Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Journal of Solution Focused Practices · Essay
Fünf lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen – in den Vereinigten Staaten, in Schottland, Belgien, Ghana und Schweden – trafen sich im Herbst 2020 online, um darüber nachzudenken, was die lösungsfokussierte Praxis zur antirassistischen Arbeit beitragen könnte. Eine Frage kehrte immer wieder: Was wird aus einem Gespräch mit jemandem, mit dem wir nicht übereinstimmen, wenn uns der Dissens wichtig ist? Nicht mit Ratsuchenden, denen die professionelle Rolle Nachsicht entgegenbringt, sondern mit der Partnerin oder dem Partner, einem Elternteil, einem befreundeten Menschen. Dieser Artikel versammelt, was sie aus ihrer eigenen Praxis mit nach Hause nehmen konnten – radikale Akzeptanz, kulturelle Demut, beste Hoffnungen, Komplimente, die eigenen Worte des Gegenübers – und eine Sache, die sie gegen die Erwartung der Gelassenheit verteidigen: einen Funken Wut.
Inoffizielle deutsche Übersetzung von Co-Creating Solution-Focused Conversations in Disagreement von Marcella D. Stark, Rayya Ghul, Marjan Gryson, Brian Jennings und Jonas Wells, erschienen in Journal of Solution Focused Practices (2021), doi: 10.59874/001c.75042, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und für die Online-Lektüre neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Die Abschnittsüberschriften sind die der Verfassenden; über dem unbetitelten Eingangsteil wurde eine Überschrift, „Einleitung“, ergänzt; die Kontaktangaben am Schluss wurden in einem Kasten zusammengefasst, und es wurden interne Links zu verwandten Artikeln dieser Website hinzugefügt. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Das ist eine Art, es zu sehen, und es gibt auch noch eine andere Art, es zu sehen.
Insoo Kim Berg
Im Herbst 2020 kam eine Gruppe lösungsfokussiert (LF) arbeitender Fachpersonen aus aller Welt zwei Monate lang virtuell zusammen, um Möglichkeiten zu erörtern, die lösungsfokussierte Praxis auf antirassistische Arbeit anzuwenden. Wir sammelten Artikel, Blogbeiträge, Podcasts und andere Medien zum Thema Rassismus in therapeutischen Kontexten, Berichte aus erster Hand und theoretische Untersuchungen. Unsere Auseinandersetzung mit diesen Quellen diente als Grundlage unserer Gespräche, sowohl um unser eigenes Bewusstsein zu schärfen als auch um unsere professionelle Praxis zu verbessern.
Ein Thema, das regelmäßig aufzukommen schien, betraf Gespräche mit Menschen, mit denen wir nicht übereinstimmen, besonders wenn uns das Thema oder die Sache emotional am Herzen liegt. Gespräche über Race und weiße Privilegien hatten nach unserer Erfahrung zu Auseinandersetzungen mit Familienangehörigen, Menschen aus dem Freundeskreis und dem Kollegium geführt, die mitunter unangenehm persönlich, hitzig oder Schlimmeres geworden waren und manchmal Beziehungen beschädigt hatten. Es schien, als stünde bei uns allen die leidenschaftliche Überzeugung, dass Rassismus abgebaut werden muss, um eine gerechtere und friedlichere Welt zu schaffen, in krassem Gegensatz zu den Folgen der Art und Weise, wie wir diese Überzeugung zum Ausdruck brachten.
Auf die Frage in einem Interview von 1959, welchen Rat er künftigen Generationen geben würde, antwortete der britische Philosoph Bertrand Russell:
„In dieser Welt, die immer enger miteinander verflochten ist, müssen wir lernen, einander zu tolerieren; wir müssen lernen, uns damit abzufinden, dass manche Menschen Dinge sagen, die uns nicht gefallen. Nur so können wir zusammenleben. Wenn wir aber zusammenleben und nicht zusammen sterben wollen, müssen wir eine Art Nächstenliebe und eine Art Toleranz lernen, die für den Fortbestand des menschlichen Lebens auf diesem Planeten absolut unerlässlich ist.“ (Metzger, 2015, 1:25).
Russells Worte sind unserer Ansicht nach heute für Menschen in Gemeinschaft noch relevanter. Da sich immer mehr Menschen am öffentlichen Diskurs beteiligen, scheint die Welt zunehmend polarisiert zu werden. Diese Polarisierung zeigt sich besonders in den sozialen Medien, wo der Ausdruck heftig gegensätzlicher Ansichten die Form persönlicher Angriffe annehmen kann, die das Gegenüber dämonisieren. Eine bestimmte Ansicht zu vertreten bedeutet nicht mehr einfach, in einer Auseinandersetzung eine Position einzunehmen, sondern kann oft als Ausdruck des innersten Wesens eines Menschen erlebt werden. Die Ablehnung dieser Ansicht ist zum Vorwand geworden, die ganze Person abzulehnen. Das spielte sich zum Beispiel während der US-Präsidentschaftswahlen 2016 und 2020 und während der gesamten Amtszeit Trumps ab, als Familien wegen gegensätzlicher politischer Loyalitäten „zerrissen“ wurden (Tavernise, 2020). Im Vereinigten Königreich wurde über ähnliche Brüche im Zusammenhang mit dem „Brexit“, dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union, berichtet (The Guardian, 2016).
Lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen sind in diesen Zeiten des Konflikts für solche Verhaltensweisen ebenso anfällig wie alle anderen, und obwohl wir uns für wohlmeinend halten und uns in unseren jeweiligen Positionen im Recht fühlen mögen, verfehlen wir manchmal das Ziel. Es ist leichter, in einem professionellen Kontext mit der Klientel neutral zu bleiben, selbst mit Ratsuchenden, die nicht mit uns übereinstimmen, als mit der eigenen Familie und dem persönlichen Umfeld. So sehr lösungsfokussierte Fachpersonen auch versuchen, Hierarchie zu minimieren, besteht doch ein Machtgefälle, wenn jemand unsere Unterstützung sucht, und unsere professionelle Rolle erlaubt es uns, in diesen Fällen Nachsicht walten zu lassen. Wir nehmen die Haltung ein, dass die Expertise bei den Ratsuchenden liegt, im Vertrauen darauf, dass sie ihre bestmöglichen Lösungen und Ressourcen einsetzen, und wir bemühen uns, kooperativ statt konfrontativ zu sein. Wir begegnen ihnen mit Neugier und Respekt, vermitteln Zuversicht in das Gegenüber und stellen häufig Fragen, die viele als lösungsfokussiert erkennen. Wenn jedoch eine Diskussion mit Menschen, die uns nahestehen (und die NICHT unbedingt Unterstützung suchen), hitzig wird, wird es schwieriger, sich an diese lösungsfokussierten Qualitäten zu erinnern und sie in die Tat umzusetzen. Für die Zwecke dieses Artikels beschränken wir unsere Erörterung von Dissens auf spaltende Gespräche im persönlichen Kontext.
