur leiblichen Mama und so, ich hab auch versucht, eine Beziehung zu ihr zu halten. Aber für mich, ich weiß, wie schrecklich das klingt, ich krieg das einfach nicht hin, wissen Sie. Meine Mama ist jetzt meine Mama, und so ist es. Während er ziemlich. . . er sieht die Mama jetzt als Mama, aber. . . seine leibliche Mama und so, die nennt er immer noch Mama und fährt runter, um sie zu besuchen, und. . . [. . .] Er steht [der leiblichen Mama] viel näher. Ich hab diese Beziehung eigentlich nicht.

Bei jungen Menschen in Verwandtenpflege gab es oft Spannungen und Konflikte zwischen den verwandten Pflegepersonen und den leiblichen Eltern. Wie in der Studie von Welch (2018) berichteten die verwandten Pflegepersonen von Spannungen und Schwierigkeiten in ihren Beziehungen zu den Eltern der jungen Person. Manche junge Menschen ignorierten diese Spannungen in ihren Erzählungen oder spielten sie herunter, obwohl sie sich ihrer in gewissem Maß bewusst waren. Bei anderen hingegen erzeugten die familiären Spannungen ein gewisses emotionales Unbehagen, das in den Interviews zur Sprache kam. Jim lebte bei seinem Großvater mütterlicherseits und dessen Frau, die eine Residence Order für ihn erwirkt hatten. Jims leibliche Mutter ist die Tochter des Ehemanns der Pflegemutter aus dessen erster Ehe. Sein ganzes Leben lang hatte Jim regelmäßigen, aber nicht sehr häufigen Kontakt mit seinen leiblichen Eltern und Geschwistern. Jim hatte seine leiblichen Eltern immer als Teil seiner Familie betrachtet, empfand aber seine Pflegeeltern als die wichtigsten Menschen in seinem Leben. Vor Kurzem erklärte er, dass er seine leiblichen Eltern früher kaum besucht habe, nur zu Weihnachten und zu Geburtstagen, sie jetzt aber viel öfter besuche, besonders seinen leiblichen Vater. Die leiblichen Eltern hatten sich getrennt. Auch seine Geschwister sah er häufiger. Obwohl er angab, mit seiner Beziehung zu seinen leiblichen Eltern und vor allem zu seinen leiblichen Geschwistern zufrieden zu sein, hatte es in der Vergangenheit Situationen gegeben, die er emotional schwierig fand. So hatte etwa die Tatsache, dass er seine Pflegeeltern immer „Mama“ und „Papa“ genannt hatte, ‚unangenehme‘ Momente in seinen Interaktionen mit den leiblichen Eltern mit sich gebracht, wie er sich erinnerte:

Es gab ein paarmal, bevor sie sich zerstritten haben, da war es eine schwierige Situation, weil man irgendwie nachdenken musste, bevor man was sagt, weil man so dran gewöhnt war, zu [Pflegemutter] Mama zu sagen, aber wenn meine biologische Mama da war, war es so [Name der Pflegemutter], und man hat sich unwohl gefühlt, es hat sich nicht richtig angefühlt, sie [Name der Pflegemutter] zu nennen. Man hatte so eine Verpflichtung, dass man nicht verletzen wollte. . . aber man hatte so seine eigenen kleinen Strategien, damit umzugehen. [. . .] Ja, es geht einfach darum, meinen eigenen Weg zu finden, mit allem so gut wie möglich umzugehen. Alles in mich reinzufressen war lange ein großes Problem, einfach alles drinnen zu behalten, aber ich hab angefangen, mich ziemlich zu öffnen, als ich mit [Freundin] zusammengekommen bin, also . . . Auch Beratung.

Bei Sophie veränderte sich die Beziehung zu ihrem leiblichen Vater, als sie aus dem Haus ihrer verwandten Pflegepersonen auszog. Diese, ihre Großtante und ihr Großonkel mütterlicherseits, hatten keine gute Beziehung zu ihrem leiblichen Vater. Die Beziehung zwischen den verwandten Pflegepersonen und Sophie war zerbrochen, als sie 17 war und in ihre eigene Wohnung zog. Sophie erkannte das schädliche Verhalten und die schädlichen Entscheidungen ihres leiblichen Vaters an, äußerte aber Empathie für ihn sowie Gefühle der Zuneigung und emotionalen Nähe. Sie hatte eine Erzählung entwickelt, die seinem schädlichen Verhalten einen Sinn gab. Zudem betonte sie ihre jüngeren Erfahrungen praktischer und emotionaler Unterstützung durch ihn, in Form familialer Praktiken und Darstellungen, etwa indem er ihre Wohnung einrichtete oder ihr Dinge kaufte.

