Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Journal of Solution Focused Practices · Fallstudie
Cassandra, 47, mexikanische Einwanderin, hat ihren Sohn Emilio, 26, allein großgezogen und ihm verschwiegen, dass sein Vater betrunken am Steuer gestorben ist. Heute trinkt Emilio, geschieden und wieder bei seiner Mutter eingezogen, „wegen des Stresses“, und seine Mutter fürchtet, ihn so zu verlieren, wie sie ihren Mann verloren hat. Vanessa Magaña und Eman Tadros begleiten diesen Fall, um zu zeigen, wie sich die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie mit einer hispanischen Familie entfaltet, ohne abgewandelt zu werden – vorausgesetzt, die therapeutische Fachkraft achtet auf genaue kulturelle Marker: die Hierarchie, den Respekt gegenüber Älteren, das Misstrauen gegenüber Außenstehenden, den Platz der erweiterten Familie, die Sprache. Die Wunderfrage, im Beisein des jeweils anderen gestellt, wird zu einem Instrument gegenseitigen Verstehens. Ein Beitrag aus dem Jahr 2022, der auch an die konkreten Hürden denkt – Krankenversicherung, Arbeitszeiten, rudimentäres Englisch –, die klinische Texte oft vergessen.
Inoffizielle deutsche Übersetzung von Solution-Focused Brief Therapy with Hispanic Families von Vanessa Magaña und Eman Tadros, erschienen im Journal of Solution Focused Practices (2022), doi: 10.59874/001c.75019, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und für das Lesen online neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Die mit „Complexe Systémique“ überschriebenen Kästen stammen von uns, nicht von den Verfassenden. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Nach den Daten des United States (U.S.) Census Bureau von 2019 ist die hispanische Bevölkerung die am schnellsten wachsende Minderheit und macht 18,5 % der US-Bevölkerung aus (Grames, 2006; Kouyoumdjian et al., 2003; González-Suitt et al., 2016; Zamarripa, 2009). In der klinischen Arbeit mit hispanischen Familien ist es unerlässlich, die Werte, Stereotype und Normen dieser Kultur zu berücksichtigen, um hochwertige therapeutische Interventionen anzubieten, die kultursensibel und kulturell informiert sind. Anhand einer Fallstudie zeigen wir, wie lösungsfokussierte Therapie in der Arbeit mit hispanischen Familien angewendet werden kann – durch Paar- und Familientherapeutinnen und -therapeuten (marriage and family therapists, MFT), die über kulturelle Sensibilität und ein gutes Verständnis der Kultur der ratsuchenden Person verfügen.
Die lösungsfokussierte Kurzzeittherapie (SFBT) wurde in den 1980er-Jahren von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg, beide Psychotherapie-Fachleute, am Brief Family Therapy Center in Milwaukee, Wisconsin, entwickelt (de Shazer, 1985; González-Suitt et al., 2016; Mullet et al., 2018; Reddy et al., 2015). Die SFBT ist ein Ansatz, der sich auf die Zukunft statt auf die Vergangenheit konzentriert. Es hat sich gezeigt, dass die Konzentration auf eine problemfreie Zukunft den Ratsuchenden mehr hilft, Lösungen für ihre Probleme zu finden, als eine detaillierte Erkundung ihrer Vergangenheit (Seidel & Hedley, 2008; Springer et al., 2000; Zamarripa, 2009). Die SFBT ist ein ressourcenorientiertes Therapiemodell, das Ratsuchenden hilft, Lösungen für gegenwärtige Probleme zu finden, indem es ihnen beibringt, frühere Lösungen zu nutzen, die sie bereits angewandt haben und die sich irgendwann in ihrem Leben als erfolgreich erwiesen haben, und indem es auf ihren vorhandenen Stärken und Kompetenzen aufbaut (Dermer et al., 1998; Reddy et al., 2015; Seidel & Hedley, 2008; Springer et al., 2000; Zamarripa, 2009). Wie der Name sagt, geht es der SFBT mehr um Gespräche, die sich auf Lösungen statt auf Probleme konzentrieren. Die Ursache des Problems zu kennen, ist nicht notwendig, um eine Lösung zu finden. Problemformulierung und Festlegung von Lösungszielen sind Konzepte, die ursprünglich von der Milwaukee-Gruppe formuliert wurden, einer Gruppe von Fachleuten der Familien- und Paartherapie, die von Mitte der 1970er- bis in die 1980er-Jahre zusammenarbeitete und vor allem für den Einsatz positiven Feedbacks im Milwaukee-Modell bekannt ist (de Shazer, 1985).
In der SFBT ergibt sich die Lösung nicht aus dem Problem; die SFBT zielt nicht darauf ab, irgendein Problem zu lösen, sondern darauf, die Vision einer bevorzugten Zukunft zu entwerfen und durch kleine Veränderungen auf sie hinzuarbeiten (de Shazer, 1985; de Shazer & Berg, 1997; Richmond et al., 2014; Seidel & Hedley, 2008; Zatloukal et al., 2020). Kleine, aber realistische und erreichbare Veränderungen führen zu größeren Veränderungen, und größere Veränderungen führen zur Verwirklichung der bevorzugten Zukunft der ratsuchenden Person (Dermer et al., 1998; Tadros, 2019). Indem sie die Stärken und Ausnahmen der Person hervorhebt, eine Bindung gegenseitigen Vertrauens aufbaut und das Problem so beschreibt, dass die Problemlösung von Hoffnung getragen wird, erklärt die SFBT die Probleme der ratsuchenden Person in positiver Weise (de Shazer, 1985). Die SFBT betrachtet die ratsuchende Person als Expertin für ihr eigenes Leben und die therapeutische Fachkraft als Moderation des Gesprächs, nicht als Expertin. Dahinter steht die Überzeugung, dass niemand das Leben der Ratsuchenden besser kennt als sie selbst. Sie brauchen jemanden, der ihnen hilft, Ausnahmen zu finden, damit sie ihre eigenen Lösungen entwickeln können (Dermer et al., 1998; Tadros, 2019; Zamarripa, 2009). Der Person zu ermöglichen, Expertin für ihr eigenes Leben zu sein, verleiht ihr ein Gefühl von Handlungsfähigkeit. In der SFBT ist es sehr wichtig, dass die therapeutische Fachkraft von einer Haltung des Nichtwissens ausgeht und dass die entwickelten Strategien die der Ratsuchenden sind, denn diese setzen Strategien eher um, wenn sie sie selbst entwickelt haben (Zamarripa, 2009). Eine Interventionsstrategie, die in der SFBT eingesetzt wird, ist das Fragen.
