Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Child & Family Social Work · Soziale Arbeit
Was wird aus den Bindungen zwischen Geschwistern, wenn ein Kind in Obhut genommen wird? Wenche Hovland und Sarah Hean von der Universität Stavanger haben 25 fremduntergebrachte junge Menschen in Norwegen interviewt. Überlebensallianzen, Parentifizierung, Konflikt oder keine Bindung vor der Unterbringung; enge, konfliktreiche, distanzierte oder abgebrochene Beziehungen danach: Es zeigen sich vierzehn Verläufe, und die Beziehung davor sagt die danach nicht voraus.
Inoffizielle deutsche Übersetzung von The quality and developmental pathways in sibling relationships: A qualitative study of Norwegian children admitted to child welfare service care von Wenche Hovland und Sarah Hean, erschienen in Child & Family Social Work (Wiley) (2021), doi: 10.1111/cfs.12838, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und für die Online-Lektüre neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Tabellen werden als Listen dargestellt. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Der Übergang vom Elternhaus in die Fremdunterbringung und seine Auswirkungen auf die Geschwisterbeziehung sind alles andere als ein linearer und klar abgegrenzter Prozess.
Wenche Hovland und Sarah Hean
Abstract
Geschwister sind zentrale Akteure im sozialen Netzwerk fremduntergebrachter junger Menschen. Dieser Beitrag untersucht, wie fremduntergebrachte junge Menschen Veränderungen in der Qualität ihrer Geschwisterbeziehungen wahrnehmen und welche Verläufe diese Beziehungen beim Übergang von der Herkunftsfamilie in die Fremdunterbringung nehmen. Eine thematische Analyse von Interviews mit fremduntergebrachten jungen Menschen in Norwegen (n = 25) zeigte, dass Geschwisterbeziehungen in der Herkunftsfamilie durch Allianzen, Parentifizierung, Konflikte oder Nichtvorhandensein gekennzeichnet sind. Nach der Aufnahme in die Obhut der Kinder- und Jugendhilfe entwickelten sich die Geschwisterbeziehungen entlang vielfältiger Verläufe. Sie formten sich zu engen und unterstützenden, konfliktreichen oder vollständig abgebrochenen Beziehungen um. Die Geschwisterbeziehungen waren dynamisch und komplex, wobei der Verlauf und seine Auswirkungen auf das Wohlbefinden für jeden jungen Menschen einzigartig waren. Die Qualität der Geschwisterbeziehung im Elternhaus sagte die Beziehungsqualität nach der Aufnahme in die Kinder- und Jugendhilfe nicht voraus. Die Implikationen für die Praxis der Sozialen Arbeit werden diskutiert.
Jedes Individuum ist das Zentrum eines sozialen Netzwerks (Barnes, 1954; Bott Spillius, 1957). In der Theorie sozialer Netzwerke (Moreno, 1934) vermittelt die Struktur eines sozialen Netzwerks den Ressourcenfluss zwischen den Akteuren dieses Netzwerks und ermöglicht es Individuen, Zugang zum darin enthaltenen sozialen Kapital – positivem wie negativem – zu erhalten. Die Netzwerkstruktur wird durch die Anzahl der Verbindungen zwischen den Akteuren bestimmt. Auch die Qualität dieser Verbindungen wird bestimmt, und zwar auf vielfältige Weise. Dazu gehören Stärke, Richtung und Ähnlichkeit zwischen den verbundenen Akteuren. Letztere kann auf dem Ort (d. h. zeitlich/räumlich) und auf Merkmalen (z. B. Geschlecht) beruhen; auf sozialen Beziehungen zwischen Akteuren, einschließlich Verwandtschaft (z. B. Geschwister), Zuneigung (z. B. Hass oder Liebe), oder auf dem Ressourcenfluss im sozialen Netzwerk (z. B. Fluss von Informationen oder anderen Ressourcen) (Borgatti et al., 2009).
Geschwister sind zentrale Mitglieder im sozialen Netzwerk junger Menschen. Sie sind nicht nur Familienangehörige, sondern auch Vertraute, Menschen zum Spielen, Bezugspersonen und so weiter. Die meisten Menschen in der westlichen Welt erleben eine Geschwisterbeziehung (leibliche, Halb-, Stief- oder Adoptivgeschwister) (Milevsky, 2011). Sie ist oft dauerhafter als die Beziehungen zu den Eltern, zu Freundschaften oder zu Lebenspartnerschaften (Dunn, 2000; Gustavsson & Maceachron, 2010).
Die Literatur zu Geschwisterbeziehungen zeichnet ein uneinheitliches Bild der Einflussfaktoren; dazu gehören Geschlecht (Hetherington, 1989; Milevsky, 2005), Geburtsrang (Feinberg & Hetherington, 2001; Milevsky, 2005; Sulloway, 2007), Größe der Geschwisterreihe (Bat-Chava & Martin, 2002; Milevsky, 2005), Altersabstand (Milevsky, 2005), Lebenslauf (East & Khoo, 2005; Jenkins, 1992; Kim et al., 2006) und Familiendynamik (Jenkins, 1992; Samuels, 1980; Shanahan et al., 2008). Einerseits sind enge Geschwisterbeziehungen wesentliche Ressourcen für die körperliche, kognitive und sozial-emotionale Entwicklung von Kindern (Bornstein et al., 2003; Hegar & Rosenthal, 2011; Linares et al., 2007; Richardson & Yates, 2014; Spitze & Trent, 2006). Geschwister mit positiven Beziehungen zeigen ein höheres Maß an emotionalem Verständnis (Dunn et al., 1991), kognitiven Fähigkeiten (Smith, 1993), sozialem Verständnis (Downey & Condron, 2004), moralischer Sensibilität (Dunn et al., 1995) und psychischer Anpassung (Kramer & Kowal, 2005; Pike et al., 2005). Mit Geschwistern erlernte soziale Verhaltensweisen übertragen sich auf andere Beziehungen, etwa auf Freundschaften unter Gleichaltrigen (Downey & Condron, 2004; Kim et al., 2006).
Andererseits können Geschwisterbeziehungen konfliktreich (Bank et al., 2004; Garcia et al., 2000) oder missbräuchlich (Wiehe, 1997) sein, bedingt durch negative Beziehungen zwischen den Eltern (Hetherington, 1989; Noller et al., 2008; Panish & Stricker, 2001), Geschwisterrivalität (Sulloway, 1996), dispositionelle Faktoren (Prochaska & Prochaska, 1985) oder familiäre Koalitionen (McHale et al., 1995; Volling, 1997). Destruktive Geschwisterbeziehungen führen zu störendem Verhalten (Bank et al., 2004; Garcia et al., 2000; Volling, 2003), und jüngere Geschwister können negatives Verhalten von älteren Geschwistern übernehmen (Milevsky, 2011; Pinel-Jacquemin et al., 2012). Mitunter verstärken schwere Familienkonflikte die Feindseligkeit zwischen Geschwistern und beeinträchtigen ihre Fähigkeit, einander Empathie und Unterstützung zu geben (Bank, 1992; Brody et al., 1992; Dirks et al., 2015; Hetherington, 1989; Riggio, 2001).
Alternativ schließen sich Geschwister zusammen, um Ehekonflikte und familiäre Feindseligkeit auszugleichen, wodurch ihre Nähe und Wärme zunehmen (Fabing et al., 1956; Kim et al., 2006; Sheehan et al., 2004). Fehlen angemessene elterliche Beziehungen, sorgen stattdessen die Geschwister füreinander (Bank, 1992; Thorpe & Swart, 1992) und geben einander emotionale und psychische Unterstützung (Bank & Kahn, 1982). Dies ist ein Prozess der Parentifizierung, also wenn junge Menschen eine Elternrolle übernehmen, um für Geschwister zu sorgen oder die Eltern zu unterstützen. Je nach Alter der Geschwister kann die Last der Parentifizierung zu schwer sein und diesen Prozess zu einem destruktiven Verlauf machen, der das Wohlbefinden derjenigen beeinträchtigt, die sich darauf einlassen (Burton, 2007; Hooper et al., 2011). Sind Geschwister hingegen reif genug, können sie Selbstvertrauen gewinnen und von dieser Rolle profitieren (d. h. adaptive Parentifizierung) (Burton, 2007; Byng-Hall, 2008).
