Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Spanischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Red Sistémica · Psychotherapie
Aldo Melillo, argentinischer Arzt und Psychoanalytiker und eine der Persönlichkeiten, die den Resilienzbegriff in Lateinamerika eingeführt haben, zeichnet hier den Lebensweg von Boris Cyrulnik nach und legt die Grundlinien seines Denkens dar: die Notwendigkeit des anderen Menschen, die oxymorische Struktur des verletzten Subjekts, die Unterscheidung zwischen Trauma und Prüfung, die Resilienztutoren. Er ergänzt sie um seine eigene psychoanalytische Lesart – Ich-Spaltung, Abarbeitungsmechanismen, Anlehnung des Triebs – und erinnert daran, dass die Förderung von Resilienz niemanden davon entbindet, die Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, die die Verletzungen hervorbringen.
„Resilienz heißt, trotz allem Freude abzuringen.“
Boris Cyrulnik
Anmerkung zur Übersetzung
Der Originalartikel gibt lange, ins Spanische übersetzte Passagen aus Büchern und Interviews von Boris Cyrulnik wieder, einem lebenden, auf Französisch publizierenden Autor. Wir haben ihren Inhalt in indirekter Rede wiedergegeben, nur kurze Formulierungen in Anführungszeichen belassen und jeden Literaturverweis an seiner Stelle beibehalten. Wer die Zitate in ihrer ursprünglichen Länge nachlesen möchte, findet sie in den am Ende des Artikels angeführten Werken oder in der von Red Sistémica veröffentlichten spanischen Fassung, die unten auf der Seite verlinkt ist.
Boris Cyrulnik wurde 1937 in Bordeaux in einer jüdischen Familie geboren; seine Eltern kamen in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager ums Leben, er selbst konnte im Alter von nur sechs Jahren fliehen. Nach dem Krieg wurde er von einer Aufnahmeeinrichtung zur nächsten weitergereicht, bis er schließlich auf einem Bauernhof der öffentlichen Fürsorge landete. Glücklicherweise vermittelten ihm Nachbarn die Liebe zum Leben und zur Literatur; so konnte er sich bilden und heranwachsen und dabei seine Vergangenheit überwinden (1).
Es ist also kein Zufall, dass Dr. Cyrulnik das kindliche Trauma so gründlich erforscht hat: Mit sieben Jahren musste er mit ansehen, wie seine ganze Familie, jüdische Emigranten russischer Herkunft, in Lager deportiert wurde, aus denen niemand zurückkehrte. Er hat es in einem Satz gesagt: „Es ist für ein Kind nicht leicht zu wissen, dass man es zum Tode verurteilt hat.“ Er war der verlorene Fall schlechthin, ein „hässliches Entlein“, dem bestimmt schien, als Erwachsener zum Misshandelnden, zum Straftäter oder zum Versager zu werden.
Seine persönliche „Resilienz“, seine Verbindung zum Leben, das waren Menschen, Bücher und das Rugby. Nach seiner beruflichen Ausrichtung gefragt, erklärt er, er habe Medizin aus einem Wunsch nach Sicherheit und Integration gewählt, und die Deportation seiner Familie sei für seine Entscheidung, sich der Psychiatrie zuzuwenden, selbstverständlich nicht unerheblich gewesen: den menschlichen Geist zu erforschen, dem Unbegreiflichen einen Sinn zu geben (1).
Dem eigenen Leben einen Sinn zu geben ist ein untrennbarer Bestandteil des resilienten Prozesses.
Boris Cyrulnik wurde Neuropsychiater, Psychoanalytiker und Ethologe; er gehört zu den Begründern der Humanethologie.
Resilienz wird definiert als die Fähigkeit von Menschen, die den Auswirkungen einer Widrigkeit ausgesetzt sind, diese zu überwinden und sogar gestärkt aus der Situation hervorzugehen.
Einer der wichtigsten Beiträge unseres Autors besteht in dem bevorzugten Platz, den er dem Resilienzbegriff im Feld der Psychologie einräumt. Für Cyrulnik liegt der Unterschied zwischen der nordamerikanischen und der lateinischen psychologischen Schule (der europäischen und, so fügen wir hinzu, der lateinamerikanischen) gerade in der Anerkennung der „Resilienz“. Die US-amerikanische Schule schenkt diesem Begriff kaum Glauben, während Boris Cyrulnik ihn durch vielfältige Erfahrungen für empirisch belegt hält (2).
In „Algunos fundamentos psicológicos del concepto de resiliencia“ (3) hatten wir, noch bevor wir mit dem Denken Cyrulniks in Berührung kamen, gemeinsam mit Mirta Estamatti und Alicia Cuestas versucht, die Entwicklung der Säulen der Resilienz, wie Edith Grotberg sie beschrieben hat, psychologisch zu begründen: Wir betonten, dass es des menschlichen „Anderen“ bedarf, damit jede dieser Säulen sich im lebensgeschichtlichen Verlauf des Subjekts ausbilden kann. Das erleichtert das Verständnis dessen, was die Förderung dieser Säulen bedeutet, und liefert verlässliche Anhaltspunkte für die Analyse von Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsprogrammen. Außerdem setzten wir den Resilienzbegriff in Beziehung zum Begriff der psychischen Gesundheit, im Sinne einer Ähnlichkeit, ja Übereinstimmung zwischen den Maßnahmen, die Resilienz fördern, und jenen, die psychische Gesundheit entwickeln wollen. Aus Sicht der Resilienz ist der wohl eigentümlichste und originellste Aspekt die Betonung der Notwendigkeit des Anderen als Stützpunkt für die Überwindung von Widrigkeiten.