Wir laden Sie ein, darüber in Ihrem eigenen Leben nachzudenken. Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie mit einer Meinungsverschiedenheit umgehen mussten, die zu einem unerwünschten Ergebnis führte? Blieb bei Ihnen ein nagendes Gefühl zurück, dass „Recht zu behalten“ ein leerer Sieg war, verglichen mit der beschädigten Beziehung, die Sie hinter sich ließen? Diese Fragen haben wir uns in unserer Gruppe gestellt. Eine Person unter uns fragte: „Wie kann ich mir eine Welt ohne Rassismus vorstellen, in der ich aber trotzdem wütend über Rassismus sein kann?“ Wir akzeptieren, dass sich die Welt ständig verändert, und wir müssen die Gestalt des Hasses erkennen können, selbst wenn wir nach einer Gemeinschaft der Liebe streben.
Dieser Artikel ist eine Erkundung, wie lösungsfokussierte Gesprächsführung genutzt werden könnte, wenn Menschen nicht übereinstimmen, insbesondere wenn leidenschaftlich vertretene Ansichten auf dem Spiel stehen. Im Interview mit Kirsten Dierolf (2021) legt Loretta Ross nahe, dass eine Selbsteinschätzung notwendig ist, bevor man sich auf schwierige Gespräche einlässt. Wenn wir zu wütend sind, um großmütig zu sein, ist es besser, sich zurückzuziehen und später wiederzukommen. Sie rät, „eine Form von Selbstwahrnehmung und Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns zu üben, damit wir tatsächlich erfolgreich eine Menschenrechtsbewegung aufbauen können, die mit unseren Unterschieden als Stärken statt als Belastungen umgeht“. Schwierige Gespräche als Teil der Menschenrechtsarbeit zu begreifen, positioniert den lösungsfokussierten Ansatz (als gesprächsbasierte Praxis) als möglichen Beitrag zum menschlichen Gedeihen und warnt zugleich vor Selbstgefälligkeit: Das Modell mag neutral sein, Menschen sind es selten. Wir haben uns daher der Schärfung unseres eigenen Bewusstseins für Rassismus, Anspruchsdenken und Privilegien gewidmet, um uns selbst in die Verantwortung zu nehmen und für solche konstruktiven Gespräche bereit zu sein.
Schwierige Gespräche ergeben sich meist spontan und können uns unvorbereitet treffen. Es kann hilfreich sein, ein paar Sätze parat zu haben, etwa „Hm. Darüber muss ich nachdenken“ oder „Ich sehe das anders“. Wenn wir uns die Zeit nehmen, unsere Emotionen in den Griff zu bekommen und eine lösungsfokussierte Haltung einzunehmen, kann uns das davor bewahren, emotional auf wenig hilfreiche Weise zu reagieren. Lösungsfokussierte Praxis bewirkt in der Regel eine Veränderung in der Art, wie wir andere betrachten, nicht nur in professionellen, sondern auch in persönlichen Kontexten. Durch unsere alltägliche Praxis werden wir fähig, andere als (noch) fähiger, ressourcenreicher und kooperativer zu sehen – eine Veränderung in uns, die zu weiteren Veränderungen in unserem Leben führt. Wir erkunden, wie lösungsfokussiertes Denken das Leben so beeinflussen kann, dass es unsere Seinsweisen außerhalb professioneller Räume verändert. Das ähnelt der Art, wie Ghul (2015) in „The Power of The Next Step“ lösungsfokussiertes Leben erkundet oder wie Tara Gretton und Elfie Czerny lösungsfokussierte Elternschaft erkunden (demnächst erscheinender Kurs The Blossoming Family, ab 2021).
Ebenso bewirkte das gemeinsame Nachdenken über unser eigenes Verhältnis zum Rassismus in unserer Gruppe einen tiefgreifenden Wandel in unserem subjektiven Erleben. Wir bemerkten mehr Ruhe, Demut und Bereitschaft, zuzuhören statt zu streiten. Es war, als nährte das Verständnis für die Komplexität der Fragen ein größeres Mitgefühl dafür, wie schwer die Arbeit, den Rassismus in uns selbst abzubauen, tatsächlich ist, und als machte es den Kampf weniger zwingend. Das Zuhören wurde wechselseitig authentisch und weniger inszeniert oder erzwungen.
Wir laden Sie herzlich ein, sich mit uns Gespräche im Dissens vorzustellen, in denen wir auf unsere lösungsfokussierte Praxis und andere Weisheit zurückgreifen können, in diesen Momenten unser Bestes geben und dennoch unseren Überzeugungen treu bleiben. Wir untersuchen die Grundannahmen, Haltungen und Praktiken des lösungsfokussierten Ansatzes und wie sie genutzt werden könnten, um die Qualität von Gesprächen über Meinungsverschiedenheiten zu verbessern. Außerdem bringen wir einige der ergänzenden Ideen und Praktiken ein, die in unserer Gruppe Dismantling Racism entwickelt wurden. Wir stellen eine Mischung unserer Gedanken vor, hoffen aber, dass Sie auf dieser Vorstellung aufbauen und sie weiterentwickeln.
Steve de Shazer führte das Konzept der radikalen Akzeptanz als nützliche Haltung für die lösungsfokussierte Praxis ein (de Shazer, 1997) und betonte, wie wichtig es ist, alle Äußerungen und Antworten der Ratsuchenden anzunehmen. de Shazers Erfahrung im therapeutischen Kontext zeigte, dass die Zurückweisung einer Antwort den Gesprächsprozess selbst behindert. Er meinte, dass es zwar nicht leicht sei, das Urteilen aufzugeben, Fachpersonen aber mit Selbstdisziplin und viel genauem Zuhören feststellen könnten, dass „die Klientel vernünftiger ist, als wir erwarten“ (de Shazer, 1997, p. 378). Ebenso schlagen wir vor, anzunehmen, wie radikal „radikale Akzeptanz“ sein kann, nicht nur im therapeutischen Kontext, sondern auch in unserem persönlichen Leben.