Geschwisterbeziehungen werden besonders komplex, wenn eines oder mehrere der Geschwister in die Obhut der Kinder- und Jugendhilfe (child welfare services, CWS) genommen werden. Fremduntergebrachte junge Menschen stehen mit zahlreichen Personen in Verbindung (z. B. leiblichen Eltern, Fachkräften der Sozialen Arbeit und Freundschaften). Fachpolitische Vorgaben der Sozialen Arbeit (z. B. Bunkholdt, 2017; Norwegian Public reports-NOU, 2018) erkennen Geschwisterbindungen als besonders wichtig an und befürworten häufig eine gemeinsame Unterbringung der Geschwister. Die Annahme lautet, dass diese Bindungen potenzielle Kanäle für den Austausch von Fürsorge und Unterstützung sind, die sich auf das Wohlbefinden junger Menschen auswirken. Die Literatur zeigt vielfältige und teils widersprüchliche Befunde zu den Ergebnissen unterschiedlicher Unterbringungsverläufe. Demnach führen unterschiedliche Wohnformen und Unterbringungsverläufe (Hegar & Rosenthal, 2011; James et al., 2008) zu unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich Verhaltensproblemen (Hegar & Rosenthal, 2011) und schulischer Leistung (Hegar & Rosenthal, 2011), Geschwisterkonflikten (James et al., 2008), Bindung an die Bezugsperson in der Kinder- und Jugendhilfe (Hegar & Rosenthal, 2011; Leathers, 2005), emotionaler Kontinuität und Sicherheit (Shlonsky et al., 2003) sowie Zugehörigkeitsgefühl (Leathers, 2005). Einerseits bieten Geschwisterbindungen jungen Menschen emotionale Unterstützung während der gemeinsamen Unterbringung in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe (Bank et al., 2004; Hegar & Rosenthal, 2011; Henry, 2005; Herrick & Piccus, 2005; McBeath et al., 2014; Richardson et al., 2017; Wojciak, 2016); und Geschwister können Allianzen bilden und sich gegenseitig stützen, wenn sie gemeinsam leiden (Whiting & Lee, 2003). Dies trifft jedoch nicht immer zu: Geschwisterbeziehungen können auch zerbrechen, wenn Geschwister in derselben Pflegefamilie untergebracht werden (Vinnerljung et al., 2017).
Obwohl über eine Reihe von Ergebnissen berichtet wird, gibt es kaum Forschung zum Prozess, in dem sich Geschwisterbindungen beim Übergang in die Obhut der Kinder- und Jugendhilfe entwickeln. Trotz weit verbreiteter Empfehlungen, Geschwister gemeinsam unterzubringen, ist wenig darüber bekannt, wie es unter solchen Umständen aus Sicht der jungen Menschen um die Qualität der Geschwisterbindungen steht (Jones, 2016) und wie sich die Trennung von den Geschwistern auf sie auswirkt (Milevsky, 2011; Seale & Damiani-Taraba, 2017). Um diese Forschungslücken zu schließen, haben wir die Art dieser Bindungen aus der Perspektive junger Menschen qualitativ untersucht. Wir wollten zur aktuellen Forschung beitragen, indem wir diese Beziehung vor und nach dem Übergang vergleichen und die Verläufe dazwischen nachzeichnen. Dieses Wissen ist relevant für die Beteiligten (z. B. Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Pflegeeltern), die diesen Prozess begleiten.
Norwegen eignet sich gut, um die Perspektiven junger Menschen auf Geschwisterbeziehungen nach dem Wechsel in die Fremdunterbringung zu untersuchen, da seine Politik typisch für die internationale Kinder- und Jugendhilfepolitik ist, die eine gemeinsame Unterbringung empfiehlt, etwa in Norwegen (Bunkholdt, 2017; NOU 2018:18, 2018), Europa (Lundström & Sallnäs, 2012; Sting, 2013), dem Vereinigten Königreich (Hollows & Nelson, 2006; Jones, 2016; Yates, 2018) und den Vereinigten Staaten (Albert & King, 2008; Gustavsson & Maceachron, 2010; Ward, 1984). Das norwegische Kinderschutzgesetz enthält keine direkten Bestimmungen darüber, wie Geschwister unterzubringen sind, außer dass die Kinder- und Jugendhilfe den Geschwisterkontakt fördern soll. Die norwegische Regierung empfiehlt, dass „Kinder mit ihren Geschwistern aufwachsen dürfen“ (Sundvollen-erklæringen, 2013), und nur wenn es dem Kindeswohl entspricht, sollen Geschwister getrennt werden (NOU 2018:18, 2018). Trotz dieser Empfehlungen werden in Norwegen 60% der jungen Menschen, die in Obhut kommen, von ihren Geschwistern getrennt (Falch-Eriksen, 2017). Hauptgrund ist der Mangel an Plätzen in Pflegefamilien oder Einrichtungen, die bereit sind, Geschwistergruppen aufzunehmen.
Da es sich um eine explorative Studie handelte, lag dem verwendeten deskriptiven qualitativen Forschungsansatz eine konstruktivistische Grundhaltung zugrunde (Caelli et al., 2003).
Die Stichprobe wurde aus der Population junger Menschen gezogen, die unter dem Schutz der norwegischen Kinder- und Jugendhilfe leben. Landesweit stehen 55.623 junge Menschen in der Obhut der Kinder- und Jugendhilfe, von denen 15.140 in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe oder in Pflegefamilien leben (SSB, 2019). In Norwegen sind die häufigsten Unterbringungsformen Pflegefamilien (11.000 Personen), betreute Wohnungen (2000 Personen) und Heimerziehung (1000 Personen) (SSB, 2019). Die Studie fand in einer der 356 norwegischen Kommunen mit rund 143.000 Menschen statt. Wir wählten sie aufgrund der Größe ihrer Kinder- und Jugendhilfe und der guten Zugänglichkeit: Erstens musste sie über eine ausreichende Zahl junger Menschen verfügen, damit das Forschungsteam eine für die Studienziele ausreichende Stichprobe rekrutieren konnte. Zweitens ist diese Population für die Forschung schwer zugänglich, und der Umstand, dass die Erstautorin zuvor in dieser Kommune gearbeitet hatte und dort Forschungskontakte besaß, erleichterte den Zugang. Die kommunale Leitung der Kinder- und Jugendhilfe genehmigte, dass 207 junge Menschen (16–22 Jahre) in der Obhut der Kinder- und Jugendhilfe zu einem Interview eingeladen wurden. In diesem Alter galten junge Menschen als reif genug, um über ihre persönlichen Umstände nachzudenken und vertiefte Daten zu den Auswirkungen der Unterbringung zu liefern. Wir legten eine Untergrenze von 16 Jahren fest, da die norwegischen Vorschriften unterhalb dieses Alters die Zustimmung der Eltern zur Teilnahme verlangen. Eine Obergrenze von 23 Jahren wurde festgelegt, weil junge Menschen die Fremdunterbringung zwar offiziell mit 18 Jahren verlassen können, dazu aber erst mit 23 verpflichtet sind. Die jungen Menschen wurden gebeten, sich nach eigenem Ermessen bei der Erstautorin zu melden, wenn sie teilnehmen wollten. Fünfundzwanzig Personen meldeten sich freiwillig; die meisten lebten in Pflegefamilien (n = 19), die übrigen in betreuten Wohnungen (n = 4) oder in Heimerziehung (n = 2).
