Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Journal of Solution Focused Practices · Lösungsfokussierte Praxis
Dieser Beitrag zeichnet die Entwicklung von Steve de Shazers theoretischem Denken von 1969 bis zu seinem Tod im Jahr 2005 nach. Nach einer Betrachtung seiner Definition von „Theorie“ gliedern wir die Entwicklung seines Theoretisierens in 4 Phasen und destillieren aus jeder die Axiome, an denen er bis zu seinem Tod festhielt.
Inoffizielle deutsche Übersetzung von Steve de Shazer’s Theory Development von Harry Korman, Peter De Jong und Sara Smock Jordan, erschienen im Journal of Solution Focused Practices (2020), unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
„Steve de Shazers Theorie ist eine Theorie über Therapie – sie ist keine Theorie über die Menschen, die sich in Therapie befinden.“
Harry Korman, Peter De Jong und Sara Smock Jordan
Zusammenfassung
Dieser Beitrag zeichnet die Entwicklung von Steve de Shazers theoretischem Denken von 1969 bis zu seinem Tod im Jahr 2005 nach. Nach einer Betrachtung seiner Definition von „Theorie“ gliedern wir die Entwicklung seines Theoretisierens in 4 Phasen und destillieren aus jeder die Axiome, an denen er bis zu seinem Tod festhielt. Für jedes Axiom zeigen wir, inwiefern es grundlegend für das Verständnis der SFBT ist und damit dazu beiträgt, die SFBT von anderen Gesprächstherapien abzugrenzen. Wir bleiben nah an de Shazers Schriften, indem wir häufig aus seinen zahlreichen Artikeln und 6 Büchern zitieren. Abschließend fassen wir zusammen, was wir für die 6 bleibenden Axiome seiner Theorie der SFBT halten, beschreiben die markanten Merkmale der Art und Weise, wie er seine Theorien über die Jahre entwickelte, sowie die neue Linse, die er uns zur Betrachtung therapeutischer Interaktionen hinterlassen hat, und stellen ein Forschungsbeispiel vor, das sein theoretisches Vermächtnis zu erweitern verspricht.
Innerhalb wie außerhalb der lösungsfokussierten Community hört man häufig die Behauptung, die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie (SFBT) habe keine Theorie, sondern sei lediglich ein Ansatz aus nützlichen Praxistechniken. Steve de Shazer selbst trug zu dieser Überzeugung bei, denn er erklärte in Workshops und Besprechungen oft, „die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie hat keine Theorie“. Auch sein Lehrstil machte es schwierig, über das Thema Theorie zu sprechen. Er folgte Wittgensteins Rat: „Was dein Leser selbst tun kann, das überlasse ihm“ (Wittgenstein, 1984, S. 77), was sein Publikum oft verunsicherte, wenn nicht gar befremdete. So stellte etwa in einem Workshop in Deutschland, bei dem Kirsten Dierolf dolmetschte, eine teilnehmende Person die einfache Frage: „Was machen Sie mit Depression?“, und de Shazer antwortete: „Ich verstehe diese Frage nicht?“ (Dierolf, 2015, S. 38-39) Seine Antwort steht im Einklang mit der Annahme, dass man, wenn man eine Frage beantwortet, die in ihr enthaltene(n) Präsupposition(en) akzeptiert hat. Die Frage „Was machen Sie mit Depression?“ setzt voraus, dass eine therapierende Person etwas mit Depression macht, was nicht in einen SFBT-Rahmen passt. Seine Antwort „Ich verstehe die Frage nicht“ führte oft dazu, dass Teilnehmende nach seiner Theorie über Depression, psychische Erkrankung oder was auch immer fragten. De Shazer antwortete dann, die SFBT habe über diese Dinge keine Theorie. Diese und ähnliche Antworten mögen zu der Überzeugung beigetragen haben, dass die SFBT keine Theorie hat.
Wer die historische Entwicklung der SFBT, insbesondere de Shazers Schriften, gründlich betrachtet, erkennt deutlich, dass er und seine Kolleginnen und Kollegen täglich über Theorie sprachen. De Shazer schrieb 6 Bücher und etwa 75 Aufsätze, und mindestens ein Drittel dieses Inhalts handelt von Theorie. Eve Lipchik, die früh einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der SFBT leistete, schrieb über die Entwicklung der SFBT in ihren ersten zehn Jahren: „Das Team [am Brief Family Therapy Center in Milwaukee (BFTC)] versuchte stets, die Praxis von der Theorie leiten zu lassen und theoriegeleitete Praktiken mit Klientinnen und Klienten weiter zu überprüfen“ (Lipchik et al., 2013, S. 6). Angesichts dieser engen Beziehung zwischen Theorie und Praxis am BFTC halten es die Verfassenden für unerlässlich, de Shazers „Theorie“ in seinen Schriften genau zu untersuchen, um die Entwicklung der SFBT umfassender zu verstehen.
Dieser Beitrag ist das Ergebnis von Studium und Reflexion, die vor einigen Jahren im Rahmen der International Microanalysis Associates (IMA) begannen. Gemeinsam mit unserer IMA-Kollegin Janet Bavelas1 fiel uns auf, wie oft Praktizierende auf Tagungen behaupteten, die SFBT habe keine Theorie. Daher beschlossen wir, de Shazers Schriften von Anfang bis Ende durchzugehen, mit dem Schwerpunkt auf der Theorieentwicklung und der Destillation von Axiomen der Theorie, die de Shazer entwickelte. „Ein Axiom ist eine als wahr akzeptierte Aussage, die als Grundlage für eine Argumentation oder Schlussfolgerung dient.“ (Merriam-Webster.com Dictionary, Merriam Webster, https://www.merriam-webster.com/dictionary/axiom. Abgerufen am 28. Sep. 2020). Synonyme für Axiome sind Postulate, Prinzipien oder Grundsätze. Wie ihre Synonyme sind Axiome grundlegende Aussagen, auf denen Theorie aufgebaut wird. Im Laufe der Jahre haben wir diese Axiome auf Tagungen vorgestellt (Bavelas, De Jong, & Smock Jordan, 2014; Bavelas & Korman, 2014; De Jong & Smock Jordan, 2014; Korman, 2018), und nun legen wir unsere Überlegungen und Schlussfolgerungen in Form eines Artikels vor.
Zunächst gehen wir darauf ein, wie de Shazer Theorie definierte, und versuchen, die Verwirrung um seine Aussage „die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie hat keine Theorie“ aufzuklären. Anschließend verfolgen wir die Entwicklung von de Shazers Theorie durch vier aufeinanderfolgende Phasen. Nachdem wir für jede Phase de Shazers Schriften zusammengefasst und aus ihnen zitiert haben, schließen wir mit der Formulierung des Axioms bzw. der Axiome, die er unserer Ansicht nach in der jeweiligen Phase entwickelte. Der Beitrag endet mit einer Erörterung der Axiome, die Bestand hatten und bei seinem Tod im Jahr 2005 gültig waren. In unserem Fazit legen wir dar, welche Bedeutung de Shazers theoretischer Standpunkt für Praktizierende in den Bereichen Therapie und Coaching hat.
Wie bereits erwähnt, behandelt etwa ein Drittel von de Shazers Schriften ausdrücklich Theorie. Um seine Forschung und Theorieentwicklung zu verstehen, ist es wichtig, die Unterscheidung zu verstehen, die er zwischen Theorie (Theorie mit großem T) und theorie (Theorie mit kleinem t) traf. De Shazer versuchte ausdrücklich nicht, menschliches Verhalten oder psychische Erkrankungen zu erklären. Vielmehr war seine Theorie bewusst und ausdrücklich begrenzt:
Gewiss hatte ich nicht die Absicht, eine Theorie oder einen großen Entwurf zu entwickeln, und ich habe auch keine entwickelt – eine Theorie, die versucht, alles zu erklären, oder die so verwendet werden kann, als wäre sie dazu gedacht, alles zu erklären. (de Shazer, 1994, S. 274).
Vielmehr erklärte er:
Seit ich Anfang der 1970er Jahre begann, Kurzzeittherapie zu praktizieren, lautete meine „Forschungs“-Frage: „Was tun Therapierende, das nützlich ist?“ In den 1980er Jahren änderten wir sie in: „Was tun Klientinnen, Klienten und Therapierende gemeinsam, das nützlich ist?“ (de Shazer & Berg, 1997, S. 122).
Steve de Shazer war gründlich. Zwei Punkte blieben in seinen Forschungs- und Theoriebildungsprojekten konstant. Der eine betraf die Phänomene, die er und seine Kolleginnen und Kollegen untersuchten, der andere die Geltungsbedingungen (scope-conditions) ihrer Forschung. Anders gesagt: Beim Ersteren ging es darum, was de Shazer und sein Kreis betrachteten, beim Zweiten darum, unter welchen Bedingungen ihre Theorien gültig und nützlich waren. Eine seiner vielen Aussagen darüber, was er zu erreichen versuchte, stammt aus dem Jahr 1991:
Theoriebildung. Um eine nützliche Theorie des (Kurzzeit-)Therapiemachens zu konstruieren, müssen wir bestimmen, was an Therapiesitzungen beobachtbar und wiederholbar ist. Wir müssen die Regelmäßigkeiten von Sitzung zu Sitzung und von Fall zu Fall beschreiben, ausgehend davon, was Therapierende und Klientinnen und Klienten in den Therapiesitzungen tatsächlich tun. Daher muss die Theorieentwicklung auf der disziplinierten Beobachtung von Therapie beruhen, die in einem bestimmten Kontext stattfindet. Aus diesem Prozess lässt sich eine Beschreibung dessen aufbauen, was in Therapiesitzungen getan wird, und dann lassen sich Regeln aufstellen, die es anderen ermöglichen, Therapie „auf dieselbe Weise“ durchzuführen (Gingerich & de Shazer, 1991, S. 241-242).
De Shazer definierte auch klar, was er unter „Theorie“ verstand:
Theorie, wie ich den Begriff verwende, ist nicht als „Erklärung“ [d. h. Schlussfolgerungen] gemeint, sondern als kohärente „Beschreibung“ bestimmter Abfolgen von Ereignissen in einem bestimmten Kontext [d. h. als Beschreibung der therapierenden Person in Interaktion mit der Klientin oder dem Klienten im therapeutischen Setting] (de Shazer, 1988, S. xiv).
Ebenso klar legte er fest, wovon seine Theorie nicht handelte:
Die Theorie [der SFBT] hat über „Probleme, Beschwerden, Schwierigkeiten“ usw. überhaupt nichts zu sagen. Tatsächlich schließt die Theorie Vorstellungen über Verursachung ausdrücklich weder ein noch aus, und sie schließt auch die verschiedenen Vorstellungen über die Aufrechterhaltung von Problemen weder ein noch aus: Sie befasst sich ausschließlich mit dem Therapiemachen (de Shazer, 1988, S. xix.).
Zunächst konzentrierte sich de Shazer auf Beschreibungen dessen, was die therapierende Person im Therapieraum tut, und richtete den Fokus später auf das, was Therapie und Klientel gemeinsam tun, also auf ihre Interaktionen. Indem er sich einer interaktionellen Sichtweise verschrieb, weigerte er sich, über Verhaltensweisen oder Probleme außerhalb der Interaktionen zwischen Therapierenden und Klientel zu theoretisieren, in denen diese Verhaltensweisen oder Probleme beschrieben wurden. Darüber hinaus beschränkte er seine Theorie auf die sicht- und hörbaren Interaktionen2 im Therapieraum des BFTC und bezeichnete diese als die Geltungsbedingungen seiner Theorie. Er fügte allerdings hinzu, dass die Theorie nutzlos wäre, wenn sie sich nicht auf andere Settings übertragen ließe (de Shazer, 1988, S. 67).
De Shazers Projekt der Theoriebildung hebt sich von anderen Theorieentwicklungen im Bereich der Psychotherapie ab. Üblicherweise beginnt die Theoriebildung in diesem Feld mit einer Reihe miteinander verknüpfter Sätze über Wesen und Ursache eines Problems. De Shazers Theoriebildung begann dagegen mit dem Versuch, die Regeln zu konzeptualisieren, die Milton Erickson anwandte, wenn er seine ungewöhnlichen Interventionen entwarf (Erickson, 1980). Danach ging de Shazer dazu über zu beschreiben, was die therapierende Person tat, und anschließend, was Klientel und Therapierende gemeinsam taten. Dabei entwickelte er fortlaufend theoretische Beschreibungen dessen, wie Veränderung in der Therapie geschieht.
De Shazers sich entwickelnde Theorie der SFBT als „… kohärente Beschreibung einer Abfolge von Ereignissen in einem bestimmten Kontext“ (1988, S. 63) lässt sich mit Einsteins Gravitationstheorie vergleichen. In beiden Fällen können Forschende beschreiben, was beobachtbar geschieht, räumen aber ein, nicht genau zu wissen, wie oder warum die Phänomene auf diese Weise auftreten. Einstein stellte beispielsweise fest, dass die Gravitation den Raum krümmt, doch das sagt nicht viel darüber aus, wie oder warum die Gravitation so wirkt. Dennoch konnten Wissenschaft und Technik mithilfe von Einsteins anspruchsvollen mathematischen Beschreibungen Menschen zum Mond und zurück schicken. Ebenso zeigen die kohärenten Beschreibungen, die de Shazer im Laufe der Jahre darüber entwickelte, was in den Interaktionen zwischen Therapierenden und Klientel in der SFBT geschieht, nicht, wie oder warum diese Interaktionen wirken. Gleichwohl helfen viele SFBT-Therapierende, gestützt auf seine Beschreibungen, Klientinnen und Klienten dabei, ein erfüllteres Leben zu führen.
Auf der Grundlage unserer Lektüre und unseres Verständnisses von de Shazers Werk (oder vielleicht sollte man besser sagen: unseres Miss-Lesens und Miss-Verstehens3, wie de Shazer es zu nennen vorzog) lässt sich sein Theorieprojekt grob in vier verschiedene, sich teilweise überschneidende Phasen gliedern: der junge de Shazer, 1969-1978; das frühe BFTC, 1978-1982; de Shazer am BFTC, 1982-1989; und der späte de Shazer, 1989-2005. Bei der Darstellung dieser Phasen stießen wir aufgrund verständlicher zeitlicher Verzögerungen auf Schwierigkeiten, nämlich (a) die Zeit, die zwischen Veränderungen in der Praxis und der zugehörigen Theoriebildung verging, (b) die Zeit, die de Shazer brauchte, um über diese Veränderungen zu schreiben, und (c) die Zeit, bis diese Veränderungen veröffentlicht wurden. Diese Verzögerungen machen die in diesem Beitrag versuchte nachträgliche Rekonstruktion schwierig und in gewissem Maße willkürlich. Dieser Beitrag ist also unsere Version bzw. unser Verständnis von de Shazers Theorieentwicklungsprojekt und erhebt keinen Anspruch darauf, die richtige oder einzige Version zu sein.
De Shazer war 29 Jahre alt, als er begann nachzuahmen, was Milton Erickson seiner Meinung nach mit seinen Klientinnen und Klienten tat. Er lernte Ericksons Methoden durch die Lektüre seiner Fälle (H. Korman, persönliche Mitteilung, September 2002) und stellte später fest, dass er völlig missverstanden hatte, wie Erickson arbeitete.4
In de Shazers frühen Schriften finden wir sehr wenig Theorieentwicklung. Seine ersten 4 Aufsätze handeln erstens von seinem Verständnis der Prinzipien und Vorgehensweisen Ericksons und enthalten zweitens seine Beschreibungen eigener innovativer hypnotherapeutischer Techniken und Strategien (de Shazer, 1974; 1975a; 1975b; 1977).
In den 4 darauffolgenden Aufsätzen (de Shazer, 1978a; 1978b; 1979a; 1979b) nutzte er die Theorien anderer als Linsen, durch die er Ericksons und seine eigene Arbeit betrachtete. So schrieb de Shazer 1978 über seine Variante von Milton Ericksons Kristallkugeltechnik5 und zog dabei die „Expectation States Theory“ (Webster & Sobieszek, 1974) heran, um seine eigene Arbeit zu betrachten:
… Die Kristallkugeltechnik, wie sie in den beiden Fallbeispielen beschrieben wird, ist in keinem formalen Sinne eine Anwendung der Expectation States Theory, und das Fallmaterial wird auch nicht als weiterer Beweis für die Theorie angeführt. Diese Theorie wird schlicht verwendet, um die Therapie von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten (de Shazer, 1978a, S. 204; Hervorhebung von uns).
Zwischen 1971 und 1976 arbeitete de Shazer mit Jerry Talley und Joseph Berger vom soziologischen Institut der Stanford University zusammen und wandte Heiders Balancetheorie an (Heider, 1946). Sie versuchten, die Regeln zu verstehen, die Erickson in seinen Therapiesitzungen anwandte, und – da de Shazer Erickson nachahmte – auch zu verstehen, was de Shazer in seinen Sitzungen tat.
