KI-gestützte Übersetzung

Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.

Family Process · Familientherapie

Erkundung lokaler Aspekte für eine kulturell und kontextuell angepasste Familientherapie-Ausbildung in Kambodscha

In Kambodscha wendet man sich zuerst an den Mönch, an Wahrsagende oder an den Kruh Khmer, und was in der Familie geschieht, bleibt in der Familie. Bernhild Pfautsch, Matthias Ochs (Hochschule Fulda), Bouyheak Lim (Phnom Penh) und Celia Jaes Falicov (University of California, San Diego) haben 25 Fachkräfte der psychischen Gesundheit und die vier Personen befragt, die heute im Land familientherapeutisch ausbilden, um die Kompetenzen zu bestimmen, die sich eine im Westen entstandene Familientherapie vor Ort aneignen muss.

Verfassende Bernhild Pfautsch und Matthias Ochs (Fachbereich Sozialwesen, Hochschule Fulda, Deutschland); Bouyheak Lim (Sombok Psychology, Phnom Penh, Kambodscha); Celia Jaes Falicov (University of California, San Diego, USA)Erstveröffentlichung Family Process, 16. Februar 2025Übersetzung Complexe Systémique, inoffizielle KI-gestützte Übersetzung

Inoffizielle deutsche Übersetzung von Exploring Local Aspects for a Culturally and Contextually Adapted Family Therapy Training in Cambodia von Bernhild Pfautsch, Matthias Ochs, Bouyheak Lim und Celia Jaes Falicov, erschienen in Family Process (Wiley) (2025), doi: 10.1111/famp.70014, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und für die Online-Lektüre neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Tabellen werden als Listen wiedergegeben. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.

Das „importierte“ oder kolonisierende Wissen ist in völlig anderen kulturellen Kontexten entstanden, sodass unterschiedliche Wertesysteme aufeinandertreffen, und hier gilt es, Passung herzustellen – durch lokale Fachkräfte als Fachleute ihrer eigenen Kultur.

Bernhild Pfautsch, Matthias Ochs, Bouyheak Lim und Celia Jaes Falicov

Zusammenfassung

Ziel dieser Studie war es, die lokale Wissensproduktion sowie die von Grund auf entwickelten kulturellen und kontextuellen Kompetenzen zu fördern, die für die Ausbildung und Praxis der Familientherapie in Kambodscha erforderlich sind. Zunächst wurden Interviews mit kambodschanischen und internationalen Fachkräften der psychischen Gesundheit geführt, die über mehrjährige Berufserfahrung in Kambodscha verfügen (N = 25; 72% kambodschanisch, 52% weiblich). Ermittelt wurden aktuelle Merkmale des kambodschanischen Familienlebens und damit verbundene Probleme sowie Aspekte der gegenwärtigen Realität der psychosozialen Versorgung in diesem südostasiatischen Land, das weiterhin zu den Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LAMICs) gezählt wird. In einem zweiten Schritt wurden in einer Gruppendiskussion mit vier kambodschanischen Fachleuten für familientherapeutische Ausbildung die kulturellen und kontextuellen Kompetenzen bestimmt, die in der Ausbildung kambodschanischer familientherapeutischer Fachkräfte zu entwickeln sind. Bedeutsam erscheinen die Kompetenzen, religiöse Überzeugungen einzubeziehen, hierarchische Familienstrukturen zu respektieren bzw. Respekt auszudrücken, sowie Kompetenzen im Umgang mit dem kulturellen Gebot des Schweigens bzw. der Gesichtswahrung. Gerade hier beschrieben die Lernenden Spannungsfelder – ausgelöst durch die Kollision ihrer eigenen Wertesysteme mit den in westlichen Konzepten impliziten Werten. Diese Momente der Entfremdung sollten für die Reflexion sorgfältig registriert werden. Die Erfahrung von Dissonanz in Bezug auf bestimmte Inhalte und Vorgehensweisen verweist gerade auf die Notwendigkeit einer Anpassung durch lokale Fachleute bei der Entwicklung kulturell angemessener Curricula.

1 Einleitung

Die Internationalisierung professionellen Wissens aus dem Feld der Familientherapie erfordert Reflexion, um eine potenziell kolonisierende Agenda zu erkennen (Arnett 2008; Polanco 2016). Für die Entwicklung kultursensibler familientherapeutischer Curricula müssen sowohl Wissen als auch formale Lernkontexte als sozial konstruiert und relativ betrachtet werden, beeinflusst von vielfältigen Systemen von Privilegierung und Unterdrückung (McDowell and Shelton 2002). Darüber hinaus müssen die vielschichtigen Perspektiven historischer, soziokultureller und politischer Determinanten psychischer Gesundheit einbezogen werden. Lokale Denktraditionen und Narrative über Leiden, Belastung und gelebte Erfahrungen sowie die bevorzugten Heilpraktiken sind daher entscheidende Bezugspunkte für die Entwicklung einer lokal angemessenen Familientherapie und entsprechender Ausbildungscurricula. Familientheorien sollten deshalb in ihrem westlichen Entstehungskontext verortet werden. Im Sinne eines dekolonisierenden Ansatzes sollten ihre impliziten Werte, Traditionen und Intentionen in ihrer Fremdheit im aktuellen lokalen Kontext betrachtet werden (Polanco 2016).

Der kambodschanische Kontext wurde in der vorliegenden Studie mithilfe des Multidimensional Ecological Comparative Approach (MECA) (Falicov 1995, 2014a) erkundet. Für die Familientherapie relevante lokale kulturelle Wertpräferenzen in Kambodscha sowie die Auswirkungen soziopolitischer Dimensionen und kontextueller Stressoren auf die Familien vor Ort konnten beschrieben und anschließend westlichen Konzepten gegenübergestellt werden. Ebenso wurde für diese Studie das vom Center for Outcomes Research and Effectiveness (CORE) entwickelte Kompetenzmodell herangezogen, ausdrücklich die Liste der Basiskompetenzen für systemische Therapie (Pilling et al. 2010; Stratton et al. 2011). Als Kompetenzliste westlicher systemischer Therapie diente CORE als Vergleichsrahmen, um die in Kambodscha relevanten systemisch-therapeutischen Kompetenzen zu erkunden und die kulturelle Passung sowie den daraus resultierenden Anpassungsbedarf zu bestimmen.

Über den theoretischen Bezug auf MECA (Falicov 1995, 2014a), das sich in seiner Logik des Kulturvergleichs klar gegen einen unreflektierten westlichen Determinismus gegenüber dem Forschungsgegenstand stellt, wurde ein Ansatz dekolonialer Forschungspraxis (vgl. Bermúdez et al. 2016) umgesetzt. Die vorliegende Studie will eine lokale, von Grund auf entwickelte Wissensproduktion außerhalb des westlichen Paradigmas unterstützen.

Derzeit gewinnen systemisch-familientherapeutische Ansätze in Kambodscha an Interesse und wurden bereits, vor allem von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), in aufsuchenden Settings im Land eingeführt und praktiziert (Miller et al. 2019; Seponski et al. 2014). Bislang fehlte in diesem Bereich jedoch eine umfassende akademische Ausbildung (Seponski and Jordan 2018). Das erste Postgraduate Certificate in Family Therapy and Systemic Practice wurde 2017 von der Royal University of Phnom Penh eingerichtet. Das Programm wurde für Fachkräfte geschaffen, die in Kambodscha in verschiedenen Settings der Einzel- und Familienberatung tätig sind (GIZ‐Cambodia 2017; RUPP 2018). Bis heute haben drei Jahrgänge diese Ausbildung abgeschlossen. Vier kambodschanische Fachpersonen der Psychologie (MA) haben ein Train-the-Trainer-Programm durchlaufen und werden künftig als Fachleute für die Umsetzung und Weiterentwicklung des Kurses verantwortlich sein.