Die Interviews wurden von der Erstautorin geführt, die über berufliche Expertise in der Sozialen Arbeit mit Kindern verfügt. Die Teilnehmenden wurden in halbstrukturierten Interviews zu ihren Geschwistererfahrungen im untersuchten Zeitraum befragt. Das Wort „Geschwister“ ist ein biologischer, rechtlicher, kultureller und/oder relationaler Begriff (Waid, 2014), und was Menschen als „echte“ Geschwister definieren, ist unterschiedlich. Die Interviews ließen den Teilnehmenden Raum, über Beziehungen zu sprechen, die für sie bedeutsam waren, und selbst zu entscheiden, was sie als Geschwisterbeziehung definierten (Hegar & Rosenthal, 2011). Die meisten sprachen über ihre leiblichen Geschwister, einige erwähnten jedoch Stiefgeschwister. Auf der Grundlage der Theorie sozialer Netzwerke untersuchten die Interviews Struktur und Qualität der Verbindungen zwischen den Geschwistern im familiären Netzwerk der Teilnehmenden. Besondere Aufmerksamkeit galt dem, was Borgatti et al. (2009) als affektive Natur dieser Verbindungen bezeichnen, über die Ressourcen wie Liebe und Unterstützung fließen können. Die Interviews begannen mit einem Überblick über die strukturellen Merkmale des Netzwerks: Anzahl der Geschwister in der Familie, Geburtsrang, Jahr der Herausnahme aus der Familie sowie Alter und Geschlecht der Geschwister. Um vertiefte Daten zu den Überlegungen der Teilnehmenden über die affektiven Qualitäten und die Dynamik der Geschwisterbeziehungen im zeitlichen Verlauf (d. h. vor und nach der Herausnahme) und im Raum (vom Elternhaus in das Umfeld der Kinder- und Jugendhilfe) zu gewinnen, zeichneten die Teilnehmenden – gemeinsam mit der Interviewerin – Karten ihres persönlichen Geschwisternetzwerks (Abbildung 1). Diese Karten beruhten auf der Studie von Samuelsson et al. (1996): Der innerste Kreis stellt die teilnehmende Person dar; die konzentrischen Kreise bezeichnen abnehmende Grade an Nähe oder Zuneigung zwischen den Geschwistern im Netzwerk, und über diese konzentrischen Kreise ist ein Quadrant gelegt. Diese Quadranten geben an, ob man mit dem Geschwister zusammen oder getrennt lebt und ob sich die teilnehmende Person auf die Beziehung vor oder nach der Herausnahme bei der Aufnahme in die Obhut der Kinder- und Jugendhilfe bezieht. Die Teilnehmenden wurden gebeten, die Stelle im Diagramm anzugeben, die ihre Geschwisterbeziehung am besten beschrieb, und ihre Wahl anschließend zu begründen. Das Interview untersuchte auch die Auswirkungen dieser Beziehungen auf das Wohlbefinden der Teilnehmenden. Die Interviews dauerten zwischen 45 min und 2 h, wurden mit Einverständnis der Teilnehmenden als Audio aufgezeichnet und wörtlich transkribiert.

Die Interviews wurden parallel zur Datenerhebung analysiert, um aufkommende Themen in weiteren Interviews vertiefen zu können. Die Erstautorin (W.H.) anonymisierte die Interviewaufnahmen, Transkripte und Zitate. Zunächst teilte sie die Daten in die folgenden zwei Datensätze auf: Daten zur Geschwisterbeziehung im Elternhaus und Daten zu den Geschwisterbeziehungen nach der Aufnahme in die Obhut der Kinder- und Jugendhilfe. Anschließend führte sie eine induktive thematische Analyse durch (Gibbs, 2007; Graneheim & Lundman, 2004). Diese umfasste Vertrautmachen mit den Daten, die Identifikation von Sinneinheiten und die Zuweisung einer kurzen Überschrift zu jeder Sinneinheit (die deren Bedeutungsgehalt zusammenfasste) in einem offenen Kodierprozess. Diese Codes wurden dann zu übergeordneten Kategorien gruppiert, und die Erstautorin bemühte sich, die Zuordnung jedes Codes durch ständigen Vergleich klar zu begründen. Themen und Unterthemen wurden aus den Kategorien gebildet, die im Abstraktionsprozess entstanden. Um die Vertrauenswürdigkeit des von der Erstautorin durchgeführten Kategorisierungs- und Abstraktionsprozesses zu bestätigen (Shenton, 2004), wurde die Analyse mit der Zweitautorin überprüft und diskutiert. Tabelle 1 veranschaulicht den Analyseprozess. Die Erstautorin, deren Muttersprache Norwegisch ist, übersetzte die Zitate ins Englische; diese wurden anschließend von der Zweitautorin, deren Muttersprache Englisch ist, überprüft. Zur Datenverwaltung verwendeten wir QSR NVivo 12.
Tabelle 1 – Veranschaulichung des Analyseprozesses
Für jede Sinneinheit: verdichtete Sinneinheit (textnahe Beschreibung; Interpretation der zugrunde liegenden Bedeutung), Unterthema und Thema.
Alle 25 Teilnehmenden waren junge Menschen (Altersspanne 16–22 Jahre, Durchschnittsalter 18.3). Zusammen hatten sie 86 Geschwister. Es handelte sich um neun Jungen und 16 Mädchen; alle waren aus ihrer Herkunftsfamilie herausgenommen und in Pflegefamilien oder Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe (z. B. Jugendwohngruppen oder Wohnungen) untergebracht worden. Vier Teilnehmende waren außerhalb Norwegens geboren, zwei waren Kinder eingewanderter Eltern. Die Teilnehmenden hatten ein bis sieben Geschwister (Tabelle 2). Obwohl alle von der norwegischen Kinder- und Jugendhilfe aus ihrer Herkunftsfamilie herausgenommen worden waren, war das Alter, in dem dies geschah, unterschiedlich (Tabelle 3). Die meisten Teilnehmenden waren während einer Phase des Übergangs in die Obhut der Kinder- und Jugendhilfe von ihren Geschwistern getrennt (n = 17), doch die Umstände der Herausnahme und der gemeinsamen Unterbringung waren komplex und von Person zu Person sehr unterschiedlich (Tabelle 4).
Tabelle 2 – Anzahl der Geschwister pro teilnehmender Person
Tabelle 3 – Alter bei der Herausnahme aus der Herkunftsfamilie
Tabelle 4 – Kontext der Herausnahme
Aus der Analyse ergaben sich zwei übergreifende Themen, die drei bzw. vier Themen umfassen und sich wie folgt zusammenfassen lassen:
Die Geschwisterbeziehung, solange man noch in der Herkunftsfamilie lebte
Verläufe von der früheren zur heutigen Geschwisterbeziehung in der Fremdunterbringung
Eine der 25 Teilnehmenden hatte vor ihrer Fremdunterbringung keine Geschwister, und vier waren bei der Herausnahme so jung, dass sie sich nicht an Geschwisterbeziehungen in der Herkunftsfamilie erinnerten. Die übrigen, die Erfahrungen mit ihren Geschwistern im belasteten Elternhaus hatten, beschreiben ihre Geschwisterbeziehungen in dieser Zeit als einen Prozess der Allianzbildung zwischen Geschwistern, als einen Prozess der Parentifizierung/Fürsorge für Geschwister oder als eine konfliktreiche oder potenziell missbräuchliche Beziehung:
Einige Teilnehmende sprachen über die Geschwisterbeziehungen im Elternhaus fast romantisch: als Geschwisterallianz bzw. -koalition oder als Überlebensweg in Zeiten der Not; „Irgendwie erinnere ich mich nur an eine gute Zeit“ (Junge, 17). Sie beschreiben Allianzen als das, was Whiteman et al. (2011) als „ein Subsystem innerhalb von Familien“ (S. 133) definieren. Diese bildeten sich als Mittel, gemeinsame familiäre Härten zu überstehen, und als Reaktion auf elterliche Vernachlässigung oder Misshandlung. Diese Geschwister entwickelten eine eigene Beziehungs-„Zone“, die von großer Nähe geprägt war und sich zeitweise gegen die Eltern richtete.
Ohne meinen Bruder hätte ich es nicht geschafft, […] er hätte es ohne mich nicht geschafft (Mädchen, 19).
Die Teilnehmenden erinnerten sich an gegenseitige Fürsorge und Trost: gemeinsam Hausaufgaben machen, einander Dinge kaufen, nach der Schule draußen spielen und gemeinsam an sozialen Aktivitäten teilnehmen. Zu wissen, dass sie eine stabile, liebevolle Geschwisterbeziehung hatten, war ihnen wichtig. Einige erinnerten sich an Streit, aber auch daran, dass sie sich danach wieder versöhnten. Trotz der Nähe und Harmonie in der Beziehung und obwohl die Teilnehmenden beschrieben, wie sie ihre Frustrationen teilten und sich gegenseitig unterstützten, sprachen sie mit ihren Geschwistern nicht ausdrücklich über ihre mangelhafte Versorgungssituation. Sie berichteten außerdem von der Entwicklung symmetrischer, horizontaler, machtgleicher Geschwisterbeziehungen, die von einer Fürsorge des „Gebens und Nehmens“ geprägt waren.
Andere Teilnehmende beschrieben asymmetrische Geschwisterbeziehungen in ihrem Elternhaus: Entweder sorgten sie für ihre Geschwister, oder sie wurden von ihnen versorgt. Die Richtung dieser Beziehungen war nicht beständig; ein Geschwister war manchmal sorgende Person und manchmal versorgte Person. Eine Teilnehmerin sprach von der Beziehung als einer Fürsorgeaufgabe:
Ich habe Pausenbrote gemacht; sie zum Training begleitet, […] geschaut, ob sie ihre Hausaufgaben gemacht hatten, […] für Essen gesorgt. […] Ich hatte wohl eine sehr verantwortungsvolle Beziehung; [ich dachte,] dass es ihnen die ganze Zeit gut gehen sollte (Mädchen, 19).