Wie andere Theorien, die de Shazer im Laufe der Jahre untersuchte, nutzte er Heiders Balancetheorie als Linse, durch die er das Geschehen im Therapieraum betrachtete und beschrieb. Es war, als versuchte er die Frage zu beantworten: Wie passt das, was ich in dieser Sitzung getan habe, in diese Theorie bzw. welchen Sinn ergibt es innerhalb dieser Theorie?
Der junge de Shazer schien nach einer Theorie zu suchen, mit der sich seine Arbeit beschreiben und vielleicht auch erklären ließe. In einem rückblickenden, unveröffentlichten Text, der ursprünglich von der Website des BFTC stammt, schrieb de Shazer über die Arbeit mit Berger und beschrieb zwei Forschungsprojekte:
[über das erste Projekt] … wir versuchten, soziologisches Wissen auf jeden einzelnen Fall anzuwenden. Schließlich beschränkten wir uns darauf, die Situation mithilfe von Fritz Heiders Balancetheorie zu beschreiben. Das zweite [Projekt] bestand darin, eine Theorie auf der Grundlage der Arbeit von Milton H. Erickson zu entwickeln oder vielleicht Ericksons Theorie zu entdecken, die in seinen Aufsätzen implizit enthalten ist (de Shazer, 1999. S. 7).
De Shazers Arbeit mit Heiders Balancetheorie in Therapie und Theorieentwicklung wird in seinem ersten Buch (de Shazer, 1982a) eingehend untersucht und beschrieben. Wir sehen nicht, dass die Balancetheorie einen bleibenden Einfluss auf die Theorie der SFBT hatte.
Vorboten dessen, was kommen sollte. Den ersten Hinweis auf das, was später in de Shazers Theoriebildungsprojekten hervortreten sollte, fanden wir in seiner Schilderung einer Meinungsverschiedenheit mit Berger im Jahr 1972, als sie Fälle mithilfe von Heiders balancetheoretischem Modell kartierten. Die Meinungsverschiedenheit betraf die Frage, ob die therapierende Person in die balancetheoretischen Karten einbezogen werden sollte, an denen sie gemeinsam arbeiteten. Berger wollte bei der Kartierung der Familie bleiben, während Steve das gesamte System im Therapieraum kartieren wollte, zu dem seiner Ansicht nach auch die therapierende Person gehörte: „Das führte schließlich dazu, dass wir uns darauf einigten, uneinig zu sein, als ich begann, eine ‚Außenbeobachter‘-Position einzunehmen und den Therapeuten in die Karte aufzunehmen“ (de Shazer, 1999, S. 7).
Als de Shazer 1999 „Beginnings“ schrieb, wird deutlich, dass er das Gefühl hatte, sich bereits 1972 mit dem Gedanken zu tragen, „Therapie-als-System“ (de Shazer 1981, S. 56) zu untersuchen, statt „die Familie-als-System“ (de Shazer 1981, S. 56) zu betrachten, auch wenn ihm diese entscheidende Unterscheidung damals selbst noch nicht vollständig klar war.6 Diese Verschiebung ist aus mindestens zwei Gründen bemerkenswert. Erstens bestand de Shazers Untersuchungsmethode darin, Therapiesitzungen zu beobachten und dann zu versuchen, das Beobachtete zu beschreiben. Zweitens könnte die Meinungsverschiedenheit mit Berger durchaus der Beginn von de Shazers Verschiebung gewesen sein: weg vom vorrangigen Beobachten und Beschreiben des problematischen Systems der Klientel und dessen, was die therapierende Person damit tat, hin zur Konzentration auf die Interaktion zwischen Klientel und Therapierenden. „Den Therapeuten in die Karte aufnehmen“ (de Shazer 1999. S. 7) wurde zu einem Grundprinzip in allem, was später am BFTC entstand. Dieses Prinzip von de Shazers sich entwickelnder Theorie haben wir in unseren ersten beiden Axiomen konzeptualisiert:
Axiom 1
Therapie ist ein beobachtbarer interaktioneller Prozess, das heißt ein Gespräch.
Axiom 1 hält fest, wie de Shazer sich schon so früh in seinem Theoretisieren darauf zubewegt, sich auf das zu konzentrieren, was im Therapieraum beobachtbar geschieht: Klientel und Therapierende interagieren in dem Sinne, dass sie miteinander ein Gespräch führen. Damit beginnt er, seinen theoretischen Fokus klar von dem jener Therapien abzugrenzen, die sich auf das konzentrieren, was im Inneren der Klientin oder des Klienten geschieht, was nicht beobachtbar ist und nicht auf die Interaktion zwischen Klientel und Therapierenden ausgerichtet ist.
Axiom 2
Die kleinste Analyseeinheit ist die therapierende Person in Interaktion mit der Klientel im therapeutischen Setting. Diese Einheit kann nicht weiter unterteilt werden.
Mit diesem Axiom wurde eine klare Grenze gegenüber praktisch allen anderen Theorien des Feldes gezogen. Wenn man „die Einheit der therapierenden Person in Interaktion mit der Klientel im therapeutischen Setting“ nicht unterteilen kann, kann man nicht mehr darüber theoretisieren oder spekulieren, was mit der Klientin oder dem Klienten, in ihrem bzw. seinem Inneren oder in der Familie vor sich geht. Um Pathologie oder Dysfunktion bei der Klientel oder im Familiensystem zu beschreiben, muss man die Einheit in ihre Bestandteile zerlegen. Steve de Shazers Theorie ist eine Theorie über Therapie – sie ist keine Theorie über die Menschen, die sich in Therapie befinden.
Bevor wir fortfahren, möchten wir anmerken, dass uns bei unserem Studium von de Shazers Schriften bald klar wurde, dass sich nicht genau bestimmen lässt, wann und in welchem Manuskript de Shazers verschiedene Ideen auftauchten. Manche seiner Ideen wurden in frühen Schriften angedeutet, aber erst 10 bis 20 Jahre später vollständig beschrieben. Nehmen wir zum Beispiel das Konzept der Ausnahmen. Harry Korman fragte de Shazer einmal, woher seine „seltsame“ (Harrys Wort) Art des Zuhörens komme. De Shazer antwortete, er habe in der Geschichte „immer die Löcher gehört“. Als er anfing, Therapie zu machen, hätten ihm die Leute von ihren Problemen erzählt, aber ihm seien immer die Löcher aufgefallen. Löcher waren die Teile der Geschichte der Klientel, die nicht zur Beschwerde passten. De Shazer sagte, diese Löcher seien immer da gewesen und hätten ihn immer am meisten interessiert. Er sagte auch, er habe immer auf dieselbe Weise gearbeitet (persönliche Mitteilung, Mitte der 90er Jahre). Spuren davon finden sich in den Aufsätzen, die er schrieb. 1975a veröffentlichte er einen Aufsatz, in dem man sehen kann, dass er aktiv nach dem suchte, was später Ausnahmen genannt wurde:7
Ich versuchte, genaue Daten über das Muster der Missgeschicke des Jungen zu erhalten. Es passierte zu Hause, bei seinem Freund, im Kindergarten, morgens oder nachmittags. Auch konnten sie (die Familie) kein gemeinsames Verhaltensmuster an den Tagen entdecken, an denen nichts danebenging. (de Shazer, 1975a, S. 86, Hervorhebung hinzugefügt).
1978 gründeten de Shazer und eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichen therapeutischen Ausrichtungen aus der Einrichtung Family Services of Milwaukee das Brief Family Therapy Center (BFTC). Ihre erklärte Absicht war es, Therapie kürzer und wirksamer zu machen. Eines ihrer Hauptziele war es, eine Lücke im MRI-Modell (Mental Research Institute in Palo Alto) zu schließen:
Nirgends befasst sich die Gruppe [das MRI] ausdrücklich mit dem kurztherapeutischen Vorgehen bei Menschen, die einander ausschließende Ziele haben, oder bei Menschen mit vagen, unklar formulierten Zielen, die sie nicht artikulieren können (de Shazer, 1982a, S. 29).
Der Versuch, die Rätsel zu lösen, die diese Familien aufgaben,8 und dabei die unterschiedlichen Ideen am BFTC zusammenzuführen, führte zur Entwicklung des Modells der „ökosystemischen Kurzzeit-Familientherapie“ (de Shazer, 1982a).9
In diesen Jahren formulierte de Shazer die Unterscheidung zwischen der Untersuchung der Familie-als-System und der Untersuchung der Familientherapie-als-System. Er argumentierte, dass es wenig Sinn ergibt, die Familie-als-System im Kontext von Therapiesitzungen zu untersuchen, weil in der Therapie auch eine therapierende Person und manchmal ein Team zugegen sind und all diese Subsysteme mit dem ausdrücklichen oder zumindest impliziten Ziel der Veränderung zusammenarbeiten (de Shazer, 1982a, S. 1-3, 5-6). Er begann, über das zu schreiben, was er grundlegende Mängel in den Theorien der Familientherapie nannte. Er legte die „Verwirrungen“ (muddles) offen (de Shazer, 1982a, S. 3; de Shazer 1982b), die durch Begriffe wie „Homöostase“, „Widerstand“, „lineares versus zirkuläres Denken“ und „kontinuierliche versus diskontinuierliche Veränderung“ entstanden waren. Er stellte auch den Nutzen anderer populärer Begriffe wie „Paradox“ und „Macht“ infrage (de Shazer, 1981; 1982a, S. 15-18; 1982b). Er kam zu dem Schluss, dass diese Begriffe nicht nützlich sind, wenn man verstehen will, wie Familientherapie als „veränderungsförderndes“ System funktioniert. Die Begriffe Widerstand und Homöostase wurden verwendet, um zu erklären, was Probleme in der Familie-als-System verursachte und/oder aufrechterhielt. Um den Veränderungsprozess zu verstehen, muss man auf andere Begriffe zurückgreifen. Was de Shazer in dieser Zeit zu seinen begrifflichen Schlussfolgerungen bewog, war das, was er und sein Kreis in den Therapieräumen des BFTC geschehen sahen. Statt dass Familien und Paare homöostatische Reaktionen oder Widerstand zeigten, beobachtete das Team, wie Familien und Therapierende zusammenarbeiteten, um Veränderung bei der Klientel hervorzubringen (de Shazer, 1982a, S. 9-15). Die Herausforderung für de Shazer bestand nun darin, diesen kooperativen Prozess auf nützlichere Weise zu beschreiben.
Die Bedeutung der Verschiebung von der Beschreibung der Familie-als-System zur Beschreibung der Familientherapie-als-System kann gar nicht genug betont werden. Eine interaktionelle Sicht auf die Subsysteme der Familientherapie eröffnete eine ganz neue Welt der theoretischen Beschreibung, der klinischen Praxis und der Untersuchung (Forschung). Mit dem neuen Fokus auf Familientherapie-als-System beseitigten de Shazer und das Team am BFTC die künstliche begriffliche Schranke zwischen therapierender Person und Familie. Neben anderen begrifflichen Verschiebungen ersetzten sie Homöostase durch „Morphogenese“. Homöostase ist ein Begriff, der zu einer relativ geschlossenen, statischen Systembeschreibung des Klientensystems (d. h. des Paares oder der Familie) führt. Die Verwendung des Begriffs Morphogenese führt dagegen zu einer offeneren, „ökosystemischen“ Beschreibung des Klientensystems als Subsystem in Interaktion mit anderen Subsystemen (d. h. der therapierenden Person und dem beratenden Team) im therapeutischen Kontext. Daher lässt sich mit Morphogenese die Veränderung des Klientensystems klarer und genauer beschreiben (de Shazer, 1982a, S. 3-5).
Das Team am BFTC ersetzte auch den Begriff des Widerstands der Klientel durch „kooperierende Klientinnen und Klienten“. Die Untersuchung der Familie-als-System, die Vorstellungen von Homöostase und von Klientensystemen, die sich der Veränderung widersetzen, gingen Hand in Hand. Wie de Shazer in seinem bahnbrechenden Aufsatz „The Death of Resistance“ schrieb:
Die Vorstellung [vom Widerstand der Klientel] war, dass die Familie-als-System den Status quo durch abweichungsdämpfende Prozesse aufrechtzuerhalten schien. Die Veränderungen in der Familie-als-System wurden als wechselseitige, kausale, negative Rückkopplungsschleifen gesehen, die die Veränderungen innerhalb bestimmter Grenzen und Beschränkungen hielten…. Systemische Veränderungen, die über das homöostatische Plateau hinausgehen, zerstören das System entweder oder strukturieren es um (de Shazer, 1984, S. 12).
Und etwas weiter fährt er fort:
Der Begriff des Widerstands bindet viele auf Familiensystemen beruhende Therapien an die vorherrschende Epistemologie linearer Kausalität, der „Kraft“ oder der „Macht“, weil er eine Trennung zwischen Therapeut und Familiensystem impliziert. Wird Homöostase auf dieser komplexeren Ebene als ordnender Begriff verwendet, so wird der „Widerstand“ als in der Familie verortet gesehen und als etwas beschrieben, das die Familie tut. Er wird nicht als Produkt der Interaktion zwischen Therapeut und Familie gesehen. (de Shazer, 1984, S. 13)
Später im selben Aufsatz erklärte er, dass die Übernahme einer Sicht der Familientherapie-als-System mit ihrer ökosystemischen Sicht auf Subsysteme (d. h. Familie, therapierende Person und Team) in Interaktion innerhalb eines offenen Suprasystems (d. h. des therapeutischen Kontexts) den Begriff des Widerstands der Klientel zu „Tode“10 bringt (de Shazer, 1984). An seine Stelle setzte er die Vorstellung kooperierender Klientinnen und Klienten und schrieb über die klinische Bedeutung der Neubeschreibung des therapeutischen Systems mit anderen Metaphern Folgendes:
Wenn diese Unterscheidungen [Familientherapie-als-System versus Familie-als-System und Morphogenese versus Homöostase] klinisch nützlich sein sollen, dann lässt sich Verhalten, das gemeinhin als „Widerstand“ bezeichnet wird, nutzbringend neu beschreiben. Eine Möglichkeit dazu ist, es als „Kooperieren“ zu konzeptualisieren oder in diesen Begriffen zu denken: [und dann aus seinem früheren Buch Patterns of Brief Family Therapy zitierend] ‚Jede Familie (jede Einzelperson oder jedes Paar) zeigt eine einzigartige Art, zu kooperieren zu versuchen, und die Aufgabe des Therapeuten besteht zunächst darin, sich selbst diese besondere Art zu beschreiben, die die Familie zeigt, und dann mit der Art der Familie zu kooperieren und so Veränderung zu fördern (de Shazer, 1982a, S. 9-10)‘ (Der Ausdruck „cooperating“ wird verwendet, um eine Verdinglichung zu vermeiden, denn das „ing“ hilft dem Therapeuten, weiterhin in Begriffen von Prozessen fortgesetzter Interaktion zwischen den Subsystemen zu denken, statt an den Zustand, der durch die Verwendung von „cooperation“ nahegelegt werden könnte, das eher ein Prinzip als einen Prozess beschreiben würde. ‚Cooperation‘ neigt dazu, ein ‚Etwas‘ von seinem Grund zu lösen und es ‚dinghaft‘ zu machen: ein angesichts der Vorherrschaft der alten Epistemologie wahrscheinlicher Vorgang.) (de Shazer, 1984, S. 13)
Wir wissen zwar nicht, was zuerst kam – der Wechsel der Metaphern für Therapie oder die Art, wie das BFTC-Team mit der Klientel arbeitete (vermutlich war es an verschiedenen Tagen unterschiedlich, bis sich ihre Neubeschreibungen herauskristallisierten) –, doch wir wissen, dass diese begrifflichen Verschiebungen eine ganz andere Art bedeuteten, über therapeutische Interaktionen nachzudenken und auf das zu antworten, was Klientinnen und Klienten sagten. Wenn eine Familie oder eine Person nun beispielsweise „Widerstand“ zeigte, bedeutete das nicht mehr, dass sie sich der Veränderung widersetzte – der alte Begriff. Vielmehr wurde der scheinbare Widerstand nun als kooperativer Versuch der Familie oder der Person verstanden, der therapierenden Person mitzuteilen, dass sie (wissentlich oder unwissentlich) eine wenig nützliche Idee geäußert hatte – darüber, was das Problem sei, was ihrer Meinung nach gut für die Familie wäre oder was die Familie tun sollte, um das Problem zu lösen. Indem man dies als „Kooperieren“ bezeichnete, wurde das Verhalten nun als kommunikatives Signal der Familie verstanden – und beantwortet –, das anzeigte, dass die therapierende Person mit ihrer Arbeit vom Weg abgekommen war und ihr Verhalten ändern musste, das heißt, weiterhin so auf die Familie eingehen musste, dass sie einen Weg fand, mit der Familie zu kooperieren. Der scheinbare Widerstand wurde daher nicht mehr als Zeichen einer Pathologie in einer Familie gesehen, die das Problem und den Status quo bewahren muss.