Unter den vielfältigen Erfahrungen, die den Resilienzbegriff stützen, berichtet Boris Cyrulnik (4) von einer unter seiner Betreuung durchgeführten Vergleichsstudie darüber, was während des Libanonkriegs in Beirut und in Tripoli geschah. Beirut war die am grausamsten bombardierte Stadt, mit den meisten Toten und den meisten Monaten der Belagerung; dennoch zeigten die Feldstudien, dass die Kinder dort weit seltener posttraumatische Syndrome aufwiesen als im ruhigeren Tripoli. Die Erklärung: Gerade die Lage in Beirut ließ Solidarität und Kontakt innerhalb der Familien wachsen, während die Kinder in Tripoli schlicht und einfach affektive Verlassenheit erlitten.
Bei den Kindern aus rumänischen Waisenhäusern, mit denen nach dem Sturz Ceaușescus gearbeitet wurde, zeigte sich nach einem Programm der Unterbringung in Pflegefamilien der Übergang von einem autistischen Funktionieren zur Fähigkeit, ein Studium aufzunehmen oder eine Familie zu gründen. Noch überraschender war die umstrittene Studie über Kinder, die in ihrer Familie Missbrauch erlitten hatten: Es stellte sich heraus, dass das Trauma nicht vom Missbrauch selbst herrührte, sondern vom Fehlen von Zuneigung im alltäglichen familiären Umgang.
Der Schlüssel liegt also in den Affekten, in der Solidarität, und diese beruhen auf menschlichem Kontakt.
Wie schwer auch immer das sein mag, was ein Kind erlitten hat, die Psyche erweist sich als so biegsam, dass sie mit den Zutaten menschlichen Kontakts, des Verstehens und des Wortes wieder „auftauchen“ kann. Boris Cyrulnik erklärt, er habe diese Extremfälle gewählt, weil sich das Problem an ihnen leichter erkennen lässt; die Resilienz aber kenne – wie das Trauma – keine Grenzen der Nationalität oder der Lebenslage. Auf die Frage, ob es eine Altersgrenze gebe, antwortete er lachend: „Bis 120 Jahre“; in Toulon, fügte er hinzu, arbeite man mit älteren Menschen mit Alzheimer-Krankheit, die die Wörter vergessen, nicht aber die Affekte, die Gesten oder die Musik.
Boris Cyrulnik (5) hat wesentliche Beiträge dazu geleistet, auf welche Weise Widrigkeiten das Subjekt verletzen und den Stress hervorrufen, der diese oder jene Art von Krankheit und Leiden erzeugt. Im günstigen Fall bringt das Subjekt eine resiliente Reaktion hervor, die es ihm erlaubt, die Widrigkeit zu überwinden. Sein Begriff des „Oxymorons“, der die Spaltung des durch das Trauma verletzten Subjekts beschreibt, ermöglicht ein noch tieferes Verständnis des Prozesses, in dem Resilienz aufgebaut wird; er weist ihr einen Status zu, der sie unter die psychischen Abwehrmechanismen einreiht – allerdings, wie er präzisiert, unter die bewussteren. Diese entsprächen in Wirklichkeit den von Edward Bibring (6) beschriebenen psychischen Abarbeitungsmechanismen, die im Unterschied zu den Abwehrmechanismen auf die Verwirklichung der Möglichkeiten des Subjekts zielen, um die Folgen des Leidens zu überwinden.
In Cyrulniks Sicht trägt die Resilienz eine Botschaft der Hoffnung. Die Psychologie lehrte früher, der Mensch sei mit fünf Jahren fertig geformt: Kinder, die nach diesem Alter Schwierigkeiten zeigten, überließ man ihrem Schicksal, man gab sie verloren – und ihr Schicksal war tatsächlich besiegelt. Das hat sich geändert: Heute weiß man, dass ein misshandeltes Kind ohne Trauma überleben kann, wenn man ihm keine Schuld aufbürdet und ihm Unterstützung gibt. Die Geschichte erklärt die Gegenwart, aber sie verschließt niemals die Zukunft.
Cyrulnik vertritt die Auffassung, jede Studie über Resilienz sollte drei Hauptebenen bearbeiten, deren Zusammenspiel – ein persönliches Temperament, eine kulturelle Bedeutung und eine soziale Unterstützung – ihm zufolge die erstaunliche Vielfalt der Traumata erklärt (7):
Sie werden von den ersten Lebensjahren an im Verlauf der frühen vorsprachlichen Interaktionen erworben, prägen sich dem Temperament ein und bilden mehr oder weniger solide Entwicklungsleitlinien aus, die die Art erklären, wie auf die Angriffe des Daseins reagiert wird.
Sie erklärt die Schäden des ersten Schlags – der Verletzung oder des Mangels. Doch es sind die Bedeutungen, die dieser Schlag später in der persönlichen Geschichte der verletzten Person und in ihrem familiären und sozialen Kontext annimmt, die die verheerenden Folgen des zweiten Schlags erklären, jenes Schlags, der das Trauma ausmacht. Cyrulnik schreibt diesen Gedanken Anna Freud zu.
Die Möglichkeit, dorthin zurückzukehren, wo sich die Affekte, die Tätigkeiten und die Worte befinden, die die Gesellschaft bisweilen um die verletzte Person herum bereitstellt: Sie bieten die Resilienzleitlinien, die es erlauben, eine durch die Verletzung beeinträchtigte Entwicklung fortzusetzen.
Daher diese Szene, die er gern als Beispiel anführt: Ein Kind hatte ein Problem, hat einen Schlag erlitten; es erzählt es seinen Eltern, denen eine Geste des Unmuts, ein Vorwurf entfährt. „In diesem Augenblick haben sie sein Leiden in ein Trauma verwandelt.“
Erwähnt werden muss die scharfe Gesellschaftskritik, die der französische Autor ausgehend von seinem Gebrauch des Resilienzbegriffs entwickelt. Er erinnert etwa daran, wie der kulturelle Kontext der französischen psychiatrischen Krankenhäuser in den 1940er-Jahren aussah: Man sprach dort viel vom Kampf ums Dasein, von der Auslese der Stärksten, mit anderen Worten von der Ausmerzung der Schwächsten. Die Zusammenpferchung von 120.000 psychisch Kranken, die Lebensmittelrationierung, das Fehlen jeder Versorgung und die erklärte Absicht, jene zu beseitigen, die angeblich die Rasse verunreinigten, machten heimtückische Entscheidungen möglich: Die Sterblichkeit in diesen seltsamen Krankenhäusern stieg von 6,88 % im Jahr 1938 auf 26,48 % im Jahr 1941. Die rund 40.000 Kranken, die verschwanden, haben weder Spuren noch schriftliche Berichte hinterlassen. Wenn sie Zeugnis ablegen konnten, galten die geschilderten Gräuel als schreckliche Wahnvorstellungen; doch verrückt war die Gesellschaft. Diese Kranken starben in einem Schweigen, das man sich nach dem Krieg wünschte, als man die Nation wiederaufbauen wollte, ohne mit der Vergangenheit abzurechnen (7).