Diese Fürsorgeaufgaben konnten praktischer Art sein, etwa Abendessen kochen, Lebensmittel einkaufen, Pausenbrote für die Schule vorbereiten oder Geschwister zu Nachmittagsaktivitäten bringen. Psychische Fürsorge bedeutete, die Geschwister glücklich zu machen und sie zu trösten. Ein Teilnehmer erzählte, dass er mit 8 Jahren als Letzter ins Bett ging, um sicherzugehen, dass seine Schwestern und seine Mutter gut schliefen. Eine andere Teilnehmerin sagte:
Meine Mutter war Alkoholikerin und mein Vater sehr gewalttätig. Ich musste sie die ganze Zeit beschützen, weil sie an einem so unsicheren Ort lebten (Mädchen, 19).
Die Teilnehmenden beschrieben die Verantwortung für die praktischen und psychischen Bedürfnisse der Geschwister als erfüllend, aber schwierig. Geschwister, die Fürsorge übernahmen, erinnerten sich daran, Zeit für Hausaufgaben und soziale Kontakte geopfert zu haben, um sicherzustellen, dass ihre Geschwister und manchmal auch kranke Eltern versorgt waren. Waren die sorgenden Geschwister reif genug und der Fürsorge gewachsen, wurden die Geschwisterbeziehungen als Prozess der adaptiven Parentifizierung beschrieben. Waren sie zu unreif, der Fürsorge nicht gewachsen und erlebten sie körperliche oder emotionale Folgen, wurden die Beziehungen als Prozess der destruktiven Parentifizierung beschrieben. Generell war dieses Muster geschwisterlicher Fürsorge, ob adaptiv oder destruktiv, durch das Fehlen von Rivalität, Streit, Konflikten und Spaß gekennzeichnet, die in gewöhnlicheren bzw. horizontalen Geschwisterbeziehungen häufig zu beobachten sind. Sorgende Geschwister sprachen nur dann von gemeinsamen schönen Aktivitäten mit den Geschwistern (z. B. draußen spielen), wenn sie in Wochenendfamilien waren, also in einer Situation, in der Erwachsene sich um sie kümmerten.
Die Teilnehmenden berichteten auch von heftigen Konflikten bzw. Missbrauch zwischen Geschwistern im Elternhaus. Die Konflikte waren oft so schwer, dass sie die normalen Alltagsaktivitäten der Geschwister beeinträchtigten (z. B. Zeit mit Freundschaften, Schule und Hausaufgaben, Essen und Schlafen). Geschwisterkonflikte erzeugten im Haushalt eine anhaltende, schwer zu ertragende Anspannung und lösten bei den betroffenen Geschwistern langfristige Ängste aus. Die Teilnehmenden nahmen diese Geschwisterkonflikte als anders wahr als normale Geschwisterkonflikte, mit verheerenden Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden. Eine Teilnehmerin beschrieb Folgendes:
Das war nicht einfach Geschwisterstreit; das war heftiger Streit – das war Mobbing (Mädchen, 19).
Die Konflikte bezogen manchmal die Eltern mit ein, und es bildeten sich Allianzen zwischen verschiedenen Familienmitgliedern; mitunter führten sie zu Gewalt: Ein Mädchen berichtete, dass sie sich zum Schutz vor einem gewalttätigen Bruder dicht neben ihren Hund setzte. Einige Teilnehmende berichteten von psychischem Missbrauch durch Geschwister, allein oder gemeinsam mit den Eltern. Eine Teilnehmerin erklärte, dass ihre psychisch kranke Mutter sich, sobald ein Geschwisterkonflikt begann, im Schlafzimmer einschloss; dies führte zu einem chaotischen Zuhause, zur Eskalation der Konflikte und zu unklaren, instabilen Geschwisterbeziehungen. Die Teilnehmenden berichteten auch von Konflikten, wenn Familienmitglieder einander zur Emotionsregulation benutzten:
Mein Bruder konnte nicht auf meine Eltern wütend sein, weil sie das nicht aushielten, also reagierte er sich an mir ab (Mädchen, 18).
Auch diese im Konflikt stehenden Geschwister sprachen weder über die mangelhafte elterliche Fürsorge noch über die Geschwisterbeziehung. Sie reagierten scheinbar nur aufeinander.
Die Teilnehmenden beschrieben ihre heutigen Geschwisterbeziehungen (d. h. nach der Aufnahme in die Obhut der Kinder- und Jugendhilfe) unter den folgenden vier Hauptthemen: eng und unterstützend, konfliktreich, distanziert oder abgebrochene Geschwisterbeziehungen. Die Teilnehmenden nannten zahlreiche Übergangsverläufe vom Elternhaus bis zur Aufnahme in die Obhut der Kinder- und Jugendhilfe – vielfältige Kombinationen von der Beziehung vor der Herausnahme bis zur heutigen. Wir beobachteten 14 verschiedene Verlaufsbeschreibungen bei 25 befragten Teilnehmenden (Abbildung 2). Viele Teilnehmende hatten mehrere Geschwister, und die Verläufe unterschieden sich meist je nachdem, über welches Geschwister die teilnehmende Person sprach.
Sechzehn Teilnehmende beschrieben einige oder alle ihrer heutigen Geschwisterbeziehungen als eng und unterstützend und hielten sie für wesentlich für ihr Wohlbefinden. Die Beziehungen waren geprägt von gegenseitiger Fürsorge, Unterstützung in schweren Zeiten (praktisch wie emotional) und Verantwortung für das Wohlbefinden der anderen Person:

Also, wenn man es schwer hat … macht schon seine bloße Anwesenheit die Dinge leichter; [sie macht sie leichter,] als wenn ich allein wäre (Mädchen, 20).
Solche engen Beziehungen hatten unterschiedliche Ausgangspunkte; einige berichteten von keinen größeren Veränderungen in der Geschwisterbeziehung. Sie sprachen von starken Allianzen im Elternhaus, die nach der Aufnahme in die Obhut der Kinder- und Jugendhilfe stark blieben (von der Allianz zu engen und unterstützenden Beziehungen, Pfeil 3, Abbildung 2).
Andere Teilnehmende berichteten von früher konfliktreichen Beziehungen, die schließlich eng und unterstützend wurden (von der konfliktreichen zur engen und unterstützenden Beziehung, Pfeil 1, Abbildung 2). Diese Teilnehmenden entwickelten eine enge Geschwisterbeziehung, nachdem sie von ihren Geschwistern getrennt worden waren. Das Getrenntleben ermöglichte eine individuelle Entwicklung in verschiedenen Zuhause und den Raum, stärkere und wechselseitige Geschwisterbeziehungen aufzubauen:
Nachdem ich ausgezogen war, hat er angefangen, es an Papa auszulassen, also haben wir jetzt eine gute Beziehung (Mädchen, 18).
Während die Trennung für manche wünschenswert schien, empfanden es andere Teilnehmende als schwierig, eine positive Geschwisterbeziehung über die Distanz aufrechtzuerhalten. Kommunikation zwischen Geschwistern ausschließlich über soziale Medien und/oder Telefonate war nicht immer ideal. Anderen war die Kommunikation mit ihren Geschwistern von den Fachkräften der Sozialen Arbeit überhaupt nicht erlaubt. Dabei handelte es sich um Maßnahmen, die Fachkräfte der Sozialen Arbeit eingeführt hatten, um jüngeren Geschwistern zu helfen, eine Bindung zu neuen Pflegefamilien aufzubauen. Die Teilnehmenden berichteten, dass diese Distanz zu ihren Geschwistern sie besorgt und unsicher zurückließ, wie sie ihre Geschwisterbeziehungen aufrechterhalten könnten.