1.1 Hintergrund der Studie

Kambodscha erlebte während des Regimes der Roten Khmer von 1975 bis 1979 ein massives kollektives Trauma; schätzungsweise 1,5–3 Millionen Menschen fielen diesem Völkermord zum Opfer (Seponski et al. 2019). Die Hinrichtungen und Folterungen wurden häufig von jungen Menschen ausgeführt, von denen viele heute selbst Eltern und Großeltern sind (Miles and Thomas 2007). Viele Fachkräfte der psychischen Gesundheit wurden vom Regime der Roten Khmer getötet, sodass kaum Ressourcen zur Verfügung standen, um dem Trauma von Völkermord und Bürgerkrieg zu begegnen (Stewart et al. 2010). Der Aufbau der notwendigen Infrastruktur und personellen Ressourcen für eine psychische Grundversorgung bleibt infolge des Zusammenbruchs von Bildungs- und Gesundheitssystem während des Bürgerkriegs bis heute eine große Herausforderung (Jegannathan et al. 2015). Hohe Prävalenzraten von Angststörungen (24,7 %), Depression (16,7 %) und posttraumatischer Belastungsstörung (7,6 %) bestimmen den Bedarf im Bereich der psychischen Gesundheit (Seponski et al. 2019).

1.1.1 Familientherapeutische Ausbildung in Kambodscha

Die erste auf westlichen Konzepten beruhende Ausbildung in Beratung fand 1995 mit der Schulung kambodschanischer Fachkräfte im Bereich der psychischen Gesundheit statt. Beratung und Familientherapie gehörten damals zu den vermittelten Ansätzen (Somasundaram et al. 1999). Eine umfassendere akademische Ausbildung in Familientherapie fehlt jedoch bis heute (Seponski and Jordan 2018). Das seit 2017 vom Psychology Department der Royal University of Phnom Penh (RUPP) angebotene Postgraduate Certificate in Family Therapy and Systemic Practice ist bislang die einzige Möglichkeit, eine berufliche Spezialisierung in Familientherapie zu erwerben (GIZ‐Cambodia 2017).

1.1.2 Kompetenzen kambodschanischer Therapierender

Als Bezugsrahmen professioneller Reife in der familientherapeutischen Ausbildung stehen Kernkompetenzen seit rund 30 Jahren im Fokus westlicher Bildungseinrichtungen (Nelson et al. 2007). Kompetenzen umfassen die Fähigkeit, selbstorganisiert und kreativ zu handeln, da diese Eigenschaften gefragt sind, wenn komplexe Handlungsanforderungen bestehen. Handlungsmotivation entsteht aus verinnerlichten Werten, die mit Emotionen verbunden sind (Erpenbeck et al. 2017). Kompetenzentwicklung wird somit durch Werte gesteuert (Erpenbeck and Rosenstiel 2007). Reflexion und Selbstvergewisserung über die eigenen Werte und die der Klientel spielen daher für die Lernenden eine wichtige Rolle (vgl. Jordan et al. 2019). Eine Ausbildung, die konsequent an diese Werte anknüpft, kann die Entwicklung kulturell angemessener familientherapeutischer Fähigkeiten fördern.

1.1.3 Anpassung von Inhalten und Leistungserbringung

Kollektivistische Ideale haben in den dominanten akademischen Forschungstraditionen individualistischer Kultur wenig Beachtung gefunden (Bermúdez et al. 2016). Um westliche Theorien für die kambodschanische Therapiepraxis relevant zu machen und Kolonisierung sowie kulturelle Konflikte zu vermeiden, bedarf es daher eines Bewusstseins für grundlegend unterschiedliche Werte und Perspektiven (Seponski et al. 2020) sowie einer Betonung der Legitimität lokalen Wissens, lokaler Verhaltensweisen und Anliegen von Familien (Bermúdez et al. 2016).

In einer aktuellen Studie zur kultursensiblen Umsetzung westlicher Therapiemodelle in Kambodscha kommen Seponski et al. (2020) zu dem Schluss, dass es wichtig ist, therapeutische Interventionen entweder an den kulturellen Kontext anzupassen oder sie von Grund auf neu zu entwickeln, um den Anforderungen der familientherapeutischen Ausbildung im kulturellen Milieu Kambodschas gerecht zu werden. Ziel dieser Studie ist es, diese Anliegen aufzugreifen.

1.2 Ziel der Studie

Ziel dieser Studie war es, von Fachkräften der psychischen Gesundheit, die mit kambodschanischen Familien arbeiten, Informationen über ihre Sicht auf relevante Kompetenzen zu sammeln, die sie für ihre Arbeit benötigen und die damit auch für die Gestaltung entsprechender Ausbildungscurricula von Bedeutung sind. Zu diesem Zweck wurden die Teilnehmenden als Fachleute interviewt, um ihr Wissen über die therapeutische Praxis mit Familien, deren aktuelle Lebensbedingungen und die Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, zu erheben. Ziel war es, angemessene, soziokulturell abgestimmte therapeutische Ansätze zu entdecken. Die Studie fand in Phnom Penh statt, und die befragten kambodschanischen Fachleute bezogen sich differenziert auf ihre Erfahrungen mit Familien in städtischen und ländlichen Gebieten. Die verfügbaren Konzepte westlicher Familientherapie mussten hinsichtlich ihrer kulturellen Passung kritisch geprüft werden (McGoldrick and Giordano 2005; Miller and Fang 2012; Tseng et al. 2019). Dazu gehörten die vor Ort bevorzugten oder realistischen Behandlungssettings und die Zugangswege zu Beratungs- und Familientherapieangeboten, wie sie frühere in Kambodscha durchgeführte Studien dokumentiert haben (Alfredsson et al. 2017; Miller et al. 2018; Seponski et al. 2020).

2 Methode

Aus den Zielen der Studie ergaben sich folgende Forschungsfragen: (a) Wie zeigen sich Schlüsselkonzepte der Familientherapie (Falicov 2014a) im kulturellen Kontext Kambodschas, und welche Probleme nennen die befragten Fachkräfte als relevant für die Familientherapie? (b) Unter welchen Bedingungen ist Familientherapie in Kambodscha derzeit umsetzbar? (c) Welche familientherapeutischen Kernkompetenzen priorisieren Therapierende in Kambodscha? (d) Welche Implikationen hat dies für die familientherapeutische Ausbildung im Land?

Die letzte Forschungsfrage bezieht sich auf die Ergebnisse der vorangehenden Fragen. Aus diesem Grund folgt die vorliegende Studie einem sequenziellen Triangulationsdesign (Flick 2004). Nach einer kriteriengeleiteten Fallauswahl wurden zunächst Interviews mit Fachleuten und anschließend eine Gruppendiskussion durchgeführt. Für die Datenanalyse wurde die qualitative Inhaltsanalyse mit induktiver Kategorienbildung (Mayring and Fenzl 2019) angewandt.

2.1 Teilnehmende

Mittels einer kriteriengeleiteten Fallauswahl (Kelle and Kluge 2010) wurden 25 Fachkräfte der psychischen Gesundheit (davon 13 Frauen) mit Berufserfahrung in Kambodscha mit städtischer wie ländlicher Klientel nach folgenden Auswahlkriterien ausgewählt: (a) beruflicher Hintergrund bzw. akademische Ausbildung im psychosozialen Bereich, (b) mehrjährige Berufserfahrung in Kambodscha und (c) aktuelle Tätigkeit in diesem Bereich in Kambodscha. Wie in der Einleitung erwähnt, gibt es derzeit keine universitäre Ausbildung in Familientherapie, weshalb die Gruppe der Teilnehmenden auf Fachkräfte der psychischen Gesundheit erweitert wurde. Von den 18 befragten kambodschanischen Fachkräften hatten jedoch 13 das Postgraduiertenzertifikat der RUPP in Familientherapie abgeschlossen.

Da es unter den Befragten zwei Untergruppen gab, kambodschanische und internationale Fachkräfte, wurde eine zentrale Variable (kulturelle Herkunft) variiert, um die Aussagekraft der Studie zu erhöhen (Gläser and Laudel 2010). Die soziodemografischen Daten der Teilnehmenden sind in Tabelle 1 dargestellt.

Tabelle 1 — Soziodemografische Merkmale der Teilnehmenden.

  • Geschlecht. Kambodschanische Fachleute: weiblich 9a, männlich 9. Internationale Fachleute: weiblich 4, männlich 3.
  • Jahre der Berufserfahrung in Kambodscha im Bereich der psychischen Gesundheit. Kambodschanische Fachleute: 5–29. Internationale Fachleute: 10–22.
  • Beruflicher Hintergrund. Kambodschanische Fachleute: Soziale Arbeit, Psychologie, Psychiatrie. Internationale Fachleute: Beratung, Psychologie, Kunsttherapie, Kinderpsychiatrie.

Anmerkung: Nach unserem Kenntnisstand gab es zum Zeitpunkt der Interviews in Kambodscha weder kambodschanische noch internationale familientherapeutische Fachkräfte mit langjähriger Erfahrung. a Einschließlich der Ausbildenden aus der Gruppendiskussion.