Sobald die Therapierenden am BFTC begannen, Homöostase und Widerstand als nützliche Mittel zu verwerfen, um zu verstehen und zu entscheiden, was in der Therapie zu tun sei, und die Antworten der Familie stattdessen als Versuche des Kooperierens sahen, verstärkte dieser Perspektivwechsel die Veränderung im Verhalten der Therapierenden gegenüber der Klientel und veränderte damit die Interaktionsmuster im therapeutischen Ökosystem (d. h. in der Familientherapie-als-System). Die Praxis am BFTC hatte sich also verändert: Es waren neue Interaktionsmuster entstanden, die neue Begriffe und Theorien erforderten, damit die neuen Interaktionsmuster genauer beschrieben werden konnten. Dies wiederum beeinflusste die Gestaltung neuer Forschungsprojekte, die ihrerseits die laufende Theorie und Praxis beeinflussten. Auf diese Weise standen Praxis, Theorie und Forschung im Theorieentwicklungsprojekt am BFTC in einem rekursiven Verhältnis zueinander.
In dieser Zeit entwickelte de Shazer auch seine binokulare Theorie der Veränderung im therapeutischen Ökosystem, die direkt auf Maruyamas (1963, S. 166) Begriff der Morphogenese in interagierenden Systemen zurückgriff. Maruyama definierte Morphogenese folgendermaßen:
Wenn ein System in die richtige Richtung angestoßen wird und einen ausreichenden Anfangsimpuls erhält, übernehmen die abweichungsverstärkenden wechselseitigen positiven Rückkopplungen den Prozess, und die daraus resultierende Entwicklung fällt im Vergleich zum anfänglichen Anstoß unverhältnismäßig groß aus (zitiert nach De Shazer, 1982a, S. 96).
De Shazer stellte die theoretische These auf, dass die therapierende Person und das Team am BFTC Veränderung in Klientensystemen in Gang setzten, indem sie die Morphogenese durch die Gestaltung und Übermittlung der „Intervention“ am Ende der Therapiesitzung nutzbar machten (de Shazer, 1982a. S. 7-15). Die Idee war, dass die Familie eine bestimmte Sicht auf „das Problem“ und auf das Geschehen in der Familie hatte. Die therapierende Person und das Team entwickelten eine andere Sicht, die sich unterschied, aber verwandt genug war, um mit der Sicht der Familie zu kooperieren. Das Team gab dann seine Sicht in der Rückmeldung an die Familie am Ende der Sitzung wieder. Aus dem Unterschied zwischen den beiden Sichtweisen ergab sich ein Zugewinn. Dieser Zugewinn war laut de Shazer derselbe, der entsteht, wenn die unterschiedlichen Sichten auf die Welt verschmelzen, wenn das Bild des linken Auges mit dem des rechten Auges zusammengeführt wird: Es entsteht Tiefe. Er nannte dies die binokulare Theorie der Veränderung.11 Lange Zeit war dies der zentrale Begriff, nach dem die Therapiesitzungen am BFTC organisiert wurden. Die Aufgabe der therapierenden Person bzw. der Gesprächsführung („conductor“) bestand darin, die Familie zu befragen und eine detaillierte Beschreibung dessen zu erstellen, was geschah, wenn das Problem auftrat. Gesprächsführung und Team kamen dann zusammen und formulierten eine Interventionsbotschaft für die Familie, die der Beschreibung der Familie so nahe wie möglich kam, aber einige Unterschiede aufwies. Ziel war es, eine „passende“ (matching) Beschreibung der Schwierigkeiten der Familie zu schaffen – nah genug, von de Shazer „isomorph“ genannt, um von der Familie als ihre eigene erkannt und angenommen zu werden, und doch verschieden genug, um im Zusammenführen mit der leicht abweichenden Sicht der Familie einen bedeutsamen, Veränderung auslösenden Unterschied zu erzeugen. Die Begriffe „Isomorphie“ und „Passung“ (match) waren die ordnenden Prinzipien dafür, wie die Gespräche zu führen und diese passenden, isomorphen Interventionsbotschaften zu formulieren seien. Damals lautete de Shazers Theorie, dass es die Interventionsbotschaft mit den darin enthaltenen Aufgaben war, genauer gesagt die Reaktionen der Familien auf die Aufgaben, die Veränderung förderten. Das Team am BFTC nannte diese Aufgaben „clues“ (Hinweise). Ein solcher Hinweis konnte alles Mögliche sein: von spezifischen Verhaltensaufgaben und Experimenten über indirekte Ericksonsche „Einstreutechniken“ bis hin zum bloßen Erzählen einer Geschichte darüber, wie andere Familien mit ähnlichen Problemen ihre Probleme gelöst hatten, oder einfach zu einer pessimistischen Haltung gegenüber dem Ergebnis der Therapie.12
Wir halten es für wichtig zu betonen, dass das in diesen ersten vier Jahren am BFTC entwickelte Modell ein Problemlösungsmodell war, das fest auf systemischem Denken aufbaute und mit Ericksonschen Ideen durchsetzt war. Detaillierte Beschreibungen des Problems und der Interaktionsmuster rund um das Problem galten als notwendig, um zielgerichtete Aufgaben zu entwickeln, die die problematischen Interaktionsmuster in den Familien verändern und ihre Probleme lösen würden.
Auch wenn es in de Shazers Schriften schon früher Andeutungen gibt, sind wir der Überzeugung, dass sich in dieser Phase von 1978 bis 1982 ein neues Axiom über Veränderung herauskristallisierte, das in de Shazers Werk fortan stets eine herausragende Rolle spielte:
Axiom 3
Veränderung ist der Zweck der Begegnung zwischen therapierender Person und Klientel.
Axiom 3 mag allen simpel und selbstverständlich erscheinen. Das ist es nicht. Indem de Shazer Therapie als veränderungsförderndes System hervorhebt, grenzt er seinen Fokus von all jenen Therapien ab, die sich auf Wesen und Erfassung der Schwierigkeiten der Klientel als Vorstufe der Behandlung konzentrieren. Wie er selbst es formulierte: „Was die frühen Konzeptualisierer und die Therapeuten seither nicht erkannt haben, ist, dass ‚die Untersuchung der Familie‘ und ‚die Untersuchung der Familientherapie‘ Untersuchungen unterschiedlicher logischer Typen sind. Erstere ist eine Untersuchung von Stabilität, Letztere eine Untersuchung des Sich-Veränderns“ (de Shazer, 1982a, S. 4). Dieses Axiom macht auch deutlich, warum sich lösungsfokussiert arbeitende Therapierende nicht für das Problem oder die Ursachen des Problems interessieren, und welche enormen Unterschiede dies in der Praxis im Vergleich zu fast allem anderen in der Welt der Psychologie und Psychiatrie mit sich bringt.
Axiom 4
Veränderung der Klientel durch Therapie geschieht durch beobachtbare Interaktionen, in denen die therapierende Person Wege findet, mit der Klientel zu kooperieren.
Wie wir weiter oben in diesem Abschnitt beschrieben haben, bemerkten de Shazer und sein Kreis, dass Klientinnen und Klienten in den Therapieräumen des BFTC – statt Widerstand zu leisten – mit den Therapierenden zusammenzuarbeiten schienen, um Veränderung herbeizuführen. Diese Beobachtung, verbunden mit seinem bereits im Entstehen begriffenen interaktionellen Fokus auf das System aus Klientel und Therapierenden, veranlasste de Shazer, viele etablierte Begriffe der Familientherapie infrage zu stellen und zu verwerfen, und unterschied dadurch die Art, wie am BFTC Therapie gemacht wurde, weiterhin von vielen anderen familientherapeutischen Einrichtungen, damals wie heute.
Von der Problemlösung zur Lösungsentwicklung: wie es begann. 1982 kam eine Familie mit 27 Problemen in Therapie (beschrieben in Hopwood & de Shazer, 1994). Am Ende der Sitzung, als es Zeit war, eine Pause einzulegen und eine Interventionsbotschaft zu formulieren, war keines der Probleme detailliert genug beschrieben worden, um eine isomorphe Botschaft zu formulieren.
So formulierten die therapierende Person und das Team, gemäß dem Verständnis Ericksonscher Prinzipien bei de Shazer und dem BFTC-Team,13 eine vage Aufgabe, die später „Formelaufgabe der ersten Sitzung“ (formula first session task, FFST)14 genannt wurde, und übermittelten sie der Familie am Ende der Sitzung:
Bis zu unserem nächsten Treffen möchten wir [möchte ich], dass Sie beobachten – damit Sie es uns (mir) beim nächsten Mal erzählen können –, was in Ihrer [eines auswählen: Familie, Ihrem Leben, Ihrer Ehe, Ihrer Beziehung] geschieht, von dem Sie möchten, dass es weiterhin geschieht (Hopwood & de Shazer, 1994, S. 558, zitiert nach de Shazer, 1985, S. 137).
Hopwood und de Shazer (1994) beschrieben, was dann geschah:
Als die Familie zwei Wochen später wiederkam, waren meine [de Shazers] Kolleginnen und Kollegen und ich überrascht, als die Familie 27 verschiedene Dinge beschrieb, die geschehen waren und von denen sie wollten, dass sie weiterhin geschehen. 25 der 27 standen in direktem Zusammenhang mit den 27 Anliegen, die in der ersten Sitzung aufgezählt worden waren. Auf Nachfrage sagten die Familienmitglieder, sie hielten das Problem, das sie in die Therapie geführt hatte, für gelöst, und deshalb seien keine weiteren Sitzungen nötig (S. 558).
In den anschließenden Diskussionen am BFTC bemerkte jemand, dies sei ein sehr interessanter Fall, weil die Familie die Aufgabe erledigt hatte und die Aufgabe nützlich gewesen war; das heißt, es war Veränderung geschehen, und das Wichtigste und Interessanteste war, dass die therapierende Person und das Team keine Ahnung hatten, welches der 27 Probleme durch die Aufgabe angegangen worden war. Diese Tatsache sollte schließlich zu einer radikal neuen Frage führen: Ist es möglich, ein Problem zu lösen, ohne zu wissen, was das Problem ist? Eine weitere sehr wichtige und interessante Sache war, dass diese Familie mit vagen Problemen über konkrete Dinge berichtet hatte, die geschehen waren.
Das veranlasste uns, die Formelintervention auch in anderen Fällen einzusetzen, in denen die Klienten vage Ziele und Beschwerden beschrieben. Fall um Fall wurden konkrete und spezifische Veränderungen in der Woche zwischen der ersten und der zweiten Sitzung berichtet. Das gab den Anstoß zu einer systematischeren Untersuchung, …. (de Shazer 1985. S. 138).
In der darauffolgenden systematischeren explorativen Studie wurden die Therapierenden am BFTC angewiesen, allen Klientinnen und Klienten und Familien am Ende der ersten Sitzung die FFST-Aufgabe zu geben, unabhängig davon, was im Gespräch geschehen war, es sei denn, die therapierende Person hatte einen sehr guten Grund, darauf zu verzichten. Gab die therapierende Person die FFST nicht, musste sie begründen, warum. Vierundsechzig Prozent der neuen Fälle erhielten die Aufgabe. Neunundachtzig Prozent dieser Fälle berichteten, in der Zeit zwischen der ersten und der zweiten Sitzung etwas Lohnendes bemerkt zu haben, und zwei Drittel sagten, es gehe ihnen besser (de Shazer, 1985, S. 155).
Die Ergebnisse dieser Forschung schufen ein großes theoretisches Problem. Die binokulare Theorie der Veränderung im ökosystemischen Modell der Kurzzeittherapie (de Shazer, 1982a) verlangte, dass das Team eine isomorphe Beschreibung des Problems der Familie erstellte, die der Sicht der Familie entsprach. Dies war notwendig, um das Schloss der verschlossenen Tür des Problems zu öffnen und es zu lösen. Es war undenkbar, dass die FFST zu den Beschreibungen ihrer Probleme und Beschwerden von zwei Dritteln der Klientinnen, Klienten und Familien passen und mit ihnen isomorph sein konnte. De Shazer erkannte darin eine Anomalie, also einen Fall, in dem die Daten nicht zur Theorie passen, und stellte fest:
Wie Kuhn (1970) [in The Structure of Scientific Revolutions] gezeigt hat, entstehen Anomalien, und entweder müssen sie innerhalb einer bestehenden Theorie neu beschrieben werden, oder die Theorie muss sich ändern, damit eine Beschreibung möglich wird (1988, S. xiv).
Vor die Wahl gestellt, die Beobachtungen aus der BFTC-Studie zur FFST entweder innerhalb ihrer bestehenden ökosystemischen Theorie von Problemlösung, Isomorphie und Passung neu zu beschreiben oder die bestehende Theorie ändern zu müssen, entschied sich de Shazer für Letzteres. Er begann, an den Theorien zu zweifeln, die er 15 Jahre lang entwickelt hatte, und fing an, neue Begriffe und theoretische Beschreibungen zu entwickeln.
Von Isomorphie und Passung (match) zum Fit. Die 1982 begonnene Verschiebung erschien erst drei Jahre später im Druck. Erst mit der Veröffentlichung von Keys to Solution in Brief Therapy im Jahr 1985 legte de Shazer eine ganz andere Beschreibung dessen vor, was er nun in den Therapieräumen des BFTC geschehen sah:
Während das BFTC-Team weiter zusammenarbeitete und sich eine eigene, unverwechselbare Philosophie entwickelte, vollzog sich eine Verschiebung: weg von unserem Interesse an ‚Problemen/Beschwerden und wie man sie löst‘ hin zu ‚Lösungen und wie sie funktionieren‘. Wir betrachteten, was sich auf der anderen Seite der verschlossenen Türen befindet, und begannen herauszufinden, wie die Klienten und wir dorthin gelangt waren (de Shazer, 1985, S. 44-45).
Die Metapher der verschlossenen Tür war zentral in de Shazers Buch von 1985. Das Problem der Klientel wurde metaphorisch als Raum mit einer Reihe verschlossener Türen beschrieben, von denen jede zu einer Lösung führen könnte. Bevor die Verschiebung 1982 einsetzte, konzentrierte sich die Therapie darauf, das Schloss (das Problem) so zu verstehen, dass sich eine der Türen öffnen ließ. Die therapierende Person musste eine isomorphe Beschreibung des Problems erstellen, die derjenigen entsprach, die die Familie bereits hatte, jedoch mit kleinen Unterschieden, sodass aus dem Zusammenführen beider neue Möglichkeiten entstehen konnten (die binokulare Theorie der Veränderung). Mit den Ergebnissen der Studie zur FFST mussten die Begriffe Passung und Isomorphie aufgegeben werden. Interventionen mussten nicht mehr isomorph und passgenau sein. Sie mussten nur noch passen (fit):
Wir hatten „Probleme: Beschwerden und wie man sie löst“ betrachtet, während der Begriff des Fit eher nahelegt, dass wir „Lösungen und wie sie funktionieren“ betrachten müssen. Und wir müssen nicht wissen, wie ein bestimmtes Schloss (eine Beschwerde) gebaut ist, um eine Intervention nach Art eines Generalschlüssels zu finden, die so passt, dass sie die Tür zu einer „besseren“, befriedigenderen Zukunft für die Klientin oder den Klienten öffnet (Nunnally et al., 1986, S. 95).
Die Veränderung des Gesprächsprozesses. Die Verlagerung des theoretischen Fokus von Problemen und ihrer Lösung hin zu Lösungen und ihrer Funktionsweise führte im Laufe der Zeit zu grundlegenden Veränderungen im Gesprächsprozess und in der Art der Informationen, die in den Gesprächen erfragt und verstärkt wurden. Dieser Prozess hatte mit der Erfindung der FFST begonnen, denn sobald diese Aufgabe am Ende einer Sitzung gegeben worden war, knüpfte das Team am BFTC in der nächsten Sitzung mit Fragen daran an, was die Klientel entdeckt hatte, von dem sie wollte, dass es in ihrem Leben weiterhin geschieht. Diese Fragen waren neu. De Shazer schrieb über diese Veränderung Folgendes:
Während meine Kolleginnen und Kollegen und ich am Brief Family Therapy Center (BFTC) die Lösungsentwicklung weiter untersuchen, sind wir durch unsere Analysen gezwungen worden, den Prozess des Gesprächs immer genauer zu betrachten. Wir stellten fest, dass es nicht mehr genügte, unsere (vielleicht allzu) einfache Vorstellung zu verwenden, das Gespräch führe zur Interventionsstrategie und damit zur Aufgabe. Offensichtlich gibt es lösungsbezogene Dinge, die Klient und Therapeut während der Sitzung tun. (de Shazer, 1988, S. xiii).