Verbreitete lösungsfokussierte Grundannahmen, die Akzeptanz ausweiten, etwa „Menschen setzen ihre bestmöglichen Lösungen und Ressourcen ein“, führen zu einer Haltung der Neugier und des Respekts. Wir erkennen das in den lösungsfokussierten Fragen, die wir häufig stellen und die die Vorstellung des Gegenübers von seiner bevorzugten Zukunft bzw. seinem bevorzugten Ergebnis erkunden, um eine reichhaltige Beschreibung bemerkbarer Unterschiede hervorzulocken. Wir werden ermutigt, diese Beschreibungen nicht zu bewerten und der Versuchung zu widerstehen, unsere eigenen Vorstellungen davon aufzudrängen, was realistisch, möglich oder wünschenswert ist. Wenn wir eigene wertende Gedanken bemerken, legen wir sie beiseite; wir nehmen unsere Bedenken nicht zum Ausgangspunkt der Diskussion. Wie in der Ethnologie gehen wir davon aus, dass das Gegenüber fremd ist, und behandeln selbst das Vertraute als exotisch (Agar, 1996). In unserer professionellen Rolle wollen wir wissen, wie „glücklich“, „selbstsicher“ oder „sicher“ für die Menschen, die wir begleiten, in ihrer Welt aussieht. Außerhalb des professionellen Gesprächsraums jedoch sehen wir andere vielleicht als Teil unserer Welt – einer Welt, die wir mit großem Einsatz so gestalten wollen, wie sie unserer Meinung nach sein sollte. Unsere Bindung an unsere eigene(n) bevorzugte(n) Zukunft/Zukünfte kann uns blind machen für das, was wir in unserer lösungsfokussierten Arbeit als wahr kennen: dass jeder Mensch eine einzigartige Lebenserfahrung hat und versucht, sie nach besten Kräften zu leben. Wenn wir so miteinander umgehen, dass Hoffnungen, Stärken und Ressourcen in den Vordergrund treten, blühen Menschen auf.
Die Entwicklung kultureller Demut könnte uns ebenfalls helfen, radikale Akzeptanz auszuweiten. Kulturelle Demut (Hook et al., 2013) beschreibt eine auf Demut gegründete Haltung in der Arbeit mit Ratsuchenden, deren kultureller Hintergrund sich von unserem unterscheidet. Diese Form der Demut beinhaltet „eine zwischenmenschliche Haltung, die auf das Gegenüber statt auf sich selbst ausgerichtet ist und sich durch Respekt und das Fehlen von Überlegenheit gegenüber dem kulturellen Hintergrund und der Erfahrung eines Menschen auszeichnet“ (Hook et al., p. 1). Kulturelle Demut ist gekennzeichnet durch eine Haltung der Offenheit gegenüber dem Gegenüber, insbesondere in Bezug auf jene Aspekte kultureller Identität, die der Person am wichtigsten sind. Hook et al. erörterten die Notwendigkeit, die einzigartige Überschneidung der verschiedenen Identitätsaspekte der ratsuchenden Person zu verstehen und wie sie die therapeutische Allianz beeinflusst. Man kann bereits erkennen, welche Bedeutung diese Haltung im persönlichen Kontext hat, in dem wir, wie oben erörtert, Haltungen radikaler Akzeptanz, kultureller Demut, Neugier auf das Gegenüber und Lernbereitschaft einnehmen würden. Unsere leidenschaftlichen Überzeugungen, politischer oder anderer Art, sind oft starke Aspekte unserer Identität und eng mit kulturellen Gruppen und Praktiken verknüpft. Teil einer aktivistischen Gruppe oder Mitglied einer politischen Partei zu sein oder einfach Einstellungen und Überzeugungen innerhalb einer Familie oder eines Freundeskreises zu übernehmen – all das sind Weisen, uns mit kulturellen Rollen zu identifizieren und sie auszufüllen. Die Idee, die Überschneidungen der Kultur und kulturellen Identität des Gegenübers mit unserer eigenen zu verstehen, fügt daher eine weitere nützliche Dimension hinzu, die uns hilft, diese heikleren Gespräche zu meistern.
Um die Entwicklung kultureller Demut zu unterstützen, müssen wir, die wir weiß sind oder als weiß „durchgehen“, uns nach unserer Überzeugung einer kritischen Selbstreflexion über unsere eigenen individuellen, tief verwurzelten Wahrnehmungen, Fehlvorstellungen und Verhaltensweisen stellen, die zum anhaltenden Rassismus und zur Diskriminierung beitragen, denen Schwarze und andere ethnische Minderheiten ausgesetzt sind (Saad, 2020). In unserer Diskussionsgruppe stellten wir fest, dass sich unsere Seinsweisen durch das gemeinsame Denken, Sprechen und Reflektieren über reale Erfahrungen von Diskriminierung, Unterdrückung und Vernachlässigung leicht, aber bedeutsam verändert haben. Veränderungen in der Art, wie wir andere ins Gespräch einladen oder den Raum dafür halten, haben respektvollere Diskussionen ermöglicht. Das galt besonders dann, wenn Überzeugungen und Perspektiven mit den Menschen aufeinanderprallten, die uns am nächsten stehen. Wir stellen fest, dass dieser Prozess tatsächlich unsere Fähigkeit verbessert, andere Menschen anzuerkennen, anzunehmen und einzuladen, sich ebenfalls in einem mutigen und hinreichend sicheren Raum für womöglich schwierige Gespräche aufzuhalten.
Darüber nachzudenken, was es bedeuten könnte, Mensch zu sein, und auf welche verschiedenen Weisen man sich vorstellen kann, in der Welt zu sein, scheint uns zu helfen, uns besser auf unser Gesprächsgegenüber einzustellen. Gespräche können als Ergebnis unserer eigenen inneren Arbeit ruhiger und beide Seiten aufnahmebereiter sein. Indem wir uns selbst Mitgefühl schenken, lässt sich Mitgefühl leichter in den Räumen finden, die wir anderen anbieten. Gespräche sind komplex und nuanciert; Versuche, sie zu kontrollieren, indem wir vorgeben zuzuhören (oder interessiert oder offen zu sein), gelingen selten. Damit Authentizität wahrgenommen wird, muss sie notwendigerweise verkörpert sein. Die Grundannahmen, die uns als lösungsfokussierte Fachpersonen am Herzen liegen, werden in den Dialog eingebettet, nicht nur als gesprochene Sprache, sondern auch als Gefühl, Atmosphäre und Instinkt, minuziös und augenblickshaft angeboten und gemeinsam konstruiert mit unserer Klientel oder unseren Familienangehörigen und/oder anderen wichtigen Bezugspersonen.
Lösungsfokussierte Praxis zeichnet sich durch eine Gesprächsführung aus, die den Fokus von der Analyse des Problems auf eine detaillierte Erkundung der gewünschten Ergebnisse verlagert. Problemanalyse ist in menschlichen Situationen nicht immer nützlich, weil die Werkzeuge des Problemlösens begrenzt sind: Man muss etwas Kaputtes finden, das zu reparieren ist („reparieren“), ein Defizit, das zu beheben ist („hinzufügen“), oder ein Hindernis, das zu beseitigen ist („wegnehmen“). Außerdem brauchen wir für das Problemlösen eine Vorstellung davon, wie der perfekte Zustand des Gegenstands oder Prozesses wäre – etwa die gut funktionierende Waschmaschine. Problemlösen funktioniert selbst bei komplizierten Problemen gut, etwa wenn herausgefunden werden soll, was die Fehlfunktion eines Flugzeugs verursacht hat, weil sich durch detaillierte Analyse immer noch etwas finden lässt, das zu reparieren, hinzuzufügen oder wegzunehmen ist. In komplexen Situationen hingegen, die dynamisch, unvorhersehbar und von anderen Faktoren abhängig sind (z. B. allen Eigenschaften von Menschen in ihren Kontexten, auch bekannt als „Alltag“), ist es selten wirksam.
