Diese Fassung wurde von Complexe Systémique mit Unterstützung künstlicher Intelligenz aus dem Englischen übersetzt. Im Zweifelsfall ist die Originalfassung maßgeblich.
Journal of Solution-Focused Brief Therapy · Interview
Michael Durrant, Gründer des Brief Therapy Institute of Sydney und erster Herausgeber der Zeitschrift, interviewt Frank N. Thomas, mit dem er seit fünfundzwanzig Jahren befreundet ist, Professor an der Texas Christian University und offizieller Archivar der Solution-Focused Brief Therapy Association. Von South Dakota im Jahr 1967 bis zur Bewahrung der Aufzeichnungen des Brief Family Therapy Center, über eine desaströse erste Begegnung mit Steve de Shazer: Es ist der Weg eines Mannes, der sagt, er habe seine akademische Laufbahn wandernd und staunend aufgebaut, und der am Ende fragt, wie man eine Tradition lebendig halten kann, ohne sie erstarren zu lassen.
Inoffizielle deutsche Übersetzung von Not all who wander are lost: Wandering and wondering in the Solution-Focused world. An interview with Frank N. Thomas von Frank Thomas und Michael Durrant, erschienen im Journal of Solution-Focused Brief Therapy, Bd. 1, Nr. 2 (2014), doi: 10.59874/001c.75105, unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Originaltext wurde ins Deutsche übersetzt und neu gesetzt, was eine Bearbeitung des Werks im Sinne der Lizenz darstellt. Das vierzeilige Motto von Tolkien wird nicht wiedergegeben (siehe den Hinweis unten), und für das Lesen online wurden Zwischenüberschriften ergänzt. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag, die weder für ihren Inhalt noch für etwaige Fehler verantwortlich sind. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Wer ist Frank Thomas? Vorgestellt von Michael Durrant
Dr. Frank Thomas ist Professor für Counseling and Counselor Education an der Texas Christian University in Fort Worth (Texas, USA). Außerdem ist er offizieller Archivar der Solution-Focused Brief Therapy Association. Frank und ich sind seit fast 25 Jahren befreundet und arbeiten seit ebenso langer Zeit zusammen; wir haben gemeinsam auf internationalen Konferenzen vorgetragen und gemeinsam Buchkapitel und Fachartikel geschrieben. Ich habe sein jüngstes Buch, Solution-Focused Supervision: A resource-oriented approach to developing clinical expertise (2013, Springer), empfohlen und es als „DAS bedeutendste lösungsfokussierte Buch der letzten 10 Jahre“ bezeichnet. Frank ist zudem Mitherausgeber des JSFBT.
Complexe Systémique zum Motto
In der Zeitschrift beginnt das Interview mit vier Zeilen von J. R. R. Tolkien aus The Fellowship of the Ring (1954), denen auch der Titel entnommen ist: Zeilen über das Wertvolle, das nicht glänzt, und über ein Wandern, das kein Verlorensein ist. Da sie noch urheberrechtlich geschützt sind, werden sie hier nicht wiedergegeben.
Ich habe meine Laufbahn als Mitglied der akademischen Welt wandernd und staunend aufgebaut.
Frank N. Thomas
Du blickst auf eine lange Geschichte in der Seelsorge, in der Jugendarbeit und in verschiedenen Formen des „Sich-um-Menschen-Kümmerns“ zurück. Was waren die treibenden Kräfte in deiner frühen Arbeit mit Menschen?
Du bist der erste Mensch, der mir diese Frage je gestellt hat, Michael – überhaupt! –, deshalb wird mir das Sammeln meiner Erinnerungen, glaube ich, einige neue Einsichten bringen. Mir fallen einige erwartbare Einflüsse ein, darunter die Familie, die Pfadfinder, die Kirche und gemeinnützige Projekte in meinem Ort. Meine Eltern machten kein Aufheben von ihrer Güte gegenüber anderen, was zu ihrem bescheidenen skandinavischen Erbe passte. Aber mir fällt ein prägendes Ereignis ein, das mein „Sich-um-Menschen-Kümmern“ geformt hat, eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden:
1967 zog die Familie „Jones“ – ein afroamerikanischer Mann aus dem Osten der USA, seine weiße Frau und ihre kleine Tochter – in meine Heimatstadt Sioux Falls in South Dakota. Er war an meiner Junior High School eingestellt worden, um „Werken“ zu unterrichten (Holzbearbeitung, Metallbearbeitung, Elektronik und so weiter). Sie zogen in ein Haus eine Straße weiter, und irgendwie erfuhr meine Mutter von ihrer Notlage: Mehrere Kinderbetreuungseinrichtungen hatten sich geweigert, ihre Tochter zu betreuen, sodass die Mutter keine Arbeit suchen konnte. Meine Mutter erfuhr auch, dass diese Familie vor dem Kauf ihres Hauses wegen ihrer Ehe über die Hautfarbengrenze hinweg und ihres „gemischten“ Kindes per Unterschriftenliste aus zwei Wohnvierteln gedrängt worden war. Da ihr fünftes Kind endlich zur Schule ging, hatte meine Mutter zum ersten Mal seit 16 Jahren ihre Tage für sich … aber sie beschloss (mit dem Einverständnis meines Vaters, da bin ich sicher), auf dieses Paar zuzugehen und anzubieten, sich um ihr Baby zu kümmern. Sie bat nur um einen Gefallen: dass Mr Jones mich jeden Morgen zur Schule mitnahm.
Es war dasselbe Jahr wie der berühmte Fall des Obersten Gerichtshofs der USA Loving v. Virginia (2015), mit dem (endlich) alle bundesstaatlichen Gesetze abgeschafft wurden, die Ehen über die Grenzen der „Rasse“ hinweg verboten oder einschränkten. Den mutigen und gütigen Akt meiner Mutter miterlebt zu haben, prägt meine Leidenschaft, anderen zu dienen, noch fast 50 Jahre später. Auch wenn die Jones South Dakota am Ende des Schuljahres verließen, erhielt ich aus erster Hand eine Erziehung zu Fragen der Hautfarbe (von Mr Jones) und der Gerechtigkeit (von meiner Mutter), die mich bis heute antreibt.
Wie führte der Weg von diesen Lektionen an der Schule in Sioux Falls dazu, dass du Therapeut wurdest?