Für die Begrenzung der Fallzahl waren folgende Überlegungen ausschlaggebend: Zur Beantwortung der Forschungsfragen war es wichtig, möglichst viele unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen; zugleich musste der Aufwand für Erhebung und Auswertung aus forschungspraktischen Gründen leistbar bleiben (Gläser and Laudel 2010). Für Interviews mit Fachleuten wird eine überschaubare Fallzahl von 20–30 Interviews empfohlen (Meuser and Nagel 2002). Diese Empfehlung entspricht der Zahl von 26 geführten Interviews, von denen 25 ausgewertet werden konnten.

Die vier kambodschanischen Ausbildenden für Familientherapie nahmen an der Gruppendiskussion teil. Sie alle haben einen Masterabschluss in Psychologie, haben das Postgraduiertenzertifikat der RUPP in Familientherapie und anschließend 2019 ein Train-the-Trainer-Programm absolviert. Nach unserem Kenntnisstand umfasste diese Gruppe die Gesamtheit der ausgebildeten familientherapeutischen Ausbildenden im Land. Die Expertise dieser vier Ausbildenden aus ihrer Perspektive als Lehrende war grundlegend, insbesondere für die Beantwortung der vierten Forschungsfrage. Sie konnten ihre lokale Perspektive auf Inhalte und Lehrformate der Ausbildung einbringen. Die Form der kollaborativen Gruppendiskussion wurde gewählt, um ihren kollektiven Wissensbestand in Bezug auf die Ausbildung zu erkunden (Przyborski and Riegler 2018).

2.2 Vorgehen

Der Multidimensional Ecological Comparative Approach (MECA) ist ein systemisch orientierter postmoderner Rahmen für eine kulturell angepasste Familientherapie in Theorie, Forschung, klinischer Praxis und Ausbildung (Falicov 1995, 2014a, 2014b). Die Domänen von MECA sind Migration, ökologischer Kontext, Familienorganisation und Familienlebenszyklus. Da diese Studie sich auf einheimische Familien in Kambodscha konzentriert, standen Migrationsaspekte nicht im Vordergrund des Interesses; daher wurden nur die letzten drei der genannten Domänen genutzt, um die für die Familientherapie in Kambodscha relevanten Bezugsfelder zu erkunden.

Kernkompetenzen im Sinne einer ergebnisorientierten Bildung bilden den Bezugsrahmen der familientherapeutischen Ausbildung in westlichen Kontexten (Nelson and Graves 2011). Das CORE-Kompetenzmodell (Pilling et al. 2010; Stratton et al. 2011) stellt Kompetenzen für die familientherapeutische Arbeit in europäischen Kontexten zusammen. CORE diente als theoretischer Bezugsrahmen für einen vergleichenden Ansatz, um Kompetenzen für die mithilfe von MECA erhobenen kambodschanischen Bedarfe zu entwickeln. In ähnlicher Weise wurde CORE in Taiwan genutzt, um gemeinsame und für den lokalen Kontext spezifische Kompetenzen zu identifizieren (Chao and Lou 2018).

Diese Studie fragt nach den verschiedenen Aspekten des kambodschanischen Familienlebens, den Kontextbedingungen für Familientherapie und den daraus resultierenden, vor Ort erforderlichen therapeutischen Fähigkeiten. Zur Beantwortung dieser Fragen entwickelte Bernhild Pfautsch einen Leitfaden für halbstrukturierte Interviews (Gläser and Laudel 2010) (der Leitfaden ist auf Anfrage erhältlich). Die Forschungsfragen wurden aus dem MECA-Modell (Falicov 2014a) abgeleitet. Anschließend wurden Leitfragen zu den dort zusammengefassten Aspekten entwickelt, die wiederum die Grundlage für die Formulierung der eigentlichen Interviewfragen bildeten. Ebenso lieferten die CORE-Basiskompetenzen für systemische Therapie (Pilling et al. 2010; Stratton et al. 2011) den theoretischen Bezug für die letzte Frage des Interviewleitfadens (siehe Abbildung 1). Vor Durchführung der Interviews wurde der Leitfaden von einer kambodschanischen Beratungsfachkraft auf kulturelle Sensibilität geprüft.

Vorgehen beim Einsatz von MECA und CORE in der Entwicklung des Interviewleitfadens
Abbildung 1. Vorgehen beim Einsatz von MECA und CORE in der Entwicklung des Interviewleitfadens.

Die CORE-Basiskompetenzen waren den Teilnehmenden der Gruppendiskussion bereits aus ihrer Ausbildung bekannt. Eine Zusammenfassung dieser Kompetenzen (Kontakt aufnehmen und eine systemische Einschätzung vornehmen; relevante Mitglieder des Systems einbeziehen; Ziele formulieren; Netzwerke und eigene Fähigkeiten unterstützen; reflexiv arbeiten; Monitoring zur Förderung von Veränderung nutzen; Beendigungen gestalten) wurde den Gruppenteilnehmenden auf einer Folie präsentiert, um die Diskussion über diese Inhalte anzuregen. Die in den Interviews gefundenen spezifischen soziokulturellen Aspekte für eine kambodschanische Familientherapie sind in Tabelle 2 dargestellt. Sie wurden der Gruppe als weitere Diskussionsthemen eingebracht. Die interaktive Gruppendiskussion zielte darauf ab, den Wissensaustausch in Bezug auf die Ausbildung anzuregen, der durch gemeinsame Erfahrungen der Diskutierenden strukturiert ist (Przyborski and Riegler 2018). Die ausgewählten Teilnehmenden der Gruppendiskussion haben die spezifische Perspektive lokaler Ausbildungsfachleute; ihre Perspektiven erweitern die aus den Interviews gewonnenen Erkenntnisse. Dies erklärt die Entscheidung, die Interviews durch diese Gruppendiskussion zu ergänzen und so die Methoden in dieser Studie zu triangulieren (Flick 2004).

Tabelle 2 — Bedeutsame lokale Themen aus den Interviews.

  • Thema: Gesichtswahrung als kulturelles Konzept; Transkriptsegment: 28
  • Thema: Diskrepanz zwischen Gleichheitsidee und hierarchischer Familienorganisation; Transkriptsegment: 32
  • Thema: Erwartungen an Ratschläge und Anweisungen durch Therapierende; Transkriptsegment: 50
  • Thema: Erleben von Spannung zwischen (westlicher) Theorie und den kulturellen Werten der Ausbildenden; Transkriptsegment: 72
  • Thema: Umgang mit unsicheren Rahmenbedingungen des familientherapeutischen Prozesses; Transkriptsegment: 82

Anmerkung: Das Transkript umfasste insgesamt 104 Segmente.

2.3 Datenerhebung

Nach Genehmigung durch die Ethikkommission der Hochschule Fulda führte Bernhild Pfautsch die Interviews im März 2019 persönlich an verschiedenen Orten in Phnom Penh durch und zeichnete sie als Audio auf. Alle Teilnehmenden waren der interviewenden Person aus früheren Arbeitszusammenhängen bekannt, und es bestand bereits ein Vertrauensverhältnis. Sie wurden über den Zweck der Forschung informiert und gaben ihre schriftliche Einwilligung. Die Wahl der Orte richtete sich nach den Bedürfnissen oder Vorschlägen der Befragten. Ein Interview mit einer internationalen Fachperson erwies sich im Nachhinein wegen starker Störgeräusche als unbrauchbar. Die Interviews dauerten durchschnittlich 77 min (Spanne 35–106 min) und wurden auf Englisch geführt. Vor dem Interview wurden die Befragten über den Forschungszweck informiert, ihre schriftliche Einwilligung, insbesondere zur Aufzeichnung, wurde eingeholt, und die Kontaktdaten der interviewenden Person wurden für mögliche spätere Rückfragen weitergegeben. Die Kontaktaufnahme für die Interviews erfolgte per E-Mail oder direkt bei Treffen mit Personen aus dem früheren Kollegium an der Universität.