Ich liebe ihn. Er ist großartig, ja.… Ich hab ihn immer geliebt und so, aber äh. . . er ist nie gekommen. . . na ja, manchmal ist er gekommen, aber meistens war er derjenige, der mich enttäuscht hat, und meine Mama war da. [. . .] als ich hier eingezogen bin, war mein Papa so. . . „Gott sei Dank! Jetzt kann ich zu ihr.“ Weil er sich nicht willkommen gefühlt hat, wissen Sie, und meine Tante und mein Onkel haben auf ihn herabgesehen und die Nase über ihn gerümpft.… Aber sobald ich hier eingezogen bin, hat er die ganze Wohnung für mich eingerichtet, er hat mir viele Sachen gekauft, und er war immer für mich da, wissen Sie. Ich glaube, er mochte einfach die Seite mit dem Jugendamt nicht und konnte damit nicht umgehen, er wusste nicht, was er tun sollte. Und dann war da auch sein Alkoholproblem, das war einfach wichtiger. Und er kam einfach nicht davon los. Aber jetzt stehen wir uns richtig nah, im Vergleich zu früher, als ich bei meiner Tante und meinem Onkel gewohnt hab. [. . .] Und ich bin froh, dass ich ihm nah bin, weil, warum nicht? Wissen Sie. . . er ist jetzt nicht schlecht zu mir, ja, er hat ein paar echt beschissene Entscheidungen getroffen, und manchmal schau ich ihn an und sag: „Du echt . . . also ich weiß nicht mal, ob ich dich kenne, wegen der Sachen, die du in deinem Leben gemacht hast, also Sachen, die ich mir nicht mal vorstellen könnte zu tun“, aber das war sein Lebensstil, und das hat er gemacht, und damit muss er leben, wissen Sie, und das tut er.

Selbst wenn junge Menschen mit ihren Beziehungen zur Herkunftsfamilie zufrieden waren, hegten sie also oft auch andere Gefühle ihr gegenüber oder hatten sie früher gehegt. Zudem empfanden nicht alle jungen Menschen in dieser Gruppe dasselbe Maß an Nähe oder Zugehörigkeit. Dennoch schienen sie alle ihre Gefühle gegenüber den Mitgliedern ihrer Herkunftsfamilie und den Familien, in denen sie gelebt hatten (also Adoptiv-, Pflege- oder Verwandtenfamilien), verarbeitet zu haben.

Diskussion

In diesem Artikel wurden zwei zentrale Ergebnisse der Studie herausgearbeitet. Erstens haben die Beziehungen fremduntergebrachter Kinder und junger Menschen zu ihrer Herkunftsfamilie unabhängig von ihrer Unterbringungsgeschichte (also ob sie adoptiert wurden, in langfristiger Pflegefamilienunterbringung, in Verwandtenpflege usw. aufwuchsen) eine deutliche emotionale Dimension. Tatsächlich können die emotionalen Bedeutungen, die mit Familie verbunden sind, für junge Menschen, die sehr früh von ihren leiblichen Eltern getrennt wurden, äußerst vielschichtig sein. In dieser Studie äußerten die jungen Teilnehmenden eine Vielfalt von Gefühlen gegenüber Mitgliedern der Herkunftsfamilie, darunter Neugier, Gleichgültigkeit, gemischte und vielschichtige Gefühle (z. B. Wut, Sorge, Mitleid, Traurigkeit, Schuld usw.) und Zufriedenheit. Diese Gefühle zeigten sich oft in familialen Praktiken (z. B. Teilnahme oder Nichtteilnahme an Familienritualen wie Hochzeiten oder Beerdigungen) und familialen Darstellungen (z. B. Änderung des Familiennamens). Wie in der Studie von Holland und Crowley (2013) fanden wir Belege für die starke Kopräsenz der Herkunftsfamilie in der Gefühlswelt vieler Teilnehmender der Studie, obwohl die meisten sie seit frühester Kindheit nicht gesehen hatten. Zudem schienen mehrere sich den Beziehungen zur Herkunftsfamilie schlicht nicht entziehen zu können, obwohl diese häufig belastend oder schwierig waren (Skoglund et al., 2019).