In schwierigen Gesprächen wird eine problemlösende Denkweise nach Dingen suchen, die zu reparieren, hinzuzufügen oder wegzunehmen sind. Dabei gibt es verschiedene mögliche Schwerpunkte. Erstens kann man sich auf die andere Person konzentrieren, die als „schwierig“, „rassistisch“, „woke“, „naiv“ oder „dumm“ angesehen werden kann. Zweitens kann man die Einstellungen oder Überzeugungen der Person hervorheben, die zum Beispiel als verbohrt, unlogisch, voreingenommen oder unethisch wahrgenommen werden können. Drittens kann sich die Aufmerksamkeit auf das Verhalten der anderen Person richten, das als aggressiv, unhöflich, herablassend usw. betrachtet werden kann. Wenn wir an die Dinge denken, die in einem Streit gesagt werden könnten, ist leicht zu erkennen, wie die drei Werkzeuge des Problemlösens eingesetzt werden. Zum Beispiel:
„Du musst endlich ein bisschen Mitgefühl entwickeln“
„Du solltest aufhören, XXX News Channel zu schauen, das sind alles Fake News“
„Du brauchst einen Kurs in logischem Denken, was du gesagt hast, ergibt keinen Sinn“
In der lösungsfokussierten Praxis ist uns bewusst, dass die Zeit, die wir mit Problemlösen bzw. -analyse verbringen, die Diskussion tendenziell auf die Parameter des Problems beschränkt und es zugleich verstärkt. Die Forschung hat gezeigt, dass dies negative Gefühle verstärken kann und wenig dazu beiträgt, Hoffnung oder Selbstwirksamkeit zu erzeugen (Grant, 2014); deshalb können solche Gespräche bei allen Beteiligten Frustration, Erschöpfung und Verärgerung hinterlassen. Es entsteht eine Dissonanz zwischen der Verteidigung der eigenen tief verwurzelten Überzeugung und der Pflege der Beziehung.
Eine lösungsfokussierte Haltung einzunehmen könnte einen Ausweg aus dieser Abwärtsspirale bieten, indem das Gespräch früh auf die besten Hoffnungen beider Seiten für das Gespräch gelenkt wird. Durch die Konzentration auf eine bevorzugte Zukunft wird es leichter zusammenzuarbeiten. Diese bevorzugte Zukunft könnte auf der Makroebene liegen (z. B. bezogen auf den Zustand der Welt) oder auf der Mikroebene (d. h. was man im Gespräch zu erreichen hofft). In nicht professionellen Gesprächen muss eine Frage nach den „besten Hoffnungen“ womöglich natürlicher formuliert und im Ton angepasst werden, etwa: „Ich möchte mich wirklich nicht mit dir darüber zerstreiten. Woran würden wir also trotz unserer Unterschiede merken, dass wir an einem guten Punkt angekommen sind?“ Manchmal müssen Sie vielleicht Grenzen setzen und deutlich machen, was verhandelbar ist und was nicht. Sie können zum Beispiel über Rassismus in der Strafjustiz diskutieren, nicht aber darüber, ob ein Polizist George Floyd ermordet hat. Sie haben das Recht, klarzustellen, worüber Sie diskutieren, Kompromisse eingehen oder verhandeln wollen und worüber nicht. Manchmal gelingt das auf klare, aber warmherzige Weise; manchmal erfordert es einen festeren Ton.
Eine Möglichkeit, sich diesen Gesprächen mit einer ergebnisorientierten Denkweise zu nähern, könnte darin bestehen, über die zugrunde liegende Beziehung zwischen beiden Seiten nachzudenken: Welche Bedeutung, welchen Nutzen und welchen Wert hat sie für Sie (beide)? Über das gewünschte Ergebnis für das Fortbestehen der Beziehung nachzudenken, könnte helfen, einige der heikleren Aspekte schwieriger Gespräche zu bewältigen, etwa Pausen oder Schweigen miteinander auszuhalten, respektvoll zuzuhören und die eigenen Kämpfe auszuwählen (worüber man streitet und was man fallen lässt). Das am wenigsten nützliche gewünschte Ergebnis wäre wahrscheinlich eines, bei dem man will, dass die andere Person sich ändert – und doch ist das, wenn wir ehrlich zu uns sind, vermutlich die häufigste Art, wie wir in solche Gespräche gehen. Statt eine neugierige Haltung des Nichtwissens einzunehmen, verhalten wir uns in unserem persönlichen Leben womöglich auf eine Weise, die nicht mit der lösungsfokussierten Praxis übereinstimmt. In solchen Fällen kann es nötig sein, die Grenzen dessen zu akzeptieren, was wir tun können, und gemeinsam ein hinreichend gutes Ergebnis für das Gespräch zu konstruieren. Es kann zum Beispiel hilfreich sein, die Erwartungen darauf abzustimmen, die Perspektive des anderen zu verstehen und zu respektieren.
Sobald die Rahmenbedingungen für das Gespräch vereinbart sind, kann es hilfreich sein, auf einer breiteren Ebene nach der bevorzugten Zukunft der Person zu fragen. In einem politischen Gespräch fragte eine von uns ihren Partner: „Ich weiß, wer deiner Meinung nach die Wahl gewinnen soll, aber wie soll die Zukunft aussehen, unabhängig davon, wer gewinnt?“ In diesem Fall antwortete ihr Partner damit, wer einen bestimmten Teil der Wahl gewinnen würde (welche Partei den US-Senat kontrollieren würde, statt die Präsidentschaft). Aus unserer gemeinsamen professionellen Erfahrung wissen wir, dass Ratsuchende auf eine Frage nach dem erhofften Ergebnis nicht immer eine klare Antwort geben, zumindest nicht in der Weise, die wir beabsichtigen. Statt zu antworten, was aus der Arbeit hervorgehen soll, antworten sie damit, wie die Arbeit ihrer Meinung nach verlaufen sollte. In diesem Wissen blieb die oben genannte Person dran und fragte ihren Partner, was er sich infolgedessen für das Land erhoffe. Fragen wie „Inwiefern wäre das hilfreich?“ und „Welchen Unterschied könnte das machen?“ erlaubten ihr, weitere Punkte der Übereinstimmung mit ihrem Partner zu entdecken. Im weiteren Verlauf des Gesprächs bemerkten die beiden, dass sie eine bevorzugte Zukunft teilten, in der Menschen miteinander auskommen und aufeinander achten, weil sie sich dafür entscheiden, und nicht, weil sie dazu gezwungen werden. Diese gemeinsamen Werte waren wichtiger als die Unterschiede in der politischen Zugehörigkeit.