Etwas weiter fuhr er fort:
Aus mehreren Gründen mochte ich diese Verschiebung des Fokus nicht (und mag sie immer noch nicht), aber unsere Untersuchung der Lösungsentwicklung hat sie mir aufgezwungen. Dies ist das zweite Mal, dass eine unserer Untersuchungen eine grundlegende Verschiebung unseres Ansatzes erzwungen hat (siehe de Shazer, 1985). Solche Verschiebungen sind normale Bestandteile jedes Erkundungsprozesses: Man folgt dorthin, wohin die Daten führen (De Shazer, 1988, S. xiv).
De Shazer sagte nicht ausdrücklich, was ihm an der Verschiebung des Fokus hin zu den „lösungsbezogenen Dingen, die Klient und Therapeut während der Sitzungen tun“, nicht gefiel. Vielleicht hing er noch an den eleganten Zusammenfassungen und genialen Aufgaben, die er den Familien am Ende der Sitzungen angeboten hatte. Vielleicht empfand er es als entmutigende Aufgabe, dem Chaos und der Komplexität einer Therapiesitzung einen Sinn abzugewinnen und sich daran zu machen, zu beschreiben und zu theoretisieren, wie diese „lösungsbezogenen Dinge“ in der Interaktion im Therapieraum tatsächlich geschehen. Wie dem auch sei, er entschied sich, den Daten zu folgen. Folglich begann das Team am BFTC nun, nach Interaktionsmustern rund um gelingende Lösungsentwicklung zu suchen. Als sich das Team stärker auf den Gesprächsprozess konzentrierte, sah es Dinge geschehen, die ihm zuvor nicht aufgefallen waren. Neben der Erfindung und fortgesetzten Einbeziehung der FFST und des daran anschließenden Nachfragens erfand es das Erfragen von Ausnahmen und von Veränderungen vor der ersten Sitzung (pre-session change). Diesen drei Phänomenen war gemeinsam, dass sie Beschreibungen von besseren Dingen im Leben der Klientel waren. Mit anderen Worten: Sie alle waren Beschreibungen von Momenten, in denen die scheinbar verschlossenen Türen des Problems offen oder halb offen standen. Der einfachste Weg, die verschlossenen Türen zu öffnen und damit Veränderung zu fördern, bestand nun darin, auf den Zeiten aufzubauen, in denen es schon besser lief, das heißt herauszufinden, wie Klientinnen und Klienten Ausnahmen und Veränderungen vor der Sitzung zustande brachten, und ihnen vorzuschlagen, mehr von dem zu tun, was sie bereits taten und was für sie funktionierte.
Ausnahmen. De Shazer erwähnt „Ausnahmen“ zum ersten Mal 1985:
Obwohl man das Kind so sieht, als mache es immer ins Bett, gibt es wahrscheinlich hin und wieder einige trockene Nächte – Ausnahmen von der Regel (ein wichtiger Begriff, den der Autor, Wallace Gingerich und Michele Weiner-Davis gemeinsam entwickelt haben, um zu beschreiben, worauf der Therapeut in der ersten Sitzung hinarbeitet). Diese Ausnahmen bleiben jedoch häufig unbemerkt, weil diese Unterschiede nicht als Unterschiede gesehen werden, die einen Unterschied machen: Der Unterschied ist zu klein oder zu langsam.
Diese Ausnahmen von den Regeln des Musters sind genau die Art von Information, die der Therapeut kennen muss. Für den Therapeuten, das Kind und den Elternteil bzw. die Eltern ist es wichtig zu wissen, dass das Kind auf irgendeine (vielleicht unbewusste?) Weise weiß, wie es ein trockenes Bett haben kann (de Shazer 1985, S. 34).15
Später traf de Shazer die Unterscheidung zwischen spontanen und absichtlichen Ausnahmen:
… viele Klienten berichteten von Ausnahmen von der Regel, dass die Beschwerde immer auftritt. Einige dieser Ausnahmen beschrieben die Klienten als spontan – „es ist einfach passiert“ –, andere als Ergebnis einer bewussten Verhaltensänderung. In beiden Fällen lässt sich ihre Beschreibung so sehen, dass sie einen Unterschied enthält, der für sie noch keinen Unterschied gemacht hatte (de Shazer, 1988, S. 4).
Beschreibungen von Ausnahmen im therapeutischen Gespräch zu erarbeiten und dabei klarzustellen, ob sie spontan oder absichtlich waren, galt de Shazer und dem BFTC-Team schließlich als ein sehr nützlicher Weg, Lösungsentwicklung zu fördern. Jede Ausnahme wurde als ein Unterschied im Leben der Klientel betrachtet, der potenziell zu einem Unterschied gemacht werden konnte, der das befriedigendere Leben hervorbringt, das sich die Person wünscht. Klientinnen und Klienten, die absichtliche Ausnahmen von ihren Problemen beschreiben konnten, schlugen de Shazer und sein Kreis vor, mehr von dem Ausnahmeverhalten zu zeigen, weil sie es bereits taten und daher wussten, wie es geht. Denjenigen, die spontane Ausnahmen beschrieben, empfahl das Team, (a) darauf zu achten, wann die Ausnahmen auftraten, (b) wie sie selbst möglicherweise zu deren Auftreten beitrugen, und (c) der therapierenden Person bzw. dem Team in der nächsten Sitzung zu berichten, was sie entdeckt hatten.
Veränderung vor der Sitzung. Die Verschiebung von der Problemlösung zur Lösungsentwicklung begann mit der Erfindung der FFST. Das Team am BFTC verwendete die FFST und andere Formelaufgaben16 als wichtigste Interventionen bei der Lösungsentwicklung der Klientel, und Mitte der 1980er Jahre hatte es diese Aufgaben ausführlich beschrieben (de Shazer, 1985; de Shazer & Molnar, 1984). Lange Zeit hielten de Shazer und sein Kreis die Aufgaben am Ende der Sitzung für die entscheidenden Auslöser von Veränderung bei der Klientel. Die fortgesetzte sorgfältige Beobachtung von Therapiesitzungen führte jedoch immer wieder zu neuen Entdeckungen darüber, wie das Gespräch selbst die Lösungsentwicklung fördern könnte.
Weiner-Davis, de Shazer und Gingerich (1987) gaben eine detaillierte Beschreibung des Zufallsereignisses, das zur Entdeckung und Beschreibung der Veränderung vor der Sitzung führte:
Sie (die Mutter) vermutete, dass ihre Scheidung vor einigen Jahren eine nachhaltige Wirkung auf ihn (den 12-jährigen Sohn) gehabt habe und dass er vielleicht an einer tief verwurzelten Depression leide. Gerade als der Therapeut sich mit dem Team hinter dem Spiegel beraten wollte, erwähnte die Mutter beiläufig, dass ihr Sohn sich in den 3 Tagen vor dem Termin „in der Schule Mühe gegeben“ habe. Der Therapeut hielt einen Moment inne, zeigte sich sehr überrascht und fragte den Jungen, warum er beschlossen habe, „ein neues Kapitel aufzuschlagen“.
Zuerst schien der Junge über diese Idee verblüfft, bestätigte aber schnell, dass er tatsächlich ein neues Kapitel aufgeschlagen habe, weil er es „satthatte, immer Ärger zu bekommen“. Der Rest der Sitzung war der Frage gewidmet, was der Junge tun müsse, um an seinem Vorsatz festzuhalten. Die Therapieziele wurden innerhalb von drei Sitzungen erreicht. (S. 359).
Das Team am BFTC erinnerte sich daraufhin an andere Klientinnen und Klienten, die von Verbesserungen zwischen dem Anruf zur Terminvereinbarung und der ersten Sitzung berichtet hatten. Diese Befunde führten erneut zu einem Forschungsprojekt, diesmal in der Praxis von Weiner-Davis. In dieser Studie stellten die Therapierenden 30 Familien zu Beginn der Sitzung folgende Frage:
Oft bemerken Menschen in der Zeit zwischen der Vereinbarung des Therapietermins und der ersten Sitzung, dass die Dinge schon anders zu sein scheinen. Was haben Sie an Ihrer Situation bemerkt? (Weiner-Davis et al., 1987, S. 360).
In 20 der 30 Fälle antwortete der in der Sitzung anwesende Elternteil, dass sich die Dinge bereits in Richtung dessen verbessert hätten, was sie sich von der Therapie wünschten. Wie bei der Entdeckung von Ausnahmen in der ersten Sitzung richtete sich die Therapie in diesen Fällen folglich darauf, die Veränderung aufrechtzuerhalten, statt zu versuchen, sie in Gang zu setzen. De Shazer und sein Kreis schrieben Folgendes darüber, wenn Klientinnen und Klienten in ersten Sitzungen von Ausnahmen, Veränderungen vor der Sitzung oder sonstigen nützlichen Veränderungen berichteten: „Wir stellten fest, dass wir dann daran arbeiteten, diese Veränderungen in Gang zu halten, und dass dieses Vorgehen zu größerer Zufriedenheit der Klienten und zu weniger Sitzungen pro Klient führte“ (Nunnally et al., 1986, S. 90).
Das Bemerken des Vorhandenseins von Ausnahmen und Veränderungen vor der Sitzung und die anschließende Erfindung der entsprechenden Begriffe veränderten die Art, wie am BFTC Gespräche geführt wurden. Die Therapierenden begannen, Veränderung in Form von Ausnahmen und Veränderungen vor der Sitzung immer früher in der ersten Sitzung zu erkunden. Da diese Suche bereits zu Beginn der ersten Sitzung einsetzen konnte, bedeutete dies zudem:
… Therapeut und Klient konstruieren eine therapeutische Wirklichkeit, die auf fortlaufender Transformation oder Veränderung beruht (wie jede Ausnahme belegt), statt darauf, Veränderung in Gang zu setzen. Wenn Ausnahmen festgestellt werden, enthält die Hausaufgabe in der Regel den Gedanken, dass der Klient mehr von dem tun sollte, was er bereits tut, statt ihm vorzuschlagen, etwas Neues zu tun (de Shazer, 1988, S. 5).
Eine interessante Randbemerkung, die erneut zeigt, wie revolutionär die sich entwickelnden Ideen und Praktiken des BFTC in den 1980er Jahren waren: Bereits 1978 schrieb und präsentierte Don Norum, der zur selben Zeit wie de Shazer und Berg bei Family Services in Milwaukee arbeitete, einen Aufsatz mit dem Titel „The Family has the Solution“. Der Aufsatz handelte davon, wie Veränderung vor der Sitzung genutzt werden kann, um eine tragfähige Lösung zu schaffen. Er wurde von den Gutachtenden der Zeitschrift Family Process als Unsinn abgelehnt (Kiser 1995, S. 263-264). Der Aufsatz wurde schließlich 22 Jahre später veröffentlicht (Norum, 2000).
Die Kristallkugeltechnik und die Wunderfrage. Wie Milton Erickson war de Shazer der Ansicht, dass Kurzzeittherapie um die Ziele der Klientel herum organisiert sein sollte. Und obwohl sich de Shazers Begriff der „Ziele“ zusammen mit seiner therapeutischen Praxis und seinen theoretischen Beschreibungen weiterentwickelte, war er auch der Meinung, dass die Ziele der Klientel so spezifisch, konkret, verhaltensbezogen und realistisch wie möglich sein sollten (de Shazer, 1985, S. 9; 1990, S. 97). Doch wie er 1985 schrieb:
Die Realität ist, dass Klienten oft mit vagen und/oder einander ausschließenden Zielen kommen oder mit Zielen, die sie nicht beschreiben können. Die schwierigste und verwirrendste Variante davon ist sogar, dass manche Menschen nicht wissen, woran sie erkennen werden, dass ihr Problem gelöst ist. Ohne realistische Ziele, ohne eine Möglichkeit, Erfolg zu messen, können Menschen in dieser Welt umherirren, gefangen im Morast vergangener Fehler und widriger Umstände.
Ericksons Kristallkugeltechnik und die Wunderfrage des BFTC waren therapeutische Praktiken, die Klientinnen und Klienten helfen sollten, nützlichere Ziele zu entwickeln und zu beschreiben, als sie zu Beginn der Therapie hatten.
Die Kristallkugeltechnik war die Vorläuferin der Wunderfrage. Erickson beschrieb den Einsatz der Kristallkugeltechnik bei einer Vielzahl von Problemen (Erickson, 1954, S. 261-283). De Shazer begann Mitte der 1970er Jahre, seine Version der Kristallkugeltechnik anzuwenden (de Shazer, 1978a), bei der die Person in Trance sich mehrere verschiedene Kristallkugeln vorstellte, in sie hineinblickte und beschrieb, was sie sah (1985, S. 81-83). Zwei der Kugeln betrafen Erinnerungen an die Vergangenheit, „eine angenehme Erinnerung, die vor langer Zeit vergessen wurde“, und eine Erinnerung an „ein kürzliches, aber erstaunlicherweise vergessenes Ereignis“. In beiden Fällen wurde die Person gebeten (und damit angeleitet), ihr eigenes Verhalten zu beobachten und wie andere darauf reagierten. Zwei weitere Kristallkugeln waren auf die Zukunft ausgerichtet, die eine auf die erfolgreiche Lösung des Problems, die andere darauf, wie das Problem gelöst wurde. De Shazer fasste die Bedeutung dieser Technik zusammen:
Die Kristallkugeltechnik dient dazu, den Klienten in eine erfolgreiche Zukunft zu versetzen: Die Beschwerde ist verschwunden. Ich habe festgestellt, dass es schon genügen kann, den Klienten oder die Klientin in Trance seine oder ihre Zukunft in einer Kristallkugel oder einer Reihe von Kristallkugeln betrachten zu lassen, um anderes Verhalten anzustoßen und damit zu einer Lösung zu führen (de Shazer, 1978a). Die Ideen hinter der Technik lassen sich auch in klinischen Situationen nutzen, die keine formelle Trance beinhalten. So oder so konstruiert der Klient seine eigene Lösung, die dann zur Steuerung der Therapie genutzt werden kann. Meiner Ansicht nach bilden die Prinzipien hinter dieser Technik die Grundlage für eine Therapie, die auf Lösungen statt auf Problemen beruht (1985, S. 81).
Vor allem wurden zwei der Kristallkugeln in die neuen lösungsentwickelnden Gespräche übernommen. Sie verwandelten sich in die Bitte an die Klientel, sich an „einen Erfolg im Leben, insbesondere einen, der eine Ausnahme von den Regeln rund um die Beschwerde darstellt“, zu erinnern, und in die Frage: „Wie werden die Dinge für Sie und andere sein, wenn das Problem gelöst ist?“ (de Shazer, 1985, S. 82-83).
In seiner theoretischen Reflexion darüber, wie der Einsatz der Kristallkugeltechnik in Therapiesitzungen Veränderung bei der Klientel fördern könnte, stützte sich de Shazer auf zwei verschiedene Theorien: 1) Bergers Expectation States Theory (Berger et al., 1977) und 2) Axelrods Theorie der Kooperation (1984). Beide Theorien wurden durch experimentelle Forschung gestützt. Zur Expectation States Theory schrieb de Shazer (1985, S. 74), sie befasse sich „sowohl damit, wie interaktionelle Situationen Muster entwickeln und aufrechterhalten, als auch damit, wie sich die erwartungserhaltenden Verhaltensweisen verändern“. De Shazer erklärte, dass Klientinnen und Klienten in die Therapie kommen, weil ihre Versuche, ihre Probleme zu lösen, gescheitert sind und sie Erwartungen an die Zukunft entwickelt haben, die besagen, dass nur immer mehr vom selben „verdammten Ding“ geschehen wird. Er stellte dann fest, dass Therapie diese negativen Erwartungen verändern kann:
Eine Veränderung in der Struktur dieser [problemgesättigten] Erwartungen tritt ein, wenn sich die Bedingungen auf irgendeine Weise ändern, …. Rückmeldung oder Bewertung durch eine autoritative Quelle wie einen Therapeuten kann diese Erwartungen untergraben und so Verhaltensänderungen, andere Ergebnisse und die Entwicklung neuer Erwartungen fördern (Berger et al., 1977). Natürlich werden auch diese neuen Erwartungen sich selbst erhalten, und die Klienten haben die Chance auf ein befriedigenderes Leben (de Shazer, 1985, S. 75).
De Shazer sah die Kristallkugeltechnik also als Möglichkeit, Klientinnen und Klienten dazu zu bringen, neue und andere Erwartungen an die Zukunft zu beschreiben: Erwartungen, die Probleme, die sie in die Therapie geführt hatten, erfolgreich gelöst zu haben.