Therapierende nutzen drei Hauptarten von Fragen: Fragen nach Ausnahmen, Skalierungsfragen und die Wunderfrage. Fragen nach Ausnahmen sind hilfreich, weil sie die Ratsuchenden dazu anregen, an Zeiten zu denken, in denen das Problem kein so großes Problem war; sie ermöglichen es ihnen, Lösungen zu finden (Bavelas et al., 2014; González-Suitt et al., 2019; Zatloukal et al., 2020). Skalierungsfragen dienen dazu, die Fortschritte in Richtung des Ziels zu verfolgen, und diese Fortschritte wirken als positive Motivation, weitere Veränderungen vorzunehmen, bis die bevorzugte Zukunft erreicht ist (Richmond et al., 2014; Springer et al., 2000). Nach Tadros (2019) und Reddy et al. (2015) eignen sich Skalierungsfragen auch, um die Erwartungen der ratsuchenden Person an die Therapie herauszufinden. Die Wunderfrage ist eine Frage nach der bevorzugten Zukunft, die die Person dazu anregt, sich vorzustellen, wie ihr Leben in einer perfekten Welt aussähe, in der ihre Probleme nicht existierten; die Frage sollte an die individuellen Merkmale und Vorlieben jeder Person angepasst werden und wird häufig genutzt, um Therapieziele festzulegen (Kayrouz & Hansen, 2019; Springer et al., 2000; Zatloukal et al., 2020). Wie Yu (2019) darlegt, wird die Wunderfrage meist in etwa so formuliert:
„Das mag Ihnen als eine sehr seltsame Frage erscheinen, aber haben Sie bitte etwas Geduld mit mir. Angenommen, Sie gehen heute Abend nach Hause und schlafen wie gewohnt ein, doch während Sie schlafen, geschieht ein Wunder, und das Problem, das Sie heute hierhergeführt hat, ist kein Problem mehr. Was wäre der erste Unterschied, den Sie in Ihrem Leben bemerken würden und an dem Sie erkennen würden, dass es kein Problem mehr gibt?“
Yu, 2019
Die Wunderfrage gibt der therapeutischen Fachkraft Einblick in die bevorzugte Zukunft der ratsuchenden Person sowie in die erwarteten Behandlungsergebnisse (Bavelas et al., 2014; Mullet et al., 2018).
Cassandra Sanchez ist eine 47-jährige heterosexuelle, katholische mexikanische Einwanderin aus der unteren Mittelschicht, die bei einer örtlichen Einrichtung für psychische Gesundheit Hilfe suchte. Cassandra wanderte mit ihrem Mann von Mexiko in die USA aus, um eine Familie zu gründen und dieser Familie eine bessere Zukunft zu bieten. In den USA wurde Cassandra mit ihrem Sohn Emilio schwanger. Kurz nach Emilios Geburt verlor Cassandras Mann seine Arbeit und begann, täglich sehr viel Alkohol zu trinken. Bald entwickelte er eine Alkoholkonsumstörung. Cassandras Mann verunglückte mit dem Auto, als er unter Alkoholeinfluss fuhr; der Unfall kostete ihn das Leben. Sie blieb allein auf der Welt zurück, ohne andere Familie als ihren damals noch sehr kleinen Sohn Emilio. Cassandra hat ihrem Sohn nie genau erzählt, wie sein Vater gestorben war, weil sie das Bild schützen wollte, das ihr Sohn von seinem Vater hatte. Stattdessen erzählte Cassandra ihm Geschichten darüber, wie fleißig und verantwortungsbewusst sein Vater gewesen sei.
Cassandras Sohn ist Emilio Sanchez. Emilio ist ein 26-jähriger heterosexueller, katholischer mexikanischstämmiger US-Amerikaner aus der unteren Mittelschicht. Emilio heiratete mit 18 seine Jugendliebe aus der Highschool, ließ sich aber kürzlich wegen einer Untreue seiner Partnerin scheiden. Emilio sagt, er glaube, seine Ex-Frau sei ihm untreu gewesen, weil er sich viel zu sehr auf sein Studium konzentriert habe und zu verkrampft gewesen sei, wenn es ums Vergnügen ging. Trotz der Untreue ließen sich Emilio und seine Frau einvernehmlich scheiden, nachdem beide entschieden hatten, dass dies für sie beide die beste Lösung sei. Nach der Scheidung zog Emilio wieder bei seiner Mutter ein und zahlt nun die Hälfte der Miete und der Rechnungen, obwohl er kürzlich von einer Vollzeit- auf eine Teilzeitstelle zurückgestuft wurde; seit einigen Monaten hat er finanzielle Schwierigkeiten. Emilio berichtet, er fühle sich gestresst, weil er wieder bei seiner Mutter wohne, und gibt an, nur zu trinken, um den Stress und die Angst zu lindern, die die Rückkehr in das Haus seiner Mutter nach der Scheidung bei ihm auslöse. Zudem wuchs Emilio mit nur einem, sehr strengen Elternteil auf, das versuchte, jeden Aspekt seines Lebens zu kontrollieren; er erinnert sich, dass seine Mutter nicht sehr liebevoll war und es sehr vermied, über seinen Vater zu sprechen.