In ihrem Buch „I think you’re wrong (but I’m listening): A guide to grace-filled political conversations“ stellen Holland und Silvers (2019) eine Reihe von Herausforderungen vor, die den Lesenden helfen sollen, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die anderer Meinung sind. Eine dieser Herausforderungen besteht darin, der Gegenseite ein Kompliment zu machen. Tatsächlich legen die beiden Wert darauf, dies in ihrem Podcast regelmäßig zu tun. Auch wenn Zweck, Methoden und Häufigkeit von Komplimenten in der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie variieren mögen (McKergow, 2020), nutzen die meisten lösungsfokussiert arbeitenden Fachpersonen irgendeine Form von Komplimenten, wenn sie nach Stärken und Ressourcen suchen, die verstärkt werden könnten. Doch wir stellen womöglich fest, dass diese Praxis in persönlichen Situationen mit emotionalem Dissens schwieriger ist. Vielleicht kann es nützlich sein, uns auf den Platz der Lernenden in einer lösungsfokussierten Ausbildung zu setzen, um diese Fähigkeiten in unserem persönlichen Leben anzuwenden. In Rayya Ghuls Übung „Moan, moan, moan“ (siehe Nelson, 2005) beklagt sich eine Person drei Minuten lang ausführlich und in allen Einzelheiten über ein Problem. Die zweite Person hört sich die Klagen einfach ohne Unterbrechung an und macht anschließend Komplimente auf der Grundlage dessen, was sie gehört hat. Hat sich beispielsweise jemand über Rücksichtslose am Steuer beklagt, die rasen und Stoppschilder missachten, kann die zuhörende Person anmerken, dass es sich um einen Menschen handelt, dem die Sicherheit anderer wichtig ist. Teilnehmende berichten, dass dieser Prozess in der Übung sehr schnell die tief verankerten Werte und/oder Prinzipien der anderen Person zum Vorschein bringt. Wenn wir mit jemandem uneins sind, erleichtert es ein größeres Verständnis, den Wert oder das Prinzip zu finden, das der Position der Person zugrunde liegt.
Über die Kunst des Komplimentierens ist viel geschrieben worden. Thomas (2016) beschreibt drei Arten: direkte Komplimente (wie in der oben erwähnten Übung „Moan, moan, moan“ veranschaulicht), indirekte Komplimente (Fragen, die positive Implikationen über die Person erkunden) und Selbstkomplimente (Fragen, bei denen die Person in ihrer Antwort ihre eigenen Leistungen erläutert). Wenn Meinungsverschiedenheiten emotional werden, kann es schwer sein, etwas Positives zu finden, das man direkt würdigen könnte, und in manchen Fällen könnte jeder Versuch als unaufrichtig aufgefasst werden. Wenn man schon damit zu kämpfen hat, neugierig zu bleiben, können sich indirekte Komplimente und Selbstkomplimente als nützlicher erweisen, weil sie auf den Worten und der Perspektive der Person aufbauen.
Indirekte Komplimente nutzen häufig Beziehungsfragen (De Jong & Berg, 2013), um die Person anzuregen, über die bestätigende Sicht eines Menschen nachzudenken, den sie respektiert und der ihr wichtig ist (z. B.: Was würde Ihr Sohn über Sie sagen?). 2016 wurden die Kandidierenden in einer Debatte zwischen den politischen Kontrahenten Donald Trump und Hillary Clinton in den USA gefragt, ob sie etwas Nettes über das Gegenüber sagen könnten. Die Frage überrumpelte die beiden Rivalen. Clinton antwortete, sie halte Trumps Kinder für fähig und hingebungsvoll, was in Clintons Augen für ihn spreche. Obwohl der Kontext ein anderer war (Debatten sollen eher Gegensätze als Übereinstimmung zwischen zwei Perspektiven zeigen), könnten wir dieselbe Strategie nutzen, um eine neue Sicht auf die Person zu gewinnen, mit der wir im Gespräch sind. Zu erfahren, welches Gute ihnen nahestehende Menschen in ihr sehen, kann uns helfen, dieses Gute ebenfalls zu finden. Alternativ erlauben Fragen, die Selbstkomplimente anregen, etwa „Woher wussten Sie, dass Sie X tun sollten?“ und „Was sagt es über Sie aus, dass Sie die Art Mensch sind, die …?“, der Person, die Lücke selbst zu füllen und Ihnen Informationen darüber zu geben, was ihr wichtig ist. Die Frage „Woher wussten Sie, dass die Kandidatin oder der Kandidat Ihrer Wahl die richtige Entscheidung war?“ kann es Ihnen beispielsweise ermöglichen, die Entscheidungsfindung der Person zu würdigen und zugleich zu entdecken, welche Prioritäten sie bei einer Kandidatur setzt. Diese Prioritäten und Qualitäten aus einer authentisch neugierigen Haltung (statt in schnippischem Ton) kennenzulernen, kann nützliche Informationen liefern, um eine gemeinsame Grundlage zu finden.
In einem Gespräch im Dissens können wir unsere Sprache als Katalysator für hoffnungsvolles und gegenseitiges Verständnis einsetzen oder als verletzende und zerstörerische Waffe. Dissens schärft alle unsere Sinne, sodass jedes Wort einen Unterschied machen kann; jedes Wort kann mit doppelter Intensität wahrgenommen werden wie in anderen Gesprächen. Das bedeutet, dass wir uns unserer eigenen Sprache in diesen Interaktionen äußerst bewusst sein sollten. Die in diesem Artikel erörterten Meinungsverschiedenheiten wurzeln oft in semantischen Reaktionen. Statt die objektiven Definitionen der verwendeten Wörter zu erfassen, bewerten wir automatisch die idiosynkratische Bedeutung, die wir mit den Wörtern verknüpft haben, und reagieren emotional darauf. Deshalb haben rationale, sachliche oder akademische Argumente selten Einfluss auf Meinungsverschiedenheiten. Unsere geschärften Sinne sorgen dafür, dass wir uns der Sprache der Gegenseite bereits äußerst bewusst sind. Diese geschärfte Sensibilität so zu verfeinern, dass Sie einige, vielleicht überraschend positive Botschaften bemerken können, ist eine nützliche Übung.
Im lösungsfokussierten Brügger Modell (Isebaert, 2017) ist Sprache Wirklichkeit. Gelingende Gespräche sind durch Lösungssprache bestimmt, und Fragen gelten als kürzester Weg zu den Lösungen der Ratsuchenden. Dinge oder Themen haben keine ihnen innewohnende Bedeutung; sie erhalten eine Bedeutung durch unsere Sprache. Bewusst eine positive Brille aufzusetzen, wenn wir über andere nachdenken und ihnen zuhören, hat viele Vorteile: Es fühlt sich angenehmer an, es knüpft an Ressourcen an, Probleme und Symptome werden zu „den besten Lösungen für den Moment“, und es verringert Schuldgefühle. Es ist hoffnungsvoll und ermutigend und impliziert Verantwortung und Vertrauen.