Der Nutzen von Axelrods Theorie und Forschung für de Shazers Projekt, zu beschreiben, wie Therapie im Allgemeinen und die Kristallkugeltechnik im Besonderen zu wirken scheinen, lässt sich am besten ermessen, wenn man de Shazers Definition von Therapie Mitte der 1980er Jahre betrachtet. Damals definierte er Therapie mit diesen Worten: „Am BFTC definiert die klinische Praxis Therapie als kooperativ, als auf Veränderung und Lösungen ausgerichtet und als auf Gegenwart und Zukunft fokussiert“ (de Shazer, 1985, S. 79). Zur selben Zeit, als de Shazer Therapie als interaktiven Prozess beschrieb, in dem das therapeutische System aus therapierender Person, Klientel und Team gemeinsam auf die Ziele der Klientel hinarbeitet, erforschte Axelrod, unter welchen Bedingungen Kooperation zwischen interagierenden Beteiligten von Vorteil war. Wie oben für Phase 2 beschrieben, hatte de Shazer den Begriff des Widerstands der Klientel durch die Vorstellung von Klientinnen und Klienten ersetzt, die zu kooperieren versuchen. Axelrods Experimente lieferten starke Belege dafür, dass Kooperation langfristig die Strategie ist, die zu den besten Ergebnissen führt, selbst in den kompetitiven Spielsituationen, die er untersuchte. De Shazer (1985, 73) wies auf die Relevanz von Axelrods Befunden für die therapeutische Situation hin und zitierte Axelrod: „… wechselseitige Kooperation kann stabil sein, wenn die Zukunft im Verhältnis zur Gegenwart hinreichend wichtig ist“ (Axelrod, 1984, S. 126). In der Kristallkugeltechnik sah de Shazer die therapierende Person und das Team mit der Klientel kooperieren, um eine Beschreibung und ein Erleben einer gewünschten Zukunft zu konstruieren. Die gewünschte Zukunft war natürlich unmittelbar relevant und wichtig für die problemgesättigte Gegenwart der Klientel, die sie vermutlich verändern wollte, als sie in die Therapie kam.
Die Wunderfrage, vom Zweck her der Kristallkugeltechnik ähnlich, wurde 1984 von Insoo Kim Berg erfunden (De Jong & Berg, 2013, S. 90-91; Korman, persönliche Mitteilung von Steve de Shazer, 1990). Berg versuchte, eine Frau mit vielen komplexen Beschwerden dazu zu bringen zu beschreiben, woran sie erkennen würde, dass sie keine Therapie mehr brauchte. Die Klientin mühte sich mit den Fragen ab, fand aber keine Antworten. Etwa 20 bis 25 Minuten nach Beginn der Sitzung seufzte die Frau tief und sagte: „Meine Probleme sind so ernst, dass es ein Wunder bräuchte, um sie zu lösen.“ Berg griff die Worte der Klientin auf und fragte: „Angenommen, dieses Wunder geschieht, aber es geschieht, während Sie schlafen, sodass Sie nicht wissen können, dass es geschehen ist. Wie werden Sie nach dem Aufwachen entdecken, dass es geschehen ist? Was wird anders sein?“ Die Frau beschrieb daraufhin 16 Verhaltensweisen, die für sie Zeichen dafür wären, dass das Wunder geschehen war, und damit Hinweise darauf, dass sie keine Therapie mehr brauchte.17 Die Mitglieder des BFTC-Teams hielten die Wunderfrage für bedeutsam, und alle Therapierenden wurden gebeten, sie zu verwenden. Lipchik et al. (2012, S. 15) schrieben in ihrem Rückblick auf die Entwicklung der SFBT: „… bald wurde deutlich, dass die Wunderfrage der Therapie eine neue Dimension hinzufügte: eine Zukunftsorientierung und die Möglichkeit für Menschen, auf ihren Hoffnungen und Träumen von Lösungen aufzubauen, nicht nur auf vergangenen und gegenwärtigen Stärken und Ressourcen.“
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass de Shazer Mitte der 1980er Jahre das Problem der Klientel als Raum mit verschlossenen Türen beschrieb und die Rolle der Kristallkugeltechnik (und damit auch der Wunderfrage) als nützlichen Ausweg:
… der nützlichste Weg, um zu entscheiden, welche Tür sich öffnen lässt, um zu einer Lösung zu gelangen, besteht darin, eine Beschreibung dessen zu erhalten, was der Klient anders tun wird und/oder welche Dinge anders geschehen werden, wenn das Problem gelöst ist, und so die Erwartung einer heilsamen Veränderung zu wecken. Die Sprache des Klienten, wenn er einige alternative Zukünfte beschreibt, und die Einzelheiten der Unterschiede nach der Lösung scheinen wichtiger zu sein als die Einzelheiten über den verschlossenen Raum der Beschwerde. Mit möglichen alternativen Zukünften vor Augen kann sich der Klient dem Therapeuten anschließen, um gemeinsam eine tragfähige Reihe von Lösungen zu konstruieren (1985, S. 46).
Immer wieder kam de Shazer, wenn er über Ziele, die Kristallkugeltechnik und die Wunderfrage sprach, auf Bergers Theorien zurück. Er glaubte, dass es die Erwartung einer eintretenden Veränderung war, die Veränderung geschehen ließ:
Wenn ein Ziel festgelegt wird, beginnt sich die Erwartung einer anderen, befriedigenderen Zukunft zu entwickeln, und Verhaltensänderungen in der Gegenwart werden möglich. Die Zukunft wird für die Gegenwart bedeutsam gemacht; so können das Ziel und die Folgen seines Erreichens das, was als Nächstes geschieht, „bestimmen“ oder gestalten (de Shazer, 1985, S. 94).
Interessanterweise schrieb de Shazer zur selben Zeit, als er sein Denken über die Kristallkugeltechnik und die Wunderfrage als Möglichkeit entwickelte, mit der die Klientel eine gewünschte (veränderte) Zukunft konstruieren und erleben kann, auch über die am Ende einer Sitzung gegebenen Hausaufgaben („Interventionen“) als nützlichen Weg, um Klientinnen und Klienten Veränderung erleben zu lassen:
Unsere Bemühungen zu verstehen, wie die oben beschriebenen Interventionen wirkten [die Verfassenden hatten in ihrem Aufsatz „4 nützliche Interventionen“ beschrieben], zeigten, dass sie eine Eigenschaft gemeinsam haben: Jede versucht auf irgendeine Weise, den Klienten zu helfen, Sich-Verändern zu erleben (de Shazer & Molnar, 1984, S. 303).
Nach de Shazer schienen also Mitte der 1980er Jahre therapeutische Praktiken, die es der Klientel ermöglichten, Veränderungen zu erleben, zur Lösungsentwicklung beizutragen, indem sie die problemgesättigten Erwartungen, die sie zu Beginn der Therapie hatte, in Erwartungen an ein befriedigenderes Leben verwandelten.
Die Entwicklung einer Theorie lösungsentwickelnder Gespräche: die Karten des Kurztherapeuten. Bis 1988 und der Veröffentlichung seines dritten Buches, Clues: Investigating Solutions in Brief Therapy, setzte de Shazer die Verlagerung seines Fokus auf die gewachsene Bedeutung des Gesprächsprozesses selbst für die Lösungsentwicklung fort. Auf der Grundlage fortgesetzter Beobachtung von Therapiesitzungen Mitte bis Ende der 1980er Jahre war ihm noch eindringlicher klar geworden, dass sich therapeutische Veränderung nicht allein den Interventionen in der Botschaft am Sitzungsende zuschreiben lässt. Diese Erkenntnis erschwerte sein Projekt der Theorieentwicklung. Wie er sagte: „Seien wir ehrlich, Gespräche sind ein einziges Durcheinander, und deshalb ist ihre Untersuchung ebenso unordentlich“ (1988, S. xiv). Dennoch machte er sich daran zu untersuchen, was die verschiedenen Teammitglieder in ihren lösungsentwickelnden Gesprächen gemeinsam hatten. Er schrieb: „Jedes Mitglied des BFTC-Teams hat einen anderen Stil und eine andere Art, das Modell umzusetzen. Und doch wird jedes Mitglied des Teams sagen, dass wir ‚dasselbe tun‘!“ (1988, S. xiv-xv).
Folglich machte sich de Shazer daran, „dasselbe“ zu kartieren, was die Teammitglieder am BFTC in ihren lösungsentwickelnden Gesprächen taten. Er sah dieses Projekt als Projekt der Theorieentwicklung, denn: „Theorie, wie ich den Begriff verwende, ist nicht als ‚Erklärung‘ gemeint, sondern als kohärente ‚Beschreibung‘ bestimmter Abfolgen von Ereignissen in einem bestimmten Kontext“ (1988, S. xiv). Die Abfolgen von Ereignissen, die er beschreiben wollte, waren „die verschiedenen (Gesprächs-)Pfade von der ‚Beschwerde‘ zur ‚Zielerreichung‘ und zur ‚Lösung‘, denen Fälle vorhersehbar zu folgen neigen“ (1988, S. xviii). De Shazer war sich auch bewusst, dass er bei diesem Vorhaben streng vorgehen musste: „Theoriebildung verlangt, dass die resultierende Karte ein hohes Maß an Strenge aufweist. Es genügt nicht, dass ein Schritt logisch auf den anderen folgt: Diese Schritte müssen vorhersehbar aufeinander folgen“ (1988, S. 15).
Bei der Beobachtung wurde deutlich, dass verschiedene Therapierende am BFTC oft ähnliche Entscheidungen trafen. Wenn etwa eine Klientin oder ein Klient zu Beginn einer Sitzung schilderte, dass es bereits besser gehe, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die therapierende Person mit Fragen nachhakte: was anders war, was die Person getan hatte, um die Veränderung herbeizuführen, und was sie tun müsse, um den Fortschritt aufrechtzuerhalten. Solche Entscheidungen lassen sich kartieren:
WENN: eine Ausnahme oder Veränderung vor der Sitzung beschrieben wird,
DANN: besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die therapierende Person fragt: „Wie haben Sie das gemacht?“
Viele Fälle folgten erwiesenermaßen einem ähnlichen Pfad: Problemgespräch → Erfragen von Ausnahmen → Stellen der Wunderfrage → Fragen nach Teilen des Wunders, die bereits geschehen → Beratungspause → Rückmeldung und oft eine Hausaufgabe, die der Klientel nahelegt, weiter zu tun, was sie tut, und/oder weitere Fortschritte zu beobachten und/oder zu beobachten, was sie tut, um die bereits erzielten Fortschritte aufrechtzuerhalten.
Andere Fälle verliefen auf anderen Pfaden. Eine Sitzung konnte zum Beispiel damit beginnen, dass die Person sagte, es gebe kein Problem, und trotz der Bemühungen der therapierenden Person während der gesamten Sitzung, ein Gespür dafür zu bekommen, was die Person wollte, ergab sich nichts. Bei diesem Muster war es sehr gut vorhersehbar, dass die therapierende Person die Sitzung ausschließlich mit „Komplimenten“ beenden würde (de Shazer, 1988, S. 87-88). Ebenso war vorhersehbar, dass die therapierende Person in einer solchen Sitzung nachfragen würde, ob jemand anderes die Person in die Therapie geschickt habe, wer das sei und was diese Person sich als Ergebnis der Therapie wünsche.
Die zentrale Karte (d. h. die Theorie) veränderte sich, wenn sich die Praxis am BFTC veränderte. Als zum Beispiel die Veränderung vor der Sitzung entdeckt und beschrieben worden war, veränderte dies das Muster der ersten Sitzungen, weil die Therapierenden die Sitzungen nun tendenziell mit der Suche nach bereits eingetretener Veränderung begannen. Das frühere Sprechen über das Problem zu Sitzungsbeginn trat stärker in den Hintergrund, als die Therapierenden am BFTC begannen, schon zu Beginn der Sitzung Beschreibungen von Fortschritt und Veränderung zu entwickeln und dann daran zu arbeiten, die bereits stattfindenden Veränderungen in Gang zu halten.
In seiner Reflexion über die „ZENTRALE KARTE“ schrieb de Shazer:
Infolgedessen hat uns die Struktur bzw. der Stammbaum, den wir für die Betrachtung von Gesprächen entwickelt haben, ein Werkzeug an die Hand gegeben, um die Ähnlichkeiten zwischen Gesprächen trotz ihrer scheinbaren Vielfalt diszipliniert zu beobachten und zu beschreiben. Das hat mir bei meinem Theoriebildungsprojekt geholfen, das wiederum uns geholfen hat zu verstehen, was wir eigentlich tun (1988, S. xvii).
Als sich die klinische Arbeit am BFTC veränderte und einfacher wurde, veränderten sich auch die zentrale Karte und das dazugehörige Computerprogramm. Die verschiedenen Versionen des Computerprogramms hießen „BRIEFER I“ und „BRIEFER II“ (de Shazer, 1988, S. 14-19, 41-45). Eine dritte Version, Briefer III, wurde nie veröffentlicht und hat nur auf den Computern einiger weniger Personen überlebt, auf denen noch Windows XP läuft. In Briefer III konnten zwischen 80 und 90 Prozent von de Shazers Aufgabenvorschlägen vom Programm vorhergesagt werden. Das Programm selbst enthält nur 16 Regeln (de Shazer, persönliche Mitteilung und Vorführung des Programms, Sept. 1988). Die Harry Korman gezeigte Version diente ausschließlich Forschungs- und Demonstrationszwecken. Als Harry de Shazer fragte, ob er daran gedacht habe, das Programm zu vermarkten, antwortete de Shazer, das sei zu viel Aufwand, und wenn das Programm klinisch eingesetzt werden sollte, wären die Fragen der rechtlichen Verantwortung unlösbar.
Theorien über therapeutische Veränderung. Was ist Veränderung? Diese Frage scheint einfach genug, bis man versucht, sie zu beantworten. Ist Veränderung einfach, etwas auf andere Weise zu tun? Oder ist es, anders über eine Situation zu denken, was dann anderes Verhalten anstößt? Oder ist es, heute etwas tun zu können, was man gestern nicht konnte, was dann dazu führt, sich erfolgreich zu fühlen, jemandem von dem Erfolg zu erzählen und es dann wieder tun zu können? Oder ist Veränderung all das und möglicherweise noch vieles mehr?
Nunnally et al. (1986) beschrieben in einem Artikel über therapeutische Veränderung, wie sie versuchten, verschiedene theoretische Verständnismodelle auf ihre Beobachtungen von Veränderung bei der Klientel am BFTC anzuwenden. Sie zogen in Betracht: (a) die vom MRI vorgeschlagenen Begriffe der Veränderung erster und zweiter Ordnung (Watzlawick et al., 1974), (b) den von Prigogine et al. (1972) sowie von Dell & Goolishian (1979) vorgeschlagenen Rahmen kontinuierlicher/diskontinuierlicher Veränderung, (c) die Unterscheidung zwischen Homöostase und Morphogenese (Maruyama 1963; Wilden, 1980) und d) die Begriffe der Katastrophentheorie (Thom, 1975). Die Verfassenden vom BFTC gaben an, dass keine dieser Theorien sonderlich gut zu ihrer Erfahrung oder ihren Beobachtungen passte. Stattdessen zogen sie es vor, bei dem grundlegenden Verständnis zu bleiben, das sie seit einigen Jahren vertraten: „Für uns als von Milton Erickson beeinflusste Kurztherapeuten ist es vielleicht am einfachsten, ‚Veränderung‘ als … alles zu betrachten, was geschieht und das Leben des Klienten befriedigender macht, und es dabei bewenden zu lassen“ (Nunnally et al., 1986, S. 88). Darüber hinaus vertraten viele Therapierende am BFTC seit Langem eine buddhistische Sicht der Veränderung, „… dass Veränderung beständig ist und Stabilität eine Illusion“. Diese buddhistische Sicht passte durchaus zu ihren Beobachtungen, dass Klientinnen und Klienten von Veränderung vor der Sitzung, von Ausnahmen von Problemen und von Fortschritten zwischen den Sitzungen berichteten. Wie sie schrieben: „Wir … arbeiteten daran, diese Veränderungen in Gang zu halten, und … dieses Vorgehen führte zu größerer Zufriedenheit der Klienten und zu weniger Sitzungen pro Klient“ (Nunnally et al., 1986, S. 90).
Ungeachtet all der verschiedenen Theorien über Veränderung gilt also: Veränderung ist für die Klientel entweder befriedigend oder nicht. Letztlich kamen die Verfassenden vom BFTC daher zu folgendem Schluss über Veränderung:
Jedes Verhalten, das als neu oder anders gesehen wird, kann als Teil der therapeutischen Konstruktion einer Lösung genutzt werden. Es muss sich nicht um ein Stück Verhalten handeln, das als Teil des Beschwerdemusters gesehen wird. Selbst wenn das neue Verhalten erstmals vor der ersten Therapiesitzung auftrat, kann es als Beginn der Lösung bezeichnet werden. So kann jeder Unterschied zu einem Unterschied entwickelt werden, der einen Unterschied macht, solange das neue Verhalten (oder das neu wahrgenommene Verhalten) „sakramental“ ist, d. h. [vom Klienten] als „äußeres und sichtbares Zeichen der Veränderung“ wahrgenommen wird.