Ein geplanter Forschungsaufenthalt der erstverfassenden Person in Kambodscha im Frühjahr 2020 konnte aufgrund der COVID‐19-Pandemie nicht stattfinden. Die Gruppendiskussion wurde daher im Juli 2020 als Videokonferenz durchgeführt. Infolge der Pandemie haben sich Onlineformate in vielen gesellschaftlichen Bereichen wie auch in europäischen Forschungskontexten etabliert. Beim Einsatz von Onlineformaten ist deren spezifische Kommunikationsform im Vergleich zur traditionellen Kommunikation in Kopräsenz zu reflektieren (Przyborski and Wohlrab‐Sahr 2021). In einer online geführten Gruppendiskussion kann die nonverbale Kommunikation eingeschränkt sein (Wirtz et al. 2021). Im weiteren Verlauf wurde die Gruppendiskussion jedoch flüssig; sie dauerte 63 min.

2.4 Datenaufbereitung und -verarbeitung

Die vorliegenden Audioaufnahmen der Interviews und die Videoaufnahmen der Gruppendiskussion wurden von der erstverfassenden Person transkribiert. Da der Fokus der Analyse vorrangig auf manifesten Inhalten lag, wurde ein semantisch-inhaltliches Transkriptionssystem gewählt (Dresing and Pehl 2018). Alle in den Interviews genannten Namen und sonstigen Hinweise, die zu einer Identifizierung hätten führen können, wurden anonymisiert. Für den Analyseprozess wurde die Datenverarbeitungssoftware MAXQDA (Kuckartz 2020) verwendet.

2.5 Datenanalyse

Die qualitative Inhaltsanalyse mit induktiver Kategorienbildung (Mayring and Fenzl 2019) wurde von der erstverfassenden Person auf die Interviewdaten angewandt. Zunächst wurden Hauptkategorien deduktiv aus den beiden theoretischen Bezügen bestimmt: MECA und CORE. Im folgenden induktiven Schritt wurden beim zeilenweisen Durcharbeiten der Texte Subkategorien gebildet, um die Themen der Hauptkategorien weiter auszudifferenzieren. Nach der Kodierung von neun Interviews, als kaum noch neue Aspekte im Material auftauchten, fand eine Revision der Kategorien statt (Mayring 2014). Das nun vorliegende Kategoriensystem wurde von Bernhild Pfautsch mit Mathias Ochs sowie in einer kollegialen Datenanalysegruppe an ihrer Hochschule hinsichtlich seiner Reliabilität diskutiert, von Bernhild Pfautsch entsprechend überarbeitet und schließlich für alle Interviews verwendet. Bedeutsame lokale Themen, die aus dieser Analyse abgeleitet wurden, wurden als zusätzliche Fragestimuli in die Gruppendiskussion eingebracht (Abbildung 2).

Ablauf des Forschungsprozesses
Abbildung 2. Ablauf des Forschungsprozesses.

Die Gruppendiskussion wurde ähnlich wie die Interviews analysiert. Die Ergebnisse der Interviews und der Gruppendiskussion wurden in der Interpretation schließlich als neu entstehende lokale Kategorien zusammengeführt (Abbildung 2). Für die Analyse der Gruppendiskussion wurden deduktiv aus den CORE Basic Systemic Competences (Pilling et al. 2010; Stratton et al. 2011) abgeleitete Hauptkategorien an den Text angelegt; diese wurden anschließend durch induktive Kategorienbildung weiter ausdifferenziert (vgl. Mayring and Fenzl 2019).

Im Rahmen des sequenziellen Triangulationsansatzes dieser Studie wurden fünf Themen (Tabelle 2), die sich aus der Analyse der Interviews ergaben und relevant erschienen, im Verlauf der Gruppendiskussion als Fragestimuli eingebracht.

2.6 Intercoder-Prüfung

Die Intercoder-Prüfung als vorgeschriebener Schritt in diesem Ablaufmodell der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring and Fenzl 2019) wurde von der kulturvertrauten Bouyheak Lim durchgeführt. Nach der Einführung in das Kategoriensystem kodierte sie ein Interview vollständig, das anschließend zur Prüfung der Intercoder-Übereinstimmung mit dem entsprechenden Analysewerkzeug der Software genutzt wurde. Die Ergebnisse, vor allem die Nichtübereinstimmungen, wurden im Sinne einer intersubjektiven Validierung diskutiert. Insbesondere bei induktiver Kategorienbildung war während der Intercoder-Prüfung keine vollständige Übereinstimmung zu erwarten; der Fokus lag vielmehr auf der Diskussion der gefundenen Nichtübereinstimmungen (Mayring and Fenzl 2019). Auf diese Weise ließen sich abweichend vergebene Codes für die jeweils andere Seite nachvollziehbar und für die Dateninterpretation fruchtbar machen.

3 Ergebnisse

Entsprechend den oben genannten Forschungsfragen werden im folgenden Abschnitt (a) die Schlüsselkonzepte der Familientherapie, die das gegenwärtige Familienleben widerspiegeln, und (b) die Kontextbedingungen familientherapeutischer Arbeit in Kambodscha mit kurzen Auszügen aus den Befunden veranschaulicht. Das Wissen um diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Versorgung bildet die Grundlage kontextueller Kompetenzen für die Umsetzung von Familientherapie auf lokaler Ebene. Anschließend werden die Befunde zu (c) den daraus resultierenden Praxiskompetenzen ausführlicher dargestellt. Abschließend wird die Bedeutung reflexiver Kompetenzen als eine der (d) Implikationen für die familientherapeutische Ausbildung in Kambodscha exemplarisch aufgezeigt. Für die zitierten Personen wurden Pseudonyme verwendet.

3.1 Familienleben in Kambodscha – aktuelles Bild und implizite Probleme

Großfamilien leben in einer hierarchischen Organisation zusammen, die ein großes Unterstützungsnetz bildet, in ländlichen Gebieten auch als Dorfgemeinschaft. Die internationalen Fachleute unserer Studie heben dies besonders hervor und verweisen auf die im Vergleich zum Westen andere Familienorganisation in Kambodscha, wie Sally es formuliert:

Es gibt eine Art Norm: „Du lebst mit deinen Eltern oder deinen Großeltern oder den Onkeln und Tanten – das ganze System.“ […] Also, ich denke, im Vergleich zur westlichen Kultur, wo es viel mehr eine Kernfamilie als Einheit gibt, denke ich, dieses Großfamiliensystem hier und auch das Gemeinschaftssystem, besonders wenn wir in die Provinzen fahren, wo sich auch die Gemeinschaft – im idealen Sinne – um die Kinder kümmert. Ich denke, es gibt ein viel größeres Netz, ein Unterstützungsnetz für die Fürsorge.

Die Befunde der Studie verweisen jedoch auf einen tiefgreifenden sozialen und kulturellen Wandel und liefern Hinweise auf Tendenzen gesellschaftlicher Übergänge, in denen Werte der Großfamilie durch Werte der Kernfamilie abgelöst werden. Chenda äußert ihre Sorgen wie folgt: „Die Entwicklung des Landes – und eine Entwicklung, die SO SCHNELL geht, dass sie dem Wohlergehen keinen Wert beimisst, der gemeinsamen Zeit für die Familie und all dem.“

3.1.1 Konflikte aufgrund unterschiedlicher Werte innerhalb der Familie

In der Erziehung werden etablierte Traditionen infrage gestellt, was zu Konflikten führt. Daraus entstehen für Familien mehrere Dilemmata: widersprüchliche Ansprüche, Loyalitätskonflikte und parallele Moralcodes. Innerfamiliäre Spannungen und Konflikte wurden genannt, wenn Familienmitglieder neue Werte übernehmen oder wenn innerhalb der Familie die alten Werte in unterschiedlichem Maße beibehalten werden – vor allem im Bereich der Erziehung. Raksmey beschreibt ihre Position:

In manchen Häusern erziehen sie die Kinder auf eine Weise, aber bei den älteren Leuten ist die Art, wie sie erziehen, immer noch etwas traditioneller. Zum Beispiel so etwas wie Drohen, auf diese Art. Es ist auch der Machtkonflikt, weil wir in der Mitte stehen, zum Beispiel das Paar in der Mitte, wir müssen auf die älteren Leute hören.

Die Studie identifiziert die daraus resultierenden Ambivalenzen für die jüngere Generation, die traditionelle Geschlechterrollen aufgibt und die neuen Chancen auf Bildung und wirtschaftlichen Erfolg ergreift, während sie zugleich finanzielle Verantwortung schultert und die kulturellen Erwartungen älterer Familienmitglieder erfüllt. Panha bringt dies mit folgender Aussage zum Ausdruck: „Ja, ich denke, dieser Wandel ist für sie (die jüngere Generation) wirklich frustrierend, weil sie gegen die traditionelle Art ankämpfen müssen. Und manche Eltern, wenn sie verständnisvoll sind, werden es akzeptieren, und manche werden den Kontakt abbrechen.“ Andere Befragte bestätigten, dass Familientherapie Hilfe bei der Lösung solcher Konflikte anbieten sollte.