Einige Teilnehmende, die von Parentifizierung im Elternhaus berichteten und bei der Aufnahme in die Obhut der Kinder- und Jugendhilfe die Trennung von Geschwistern erlebten, entwickelten später entweder konfliktreiche oder enge, unterstützende Beziehungen (Von der Parentifizierung zu engen und unterstützenden Beziehungen, Pfeil 2, oder Von der Parentifizierung zum Konflikt Pfeil 9, Abbildung 2). Ein Mädchen beschrieb eine schwierige Beziehung zu ihrem Bruder: Als sie das Elternhaus verließ, um allein zu leben, blieb ihr Bruder dort, und die Zonen und Allianzen in der Familie gerieten durcheinander. Danach verbündete sich ihr Bruder mit der Mutter gegen sie, wodurch sich ihre Geschwisterbeziehung von einer parentifizierten zu einer konfliktreichen wandelte; dies erschwerte ihr den Alltag in ihrer neuen Pflegefamilie. Die Beziehung hat sich seit dieser Trennung inzwischen verbessert.
Einige junge Menschen hatten keinerlei Erinnerung an frühere Geschwisterbeziehungen, wurden aber später im Verlauf ihrer Zeit in der Kinder- und Jugendhilfe gemeinsam mit einem ihrer Geschwister untergebracht; auch diese Geschwisterbeziehungen konnten nach ihren Angaben eng und unterstützend werden (Von keiner früheren Erfahrung/Erinnerung an das Geschwister zu einer engen und unterstützenden Beziehung, Pfeil 4, Abbildung 2).
Einige Teilnehmende beschrieben ihre heutigen Geschwisterbeziehungen als konfliktreich und destruktiv. Sie wurden von Geschwistern gemobbt oder herabgesetzt, was ihnen Schmerz bereitete. Diese konfliktreichen Beziehungen entstanden, wenn Geschwister, die bei der Familie geblieben waren, den neuen Chancen der umgezogenen Geschwister grollten, oder wenn gemeinsam untergebrachte Geschwister sich nicht einig waren, wie sie sich an die Pflegefamilie anpassen sollten. Von Unterstützung, Empathie oder Liebe zwischen diesen Geschwistern war kaum die Rede. Manche hatten das Gefühl, sie sollten gute Geschwisterbeziehungen haben, doch der Konflikt sei zu heftig, als dass dies gelingen könne. Wie bei den Verläufen hin zu starken, unterstützenden Beziehungen waren auch die Verläufe hin zum Konflikt unterschiedlich. Für manche junge Menschen war die ursprüngliche Beziehung bereits konfliktreich. Ebenso konnte die Beziehung aber als eine Form der Parentifizierung begonnen haben oder gar nicht existiert haben. Für einige waren familiäre Traumata und Eifersucht in der Vergangenheit (z. B. der Schaden durch das Leben mit drogenabhängigen Eltern) zu viel für ihre Beziehung gewesen, die nie repariert wurde (Vom Konflikt zum Konflikt, Pfeil 11, Abbildung 2). Andere junge Menschen, die früher in parentifizierten Beziehungen gelebt hatten, hatten heute das Gefühl, den Erwartungen ihrer Geschwister nicht gerecht geworden zu sein, was heute zu schlechten Beziehungen führte (Von der Parentifizierung zum Konflikt, Pfeil 9, Abbildung 2). Manche, ohne Erinnerung an die frühere Beziehung, konnten keine neuen Geschwisterbeziehungen aufbauen, und es kam zum Konflikt (Von keiner Erfahrung zum Konflikt, Pfeil 10, Abbildung 2).
Geschwisterkonflikte im Unterbringungskontext setzten sich fort oder entstanden, unabhängig davon, ob die Geschwister getrennt wurden oder nicht: Für manche bedeutete das Zusammenbleiben, dass sie nicht den Abstand zueinander bekamen, der nötig gewesen wäre, um die Beziehung zu retten. Bei anderen löste auch die durch Trennung geschaffene Distanz den Konflikt nicht, sondern verschärfte die Situation sogar, die über Telefonate, soziale Medien oder Treffen aufrechterhalten wurde:
Wenn man mit Freundschaften heftige Konflikte hat, kann man die Beziehung beenden. Aber Geschwisterbeziehungen kann man nicht beenden, weil es eben Geschwister sind (Mädchen, 18).
Einige Teilnehmende beschrieben ihre heutigen Beziehungen als distanziert, also weder konfliktreich noch stark bzw. unterstützend, sondern eher „auf Eis gelegt“. Sie beschrieben, dass sie Raum für sich selbst brauchten, um ihre Erwartungen an die Geschwisterbeziehungen neu zu bewerten, und dass derzeit wenig Kontakt bestand. Einige ursprünglich parentifizierte Beziehungen entwickelten sich auf diese Weise, wobei die Geschwister die durch die Trennung entstandene Distanz wollten (Von der Parentifizierung zur Distanz, Pfeil 7, Abbildung 2). So beschrieb ein Junge, der mit seinen Geschwistern in parentifizierten Beziehungen gelebt hatte, dass er Distanz brauchte, um sich als Person zu entwickeln.
Distanzierte Geschwisterbeziehungen entwickelten sich auch aus Beziehungen, die in der Herkunftsfamilie Allianzen gewesen waren (Von der Allianz zur Distanz, Pfeil 6, Abbildung 2); die neue Distanz zwischen den Geschwistern war eine Befreiung von diesen intensiven Allianzen. Sie hatten es als unangenehm empfunden, mit Geschwistern zusammenzuleben, die dieselben Erfahrungen von Leid und Vernachlässigung geteilt hatten, besonders wenn sie wussten, dass die Geschwister immer noch zu kämpfen hatten und sie nichts dagegen tun konnten. Für manche war die Distanz eine willkommene Pause von zuvor konfliktreichen Geschwisterbeziehungen (Vom Konflikt zur Distanz, Pfeil 8, Abbildung 2).
Okay, ich kann jetzt mit ihnen reden, weil ich nicht mehr unter einem Dach mit ihnen wohne. Aber ich gehe ihnen lieber aus dem Weg. Ich weiß, dass sie meine Geschwister sind und dass ich sagen sollte, dass sie mir irgendwie wichtig sind, aber sie sind mir sehr wenig wichtig (Mädchen, 18).
Eine distanzierte Beziehung ist durch minimalen Kontakt zwischen den Geschwistern gekennzeichnet, doch trotz dieses geringen Kontakts verspürten die Teilnehmenden einen normativen Druck, einen gewissen Kontakt aufrechtzuerhalten, besonders bei Geburtstagen und anderen besonderen Anlässen. Von denjenigen ohne frühere Erfahrungen mit ihren Geschwistern empfanden es manche als zu spät, Kontakt aufzunehmen und eine bedeutsame Beziehung zu entwickeln (Von keiner Erfahrung zur Distanz, Pfeil 5, Abbildung 2). Für die meisten dieser jungen Menschen entstand die Distanz, als die Geschwister bei der Herausnahme aus der Herkunftsfamilie getrennt wurden. Für manche war diese Trennung gewollt, für andere machte die räumliche Trennung es schwer, ihre Geschwisterbeziehungen zu der unterstützenden Beziehung umzugestalten, die sie sich eigentlich wünschen. Bei jedem der seltenen Treffen müssen sie sich erneut kennenlernen:
Ich finde es furchtbar, dass sie so weit weg von mir wohnen. Meinen kleinen Bruder hatte ich 5 Jahre lang nicht gesehen (Mädchen, 16).
In diesem Thema berichten die Geschwister, dass sie jetzt, da sie fremduntergebracht sind, keinen Kontakt mehr zueinander haben. Manche hatten nach der Fremdunterbringung noch eine Zeit lang Kontakt, jetzt aber nicht mehr. Manche hatten wegen großer Altersabstände oder weil sie von Geburt an in verschiedenen Herkunftsfamilien lebten (z. B. Geschwister mit unterschiedlichen Eltern) nie eine Beziehung aufgebaut. Für manche junge Menschen ist dieser Kontaktabbruch bewusst gewählt. Sie rufen ihre Geschwister nicht an, nehmen keinen Kontakt über soziale Medien auf und meiden Orte, an denen sie ihnen begegnen könnten. Das ist ein Akt des Selbstschutzes. Diese abgebrochenen Beziehungen hatten unterschiedliche Anfänge: Bei manchen war die Beziehung im Elternhaus stark konfliktreich gewesen (Vom Konflikt zum Abbruch, Pfeil 12, Abbildung 2), körperlich oder psychisch gewaltsam, was zu einem vollständigen Abbruch der Beziehung führte. Die Erinnerungen sind so traumatisch, dass die jungen Menschen jeden Kontakt abbrechen müssen, um zurechtzukommen. Ein Mädchen wurde von beiden Eltern und ihrem Bruder misshandelt. Ein anderes Mädchen wurde von der Familie als Sündenbock benutzt. Beziehungsabbrüche kamen auch vor, weil andere Geschwister schwerwiegende Probleme hatten, oft im Zusammenhang mit Drogenkonsum oder psychischen Erkrankungen. Es kann für das Kind zu schmerzhaft oder riskant sein, diese Beziehungen aufrechtzuerhalten, und es fürchtet, dass das Geschwister es mit nach unten zieht.