Seine Schlussfolgerung: Sehr oft lässt sich das gesellschaftliche Verhalten in diesem Satz zusammenfassen – „Sie, die Sie so viel gelitten haben, sagen Sie uns, was geschehen ist. Aber Sie haben nur das Recht, das zu sagen, was wir hören wollen.“
Bleibt die Frage, die er an die verletzten Menschen selbst richtet: Was werden Sie mit Ihren Wunden anfangen? Sich unterwerfen und eine Opferlaufbahn einschlagen, die denen ein gutes Gewissen verschafft, die Ihnen zu Hilfe eilen? Sich rächen, indem Sie Ihr Leid zur Schau stellen, um jene schuldig zu sprechen, die die Angriffe verübt haben oder die sich weigerten, Ihnen zu helfen? Im Verborgenen leiden und aus Ihrem Lächeln eine Maske machen? Oder den gesunden Teil Ihrer selbst stärken, um gegen die Verletzungen anzukämpfen und trotz allem Ihre Menschlichkeit zu bewahren? In diesem letzten Weg liegt das Wesen der Resilienz.
Heute stellen die Vertiefung und Chronifizierung des Prozesses sozialer Ausgrenzung in einer immer ungleicheren Gesellschaft die Fähigkeit der sozialen, pädagogischen und gesundheitlichen Systeme auf die Probe, so viel Ungerechtigkeit zu begegnen. In diesem Rahmen verschärften sozialen Schmerzes wird die Förderung von Resilienz zu einer Notwendigkeit und einer Verpflichtung.
Yolanda Gampel (8) untersucht das Problem des sozialen Schmerzes, definiert als „das Leiden, das seinen Ursprung in den menschlichen Beziehungen als Gesamtheit hat“ – Freud sagte, von den drei Ursachen menschlichen Leidens (den Naturkatastrophen, dem eigenen Körper, den Beziehungen zu anderen Menschen) sei die letzte die häufigste und wichtigste. Sie postuliert beim Subjekt ein „Sicherheitssubstrat“, das aus einer ausgeglichenen emotionalen Grundlage hervorgeht, die ein stabiler familiärer und sozialer Rahmen ermöglicht. Es sind die Eltern oder die Personen, die an ihre Stelle treten, die als Vermittelnde zum sozialen Umfeld durch eine neutralisierende Wirkung auf bedrohliche Reize zu seiner Ausbildung beitragen. Es handelt sich um das, was Bowlby und Ainsworth eine sichere Bindungsbeziehung nennen; auch Cyrulnik bezieht sich darauf, um sie als eine Grundlage für den Aufbau von Resilienz zu kennzeichnen, räumt aber zugleich ein, dass eine unsichere Grundlage durch gute spätere Erfahrungen korrigiert werden kann.
Die soziale Gewalt, die die existenzielle Kontinuität zerbricht, indem sie das Vertraute (heimlich) zum Unvertrauten (unheimlich, das Unheimliche) werden lässt, ruft ein Gefühl der Bedrohung oder des Traumas hervor, das im Subjekt eine andere Struktur erzeugt, die wir das „Substrat des Unheimlichen“ nennen.
Man kann ferner den Kontakt mit einem schrecklichen und brutalen sozialen Angriff vom Kontakt mit dem existenziellen Angriff unterscheiden, der „in jedem und jeder von uns arbeitet und uns bearbeitet“. Bei Menschen, die brutaler Gewalt ausgesetzt sind, kann das „Substrat des Unheimlichen“ nicht in die bis dahin bestehende Sicherheitsstruktur aufgenommen oder integriert werden.
Wenn aber die Gewalt, die existenziell „arbeitet und uns bearbeitet“, etwa von der Art der Armut, der Ausgrenzung oder der Arbeitslosigkeit ist, mit den ständigen und wiederholten Graden der Demütigung, die das Subjekt ertragen muss, erzeugt auch sie ein Phänomen der unmöglichen Assimilation und der Koexistenz beider Substrate.
In diesen Fällen lebt das Substrat des Unheimlichen neben dem Sicherheitssubstrat, und die Person sieht sich gezwungen, eine gespaltene Welt zu ertragen, mit einem ebenfalls gespaltenen Ich, das es ihr erlaubt, das Unheimliche zu verleugnen, um das Fortbestehen ihrer Existenz aufrechtzuerhalten oder schlicht zu überleben, indem sie das Ergebnis des Traumas auf Abstand hält. Auf diesem Weg betreten wir das Gebiet der Resilienz.
Wenn Resilienz einen Prozess des Verwebens zwischen dem darstellt, was wir in einem bestimmten Moment sind, und den affektiven Ressourcen, die im ökologischen und sozialen Umfeld vorhanden sind, kann das Fehlen dieser Ressourcen das Subjekt unterliegen lassen; gibt es aber auch nur einen einzigen Stützpunkt, kann der Aufbau des resilienten Prozesses gelingen (Cyrulnik).
Um das Phänomen der Resilienz zu verstehen, greift Boris Cyrulnik (9) auf den Begriff des „Oxymorons“ zurück, eine rhetorische Figur, die zwei Begriffe gegensätzlicher Bedeutung verbindet, um eine neue Bedeutung zu erzeugen: die „dunkle Helle“, ein „wunderbares Leid“, die „schwarze Sonne“ der Melancholie.