Offensichtlich muss jede Theorie klinischer Veränderung den Einfluss des Beobachters einbeziehen, d. h. den Heisenberg-Haken. Obwohl der Veränderungsprozess als beständig gesehen werden kann, ist der Einfluss des Therapeuten/Beobachters Teil dessen, was die Unterscheidung zwischen a) Unterschieden, die einen Unterschied machen, und b) jenen Unterschieden, die keinen Unterschied machen, ausmacht (Nunally et al., 1986, S. 90).
Wie erzeugt Kurzzeittherapie Veränderung? Wer de Shazers Schriften nach seinen Antworten auf diese Frage durchsucht, ist bald verwirrt und überwältigt, weil er so viele Theorien zu diesem Thema entwickelte. 1988 schrieb er Folgendes über seine Versuche, Antworten darauf zu entwickeln, wie Kurzzeittherapie Veränderung erzeugt:
In den vergangenen 20 Jahren, in denen ich Kurzzeittherapie praktiziert, untersucht, über sie nachgedacht und sie beobachtet habe, habe ich etwa 1.000 verschiedene Beschreibungen [Theorien] darüber entwickelt, wie Kurzzeittherapie funktioniert. Das ist ungefähr eine Konstruktion auf 10 Fälle. Dabei habe ich herausgefunden, dass ich nie weiß, was ich denke, bevor ich sehe, was ich schreibe und wie ich es schreibe. Das hat es mir ermöglicht, einige der offensichtlich dümmeren Antworten wegzuwerfen.
Die Antworten, die meiner Meinung nach am besten standhielten (diejenigen, die einer guten Antwort am nächsten kamen!), habe ich als Material für Artikel, Bücher und in jüngerer Zeit für Expertensysteme verwendet (z. B. de Shazer, 1975a, 1978a, 1979a, 1985). Aber gerade wenn ich eine habe, die ich für die beste, klarste, umfassendste und allgemeinste halte, geschieht etwas, das mich in eine andere Richtung führt. Daher gilt die heutige Antwort nur für heute; morgen könnte sie sich ändern, oder auch nicht (de Shazer 1990, S. 92).
Das obige Zitat stammt zwar aus einer Veröffentlichung von 1990, doch handelt es sich bei dieser um den Abdruck eines Vortrags, den de Shazer 1988 auf dem Fourth International Congress on Ericksonian Approaches to Hypnosis and Psychotherapy in San Francisco, Kalifornien, hielt. In diesem Vortrag gab er seine bis dahin detaillierteste Beschreibung dessen, wie seiner Meinung nach Kurzzeittherapie Veränderung bei der Klientel erzeugt. Er begann diese Beschreibung mit einem Rückblick auf Ideen, die er früher in den 1980er Jahren eingeführt hatte, nämlich das Wecken einer Veränderungserwartung durch die neuen Gesprächstechniken des BFTC und das Erleben von Veränderung durch die Klientel mittels Hausaufgaben oder Experimenten, die in den Interventionen am Sitzungsende vorgeschlagen wurden. Im weiteren Verlauf seiner Beschreibung in dem Vortrag zeigte sich jedoch, dass er diese Ideen bis 1988 auf eine Weise erweitert hatte, die vorwegnahm, wohin er sein Theorieentwicklungsprojekt in den 1990er Jahren und darüber hinaus führen würde.
Wie wir im vorigen Abschnitt über die Kristallkugeltechnik und die Wunderfrage beschrieben haben, scheinen die Beschwerden, mit denen Klientinnen und Klienten in die Kurzzeittherapie kommen, auf einer einfachen Prämisse aufzubauen: Was auch immer sie beklagen, „passiert immer“. Bis 1988 begann de Shazer, diesen Punkt eingehender auszuarbeiten, indem er sich auf die Sprache konzentrierte, die Klientinnen und Klienten verwenden, wenn sie ihre eigenen Probleme und die anderer beschreiben: Paare sagen oft „wir streiten immer“, Eltern sagen „unsere Kinder benehmen sich immer daneben“, und einzelne Personen verwenden sehr oft Formulierungen wie „ich bin depressiv“, „ich bin magersüchtig“ oder „sie ist schizophren“. Wie de Shazer schrieb: „Jedenfalls hatten die Klienten das Pech, so über die Dinge zu sprechen, dass sie die Beschwerde als eine Situation konstruieren, die einen gleichbleibenden Zustand beinhaltet. Er ist in den Worten festgeschrieben, die sie verwenden, d. h. ‚Ich bin‘ und/oder ‚Es ist‘ und/oder immer“ (1990, S. 94). Gestützt auf Wittgenstein (1958; 1968) wies er dann darauf hin, dass diese Art zu sprechen dazu führt, das, was auf das „Ich bin“ folgt, mit „etwas Unwandelbarem oder Unveränderlichem gleichzusetzen, wie ‚Ich bin ein Mann‘ oder ‚Ich bin Schwede‘. … [und wenn wir] analoge Grammatik in verschiedenen Sätzen [verwenden] [‚Ich bin magersüchtig‘ und ‚Ich bin Schwede‘], erwarten wir (vielleicht unbewusst), dass sie analoge Bedeutungen haben“ (S. 94-95). Mit anderen Worten: Die Grammatik, die Klientinnen und Klienten regelmäßig verwenden, spielt eine wesentliche Rolle bei der Verfestigung ihrer Wahrnehmung ihrer Probleme.
De Shazer (1990) argumentierte dann, dass Ausnahmen ein Loch in den Bezugsrahmen „es passiert immer“ der Klientel stechen:
So wie ich es sehe, sticht das Erfinden von Ausnahmen Löcher in den Rahmen der Klienten (‚Ich bin so‘ oder ‚Es passiert immer‘), sodass sie hindurchsehen können: Die Beschwerderegel wird dekonstruiert, sodass ihre Unwandelbarkeit unentscheidbar wird: Die Regel ‚Ich bin ein Exhibitionist‘ verwandelt sich in etwas anderes, vielleicht: ‚Ich entblöße mich manchmal.‘ Das ‚manchmal‘ in diesem Satz ist sehr stark. Es ist schwierig, den Satz auch nur unbewusst als analog zu ‚Ich bin ein Mann‘ zu hören. Diese Dekonstruktion veranlasst die Klienten, zumindest anzufangen, an ihrer ‚Es passiert immer‘-Regel zu zweifeln. Sobald sich Zweifel entwickelt, wird unentscheidbar, was wirklich vor sich geht, und eine neue Wirklichkeit kann konstruiert werden (de Shazer 1990, S. 96).
Inzwischen (1988) erklärte de Shazer auch, dass Ausnahmen, die zu Veränderung bei der Klientel führen, keine objektiven Phänomene sind:
Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Ausnahmen nicht dort draußen in der ‚wirklichen Welt‘ existieren; sie werden von Therapeut und Klient im gemeinsamen Gespräch kooperativ erfunden oder konstruiert. Bevor Therapeut und Klient über Ausnahmen sprechen, werden diese Zeiten einfach als ‚Zufälle‘ oder als Unterschiede gesehen, die keinen Unterschied machen. Es ist die Aufgabe des Therapeuten, den Klienten zu helfen, Zufälle in Unterschiede zu verwandeln, die einen Unterschied machen. Ich bin immer wieder von Ausnahmen überrascht, und häufig lasse ich den Klienten das sehen. Geschichten von Klienten über Zeiten, in denen die Beschwerde unerwartet ausbleibt, ‚hauen mich‘ häufig ‚um‘ (de Shazer 1988, S. 96).
Im Schlussteil dieses wichtigen Aufsatzes fasste de Shazer sein Denken so zusammen:
Ganz einfach gesagt ist Therapie ein Gespräch zwischen mindestens zwei Personen (mindestens einem Therapeuten und einem Klienten) darüber, das Ziel des Klienten zu erreichen. Wenn Klienten infolge dieses Gesprächs beginnen, an ihrer unwandelbaren Rahmung ihrer belastenden Situation zu zweifeln, ist die Tür zu Veränderung und Lösung geöffnet. Das ist der Kern der Kurzzeittherapie (de Shazer 1990, S 98).
De Shazers Theorie Ende der 1980er Jahre darüber, wie Veränderung in der Kurzzeittherapie geschieht, lautete also, dass die therapierende Person die Klientel dazu bringt, am Rahmen „es passiert immer“ zu zweifeln, indem Ausnahmen konstruiert werden, die für die Klientel zu Unterschieden werden, die einen Unterschied machen.
Wer versucht, die dritte Phase von de Shazers Theorieentwicklungsprojekt zutreffend zusammenzufassen, kann kaum mehr tun, als darauf hinzuweisen, dass sich de Shazer und sein Kreis am BFTC mit der Veröffentlichung von Keys to Solution in Brief Therapy (1985), Clues: Investigating Solutions in Brief Therapy (1988) und rund 25 Artikeln zwischen 1982 und 1989 dramatisch von einer problemfokussierten Kurzzeittherapie auf der Grundlage ökosystemischen Denkens entfernt hatten. An deren Stelle hatte er eine detaillierte theoretische Beschreibung dessen geschaffen, wie am BFTC ein lösungsentwickelndes Gespräch geführt wurde. Seine Veröffentlichungen enthielten Sitzungskarten dafür, was in Gesprächen zu tun ist, sowie Leitlinien dafür, wie das in der Sitzung Entstandene genutzt werden kann, um Botschaften am Sitzungsende zu entwickeln, die Komplimente, Bestätigungen der Ziele der Klientel und Standardinterventionen oder -aufgaben enthielten, welche die Klientel anregen sollten, nach den Veränderungen zu suchen, von denen sie mehr in ihrem Leben wollte, und/oder diese fortzusetzen. Wer lernen wollte, wie man SFBT mit Klientinnen und Klienten durchführt, konnte kaum Besseres tun, als de Shazers Bücher und Artikel aus dieser Phase sorgfältig zu lesen und dann daran zu arbeiten, ihren Inhalt in die Praxis umzusetzen.
Diese Quellen aus den 1980er Jahren enthalten eine theoretische Beschreibung von Veränderung bei der Klientel durch Lösungsentwicklung und fügten de Shazers Theorieentwicklungsprojekt damit ein weiteres bahnbrechendes Axiom hinzu:
Axiom 5
Bei Kurzzeittherapie geht es darum, gemeinsam mit der Klientel Lösungen zu entwickeln.
Dieses Axiom soll die Lösungsentwicklung erfassen, bei der therapierende Person und Klientel kooperativ daran arbeiten, Veränderungen fortzusetzen, die im Leben der Klientel bereits stattfinden, insbesondere jene Veränderungen in Richtung der positiveren Zukunft, die sich die Person wünscht. Dazu gehört auch, Klientinnen und Klienten einzuladen, die Einzelheiten ihrer Vorstellungen von einer befriedigenderen Zukunft auszuweiten und zu konstruieren. Dieses Axiom bekräftigt de Shazers interaktionelle Haltung, denn Lösungsentwicklung geschieht dadurch, dass Klientel, therapierende Person und Team (sofern anwesend) als ein einziges System handeln, das auf die Förderung von Veränderung bei der Klientel ausgerichtet ist. Im Gegensatz dazu geht es bei Lösungsentwicklung nicht darum, Klientinnen und Klienten als Menschen mit Problemen zu sehen, die als zu erfassende und zu lösende Rätsel konzeptualisiert werden. In dieser Hinsicht grenzte de Shazer die SFBT deutlich von den meisten anderen Therapien ab.
Der Fall der Nymphomanie. Manche würden diese Zeit als die Phase „nach dem Fall der Nymphomanie“ bezeichnen, andere als die „poststrukturalistische Phase der SFBT“. Bis 1989 hatten de Shazer und sein Kreis kartiert, wie lösungsentwickelnde Gespräche geführt wurden. Sie hatten eine klare Vorstellung davon, wie lösungsentwickelnde Aufgaben entstanden, und sie hatten die Zusammenhänge zwischen den im Gespräch erarbeiteten Informationen und den Aufgaben beschrieben, die sie der Klientel vorschlugen. Das BFTC war voller Studierender und Praktizierender, die lernen wollten, wie man diese neue Form der Kurzzeittherapie praktiziert, die auf die Entwicklung von Lösungen ausgerichtet war und nicht auf die Auflösung oder Lösung von Problemen. De Shazer und Berg wurden immer bekannter und lehrten in der ganzen Welt. Dann, 1989, kam eine Frau mit ihrem Ehemann ins BFTC und klagte darüber, sie sei „nymphoman“. Aus Sicht der Frau war ihr Zustand – ein unstillbares Bedürfnis nach Sex – Symptom eines zugrunde liegenden, sehr ernsten Problems, das in ihrer frühen Kindheit wurzelte und eine langfristige „Tiefentherapie“ erfordern würde, um gelöst zu werden. Als sie und ihr Mann die Sitzung verließen, war das Problem in „Insomnie“ umbenannt worden, die in den zwei Wochen nach dem Gespräch behoben wurde. De Shazer und sein Kreis erkannten, dass die Veränderung, die in der Therapiesitzung geschehen war, und die von der Klientel berichteten Ergebnisse nicht aus der damals gültigen Theorie der SFBT heraus verstanden werden konnten; das heißt, der Fall ließ sich nicht auf den Karten abbilden, die sie zwischen 1982 und 1989 entwickelt hatten. Wieder einmal war eine „Anomalie“ aufgetreten, und de Shazer wandte sich seinem „Hobby“, der Philosophie und der Wissenssoziologie, zu, um die SFBT neu zu beschreiben, diesmal durch die Linse „poststrukturalistischen“ Denkens.
Innerhalb eines strukturalistischen Rahmens kann „Nymphomanie“ gewiss nicht in „Insomnie“ hinübergleiten. Innerhalb der in jüngerer Zeit entwickelten poststrukturalistischen Sicht der Sprache (Harland, 1987) ist dies jedoch genau die Art, wie Wörter als wirksam gesehen werden (de Shazer & Berg, 1992, S. 73).
Und im selben Aufsatz schrieben de Shazer und Berg:
Während die vorherrschende strukturalistische Sicht Bedeutung und Wahrheit als hinter oder in einer Person, einem System oder einer Struktur liegend betrachtet, betont eine andere Sicht, der sogenannte Poststrukturalismus (siehe z. B. Harland, 1987), die Interaktion von Menschen als eine Tätigkeit, durch die Bedeutung konstruiert wird. Im Grunde beinhalten Strukturalismus und Poststrukturalismus diskontinuierliche Weisen, über Wörter, Begriffe und Bedeutung nachzudenken (S. 73).
In welchem Sinne sind diese beiden Sichtweisen also diskontinuierlich? In der vorherrschenden strukturalistischen Sicht wird Bedeutungsbildung als ein Prozess verstanden, der im Geist der Person abläuft. Wie Menschen das, was sie wahrnehmen, deuten und verstehen, ist eine Tätigkeit, die im Gehirn stattfindet. Was Menschen sagen und wie sie sich verhalten – die Verhaltensweisen an der „Oberfläche“ –, wird von dem bestimmt, was unter der Oberfläche, in ihrem Inneren, vor sich geht. Ein solches Verständnis von Bedeutungsbildung führt zu Forschung darüber, was im Kopf einer Person vor sich geht.
In der poststrukturalistischen Sicht – heute häufiger als „sozialer Konstruktionismus“ bekannt (Gergen, 2015) – ist Bedeutungsbildung interaktionell; sie geschieht in der Kommunikation zwischen Menschen. Bedeutungsbildung ist ein sichtbarer Prozess an der Oberfläche (d. h. sicht- und hörbare kommunikative Handlungen), und sie findet fortlaufend statt, während Menschen miteinander kommunizieren. Ein solches Verständnis von Bedeutungsbildung führt zu Forschung über die sicht- und hörbaren Interaktionen zwischen Menschen. Forschende beobachten hier die Mikrosequenzen dessen, was in einem Gespräch geschieht, wenn Menschen sich darüber einig oder uneinig sind, was in einer bestimmten Situation zu tun oder zu denken ist oder wie eine Erfahrung zu deuten und zu beschreiben ist. Mit anderen Worten: Forschende untersuchen hier die vielen Weisen, in denen die am Dialog Beteiligten einander wechselseitig beeinflussen.