3.1.2 Folgen wirtschaftlichen Drucks

Junge Menschen verlassen die traditionellen Strukturen – entweder mit dem Privileg, in den urbanen Zentren zu studieren, oder weniger privilegiert als junge Arbeitskräfte, die innerhalb des Landes migrieren. Viele Großeltern sind aufgrund der aktuellen Migrationsbewegungen in großem Umfang mit der Betreuung von Enkelkindern konfrontiert, wie Raksmey ausführt:

Ich bin traurig, aber ich gebe ihnen keine Schuld, ich sehe das als Verantwortung der Gesellschaft, die nicht genug Arbeitsplätze schaffen konnte, damit sie hierbleiben. […] Ich war unglaublich traurig, als ich mit ein paar Familien sprach, die – besonders an eine erinnere ich mich am meisten – sie musste sich um 11 Enkelkinder kümmern.

Intergenerationale Solidarität in Großfamilien behält weiterhin große Bedeutung.

Weiter wird in den Daten beschrieben, wie die kollektive Traumatisierung einer ganzen Generation transgenerational nachwirkt und das Erziehungsverhalten von Eltern und Großeltern beeinflusst. Narith äußert seine Sorge: „Die vergangenen Erfahrungen aus der Zeit der Roten Khmer sind nicht richtig aufgearbeitet oder ausreichend behandelt worden […] Und am stärksten oder am direktesten kann sich das auf die Erziehung auswirken.“

Fasst man die Befunde zu den MECA-Domänen zusammen, ergibt sich ein Bild der kulturellen Identität kambodschanischer Ratsuchender als Ergebnis ihrer Sozialisation in hierarchischen Familienstrukturen mit soziozentrischen Werten einer buddhistisch geprägten, kollektivistischen Kultur. Gleichwohl ist diese durch weitere Dimensionen der Intersektionalität geprägt, etwa sozioökonomischen Hintergrund, Bildung und geografische Herkunft, die sorgfältig berücksichtigt werden müssen, um Stereotypisierungen zu vermeiden.

3.2 Kontextbedingungen für Familientherapie

In den vorliegenden Befunden zeigen sich mehrere kulturelle Zugangsbarrieren. Religiöse, spirituelle und magische Praktiken als traditionelle Formen der Beratung sind präsent und bestimmen die Vorstellungen von Beratung in Kambodscha. Sreyleak teilt ihre Beobachtungen: „Denn selbst heute leben wir in der Stadt, aber die meisten Familien noch/wenn sie/wenn in ihrer Familie etwas schiefgelaufen ist, wollen sie als Erstes den Mönch treffen oder jemanden, der wahrsagt, oder jemanden, der/was das Spirituelle angeht.“

Im Kontext psychischer Erkrankung sind Beratung und Therapie stark stigmatisiert, verstärkt durch eine Kultur des Schweigens und die Bedeutung, die Familienehre zu schützen und das Gesicht zu wahren, wie Raksmey feststellt:

Weil es da einen Spruch gibt aus dem/ich denke, aus dem Glaubenssystem der Tradition der Khmer. Sie sagen, wenn in unserer Familie etwas passiert, behalte es einfach in der Familie, trag es nicht nach außen zu Außenstehenden, damit die anderen nicht auf unsere Familie herabschauen oder über sie lachen. Es gibt ein Muster des Schweigens, das Problem im Stillen zu halten.

Die Befragten wiesen darauf hin, dass eine Grundversorgung im Bereich der psychischen Gesundheit wegen fehlender finanzieller Mittel und Fachkräfte nicht etabliert ist. Mehrere Nichtregierungsorganisationen arbeiten in diesem Feld mit wenig Koordination. Dezentrale aufsuchende Dienste und Interventionen, die an Ressourcen der Gemeinschaft ansetzen, haben sich in der Praxis als tragfähig erwiesen.

3.3 Praxiskompetenzen, die Therapierende in die Begegnung mit Familien einbringen müssen

Im folgenden Abschnitt stellen wir integrierte Ergebnisse zu den Kompetenzen vor, die sowohl die Befragten als auch die Teilnehmenden der Gruppendiskussion als wichtig für die Arbeit mit Familien im lokalen Kontext benannten. Während die Teilnehmenden viele grundlegende Beratungsfertigkeiten nannten, die in westlichen Therapiemodellen betont werden, gab es kulturelle Nuancen bei der Anwendung dieser Fertigkeiten auf bestimmte Bevölkerungsgruppen und Familienprozesse.

3.3.1 Respekt gegenüber Älteren in der therapeutischen Begegnung zeigen

Empathie, aktives Zuhören und Vertrauensaufbau in einer nicht wertenden, annehmenden therapeutischen Beziehung wurden auch für den kambodschanischen Kontext als grundlegend genannt. Die Befragten bezogen sich auf „grundlegende Beratungsfertigkeiten“, wie sie in den von ihnen absolvierten Ausbildungen vermittelt werden (vgl. RUPP 2015). Eine Passung dieser generischen Kompetenzen in Kambodscha ist somit offensichtlich, jedoch mit einer deutlichen kulturellen Akzentuierung des Respekts, der in der Begegnung mit älteren Ratsuchenden zum Ausdruck gebracht werden muss. Diese bedeutsame Haltung zeigt sich vor allem in der Wertschätzung familiärer Hierarchien in der Kommunikation und in respektvoller Ehrerbietung gegenüber Älteren, wie Chenda in ihrer Aussage erläutert:

Aber gleichzeitig muss ich kreativ sein oder flexibel sein, wie kann ich das erreichen, wie zeige ich der älteren Person Respekt und wie bekomme ich dann ihre Aufmerksamkeit, damit sie zuhört oder in der Lage ist, in der Sitzung mit mir zu arbeiten. Das ist die Kunst, ich muss einen Weg finden, das zu tun.

Wenn problematisches Verhalten angesprochen wird, sollten zunächst die zugrunde liegenden guten Absichten der Ratsuchenden für ihr Handeln herausgearbeitet werden, um dem kulturell verankerten Mechanismus von Scham und Gesichtsverlust durch Kritik entgegenzuwirken. Inwieweit sich die therapeutische Fachkraft als kompetent und vertrauenswürdig darstellen kann, hänge auch davon ab, wie sie als fachkundig und als Autorität wahrgenommen wird; in Kambodscha geschehe dies über die Zuschreibung von Lebenserfahrung und/oder eines hohen Bildungsniveaus.

3.3.2 Mit der Kultur des Schweigens umgehen

Es müssen Kompetenzen entwickelt werden, um dem starken kulturellen Gebot zu begegnen, Probleme nicht außerhalb der Familie zu besprechen. Die Kultur des Schweigens und der Gesichtswahrung schützt den Ruf der Familie vor Schuldzuweisungen. Diesem Anliegen wird durch eine konsequent lösungsorientierte Erhebung von Stärken und Ressourcen begegnet, besonders wenn Problembeschreibungen nicht im Vordergrund stehen. Chenda erklärt:

Und ich denke, das Größte und Wichtigste ist, an den Stärken und Ressourcen anzusetzen. Ich denke, wenn wir ihnen helfen können, mehr über Stärken und Ressourcen zu sprechen, (ist) das wirklich gut, um ein Gegengewicht zum Problem zu schaffen, denn wenn wir uns nur auf das vorgebrachte Problem konzentrieren, gibt es nur noch mehr Problem, mehr Problem. Deshalb/für mich, ich liebe die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie, die ich im kambodschanischen Kontext wirklich für anwendbar halte, mit all den Herausforderungen ringsum, der Stigmatisierung und dass die Familie nicht viel Zeit hat und so weiter.

Den Ausbildungsfachleuten zufolge muss daher die sehr zurückhaltende Öffnung der Ratsuchenden im Therapieprozess respektiert werden – man rechnet eher mit einer allmählichen Öffnung, bei der mitgeteilte Informationen im Therapie- oder Beratungsprozess nach und nach ein umfassenderes Bild der (familiären) Situation zeichnen. Wichtig ist hier die Fähigkeit, eine sichere Gesprächssituation herzustellen (was in den – oft improvisierten – Settings nicht selbstverständlich ist). Daher sollte man nicht vorschnell auf die Teilnahme weiterer Familienmitglieder drängen.