Wenn wir uns auf schwierige Gespräche oder Gespräche im Dissens einlassen, könnte es umso entscheidender sein, dies mit einer positiven Brille zu tun, die uns ermutigt, die andere Person, unsere Beziehung und unser Gespräch im hellsten, hoffnungsvollsten Licht zu sehen. Wenn diese Brille im Thema des Dissenses zu schwer zu finden ist, sollten wir vor dem Gespräch doppelt so intensiv in anderen Bereichen danach suchen. Die Brille wirkt nicht nur in unserem eigenen Kopf (sie erlaubt uns zum Beispiel, mit weit offenen Armen ins Gespräch zu gehen, und ermöglicht uns, allem, was die andere Person sagt, mit der Erwartung zuzuhören, dass er/sie etwas Interessantes, Inspirierendes oder Überraschendes sagen wird), sondern sie scheint auch in unseren Worten, Gesten und Gesichtsausdrücken durch. So können Sie Sicherheit und Möglichkeiten im Raum Ihrer Gespräche beeinflussen. Der Gedanke „Ich bekomme die Gelegenheit, etwas über eine Welt zu erfahren, von der ich keine Ahnung habe“ orientiert einen völlig anders als „Ich lasse mich auf eine Debatte mit einem Extremisten ein, der so dumm ist, sich von Politikern einer Gehirnwäsche unterziehen zu lassen“.
Die oben erörterte positive Brille bedeutet nicht, nur auf das Positive zu schauen. Ein ehemaliger Militärseelsorger vertrat die Ansicht, dass Menschen, die immer wieder dieselben traurigen Geschichten erzählen, Menschen sind, die sich nie ganz gehört gefühlt haben (Manning, 2011). Das gilt vermutlich auch für Menschen, die immer wieder dieselben Punkte vorbringen. Wie also hilft man Menschen, sich ganz gehört zu fühlen? Der erste Weg liegt auf der Hand: ganz zuhören. Das heißt, vollständig zuzuhören, statt nur halb hinzuhören, während man im Kopf Gegenargumente plant. Eine Zuhörübung, die in der Paarberatung oft verordnet wird, besteht darin, dass Person 2 Person 1 ohne Unterbrechung zuhört und dann das Gehörte so lange wiedergibt, bis Person 1 zufrieden ist, bevor es weitergeht. Dazu gehören oft mehrere Anläufe, das Gesagte zu paraphrasieren. In der lösungsfokussierten Arbeit ermutigen wir dazu, einfach die eigenen Worte der anderen Person zu verwenden, was Menschen offenbar hilft, sich gehört (und bestätigt) zu fühlen. Als Nelson Mandela aus seiner Gefängniszelle heraus gegen die Apartheid kämpfte, schrieb er: „Denn wenn man eine Sprache spricht, Englisch, verstehen einen zwar viele Menschen, auch Afrikaaner, aber wenn man Afrikaans spricht, weiß man, dass man direkt in ihr Herz trifft“ (Mandela, p. 144). Mandela kannte die Wirkung, die es hat, die Sprache der Gegenseite zu sprechen. Das bestätigt deren Anliegen nachdrücklicher als jedes Reframing, mit dem wir ihre Worte für uns verdaulicher machen könnten.
Viele lösungsfokussiert arbeitende Fachpersonen würden sagen, dass ein Grundsatz der lösungsfokussierten Praxis lautet: „Finde heraus, was funktioniert, und mach mehr davon.“ Es ist daher paradox, dass wir in unseren persönlichen Gesprächen mit Menschen, mit denen wir nicht übereinstimmen, offenbar an Vorgehensweisen festhalten, die unwirksam erscheinen oder die Dinge verschlimmern. Wir haben einige Wege aufgezeigt, wie uns der Wechsel zu einer lösungsfokussierten Haltung in diesen Gesprächen größere Chancen eröffnen könnte, herauszufinden, „was funktioniert“, besonders wenn wir mehr Klarheit über die Richtung des Gesprächs gewonnen haben. Wir können dann unsere Selbstwahrnehmung nutzen, um uns auf Arten zu konzentrieren, Ideen vorzubringen und zu hinterfragen, die eher zu Gesprächen führen, in denen wir respektvoller und mit Liebe uneins sein können. So bemerkte eine von uns, dass sie besser in Liebe widersprechen kann, wenn sie sich den Charakter und die Lebenserfahrungen ihres Partners vor Augen führt. Eine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Partner betraf die Existenz einer „Vergewaltigungskultur“, also die Vorstellung, dass manche Gruppen das Vorkommen sexueller Übergriffe verharmlosen und Männer verteidigen, die solche Übergriffe begehen; ihr Partner akzeptierte nicht, dass irgendjemand das Verbrechen der Vergewaltigung verharmlost oder verteidigt. Indem sie sich in Erinnerung rief, dass ihr Partner ein Mann mit Charakter ist, der nie im Traum daran denken würde, einer Frau etwas anzutun, und zudem ein introvertierter Mensch, der außerhalb der Familie kaum persönlichen Kontakt zu Frauen hat, konnte sie verstehen, warum er die Frage anders sieht als eine Beraterin, die vielfach mit Überlebenden von Übergriffen zu tun hatte. Auch wenn sie weiterhin unterschiedlicher Meinung sind, helfen solche Erinnerungen, die Beziehung in den verschiedensten Auseinandersetzungen zu bewahren.
Bisher haben wir Wege erörtert, den lösungsfokussierten Ansatz und damit verbundene Ideen und Praktiken zu nutzen, um Gespräche im Dissens respektvoller, produktiver und weniger zerstörerisch zu gestalten. Wir räumen jedoch ein, dass Sie manchmal Position beziehen müssen. Die Entscheidung, ob man Position bezieht oder nicht, ist eine persönliche, und zu wissen, wann man es tut, hängt von Weisheit und Erfahrung ab. Nach der Ermordung von George Floyd im Jahr 2020 und der darauffolgenden öffentlichen Empörung veröffentlichten viele lösungsfokussierte Verbände und Organisationen Erklärungen, in denen sie seine Behandlung in Solidarität mit der Schwarzen Community verurteilten. Wichtig ist, warum, wie und wann Sie Position beziehen. Wenn Sie sich dafür entscheiden, schlagen wir vor, dass Sie (a) diese Entscheidung bewusst treffen und genau wissen, warum Sie sie treffen, (b) es respektvoll tun und (c) Ihren Moment und Ihr Timing bedenken. Die Beziehung, der Kontext des Gesprächs und die Zeit, die Ihnen zur Verfügung steht, um mit den Folgen Ihrer Haltung umzugehen, sollten berücksichtigt werden.