Mein Einsatz für Gerechtigkeit und mein Wunsch, Psychotherapeut zu werden, setzten sich in der High School und im College fort. Stellen als Betreuer (und Rettungsschwimmer) in Sommercamps in den letzten beiden Sommern vor dem College und im Sommer nach meinem ersten Jahr an der University of South Dakota festigten meine Hingabe an das Helfen, weil sie meine Begabungen bestätigten. Mein Entschluss, als Fachkraft im Bereich der psychischen Gesundheit zu arbeiten, wuchs, und ich hatte prägende Bezugspersonen – aus dem Glauben und aus der Wissenschaft –, die mich zu den helfenden Berufen der Sozialarbeit und der pastoralen Beratung ermutigten.
Du hast deine Laufbahn also als Pfarrer begonnen, bist aber Therapeut geworden?
Nach meinem Bachelor in Soziologie und Sozialarbeit entschied ich mich für den Weg des Pfarramts. Aber nach meinem Masterabschluss hatte ich nicht das Gefühl, als Pfarrer in örtlichen Gemeinden mein Potenzial auszuschöpfen. Ich hatte das Gefühl, an der Universität als Professor und Supervisor mehr bewirken zu können, aber was mich überraschte, war, dass sich meine Interessen eher um die Familientherapie als um Beratung oder Sozialarbeit herum gebildet hatten. Eins führte zum anderen, und am Ende stand eine wunderbare Lern- und klinische Ausbildungserfahrung an der Texas Tech University, die zu einer Promotion führte. Türen öffneten sich, und ich unterrichte seit fast 30 Jahren Psychotherapie in verschiedenen Institutionen und Kontexten.
Wann bist du zum ersten Mal mit dem lösungsfokussierten (LF) Ansatz in Berührung gekommen?
Ich lernte Steve de Shazer Mitte der 1980er-Jahre auf einer Konferenz der AAMFT1 in New York City kennen und hielt ihn für einen der seltsamsten Menschen, denen ich je begegnet war. Er bemühte sich bei einem Empfang so sehr, sich den Leuten vorzustellen, dass er ehrlich gesagt wirkte, als wolle er ein Produkt verkaufen, das niemand wollte! Als er weiterging, warf ich seine Visitenkarte weg. Später in der Woche erzählte ich meinem Professor, Bradford Keeney, von diesem seltsamen Kerl, den ich getroffen hatte. Nachdem ich ihn beschrieben hatte, sagte Brad: „Das muss Steve de Shazer sein. Ich habe eine der Einleitungen zu seinem ersten Buch geschrieben; John Weakland die andere. Wenn du zurück in Texas bist, musst du es lesen.“ Also tat ich es (denn wenn einem ein Professor sagt, man solle etwas lesen, dann liest man es!): Ich bestellte Patterns of Brief Family Therapy (de Shazer, 1982) und las es wenige Tage nach seiner Ankunft. Und wie beeindruckt ich war!
Aus diesem ersten Kontakt wurde ein Engagement für den LF-Ansatz, das inzwischen vier Jahrzehnte umfasst. Ich hatte das Privileg, dass Steve mich bat, zu den Gründungsmitgliedern der SFBTA Academy zu gehören, einer ersten Zusammenkunft lösungsfokussierter Fachleute in Nordamerika, die nach seiner Überzeugung die Aufgabe übernehmen sollte, die LF-Tradition fortzuführen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Peter De Jong, Yvonne Dolan, Heather Fiske, Dan Gallagher, Josee Lamarre, Teri Pichot, Joel Simon, Lance Taylor, Terry Trepper und weitere Personen, die bedeutende Beiträge zum LF-Ansatz in Nordamerika geleistet haben. Du siehst also, dass sich meine ersten Eindrücke von Steve und vom LF-Ansatz seit jener ersten Begegnung in New York grundlegend gewandelt haben.
Wie passte der Ansatz zu dem, was dir bereits wichtig war?
Steves systemisch-interaktioneller Ansatz lag damals sehr nahe an meinem eigenen. Da ich bei Brad Keeney studiert hatte, war die Kybernetik meine wichtigste theoretische Linse. Steve hatte eine bemerkenswerte Fähigkeit, sehr komplizierte systemisch-interaktionelle Ideen zu klinisch relevanten und anwendbaren Formen zu verdichten. Unter der Anleitung von Brad, Monte Bobele und weiteren Lehrenden an der Texas Tech University war ich bereits recht geübt darin, das MRI-/interaktionelle Modell anzuwenden. Steve hatte am MRI studiert, und sein Mentor war John Weakland, der Insoo und Steve miteinander bekannt machte (Cade, 2007). Tatsächlich waren die Ursprünge des Ansatzes von Berg/de Shazer interaktionell, nicht lösungsfokussiert: „Wir wollten einfach an der Spitze des Denkens im Feld der Familientherapie stehen. Wir wollten das MRI des Mittleren Westens sein und der nächsten Generation in der Familientherapie die bestmögliche Ausbildung bieten … So betrachtet, könnte(n) (wir) sagen, dass das alles zufällig geschah“ (Nunnally, de Shazer, Lipchik, & Berg, 1986; c.f. Cade, 2007). Der Schritt vom MRI-/interaktionellen Ansatz zum frühen LF-Ansatz war also leicht, denn es waren Schwesteransätze.
Was hat der Ansatz für dich verändert?
Die Veränderung hin zu einem stärker lösungsfokussierten Vorgehen brauchte ein paar Jahre, um Gestalt anzunehmen. Obwohl mir Steves Richtung vom Interaktionellen zum Lösungsfokussierten gefiel, gab es in meinem Promotionsprogramm wenig Unterstützung für die SFBT. Meine klinische Arbeit an der Texas Tech blieb wegen der Teams, mit denen ich arbeitete, strukturell-strategisch und MRI-/interaktionell – niemand sonst praktizierte LF. Nach meinem Abschluss an der Tech leitete ich 1988–89 eine ambulante Therapieeinrichtung, die einer psychiatrischen Klinik angegliedert war. Dort fand ich einige gleichgesinnte Fachleute, die LF gemeinsam lernen wollten. So gedieh diese wunderbare LF-Gruppe mehr als ein Jahr lang in Arlington, Texas. Menschen, die ich als LF-Fachleute bis heute bewundere – Tom Lee, Tracy Todd, Tom Chancellor und andere –, nahmen sich Zeit, um als Team mit einem Einwegspiegel zu arbeiten und den LF-Ansatz zu lernen. Wir verbrachten Hunderte von Stunden damit, Ratsuchende zu sehen und Fälle zu besprechen, unsere Fertigkeiten zu verfeinern und uns gegenseitig beim Lernen zu unterstützen. Mein Engagement für den LF-Ansatz begann mit dieser Erfahrung des Kompetenzaufbaus, und ich lerne weiter durch Lehre und Ausbildung anderer sowie durch psychotherapeutische Praxis und Supervision.