Cassandra Sanchez und ihr Sohn Emilio Sanchez stellten sich in einem Zentrum für Familientherapie wegen familiärer Probleme vor. Cassandra zögert sehr, an der Therapie teilzunehmen, willigt aber schließlich ein, weil sie glaubt, dass es das Beste für ihre Familie ist. Cassandra gibt an, sich große Sorgen um die Gesundheit und die Sicherheit ihres Sohnes insgesamt zu machen; sie fürchtet, Emilio an den Alkohol zu verlieren. Letztlich glaubt Cassandra, dass Emilio an einer Alkoholkonsumstörung leidet, und wirft ihm vor, regelmäßig viel zu trinken. Im Grunde fürchtet Cassandra, dass Emilio wie sein Vater enden wird und sie erneut einen geliebten Menschen verliert. Emilio hingegen sagt, seine Mutter sei zu überbehütend und reagiere ohne guten Grund übertrieben. Emilio räumt zwar ein, dass er in letzter Zeit mehr trinkt als sonst, glaubt aber, dass er sein Trinken im Griff hat und dass es für sein Alter ganz normal ist. Emilio gibt an, sich in letzter Zeit ängstlich zu fühlen und nur zu trinken, um seinen Stress abzubauen. Letztlich berichtet Emilio, er sei genervt, weil er seine Mutter als „zu nörgelnd“ empfinde und sie ihn einfach in Ruhe lassen solle, da er ja die Hälfte der Miete und der Rechnungen zahle, obwohl er finanziell nicht abgesichert sei.
Beim ersten Aufnahmegespräch stellte die therapeutische Fachkraft gezielt Fragen zu Faktoren, die sich auf die Familienstruktur und die familiäre Homöostase auswirken können. Das Konzept der Homöostase ist für viele Menschen wichtig, weil viele Familien eine Therapie aufsuchen, um ihre familiäre Organisation und ihr Funktionieren über die Zeit zu erhalten oder wiederherzustellen. Wenn es Familien gelingt, trotz neu auftretender Herausforderungen tatsächlich Beständigkeit und Gleichgewicht zu bewahren, spricht man von Morphostase. Viele Probleme in Familien entstehen, wenn einige Mitglieder Stabilität und Gleichgewicht bewahren wollen, während andere Veränderungen einführen möchten, um den sich wandelnden Bedürfnissen der Familienmitglieder gerecht zu werden. Die Fähigkeit der Familie, sich an veränderte Bedürfnisse anzupassen, wird als Morphogenese bezeichnet, und alle diese Konzepte sind in der SFBT mögliche Lösungen (de Shazer, 1985). Nach Tadros und Finney (2018) ist es unerlässlich, nach der Familiengeschichte zu fragen; die therapeutische Fachkraft muss bereits in der ersten Sitzung alle relevanten Informationen über Suizide, häusliche Gewalt, Kindesmisshandlung, Substanz- oder Alkoholkonsum bzw. -missbrauch und etwaige psychische Probleme in der Familie kennen. Im ersten Aufnahmegespräch bat Cassandra darum, unter vier Augen sprechen zu dürfen; dabei legte sie die familiäre Vorgeschichte einer Alkoholkonsumstörung offen und erklärte, dass dies der eigentliche Grund ihrer Sorge sei. Abgesehen von der Vorgeschichte einer Substanzkonsumstörung gab es keine Vorgeschichte von Kindesmisshandlung, Suizidgedanken oder psychischen Störungen. Cassandra erklärte außerdem, sie glaube, ihr Sohn leide wegen der Untreue seiner Ex-Frau und der anschließenden Scheidung an einer Depression; Untreue und Scheidung führte sie nachdrücklich auf das übermäßige Trinken ihres Sohnes zurück. Cassandra sprach viel über ihre Erfahrungen mit Emilios Vater, als dieser an einer Alkoholkonsumstörung litt; sie wollte sicherstellen, dass die therapeutische Fachkraft ihre Angst verstand, ihren einzigen Sohn zu verlieren.
Im ersten Gespräch mit Emilio gab dieser an, er glaube, in seiner Familie habe es Kindesmisshandlung gegeben; seine Mutter habe ihm oft erzählt, dass ihre Eltern als Kind überhaupt nicht liebevoll mit ihr umgegangen seien. Emilio sagt auch, seine Mutter sei immer eine großartige Mutter gewesen, aber eben auch nie liebevoll. Laut Emilio drehte sich das Leben seiner Mutter um ihn, und sie hatte nie Freundschaften oder Liebesbeziehungen. Es wurde deutlich, dass Emilio sich von der Bindung seiner Mutter an ihn überfordert fühlte.
Bevor irgendein Behandlungsplan erstellt wird, muss sich die therapeutische Fachkraft unbedingt der Familie anschließen (Joining), um mit jeder der beiden Personen einen guten Rapport und ein vertrauensvolles therapeutisches Bündnis aufzubauen (Tadros & Finney, 2018). Um einen guten Rapport herzustellen, verwickelte die therapeutische Fachkraft Cassandra und Emilio jeweils einzeln in problemfreies Gespräch. Problemfreies Gespräch ist eine Möglichkeit, die Ratsuchenden auf einer persönlicheren Ebene kennenzulernen: Sie sprechen über Aspekte ihres Lebens, die nicht problematisch sind und mit denen sie zufrieden sind. Problemfreie Gespräche sind sowohl für die therapeutische Fachkraft als auch für die ratsuchende Person unerlässlich, um eine Vertrauensbindung aufzubauen; zudem geben sie der Fachkraft Einblick in wertvolle Eigenschaften und Ressourcen, die die Person besitzt, ohne sich ihrer bewusst zu sein oder sie zu nutzen, und die künftig eingesetzt werden können (George et al., 2010). Die therapeutische Fachkraft muss verstehen, wie die Ratsuchenden miteinander interagieren und wie die familiäre Dynamik strukturiert ist. Um ein klareres Bild davon zu bekommen, was sich beide von der Therapie erhofften, stellte die therapeutische Fachkraft Cassandra wie Emilio die Wunderfrage und ließ beide jeweils der Antwort des anderen aufmerksam zuhören, obwohl häufig empfohlen wird, die Wunderfrage unter vier Augen zu stellen (Yu, 2019). Durch ihre beiden Antworten auf die Wunderfrage konnten sie klären, was sie voneinander brauchten, und sich in die Lage des anderen versetzen, wodurch sie mehr Empathie für die Gefühle des jeweils anderen entwickelten.