Wie Wilson et al. (2012) darlegen, werden emotionale Begegnungen durch direkte soziale Interaktion, Erinnerungen, Vorstellungskraft, Erwartungen und Hoffnungen geprägt. Mit anderen Worten: Unsere soziale Existenz, einschließlich sozialer, struktureller und kultureller Kräfte, prägt unsere Emotionen (Jacobsen, 2019). In dieser Studie fanden sich gewisse Hinweise darauf, dass die früheren Erfahrungen, Erinnerungen und Interaktionen der jungen Menschen mit der Herkunftsfamilie und der Pflege- bzw. Adoptivfamilie, ihre Hoffnungen und Erwartungen sowie ihre aktuelle Lebenssituation (hinsichtlich sozialer Unterstützung, sozioökonomischem Status und Ressourcen) die Gefühle prägten, die sie gegenüber ihrer Herkunftsfamilie hegten. Die von diesen jungen Menschen gezeigten Gefühle schienen jedoch nicht von der Art ihrer Unterbringung abzuhängen. So war etwa bei einigen Teilnehmenden die Neugier teilweise das Ergebnis von Wissenslücken über ihre Herkunftsfamilie und/oder der Qualität der Kommunikation mit ihrer Adoptiv- bzw. Pflegefamilie, mehr als die Frage, ob sie adoptiert oder langfristig in einer Pflegefamilie untergebracht worden waren. Bei anderen gingen Ambivalenz bzw. vielschichtige Gefühle oder Gleichgültigkeit teilweise auf frühere Begegnungen und Interaktionen zurück und/oder darauf, dass Mitglieder der Herkunftsfamilie nicht ihren idealisierten Vorstellungen von Elternschaft entsprachen. Tatsächlich spiegelten die Schilderungen einiger junger Menschen den Einfluss idealisierter Vorstellungen von der Kernfamilie und eine Sorge um die Qualität dieser Beziehungen wider (Wilson et al., 2012).

Zweitens waren die Gefühle von Kindern und jungen Menschen gegenüber ihrer Herkunftsfamilie nicht statisch, sondern veränderten sich im Lauf der Zeit. Die Gefühle waren fließend und verschoben sich je nach den Veränderungen und Übergängen im Leben der jungen Menschen und nach neuen Erfahrungen. Dank des Längsschnittcharakters dieser Studie konnten wir diesen dynamischen und schwankenden Charakter von Familienbeziehungen und der Gefühle der jungen Menschen gegenüber einzelnen Familienmitgliedern sichtbar machen (Skoglund et al., 2019). So wurden einige junge Menschen, die früher Neugier gegenüber ihrer Herkunftsfamilie empfunden hatten, infolge ihrer Erfahrungen mit Kontakten und Interaktionen tatsächlich wütend oder entfremdet; andere, die früher Wut und Verlustgefühle gegenüber Mitgliedern der Herkunftsfamilie empfunden hatten, waren gleichgültig geworden; und einige, die früher neugierig gewesen waren, waren nun mit ihren Beziehungen zu bestimmten Familienmitgliedern zufrieden.

Die Studie hat Implikationen für die klinische Praxis und die Soziale Arbeit, da der emotional dynamische Aspekt des Kontakts mit der Herkunftsfamilie bei Fremdunterbringung weitgehend unbeachtet geblieben ist. Wie bereits andere Forschungsarbeiten hervorgehoben haben, ist es wichtig, dass Kinder und junge Menschen mit Pflegeerfahrung (unabhängig von ihrer Unterbringungsgeschichte und der Art der Unterbringung, also Adoption, Pflegefamilie usw.) Informationen über ihre Herkunftsfamilie erhalten und dass ihre Sicht auf das Ausmaß des Kontakts erfragt und laufend überprüft wird. So sollten zum Beispiel adoptierte junge Menschen, die ihre leiblichen Eltern kennenlernen möchten, nicht gezwungen werden, bis zum Alter von 18 Jahren zu warten, wenn es dafür keine zwingenden Gründe gibt. Andererseits sollten sich junge Menschen nicht zu Beziehungen gedrängt fühlen, die sie nicht wünschen oder die ihnen emotional schaden, oder zu Gesprächen, für die sie nicht bereit sind. Manche werden Hilfe brauchen, um mit negativen, widersprüchlichen und verwirrenden Gefühlen umzugehen, die aus ihren Erfahrungen mit Suche, Kontaktaufnahme und dem Verlust von Familienmitgliedern hervorgehen. Daher ist es wichtig, dass Kinder und junge Menschen in ihren Beziehungen zu Mitgliedern der Herkunftsfamilie ihr Leben lang emotional unterstützt werden und sich auch unterstützt fühlen, da diese Beziehungen sich im Lauf der Zeit wahrscheinlich verändern.