Welchen Unterschied hat die SFBT für die Entwicklung deiner Praxis als Therapeut gemacht?
Der wichtigste Unterschied, den der LF-Ansatz für die Entwicklung meiner Praxis gemacht hat, ergab sich aus seiner Betonung von Ausnahmen und Ressourcen. In meiner klinischen Arbeit in den 1970er- und 1980er-Jahren wandte ich systemische Modelle erster Ordnung an. Das waren die damaligen Werkzeuge der Familientherapie, und alle werden heute noch praktiziert. Aber ich sehnte mich nach etwas, das weniger die Fachperson ins Zentrum stellt und weniger instrumentell ist, und ich fand es im LF-Ansatz. In deiner Tradition, Michael, sage ich, dass ich „Frank-Therapie“ praktiziere – ich kann den Stil eines anderen Menschen nicht kopieren, weil ich glaube, dass wir Voreingenommenheiten und Wissen in unsere Arbeit einbringen, die widerspiegeln, wer wir sind und was uns wichtig ist. Meine grundlegende philosophische Haltung zur Psychotherapie beruht jedoch auf systemischem Denken und auf LF-Annahmen: Der Welleneffekt ist möglich (Veränderung führt zu mehr Veränderung), Interaktion erschafft Wirklichkeit, Beziehungen sind generativ, Beobachten ist wichtiger als Deuten, und Neugier treibt das Fragen an.
Welche besonderen Herausforderungen hat dein Engagement für die SFBT in deiner Praxis als Therapeut mit sich gebracht?
Ich bin sicher, dass meine Herausforderungen denen der meisten LF-Fachkräfte ähneln, nur dass ich meinen Lebensunterhalt nicht mit Psychotherapie verdiene und sie mich deshalb nicht auf die gleiche Weise treffen. Am häufigsten stoßen wir auf den Bedarf an ständigen Zuweisungen! Mein Median an Sitzungen liegt über die letzten 25 Jahre bei etwa sechs, das ist weniger als die Hälfte dessen, was in meinem nicht lösungsfokussiert arbeitenden Kollegium üblich ist, sodass mein Zuweisungsstrom ständig neue Zuflüsse braucht. Die meisten Menschen kommen über einen von zwei Wegen zu mir: über Fachleute aus dem Kollegium und über Mundpropaganda von Ratsuchenden. Zuweisungen aus der zweiten Kategorie finde ich besonders interessant, weil viele Ratsuchende nach schrecklichen Erfahrungen mit anderen Therapien und Therapieansätzen in meine Praxis finden. „In meiner letzten Therapie hieß es, ich sei XYZ (Diagnose) und bräuchte Medikamente (obwohl dort keinerlei medizinische Qualifikation vorlag)“ und „Mir wurde gesagt, ich solle (mich scheiden lassen, meine Familie verlassen, zu den AA gehen)“ – das höre ich am häufigsten von Ratsuchenden, die negative Therapieerfahrungen gemacht haben. Ich weiß von den negativen Therapieerfahrungen der Ratsuchenden, weil ich danach frage (Norcross & Wampold, 2011)! Und ich staune immer wieder über die Pseudo-Expertise, die in der therapeutischen Gemeinschaft kursiert. Fachleute erteilen Ratschläge und schreiben Ratsuchenden vor, was sie glauben, ändern oder tun müssen, um ihre Schwierigkeiten zu lösen, achten aber kaum auf deren Rückmeldungen und Ressourcen. So hängen viele Herausforderungen in meiner Praxis mit den Barrieren zusammen, die frühere Therapie für Ratsuchende errichtet hat – errichtet von genau den Fachleuten, die ihnen helfen wollten.
Eine weitere interessante Herausforderung ergibt sich aus dem Einfluss der Medien. Ständig bringen Ratsuchende Oprah oder Dr. Phil mit in den Raum: „Neulich habe ich in (Fernsehsendung, Podcast, Website) von dieser Krankheit/Diagnose gehört/gelesen und glaube, ich könnte sie haben.“ Selbst Ratsuchende, die immer mehr Momente ihrer bevorzugten Zukunft erleben und auf ihren persönlichen Skalen positiver Veränderung nach oben steigen, können durch popkulturelle Bezüge oder durch selbsternannte Autoritäten, die Bücher über Syndrome und Störungen verkaufen, aus der Bahn geworfen werden – Werbung wirkt. Manche Ratsuchende suchen zwischen den Sitzungen sogar Beratungen per Skype oder E-Mail: „Ich wollte dich nicht stören, also habe ich mich an diese Website gewandt und erfahren …“ Solche Wortwechsel können zermürbend sein und sogar die Fortschritte entgleisen lassen, von denen die Ratsuchenden berichten. Die gute Nachricht ist jedoch, dass der LF-Ansatz als solcher bemerkenswert widerstandsfähig ist! Selbst wenn Ratsuchende auf lähmende Informationen stoßen, die sie vom Kurs abbringen, bitte ich respektvoll darum, zu den gemeinsam vereinbarten Richtungen zurückzukehren, um zu sehen, ob wir trotz der Hindernisse, die auf ihrem Weg zur Veränderung auftauchen, weiter vorankommen können. Fast immer ziehen Ratsuchende positive Veränderung den bedrückenden Informationen aus anderen Quellen vor, und ich glaube, dass diese Präferenz durch positive und zugewandte therapeutische Beziehungen gestärkt wird.
Welchen Unterschied hat die SFBT für die Entwicklung deiner Tätigkeit als Hochschullehrer gemacht?