Man müsse, sagt er, das Problem von seinen beiden Seiten betrachten. Von außen gesehen beweist die Häufigkeit der Resilienz, dass Genesung möglich ist. Vom Inneren des Subjekts her gesehen offenbart die Strukturierung als Oxymoron die Teilung des verletzten Menschen, das Zusammenleben von Himmel und Hölle, „das Glück auf Messers Schneide“.
Es handelt sich nicht um Ambivalenz, die eine Triebregung kennzeichnet, in der sich gegensätzliche Gefühle von Liebe und Hass gegenüber ein und derselben Person ausdrücken. Das Oxymoron bezeichnet den Kontrast eines Menschen, der sich nach einem schweren Schlag anpasst, indem er sich teilt: Der Teil der Person, der den Schlag empfangen hat, leidet und stirbt ab, während ein anderer, besser geschützter, noch gesunder, aber verborgenerer Teil mit der Energie der Verzweiflung alles sammelt, was dem Leben weiterhin ein wenig Glück und Sinn geben kann.
Das Glück, fügt er hinzu, existiert nur in der mentalen Vorstellung; es ist daher immer das Ergebnis einer Ausarbeitung. Es ist etwas, woran man arbeiten muss, und es entsteht in der Begegnung mit dem Anderen.
Die Ich-Spaltung vernarbt nicht: Sie bleibt im Subjekt bestehen, ausgeglichen durch die Ich-Ressourcen, die man als Säulen der Resilienz bezeichnet – ein gefestigtes Selbstwertgefühl, Unabhängigkeit, Beziehungsfähigkeit, Sinn für Humor, Moralität, Kreativität, Initiative und die Fähigkeit zu kritischem Denken. Mit ein wenig von alledem und der Unterstützung anderer, die einen unverzichtbaren Halt bietet, ist die Möglichkeit von Resilienz gesichert, und das Subjekt setzt sein Leben fort (10).
Man könnte sagen, der Begriff des Oxymorons entspreche dem Freud’schen Begriff der Ich-Spaltung im Abwehrvorgang: So wie Freud sie zunächst bei Fällen von Fetischismus beschrieb, spaltet sich das Subjekt angesichts des psychischen Traumas der Kastrationsdrohung, um einerseits seine Triebe weiter befriedigen zu können (ein wenig Glück und Lebenssinn), während es auf einer anderen Ebene die anhaltende Wirkung der empfangenen Drohung erleidet, die es als real und möglich erkennt. Freud dehnte die Anwendung dieser Art von Abwehr später auf die Psychosen und Neurosen und sogar auf das „normale“ Leben aus. Rubén Zuckerfeld (11) geht weiter und setzt die Spaltung als einen grundlegenden Sachverhalt des psychischen Apparats, als eine Bedingung des Menschseins, und nimmt sie in seine Beschreibung einer dritten Topik auf.
In beiden Perspektiven geht es also darum, wie das Subjekt die Widrigkeit erträgt, indem es einen lebenswichtigen Ausweg zur Überwindung des Traumas baut – um den Preis einer Veränderung seines Ich, der Spaltung, mithilfe der Verleugnung.
Für Cyrulnik (12) gilt: Wenn in der Geschichte des Subjekts ein äußeres Ereignis eintritt, das ihm eine Verletzung zufügt, durchdringt diese Körper und Gedächtnis. Das Oxymoron wird kennzeichnend für die verletzte, aber widerstandsfähige Persönlichkeit, die ihren leidenden Teil in sich trägt und dennoch trotz allem glücklich sein kann. Er beschreibt damit eine Pathologie der Bindung des Subjekts an die Welt, die wiederhergestellt werden muss: Deshalb ist ein anderer Mensch unverzichtbar.
Das Trauma kann Ausgangspunkt einer neurotischen oder psychotischen Strukturierung sein, aber auch ein Endpunkt, insofern es eine starke und nützliche Abwehrstruktur hervorbringt. Der Aufbau des psychischen Systems umfasst, und zwar nicht als Beiwerk, das System der Abwehrmechanismen des Ich.
Cyrulnik besteht auf einer Unterscheidung: Man muss das Trauma von der Prüfung unterscheiden. Um von Trauma zu sprechen, sagt er, muss man tot gewesen sein – und das ist kein Bild, es ist real. Traumatisierte Menschen sagen, sie seien nicht sicher, ob sie am Leben sind, sie seien aus der Hölle zurückgekehrt und ins Leben zurückgekommen. Manche gehen so weit zu sagen, das Verlassen der Todeslager sei keine Rückkehr ins Leben, sie seien keine Überlebenden, sondern Wiedergänger, Gespenster – was diesen seltsamen Gedanken einschließt: „Je älter ich werde, desto weiter entferne ich mich vom Tod.“
Viele Menschen erleiden Traumata, und alle müssen Prüfungen ertragen. Aber in der Prüfung bleiben wir wir selbst: Die Prüfung tötet uns nicht und zerreißt uns nicht. Angesichts einer Prüfung denke ich: Ich habe meine Arbeit verloren, was soll ich tun? Sie hat mich verlassen, ich bin sehr traurig, aber ich sage mir, dass sie verrückt sein muss, einen Mann wie mich gehen zu lassen – ihr Pech. Wir verteidigen uns, so gut wir können, und bleiben wir selbst (13).
Das Wichtigste
Das Glück ist ebenso wenig ein Verhängnis wie das Unglück: Man kann lernen, diese Gefühle zu verändern. Wohlbefinden ist körperlich – eine unmittelbare Empfindung, die, alle Bedürfnisse gedeckt zu haben. Das Glück hingegen ist das Ergebnis einer Vorstellung, einer Hoffnung, eines Lebensentwurfs; und es entsteht immer in der Begegnung mit dem Anderen.