All diese Phänomene spielen vermutlich eine Rolle dabei, wie Bedeutung im Dialog entsteht. De Shazer und Berg nennen diese interaktionellen Phänomene das „Aushandeln“ von Bedeutungen:
Als Beispiel für den Gebrauch von Sprache lässt sich die Einheit Therapeut-Gespräch-Klient in einem weiten Sinne angehen, denn was auch immer das Gespräch für Therapeut und Klient bedeuten wird, hängt von ihren Aushandlungen ab (1992, S. 77).
Das Paar im Fall der Nymphomanie beschrieb beispielsweise zu Beginn der Therapie, was es als sein Problem ansah. Die Worte, die beide verwendeten, trugen für sie damals bestimmte Bedeutungen. Die Ehefrau sagte, sie habe ein unstillbares sexuelles Verlangen und könne nicht schlafen, ohne Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Für sie waren ihr Verlangen und ihre Schlafschwierigkeiten in diesem Moment des Gesprächs Zeichen dafür, nymphoman zu sein. Darüber hinaus war Nymphomanie aus ihrer Sicht Symptom tief liegender, in ihrer Kindheit wurzelnder Probleme, deren Auflösung eine Langzeittherapie erfordern würde. Die Beschreibung an der Oberfläche, „ein unstillbares Bedürfnis nach Sex, das sie am Schlafen hindert“, war für sie das Zeichen an der Oberfläche einer tieferen Wirklichkeit, nämlich der „Nymphomanie“. Im weiteren Verlauf der Sitzung entstand jedoch eine alternative Beschreibung mit den dazugehörigen Bedeutungen. De Shazer und Berg schrieben:
Das Gespräch darüber, was hier vor sich geht, wechselte zu ihrem Ehemann, der ihre [der Ehefrau] Qual wegen der Nymphomanie und seine Müdigkeit beschrieb. So wie er es sah, wurde ihm die Möglichkeit genommen, ihr gegenüber romantisch zu sein; statt ihr Liebhaber zu sein, war er nur noch ein Zuchthengst geworden, eine Sexmaschine.
Ehemann: „Aber für mich ist es eher ein Schlafproblem für uns beide.“
Therapeut: „Da frage ich mich. Vielleicht haben wir die Sache falsch betrachtet.“
Ehefrau: „Haben Sie irgendwelche Mittel gegen Schlaflosigkeit? Ich bin dabei.“
Therapeut: „Ich weiß nicht. Wir haben das als sexuelle Störung betrachtet, aber es sieht allmählich eher nach einer Schlafstörung aus“ (S. 75).
Der Ehemann meinte, es sei eher ein Schlafproblem für sie beide. Der Therapeut sagte, man habe die Sache vielleicht falsch betrachtet, und deutete damit an, dass der Ehemann womöglich recht habe. Vielleicht war das Bedürfnis nach Sex vor dem Einschlafen eine Art, mit einer Schlafstörung umzugehen. Die Ehefrau fragte daraufhin nach einem Mittel gegen Schlaflosigkeit. An der Oberfläche, das heißt der Art nach, wie die drei Personen im Therapieraum nun sprachen, hatte sich die Bedeutung der täglichen sexuellen Aktivitäten vor dem Einschlafen zu verschieben begonnen: von einem eindeutigen Symptom der Nymphomanie hin zu einem möglichen Symptom einer Schlafstörung oder schlicht einer Art, mit Einschlafschwierigkeiten umzugehen.
De Shazer und Berg fuhren zu dem Fall fort:
Während des restlichen Teils der Sitzung hielt der Therapeut das Gespräch strikt auf der Verhaltensebene und vermied jede weitere Erörterung von Gedanken, Gefühlen und Bedeutungen. Die Beschwerde über die Schlafstörung wurde ausschließlich zu einer „verhaltensbezogenen“ oder „technischen“ Schwierigkeit, um die herum sich mit technischen Mitteln eine Lösung konstruieren ließ (S. 77).
Von diesem Punkt der Sitzung an sprachen der Therapeut und das Paar also über ein Problem der Insomnie (nicht der Nymphomanie), und am Ende der Sitzung erhielt die Frau vom Team hinter dem Einwegspiegel technische Ratschläge zu einigen Dingen, die sie ausprobieren könnte, um ihre Insomnie zu „heilen“.
Nach der Beratung mit dem Team hinter dem Einwegspiegel nannte der Therapeut der Frau zwei Möglichkeiten: 1. Sie könnte, vielleicht als Experiment, vorerst mit dem Sport aufhören. Diese Idee wurde von der Frau sofort abgelehnt; oder 2. (a) Wenn sie eine Stunde nach dem Zubettgehen noch wach sei, solle sie aufstehen und verhasste Hausarbeiten wie das Reinigen des Backofens erledigen; oder (b) wenn sie eine Stunde nach dem Zubettgehen noch wach sei, solle sie weiter liegen bleiben, aber mit weit geöffneten Augen, und sich darauf konzentrieren, dass ihre Zunge den Gaumen nicht berührt, bis sie einschlafe.
Die zweite Idee wurde mit Humor aufgenommen: Sowohl die Frau als auch ihr Mann brachen in Gelächter aus. Daraufhin fügte das Team ein weiteres Element hinzu: Nach dem Abendessen, irgendwann bevor er zu Bett ging, sollte ihr Mann eine Münze werfen, um zu entscheiden, welche Möglichkeit sie in der jeweiligen Nacht anwenden sollte“ (S. 77-78).
De Shazer und Berg kommentierten den Fall in ihrer Reflexion so:
Was geht hier vor sich? Der Ehemann bot eine andere Sicht an, ein anderes Wort / einen anderen Begriff, der von seiner Frau und dem Therapeuten sofort angenommen wurde. Wir dachten, wir befänden uns auf sicherem Boden; die Sprache schien sich recht gut zu benehmen, doch nun sagt die Frau, sie sei bereit, in Erwägung zu ziehen, ihre Beschwerde mit einem anderen Namen zu bezeichnen (S. 76)!
De Shazer und Berg scherzen natürlich, wenn sie sagen, dass „die Sprache sich recht gut zu benehmen schien“. Würde sich die Sprache gut benehmen, wie es der übliche strukturalistische Standpunkt ist, könnte „Nymphomanie“ nicht in „Insomnie“ hinübergleiten. Die Frage bleibt also: „Was geht hier vor sich?“
Missverstehen. Im selben Artikel über eine poststrukturalistische Revision des Therapiemachens boten de Shazer und Berg diese theoretische Beschreibung dessen an, was in Therapiesitzungen geschieht:
Klienten beschreiben ihre Situation aus ihrem eigenen besonderen, einzigartigen Blickwinkel. Der Therapeut hört zu, sieht die Dinge dabei stets anders, verbindet mit den Worten, die die Klienten gebrauchen, stets andere Bedeutungen und beschreibt somit das, was die Klienten beschreiben, aus einem anderen Blickwinkel neu. Aus diesen beiden unterschiedlichen Beschreibungen, diesen beiden unterschiedlichen Bedeutungen, eröffnen sich Möglichkeiten neuer Bedeutungen, wenn sie nebeneinandergestellt werden. (Metaphorisch ähnelt dies dem Prozess der Tiefenwahrnehmung (siehe „Binocular theory of change“ in de Shazer, 1982a).) Das Ergebnis sind weder die Sichtweisen und Bedeutungen der Klienten noch die Sichtweise und Bedeutung des Therapeuten, sondern etwas von beiden Verschiedenes (S. 77).
In einer verwandten Veröffentlichung nannte de Shazer diesen interaktionellen Prozess rund um die Bedeutungen der Klientel und die Verständnisversuche der therapierenden Person „kreatives Missverstehen“ (de Shazer, 1991, S. 68-69). Er vertrat die These, dass die an einem Gespräch Beteiligten, einschließlich Klientel und Therapierender, weil sie aus unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen kommen, einander im eigentlichen Sinne nur missverstehen können. Gerade durch ihre sprachlichen Aushandlungen zur Verringerung der Missverständnisse können neue Bedeutungen und damit verbundene neue Wege zu Lösungen entstehen. So missverstand im „Fall der Nymphomanie“ der Ehemann die „Nymphomanie“ der Frau als „Schlafproblem“, und der Therapeut missverstand die „sexuelle Störung“ der Frau als „Schlafstörung“. Wie bereits gesagt, konzentrierte sich die anschließende Arbeit des Therapeuten mit dem Paar in dieser ersten Sitzung dann auf das kreative Missverständnis, dass sie eine Schlafstörung erlebten, und darauf, wie sich eine Lösung für diese technische Schwierigkeit konstruieren ließ, einschließlich einer klassischen BFTC-Aufgabe am Sitzungsende. Danach geschah Außergewöhnliches:
Zwei Wochen nach dieser Sitzung schickte die Frau eine Nachricht, in der sie dem Therapeuten und dem Team dafür dankte, erkannt zu haben, dass ihr „unstillbares Bedürfnis nach Sex“ nur „ein Symptom meiner Insomnie“ gewesen sei. Sie schrieb, „sofort“ hätten sich „mein Schlafverhalten und meine Libido normalisiert“. Sie sagte nicht, ob sie und ihr Mann die Interventionsaufgabe jemals ausprobiert hatten (de Shazer & Berg, 1992, S. 78).
Ludwig Wittgenstein. Von Anfang der 1990er Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 2005 dachte und schrieb de Shazer weiter darüber, dass die Bedeutungen von Wörtern in Therapiesitzungen nicht festgelegt sind, und über die Folgen dieser sich verschiebenden Bedeutungen für die Veränderung der Klientel. Er stützte sich auf das Werk mehrerer Philosophen, vor allem Ludwig Wittgensteins, um seine eigenen theoretischen Beschreibungen zu entwickeln. De Shazer schätzte Wittgensteins Auffassung davon, wie Sprache funktioniert. Wittgenstein glaubte nicht, dass Wörter wesenhafte Bedeutungen haben; vielmehr, so de Shazer: „Wittgenstein … weist darauf hin, dass die Bedeutung von Wörtern dadurch bestimmt wird, wie sie von den verschiedenen Beteiligten in einem bestimmten Kontext gebraucht werden“ (1991, S. 71). Eng mit der kontextuellen Bedeutung von Wörtern verbunden ist, dass Bedeutung im interaktiven Dialog festgelegt wird: „… Sprache und Sprechen entstehen und entwickeln sich durch Gebrauch, durch soziale Interaktion und Kommunikation“ (de Shazer, 1994, S. 51). De Shazer drückte diesen kontextuellen und interaktiven Charakter von Therapiesitzungen so aus:
So steht beispielsweise eine Äußerung eines Therapeuten in einer bestimmten Sitzung in Beziehung zu all seinen vorangegangenen Äußerungen (in dieser Sitzung), all seinen künftigen Äußerungen (in dieser Sitzung) und ebenso zu allen Äußerungen des Klienten zu einem bestimmten Thema in dieser Sitzung – eine Situation, die … Wittgenstein ein „Sprachspiel“ nannte (de Shazer, 1994, S. 51).
Mit seinem Gebrauch des Ausdrucks „Sprachspiel“ vertrat Wittgenstein die Auffassung, dass Sprache besser als interaktive Tätigkeit denn als abstrakter Satz wesenhafter Bedeutungen betrachtet wird (de Shazer et al., 2007, S. 109). Etwas weiter in derselben Quelle schreibt de Shazer: „Was Wittgenstein ‚Sprachspiele‘ nennt, lässt sich einfach als Ausschnitte aus dem Alltagsleben beschreiben, der Heimat von Wörtern und Begriffen (S. 110). In den 1990er Jahren und bis zum Ende seines Lebens betrachtete und beschrieb de Shazer lösungsfokussierte Gespräche zunehmend als Sprachspiele, die kontextspezifisch sind und in denen die sprachlichen Interaktionen der Klientel neue Möglichkeiten eröffnen können, sich ein befriedigenderes Leben zu schaffen. Bemerkenswert ist, dass de Shazer und sein Kreis nach 1990 den in den 1980er Jahren erfundenen lösungsfokussierten Techniken keine neuen hinzufügten. Gestützt vor allem auf Wittgenstein und beginnend mit dem Fall der „Nymphomanie“, beschrieb er jedoch das, was er durch den Einsatz lösungsfokussierter Techniken geschehen sah, auf eine ganz andere Weise. So äußerte sich de Shazer etwa über den Einsatz von Skalierung in der SFBT:
Anders als die meisten Skalen, mit denen etwas auf der Grundlage normativer Standards gemessen wird (d. h. eine Skala, die das Funktionsniveau des Klienten misst und anhand der Glockenkurve mit dem der Allgemeinbevölkerung vergleicht), sind unsere Skalen in erster Linie dazu gedacht, die Behandlung zu erleichtern. Unsere Skalen werden nicht nur verwendet, um die eigene Wahrnehmung des Klienten zu „messen“, sondern auch, um zu motivieren und zu ermutigen und um Ziele, Lösungen und alles andere zu verdeutlichen, was für jeden einzelnen Klienten wichtig ist. … Skalen ermöglichen es Therapeut und Klient, die natürliche Funktionsweise des Dialogs zu nutzen, indem sie einen vereinbarten Ausdruck (d. h. „6“) und einen Begriff entwickeln (d. h. auf einer Skala, auf der „10“ für die Lösung und „0“ für den Ausgangspunkt steht, ist „6“ eindeutig besser als „5“), der offenkundig vielfältig und flexibel ist. Da man nie absolut sicher sein kann, was eine andere Person mit ihrem Gebrauch eines Wortes oder Begriffs gemeint hat, ermöglichen Skalierungsfragen es Therapeut und Klient, gemeinsam eine Brücke zu bauen, eine Art, über Dinge zu sprechen, die schwer zu beschreiben sind – einschließlich des Fortschritts hin zur Lösung des Klienten (1994, S. 92).
Wie bei Skalierungsgesprächen ging de Shazer theoretisch davon aus, dass auch Gespräche rund um die Wunderfrage, Fragen danach, was besser ist, Ausnahmefragen und Bewältigungsfragen allesamt auf „die natürliche Funktionsweise des Dialogs“ zurückgreifen. Das heißt, diese lösungsfokussierten Techniken laden Klientinnen und Klienten ein, in ihrer eigenen Sprache die alternativen Zukünfte zu konstruieren, die sie sich wünschen, das, was im Hinblick auf diese bevorzugten Zukünfte bereits besser läuft, die Zeiten, in denen mehr von dem, was sie wollen, bereits in ihrem Leben geschieht, und wie sie sich selbst bewältigend erleben, wenn sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft schon fast aufgegeben haben. De Shazer nannte seine theoretische Beschreibung lösungsfokussierter Sitzungen und der Bedeutungsverschiebungen, die Lösungen so oft begleiten, „interaktionellen Konstruktivismus“ (de Shazer, 1991, S. 48; 76-80). Neben der fortgesetzten Verwendung der in den 1980er Jahren erfundenen lösungsfokussierten Techniken respektierte de Shazers interaktioneller Konstruktivismus weiterhin das, was Klientinnen und Klienten nach eigener Aussage von der Therapie wollten, und nicht das, was die Profession für ihren Bedarf hielt. Sein interaktioneller Konstruktivismus mit seinem Fokus auf die sich im dialogischen Austausch verschiebende Bedeutung von Wörtern machte auch sehr deutlich, wie wichtig es ist, auf die Alltagssprache der Klientel zu achten und mit ihr zu arbeiten. In dieser Hinsicht erinnerte de Shazer alle, die lösungsfokussiert therapeutisch oder als Coach arbeiten wollten, regelmäßig daran, dass sie in ihren Gesprächen mit der Klientel „an der Oberfläche“ der Worte bleiben und keine Hypothesen darüber aufstellen müssen, was in den Köpfen der Klientinnen und Klienten oder in ihren Situationen vor sich gehen könnte. Schließlich setzte sein interaktioneller Konstruktivismus die bereits in den 1980er Jahren begonnene Veränderung fort, den Inhalt des Gesprächs für die Auslösung von Veränderung bei der Klientel als wichtiger anzusehen als die Intervention oder Aufgabe am Sitzungsende. Der Fokus des interaktionellen Konstruktivismus liegt eindeutig auf den sprachlichen18 Interaktionen zwischen therapierender Person und Klientel in den Sitzungen – auf dem lösungsfokussierten Sprachspiel. Aufgaben, die auch nach 1990 noch angeboten wurden, traten in den Hintergrund und fungierten eher als abschließende Zusammenfassungen dessen, was in der Therapiesitzung interaktionell konstruiert worden war.
Um zu unserem ursprünglichen Ziel zurückzukehren, die Axiome aus de Shazers Theorieentwicklungsprojekt herauszuarbeiten: Wir sind der Ansicht, dass er in seiner Phase von 1989 bis 2005 ein weiteres Axiom hinzufügte:
Axiom 6
Therapie ist ein sichtbarer interaktioneller, dialogischer Prozess, in dem die Bedeutungen der Sprache der Klientel ausgehandelt werden.