3.3.3 Lokalen Heilungserwartungen begegnen

3.3.3.1 Religion/Spiritualität

Die Befragten halten die Kompetenz, den religiösen Überzeugungen ihrer Klientel informiert und respektvoll zu begegnen, für besonders wichtig, vor allem jenen religiösen bzw. spirituellen Überzeugungen, mit denen Probleme oder psychische Störungen erklärt werden. Narith erläutert in seiner Aussage:

Viele Leute denken bis heute noch, dass psychische Krankheit kein Problem (ist), das von selbst entsteht oder durch den chemischen Faktor oder durch die Neuronen oder so etwas. Sie glauben nur, dass das die dritte Macht ist, ich meine, dass es eher mit dem traditionellen Sektor zu tun hat. Ich meine, von Magie oder vom Kruh, so etwas.

In den Interviews wurde der Ansatz der traditionellen Heilkundigen (Kruh Khmer) von Sovannara prägnant in folgender Triade zusammengefasst; er sagte: „Kruh Khmer bezeichnet die Person, die helfen kann, Probleme zu lösen, weißt du, sie hören sich das Familienproblem an und dann können sie Rat geben und auch einige Kräuter geben.“

3.3.3.2 Erwartung direkter Ratschläge

Die Ausbildungsfachleute gaben an, dass der Erwartung von Ratschlägen mit Wertschätzung begegnet werden müsse, da dies der kulturellen Prägung der Ratsuchenden und den prekären Ressourcen für lange Therapieprozesse entspreche. Es könnten verschiedene Optionen angeboten werden; die Ratsuchenden könnten durch gute Fragen geleitet werden und dann selbst Lösungen finden. Dies erfordert nach Ansicht der Ausbildungsfachleute gut eingeübte Kompetenzen in systemischen Fragetechniken. Für den Beziehungsaufbau empfehlen die kambodschanischen Therapierenden als weitere Option eine Sowohl-als-auch-Haltung in Bezug auf Ratschläge.

3.3.3.3 Magische Überzeugungen

In der Gruppendiskussion betonten die vier Ausbildungsfachleute, dass es wichtig sei, der Zuschreibung magischer Kräfte behutsam zu begegnen. Im kambodschanischen Kontext ist dies keineswegs metaphorisch gemeint, sondern knüpft an die traditionellen Erwartungen und Krankheitstheorien der Ratsuchenden an, wie das folgende Beispiel aus der Gruppendiskussion beschreibt. Die Therapeutin hatte mit ihrer Klientin – über den Weg der Ausnahmen vom Problem in der Vergangenheit – im Rahmen des lösungsorientierten Ansatzes mithilfe geeigneter fragebasierter Techniken eine Lösungskonstruktion entwickelt. Die Klientin beschrieb diese Lösung als äußerst hilfreich für sich selbst, schrieb den Ursprung der Lösung jedoch entsprechend ihren Denkgewohnheiten den magischen Fähigkeiten der Therapeutin zu. Chandra berichtet von ihrer Begegnung:

Ja, sie (die Klientin) glaubt, dass ich ein magischer Mensch bin, der ihr helfen kann, an die Vergangenheit zu denken, an die sie nie denkt, also sagte sie: Du bist klug und wie ein magischer Mensch, sie sagte so etwas wie: Du klickst auf meine Idee! Sie machte eine Metapher, als würde ich mit einem Zauberstab über ihr Gehirn fahren (lacht).

Die befragten Fachleute begegneten unterschiedlichen Erwartungen ihrer Klientel, die auf verschiedenen Weltbildern beruhen. Im städtischen Kontext wird häufig die Verschreibung von Medikamenten erwartet, da viele Ratsuchende die Behandlung psychischer Probleme einem biomedizinischen Modell zuordnen. Auch hier lassen sich Übergangsphänomene in der Übertragung magischer Vorstellungen und vertrauter Rituale erkennen – von der Einnahme von Heilkräutern oder Substanzen mit magischer Wirkung – hin zu Erwartungen an Medikamente und therapeutische Angebote im Allgemeinen. Neben der oben genannten Wertschätzung der Erwartungen der Ratsuchenden ist es den befragten Fachkräften auch wichtig, ihrer Klientel die Reflexion darüber zu ermöglichen, welche Praktiken positiv und welche schädlich sind. Um Schaden abzuwenden, sollte behutsam auf die inzwischen angebotenen alternativen Interventionsstrategien verwiesen werden. Somphoirs erläutert ihr Vorgehen:

Und deshalb müssen Therapierende das wissen und die Menschen nicht von der Kultur oder diesen Zeremonien abschneiden. […] Aber natürlich müssen wir in unserer Rolle als Therapierende vorsichtig sein, ob es sich um eine extreme Haltung oder einen extremen Glauben handelt oder nicht. Wir müssen einen Weg in der Mitte finden.

Dazu gehört, nach früheren Erfahrungen mit traditionellen Behandlungsmethoden und nach den Erwartungen im aktuellen Setting zu fragen. Die eigenen Überzeugungen der Ratsuchenden sollten nicht infrage gestellt, sondern die Reflexion über frühere Erfahrungen mit traditioneller Behandlung angeregt werden. Sally drückt es so aus:

Und was auch immer deine Passung oder dein Glaubenssystem (ist), ich denke, die Person darin zu unterstützen, zu sein, wer sie ist und wohin sie gehört, da/da fängt es an; wir bringen nicht unser Eigenes mit, wir unterstützen sie dort, wo sie steht und wo ihr Glaubenssystem ist.

Dann können neue Konzepte zu möglichen Ursachen psychischer Störungen oder familiärer Probleme angeboten werden. Diese Strategie spiegelt die notwendige Kompetenz der kambodschanischen Fachkräfte wider, Brücken zwischen traditionellen und zeitgenössischen Praktiken zu schlagen, die Ratsuchenden nicht mit neuen Praktiken zu überfordern und ihnen in „ihrer Welt“ zu begegnen. In den Interviews wurde betont, dass die Überzeugungen der Ratsuchenden respektiert werden sollten, da gegensätzliche Vorstellungen dem Heilungsprozess nicht förderlich sind. Hilfreich ist vielmehr, Gemeinsamkeiten mit traditionellen Heilansätzen zu finden, vor extremen Praktiken zu warnen und einen Mittelweg zu finden – eine inklusive Haltung.

3.3.4 Sich in lokale Strukturen einfügen und Unterstützungspotenziale aktivieren

Die Vernetzung mit Diensten der psychischen Gesundheit ist sehr schwierig, da es nur sehr begrenzte institutionelle Unterstützungsstrukturen gibt, an die bei Bedarf überwiesen werden kann. Sreyleak beschreibt ihre Herausforderungen als Therapeutin: „In Kambodscha ist es im Vergleich zum Westen, denke ich, ganz anders. Denn wenn wir von den relevanten Akteuren sprechen, zum Beispiel unterstützenden Diensten, Stellen, an die man überweisen kann, dann haben wir in Kambodscha nur wenige Orte, mit denen wir uns vernetzen können.“ Beschrieben wurden Formen aufsuchender Arbeit in oft abgelegene Gebiete. Um in diesen Gemeinschaften Zugang zu den Ratsuchenden zu erhalten, werden zunächst die lokalen Behörden kontaktiert. Panha beschreibt seine Erfahrungen:

Zuerst müssen wir die Dorfvorstehung in der Gemeinde besuchen, […] wir müssen eine Beziehung zu den Schlüsselpersonen aufbauen und es ihnen erklären. […] Wenn sie wissen, wer wir sind, fangen sie an zu verstehen: […] Wir kommen, um Menschen mit psychischen Problemen zu helfen, und dann helfen sie gern.