Um diesen Unterschied zu veranschaulichen, erzählt Cyrulnik gern die Geschichte von den Steinklopfern. Auf einem Weg klopft ein erster Mann mit verzerrtem Gesicht Steine: Er leidet, erklärt, sein Beruf sei dumm und die Muskelarbeit tue ihm weh. Etwas weiter scheint ein zweiter gelassener: Er schlägt ruhig auf den Stein und sagt, es sei ein Beruf an der frischen Luft, der ihm reiche, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Noch weiter klopft ein dritter in Verzückung Steine, strahlend, lächelnd: Er erklärt, das mache ihn sehr glücklich, weil er glaube, eine Kathedrale zu bauen. Eine Kathedrale im Kopf zu haben macht glücklich; sich mit dem Unmittelbaren zu begnügen verschafft Wohlbefinden; daran zu verzweifeln, keinen anderen Beruf zu haben, macht unglücklich. Die Geste ist in allen drei Fällen dieselbe: Es ist ihre Bedeutung, die glücklich oder unglücklich macht (14).
Cyrulniks Denken ist dennoch nicht utopisch: Er sagt nicht, Glück sei leicht zu erreichen, nur dass es möglich ist. Der Preis kann hoch sein, aber es nicht zu versuchen, kostet noch mehr. Denn wenn für das Subjekt die Wunde zu groß ist, wenn niemand in die Glut der Resilienz bläst, die in ihm verbleibt, wird es ein langsamer psychischer Todeskampf.
Drogenabhängige Menschen, bemerkt er, verwechseln Glück mit dem Wohlbefinden des Augenblicks: Der Flash der Droge verschafft ihnen ein Gefühl des Wohlbefindens, das sofort erlischt und sie verzweifeln lässt, während ein Lebensentwurf es erlaubt, die Wirklichkeit zu übersteigen (14).
Und er verweigert jede Gefälligkeit gegenüber dem Unglück: Ein Unglück ist niemals wunderbar. Es ist ein gefrorener Schlamm, ein Schorf aus Schmerz, der uns zu einer Wahl zwingt: uns ihm zu unterwerfen oder es zu überwinden. „Resilienz bezeichnet die Spannkraft derer, die, nachdem sie den Schlag empfangen haben, ihn überwinden konnten.“
Resilienz wird gewebt: Man darf sie weder nur im Inneren der Person noch nur in ihrer Umgebung suchen, sondern zwischen beiden, weil sie fortwährend einen inneren Prozess mit einem sozialen Umfeld verknüpft. Damit entfällt die Vorstellung von Stärke oder Schwäche des Individuums; deshalb spricht die Resilienzliteratur nicht mehr von unverwundbaren Kindern.
Diese Auffassung trifft sich mit dem Begriff der Anlehnung des Triebs. Wie Freud sagt (15), „folgt die Libido den Wegen der narzisstischen Bedürfnisse und heftet sich an die Objekte, die deren Befriedigung sichern“. Die Mutter, erste Spenderin der Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse, ist das erste Liebesobjekt und zugleich das erste Objekt des Schutzes vor äußeren Gefahren; sie mildert die Angst, die die erste Reaktion auf eine traumatische Widrigkeit ist, sei sie auch noch so gering.
Wir haben bereits erwähnt, dass das Kind eine sichere Bindung als Grundlage seiner künftigen Resilienz entwickeln muss. Boris Cyrulnik erkennt darin seine Schuld gegenüber jenem an, den er einen seiner Lehrer nennt, John Bowlby, und gegenüber dessen Lehre von der Bindungstheorie.
Diese Ausgangsbedingung des Subjekts besteht das ganze Leben lang fort: Deshalb ist während des gesamten Daseins ein anderer Mensch grundlegend, um Widrigkeiten durch die Entwicklung der Stärken zu überwinden, die die Resilienz ausmachen. Kurz gesagt führt der Prozess der Anlehnung des Triebs zum anderen Menschen und verhindert die Einschließung in den narzisstischen Solipsismus, der todbringend ist.
In der Resilienz, die sich mit den Folgen des äußersten Getöses befasst, muss das Ich, das es erleidet, dennoch die emotionale Erschütterung steuern. Der Stress wirkt am Schock mit, wenn die Emotion den Organismus unter der Wirkung der Schläge erschüttert, die von sozialen Angriffen oder vom Geist der anderen ausgehen. Oft ist der Stress chronisch, und seine schleichende Wirkung verändert den Organismus und die Psyche, die sich dessen nicht bewusst wird.
Dennoch kann das Selbstwertgefühl mit der Hilfe und dem Blick der anderen stets neu geordnet und neu ausgearbeitet werden, durch neue Vorstellungen, Handlungen, Verpflichtungen oder Erzählungen. Man kann darüber streiten, ob der Resilienzbegriff zur Familie der Abwehrmechanismen des Ich gehört. Vielleicht muss man auf den wenig gebräuchlichen, von E. Bibring (16) eingeführten Begriff der Abarbeitungsmechanismen des Ich zurückgreifen, die „weder die Abfuhr (Abreaktion) herbeiführen noch bewirken sollen, dass die Spannung aufhört, gefährlich zu sein (Abwehrmechanismus); ohne zu leugnen, dass während des Prozesses Abreaktionsphänomene in kleinen Dosen auftreten“. Es handelt sich um Operationen des Ich, die darauf zielen, die schmerzlichen Spannungen in andere Komplexe von Gedanken und Gefühlen mit kompensatorischer Wirkung zu zerstreuen; oder, wie in der Trauerarbeit, die Libido vom verlorenen Objekt zu lösen, um sie auf andere zu übertragen. Ein dritter Modus ist die Vertrautmachung mit der Gefahr, um sie kontraphobisch zu überwinden. Daniel Lagache (17) verweist im Anschluss an Bibring auf den Übergang von der Wiederholung zur gedachten und ausgesprochenen Erinnerung: Für ihn erlauben die Abarbeitungsoperationen des Ich, die (unbewusste) Abwehroperation zu neutralisieren. Für die Psychoanalyse wären dies eher Mechanismen der Heilung als der Krankheit; aus Sicht der Resilienz stellen sie die Möglichkeit einer Kontinuität des Lebens unter annehmbaren Bedingungen psychischer Gesundheit dar.