Auch parentifizierte Beziehungen brechen ab (Von der Parentifizierung zum Abbruch, Pfeil 13, Abbildung 2). Ein Mädchen hatte eine ältere Schwester, die sich um sie kümmerte, als sie zusammen mit einer psychisch kranken Mutter lebten. Sie waren voneinander abhängig, aber auch eifersüchtig aufeinander. Es gab keine erwachsene Person, die ihnen half, ihre Beziehung zu gestalten und umzugestalten, und gar kein Kontakt schien der einzige Ausweg.
Ein letzter Verlauf hin zu einer abgebrochenen Geschwisterbeziehung betraf Fälle, in denen keine anfängliche Beziehung bestand (Von keiner Erfahrung zum Abbruch, Pfeil 14, Abbildung 2). Hier sprachen junge Menschen von älteren Geschwistern, von denen sie nur den Namen kannten oder denen sie früher nie oder nur selten begegnet waren. Sie sahen keinen Sinn darin, eine Beziehung zu diesen Geschwistern aufzubauen.
Ich glaube sowieso nicht, dass ich mit den beiden Älteren eine gleichberechtigte Beziehung haben kann, diese Chance ist irgendwie vorbei (Mädchen, 19).
Alle heute abgebrochenen Beziehungen betrafen junge Menschen, die entweder bei der Herausnahme aus der Herkunftsfamilie von der Kinder- und Jugendhilfe getrennt worden waren oder in einer anderen, separaten Familie aufgewachsen waren.
Soziale Netzwerke, die Qualität der Verbindungen und der Ressourcenfluss darin sind in unserem Leben von zentraler Bedeutung, und Geschwister spielen in diesen Netzwerken eine zentrale Rolle – im Guten wie im Schlechten (Gustavsson & Maceachron, 2010; Rast & Rast, 2014; Whelan, 2003; Wojciak, 2016; Wojciak et al., 2013).
Die fremduntergebrachten jungen Menschen in dieser Studie betonen, wie bedeutsam diese Geschwisterbeziehungen für sie sind. Sie verwenden viel Energie darauf, sie aufzubauen, wiederaufzubauen oder zu zerstören. Für manche ist es die wichtigste Beziehung in ihrem Leben, und sie verbringen viel Zeit mit ihren Geschwistern oder denken an sie. Der Aufbau der Geschwisterbeziehung ist ein fortlaufender Prozess, und die Herausnahme aus dem Elternhaus ist ein großes Übergangsereignis, ebenso wie der Schuleintritt, die Entwicklung enger Beziehungen und die Pubertät (Conger et al., 2009). Selbst wenn Geschwisterbeziehungen destruktiv erscheinen, sind sie zentral für das soziale Netzwerk fremduntergebrachter junger Menschen, wie für jeden jungen Menschen (Sting, 2013). Einerseits werden anhaltende Konflikte zu einem Hauptthema des Alltags, und wenn sie ungelöst bleiben, können Beziehungen distanziert, abgebrochen oder konfliktreich werden. Andererseits haben auch junge Menschen, die von ihren Geschwistern getrennt sind, sich aber dennoch sehr bemühen, eine enge und unterstützende Beziehung zu ihnen aufrechtzuerhalten, schwer zu kämpfen. Junge Menschen beschreiben beide Situationen als erschöpfend; sie erschweren ihnen ein gewöhnliches Leben und gefährden ihre psychische Gesundheit. Der Umgang mit der Geschwisterbeziehung scheint entscheidende Auswirkungen auf ihr gegenwärtiges und künftiges Wohlbefinden zu haben. Wenn man annimmt, dass Geschwisterbeziehungen das Leben junger Menschen stärker prägen als die Elternbeziehung (Gustavsson & Maceachron, 2010), dürfte dies für fremduntergebrachte junge Menschen in besonderem Maße gelten.
Die jungen Menschen in dieser Studie beschreiben die geschwisterlichen Verwandtschaftsbande in der Herkunftsfamilie auf unterschiedliche Weise: Geschwister können als Eltern oder als Verbündete agieren, Beziehungen können aber auch konfliktreich und missbräuchlich sein. Für manche besteht zu dieser Zeit kein direkter Kontakt zu den Geschwistern in ihrem weiteren sozialen Netzwerk. Diese anfänglichen Geschwisterbeziehungen sind jedoch nicht in Stein gemeißelt, sondern dynamische Merkmale des sozialen Netzwerks der Geschwister, die sich neu gestalten, wenn junge Menschen die Herkunftsfamilie verlassen und fremduntergebracht werden. Diese Umgestaltung von Geschwisterbeziehungen ist für alle jungen Menschen im Laufe des Heranwachsens ein fortlaufender, natürlicher Prozess; für fremduntergebrachte junge Menschen kommen jedoch zusätzliche Herausforderungen hinzu, bedingt durch die Herausnahme aus einer belasteten Familiensituation und die mögliche Trennung von einem oder mehreren Geschwistern. Manche ringen um Versöhnung, um die Beziehung zu verbessern, während andere sich selbst schützen, indem sie auf Distanz gehen oder den Kontakt ganz abbrechen. Diese dynamischen Merkmale der Geschwisterbeziehungen bedeuten, dass der anfängliche Zustand der Beziehung im Elternhaus nicht zwangsläufig die Qualität der Beziehungen in der Fremdunterbringung bestimmt. So können früher stark konfliktreiche Beziehungen in der heutigen Situation zu unterstützenden und guten Beziehungen werden und umgekehrt.
Die Umgestaltung der Geschwisterbeziehungen beim Übergang in die Fremdunterbringung ist ein komplexer Prozess. Dies spiegelt sich in den vielfältigen Verläufen in Abbildung 2 wider, die die möglichen Wege beschreiben, auf denen sich Geschwisterbeziehungen entwickeln können. Für manche junge Menschen stärkt die Inobhutnahme die Geschwisterbindungen, öffnet Kanäle im Netzwerk und ermöglicht den Fluss von Liebe und Unterstützung zwischen den Geschwistern in einer wechselseitigen Beziehung. Für andere kann es jedoch nötig sein, die Bindungen zu lockern oder vorübergehend zu trennen (oder sie indirekt über Pflegeeltern oder eine Fachkraft der Sozialen Arbeit zu verbinden), damit der Fluss negativer Energie zwischen den Geschwistern abgewendet werden kann. Der eingeschlagene Verlauf und seine Auswirkungen auf das Wohlbefinden sind für jeden jungen Menschen und seine jeweiligen Umstände einzigartig. Jeder junge Mensch hat seine eigene Art, mit jeder seiner Geschwisterbeziehungen im neuen Kontext und im Laufe der Zeit umzugehen. Junge Menschen haben unterschiedliche individuelle Bedürfnisse, Geschwistergeschichten, soziale Fähigkeiten und Motivationen, ihre Geschwisterbeziehungen umzugestalten. Die Beziehungen unterscheiden sich sogar innerhalb derselben Familie. Die komplexe, dynamische Natur der in unserer Studie beschriebenen Geschwisterbeziehungen und die Herausforderungen beim Aufbau, Wiederaufbau oder bei der Zerstörung der Beziehung nach der Herausnahme des Kindes aus der Familie machen diese Herausforderungen zu typischen sogenannten wicked problems („bösartigen Problemen“) (Rittel & Webber, 1973). Als „bösartiges Problem“ sind die Herausforderungen, vor denen fremduntergebrachte junge Menschen stehen, oft schwer zu definieren, für jede Person einzigartig und in ständigem Wandel begriffen, was nahelegt, dass auch die Lösung dieser Herausforderungen ebenso flexibel und dynamisch sein muss. Für jede Familiensituation dürfte es viele mögliche Lösungen geben, und die Entscheidung, ob und unter welchen Umständen der junge Mensch gemeinsam mit Geschwistern untergebracht wird, ist keine Frage von richtig oder falsch, sondern davon, was zu diesem Zeitpunkt und für diese Person mehr oder weniger annehmbar ist. Eine von der Fachkraft der Sozialen Arbeit eingeleitete Intervention wird kaum schnelle oder unmittelbare Wirkung haben, doch jede ihrer Handlungen ist vermutlich bedeutsam und hat langfristige Wirkungen. Das letztliche Ergebnis für jeden jungen Menschen dürfte nicht allein auf die Intervention der gemeinsamen Unterbringung zurückgehen, sondern multifaktoriell sein, beeinflusst von der Art der ursprünglichen Beziehung (wie in dieser Studie hervorgehoben), aber auch von persönlichen Merkmalen und Umständen.