Ich habe meine Laufbahn als Mitglied der akademischen Welt wandernd und staunend aufgebaut. Anders als viele erfolgreiche Menschen in der Wissenschaft, die ihre wissenschaftliche Tätigkeit wie mit einem Laser bündeln, hat mein Weg viele, viele interessante Pfade eingeschlagen. Ich habe zu einer großen Vielfalt von Themen außerhalb des LF-Bereichs publiziert und vorgetragen, darunter Kybernetik, Familientherapie bei Substanzmissbrauch, Paartherapie, Gewichtskontrolle, Selbstfürsorge von Therapierenden, Ethik, Pädagogik, Seelsorge, Ethnografie/qualitative Forschung, Humor, Spiritualität, Gerechtigkeit und Beratungsinterventionen. Ich hatte das große Glück, meiner Neugier folgen, über das schreiben zu können, was mich interessiert, und mit Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen zusammenzuarbeiten, die ich bewundere.
Der Großteil meiner Vorträge und Publikationen galt jedoch LF-Ansätzen. Meine wissenschaftliche Tätigkeit konzentrierte sich rund 25 Jahre lang auf den LF-Ansatz und andere postmoderne Ansätze, darunter Bücher, die meiner Meinung nach bedeutende Beiträge zum Fachgebiet geleistet haben (Malinen, Cooper, & Thomas, 2011; Nelson & Thomas, 2007; Thomas, 2013; Thomas & Cockburn, 1997), und ich hatte das Privileg, mehr als 230 Workshops auf fünf Kontinenten zu halten. Auch meine Lehre ist von LF-Prinzipien geleitet, da ich versuche, Beziehungen zu Studierenden aufzubauen, in deren Mittelpunkt Kompetenz und Zusammenarbeit stehen. Ich werde der LF-Gemeinschaft für immer dankbar sein, dass sie Gelegenheiten geschaffen hat, in denen ich lernen und beitragen konnte. Von meinen ersten Fachvorträgen über LF-Supervision (Thomas, 1990) und meinen ersten LF-Publikationen (Thomas, 1994a, 1994b) bis heute habe ich die Gemeinschaft der LF-Fachleute als unterstützend gegenüber Innovation und offen für alternative Stimmen erlebt.
Welche besonderen Herausforderungen hat dein Engagement für die SFBT in deiner Tätigkeit als Hochschullehrer mit sich gebracht?
Ich habe die akademische Welt als offenes, wissbegieriges Gefüge erlebt. Das Kollegium an der Universität und die Hochschulleitungen haben meine wissenschaftlichen Aktivitäten und meine Forschung immer unterstützt, auch meine Ausflüge in die LF-Welt. Die Forschungsbasis für LF-Praktiken ist in den letzten Jahren exponentiell gewachsen (Franklin, Trepper, Gingerich & McCollum, 2012), aber Neues war an den Institutionen, an denen ich unterrichtet und gearbeitet habe, immer willkommen. Die Texas Tech University war ein fruchtbarer Boden für innovatives Denken und Handeln in der Welt der Familientherapie und der interaktionellen Therapie. An der Texas Woman’s University hatte ich das Privileg, mit einigen der besten Fachleute der Familientherapie im ganzen Land zu lehren und zu lernen, und in diesen 12 Jahren begann ich, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die das LF-Denken prägen, darunter du, Thorana Nelson, Jack Cockburn, John Wheeler, Dvorah Simon und weitere, denen ich viel verdanke. Schließlich ist der zentrale Ansatz, den wir in unserem Beratungsstudiengang an der Texas Christian University (TCU) lehren, die SFBT, mit starkem Gewicht auf systemischem Denken und Ressourcenorientierung. Becky Taylor hat den Studiengang aufgebaut und mich vor zehn Jahren gefragt, ob ich mich dem anschließen wolle, was sich als erstklassige Investition in das Leben von Fachleuten auf Master- und Promotionsebene erwiesen hat. Die Dekanate der TCU haben die Arbeit des SFBTA Archive (siehe unten) unterstützt, indem sie dem Projekt Jahr für Jahr Hilfskräfte zugewiesen haben, alles auf Kosten der TCU. Also … wie du siehst, gab es wenige Herausforderungen, aber viele Belohnungen.
Hier in Australien wird die SFBT in der Praxis viel genutzt, an den Hochschulen aber kaum aufgenommen; in den meisten Universitätsinstituten begegnet man ihr mit Skepsis – deshalb lernen die meisten lösungsfokussiert arbeitenden Therapierenden den Ansatz nicht im Studium. Deine Erfahrung klingt ganz anders.
Ja, du hast recht. Die SFBT hat Einfluss innerhalb und außerhalb der Hochschulen. Sie hat Wurzeln in Bildungseinrichtungen hier in den USA und ist auch durch Ausbildungsinstitute gediehen. Menschen wie Peter De Jong (Calvin College), Cynthia Franklin (University of Texas/Austin), Mo Yee Lee (The Ohio State University), Eric McCollum (Virginia Tech University), Johnny Kim (University of Denver) und andere sind für ihr Engagement in Praxis und Forschung der SFBT bekannt und haben ihre Laufbahn innerhalb der US-amerikanischen Wissenschaft um den Ansatz herum aufgebaut. Ich habe an zwei renommierten Universitäten eine Lebenszeitprofessur erhalten und in den letzten 25 Jahren an einem akkreditierten theologischen Seminar unterrichtet und dabei einen Großteil meiner wissenschaftlichen Tätigkeit und Lehre dem LF-Ansatz gewidmet, sodass meine eigene berufliche Laufbahn an das Ansehen des LF-Ansatzes als legitimes akademisches Feld gebunden war.
Ich glaube, dass sich die Forschungsbasis des lösungsfokussierten Ansatzes so weit etabliert hat, dass er eher aus philosophischen Gründen der Voreingenommenheit infrage gestellt wird als aus Gründen der wissenschaftlichen Strenge oder der Validität als Behandlungs-„Modell“. Die Arbeiten von Gingerich (Gingerich & Eisengart, 2000), von Franklin und ihrem Team (Franklin et al., 2012) und von Forschenden an vorderster Front wie Lee (Lee, Sebold, & Uken, 2003) haben dem LF-Ansatz in vielen klinischen Studiengängen Gewicht verliehen. Außerdem ist meine Erfahrung, dass die meisten Studiengänge die SFBT als legitime Option für Fachkräfte der psychischen Gesundheit lehren. Nicht nur wer im Workshop- und Fortbildungsbetrieb ausbildet, fördert den Ansatz; Lehrende und Supervidierende begleiten angehende klinische Fachkräfte, während diese ihre klinischen Fertigkeiten entwickeln und den LF-Ansatz in verschiedenen psychotherapeutischen Weiterbildungs- und Ausbildungskontexten anwenden.