Auf die Wunderfrage antwortete Cassandra, ihr Mann wäre noch am Leben – eine häufige Antwort von Menschen, die einen Verlust erlitten haben. Viele Fachkräfte verzichten auf die Wunderfrage, wenn eine Person einen Verlust erlitten hat oder an einer unheilbaren Krankheit wie manchen Krebserkrankungen leidet, weil man davon ausgeht, dass die Wunderfrage kontraproduktiv wäre und keinerlei Nutzen brächte (Kayrouz & Hansen, 2019; Springer et al., 2000). Cassandras Mann war vor mehr als 20 Jahren gestorben, sodass es angemessen war, die Wunderfrage zu stellen und so zu lenken, dass sie hilfreich war und im Prozess etwas Klarheit und eine Zielsetzung ermöglichte. Die therapeutische Fachkraft fragte dann, was anders wäre, wenn ihr Mann noch lebte, worauf sie antwortete, sie hätte Unterstützung und Orientierung dabei, wie sie mit ihrem eigenen Sohn sprechen könne. Cassandra stellte sich eine Zukunft vor, in der ihr Sohn nicht trank und in der sie sich unterstützt fühlte.
Als Emilio die Wunderfrage gestellt wurde, sagte auch er, er würde erkennen, dass ein Wunder geschehen sei, weil sein Vater noch am Leben wäre. Die therapeutische Fachkraft stellte Emilio daraufhin dieselbe Frage: „Was wäre anders, wenn dein Vater am Leben wäre?“ Emilio antwortete, er hätte jemanden, der ihn verstehen und ihn so leiten würde, wie es nur ein Mann könne, und er hätte jemanden, mit dem er reden könnte, wenn seine Mutter wie eine überbehütende Mutter über ihm kreiste oder übertrieben reagierte. Die therapeutische Fachkraft fragte ihn anschließend, was in seinem Leben sonst noch anders wäre, und Emilio antwortete außerdem, er hätte insgesamt eine bessere Beziehung zu seiner Mutter, in der sie sich nicht um jeden seiner Schritte sorgen würde und in der gegenseitiges Vertrauen zwischen ihnen bestünde.
Durch die Wunderfrage wurden für Cassandra und Emilio Ziele festgelegt, die realistisch sind und auf die hingearbeitet werden kann. Es ist unerlässlich, dass Therapierende das Gespräch auf realistische und erreichbare Ziele lenken, wenn Ratsuchende die Wunderfrage mit Dingen beantworten, die schlicht nicht plausibel sind. Es geht darum, das Gespräch auf die Gefühle der Person zu richten und weiterhin Fragen zu stellen, die sie zu erreichbaren Zielen führen, wie klein diese auch sein mögen (Yu, 2019). Eine mögliche Anschlussfrage an Emilio wäre: „Was, glaubst du, wäre an dir als Mensch anders, wenn du mit deinem Vater aufgewachsen wärst, und was kannst du jetzt tun, um dieser Mensch zu werden?“ Die Antwort auf diese Frage wäre sehr hilfreich, um Emilios Engagement für Veränderung und Problemlösung einzuschätzen, was ebenfalls ein Ziel der Wunderfrage ist (Kayrouz & Hansen, 2019; Yu, 2019).
Nach dem Joining mit der Familie und der Beobachtung der Interaktionsmuster zwischen den beiden Ratsuchenden kann die therapeutische Fachkraft einen Behandlungsplan umsetzen. Die Ziele der Ratsuchenden haben eigentlich nichts mit dem Problem zu tun, das sie ursprünglich in die Therapie geführt hat, und in der SFBT ist das sogar sehr häufig. In der SFBT befasst sich die therapeutische Fachkraft nicht mit dem vorgebrachten Problem; sie interessiert sich für die Ziele, die sich die Ratsuchenden für die Therapie setzen und die sie zu einer bevorzugten Zukunft führen (de Shazer, 1985). Die therapeutische Fachkraft bat beide, an Menschen in ihrem Leben zu denken, die ihnen bereits die soziale Unterstützung und Kommunikation bieten oder bieten könnten, die beide nach eigener Aussage brauchten; so konnten sie Menschen in ihrem Leben ausmachen, die ihnen als soziales Unterstützungssystem dienten. Die therapeutische Fachkraft stellte außerdem Fragen nach Ausnahmen und regte die Ratsuchenden an, an Zeiten zu denken, in denen es besser lief oder das Problem kein so großes Problem war, um Veränderung zu verstärken.
Eines der Hauptprobleme von Cassandra und Emilio war, dass beide nur geringe kommunikative Fähigkeiten hatten. Emilio berichtete, er habe das Gefühl, kein Gespräch mit seiner Mutter führen zu können, weil er sich von ihr nicht verstanden fühle, und Cassandra berichtete, Emilio spreche seit der Scheidung nicht mit ihr über seine Gefühle, sodass sie nicht wisse, wie sie ihm helfen könne. Die Wunderfrage ermöglichte es beiden, ihre Gefühle zu erkunden und ihre Emotionen offener auszudrücken. Während der Therapie fühlte sich Cassandra sicher genug, um Emilio zu offenbaren, wie genau sein Vater gestorben war, und Emilio gab zu, dass er ein Problem mit dem Alkoholkonsum hatte; er konnte auch seine Traurigkeit darüber ausdrücken, wieder zu seiner Mutter ziehen zu müssen. Emilio äußerte, er fühle sich in seiner Männlichkeit gekränkt und wisse nicht, wie er mit seiner Mutter darüber sprechen solle, weil er glaubte, dass sie es als Frau nicht verstehen würde. In der Folge konnten beide kleine Ziele erreichen, die zu großen Veränderungen führten, und weitere, kleinere Ziele um Lösungen statt um Probleme herum formulieren.
Durch die Arbeit an kleineren Zielen gelang es Emilio, nicht mehr so viel zu trinken, was wiederum Cassandra half, nicht an ihm herumzunörgeln und sich keine Sorgen um seine Trinkgewohnheiten zu machen. Emilio war auch sehr bewegt vom Geständnis seiner Mutter über seinen Vater, das ihm ebenfalls sehr dabei half, seine Trinkgewohnheiten in den Griff zu bekommen. Cassandras Geständnis ermöglichte es Emilio, sich in ihre Lage zu versetzen und zu erkennen, dass die Ängste seiner Mutter wegen seines starken Trinkens berechtigt waren. Auch Cassandra erkannte, dass das Bewahren von Geheimnissen nicht sehr hilfreich war. Cassandra und Emilio setzten sich das kleine Ziel, ehrlicher miteinander zu sein, und in der Folge verbesserte sich ihre Kommunikation erheblich – ein Beleg dafür, dass kleine Ziele zu großen Veränderungen führen.