Dieses Axiom soll de Shazers Auffassung erfassen, dass Veränderung bei der Klientel durch das Aushandeln der Bedeutungen geschieht, die Klientinnen und Klienten in das System aus Klientel und Therapierenden einbringen. Die Wörter, die Klientinnen und Klienten verwenden, haben keine wesenhafte oder festgelegte Bedeutung, sondern sind verhandelbar – in Gesprächen zwischen therapierender Person und Klientel darüber, was die Klientel sich wünschen könnte, über positive Veränderungen, die in ihrem Leben bereits stattfinden, und darüber, wie weitere Fortschritte hin zu einem befriedigenderen Leben aussehen könnten. Während einige andere postmoderne Therapien diese theoretische Sicht teilen mögen, sind die meisten Therapien des Feldes nicht postmodern und funktionieren so, als hätten Wörter, die Schwierigkeiten der Klientel und deren Lösungen beschreiben, wesenhafte Bedeutungen (z. B. Depression, Angst, Nymphomanie, Schlafprobleme usw.). Das heißt, für die meisten Therapien des Feldes wird angenommen, dass die Probleme der Klientel und die zugehörigen Behandlungen weitgehend eine bestimmbare Existenz unabhängig von den Klientinnen und Klienten und von dem haben, was diese darüber sagen mögen.
Dieses Axiom steht auch im Einklang mit den Axiomen, die de Shazers früheren theoretischen Phasen zugeordnet wurden. Das Aushandeln von Bedeutungen ist ein sichtbarer Prozess und setzt seine Betonung fort, die Konstruktion von Lösungen ausgehend von dem zu beschreiben, was im Therapieraum unmittelbar beobachtet werden kann. Bedeutungsverschiebungen geschehen in den sprachlichen Interaktionen des Systems aus therapierender Person und Klientel, während beide kooperativ daran arbeiten, Lösungen rund um das Ziel bzw. die Ziele der Klientel für ein befriedigenderes Leben zu konstruieren.
Wir hoffen, dass dieser Beitrag den Mythos infrage gestellt hat, die SFBT habe keine Theorie. Wenn dem so ist, haben wir unser Ziel erreicht. Bei der Reflexion über unseren Versuch, de Shazers Schriften zu verdichten, staunen wir über die Kreativität und den Reichtum seiner Theoriebildung. Er begann damit, Ericksons und später die Therapiesitzungen des BFTC durch die Linse mehrerer bestehender Theorien des Feldes zu betrachten. Als diese Theorien nicht mehr erfassen konnten, was er und sein Kreis in ihren Therapiesitzungen beobachteten, legte er diese Konzeptualisierungen beiseite und entwickelte andere theoretische Beschreibungen. Dabei dekonstruierte er viele fest verankerte theoretische Konstrukte der Familientherapie und des weiteren psychotherapeutischen Feldes und formulierte mehrmals seine eigenen Beschreibungen von Veränderung bei der Klientel neu sowie dessen, was Klientel und Therapierende gemeinsam tun, das zur Förderung dieser Veränderung nützlich ist. Zum Zeitpunkt seines Todes im Jahr 2005 waren seine Beschreibungen eindeutig postmodern und konzentrierten sich auf die sprachlichen Interaktionen zwischen Therapierenden und Klientel. Unserer Ansicht nach hinterließ er ein Vermächtnis von 6 bleibenden theoretischen Axiomen dazu, wie durch die Praxis der SFBT zu Veränderung eingeladen wird – entwickelt in mehr als 40 Jahren des Denkens und Schreibens. In der zeitlichen Reihenfolge ihrer Entwicklung lauten diese Axiome der SFBT:
1
Therapie ist ein beobachtbarer interaktioneller Prozess, das heißt ein Gespräch.
2
Die kleinste Analyseeinheit ist die therapierende Person in Interaktion mit der Klientel im therapeutischen Setting. Diese Einheit kann nicht weiter unterteilt werden.
3
Veränderung ist der Zweck der Begegnung zwischen therapierender Person und Klientel.
4
Veränderung der Klientel durch Therapie geschieht durch beobachtbare Interaktionen, in denen die therapierende Person Wege findet, mit der Klientel zu kooperieren.
5
Bei Kurzzeittherapie geht es darum, gemeinsam mit der Klientel Lösungen zu entwickeln.
6
Therapie ist ein sichtbarer interaktioneller, dialogischer Prozess, in dem die Bedeutungen der Sprache der Klientel ausgehandelt werden.
Beim Nachdenken über das, was wir als de Shazers vier Phasen der Theorieentwicklung konzeptualisiert haben, beeindrucken uns besonders zwei Dinge. Das erste ist seine Methode der Theoriebildung. Wir haben über seine und die Sicht des BFTC-Teams auf das rekursive Verhältnis zwischen Praxis, Forschung und Theorie geschrieben. Aus seinen Schriften geht klar hervor, dass de Shazer nie von diesem Ansatz der Wissensentwicklung abwich, und es ist bemerkenswert, dass er der direkten Beobachtung der Praxis den Vorrang gab als Quelle der Entdeckungen, die zu den Beschreibungen der innovativen und unverwechselbaren SFBT-Techniken der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie geführt haben, über die wir heute verfügen. Immer wieder war es in allen vier Phasen die direkte Beobachtung von etwas, das im Therapieraum zwischen therapierender Person und Klientel geschah, die das Team zum Umdenken brachte und dazu, ein neues Forschungsprojekt zu entwickeln, um den Nutzen der neuen Entdeckung zu überprüfen. Die Theorie folgte dann daraus.
Das Zweite, was uns an de Shazers Theorieentwicklungsprojekt ins Auge springt, ist, dass er eine interaktionelle Theorie dessen entwickelte, was zwischen Therapierenden und Klientel geschieht. In dieser Hinsicht gehört er unter den Praktizierenden und Theoretisierenden des psychotherapeutischen Feldes eindeutig zur Minderheit. Das Feld bleibt im Allgemeinen ein problemlösendes, das heißt auf die Erfassung von Problemen der Klientel und die Entwicklung entsprechender Interventionen ausgerichtet. Enorme Energie und andere Ressourcen werden darauf verwendet, Typologien von Problemen, Klientinnen und Klienten und Familien zu entwickeln. Diese Typologien sollen den Therapierenden bei ihrer Gesprächsführung und der Entwicklung von Interventionen Orientierung geben. Auffällig ist, dass de Shazers Theorieentwicklungsprojekt und die daraus hervorgegangene SFBT dem Feld keine Typologien oder Kategorien von Klientel oder Problemen hinzugefügt haben. De Shazer versuchte nicht einmal, Stärken der Klientel oder Arten von Lösungen zu kategorisieren. Die SFBT konzentriert sich ausschließlich auf das, was in den Interaktionen zwischen Therapierenden und Klientel gemeinsam konstruiert wird und für die Veränderung der Klientel nützlich ist. Zum Zeitpunkt seines Todes war er weiterhin damit beschäftigt, theoretisch zu beschreiben, was in den sprachlichen Interaktionen zwischen therapierender Person und Klientel geschieht.
Seit de Shazers Tod setzt neue Forschung zur Mikroanalyse therapeutischer Gespräche de Shazers interaktionellen Fokus fort und erweitert ihn auf andere Aspekte der Interaktionen zwischen Therapierenden und Klientel (Bavelas, De Jong, and Smock Jordan et al., 2014; De Jong, Smock Jordan, Healing, & Gerwing, 2020; Korman et al., 2013; Smock Jordan et al., 2013). Diese Studien, die auf der direkten Beobachtung der Interaktion zwischen Klientel und Therapierenden beruhen, bieten empirische Unterstützung für de Shazers interaktionellen Konstruktivismus. Sie deuten zudem darauf hin, dass die Ko-Konstruktion von Bedeutung ein Merkmal aller Therapien ist, nicht nur postmoderner. Obwohl die von Therapierenden verschiedener Modelle ko-konstruierten Bedeutungen unterschiedlich sind, setzen alle Therapierenden dieselben, direkt beobachtbaren interaktionellen Prozesse ein, um die Richtung ihrer Sitzungen in Übereinstimmung mit dem zu beeinflussen, was ihrer Überzeugung nach für die Klientel am hilfreichsten ist.
Wir sind also der Ansicht, dass de Shazer im Laufe seiner gesamten Laufbahn bedeutende theoretische Beiträge geleistet hat. Wir glauben auch, dass sowohl seine rekursive Methode der Theorieentwicklung als auch sein interaktioneller Konstruktivismus Bestand haben werden. Wenn wir weiterhin dem Beispiel folgen, das er in dieser Hinsicht gegeben hat, wird unser Feld unserer Überzeugung nach dadurch gestärkt werden.
Anmerkungen
1. Dieser Beitrag verdankt Dr. Janet Beavin Bavelas sehr viel. Ohne ihre kreativen Anregungen wäre dieser Beitrag nicht geschrieben worden.
2. De Shazer beschrieb diesen Fokus als „an der Oberfläche bleiben“ und als den Versuch, keine Schlüsse über etwas zu ziehen, das darunter oder dahinter vor sich geht. Wir gehen auf diesen Fokus im Abschnitt dieses Beitrags mit dem Titel „Der späte de Shazer und Wittgenstein, 1989-2005“ ausführlicher ein.
3. Mehr zu dieser recht verwirrenden Idee weiter unten.
4. Als de Shazer viele Jahre später Milton Erickson zum ersten Mal auf Video sah, war seine spontane Reaktion: „Meine Güte, er macht alles falsch“ (McKergow & Korman, 2009, S. 44).
5. 1987 war er dazu gelangt, die Kristallkugeltechnik als „… einen frühen Versuch, den Klienten systematisch auf Lösungen statt auf Probleme zu fokussieren“, zu sehen (Molnar & de Shazer 1987, S. 350).
6. In einem Ende der 1970er Jahre veröffentlichten Aufsatz sprach de Shazer noch von „Widerstand“ und „Homöostase“, ohne diese Begriffe oder Metaphern schon infrage zu stellen (de Shazer, 1979b, S. 83-95). Bemerkenswert ist, wie wir später erläutern, dass die Begriffe Homöostase und Widerstand verschwanden (bzw. nicht mehr nützlich waren), sobald die Unterscheidung zwischen Familientherapie-als-System und Familie-als-System klar formuliert war.
7. Eine Ausnahme ist das, „was geschieht, wenn die Beschwerde nicht auftritt“ (de Shazer et al., 1986, S. 215).
8. Tatsächlich hatte de Shazer bereits 1975 einen Aufsatz veröffentlicht (de Shazer, 1975b), in dem er eine Möglichkeit vorschlug, mit Familien zu arbeiten, die widersprüchliche Ziele haben.
9. Im August 1980 schrieb de Shazer, er lege letzte Hand („final touches“) an sein erstes Buch Patterns of Brief Family Therapy: An Ecosystemic Approach (Underground Railroad, Vol • 1 • No. 2, S. 2). Zwischen dem letzten Schliff und der Veröffentlichung des Buches lagen also zwei Jahre. Zu diesem Zeitpunkt (1982) arbeiteten de Shazer und sein Kreis angesichts der sich so rasch entwickelnden therapeutischen Innovationen am BFTC bereits nicht mehr so, wie in diesem Buch beschrieben (H. Korman, persönliche Mitteilung, 1988).
10. De Shazers Aufsatz „The Death of Resistance“ wurde erst 1984 veröffentlicht. Wie er jedoch später in einem Aufsatz von 1989 mit dem Titel „Resistance Revisited“ erläuterte, war der Aufsatz einige Jahre zuvor konzipiert und im Wesentlichen geschrieben worden. In diesem späteren Aufsatz schrieb er: „1978, nachdem wir hinter dem Spiegel gesessen und unser Team … mit Klienten hatten arbeiten sehen, die von den überweisenden Therapeuten als ‚hochgradig widerständig‘ angekündigt worden waren, und gesehen hatten, wie bereitwillig diese Klienten mit uns kooperierten, beschlossen wir, dass ein wenig begriffliche Gewalt angebracht sei, und so ermordeten wir den Widerstand“ (S. 227). Bald darauf, 1979, reichte de Shazer den Aufsatz zum ersten Mal ein. Er berichtet, dass es 6 Überarbeitungen ohne Änderung von Titel oder These und 17 Ablehnungen brauchte, bevor der Aufsatz angenommen und 1984 veröffentlicht wurde. Offenbar kann Widerstand sehr schwer zu überwinden sein.
In SFBT-Kreisen kursiert die Geschichte, dass das Team am BFTC im Juli 1979, nachdem es den Widerstand getötet hatte, diesen begrub und einen Schrein errichtete. Manche sagen, die Beerdigung habe am BFTC stattgefunden, andere, sie habe im Haus von de Shazer und Berg stattgefunden. Obwohl diese Geschichte weit verbreitet ist, wurde sie nie bestätigt, und bislang haben wir noch nie jemanden sagen hören, den Schrein gesehen zu haben. Vielleicht war die Beerdigung ebenso metaphorisch wie der „Mord“.
Der Aufsatz wurde am 3. Mai 1984 zur Veröffentlichung angenommen. Dieses Datum wurde als Welttag des lösungsfokussierten Arbeitens gewählt, zu Ehren dessen, was manche als eine der bahnbrechendsten Veröffentlichungen de Shazers ansehen.
11. De Shazer griff auf Batesons Begriff der „Nachricht vom Unterschied“ und auf die Vorstellung von „Veränderungen zweiter Ordnung“ in Systemen zurück, als er seinen Begriff des „Zugewinns“ (bonus) in der binokularen Theorie der Veränderung erläuterte (1982a, S. 7-9; 1984, S. 12).
12. Viele Beispiele für Fälle und die dazugehörigen Hinweise (clues), die das BFTC-Team in dieser Zeit entwarf, finden sich bei de Shazer (1982a).
13. Siehe Haleys (1967) Beschreibung dieser Prinzipien, darunter jenes, nach dem vage beschriebene Probleme zu einer vagen Rückmeldung am Sitzungsende und einer vagen Hausaufgabe führen sollten.
14. De Shazer hatte bereits 1969 begonnen, Standard- (oder Formel-)Aufgaben für Fälle mit ähnlichen Problemen zu entwickeln (de Shazer, 1985, S. 122-125). 1985 benannte er sie in „Generalschlüssel“ (skeleton keys) um (de Shazer 1985, S. 119-136). Viele SFBT-Praktizierende verwenden diese Aufgaben bis heute.
15. Einer der Verfassenden (PDJ) interviewte Insoo Kim Berg 1996 über die Entwicklung der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie am BFTC und insbesondere darüber, woher der Begriff der Ausnahmen stammte. Sie sagte, ihrer Meinung nach sei er kurz nach der Entwicklung der FFST und unmittelbar aus ihr hervorgegangen. Ihrer Ansicht nach war es ähnlich, die Klientel zu bitten, auf das zu achten, was sie in ihrem Leben weiterhin geschehen lassen wollte (d. h. FFST), wie sie danach zu fragen, was in ihrem Leben geschah, wenn die Problemzeiten nicht auftraten (d. h. Ausnahmen). Das Interview mit Berg ist auf Anfrage bei PDJ erhältlich; bei Interesse kann per E-Mail an pdejongsft@gmail.com eine Kopie angefordert werden.
16. Mehrere andere Formelaufgaben hatten ihren Ursprung in der früheren Arbeit vor allem de Shazers und Ericksons (de Shazer, 1985, S. 119-136).
17. Einer anderen Version der Erfindung der Wunderfrage zufolge beobachtete Jim Wilk, der am BFTC tätig war, Mitte der 1980er Jahre, wie Steve de Shazer sie zum ersten Mal verwendete (Lipchik et al., 2012).
18. Sprache besteht nicht nur aus Wörtern. Schulterzucken, Augenrollen, Gesichtsausdrücke usw. gehören alle zur Sprache.
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Inoffizielle deutsche Übersetzung von Steve de Shazer’s Theory Development von Harry Korman, Peter De Jong und Sara Smock Jordan, Journal of Solution Focused Practices, Bd. 4, Nr. 2, 2020, 10.59874/001c.75029, erschienen unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Inoffizielle deutsche Übersetzung des Artikels „Steve de Shazer’s Theory Development“, erschienen im Journal of Solution Focused Practices (2020) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Text wurde ins Deutsche übersetzt und seine Darstellung für das Lesen online angepasst, wie zu Beginn dieser Seite angegeben. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag. Maßgeblich ist die Originalfassung.
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Korman, H., De Jong, P., & Smock Jordan, S. (2020). Steve de Shazer’s Theory Development. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/steve-de-shazer-s-theory-development (Originalwerk 2020 erschienen in Journal of Solution Focused Practices, Bd. 4, Nr. 2 (2020), S. 47-70; 2020 erneut veröffentlicht von Journal of Solution Focused Practices, https://journalsfp.org/article/75029)
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