Wenn ich an deine Arbeit denke, fällt mir als besonderer Beitrag vor allem ein, wie du über viele Jahre Ideen zur lösungsfokussierten Supervision entwickelt hast. Wie ist das zu einem so großen Interessengebiet geworden?
Ich habe meine persönlichen (Gedächtnis) und digitalen (Computer) Erinnerungen durchsucht und wieder durchsucht und bin zu folgendem Schluss gekommen: Die meisten meiner Anwendungen der SFBT waren Therapie plus Supervision. Von den Teamlernerfahrungen hinter dem Spiegel im Willow Creek Adolescent Center Ende der 1980er-Jahre bis zu meiner heutigen Arbeit an der TCU trenne ich Beratungspraxis nicht von Supervision. Joe Wetchlers (1990) Artikel über LF-Supervision – die erste Publikation zur LF-Supervision – hatte ich erst gelesen, nachdem ich bereits einen Vortrag zum Thema ausgearbeitet und begonnen hatte, diesen (wie ich dachte) einzigartigen Ansatz der Supervision in der psychosozialen Beratung zu lehren (Thomas, 2013, 2012, 1996, 1994b, 1992, 1990). Seit meinen ersten Vorträgen habe ich die Literatur unseres Berufsfelds nach konzeptionellen und empirischen Publikationen zur LF-Supervision durchforstet. Es bleibt mir ein Anliegen, die Entwicklungen der LF-Supervision zu verfolgen, denn … nun ja, wenn ich es nicht tue, wer dann? „Erwerben, bewahren und katalogisieren“ ist das Mantra des Archivwesens, und diese Haltung ist vom SFBTA Archive auf einige meiner eigenen beruflichen Interessen und Forschungs- und Schreibvorhaben übergeschwappt.
Der Reiz der LF-Supervision und mein Engagement für sie hängen mit dem Feld der Supervision im Allgemeinen zusammen. Die meisten, die der Supervision von Fachkräften der psychischen Gesundheit einen Wert beimessen, tun dies mit wenig Forschungsunterstützung für ihre Schlussfolgerungen. Unser Festhalten an dieser altbewährten Lernpraxis ist vor allem philosophisch begründet, denn es gibt kaum Belege dafür, dass Supervision (gleich welcher Art) für die Ratsuchenden von Wert ist (Freitas, 2002). Dass eine Ausbildung in SFBT ohne fortlaufende Supervision zu wirksamer Praxis führt, ist durch Forschung teilweise belegt (Ferraz & Wellman, 2009) und ist wahrscheinlich weltweit das häufigste Lernszenario für SFBT-Fachkräfte. Ich hoffe, dass die Fachwelt die Verbindung zwischen Supervision, therapeutischer Fachkraft und Ratsuchenden weiter untersucht, auch wenn die Forschungsmethoden meist komplex sind (siehe Freitas, 2002), und wer Lust hat, sich für eine Studie zusammenzutun … melde sich bei mir!
Dein Kapitel über Supervision von 1996 trug den Titel „Solution-Focused supervision: The coaxing of expertise“. Die vier Wörter nach dem Doppelpunkt fand ich immer bedeutungsreich. Könntest du sie ein wenig entfalten?
Eine Formulierung zu finden, die zu meinem damaligen Denken über LF-Supervision passte, war eine Qual! Dieser Titel war das Beste, was mir für meinen ersten Vortrag 1990 einfiel, und er passt noch heute. Meine supervisorische Zusammenarbeit mit Therapierenden ist kein „Bergbau“ (der Versuch, Dinge in der therapierenden Person oder in ihrer Geschichte aufzuspüren oder zu entdecken); meine Haltung ist vielmehr eine der Neugier. Wenn Therapierende Raum bekommen, ihre Gedanken auszusprechen, entstehen sichere Gespräche. Und auch wenn manche Momente der Supervision sehr direktiv und/oder didaktisch [sein] müssen (etwa wenn darauf hingewiesen wird, was das Gesetz von der therapierenden Person verlangt), bringen die meisten dieser LF-Supervisionsgespräche Momente von Erfolg und Kompetenz sowie Reflexionen darüber hervor.
Mir ist es wichtig, Erfahrungen von Expertise hervorzulocken. Hervorlocken („coax“) heißt für mich nicht überreden; ich gebrauche das Wort „coax“ im Sinne von ermutigen, hervorbringen, anregen oder sogar provozieren. In einem Katamnese-Interview, das ich vor Jahren geführt habe (Thomas, 1994a), sagte mir eine ratsuchende Person einmal: „Sie haben an mich geglaubt, bevor ich an mich geglaubt habe.“ Genau das möchte ich Therapierenden vermitteln: Ich vertraue darauf, dass du über bewusste Denk- und Handlungsweisen verfügst, die die Veränderung von Ratsuchenden unterstützen, und ich möchte von Erfahrungen in der Sitzung hören, die deine wachsende Expertise bestätigen.