Unter Berücksichtigung der Wunderfrage konnte Cassandra einige Menschen in ihrem Leben ausmachen, auf deren Unterstützung sie zählen konnte. Indem sie sich Menschen öffnete, die bereits zu ihrem Leben gehörten, und feststellte, dass sie die Unterstützung bekommen konnte, die sie so dringend zu brauchen glaubte, konnte Cassandra sich auch anderen Menschen öffnen und mehrere neue Beziehungen knüpfen. Auch Emilio nahm sich die Wunderfrage sehr zu Herzen, ebenso wie die Antwort seiner Mutter; auch er konnte darauf hinarbeiten, Menschen in seinem Leben ausfindig zu machen, mit denen er reden und von denen er sich unterstützt fühlen konnte. Emilio wandte sich an einen Onkel, um über die Dinge zu sprechen, die seiner Meinung nach nur ein Mann verstehen konnte, und er konnte auch frühere Beziehungen zu Freundeskreis und Arbeitsumfeld wiederbeleben, die durch sein Trinken abgekühlt waren. Insgesamt half die SFBT Cassandra und Emilio, auf ihre jeweils eigene Version einer bevorzugten Zukunft hinzuarbeiten, und indem sie sich in die Situation des jeweils anderen versetzten, konnten beide kleine Ziele erreichen, die zu großen Veränderungen in ihrer Lebensqualität und ihrer familiären Zufriedenheit führten.
Im Rahmen der Bemühungen der psychischen Gesundheitsversorgung um Diversität und Inklusion verschiedener Ethnien und Kulturen ist die SFBT aus mehreren Gründen ein entscheidendes Behandlungsmodell. Erstens gibt die SFBT den Ratsuchenden die Macht, Fachleute für ihr eigenes Leben zu sein, was für viele Kulturen sehr wichtig sein kann (Beyebach, 2014; Dermer et al., 1998; Tadros, 2019). Wenn Ratsuchende Fachleute für ihr eigenes Leben sein dürfen, können ihre „besten Hoffnungen“ unterstützt und bestätigt werden. Als Angehörige der mexikanisch-amerikanischen Kultur ist es für Cassandra wie für Emilio entscheidend, das Gefühl zu haben, ihr eigenes Leben selbst zu bestimmen, und dass sich niemand anmaßt, mehr darüber zu wissen als sie selbst. Zweitens zielt die SFBT nicht darauf ab, die Bedeutung der Sprache der Ratsuchenden zu deuten, sondern konzentriert sich darauf, ihre eigene Sprache zu verwenden; die Sprache der ratsuchenden Person ist ihre Wirklichkeit. Die kulturelle Wirklichkeit und die Überzeugungen der Person anzuerkennen und zu würdigen, erleichtert die Anwendung einer kulturell angemessenen Therapie (Grames, 2006). Drittens zeigt die Wirksamkeit der Behandlung in verschiedenen Kulturen, dass die SFBT als multikultureller Ansatz tatsächlich kultursensibel ist.
Die SFBT umfasst ganz selbstverständlich einen multikulturellen Ansatz, in dem Zusammenarbeit und Respekt zentrale Bestandteile sind. Ein multikultureller Ansatz ermöglicht es SFBT-Fachkräften, Empathie sowie echte Neugier für die Kultur der ratsuchenden Person zu zeigen. Mit echter Neugier können sie Einblick in die Kultur der Ratsuchenden gewinnen und kooperative Beziehungen zu ihnen aufbauen, indem sie Werte und Bräuche, die ihnen wichtig sind, in die Sitzungen einbeziehen. Ehrlichkeit und Transparenz waren Cassandra sehr wichtig, und sie war eher bereit, sich weiter auf das Gespräch einzulassen, als sie sich gehört und verstanden fühlte. Um eine ethische und hochwertige Therapie anzubieten, ist es unerlässlich, dass SFBT-Fachkräfte zumindest Grundkenntnisse über die Kultur der Familie haben, mit der sie arbeiten; darüber hinaus trägt Vorwissen über die Kultur der ratsuchenden Person dazu bei, die Last zu verringern, die üblicherweise auf Menschen aus rassistisch minorisierten Gruppen liegt, von denen erwartet wird, dass sie ihre Erfahrungen immer wieder erzählen und erklären (Tadros & Finney, 2019; Finney et al., 2020).
Die SFBT kann auf vielfältige Weise kultursensibel sein. Es gibt keine normative Annahme darüber, was das Problem ist; SFBT-Fachkräfte erkennen das Problem an und benennen es so, wie die ratsuchende Person es selbst definiert (Zamarripa, 2009). Die eigenen Definitionen der Person anzuerkennen, zeigt Respekt vor ihren kulturellen Kontexten. Ebenso zeigt das Spiegeln der Sprache der Person, dass die therapeutische Fachkraft deren eigene Definition des Problems akzeptiert. In der SFBT sollte man nie versuchen, eine ratsuchende Person davon zu überzeugen, dass ihr Problem kein Problem sei, oder ihr die eigenen persönlichen Ansichten aufzudrängen. Vielmehr sollten sich Therapierende darauf konzentrieren, inwiefern das von der Person wahrgenommene Problem Anlass zur Sorge ist, und ihre eigenen Ansichten nicht aufdrängen, weil dies bei der Person das Gefühl eines Verlusts an Selbstbestimmung auslösen kann (Tadros et al., 2021; Tadros & Owens, 2021). Ebenso wenig gibt es eine normative Annahme darüber, was eine Lösung oder ein Ziel für das Anliegen ist. Die Ziele der Ratsuchenden beruhen auf ihrer Version einer bevorzugten Zukunft, und diese bevorzugte Zukunft ist oft stark von ihren kulturellen Werten und Normen geprägt (Zamarripa, 2009). So schreibt Emilios Kultur vor, dass er ein Mann ist, und er war fest davon überzeugt, dass seine Mutter ihn auch so behandeln sollte, indem sie ihn respektierte und ihm vertraute. Die SFBT konzentriert sich darauf, über die Kultur individuelle und familiäre Stärken und Ressourcen zu erkennen, die wiederum hilfreich sein können, um angemessene Therapieziele zu bestimmen. Oft wurden Stärken und Ressourcen von anderen Therapierenden als Defizite statt als Stärken betrachtet oder gar nicht als Stärken anerkannt (Zamarripa, 2009). Die SFBT erkennt diese kulturellen Stärken und Ressourcen nicht nur an, sondern schöpft ihr Potenzial voll aus. Aufgrund der kulturellen Hierarchie war Emilios Respekt vor seiner Mutter eine zentrale Stärke, die es ihm ermöglichte, sich in ihre Lage zu versetzen und ihre Position zu verstehen.