Sowohl Familien als auch Gemeinschaften werden einbezogen, etwa in einem ökologischen Ansatz zur Behandlung von Suchterkrankungen. Gleiches gilt, wenn eine Familie in der Gemeinschaft Pflegekinder aufnimmt. Ebenso ist bei diesen Einsätzen in abgelegenen Dörfern aufsuchende Familientherapie denkbar. Sihak äußert seine Gedanken: „Wir können ja trotzdem mit einer Gruppe von Menschen in der Gemeinschaft arbeiten, warum passen wir nicht irgendeine Form familientherapeutischen Arbeitens an? Ich denke, wir arbeiten in der Gemeinschaft ja schon in Gruppen.“

Familien lassen sich für eine Therapie gewinnen, wenn man ihnen zum Beispiel die finanziellen Auswirkungen familiärer Konflikte und deren Lösung aufzeigen kann, wie Chandra erläutert:

Ich denke, die Fähigkeit, zu analysieren, ihr Problem mit ihrer wirtschaftlichen Lage zu verknüpfen, (ist nötig) […] Ich denke, wenn wir die Fähigkeit haben, ihnen zu zeigen, dass der Konflikt in der Familie ihre wirtschaftliche Lage beeinträchtigen kann – wenn sie an dem Konflikt arbeiten, geht es auch wirtschaftlich aufwärts –, so ungefähr.

3.3.5 Lokal notwendige systemische Kompetenzen

3.3.5.1 Traumainformierte Praxis

Die befragten Fachkräfte nannten verschiedene Aspekte systemischer Therapie, allen voran die Kompetenz, im Familienkontext therapeutisch mit Traumata zu arbeiten, sich Familien mit psychisch erkrankten Familienmitgliedern zuzuwenden und an destruktiven Verhaltens- und Beziehungsmustern wie Substanzmissbrauch oder häuslicher Gewalt zu arbeiten. Hinsichtlich der Vernetzung betonten die vier lokalen Fachleute in der Gruppendiskussion, dass es in Kambodscha – anders als in westlichen Ländern – kein Netz verschiedener professioneller Anbieter gibt, an die Ratsuchende mit entsprechendem Bedarf überwiesen werden könnten. Das Hauptanliegen besteht darin, Unterstützung innerhalb der Familien oder der Gemeinschaft zu mobilisieren. In der Analyse der kontextuell bedingten unterschiedlichen Sichtweisen der Teilnehmenden hoben die internationalen Fachleute die in Kambodscha vorhandene Organisation der Großfamilie hervor und beschrieben deren Unterstützungspotenzial. Die befragten Fachleute empfahlen außerdem, buddhistische oder andere religiöse Konzepte in die familientherapeutische Praxis einzubeziehen.

3.4 Reflexive Kompetenzen

Die kambodschanischen Ausbildungsfachleute nannten Kompetenzen zur Selbstreflexion in dem Sinne, wie die persönlichen Werte, Überzeugungen und das berufliche Selbstbild der Therapierenden berücksichtigt werden müssen. Die Befragten betonten, dass die Prägung durch das eigene Herkunftsfamiliensystem reflektiert werden sollte und die Werte der eigenen Kultur akzeptiert und oft gewürdigt, aber auch kritisch hinterfragt werden sollten. Dies weist auf Respekt vor lokalem Wissen in Verbindung mit einer dekolonisierenden Haltung gegenüber westlichen, als universell gelehrten Konstrukten hin.

Zur Ausbildung dieser reflexiven Kompetenzen merkten die kambodschanischen Ausbildungsfachleute an, dass Selbstreflexion ein neues Konzept sei, das die Studierenden erst verstehen müssten. Daher sollten die Ausbildenden diesen Prozess behutsam anleiten. Aus kulturellen Gründen werde Selbstreflexion als Aufforderung zur Kritik oder Selbstkritik missverstanden. Chenda sagt: „Sie wachsen also in einer Kultur auf, in der es nicht gut ist, sich zu offenbaren. Wir müssen uns schützen. Wenn sie also in unsere Ausbildung kommen und wir sie bitten, sich zu offenbaren – selbst wenn wir Vertraulichkeit zusichern […] –, zögern sie immer noch.“ Für die Ausbildungsfachleute ist es daher entscheidend, ein neues Verständnis von Lernen durch Reflexion zu ermöglichen und die Lernenden anzuleiten, über die Werte und Überzeugungen, die Ratsuchende mitbringen, sowie über deren kulturelle Traditionen und familiären Kontexte, in denen sie sich bewegen, zu reflektieren.

4 Diskussion

Zweifellos gibt es Schwierigkeiten bei der psychosozialen Versorgung der kambodschanischen Bevölkerung, wie in anderen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen (Patterson et al. 2020), weshalb ein Vergleich mit westlichen Versorgungsstrukturen kritisch zu betrachten ist (Charlés and Samarasinghe 2016). Die fragliche Gültigkeit westlicher, biomedizinischer Behandlungsstandards ist hier zu berücksichtigen (White and Sashidharan 2014). Die verfügbaren Unterstützungssysteme sind in Kambodscha vor allem die Familie und die Gemeinschaft, und es bedarf Fähigkeiten, diese zu aktivieren (Patterson et al. 2020).

4.1 Brücken zwischen unterschiedlichen Glaubens- und Wertesystemen schlagen

Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass kambodschanische Fachkräfte bei ihrer Klientel generell auf eine Vielfalt von Überzeugungen treffen, sehr häufig auf magisch‐spirituelle. Falicov (2009) benennt in diesem Zusammenhang zwei grundlegende Bezugspunkte: (1) traditionelle indigene Syndrome, die auf spirituellen Vorstellungen von Krankheit und Heilung beruhen, und (2) Glauben an übernatürliche Phänomene wie Magie oder magische Kulte. Beide sind als kulturelle Überzeugungen über Krankheitsursachen und Heilmittel für körperliches und seelisches Leiden inhärent. In Kambodscha gehören zu diesen indigenen Syndromen neben vielen anderen baksbat (gebrochener Mut) als kulturell geprägte Traumastörung oder kut caraeun (zu viel denken) als ausgeprägte Stresssymptomatik (van de Put and Eisenbruch 2002). In den Aussagen der kambodschanischen Therapierenden zeigt sich eine Tendenz, sich in der eigenen therapeutischen Praxis von indigenen (magisch‐animistischen) Ansätzen zu distanzieren – so lachte Chandra über die magischen Überzeugungen ihrer Klientin. Es ist fraglich, inwieweit die Dominanz des westlichen Wissenskanons an der Universität (siehe RUPP 2015) diese Haltung hervorgebracht hat, die daher als Effekt von Kolonialismus und epistemischer Gewalt zu sehen wäre (Brunner 2016).

Für die Psychoedukation in Kambodscha (wie überall) ist es wichtig, nach bestehenden Krankheits- und Heilungskonzepten zu fragen und sie behutsam so zu erweitern, dass Ratsuchende und ihre Familien folgen können, während zugleich Eigenverantwortung und Bewältigung gefördert werden. Zudem verändern sich auch die lokale Kultur und ihr Wertekanon im Laufe der Zeit infolge gesellschaftlicher Transformationsprozesse; Systeme können sich nicht nicht entwickeln (Borst and Ochs 2022). Diese Transformationsprozesse verlaufen in der kambodschanischen Gesellschaft für Einzelne und ihre Familien heterogen, abhängig von geografischer Lage, Bildungsniveau und Alter, wie die Ergebnisse dieser Studie zeigen. Aufgrund dieser Veränderungen geraten innerhalb von Familien unterschiedliche Wertesysteme in Konflikt – etwa zwischen Großeltern und Eltern in Erziehungsfragen, zwischen Großfamilien und jungen Paaren hinsichtlich der Wohnformen oder in Bezug auf unterschiedliche Geschlechternormen innerhalb jeder Generation oder Familie (Falicov 2014b). Künftige familientherapeutische Fachkräfte müssen dafür gerüstet sein, diese Dynamiken zu verstehen und anzugehen. All diese Überlegungen erfordern umfassende Reflexion, einschließlich Selbstreflexion.

4.2 Reflexion als kulturelles Konstrukt betrachten

Reflexion als menschliche Fähigkeit artikuliert sich in kulturell unterschiedlich konstruierten Modalitäten verschieden. Daher ist es in transkulturellen Situationen unerlässlich, zunächst über Reflexion selbst nachzudenken, da nicht davon ausgegangen werden kann, dass dieser Prozess in verschiedenen Kulturen auf gleiche Weise abläuft (Krause 2019). Den Ausbildungsfachleuten zufolge waren Selbsterkundung und Selbsteinschätzung den kambodschanischen Lernenden bisher fremd; Selbstreflexion ist als Lernformat nicht bekannt und wurde als Aufforderung zur Selbstkritik missverstanden. Hinzu kommen große Makro- oder Kontextfragen. Die Ausbildung einer kollektiven professionellen Identität in Beratung oder Familientherapie ist ohne aktive Berufsverbände und staatliche Anerkennung des Berufs nahezu unmöglich (Jordan et al. 2019). Solche Berufsorganisationen könnten jedoch Ressourcen sein, um die persönlichen und beruflichen Anteile innerhalb „der eigenen Gruppe“ zu reflektieren und zu integrieren. Für die Weiterentwicklung der Ausbildung im Hinblick auf Reflexionsaufgaben liegt vermutlich viel Potenzial in der Gestaltung von Peergruppenarbeit oder Gruppensupervision mit Ritualen der Selbstreflexion.