Man kann die Art, wie unser französischer Autor den Aufbau der Resilienz begreift, nicht von seiner ethologischen Auffassung des Menschen trennen. Wenn er schreibt, bei diesem Aufbau „wird die Genetik etwas zu sagen haben, die frühen Interaktionen aber werden viel mehr sprechen, während die familiären und sozialen Institutionen das Wesentliche der Rede enthalten werden“ (18), so lässt sich das mit anderen seiner Formulierungen übersetzen: Damit es Sprache gibt, muss zunächst die Entwicklung des menschlichen Gehirns richtig programmiert sein, müssen die Augen des Kindes einer Bindungsfigur begegnen, die die Lust zu sprechen weckt, und muss das Kind in das soziale Sprachbad der Erwachsenen eintauchen, die es umgeben. Die Sprache gehört nicht mehr dem Himmel: Sie hat ihren Ursprung im Körper, im Affektiven und im Sozialen (19).
Cyrulnik hebt so den sozialen Charakter jedes Menschen hervor, dessen Individualität sich in einem durch Worte strukturierten Feld affektiver Spannungen bildet. Doch im Hinblick auf die Resilienz hören die Möglichkeiten der Umstrukturierung niemals auf. Deshalb nimmt er die Möglichkeit in Angriff, mit Menschen mit Alzheimer-Krankheit zu arbeiten, und besteht auf diesem Punkt: Der Geist eines Kindes, eines Menschen, ist wie ein U-Boot, das Tonnen um Tonnen Druck aushält, ohne zu zerbrechen, und das immer – solange Leben ist – wieder auftauchen kann. Für ihn gibt es keine Wunde, die nicht heilbar wäre. Am Ende ihres Lebens wird jede zweite erwachsene Person ein Trauma erlebt haben, eine Gewalt, die sie an den Rand des Todes gebracht hat; doch selbst verlassen, gemartert, versehrt oder Opfer eines Völkermords ist der Mensch fähig, von den ersten Tagen seines Lebens an seine Resilienz zu weben, die ihm helfen wird, unmenschliche Erschütterungen zu überwinden.
Le Murmure des fantômes ist ein Buch von Boris Cyrulnik über die Adoleszenz, jene komplexe und kritische Lebensphase, in der die Sexualität mit Macht in einem Körper hervortritt, der sich verwandelt und erwachsen wird; in der sich die Identität als grundlegende Suche herausbildet, in der Gleichaltrige eine wichtige Rolle spielen; in der der Wunsch nach Selbstbehauptung die Autorität im Allgemeinen – und nicht nur die väterliche – in Konflikt bringt; und in der es unabdingbar wird, einem Leben, das sich mit Ungewissheiten füllt, neuen Sinn zu geben.
In dieser Lage kehrt die Kindheitsvergangenheit des Subjekts als gespenstisches Raunen zurück, das es zwingt, die Ereignisse und Gefühle in die Form einer Erzählung zu bringen, der es selbst einen Sinn verleiht. Damit es ein Trauma gibt, muss sich die traumatische Erfahrung zweimal ereignen: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Vorstellung. In Bezug auf dieses zweite Mal kann die Arbeit der Resilienz einsetzen. In der Adoleszenz sucht man sie: zunächst in der eigenen Familie und, wenn man sie dort nicht findet, bei Gleichaltrigen, bei einer Lehrkraft oder bei jeder bedeutsamen erwachsenen Person, die die Rolle eines Tutors der eigenen resilienten Entwicklung übernehmen kann. Mit einem affektiv angemessenen Umfeld, das die Sozialisation unterstützt, können Jugendliche sich an ihre traumatischen Erfahrungen erinnern und sie in eine positive Erzählung ihres Lebens einordnen. Die Gespenster sind dann gebannt.
Ein Resilienztutor, erklärt Cyrulnik, ist jemand – eine Person, ein Ort, ein Ereignis, ein Kunstwerk –, der nach dem Trauma ein Wiederaufleben der psychischen Entwicklung auslöst. Fast immer handelt es sich um eine erwachsene Person, die dem Kind begegnet und für es zum Identitätsmodell wird, zum Wendepunkt seines Daseins. Es muss nicht unbedingt eine Fachperson sein: Eine bedeutsame Begegnung kann genügen. Viele Kinder beginnen in der Schule ein Fach zu lernen, weil ihnen die Person gefällt, die es unterrichtet; doch wenn man diese Person zwanzig Jahre später bittet, den Erfolg ihres früheren Schützlings zu erklären, unterschätzt sie sich und ahnt nicht, wie viel sie bedeutet hat (20).
Als er beginnt, sein Leben zu erzählen, macht Tim Guénard (21) diese Bemerkung: Wenn von schönen Häusern oder alten Autos die Rede ist, erzählt man ihren Wiederaufbau immer mit Liebe zum Detail; aber wenn man ein Kind sieht, das Risse bekommt, einen Erwachsenen, der zusammenbricht, stellt man sich so viele Fragen, dass man nicht einmal mehr die einfachsten Dinge zu tun wagt: freundlich anschauen, berühren, Gesellschaft leisten.