Trotz der Bedeutung der Geschwisterbeziehungen für fremduntergebrachte junge Menschen erwähnten diese kaum ein Engagement von Fachkräften der Sozialen Arbeit zur Unterstützung dieser Beziehung. Ebenso wenig ist davon die Rede, dass sie sich auf andere zentrale Akteure in ihrem Netzwerk stützen, die Unterstützung bieten könnten, etwa Pflegeeltern. Aus Sicht der jungen Menschen im norwegischen Kontext scheint es wenig systematische Hilfe beim Umgang mit ihren Geschwisterbeziehungen zu geben. Die jungen Menschen müssen diese Beziehungen so gut sie können selbst umgestalten. Möglicherweise räumen Fachkräfte der Sozialen Arbeit oder Pflegeeltern der Eltern-Kind-Beziehung Vorrang ein und schenken der Geschwisterbeziehung weniger Aufmerksamkeit. Diese Fachkräfte sollten daher ermutigt werden, nach der Herausnahme die Geschwister- wie auch die Elternbeziehungen im Blick zu behalten, um zu verstehen, wie jeder junge Mensch sie erlebt. Sie müssen die jungen Menschen dabei unterstützen, diese Beziehungen im besten Interesse aller Geschwister umzugestalten – sowohl wenn sie voneinander getrennt sind als auch wenn sie zusammenbleiben. Hilfe kann insbesondere nötig sein, um Geschwisterbeziehungen aufzubauen, wenn Kinder noch klein sind und am stärksten auf eine erwachsene Person angewiesen sind, um diese Beziehungen so aufzubauen und zu erhalten, dass sie ihnen zugutekommen (Drapeau et al., 2000; Richardson et al., 2017).
Fachkräfte der Sozialen Arbeit müssen bei einer Fremdunterbringung zentrale Entscheidungen darüber treffen, ob Geschwister getrennt werden oder nicht. Manche Forschende plädieren für eine gemeinsame Unterbringung von Geschwistern (Hegar, 1988; Herrick & Piccus, 2005). Andere weisen darauf hin, dass es dafür wenig empirische Belege gibt (James et al., 2008; Linares et al., 2007). Unsere Forschung legt nahe, dass es keine endgültige Antwort gibt und dass die Ergebnisse einer gemeinsamen Unterbringung schwer vorherzusagen sind. Wir fanden Fälle, die Forschungsergebnisse stützen, nach denen es manchen Kindern bei gemeinsamer Unterbringung ebenso gut geht (Albert & King, 2008; Hegar, 2005; Hegar & Rosenthal, 2011; James et al., 2008; Jones, 2016; Wojciak et al., 2013). Die gemeinsame Unterbringung kann Geschwistern helfen, eine Bindung aufzubauen, und minimiert das Trauma, das Kinder bei der Trennung von den Eltern erleben (Albert & King, 2008; Wojciak et al., 2013). Geschwister fühlen sich emotional stärker unterstützt (Hegar & Rosenthal, 2011), und Kinder berichten über ein höheres Wohlbefinden als allein untergebrachte Kinder (Davidson-Arad & Klein, 2011). Gemeinsame Unterbringung wurde mit weniger emotionalen und Verhaltensproblemen (Herrick & Piccus, 2005), weniger Einsamkeit und Depression (Milevsky, 2005) und weniger Unterbringungsabbrüchen (Leathers, 2005) in Verbindung gebracht und kann Rückführungsprozesse beschleunigen (Albert & King, 2008). Andererseits stellte unsere Forschung auch fest, dass die Trennung für manche junge Menschen Vorteile hatte. Wie in anderen Studien (James et al., 2008; Jenkins & Dunn, 2009; Linares, 2006; Richardson et al., 2017; Ryan, 2002) hatten nicht alle Kinder enge Geschwisterbeziehungen, und Distanz zwischen Geschwistern kann in manchen Fällen vorteilhaft sein, insbesondere wenn Mobbing und Gewalt unter Geschwistern vorherrschen. In unseren Ergebnissen bitten manche Kinder ausdrücklich um Distanz, obwohl sie früher enge Geschwisterbeziehungen hatten: Sie brauchten „Raum, um zu sich selbst zu finden“, oder fanden es zu schwer, ständig an das Trauma erinnert zu werden, das sie gemeinsam erlebt hatten.
Unsere Ergebnisse zeigen außerdem, dass die Verläufe zwischen diesen Zeitpunkten sehr unterschiedlich sind, obwohl sich die Daten klar danach einteilen lassen, woran sich die jungen Menschen in Bezug auf ihre Beziehungen in der Herkunftsfamilie erinnerten und wie sie diese jetzt in der Fremdunterbringung sahen. Es ist daher verfrüht, aus dieser Analyse Schlüsse darüber zu ziehen, wie sich die Umstände der Herausnahme (gemeinsame oder getrennte Unterbringung) auf die in Abbildung 2 beschriebenen vielfältigen Verläufe ausgewirkt haben. Was unsere Studie jedoch beiträgt, ist ein Einblick in die Komplexität des Kontexts und die Dimensionen, aus denen er sich zusammensetzt. Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Pflegeeltern mögen sich standardisierte Vorgehensweisen zur gemeinsamen Unterbringung von Geschwistern wünschen. Unsere Analyse legt jedoch nahe, dass Versuche, den aktuellen Zustand der Geschwisterbeziehung nach der Form der gemeinsamen Unterbringung zu kategorisieren, ein komplexes Phänomen zu stark vereinfachen könnten. Möglicherweise gibt es keine Einheitslösung für die Form der Geschwisterunterbringung, der die Soziale Arbeit folgen sollte, und jeder junge Mensch und sein Geschwister müssen als Einzelfall betrachtet werden. Im Einklang mit Drapeau et al. (2000) ist die Entscheidung, Geschwister zu trennen oder gemeinsam unterzubringen, komplexer als ein einfaches Ja oder Nein. Stattdessen ist eine individuelle Prüfung jedes Falls erforderlich. Fachkräfte der Sozialen Arbeit sollten die Art der Geschwisterbeziehung im Elternhaus berücksichtigen, aber verstehen, dass die sich anschließend in der Fremdunterbringung entwickelnden Geschwisterbeziehungen keineswegs vorherbestimmt sind. Welche Art der Unterbringung für den jungen Menschen am besten geeignet ist, dürfte von Fall zu Fall stark variieren. Diese Komplexität veranschaulicht das Verlaufsdiagramm (Abbildung 2), das vielfache, sich kreuzende Linien zwischen den Themen zeigt, die die Art der Geschwisterbeziehung vor und nach der Herausnahme verbinden. Der Übergang vom Elternhaus in die Fremdunterbringung und seine Auswirkungen auf die Geschwisterbeziehung sind alles andere als ein linearer und klar abgegrenzter Prozess.
Dies ist eine explorative Studie, die Bandbreite und Tiefe der Sichtweisen der Teilnehmenden darstellt. Die Beschreibungen der Stichprobe (Tabellen 2–4) zu den spezifischen Umständen der Teilnehmenden gewährleisten eine gewisse Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere nationale und internationale Kontexte. Wie für eine qualitative Studie typisch, ist die Stichprobe jedoch klein, und nun ist künftige quantitative Forschung nötig, um einige der in der Studie entwickelten Hypothesen zu prüfen. Entscheidend ist dabei, in größeren Stichproben die Prävalenz bzw. Verteilung jedes Verlaufs in der Population der Fremduntergebrachten zu untersuchen. In dieser kleinen Stichprobe zeigte sich kein unmittelbar erkennbares Muster in Bezug auf die Unterbringungsart, vor allem wegen der vielen unterschiedlichen Merkmale der einzelnen Teilnehmenden selbst und ihrer unterschiedlichen Beziehungen bzw. Übergangsverläufe mit jedem ihrer Geschwister. Diese Dimensionen können nun jedoch als inhaltliche Grundlage für Erhebungsinstrumente und für Folgestudien mit quantitativen Mehrebenenanalysen dienen, in denen die Teilnehmenden gebeten werden könnten, jedes Geschwister zu benennen, anzugeben, ob sie von diesem Geschwister getrennt sind oder nicht, und die Beziehung zu diesem benannten Geschwister vor (Parentifizierung, keine, Allianz und Konflikt) und nach der Inobhutnahme (eng, Konflikt, distanziert und abgebrochen) einzuordnen. Dies ist nun erforderlich, um die Auswirkungen der gemeinsamen Unterbringung von Geschwistern genauer zu bestimmen. Größer angelegte Erhebungen dieser Art könnten auch prüfen, ob sich signifikante Zusammenhänge zwischen der Unterbringungsart (und anderen Umweltfaktoren, einschließlich Merkmalen der Teilnehmenden wie Geschlecht und Größe der Geschwistergruppe) und jedem der 14 in unserer Studie beschriebenen Verläufe nachweisen lassen. Diese Analysen werden Aufschluss darüber geben, warum die Trennung von Geschwistern in manchen Fällen einige Geschwisterbeziehungen stärkt, andere aber nicht. Solche Studien könnten zudem einige dieser vielfältigen Umweltfaktoren kontrollieren, die die Geschwisterbeziehung neben der Unterbringungsart wahrscheinlich beeinflussen.