Loretta Ross unterscheidet zwischen calling out (öffentlich anprangern) und calling in (ins Gespräch holen), wenn wir Position beziehen (Dierolf, 2021). Sie meint, dass das öffentliche Anprangern von Menschen, wenn ein (beabsichtigter oder unbeabsichtigter) Verstoß begangen wurde, aus einem Ort des Traumas kommen kann. Calling out kann zu einem toxischen Umfeld führen, das Menschen entfremdet. Calling in beschreibt sie als calling out mit Liebe. Wenn Sie jemanden ins Gespräch holen, teilen Sie Ihre Überzeugungen respektvoll in einem privaten Rahmen mit, mit der Absicht, Ihre eigene Integrität zu wahren, statt die andere Person zu verändern. Wir glauben, dass Ross’ Arbeit uns viele Möglichkeiten bietet, unsere Vorstellungen davon zu bereichern, wie es aussehen könnte, auf gute oder bessere Weise Position zu beziehen.
Auch wenn wir Menschen nicht im Zorn anprangern wollen, kann die Emotion selbst nützlich sein. Wut wird oft als Gegenteil von Liebe betrachtet und als eine Emotion dargestellt, die harmonische Szenen stört oder, schlimmer noch, es unmöglich macht, miteinander auszukommen und zusammenzuleben. Die Arbeit von Touché, einer lösungsfokussierten Einrichtung in Belgien, die mit ehemaligen Inhaftierten und gefährdeten Jugendlichen arbeitet, hat gezeigt, dass wir uns nicht mehr irren könnten. Touché entwickelt Programme in Therapie, Training, Boxen, Stille und Sensibilisierung, die Menschen befähigen, ihre Wut besser zu erkennen, zu kontrollieren und zu kanalisieren und die Energie für positive Lebensziele zu nutzen. Mehrere ehemalige Inhaftierte, die zuvor als extrem aggressiv etikettiert worden waren, wechselten mit der Zeit die Rolle, indem sie genau dieselbe wütende Energie in positivem Sinn und mit einem Ziel einsetzten: im Leben eines anderen Menschen, der zu kämpfen hat, eine bedeutsame, positive Rolle zu spielen. Ehemalige Inhaftierte begleiten als mentale Coaches Jugendliche in Boxkursen, bieten Workshops an Schulen und Schulungen in anderen Organisationen an oder übernehmen Einzelmentoring für Menschen, die gerade erst mit dem Programm beginnen. Sie zeigen immense Willenskraft, Hoffnung, Zielorientierung, Würde, Dankbarkeit, Zuversicht, Resilienz, Energie, Stärke und die Fähigkeit, fair zu kämpfen. Die Wirkung dieser Arbeit zeigt sich auf verschiedenen Ebenen: mehr Selbstachtung; positive Emotionen; nachhaltigere, solidarische Beziehungen; erfolgreichere Wiedereingliederungsverläufe; weniger Brüche in Lebens-, Schul-, Berufs- oder Entwicklungsverläufen; weniger schädliche Gewalt; und sogar ein wirtschaftlicher Ertrag für die Gesellschaft von 72 Euro pro investiertem Euro (Gryson & De Waele, 2017).
Wut zeigt sich nur, wenn etwas Wichtiges auf dem Spiel steht. Sie kann helfen zu entscheiden, ob man Position beziehen will und/oder ob es Potenzial für ein konstruktives Gespräch gibt. Wut gibt außerdem Energie, anders als Angst oder Traurigkeit. Sie mobilisiert und verleiht uns den Mut, den wir brauchen, um zu handeln, Position zu beziehen, uns zu widersetzen. Um einem Dissens mit einem uns wichtigen Menschen oder über ein Thema, das uns am Herzen liegt, zu begegnen, brauchen wir ein feines Gleichgewicht wie auf dem Hochseil. Wenn wir der Stärke unserer Überzeugungen nicht treu bleiben, fühlen wir uns am Ende womöglich, als verkauften wir unsere Seele, beschädigen unser Selbstwertgefühl und verursachen inneren Kummer. Halten wir umgekehrt zu fest an unseren eigenen Überzeugungen fest, können wir die andere Person oder die Beziehung tief verletzen. Nur wenn wir mutig zu unserem Standpunkt stehen und zugleich zuhören, bis wir wirklich verstehen, was die andere Person zu sagen versucht, wonach sie sich sehnt und was ihr wichtig genug ist, um dafür zu kämpfen, eröffnen sich Möglichkeiten für ein Ergebnis, bei dem beide gewinnen. Wut kann die Zutat sein, die wir brauchen, um bereit und mutig genug zu sein, uns dieser schwierigen Aufgabe zu stellen.
Wenn es um Gespräche mit Menschen geht, mit denen wir nicht übereinstimmen, sollten wir uns nicht scheuen, zumindest einen Funken Wut hinzuzufügen. Manchmal reden wir uns ein, wir müssten völlig ruhig sein, bevor wir ein solches Gespräch wirksam führen können; da würden wir gern ein wenig widersprechen oder es zumindest nuancieren. Um bereit zu sein, ein solches Gespräch zu beginnen und durchzuhalten, müssen wir mit seiner Bedeutung für uns selbst in Kontakt sein. Und vielleicht muss die andere Seite zumindest ein wenig von unserer Wut oder von der Bedeutung, die das Thema für uns hat, spüren, um bereit zu sein, sich anzuhören, was wir zu sagen haben. Erst wenn wir die Bedeutung oder die echte Neugier der anderen Person spüren, sind wir bereit, in ein wirkliches Gespräch über Unterschiede einzutauchen, mit genügend Vertrauen in die Möglichkeit eines positiven Ausgangs. Natürlich sollte dieser Funke Wut nicht zum Feuer werden. Er sollte nicht zum Motor des Gesprächs werden, nicht die Kontrolle übernehmen und das Gegenüber nicht niederbrennen. Aber wir wagen es, für einen Funken Wut zu plädieren, damit schwierige Gespräche möglich, wirksam und aufrechterhalten werden.
Da Dissens starke moralische und emotionale Reaktionen hervorrufen kann, möchten wir mit einer ethischen Perspektive schließen. Könnten Werte oder Grundannahmen, die für eine gelingende lösungsfokussierte Praxis mit Ratsuchenden entscheidend sind, auch für gesunde menschliche Beziehungen in weiteren Kontexten des Dissenses relevant sein? Könnte die in diesem Artikel beschriebene Art der Gesprächsführung als Tugenden verstanden werden, die für den Aufbau des Gemeinwohls angesichts von Dissens entscheidend sind?
Eine beziehungshafte Verbindung zwischen Ratsuchenden und lösungsfokussierter Fachperson ist in der lösungsfokussierten Arbeit natürlich grundlegend, und es gehört zur Verantwortung der Fachperson, diese Partnerschaft zu pflegen, damit die Ratsuchenden ihre Lösungen aufbauen können. Auch das weitere Beziehungsnetz der Ratsuchenden wird als Ressource für die Arbeit an der Konstruktion ihrer Lösung gesehen – die Lösung wird in diesen Beziehungen ausgearbeitet werden müssen. Könnte ein Teil des Grundes dafür sein, dass wir ein umfassenderes Gut oder Ziel haben (ein telos; MacIntyre, 1985, 1999, 2016), nämlich die Integrität des Beziehungsgefüges unseres Lebens in verschiedenen Dimensionen zu sichern: am Arbeitsplatz mit dem Kollegium, zu Hause in Partnerschaft und Familie, mit unserem Freundeskreis und in weiteren sozialen Räumen selbst mit ganz unterschiedlichen Fremden mit (für uns) befremdlichen Meinungen? Das würde erklären, warum wir in verschiedenen Lebenskontexten eine lösungsfokussierte Haltung gegenüber Menschen bewahren wollen, die eine gegensätzliche Sichtweise vertreten.