Kayrouz und Hansen (2019) entwickelten einen Leitfaden mit neun Fragen, der Therapierenden helfen soll, ihre therapeutischen Techniken kulturell informiert und sensibel anzupassen und sicherzustellen, dass die Interventionen den kulturellen Bedürfnissen und Vorlieben der ratsuchenden Person entsprechen. Die SFBT kommt mit den für die kulturelle Anpassung notwendigen Fragen sehr gut zurecht, weil die ratsuchende Person als Expertin gilt und die therapeutische Fachkraft lediglich moderiert, und weil die SFBT an die Bedürfnisse jeder Person angepasst werden kann und dabei Ressourcen nutzt, über die sie bereits verfügt (Reddy et al., 2015). Der Erfolg der therapeutischen Intervention hängt in hohem Maße davon ab, ob die therapeutische Fachkraft ihre Techniken an die Kultur und die Werte der ratsuchenden Person anpassen kann. Die erste Frage des Leitfadens lautet, ob die Behandlung in der Muttersprache der Person durchgeführt werden muss. Zur Anpassung der therapeutischen Techniken gehört festzustellen, welche Sprache der Person das beste Verständnis ermöglicht. Die zweite Frage des Leitfadens lautet, ob ethnische Zugehörigkeit und Geschlecht der therapeutischen Fachkraft mit denen der ratsuchenden Person übereinstimmen müssen; das ist eine wichtige Überlegung, weil es Kulturen gibt, in denen sich Frauen beispielsweise nicht wohl dabei fühlen, mit Männern zu sprechen. Die dritte Frage lautet, ob der Ort, an dem die Behandlung stattfindet, kulturell angemessen ist. So muss man etwa im Strafvollzug nicht nur die rassischen und ethnischen Implikationen berücksichtigen, sondern auch die Kultur der Haft. Die vierte Frage lautet, welche kulturellen Symbole und Redewendungen der Person bei der Anpassung der Intervention genutzt werden können. Die fünfte Frage lautet, auf welche kulturellen Bräuche und Traditionen der Person die therapeutische Fachkraft bei der Anpassung der Intervention zurückgreifen kann. Die fünfte Frage hilft bei der Anpassung der Intervention, weil sie genau benennt, welche kulturellen Bräuche, Traditionen und Werte der Person wichtig sind (Kayrouz & Hansen, 2019).
Die sechste Frage ist eine Reihe von Unterfragen, mit denen herausgefunden werden soll, wie die Kultur der ratsuchenden Person körperliche, soziale und Verhaltensprobleme definiert, ausdrückt und behandelt, und die in die Behandlungskonzeption einfließen. Eine der Unterfragen zu Frage sechs lautet, wo die Person auf dem Kontinuum zwischen Individualismus und Kollektivismus steht. Kultur macht einen Menschen zum Teil einer Gruppe, doch der Mensch behält dennoch seine Individualität, und manche Menschen messen ihrem Individualismus mehr Bedeutung bei als dem Kollektivismus ihrer Kultur (Grames, 2006). Eine weitere Unterfrage lautet, welche Rolle kulturelle Hierarchien im Leben der Person spielen. Hispanische Kulturen etwa sind hinsichtlich der Hierarchien eher patriarchal geprägt, und Respekt gebührt dem Familienpatriarchen ebenso wie den anderen Älteren der Familie. Der Vorteil der SFBT in diesem besonderen Fall besteht darin, dass es zwischen den Ratsuchenden und der therapeutischen Fachkraft keine Spannungen in Bezug auf Hierarchie gibt, weil die Fachkraft nicht als Expertin gilt und auch nicht vorgibt, welche Schritte die Ratsuchenden unternehmen müssen. Die Hierarchie ist für diese Familie sehr wichtig, weil Emilio von seiner alleinerziehenden Mutter Cassandra großgezogen wurde; Cassandra übernahm in der Familienhierarchie die Rolle des Patriarchen und forderte den Respekt ein, der ihr ihrer Kultur nach zustand, was es Emilio nur noch schwerer machte, über seine Probleme zu sprechen. Die letzten beiden Unterfragen lauten, wie die Zeitorientierung der Person ist und welche Rolle die Spiritualität bei der Erklärung und Behandlung des Problems spielt. Die siebte Frage ist eher eine Aufforderung: Sie verlangt, Behandlungsziele unter Berücksichtigung der kultur- und geschlechtsgebundenen Erfolgsdefinitionen der Person zu entwickeln. Punkt sieben ist sehr wichtig, weil die Person eine andere Definition von Erfolg in der Therapie haben kann. Ein gutes Beispiel von Kayrouz und Hansen (2019) betraf das kollektivistische Ziel des Naturschutzes und die Stammesloyalität indigener Völker Nordamerikas, die schwerer wiegen können als das individualistische Ziel der Person. Frage acht lautet, ob die Behandlungsmethode das Erreichen der Ziele erleichtert und die kulturellen und geschlechtsbezogenen Normen der Person berücksichtigt; falls nicht, sollte die Behandlung angepasst werden. Die neunte Frage schließlich lautet, wie die umfassenderen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Realitäten der Person aussehen. Zusammen bilden diese neun Fragen einen hervorragenden Leitfaden, um jede Intervention erfolgreich und kultursensibel kulturell anzupassen.