4.3 Limitationen

Die vorliegende Studie weist mehrere Limitationen auf. Die Royal University of Phnom Penh wurde gebeten, die Ausbildung weiterhin beratend zu unterstützen. Dies könnte dazu geführt haben, dass die Studie die kulturelle Anpassung der Ausbildung nicht unabhängig von ihrer (derzeitigen) Verortung im universitären Kontext betrachtet hat. Dies kann auch unausgesprochene Machtfragen implizieren. Zudem wurden kambodschanische Familien selbst nicht einbezogen; die Teilnehmenden gaben Auskunft aus ihrer Perspektive als Fachleute. In künftigen Studien sollten Familien direkt befragt werden, damit sie eine Plattform erhalten, um über sich selbst zu sprechen. Eine wichtige Frage wäre, wie Familien mit psychischen Problemen diese bewältigen. Bei der Erhebung der aktuellen Situation kambodschanischer Familien und der Problembereiche, in denen familientherapeutische Fachkräfte arbeiten, wurden Fragen von race und Macht sowie soziopolitische Aspekte noch unzureichend einbezogen; sie sind ein Thema für künftige Forschung. Eine vertiefte Analyse der kontextuell bedingten unterschiedlichen Perspektiven der Teilnehmenden wäre wünschenswert gewesen, ließ sich im Rahmen dieser Studie jedoch nicht umsetzen. Wie ist es zum Beispiel für Therapierende, nicht nur mit einer traumatisierten Bevölkerung zu arbeiten, sondern selbst traumatisiert zu sein und Leistungen für Bevölkerungsgruppen erbringen zu müssen, zu denen auch Tatbeteiligte des Völkermords gehören? Aufgrund der begrenzten Khmer-Kenntnisse der interviewenden Person wurden die Interviews auf Englisch geführt. Dies kann zu Einbußen in der Kommunikationsqualität geführt haben. Allerdings hätte die Anwesenheit einer dolmetschenden Person möglicherweise die Offenheit der Befragten beeinflusst.

5 Schlussfolgerungen

Um kultursensible Curricula für Familientherapie in Kambodscha zu unterstützen, wurde lokale Wissensproduktion als zentrale Information bei der Entwicklung der hier benötigten grundlegenden kulturellen und kontextuellen dekolonialen Kompetenzen untersucht. Für kambodschanische familientherapeutische Fachkräfte erwiesen sich als wesentlich, die religiösen Überzeugungen der Ratsuchenden zu kennen und zu respektieren, an ein kulturell verankertes Störungsverständnis sowie an traditionell geprägte Vorstellungen von Therapie und Heilung anknüpfen zu können. Notwendig sind ebenso die Berücksichtigung der Kultur des Schweigens und der Gesichtswahrung und die Fähigkeit, respektvoll mit familiären Hierarchien umzugehen, wie auch die Aufmerksamkeit für die Einbindung in lokale Strukturen und die Aktivierung zugänglicher und nachhaltiger Unterstützungspotenziale: jener der Familie und der Gemeinschaft. Für ein responsives Verständnis der Kultur anderer Menschen kann die Reflexion der eigenen Kultur – und damit das Erkennen von Unterschieden und Gemeinsamkeiten – die kambodschanischen Fachleute bei der weiteren Anpassungsarbeit – der lokalen Wissensproduktion – in Bezug auf die westlich geprägten Konzepte systemischer Familientherapie unterstützen. Künftige Studien zur Selbstreflexion kultureller Prägung sind nötig, etwa mithilfe des Culturagramms (Reibstein and Singh Reenee 2021) oder von MECA als reflexiver Praxis. Bei Letzterem können die vier MECA-Domänen den reflexiven Rahmen bieten, damit die Lernenden ihre eigene kulturelle und kontextuelle Prägung sowie ihre Vorlieben für bestimmte theoretische Modelle erkunden können (Falicov 2014a, 2014b, 1995). Die Prämisse dafür ist klar: Das „importierte“ oder kolonisierende Wissen ist in völlig anderen kulturellen Kontexten entstanden, sodass unterschiedliche Wertesysteme aufeinandertreffen, und hier gilt es, Passung herzustellen – durch lokale Fachkräfte als Fachleute ihrer eigenen Kultur.

Complexe Systémique: das Wichtigste

Das Interesse des Artikels liegt darin, dass er die übliche Frage umkehrt: Statt zu fragen, wie man Familientherapie nach Kambodscha bringt, fragt er, was Kambodscha von ihr verlangt. Celia Falicovs Rahmen (MECA) bringt die impliziten Werte westlicher Modelle zum Vorschein, und das CORE-Modell wird zum Vergleichspunkt statt zur Norm. Für eine systemische Leserschaft sprechen die Befunde für sich: die Hierarchie der Älteren respektieren und dennoch die Familie mobilisieren, mit der Kultur des Schweigens über Stärken und Ressourcen statt über die Problemgeschichte arbeiten, den Mönch und die traditionellen Heilkundigen als Teil des Versorgungssystems willkommen heißen und in Ermangelung eines institutionellen Netzes Unterstützung in der Großfamilie und im Dorf suchen. Die feinste Passage betrifft die Selbstreflexion, die alles andere als universell ist: Wo Selbstoffenbarung bloßstellt, wird sie zunächst als Aufforderung zur Selbstkritik verstanden. Die Grenzen sind klar: keine Familien befragt, Interviews auf Englisch und eine Studie, die von der Universität aus durchgeführt wurde, an der der Kurs angesiedelt ist. Zu lesen zusammen mit dem Interview mit Celia Falicov über gemeinwesenorientierte Interventionen und dem Artikel über Kultur in der lösungsfokussierten Beratung.

Anmerkungen aus dem Original

Interessenkonflikte. Die Verfassenden erklären, dass keine Interessenkonflikte bestehen.

Danksagung. Wir danken allen Kolleginnen und Kollegen vor Ort in Phnom Penh, die in den Interviews und der Gruppendiskussion Auskunft gegeben und so großes Interesse an der Weiterentwicklung der kambodschanischen Familientherapie gezeigt haben. Wir hoffen, dass viele dieser engagierten Fachkräfte die Ergebnisse unserer Studie nutzen können, um weiter an der Entwicklung des bereits begonnenen familientherapeutischen Ausbildungsprogramms zu arbeiten. Open-Access-Finanzierung ermöglicht und organisiert durch Projekt DEAL.

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Inoffizielle deutsche Übersetzung von Exploring Local Aspects for a Culturally and Contextually Adapted Family Therapy Training in Cambodia von Bernhild Pfautsch, Matthias Ochs, Bouyheak Lim und Celia Jaes Falicov, Family Process, Bd. 64 (2025), doi: 10.1111/famp.70014, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzung und Satz: Complexe Systémique, Oktober 2026, mit Unterstützung künstlicher Intelligenz; das Werk wurde im Sinne der Lizenz bearbeitet (Text ins Deutsche übersetzt, Tabellen als Listen wiedergegeben). Weder die Verfassenden noch der Verlag sind für diese Übersetzung verantwortlich; maßgeblich ist die Originalfassung.

Dies ist eine inoffizielle deutsche Übersetzung des Originalartikels „Exploring Local Aspects for a Culturally and Contextually Adapted Family Therapy Training in Cambodia“, erschienen in Family Process (2025) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und die Darstellung für die Online-Lektüre angepasst, wie zu Beginn dieser Seite angegeben; maßgeblich ist die Originalfassung.

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Pfautsch, B., Ochs, M., Lim, B., und Falicov, C. J. (2025). Exploring Local Aspects for a Culturally and Contextually Adapted Family Therapy Training in Cambodia. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/exploring-local-aspects-for-a-culturally-and-contextually-adapted-family-therapy-training-in-cambodia (Originalwerk 2025 erschienen in Family Process, 64(1) (2025); 2025 erneut veröffentlicht von Family Process, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/famp.70014)

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