Eine meiner liebsten Arten zu supervidieren besteht darin, mit der therapierenden Person und den Ratsuchenden zusammenzusitzen – nicht hinter einem Einwegspiegel und nicht per Video- oder Audioverbindung, sondern direkt im Raum (siehe Lane & Thomas, 2013, zur Beschreibung, wie sich das organisieren lässt). In den letzten Minuten dieser supervisorischen Konsultation befrage ich die Ratsuchenden oft dazu, was die therapierende Person gut gemacht hat (innerhalb der LF-Tradition). Dieser Rückmeldeprozess wird von Ratsuchenden wie von Therapierenden fast immer gut aufgenommen. Während die therapierende Person im Raum ist und unser Gespräch bezeugt, erzählen mir die Ratsuchenden, worin ihre Therapie wirksam war und wie sie diese Erfolgsmomente für sich deuten. Ich frage:
Wenn ich mit den Therapierenden reflektiere, nachdem die Ratsuchenden diese Fragen beantwortet und den Raum verlassen haben, berichten sie fast immer von einer positiven Wirkung: Sie freuen sich zu hören, wie sie mit der Veränderung der Ratsuchenden kooperiert und sie ermutigt haben, und sind bereit zu besprechen, wie sie diese Praktiken künftig pflegen können. Auch wenn manche in unserem Feld meinen, der Beitrag der Therapierenden zur Veränderung der Ratsuchenden solle heruntergespielt werden („die ratsuchende Person ist die Expertin“ ins Extrem getrieben, begrenzte Selbstoffenbarung der Therapierenden, Abwertung der Bedeutung der therapeutischen Beziehung und so weiter), teilen Ratsuchende das Verdienst (Furman & Ahola, 1992), ohne dass man viel nachhelfen muss – sie erleben die Veränderung als Ergebnis der LF-Zusammenarbeit und schätzen die Person und die Expertise der LF-Fachkräfte, bei denen sie sind, sehr. Diese Praxis, die Ratsuchenden in den Supervisionsprozess einzubeziehen, ist eine weitere Art, wie ich Expertise hervorlocke.
Die Solution-Focused Brief Therapy Association hat dich zum „offiziellen Archivar“ ernannt. Was umfasst deine Rolle als Archivar der SFBTA?
Das SFBTA Archive (zur Bewahrung des Brief Family Therapy Center in Milwaukee) wurde von der Solution-Focused Brief Therapy Association of North America geschaffen. Insoo Kim Berg und Steve de Shazer haben ihren gesamten beruflichen Nachlass der SFBTA vermacht, und Insoos Tochter, Sarah Berg, hat unser Vorhaben sehr unterstützt. Meine Aufgabe als Archivar besteht darin, Materialien, die unmittelbar mit dem BFTC verbunden sind, einzuwerben, zu sammeln, zu archivieren und zu sichern. Ich arbeite mit dem Archivausschuss und dem Vorstand der SFBTA zusammen, um diese Ziele des Archivs zu erreichen, und sie waren wunderbar innovativ und unterstützend.
Was enthält das Archiv?
Bisher haben meine Hilfskräfte und ich Hunderte von Objekten archiviert, darunter Video- und Tonaufnahmen (und einige Transkripte), Fotografien, Publikationen, unveröffentlichte Manuskripte, Schulungs- und Vortragsunterlagen, Werbematerialien und Korrespondenz. Wir hoffen, noch mehr Objekte einwerben zu können, indem wir LF-Fachleute immer wieder daran erinnern, dass etwas, das einmal weggeworfen wurde, nicht mehr zurückzuholen ist. (An alle, die dies lesen: Bitte schauen Sie in Ihren eigenen Aktenschränken und auf Ihren Festplatten nach Objekten, die Sie dem Archiv zur Verfügung stellen möchten!)
Irgendwo habe ich einen hingekritzelten Zettel, auf dem steht: „Erhalten von Michael Durrant, Lehrhonorar von 200 $ plus ein Bier, [gezeichnet] S de S“. Ist das die Art von Dingen, die du haben möchtest?
Unbedingt! Scanne ihn ein (mindestens 300 dpi) und schick mir das PDF oder JPEG! Das BFTC zu bewahren ist so viel mehr als Dokumente und Videos – es ist der Versuch, so viel wie möglich von seinem Geist einzufangen. Steve und Insoo standen mit Hunderten von Menschen auf der ganzen Welt in Briefwechsel, und ich bin sicher, dass viele Briefe, Faxe und E-Mails in Büroschubladen, Kartons oder elektronischen Speichermedien verborgen sind. Manche besitzen Fotografien von Insoo, Steve und anderen Mitgliedern des ursprünglichen BFTC-Teams, die eingescannt, bewahrt und geteilt werden könnten. Eines meiner Projekte ist es, Geschichten zu sammeln – die liebsten Erinnerungen von Menschen an die Gründungspersönlichkeiten des LF-Ansatzes ebenso wie ihre heutige Sicht darauf, wie diese sie geprägt haben. Im Zweifel: Bewahren Sie auf, was Sie haben, und melden Sie sich bei mir! (Danke, dass ich hier für das Archiv werben durfte!)
Wie wird das Archiv der LF-Gemeinschaft nützen (oder wie hoffst du, dass es ihr nützt)?
Da sich im September 2015 Steves Todestag zum zehnten Mal jährt, arbeiten der Archivausschuss und ich auf den Start einer Website hin, um ihn, Insoo und das BFTC zu ehren. Wir hoffen, das Archiv zugänglich zu machen und dabei die Vertraulichkeit zu schützen und die Würde aller zu wahren. Zunächst wollen wir Videos von Gründungsmitgliedern der SFBTA und von Menschen aus dem engen Umfeld von Insoo und Steve veröffentlichen, Videos von Steve und Insoo, die der Fachöffentlichkeit bisher nicht zugänglich waren, unveröffentlichte Manuskripte, Fotografien und andere Objekte, die für alle von Interesse sind, die sich für die Geschichte der SFBT begeistern. Außerdem liegt mir an einer schrittweisen Veröffentlichung der Archivmaterialien – statt alles auf einmal ins Internet zu stellen, hoffe ich, dass wir die Leute immer wieder auf die Website locken können, indem wir regelmäßig Objekte, Geschichten, Videos und Fotos veröffentlichen. Dieses Archiv ist eine Bewahrung, aber auch ein Prozess, der Elemente unserer Vergangenheit anbietet und künftige Beiträge anregt. Geschichte ist fortwährendes Wieder-Sammeln!
Ich weiß, dass du Insoos Supervisionsstil anhand eines Teils dieses Archivmaterials analysiert hast. Wird ein Teil des Archivmaterials für Forschende zur SFBT zugänglich sein?