Er wurde von seiner Mutter verlassen. Das einzige Bild, das ihm von ihr bleibt, ist das einer Frau, die sich entfernt, von hinten gesehen, in weißen Stiefeln; sie ließ ihn an einen Strommast am Straßenrand gebunden zurück. Geschlagen von seinem alkoholkranken Vater, verachtet von seiner Stiefmutter und deren Kindern, die ihn in die Hundehütte draußen verbannten. Die letzte Tracht Prügel des Vaters mit einem Stock, gefolgt von einem Sturz in einen Keller, hinterlässt ihn mit zahlreichen Brüchen, einem ausgeschlagenen Auge und einem geplatzten Trommelfell. Er erwacht aus einem dreitägigen Koma in einem Krankenhaus, in dem er drei Jahre verbringen wird, um zu genesen und wieder gehen zu lernen. Aus einem Waisenhaus, in dem ihm sein Aussehen keine Chance auf Adoption lässt, wird er zusammen mit anderen Kindern einer „Pflegemutter“ anvertraut, die ihn ebenfalls misshandelt – nach einem Aufenthalt in einer Anstalt für psychisch Kranke, in die ihn eine Ärztin allein aufgrund seiner Vorgeschichte geschickt hatte; jemand anderes vom ärztlichen Personal bemerkte mehrere Monate später, dass er nicht verrückt war. Er landet in einer harten Besserungsanstalt, wo man ihn als „verwahrlostes“ Kind abstempelt und stigmatisiert. Er ist zu einer Risikoperson geworden, „verdorben“ und damit „unrettbar“. Diese an das Kind gerichteten Worte erneuerten die erlebte Gewalt. Seine einzige Hoffnung war, eines Tages seinen Vater zu töten: Das hielt ihn am Leben.
Er war ein Dieb, floh aus den Einrichtungen, in die man ihn einwies, und gelangte nach Paris. Dort begegnete er zwei jungen Männern, die ihn freundschaftlich aufnahmen und ihm halfen, ihn aber auch noch tiefer in die Kriminalität zogen: Er lebte davon, Prostituierte zu bestehlen, dann als Gigolo in Montparnasse, wo wohlhabende Frauen sie in einem angesagten Café auswählten.
Schließlich begegnete er einer Richterin – und erfüllte sich damit seinen alten Wunsch, eine Mutter zu haben –, die ihn in ihr Büro bat, mit ihm zu sprechen begann, ihm Aufmerksamkeit schenkte und ihm schließlich Arbeit in einer Bildhauerwerkstatt verschaffte. Niemand setzte auf sein Durchhaltevermögen; und tatsächlich zerriss er, wütend darüber, dass eine seiner Arbeiten abgelehnt worden war, sämtliche Zeichnungen des Jahres seines wichtigsten Lehrers, der technisches Zeichnen unterrichtete. Der Lehrer ging darüber hinweg und unterrichtete ihn zweieinhalb Jahre lang in Geometrie, Technologie und technischem Zeichnen. Tim sagt: „Ich habe davon geträumt, einen Vater wie ihn zu haben.“ Das Diplom, das er schließlich erwarb, schenkte er der „Richterin-Mutter“, die es ihm ermöglicht hatte.
Danach begegnete er einem Priester, der sich um Menschen mit Behinderung kümmerte. Überrascht, sich von diesen jungen Menschen geliebt zu fühlen, widmete er sich ihrer Pflege. Und, abermals überrascht, jene „Außerirdischen“ kennenzulernen, die in seinen Augen die gläubigen Menschen im Umkreis des Priesters waren, wurde er schließlich Christ.
Seine Zusammenfassung ist kurz: Er wuchs mit dem Wunsch auf, seinen Vater zu töten, und heute liebt er seinen Vater; wenn er ein glücklicher Mann ist, mit einer Frau, vier Kindern und Freunden, kann er nicht der sein, der er ist, ohne seine ganze Vergangenheit. Den Inhaftierten, die er im Gefängnis besucht und die ihm sagen, sie fühlten sich „krumm“, antwortet er, das sei nicht schlimm: Müsste man auf der ganzen Erde alles ausreißen, was krumm ist, gäbe es weder Wein noch Olivenöl noch Obst mehr – krummen Dingen gibt man einen Stützpfahl, damit sie Frucht tragen können. Denen, die sich „verfault“ nennen, antwortet er, einen faulen Apfel werfe man weg, und es blieben die Kerne; und nach den Kernen komme ein neuer Baum und vom neuen Baum neue Früchte. Mit einer Vorgeschichte, die seinem Leben ein unheilvolles Schicksal verhieß, fand Tim Guénard die Resilienztutoren, die er brauchte, um unter anderem Mitautor von Boris Cyrulnik bei El realismo de la esperanza zu werden.
Wenn von Resilienz die Rede ist, denkt man sofort an ihre Anwendung im sozialen, gesundheitlichen oder pädagogischen Bereich auf die Bevölkerungsgruppen, die von einer Gesellschaft am stärksten benachteiligt werden, die Armut, Ungleichheit, Ausgrenzung, Kriminalität und Krankheiten aller Art hervorbringt. Doch dann regt sich der Verdacht. Ist die Förderung von Resilienz in geschädigten Bevölkerungsgruppen nicht funktional für das vorherrschende System sozialer Ungerechtigkeit? Ist sie nicht ein Pflaster, das die Notwendigkeit vergessen lässt, die Ungerechtigkeit erzeugenden gesellschaftlichen Strukturen zu verändern? Schieben wir deren Veränderung nicht auf unbestimmte Zeit hinaus? Geht es nur darum, das Ich der leidenden Person zu verändern und die Diskurse unangetastet zu lassen, die Machtstrukturen legitimieren, welche weiterhin Ungerechtigkeit, Misshandlung und Unglück hervorbringen?
Nichts liegt dem Denken vieler von uns, die mit dem Resilienzbegriff arbeiten, ferner. Boris Cyrulnik hat den Platz der Resilienz unter den verschiedenen Aufgaben einer Gesellschaft sehr genau bestimmt (22). Wenn ein Kind infolge einer familiären Störung aus seinem Zuhause verstoßen wird, wenn man es in eine totalitäre Institution steckt, wenn sich staatliche Gewalt über den ganzen Planeten ausbreitet, wenn die Personen, die es betreuen sollen, es misshandeln, wenn jedes Leid wie in einem Wasserfall aus einem anderen Leid hervorgeht, dann gilt es, auf jede einzelne Phase der Katastrophe einzuwirken:
Um diese Verbrechen zu bekämpfen.
Um die Theorien zu kritisieren, die diese Verbrechen vorbereiten.