Zusammenfassend plädiert diese Studie dafür, die emotionale Bedeutung der Beziehungen junger Menschen zu ihrer Herkunftsfamilie über ihr ganzes Leben hinweg anzuerkennen. Wir sollten die binäre Sicht auf die Herkunftsfamilie als entweder „gut“ oder „schlecht“ vermeiden (Boddy, 2019; Finn, 2014) und uns bewusst sein, dass die Erfahrungen und Gefühle junger Menschen alle unterschiedlich sind und dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen müssen, dabei aber angemessene Unterstützung und Begleitung um sich haben sollten.

Complexe Systémique: das Wichtigste

Was der Artikel der systemischen Praxis bringt, ist die Zeit: Von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter begleitet, verschieben sich die Gefühle gegenüber der Herkunftsfamilie, von der Neugier zur Wut, von der Wut zur Gleichgültigkeit, manchmal hin zu neu gewonnener Nähe. Die Art der Unterbringung sagt nichts voraus; entscheidend sind die tatsächlichen Begegnungen, die verfügbaren Informationen und der Abstand zwischen den vorgestellten Eltern und denen, die man trifft. Man erkennt die emotionale Kopräsenz einer abwesenden Familie, die auf zwei Familien verteilten Loyalitäten (das „Mama“, das man vor der leiblichen Mutter nicht mehr zu sagen wagt) und den jungen Mann, der das Gefühl hat, für seine eigene Mutter „die Mutter spielen“ zu müssen. Für die Praxis heißt das, Kontakte nicht in einer ein für alle Mal getroffenen Entscheidung festzuschreiben, Wiederbegegnungen vorzubereiten und zu begleiten, auch jene, die über soziale Medien hereinbrechen, und die Herkunftsfamilie nicht in die Alternative „gut“ oder „schlecht“ einzusperren. Grenzen: 41 junge Menschen in Nordirland, eine deskriptive thematische Analyse und Kategorien, die allein aus den Schilderungen der jungen Menschen gebildet wurden. Zu lesen zusammen mit dem Artikel über die Beziehungen junger Erwachsener mit Pflegeerfahrung zu ihren leiblichen Eltern und dem Artikel über familiale Darstellungen in Pflegefamilien.

Anmerkungen aus dem Original

Ethikvotum. Das Ethikvotum für die Studie wurde vom Office of Research Ethics Committees in Northern Ireland (ORECNI) erteilt.

Erklärung zu Interessenkonflikten. Die Verfassenden erklärten, dass im Hinblick auf die Forschung, die Autorschaft und/oder die Veröffentlichung dieses Artikels keine potenziellen Interessenkonflikte bestehen.

Finanzierung. Die Verfassenden erklärten, für die Forschung, die Autorschaft und/oder die Veröffentlichung dieses Artikels folgende finanzielle Unterstützung erhalten zu haben: Eine Förderung für Welle 4 der Studie wurde vom Economic and Social Research Council (ESRC) im Vereinigten Königreich gewährt.

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Inoffizielle deutsche Übersetzung von The Emotional Nature of Birth Family Relationships for Care-experienced and Adopted Young People: A Longitudinal Perspective von Montserrat Fargas-Malet und Dominic McSherry, Journal of Family Issues, Bd. 42, Nr. 10 (2021), doi: 10.1177/0192513x20978439, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzung und Satz: Complexe Systémique, Oktober 2026, mit Unterstützung künstlicher Intelligenz; das Werk wurde im Sinne der Lizenz bearbeitet (Erklärungen in den Anmerkungen zusammengefasst). Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.

Dies ist der Originalartikel „The Emotional Nature of Birth Family Relationships for Care-experienced and Adopted Young People: A Longitudinal Perspective“, erschienen in Journal of Family Issues (2021) unter der Lizenz CC BY 4.0, in einer inoffiziellen deutschen Übersetzung von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, wie am Anfang dieser Seite dargelegt. Maßgeblich ist die Originalfassung.

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So zitieren Sie diesen Artikel

Fargas-Malet, M., und McSherry, D. (2021). The Emotional Nature of Birth Family Relationships for Care-experienced and Adopted Young People: A Longitudinal Perspective. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/the-emotional-nature-of-birth-family-relationships-for-care-experienced-and-adopted-young (Originalwerk 2020 erschienen in Journal of Family Issues, 42(10), 2263-2288 (2021); 2021 neu veröffentlicht von Journal of Family Issues, https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0192513X20978439)

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