Der Vorstand der SFBTA und der Archivausschuss sind dem Schutz der Vertraulichkeit der Ratsuchenden verpflichtet, sodass die meisten Archivvideos niemals der Öffentlichkeit oder der Fachwelt zugänglich sein werden. Forschung mit Materialien, in denen Menschen in Therapie vorkommen, wird sehr eingeschränkt sein (falls sie überhaupt erlaubt wird), und das betrifft zum Teil auch Videoaufnahmen von Supervisionen und Teamgesprächen. Ein großes Archivprojekt, das ich derzeit mit der kompetenten Unterstützung meiner Lehrassistenz an der TCU durchführe, besteht darin, alle Videoabschnitte zu identifizieren, die keine identifizierenden Informationen oder Bilder von Ratsuchenden enthalten. Diese Abschnitte werden anschließend vom Archivausschuss geprüft, um die Vertraulichkeit der Ratsuchenden und die Würde aller Beteiligten zu gewährleisten. Ich hoffe, dass dann viele Abschnitte innerhalb der LF-Gemeinschaft für Lernen und Forschung zugänglich gemacht werden können. Darüber hinaus werde ich meine persönlichen Vortragsunterlagen zur Supervision, einige Transkripte und unveröffentlichte Manuskripte zu Insoos Supervisions- und Konsultationsstil auf der Website bereitstellen.
Auf der Australian & New Zealand Solution-Focused Conference 2013 trug dein Hauptvortrag den Titel „Something old, something new, something borrowed … something true“, und du hast den Weg betrachtet, den die SFBT zurückgelegt hat (woher wir kamen), sowie mögliche künftige Wege des Ansatzes. Wie siehst du die Zukunft der lösungsfokussierten Arbeit?
Meine Kollegin Cynthia Hansen und ich haben darüber 2014 in Milwaukee auf der AAMFT-Konferenz gesprochen, auf der ein ganzer Tag dem LF-Ansatz und seinen Beiträgen zum Feld der Familientherapie gewidmet war (Thomas & Hansen, 2014). Viele meiner Vorbilder saßen an jenem Tag bei unserem Plenarvortrag im Publikum, darunter Eve Lipchik, Wally Gingerich, Gale Miller und weitere, die dem LF-Ansatz den Weg gebahnt haben … unsere Zukunft liegt mir sehr am Herzen.
Mark McKergow (2014) hat einen wunderbaren kleinen Text über das geschrieben, was er „key new developments“ (S. 36) in den LF-Praktiken nennt. Diese als Verschiebungen verstandenen Entwicklungen – von Ausnahmen zum Problem hin zu Momenten der von den Ratsuchenden bevorzugten Zukunft, von Aufgaben und Vorschlägen, die von der therapierenden Person ausgehen, hin zu den Ressourcen der Ratsuchenden und von Fragen hin zu weiteren Gesprächswerkzeugen – beschreiben einen LF-Ansatz, der sich sehr, sehr stark von dem LF-Ansatz unterscheidet, wie er ursprünglich in Milwaukee geschaffen wurde. Das steht im Einklang mit der Tradition, die Gale Miller und Steve de Shazer in ihrem Artikel über „SFT as a rumor“ (1998; c.f. Miller, 2013) gefördert haben, in dem sie Kreativität unter Schreibenden und Praktizierenden anregen und zugleich um Treue zu den zentralen Ideen bitten, die den LF-Ansatz seit Langem tragen. Gale und Steve sagen, dass es keine Metaerzählung über den LF-Ansatz gibt – er wird in jedem Gespräch geformt, in-formiert und neu geformt und verändert sich mit jeder LF-Interaktion ständig. Ihre einzige Empfehlung lautet, „dass lösungsfokussiert Therapierende und andere, die verschiedene Versionen des lösungsfokussierten Gerüchts hören, zwei Fragen stellen … Wie wird lösungsfokussierte Therapie in den Geschichten definiert; wovon handeln die Geschichten? Und bieten die Geschichten angemessene Beschreibungen davon, wie lösungsfokussierte Therapie gemacht wird?“ (S. 377). Um einen oft zitierten LF-Grundsatz anzuführen: Veränderung ist unvermeidlich … für Ratsuchende, für Praktizierende und für den LF-Ansatz.
Der LF-Ansatz von heute ist nicht der LF-Ansatz der Gründungsgeneration, denn eine Vergöttlichung würde zu seinem Untergang führen; zugleich tragen wir, die wir das Privileg hatten, LF-Ansätze zu praktizieren und in der so engagierten weltweiten LF-Gemeinschaft zu leben, die Verantwortung, die Traditionen, Ideen und Erinnerungen zu bewahren, die LF-Praktiken so außergewöhnlich machen.
Ein letztes Wort des Dankes an dich, Michael, für all deine Bemühungen, den LF-Ansatz zu unterstützen und weltweit zu verbreiten … du (zusammen mit Michelle Weiner-Davis) hast ebenfalls auf der AAMFT in Milwaukee im Plenum gesprochen. Wir alle stehen in deiner Schuld.
Zum Schluss: Du sagst, der Versuch, die SFBT von Steve und Insoo zu konservieren (die Gefahr der Vergöttlichung, wie du sagst), wäre fatal. Kannst du etwas zur Kehrseite sagen? Wenn du auf die Fülle an LF-Material blickst, siehst du die Gefahr, dass manche anfangen könnten, das, was an diesem Ansatz wirklich grundlegend ist, zu verwässern oder zu verdunkeln?
Deine Frage ist vorausschauend und sehr wichtig, damit die gesamte LF-Gemeinschaft sie bedenkt und diskutiert. Wenn der LF-Ansatz ein postmoderner Ansatz ist (wovon ich überzeugt bin) und die Postmoderne als Philosophie Essentialismus vermeidet (z. B. notwendige Praktiken und/oder Ideen), wie sollen wir dann die LF-Tradition fortführen, ohne ihre offenkundige Weiterentwicklung zu bremsen? Bemühungen, den LF-Ansatz zu fördern und zu bewahren, gibt es weiterhin durch weltweite und regionale Fachverbände, Konferenzen, Ausbildungsinstitute und -handbücher, Forschungsprotokolle und Fachpublikationen (einschließlich des JSFBT). Aber ich glaube nicht, dass es möglich ist, zu bestimmen oder festzulegen, was lösungsfokussiert ist und was nicht, ohne es in einem Kontext und einer Zeit zu verorten. Nur wenige belesene LF-Fachleute würden ihre heutigen Ideen und Praktiken mit de Shazers frühen Schriften gleichsetzen. Ich bezweifle, dass viele von uns Aufgaben zwischen den Sitzungen nach den Antworttendenzen der Ratsuchenden entwerfen und vergeben; noch weniger praktizieren LF als Entscheidungsbaum mit Zwangswahl; und ich bezweifle, dass die Mehrheit derer, die LF praktizieren, tatsächliche Pausen vor dem Abschluss einer Sitzung macht. Kaum noch jemand unter den führenden Köpfen des LF-Berufsfelds ordnet Ratsuchende als Kunden, Klagende oder Besucher ein, und mehrere angesehene LF-Ausbildende und -Schreibende haben sogar „die Fragen“ – Wunderfrage, Ausnahmefrage und andere – als für die LF-Praxis wesentlich zurückgewiesen. Wenn wir also kein in der Zeit erstarrtes Bündel von Vorstellungen und Gepflogenheiten als „das ist LF“ heiligsprechen, aber dennoch wollen, dass die Tradition fortbesteht, welche Möglichkeiten haben wir?