Als Angehörige einer kollektivistischen Kultur messen hispanische Menschen den Bedürfnissen und Wünschen der gesamten Familie mehr Wert bei als den Bedürfnissen und Wünschen eines einzelnen Menschen; dahinter steht der Gedanke, dass die Einzelnen voneinander abhängig und Teil einer Familie sind, die als Ganzes funktionieren sollte. Nach Tadros und Owens (2021) ist es wichtig, dass Therapierende intersektionale Identitäten berücksichtigen, die unmittelbar mit den Rollen, Normen, Hierarchien und Grenzen einer Familie zusammenhängen können. Die Familie, insbesondere die erweiterte Familie, ist für hispanische Menschen sehr wichtig. Hispanische Familien stellen Vertrauen in ihrer Lebensweise an die erste Stelle, sind aber gegenüber Außenstehenden oft misstrauisch, was für eine SFBT-Fachkraft, die das Vertrauen einer hispanischen ratsuchenden Person gewinnen und einen Rapport aufbauen will, eine Herausforderung sein kann. Auch Respekt hat für hispanische Menschen in ihrem Leben Vorrang; er ist ein sehr verbreitetes Thema in ihrer Kultur und ihren Familienstrukturen. Die meisten hispanischen Menschen haben sehr patriarchale Familienstrukturen, und Respekt wird den Familienmitgliedern gemäß dieser Hierarchie entgegengebracht, ebenso älteren Menschen; Eltern und Ältere genießen in hispanischen Familien den größten Respekt. Die SFBT lässt sich an tief verwurzelte Aspekte der hispanischen Kultur anpassen, nicht nur, wenn es um Vertrauen und Respekt geht, sondern auch um Loyalität, Gemeinschaftssinn, Spiritualität und Religiosität sowie die gegenseitige Abhängigkeit der Familienmitglieder (González-Suitt et al., 2016). Eine SFBT-Fachkraft sollte die Kultur und die Normen einer hispanischen ratsuchenden Person gut kennen und muss zudem Verständnis und Sensibilität zeigen, um ethische, hochwertige Leistungen zu erbringen.
Hispanische Menschen nehmen sämtliche allgemeinen medizinischen Leistungen, insbesondere psychosoziale und psychotherapeutische Angebote, unterdurchschnittlich in Anspruch; bei familiären Funktionsstörungen suchen sie meist Hilfe bei anderen Familienmitgliedern oder bei nicht-professionellen Helfenden, statt sich wegen wirtschaftlicher oder struktureller Hürden an Fachleute zu wenden (Prieto et al., 2001; Zamarripa, 2009). Eine Studie von Beyebach (2000) legt nahe, dass Ratsuchende, die die Beziehung zu ihrer therapeutischen Fachkraft nicht wahrnehmen und wertschätzen, die Therapie mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit fortsetzen und Hausaufgaben erledigen; starke therapeutische Beziehungen und die Sorge dafür, dass sich die Ratsuchenden Erfolge und Lösungen selbst zuschreiben, scheinen sich positiv auf die Fortsetzung der Therapie auszuwirken. Für Cassandra und Emilio waren die finanziellen Verhältnisse eine enorme Hürde für die Behandlung, da sie sich als Familie mit geringem Einkommen bezeichneten. Cassandra hat als mexikanische Einwanderin keine Krankenversicherung, die die Therapie abdeckt, und da Emilio jetzt nur noch in Teilzeit beschäftigt ist, hat auch er keinen Anspruch auf eine Krankenversicherung. Nach Rastogi et al. (2012) und Reddy et al. (2015) stoßen hispanische Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status auf verschiedene Schwierigkeiten, darunter zeitliche, finanzielle und verkehrstechnische Einschränkungen, wenn sie psychosoziale Angebote nutzen wollen. Die SFBT ist eine Kurzform der Therapie und für viele Menschen meist eine hervorragende Option; fehlen jedoch Krankenversicherung oder eine angemessene Beschäftigung, kann das eine enorme Hürde für die Behandlung darstellen; dass hispanische Menschen psychosoziale Angebote zu wenig nutzen, liegt eher an wirtschaftlichen Hürden als an mangelnder Bereitschaft zur Teilnahme (Zamarripa, 2009). Nachdem Emilio eingeräumt hatte, ein Alkoholproblem zu haben, hätte er idealerweise eine Entzugs- und Rehabilitationseinrichtung aufgesucht, doch solche Einrichtungen sind für Menschen ohne Krankenversicherung sehr teuer. Obwohl Emilios Alkoholkonsum nicht schwerwiegend war, wurde ihm empfohlen, Treffen der Anonymen Alkoholiker und gegebenenfalls andere kostenlose Selbsthilfegruppen zu besuchen.
Eine weitere Hürde für die Behandlung besteht darin, dass Cassandra eine mexikanische Einwanderin ist, die trotz mehr als zwei Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten nicht fließend Englisch gelernt hat. Cassandras Englisch ist sehr einfach, und eine sprachliche Anpassung ist notwendig, damit sie die ihr gestellten Fragen vollständig versteht. Sprachliche Anpassung bedeutet nicht einfach, eine Dolmetschperson hinzuzuziehen. Oft genügt es, Fragen und Formulierungen zu vereinfachen, damit Menschen mit Grundkenntnissen im Englischen sie besser verstehen; die therapeutische Fachkraft kann weniger oder einfachere Wörter verwenden oder verschiedene Varianten derselben Frage ausprobieren, statt zu versuchen, die Frage zu erklären, denn das kann die Person noch mehr verwirren (González-Suitt et al., 2019). Wichtig ist auch der Hinweis, dass die spanische Sprache zwar vielen Ländern und Regionen gemeinsam ist, aber stark variieren kann und nicht für alle spanischsprachigen Menschen dieselbe ist. Auch wenn die Sprache ähnlich genug ist, um grundlegende Bedürfnisse zu verstehen, ist es unerlässlich, dass Therapierende die konkrete Sprachvarietät der ratsuchenden Person kennen, um die Therapie so genau wie möglich zu vermitteln (González-Suitt et al., 2016; Grames, 2006). Sprachbarrieren können für hispanische Gemeinschaften sehr problematisch sein, insbesondere für Menschen, die psychosoziale Angebote in Anspruch nehmen wollen. Sprachbarrieren benachteiligen hispanische Bevölkerungsgruppen und erschweren den Zugang zu einer hochwertigen Therapie erheblich. Hispanische Menschen verlieren aufgrund früherer negativer Erfahrungen mit Sprachbarrieren oft die Hoffnung, dass eine Therapie ihnen überhaupt nützen könnte; Sprachbarrieren führen tendenziell zu schlechten Behandlungsergebnissen und zu einem höheren Risiko, dass die Person nicht mehr zur Therapie zurückkehrt (Finney et al., 2020; Kouyoumdjian et al., 2003; Rastogi et al., 2012). Im Verlauf der Therapie konnte Emilio mit dem Trinken aufhören und eine Vollzeitstelle finden, was die Terminplanung für gemeinsame Sitzungen mit ihm und seiner Mutter erschwerte. Mit ihrer Hilfe und ihrem Entgegenkommen gelang es der therapeutischen Fachkraft, die kollidierenden Terminpläne zu vereinbaren und die Therapie zu ermöglichen. Weitere Hürden für die Behandlung gab es nicht.