In qualitativer Hinsicht haben uns die Interviews auch wenig darüber verraten, wie genau die Prozesse des Aufbaus, Wiederaufbaus und der Zerstörung der Geschwisterbeziehung entlang der in Abbildung 2 hervorgehobenen Verläufe tatsächlich abliefen. Abgesehen von Telefon und sozialen Medien führen die jungen Menschen nicht näher aus, wie Beziehungen aufrechterhalten oder verändert werden. Wir vermuten, dass sich darin eine Kompetenzlücke bei diesen jungen Menschen zeigt. Der Beitrag empfiehlt, dass – da Kinder nicht in der Lage sind, Strategien zum Aufbau positiver Geschwisterbeziehungen zu formulieren – es Aufgabe der Fachkräfte der Sozialen Arbeit bzw. der Pflegeeltern ist, ihnen bei deren Entwicklung zu helfen. Derzeit und nach den eigenen Berichten der Kinder bieten diese Erwachsenen ihnen diese Unterstützung noch nicht. Künftige Forschung muss untersuchen, ob Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Pflegeeltern diese Unterstützung tatsächlich anbieten und, falls ja, wie. Dazu könnte gehören, die Sichtweisen von Fachkräften der Sozialen Arbeit bzw. Pflegeeltern darauf zu erheben, welchen Nutzen es hat, bei Kindern verschiedene Kommunikationsformen im Umgang mit ihren Geschwistern zu fördern, etwa soziale Medien, ihnen aber auch zu helfen, mit deren Gefahren umzugehen.
Auch die Sicht der Fachkräfte der Sozialen Arbeit bzw. der Pflegeeltern lohnt sich als alternative Perspektive zu der des jungen Menschen. Nicht weil der Bericht des jungen Menschen über die eigene Erfahrung von geringerem Wert wäre, sondern als eine andere subjektive Sicht der Wirklichkeit, die sich mit der des jungen Menschen triangulieren lässt. Dies könnte die Chancen erhöhen, die Bedingungen zu verstehen, die nötig sind, um das Wohlbefinden des jungen Menschen bestmöglich zu fördern.
Dieser Beitrag hatte zum Ziel, die Wahrnehmungen junger Menschen darüber zu untersuchen, wie sich Geschwisterbeziehungen beim Wechsel von der Herkunftsfamilie in die Fremdunterbringung verändern. Er zeigt, dass Geschwisterbeziehungen für junge Menschen wichtig sind, und beschreibt die Qualität der Geschwisterbindungen in der Herkunftsfamilie (Parentifizierung, eng, konfliktreich oder nicht vorhanden) und danach die Qualität dieser sozialen Bindungen in der Fremdunterbringung (abgebrochen, konfliktreich, eng oder distanziert). Die Studie hat vielfältige Verläufe aufgedeckt, in denen sich die Qualität dieser verwandtschaftlichen Bindungen verändert, wenn der junge Mensch aus der Familie in die Fremdunterbringung wechselt. Dies verweist erstens auf die Komplexität und die individuelle Prägung dieses Übergangs, aber auch auf die Möglichkeit, dass in der Fremdunterbringung unabhängig von der anfänglichen Beziehung im Elternhaus eine angemessene Geschwisterbeziehung möglich ist.
Es braucht eine maßgeschneiderte Lösung für die Bedürfnisse und Umstände jedes Geschwisterpaars, die schwer vorherzusagen oder zu standardisieren ist, wenn die ideale Geschwisterbeziehung für den jungen Menschen erreicht werden soll. Wir empfehlen, dass Fachkräfte der Sozialen Arbeit gemeinsam mit Pflegeeltern den dynamischen Aufbau der Geschwisterbeziehung ausdrücklich in den Blick nehmen, wenn ein Kind aus dem Elternhaus herausgenommen wird. Jede Unterbringungsentscheidung sollte auf einem personenzentrierten, flexiblen Ansatz beruhen, der Veränderungen in dieser dynamischen Beziehung so zulässt, wie es dem Kind am besten dient. Bessere Strategien und Instrumente zur Begleitung des Wiederaufbaus von Geschwisterbeziehungen müssen erforscht und angewandt werden.
Complexe Systémique: Kernpunkte
Das Verdienst der Studie besteht darin, die Geschwistergruppe als lebendiges Netzwerk zu betrachten statt als Block, der gemeinsam oder getrennt untergebracht wird. Vor der Unterbringung beschreiben die jungen Menschen Überlebensallianzen, eine mal tragende, mal erdrückende Parentifizierung oder Konflikte, die an Missbrauch grenzen; danach enge, konfliktreiche, distanzierte oder abgebrochene Bindungen, verbunden durch vierzehn Verläufe. Entscheidend ist, dass die Beziehung davor die danach nicht vorhersagt und dass die gemeinsame Unterbringung an sich weder eine Garantie noch ein Fehler ist. Für die systemische Praxis bedeutet dies, jede Geschwisterbindung für sich zu beurteilen, die von manchen gewünschte Distanz als Schutz statt als Scheitern zu hören und den Wiederaufbau von Bindungen aktiv zu begleiten, den diese jungen Menschen nach eigener Aussage derzeit ohne Hilfe leisten. Die Grenzen liegen in einer kleinen Stichprobe aus einer einzigen Kommune, in retrospektiven Berichten nur eines Mitglieds jeder Geschwistergruppe und im Fehlen der Perspektive von Fachkräften der Sozialen Arbeit und Pflegeeltern. Lesenswert in Verbindung mit dem Artikel über Geschwistererzählungen zu psychischen Belastungen der Eltern und dem Artikel über hochstrittige Elternkonflikte als „wicked problem“.
Anmerkungen aus dem Original
Ethikerklärung. Die ethische Genehmigung für die Studie wurde von der Datenschutzombudsstelle für die Forschung, dem Norwegian Social Science Data Service (NSD), erteilt.
Interessenkonflikt. Die Verfasserinnen erklären, dass keine Interessenkonflikte bestehen.
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Inoffizielle deutsche Übersetzung von The quality and developmental pathways in sibling relationships: A qualitative study of Norwegian children admitted to child welfare service care von Wenche Hovland und Sarah Hean, Child & Family Social Work, Bd. 26, Nr. 4 (2021), doi: 10.1111/cfs.12838, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzung und Satz: Complexe Systémique, Oktober 2026, mit Unterstützung künstlicher Intelligenz; das Werk wurde im Sinne der Lizenz bearbeitet (Übersetzung, Tabellen als Listen dargestellt). Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Originalartikel: „The quality and developmental pathways in sibling relationships: A qualitative study of Norwegian children admitted to child welfare service care“, erschienen in Child & Family Social Work (2021) unter der Lizenz CC BY 4.0. Inoffizielle deutsche Übersetzung von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, wie am Anfang dieser Seite angegeben; maßgeblich ist die Originalfassung.
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Hovland, W., und Hean, S. (2021). The quality and developmental pathways in sibling relationships: A qualitative study of Norwegian children admitted to child welfare service care. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/the-quality-and-developmental-pathways-in-sibling-relationships-a-qualitative-study (Originalarbeit veröffentlicht 2021 in Child & Family Social Work, 26(4), 559-571 (2021); erneut veröffentlicht 2021 von Child & Family Social Work, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/cfs.12838)
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