Meine Ansichten sind von Gründungspersönlichkeiten, weisen Stimmen, Manuskripten, Erfahrungen und kritischem Denken geprägt. Als unsere wichtigsten Gründungspersönlichkeiten bleiben Steve und Insoo meine wichtigsten Gewährsleute. Ich kann sie und ihr Werk in den Vordergrund stellen, weil ich im Vergleich zu fast allen anderen im LF-Feld aus so viel schöpfen kann – das Archiv ist eine Schatzkiste! Aber auch andere Quellen prägen mich und meine Vorstellung von der Zukunft des LF-Ansatzes. Weise Stimmen wie Eve Lipchik, Gale Miller, Brian Cade, Andrew Turnell, Mark McKergow, du und andere erinnern mich daran, wertzuschätzen und vorauszuschauen – unser gemeinsames Band wertzuschätzen und Veränderung vorauszusehen. Gale Millers (2013) Artikel über die von ihm imaginierten LF-Zukünfte ist ein wunderbares Beispiel für kritisches Denken über die Unvermeidlichkeit von Veränderung in LF-Praktiken. Der LF-Ansatz war nie statisch und kann es niemals werden – Entropie ist das einzig mögliche Ergebnis für Ansätze, die sich in der Vergangenheit verschanzen. Aber „anything goes“ kann ebenso wenig gelten. Mir gefällt der Gedanke, den Bertrand Russell (2014) formuliert hat: „Freiheit ist das Recht, zu tun, was mir gefällt; Zügellosigkeit das Recht, zu tun, was dir gefällt.“ Die heutigen Formen des LF-Ansatzes sollten aus der Zusammenarbeit von Fachleuten erwachsen, die unser Erbe ehren und mit „Lizenz“ zu gestalten suchen – wir sollten auf Einigung hinarbeiten, statt Alleingänge zu unternehmen. Was funktioniert, sollte bewahrt werden; wenn etwas nicht funktioniert, sollten wir damit aufhören und etwas anderes (oder anders) tun. Wir sollten uns (gemeinsam) dem verschreiben, was ich für zentrale LF-Ideen und -Handlungen halte, während sich der LF-Ansatz weiterentwickelt: von Beobachtung statt von Hypothesen ausgehen, Lösungen aufbauen, die Ratsuchende sich wünschen, statt Ziele, die von Helfenden auferlegt werden, den Zukunftsfokus beibehalten, Lösungen im Einklang mit den Ressourcen der Ratsuchenden entwickeln, ihre Expertise würdigen und pathologisierende und abwertende Praktiken zu vermeiden suchen. Risiko ist unvermeidlich … aber der Gewinn auch! Mein Freund, der verstorbene Heinz von Foerster, formulierte einmal, was er den therapeutischen Imperativ nannte: „Wenn du du selbst sein willst, verändere dich!“ (von Foerster, 1990). Wenn wir einen lebendigen, tragfähigen LF-Ansatz wollen, der unseren Traditionen treu ist … müssen wir uns verändern!
Anmerkung aus dem Original
1. American Association for Marriage and Family Therapy.
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Über die Verfassenden
Frank Thomas ist Professor für Counseling and Counselor Education am College of Education der Texas Christian University in Fort Worth, Texas. Zuvor war er Professor und Mitglied der klinischen Graduiertenfakultät im Family Therapy Program der Texas Woman’s University in Denton, Texas (1989–2001), sowie Lehrbeauftragter und klinischer Supervisor im Pastoral Counseling and Theology Program der Brite Divinity School der TCU (1995–2007). Als zugelassener Paar- und Familientherapeut unterhält Frank zudem eine eigene Praxis in Fort Worth.
E-Mail: f.thomas@tcu.edu
Michael Durrant ist Honorary Associate an der Faculty of Education and Social Work der University of Sydney, Leiter des Brief Therapy Institute of Sydney und Herausgeber dieser Zeitschrift.
E-Mail: michael@briefsolutions.com.au
Originalartikel Not all who wander are lost: Wandering and wondering in the Solution-Focused world. An interview with Frank N. Thomas von Frank Thomas und Michael Durrant, erschienen im Journal of Solution-Focused Brief Therapy, Bd. 1, Nr. 2 (2014), doi: 10.59874/001c.75105, unter der Lizenz CC BY 4.0. Inoffizielle deutsche Übersetzung von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz, mit den zu Beginn dieser Seite genannten Änderungen. Maßgeblich ist die Originalfassung.
Inoffizielle deutsche Übersetzung des Artikels „Not all who wander are lost: Wandering and wondering in the Solution-Focused world. An interview with Frank N. Thomas“, erschienen im Journal of Solution-Focused Brief Therapy (2014) unter der Lizenz CC BY 4.0. Übersetzt von Complexe Systémique im Oktober 2026 mit Unterstützung künstlicher Intelligenz: Der Text wurde ins Deutsche übersetzt und seine Darstellung für das Lesen online angepasst, wie zu Beginn dieser Seite angegeben. Diese Übersetzung stammt weder von den Verfassenden noch vom Verlag. Maßgeblich ist die Originalfassung.
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Thomas, F. N., & Durrant, M. (2014). Not all who wander are lost: Wandering and wondering in the Solution-Focused world. An interview with Frank N. Thomas. Complexe Systémique. https://app.complexe-systemique.com/en_GB/articles/not-all-who-wander-are-lost-an-interview-with-frank-thomas (Originalarbeit 2014 erschienen in Journal of Solution-Focused Brief Therapy, Bd. 1, Nr. 2; 2023 neu veröffentlicht vom Journal of Solution Focused Practices, https://journalsfp.org/article/75105)
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