Wir haben einige Fertigkeiten aus der lösungsfokussierten Praxis benannt, auf die wir zurückgreifen können, um Beziehungen zu Menschen zu stärken, mit denen wir nicht übereinstimmen. Unsere Erörterung hat gezeigt, dass es Eigenschaften oder Dispositionen gibt, die sich in unseren Einstellungen, Gedanken und Verhaltensweisen zeigen und die uns dazu neigen lassen, unsere lösungsfokussierten Fertigkeiten bestmöglich für das größere menschliche Wohl einzusetzen. In der Moralphilosophie werden diese Eigenschaften oder Dispositionen als „Tugenden“ bezeichnet (Jennings, 2009; Peterson & Seligman, 2004; Wright et al., 2021). Wenn wir Menschen, mit denen wir nicht übereinstimmen, aufmerksam zuhören und Demut, Neugier und Offenheit für Entdeckungen betonen, ergänzen diese Tugenden auch unsere Tugenden des Mitgefühls, des Respekts und der Bestätigung der Person, mit der wir im Gespräch sind. Diese Tugenden ermöglichen es uns, mehr von den Geschichten der anderen Person und von den Stärken und Ressourcen, die sie entwickelt hat, zu verstehen. Wir können dann ein tieferes Verständnis ihrer Situation entwickeln und neue Einsichten gewinnen.
Wir stellen keine Fragen, um Menschen herabzusetzen, zu entmachten und an den Rand zu drängen. Vielmehr führen wir Gespräche mit der positiven Absicht, jene Bereiche gemeinsamen Interesses zu entdecken und aufzubauen, die zum Potenzial für Zusammenarbeit in Leben und Arbeit beitragen könnten. Ein solcher Prozess des Fragens zeugt von tiefem Respekt gegenüber der Person bzw. den Personen, mit denen wir sprechen, als Menschen, die wertzuschätzen und als Mitwirkende beim Aufbau von Gemeinschaft willkommen zu heißen sind. All das sind Ausdrucksformen von Mitgefühl.
Ebenso ist es, wenn wir Komplimente machen, nicht unser Ziel, zu manipulieren oder zu schmeicheln, sondern echte Stärken, Leistungen und Werte anzuerkennen und es den Menschen, mit denen wir sprechen, zu ermöglichen, eine positivere Sicht auf sich selbst zu gewinnen. In solchen Interaktionen ist es dann möglich, gemeinsam auf diesen Stärken aufzubauen, was im privaten Raum mit Partnerin oder Partner, Familie und Freundeskreis womöglich noch bedeutsamer ist. Komplimente steigern die Tugend des Respekts möglicherweise zur Bestätigung und letztlich zur Erwartung, dass diese Stärken wertvoll sind und noch weiter ausgebaut werden können. Hier ist ein Mensch mit dem Potenzial zu lernen und zu wachsen, der uns Gelegenheiten bietet, dasselbe für uns selbst zu tun.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es schwieriger sein kann, lösungsfokussierte Denkweisen auf diese Weise zu nutzen, wenn man Zwietracht in persönlichen Beziehungen erlebt, insbesondere wenn Diskussionen von zuvor etablierten Gesprächsnormen abweichen. Wenn wir mit Ratsuchenden arbeiten, werden wir für unsere Arbeit oft bezahlt, oder wir tun sie aus beruflicher Pflicht oder aufgrund unserer Ausbildung. Aber lösungsfokussierte Gespräche mit Menschen aus dem persönlichen Umfeld zu führen, mit denen wir nicht übereinstimmen, ist einfach so viel Mühe! Warum sollten wir das tun? Vielleicht ist der „Funke Wut“ einer der Hinweise. In der lösungsfokussierten Praxis lernen wir, das Beziehungsgefüge des menschlichen Lebens wertzuschätzen, das uns in den Momenten mit Ratsuchenden so real wird. Vielleicht sind wir, wenn wir sehen, wie Beziehungen im weiteren gesellschaftlichen Kontext durch etwas herausgefordert werden, das uns hasserfüllt und zerstörerisch erscheint (z. B. Rassismus), leidenschaftlich bestrebt, die Stärken und Ressourcen zu bestätigen, die Möglichkeiten schaffen, das Beziehungsgefüge des Lebens zu stärken. Indem wir lösungsfokussierte Strategien im Dissens einsetzen, können wir vielleicht dazu beitragen, jene Art von Nächstenliebe und Toleranz (wie Russell sie beschreibt) zu schaffen, die für den Aufbau einer nachhaltigen menschlichen Gemeinschaft unerlässlich ist.
Die Verfassenden
Marcella D. Stark, Texas Christian University — m.stark@tcu.edu
Rayya Ghul, University of Edinburgh — rayya.ghul@ed.ac.uk
Marjan Gryson, Touché — marjan.gryson@vzwtouche.be
Brian Jennings, Ghana Christian University College — briankjennings@gmail.com
Jonas Wells, Lund University — jonas.wells@avesta.se
Literatur
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Originalartikel Co-Creating Solution-Focused Conversations in Disagreement von Marcella D. Stark, Rayya Ghul, Marjan Gryson, Brian Jennings und Jonas Wells, erschienen in Journal of Solution Focused Practices, Bd. 5, Nr. 2 (2021), doi: 10.59874/001c.75042, unter der Lizenz CC BY 4.0. Inoffizielle deutsche Übersetzung von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Text der Verfassenden und ihre Abschnittsüberschriften wurden ins Deutsche übersetzt und das Layout für die Online-Lektüre angepasst, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Inoffizielle deutsche Übersetzung des Originalartikels „Co-Creating Solution-Focused Conversations in Disagreement“, erschienen in Journal of Solution Focused Practices (2021) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz; die Darstellung wurde für die Online-Lektüre angepasst, wie am Anfang dieser Seite dargelegt. Maßgeblich ist die Originalfassung.
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Stark, M. D., Ghul, R., Gryson, M., Jennings, B., & Wells, J. (2021). Co-Creating Solution-Focused Conversations in Disagreement. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/co-creating-solution-focused-conversations-in-disagreement (Originalwerk erschienen 2021 in Journal of Solution Focused Practices, Bd. 5, Nr. 2, 2021; 2021 erneut veröffentlicht von Journal of Solution Focused Practices, https://journalsfp.org/article/75042)
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