Um die Wunden zu heilen.
Um den Lauf des Lebens wieder aufzunehmen.
Was hier auf dem Spiel steht, gilt weit über die großen kollektiven Katastrophen hinaus. Resilienz kann zum Gegenstand einer eigenständigen therapeutischen Arbeit werden, sich in lösungsfokussierten Kurzinterventionen niederschlagen oder in den schwierigsten klinischen Kontexten gesucht werden. Doch sie ersetzt nie die drei anderen Momente; sie folgt ihnen.
Anmerkungen des Originals
(*) Dr. Cyrulnik ist Psychiater und Ethologe, Studiendirektor an der Fakultät für Literatur- und Humanwissenschaften in Toulon.
(I) Dieser Artikel erschien in Nr. 85 von Perspectivas Sistémicas, März–April 2005.
Der Besuch von Boris Cyrulnik wird organisiert von Elida Romano, Gründungsmitglied der Pariser Vereinigung für Forschung und Arbeit mit Familien (A.P.R.T.F.) in Paris, und von Juana Droeven, Direktorin der Fundación para la Investigación Clínica Familiar (F.F.) in Buenos Aires, die sich zusammengetan haben, um Dr. Cyrulnik nach Buenos Aires einzuladen. Dr. Cyrulnik wird bei der Internationalen Begegnung von folgenden eingeladenen Personen begleitet: Jorge Basile, Emilio Boggiano, Bernardo Chomski, Silvia Crescini, Elina Dabas, Juana Droeven, Lucila Edelman, Roberto Ferro, Emiliano Galende, Silvia Gomel, Estrella Joselevich, Luis Juri, Marta López Gil, Denise Najmanovich, Aldo Melillo, Isabel Mikulic, Cristina Ravazzola, Cynthia Szevach, Nieves Tapia, Graciela Zarebski, Rubén Zukerfeld.
Wer ist Aldo Melillo
(**) Aldo C. Melillo ist Arzt und Psychoanalytiker, ehemaliger Sekretär für Gesundheit und Umwelt der Stadt Buenos Aires, Mitglied des Foro Psicoanalítico de Buenos Aires und Professor an der Escuela Argentina de Psicoterapia para Graduados. Er ist akademischer Berater des Masterstudiengangs Psychoanalyse der Escuela de Psicoterapia para Graduados und der Universidad Nacional de La Matanza. Er ist Autor und Herausgeber von Resiliencia. Descubriendo las propias fortalezas sowie verschiedener psychoanalytischer Arbeiten.
Literatur
(1) www.muyinteresante.es/canales/muy_act/entrevi/entrevis29
(2) et (4) http://elmundolibro.elmundo.es/elmundolibro/2003/10/01/no_ficcion
(3) En Resiliencia – Descubriendo las propias fortalezas, Aldo Melillo y Néstor Suárez Ojeda (comp.), Buenos Aires, Paidós, 2001, Pág. 83 y sig.
(5) Cyrulnik, Boris, La maravilla del dolor, Barcelona, Granica, 2001.
(6) Bibring, Edward, « The conception of the repetition compulsion », Psychoanalytic Quarterly, vol. XII, N° 4, 1943.
(7) et (22) Cyrulnik, Boris, Los patitos feos, Barcelona, Gedisa, 2002 (páginas 26 y 215).
(8) Gampel, Yolanda, « El dolor de lo social », Psicoanálisis, Asociación Psicoanalítica de Buenos Aires, Vol. XXIV, N° 1 y 2.
(9) Cyrulnik, Boris, La maravilla del dolor, Barcelona, Granica, 2001.
(10) Melillo, Aldo, « Realidad social, psicoanálisis y resiliencia », en Resiliencia y subjetividad, Melillo A., Suárez Ojeda, N. y Rodríguez, D. (comp.), Buenos Aires, Paidós, 2004, pág. 71.
(11) Zuckerfeld, Rubén, « Psicoanálisis actual: tercera tópica, interdisciplina y contexto social », presentado en el III Congreso Argentino de Psicoanálisis y II Jornada Interdisciplinaria, Córdoba, 1998.
(12) Op. cit.
(13), (14) et (20) http://resiliencia.cl/opinexp/
(15) Freud, Sigmund, (1914) Introducción al narcisismo, OC, Buenos Aires, Amorrortu, 1976, Vol. 14.
(16) Op. cit.
(17) Lagache, Daniel, « Psychanalyse et structure de la personnalité », en La Psychanalyse, Vol. 6, 1958.
(18) Cyrulnik, Boris, La maravilla del dolor, Barcelona, Granica, 2001, pág. 193.
(19) Cyrulnik, Boris, Del gesto a la palabra, Barcelona, Gedisa, 2004, pág. 110.
(21) Guénard, Tim, Más fuerte que el odio, Barcelona, Gedisa, 2003, y en El realismo de la esperanza – testimonios de experiencias profesionales en torno a la resiliencia, Barcelona, Gedisa, 2004, « La encarnación de la resiliencia », página 71.
Dieser Artikel ist eine inoffizielle Übersetzung aus dem Spanischen von „Sobre Resiliencia. El pensamiento de Boris Cyrulnik“, veröffentlicht von Red Sistémica (Erstveröffentlichung: Perspectivas Sistémicas, Nr. 85, März–April 2005). Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz und mit Zustimmung der Zeitschrift veröffentlicht. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Originalartikel lesenSo zitieren Sie diesen Artikel
Melillo, A. (2022). À propos de la résilience. La pensée de Boris Cyrulnik (Complexe Systémique, Übers.). Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/fr_FR/articles/a-propos-de-la-resilience-la-pensee-de-boris-cyrulnik (Originalwerk veröffentlicht 2005 in Perspectivas Sistémicas, Nr. 85, März–April 2005; 2022 neu veröffentlicht von Red Sistémica, https://redsistemica.ar/2022/07/19/sobre-resiliencia-el-pensamiento-de-boris-cyrulnik/)
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