Obwohl die hispanische Bevölkerung die größte und am schnellsten wachsende Minderheit in den USA ist, ist sie beim Zugang zu hochwertiger Gesundheitsversorgung und Therapie stark benachteiligt. Hispanische Menschen bleiben eine vulnerable Bevölkerungsgruppe, bedingt durch einen niedrigeren sozioökonomischen Status, einen schlechteren Zugang zur Krankenversicherung und ihren Aufenthaltsstatus (González-Suitt et al., 2016; Grames, 2006; Zamarripa, 2009). Es gibt jedoch zahlreiche Forschungsarbeiten, die die Wirksamkeit der SFBT in der Arbeit mit hispanischen Bevölkerungsgruppen belegen. González-Suitt (2016) stellte fest, dass die SFBT in Kombination mit anderen Ansätzen gut in der verhaltensbezogenen Gesundheitsversorgung Erwachsener, bei Kindern und Jugendlichen in der Schule sowie in der Paararbeit wirkte. Eine andere Studie zielte darauf ab, eine sprachliche Anpassung der SFBT zu erproben und ihre Wirksamkeit bei Menschen in der chilenischen Primärversorgung zu bestimmen. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass die chilenischen Behandelten die meisten SFBT-Fragen anfangs nicht verstanden, nach einigen sprachlichen Anpassungen jedoch die meisten, wenn nicht alle SFBT-Fragen und -Werkzeuge verstanden (González-Suitt et al., 2019). Beide genannten Studien unterstreichen nicht nur die Wirksamkeit der SFBT in hispanischen Kulturen, sondern veranschaulichen auch, wie wichtig es ist, SFBT-Interventionen an die jeweilige Kultur anzupassen.
Die vorgestellte Fallstudie hat veranschaulicht, wie die SFBT in der hispanischen Gemeinschaft erfolgreich eingesetzt werden kann. Statt zu zeigen, wie der Ansatz verändert werden kann, um zur hispanischen Bevölkerung zu passen, hat die Fallstudie gezeigt, wie der unveränderte Ansatz zu verschiedenen Kulturen passen kann, sofern die therapeutische Fachkraft kulturell angemessenen Leitlinien folgt. Insgesamt braucht die hispanische Gemeinschaft angesichts des demografischen Wandels in den USA angemessen ausgebildete, kultursensible und zweisprachige Fachkräfte der Paar- und Familientherapie, die die Werkzeuge der SFBT erfolgreich einsetzen können, um hispanischen Menschen zu helfen. Die hispanische Gemeinschaft braucht kulturell geschulte Fachkräfte, die Hürden für die Behandlung abbauen – sei es, indem sie die Sprache an die Sprache hispanischer Menschen anpassen, oder indem sie einen sprachlich unveränderten Ansatz verwenden.
Complexe Systémique: Was man mitnehmen sollte
Ein Lehrbuchfall im Wortsinn: Aus einem Masterstudiengang Familientherapie heraus legen die Verfassenden einen Mutter-Sohn-Fall als Übung in Fallkonzeption dar, mit seinen Konzepten (Homöostase, Morphostase, Morphogenese) und seinem Behandlungsplan. Das klinische Interesse liegt woanders: in der Wunderfrage, die im Beisein des anderen gestellt wird, sodass jeder hört, was der andere erwartet; im Geheimnis um den Tod des Vaters, das in der Sitzung gelüftet wird; und in der Offenheit über materielle Hürden – Versicherung, Arbeitszeiten, Sprache –, die schwerer wiegen als die vermeintliche Zurückhaltung der Familien. Die These einer „unveränderten“, aber kulturell geleiteten SFBT findet ein Echo bei Moir-Bussy in Hongkong, wo Komplimente und Wunderfrage sehr wohl abgewandelt werden, und bei Gale Miller zur Kultur in der Beratung. Zu Verlust und Exil lesen Sie auch Migration, ambiguous loss and rituals.
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Kontakt
Vanessa Magaña: vmagana@student.govst.edu · Eman Tadros: emantadros@gmail.com
Originalartikel Solution-Focused Brief Therapy with Hispanic Families von Vanessa Magaña und Eman Tadros, erschienen im Journal of Solution Focused Practices, Bd. 6, Nr. 2 (2022), Artikel 7, S. 33-41, doi: 10.59874/001c.75019, unter der Lizenz CC BY 4.0. Inoffizielle deutsche Übersetzung von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, mit einer für das Lesen online angepassten Gestaltung, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Inoffizielle deutsche Übersetzung des Originalartikels „Solution-Focused Brief Therapy with Hispanic Families“, erschienen im Journal of Solution Focused Practices (2022) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Text der Verfassenden wurde vollständig übersetzt, nur die Gestaltung wurde für das Lesen online angepasst, wie zu Beginn dieser Seite angegeben. Maßgeblich ist die Originalfassung.
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Magaña, V., & Tadros, E. (2022). Solution-Focused Brief Therapy with Hispanic Families. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/solution-focused-brief-therapy-with-hispanic-families (Originalwerk erschienen 2022 im Journal of Solution Focused Practices, Bd. 6, Nr. 2 (2022), Artikel 7, S. 33-41; 2022 neu veröffentlicht von Journal of Solution Focused Practices, https://journalsfp.org/article/75019)
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